Thomas von Aquin und das Letztziel, oder: „Gott genießen!“

Gott genießen? Gott genießen!

Im alltäglichen Sprachgebrauch bringen wir die beiden Nomen „Gott“ und „Genuss“ kaum zusammen. Eher noch anders herum: Die Sprache von Gott und unsere Gottesbilder gehen oft einher mit Forderungen der Einschränkung, der Schuld, der Unterwerfung unter vermeintlich gottgesetze Regeln, mit fehlbaren Institutionen und deren Amtspersonen. Das Wort „Gott“ öffnet nicht weite Räume von Denkens und Lebens. Vielmehr setzt es Grenzen und verbreitet Unlust.

Es geht aber auch anders. Mystikerinnen und Mystiker sprechen schon immer von ganz anderen als regelbehafteten Gottesvorstellungen. Bilder der Versenkung, der Vergöttlichung, der Einheit prägen dann das Sprechen über Gott. Diese Bilder sind immer auch interpretationsbedürftig; sie sind stets aber Ausdruck einer Erfahrung von Gott, die das menschlich Begrenzte und Begrenzende überschreitet. Hin zu einer Erfahrung des „Mehr“.

Der Dominikaner Thomas von Aquin (ca. 1225-1274) wird allgemein nicht zu den mystischen, sondern zu den scholastischen Denkern gezählt. Dabei ist die Differenz zwischen Mystik und Scholastik ein Unterschied, den Nachgeborene in die Welt gesetzt haben, um mal die eine und mal die andere Seite zu desavourieren. Wer Eckhart und Tauler liest, staunt (auch) über deren Systematik. Und wer Thomas liest, freut sich (auch) an dessen spiritueller Tiefe.

Es stimmt, dass Thomas in einem Werk wie der „summa contra gentiles/Summe gegen die Heiden“ sehr systematisch und Schritt für Schritt vorgeht. Auf dem Weg der Argumentation stolpert man bei Thomas aber immer wieder über Aussagen, die von einer tiefen Glaubenserfahrung zeugen.

So zum Beispiel über die Aussage, dass wir Geschöpfe dazu bestimmt sind, Gott zu genießen. So schreibt Thomas im dritten Buch dieser summa, dass „im Genießen Gottes unsere Seligkeit besteht“ (in eius fruitione nostra beatitudo consistit, III,118). Und etwas weiter in der Schrift – in den Kapiteln zu Themen der Eschatologie – spricht Thomas von der „Glorie der göttlichen Schau“ (gloriam divinae visionis, IV, 86) und formuliert dann weiter:

„Mit ihrem Letztziel vereint, wird die Seele, welche die göttliche Schau genießt, in allem ihr Verlangen gestillt finden.“ (anima etiam quae divina visione fruetur, ultimus fini coniuncta, in omnibus experietur suum desiderium adimpletum, ebd.)

In der Seeligkeit erfahren wir nicht nur Gott, wir stehen nicht nur in Gottes Gegenwart und schauen Gott. Nein, Thomas spricht dezidiert vom „Gott genießen“ und nutzt dabei die lateinische Verbform „frui/genießen“, die auch für ganz weltliche Genusserfahrungen verwendet werden kann. Das Ziel ist also ein Genuss Gottes bzw. eine Erfahrung des Genuss in Gottes Gegenwart.

Freilich spricht Thomas hier von einem Ziel, das seiner vollen Entfaltung noch harrt. Er spricht von der Seeligkeit, der Ewigkeit, dem Leben nach dem Tod. Dort erwartet uns der volle Gottesgenuss. Doch wie alle Lebensziele, so die Überzeugung vieler Dominikanerinnen und Dominikaner, strahlt auch der uns versprochene Genuss Gottes schon jetzt auf das leibliche und seelische Leben im Hier und Jetzt aus. Der Genuss Gottes ist da und kann erfahren werden.

Vor allem auch: Die Rede vom Gottesgenuss kann uns dazu verhelfen, anders von Gott und dem Glauben an Gott zu sprechen. Trotz aller Widrigkeit des Lebens in einer fehlbaren Welt gilt nach Thomas: Es macht Lust, bei Gott zu sein. Gott zu erfahren heißt zu genießen. Gott schenkt sich uns im Genuss.

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