Ein geistlicher Jahresrückblick. Rowan Williams über Glaube, Hoffnung und Liebe in Zeiten der Pandemie.

Was hat das Jahr 2020 in spiritueller Hinsicht geprägt?

Man könnte nun erstens einen Blick auf das werfen, was in Zeiten der Pandemie geistlich oft nicht möglich war: das Osterfest und – an vielen Orten auch das Weihnachtsfest – ohne öffentliche Präsenzgottesdienste, der Ausfall vieler Begegnungen, Feierlichkeiten, Bildungsveranstaltungen, fehlende Beratungen und Hilfen, finanzielle Einbrüche bei den Einrichtungen, die Glaube, Hoffnung, Liebe in die Welt hinaus tragen möchten. Diesen ersten Blick möchte ich den „Wirklichkeit als Mangel“ – Blick nennen. Um die gewaltigen Verwerfungen wahrzunehmen, welche die Pandemie auch in spiritueller Hinsicht schon verursacht hat, ist dieser Art ‚realistische‘ Wirklichkeitswahrnehmung wichtig.

Es gibt aber auch einen zweiten, anders gerichteten Blick. Diesen möchte „Wirklichkeit als Überfluss“ – Blick nennen. Wirklichkeit fließt – trotz allem – über mit guten Erfahrungen, Beziehungen, Augenblicken von Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Da ist die erhöhte Wahrnehmung  zu nennen, die Menschen für das Leben der Natur im Laufe des Jahres entwickelt haben. Da ist die Aufmerksamkeit zu nennen, die Menschen anderen Menschen selbstlos zeigten und zeigen, sicherlich noch befeuert durch eine Erfahrung akuter Körperlosigkeit in vielen unseren Beziehungen. Da ist die Kreativität  zu nennen, die in den Glaubensgemeinschaften aufgebrochen ist, um die Weiterverbreitung von Glaube, Hoffnung und Liebe unter veränderten Vorzeichen zu ermöglichen.

Wer die Wirklicheit nur als Mangel wahrnimmt, verfällt leicht in eine Rhetorik des Untergangs, des Dammbruchs, des Niedergangs. Wer die Wirklichkeit nur als Überfluss liest, wird eine allzu rosiges Bild von der Realität malen. Unser Realitätssinn muss – um ins Handeln zu kommen – den Sensus für beides haben: Wo erfahren wir Mangel in der Wirklichkeit und wie können wir diesem Mangel begegnen? Wo gibt es aber auch ein Überfließen von Wahrheit in der Wirklichkeit zu entdecken und wie können wir sicherstellen, dass möglichst Viele an diesem Überfluss teilhaben?

In seinem kleinen 2020 geschriebenen und soeben veröffentlichen Büchlein unter dem etwas gefühligen Titel „Candles in the Dark“ wirft Rowan Williams einen geistlichen Rückblick auf dieses Jahr der Pandemie. Er macht sich auf die Suche nach – wie es der Untertitel ausspricht – „Faith, hope and love in a time of pandemic“. Die 26 kurzen Meditationen  sind von März bis September im Rahmen einer Andachtsreihe entstanden, die Rowan Williams für eine Kirchengemeinde schrieb. Die Andachten haben daher einen deutlichen Zeitkern; gerade deshalb funktioniert der Band so gut als geistlicher Jahresrückblick 2020. Themen wie der Protest gegen historische Statuen im öffentlichen Raum, das Chaos beim diesjährigen universitären Zulassungsverfahren britischer Universitäten, Diskussionen um das Lied „Rule Britannia!“ und immer wieder die Pandemie – das Maskentragen, die digitalen Gottesdienste usw. – werden Williams zum Anlass für kurze, in sich abgeschlossene Betrachtungen mit zum Teil erhellenden geistlichen Wendungen.

Ja, das Jahr war von der Pandemie geprägt; wer aber genau hinschaut, der entdeckt in der Wirklichkeit trotz der offensichtlich „großen Erzählung“ eine Vielfalt anderer, relevanter Begebenheiten. Rowan Williams schaut also genau hin. Die deutsche Leserin würde im Rückblick sicherlich auch auf andere Begebenheiten von Belang stoßen. Williams Buch hat also nicht nur einen Zeitkern, sondern auch einen (kulturellen) Kontextkern. Gerade das aber ist die Spitze: Die Schule der Aufmerksamkeit ist eine Schule des Blicks für das, was hier und jetzt, in Raum und Zeit an Wirklichkeit und Wahrheit sich zeigt. Im konkreten Alltag – auch politisch, gesellschaftlich, religiös, kulturell, wirtschaftlich –  ereignen sich öfters als erwartet Epiphanien, Augenblicke der Offenbarung. Diesen Offenbarungen ist Rowan Williams mit seinen kurzen Texten auf der Spur.

Die Markierungen des liturgischen Kirchenjahres – Ostern, Corpus Christi, Festtage der Heilige & Märtyrern – tauchen bei Candles in the Dark neben tagespolitischen Ereignissen in großer Regelmäßigkeit auf. Darin offenbart sich Williams spirituelle Prägung, die reformatorische, katholische und auch orthodoxe Einflüsse aufzeigt. Darüber hinaus wird einem aber auch klar, was für einen Schatz das liturgische Kirchenjahr darstellt. Es rhythmisiert das Leben von Außen, was gerade in dem zu Ende gehenden Jahr als Segen erfahren werden konnte. Auch wendet das liturgische Jahr immer wieder den Blick von einem selbst, von der eigenen Situation weg, hin zu einem größeren Rahmen, wenn man so will: hin zu einer noch größeren Erzählung, einer Art Geschichte noch größerer Aufmerksamkeit und Zugewandtheit. Der Gedenktag des heiligen – aber weitgehend unbekannten – Matthias motiviert Williams bspw. zu einem Lob der unscheinbaren, vertrauensvollen Zeitgenossenschaft, einer „undramatic routine of kindness“ (26), die Rowan Williams an allen Ecken und Enden in diesem Jahr feststellen konnte. Und das Fest der Verklärung Christi am 6. August – engl. transfiguration – das in diesem Jahr gleichzeitig der 75. Gedenktag des Atombombenabwurfs von Hiroshima war, führt Williams zu dem Gedanken: „We can turn from greedy self-interest, we can say no to the glamour of violence and domination, we can listen to God’s Son and follow his way of hope-full vulnerability“ (69). Im Verlauf eines Jahres begegnen einem also andauerend Anlässe, die einladen, über das eigene Leben und das Leben unserer Gesellschaft nachzudenken.

Überhaupt bedeutet „spirituell“ bei Williams nicht „individuell“. Es geht nicht um die Vervollkommnung persönlicher Heiligkeit. Es geht um eine Dezentrierung des persönlichen Blicks auf Wirklichkeit und Wahrheit, damit sich mit mir auch mein Umfeld verändern kann. Die Pandemie hat persönlich wie gesellschaftlich zu einer großen Verunsicherung geführt, eine Verunsicherung, die sich aus einer geteilten Erfahrung von Verwundbarkeit speist. Diese individuelle und kollektive Verunsicherung kann nur auf dem Weg der gesellschaftlichen und globalen Solidarität überwunden werden. Es gibt in dieser Wirklichkeit und Wahrheit etwas für uns alle zu entdecken, und zwar, so Rowan Williams, „the possibility of discovering real community on the far side of recognizing a vulnerability in which we’re all involved“ (95). Die Erfahrung von Schwäche und Verwundbarkeit leitet über nicht in Egoismus, sondern in eine Praxis der Solidarität und Gemeinschaft.

Wirklichkeit und Wahrheit: Aus der Sicht eines christlichen Autors wie Rowan Williams sind sie keine abstrakten Größen. Vielmehr steht uns im Rückblick auf ein dunkles Jahr eine freilich schwierige Möglichkeit offen: Die Wirklichkeit und Wahrheit des gewachsenen Glaubens, der weiter reichenden Hoffnung und der heller scheinenden Liebe wahrzunehmen. So kann man 2020 auch abschließen, die prägende Kraft des vergangenen Jahres anerkennen, aber auch weitergehen in Vertrauen, denn: „We have learned; we have grown. The past is never over, but it is not everything“ (89).

Am Anfang ist der Anfang – frei nach Hannah Arendt

Alles hat einen Anfang.

Das Leben hat einen Anfang. Die Schule hat einen Anfang. Das Studium hat einen Anfang. Die Liebe hat einen Anfang.

Manche Anfänge sind ganz klar als solche erkennbar. Das Geschrei des Säuglings. Die Schultüte. Der Umzug an den Studienort. Der berühmte erste Blick.

Andere Anfänge sind eher schleichend. Der eigentliche Beginn des Anfangs liegt im Dunkeln. Wann habe ich angefangen, Gedichte zu schreiben? Ich weiß es nicht. Wann habe ich angefangen zu beten? Ich weiß es nicht.

Hannah Arendt schreibt dazu: „Es ‚geschieht nicht Neues unter der Sonne‘, es sei denn, dass Menschen das Neue, das in die Welt kam, als sie geboren wurden, handelnd als einen neuen Anfang in das Spiel der Welt werfen.“ (Vita activa oder Vom tätigen Leben, 4. Auflage, München 2006, 259). Wir handeln also, und es geschieht etwas Neues, ein Anfang entsteht.

Alles, was einen Anfang hat, hat aber auch ein Ende. Auf eine Geburt folgt irgendwann ein Tod.

Das ist manchmal traurig, aber notwendig. Was wäre denn, wenn dauernd nur Gottesdienste anfangen würden, diese aber nie aufhörten?! Was wäre, wenn wir unsere Klausuren immer nur beginnen würden, diese aber kein Ende fänden?! Was wäre, wenn aller Menschen Leben in dieser Zeit unendlich wären?

Natürlich gibt es auch Dinge die aufhören, von denen wir uns wünschen, dass sie immer wieder neu anfangen könnten: die Liebe natürlich; die Freude am Glauben; aber auch die Gerechtigkeit auf der Welt. Es gibt Dinge, die sollten eigentlich nie ein Ende nehmen dürfen, so fühlen wir es.

Irgendwann – da kennen sich die Physiker_innen unter uns aber besser aus – macht auch einmal der Kosmos schlapp. Das können wir uns zwar nicht recht vorstellen, aber das heißt ja gar nichts. Was ist dann mit der Liebe, mit dem Glauben, mit der Gerechtigkeit?

Was anfängt und nie aufhört, davon ist der christliche Glaube überzeugt, ist diese Geschichte des Glaubens selbst, ist dieses sogenannte Evangelium, ist dieser Jesus Christus. Der Glaube glaubt, dass die Geschichte von Jesus Christus, deren Anfang wir in diesen Tagen feiern, nicht schlapp macht. Jesus Christus kommt nicht zum Ende.

„Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes“, heißt es im Markusevangelium gleich zu Beginn.

Die Natalität – so Hannah Arendt – ist das Urbild eines neuschöpfenden Handelns. Es kommt etwas in die Welt, was die Dinge verändert. So geschehen mit Jesus Christus. Und der Glaube glaubt: Diese Geburt hat kein Ende. Dieser Anfang hört nicht auf. Diese neuschaffende Handlung ist der Anfang aller Anfänge. Und das macht mir Hoffnung in diesem besonderen Advent.

Vom Sinn des Lebens. Und von der Zweckfreiheit des Spiels.

In 5 Milliarden Jahren wird die Erde von der Kraft einer dann aufgeblähten Sonne verglühen. So prophezeien es die Astronomen. Ich frage mich: Was macht angesichts dieses – zugegebenermaßen – langfristigen Szenarios bleibenden Sinn? Oder etwas näher und dringlicher: In Zeiten von immer bedrohlicheren Sommerdürren, Sturzfluten und Artensterben: Welchen Sinn macht es, dass ich mich jeden Tag im Büro mit Kostenstellen, Aktenplänen und Projektskizzen herumschlage?

Was macht Sinn? Was trägt? Hinein in die Kluft der Zweifel und der Ängste? Und vielleicht auch über diese Kluft hinweg?

Erwartbar wäre nun an dieser Stelle die Antwort: Der Glaube an Gott macht Sinn. Das ist mir aber zu abstrakt. Ein Glaube an Gott musste schon für alles Mögliche herhalten, für allen möglichen Un-Sinn. Nur dort, wo dieser Glaube an Gott konkret wird in Handlungen und Haltungen, kann man seinen Sinn ertasten. Nur dort, wo dieser Glaube Menschen bewegt und deren Terminkalender bestimmt, ist er eine „Kraft Gottes zur Rettung für jeden, der glaubt“ (Röm. 1, 16). Das ist die Dynamik des Glaubens.

Wie wirkt diese Kraft? Wie macht sich dieser Sinn bemerkbar? Ein Beispiel aus dem alltäglichen Leben möchte ich geben: das Spiel. Ich spiele gerne mit meinen Kindern. Brettspiele, Ballspiele, Verstecken, Seilhüpfen, Turnen an der Stange. Im Spiel sind die Kinder und bin auch ich ganz gegenwärtig. Man könnte sagen: Wir sind im Spiel „eigentlich“. Irgendwann scheinen wir erwachsenen Menschen die Freude am Spielen zu verlieren. Wir stehen auf Spielplätzen dann wie die Ölgötzen herum, am liebsten mit einem Telefon in der Hand.

Stören wir uns vielleicht an der bloßen Zweckfreiheit des Spiels der Kinder? Wer beim Spielen genau hinschaut, der merkt: Die Zweckfreiheit erfüllt das Spiel erst mit Kraft, mit Sinn. Das Spiel, vor allem das gemeinsame Spiel lockt Lachen hervor, bringt geteilte Erfahrungen von Sieg und Niederlage zur Welt. Das Spiel macht Sinn, gerade wegen der Abwesenheit verbissener Ernsthaftigkeit. Das Spiel macht glücklich. Es heilt Wunden.

Genau dafür sind wir nach alter geistlicher Weisheit auf der Erde: Um des Glückes und des Heiles willen. Lasst uns also mehr spielen. Das macht Sinn.

 

Dieser Text ist Teil einer Serie von Radioandachten, die vom 11. bis 15. Juni vom Norddeutschen Rundfunk ausgestrahlt werden. Den vollständigen Text und einen Mitschnitt der Andachten finden sich unter www.radiokirche.de .

Was ist Glaube?

Anbei folgen einige ausgewählte Glaubensformeln christlicher Provenienz. Es besteht kein Anspruch auf Ausgewogenheit. Die Glaubensformeln dienen der persönlichen Orientierung und Anregung. Die Liste wird laufend ergänzt.

 

Glaube ist die objektive Ungewißheit mit dem Abgestoßenwerden durch das Absurde, in der Leidenschaft der Innerlichkeit festgehalten, die gerade das auf das Höchste potenzierte Verhältnis der Innerlichkeit ist.“

(Sören Kierkegaard: Philosophische Brosamen und Unwissenschaftliche Nachschrift, hrsg. von Hermann Diem & Walter Rest, München: DTV, 1976, 824).

 

„I’m going to suggest that one of the tests of actual faith, as opposed to bad religion, is whether it stops you ignoring things. Faith is most fully itself and most fully life-giving when it opens your eyes and uncovers for you a world larger than you thought – and of course, therefore, a world that’s a bit more alarming than you every thought.“

(Rowan Williams: What is Christianity? A little book of guidance, London: SPCK, 2015, 21).

 

Glaube aber ist: Feststehen in dem, was man erhofft, Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht.“

(Hebräer 11, 1).

 

„Und doch ist der Glauben keine Tat des Menschen, sondern Empfang der göttlichen Heilstat an ihm. Der Glaube ist nicht unsere Entscheidung für Gott, sondern die Entdeckung, daß Gott sich für uns entschieden hat.“

(Edmund Schlink: Ökumenische Dogmatik. Grundzüge, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2. Auflage 1985, 441).

 

Glauben hingegen heißt: etwas als wahr und wirklich akzeptieren – nicht auf Grund eigener Einsicht in den Sachverhalt, sondern indem man sich auf seine Bezeugung durch jemand anders verläßt.“

(Josef Pieper: Über die Schwierigkeit heute zu glauben. Aufsätze und Reden, München: Kösel, 1974, 11).

 

Glaube ist die Umkehrung, die radikale Neuorientierung des nackt vor Gott stehenden, des zum Erwerb der einen kostbaren Perle arm gewordenen, des um Jesu willen auch seine Seele verlierenden Menschen. Glaube ist selbst Treue Gottes, immer noch und immer wieder verborgen hinter und über allen menschlichen Bejahungen, Gesinntheiten, Errungenschaften Gott gegenüber. Glaube ist darum nie fertig, nie gegeben, nie gesichert, er ist, von der Psychologie aus gesehen, immer und immer aufs neue der Sprung ins Ungewisse, ins Dunkle, in die leere Luft.“

(Karl Barth: Der Römerbrief, Zürich: Evangelischer Verlag, 9. Abdruck der neuen Bearbeitung, 1954, 72f.).

 

„Der Glaube sollte, so denke ich, vom Phänomen der Vertrauensbildung und nicht des Wissenserwerbs, von Gewissheitserfahrungen in Leid und Freud, als Einsicht auch in die Bedingungen individueller  Autonomie und nicht nur als Einschränkung dieser Autonomie begriffen werden.“

(Hans Joas: Glaube als Option, Freiburg: Herder, 2012, 33).

 

Lex credendi, lex orandi. Our prayer and belief  should fit like hand and glove; they are the inside and outside of one single correspondence with God. Since the life of prayer consists in an ever-deepening communion with a Reality beyond ourselves, which is truly there, and touches, calls, attracts us, what we believe about that Reality will rule our relation to it.“

(Evelyn Underhill: The School of Charity & The Mystery of Sacrifice, London: Longmans 1959, 6).

 

„Glauben an Gott – was ist das? Es ist: Daß für jede, der verstehen und glauben kann, über allem, wirklich allem, ein Freudenschimmer sich auftun kann.“

(Traugott Koch: Mit Gott leben, 2. Auflage, Tübingen: Mohr, 1993, 402).

 

Glauben ist eine Einstellung zur Wirklichkeit, zum Nächsten, zu uns selbst und darin zu Gott, eine Haltung, die der Mensch durch alle tiefsten Anfragen und Anfechtungen hindurch dem Leben gegenüber einnimmt: das wird in der Formel ‚fides qua‘ ausgedrückt. (…) Dieses Glauben ist dabei nicht unbestimmt, sondern qualifiziert von Gott selbst, und das ist die ‚fides quae‘, die in den Offenbarungshorizont Gottes eingebettet ist.“

(Margit Eckholt, in: Christine Büchner & Gerrit Spallek: Auf den Punkt gebracht. Grundbegriffe der Theologie, Ostfildern: Grünewald, 2017, 97.

 

„Even our acquaintance with the material world depends on that conviction of the truth of our senses, which is a species of faith. But its main function is in the regions of the moral and of the unseen. For it is the recognition of that external law, which has its dwelling in the bosom of God. It is not merely the tracing out those conclusions, which are derivable from the intellectual constitution of every individual, but the actual communing  which that external truth, which was pleased to have its reflection originally in man’s mind.“

(Robert Isaac Wilberforce: The Doctrine of the Incarnation of our Lord Jesus Christ, London: John Murray, 1850, 492f.).

 

 

 

 

Weihnachten und die Liebe des Glaubens zu den Fakten

Wir seien im post-faktischen Zeitalter angekommen oder, wie es die Briten sagen, in einer „post-truth“-Ära. Das ist zum Ende des Jahres allgemeiner Vorwurf, Hilferuf, Schreckensschrei, Klagewort oder Vorurteil – je nach Standpunkt. Und nun nähert sich Weihnachten. Dieses Fest konfrontiert uns mit einem Faktum, das es unter den Menschen schon von je her schwer hatte: der Geburt eines Menschen als Sohn Gottes aus dem Schoß einer Jungfrau: „et homo factus est“.

Der christliche Glaube hat Erfahrung im Umgang mit dem Post-/Faktischen. An den Rändern der Kirche gab es schon früh Bestrebungen, angeblich unliebsame Fakten aus dem Weg zu räumen. Marcion war beispielsweise dafür bekannt, dass er im 2. Jahrhundert nach Christus große Teile des Alten Testaments aus dem christlichen Schriftenkanon ausschließen wollte, da sie ihm nicht ins Weltbild passten. Andere stellten zur gleichen Zeit die These auf, Christus sei mehr Gott und nur ein bisschen Mensch gewesen (sog. Doketismus ) oder – das andere Extrem – mehr Mensch und nur ein bisschen Gott (sog. Arianismus). Auf diese Weise wollte man sich den anstrengenden Glauben an den ungreifbaren, unfassbaren Gott-Mensch Jesus Christus etwas einfacher machen.

Es ging bei diesen Disputen um zentrale Glaubenswahrheiten, die für die Entwicklung des christliche Glaubens elementar waren und sind: sowohl die Dispute als auch die Wahrheiten. Die Glaubenswahrheiten, um die es hier geht, stehen aber nicht im ideellen luftleeren Raum, sondern sind zurück gebunden an Fakten: die Geburt Jesu Christi, sein Leben und Wirken, sein Tod am Kreuz, das Rätsel seiner Auferstehung und damit zusammenhängend die Entstehung der Kirche aus dieser Faktenlage heraus. Fakten freilich sind das, die auch hinüberwachsen in das Reich des Glaubens, des Vertrauens und Zutrauens. Es sind eben nicht nur Fakten.

Der christliche Glaube ist keine Naturwissenschaft. Es geht bei ihm nicht (nur) um Beweise und Fakten im harten Sinne. Es geht im Glauben aber auch nicht ohne Fakten, ohne reale Geschehnisse, ohne Wirklichkeit, ohne Geschichte. Ohne das historische Faktum „Jesus Christus“ gibt es keinen christlichen Glauben. Und je nach Grad der gläubigen Überzeugung des Einzelnen und mit dem Fortschreiten der Ideengeschichte des kollektiven Glaubens wird dieses Faktum angereichert mit weiteren Überzeugungen, Formeln, Dogmen, Gewissheiten. Ohne Rückbezug an das Faktum „Jesus Christus“ würden diese Ausformungen des Glaubens aber irgendwann kollabieren. Ideen brauchen Fakten, um am Leben zu bleiben. Und Fakten brauchen Ideen, um Kreativität freizusetzen.

Natürlich kann man einem Gläubigen jederzeit vorwerfen, er glaube an Dinge, die keine Rückbindung an das Land des Faktischen hätten. Dieser Vorwurf wurde und wird auch regelmäßig vorgebracht. Der Vorwurf sollte jedem Gläubigen Grund genug sein, seinen Glauben stets mit guten Argumenten verteidigen zu wollen und zu können. Dafür hat sich jeder zu rüsten, denn die schlimmsten Zweifel an den Fakten wachsen so oder so im eigenen Herzen. Man kommt an ihnen nicht vorbei.

Für mich war bislang stets gewiss: Es gibt sie, die Gründe, weshalb der Glaube viel mit der Wirklichkeit und der Wahrheit zu tun hat. Mit der Wahrheit, wie sie faktisch ist und auch mit der Wirklichkeit, wie wir sie uns für die Zukunft wünschen.

Zuhause im Iftar der Anderen – ein persönlicher Erfahrungsbericht

Für einen Moment kehre ich zurück zum Vertrauten:

Ich schließe die Augen, spreche still ein Gebet : „Herr, segne diese Gaben … .“ Ich mache das Kreuzzeichen. Damit bin ich hier recht allein. Das weiß ich. Ein Moment Vertrautes, inmitten dem Fremden, dem Ungewohnten, dem Anderen, Grenzüberschreitenden. Nach dem Kreuzzeichen beginne mit dem Essen.

Ich bin auf einem Iftar, einem muslimischen Fastenbrechen an einem der längsten Tage im Jahr. In einer Unterkunft für Flüchtlinge im Hamburger Osten kommen Menschen aus allen Herren Länder zusammen. Ihr Glaube verbindet sie im gemeinsamen Mahl. Schon früh bin ich da, um mit den Organisatorinnen von kulturkaviar für alle e.V. den Saal für das Essen vorzubereiten. Wir räumen Mobiliar zur Seite und legen den Boden mit einer schützenden Folie aus, an einer Stelle; an einer anderen Stelle rollen wir Teppiche in den Raum fürs Gebet. Wir verteilen Blumen, Kerzen, Servietten. Die Gäste werden Platz finden auf dem Boden. Sich dort niederlassen, um das tägliche Hungern und Dürsten zu beenden.

Neugierige Kinder kommentieren durchs Fenster gelehnt einen jeden unserer Handgriffe.  Die ersten Besucher kommen, schauen und gehen wieder. Tee kochen wir, Brot wird geschnitten, Süßes wird zurecht gemacht, Servietten gefaltet. Dazwischen drücken sich Gespräche, wie man sie selten führt. Über das Fasten, selbstverständlich, das christliche und das muslimische. Über rituelles Speisen an sich und überhaupt die Rolle des Essens in den Religionen: das Iftar, die Speisesegnung zu Ostern, über das Mahl der Christen: Doch kaum versuche ich es in kurze verständliche Worte zu fassen, spüre ich an mir selbst das „Ärgernis“ (1. Kor. 1, 23), das für einen Nicht-Christen im Erfassen dieses Mahles liegen muss. So bleibt mein Satz „Wir Christen nehmen den Leib und uns das Blut Jesu Christi zu uns“ fürchterlich haltlos im Raum der kleinen Küche hängen. Interreligiöse Begegnung im kargen, geschäftigen Wohncontainer, Dialog sozusagen „zwischen den Kochtöpfen“ (Theresa v. Avila).

Unterbrochen werden wir an diesem Abend dauernd in unseren Gesprächen. Das stört keinen; es ist ja viel zu tun. Die Gäste treffen langsam ein. Bald reiht sich eine Zahl von locker mit Kopftuch gerüsteten Frauen am Rand des Saales auf. Kinder kreisen um sie herum. Junge Männer aus verschiedenen Ländern kommen hinzu. Der eine oder andere Gast von außen erscheint auch.

Um kurz vor Zehn werden Teile aus dem Koran rezitiert, ein Gebet wird gesprochen. Anschließend bricht man das Fasten, mit einer Dattel und einem Schluck Wasser. Essen wird aufgetragen. Ich spreche mein persönliches Tischgebet, das mit dem Kreuzzeichen. Verwirrung entsteht, da in der international zusammengesetzten Gruppe unterschiedliche Zeiten kursieren, zu denen das Fasten gebrochen werden darf. Die einen tun es um 22 Uhr, die anderen um 22: 30 Uhr. Satt werden alle. Und es bleibt genug für die Daheimgebliebenen, den eigenen Kühlschrank.

Wie ein „Diener an den Tischen“ (Apg 6, 1ff.) fühle ich mich an dem Abend. Den Frauen das Geschirr reichend. Das Fladenbrot zerteilend. Die Blumen arrangierend. Wie ein Diener der Menschen: jener, die mich eingeladen haben mit zu gehen, mit zu machen; jener muslimischen Frauen, Kinder, Männer, die hier wohnen und ihren Glauben leben. Ich fühle mich auch wie ein Diener an meinem eigenen Glauben, ein Glaube der sich ganz dem Dienen verschrieben hat, denn auch „der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen.“ (Mt 20, 28). Hier beim Iftar wacht ein Glaube auf, der sich nicht dauernd selbst bestätigt. Ich blicke – nur ein klein wenig – über den christlichen Tellerrand und sehe dort: eine weiten Raum, intellektuell wie spirituell. Neuland eben.

Es gibt viele Worte und Begriffe, freundliche und unfreundliche, für das, was nicht unseres ist, was nicht meines ist. Für diese Erfahrung der Differenz. Es klingt arg pädagogisch und floskelhaft, doch ist es wahr, dass das Eigene nur durch die Begegnung mit dem Anderen, dem Differenten wachsen kann. Um das eigene Leben verrückt zu bekommen, mit Worten und Begriffen richtig verstehen zu lernen, muss man ab und an aus dem Zentrum treten. Sich aus dem Zentrum rücken lassen. Dieser Zumutung kann man sich nicht auf ewig entziehen.

Irgendwann breche ich auf. Ich muss meinen Zug zurück bekommen. Das Essen ist noch voll im Gange. Das süße Baklava wird gerade zurecht geschnitten. Davon kleben mir die Finger. Ich verabschiede mich. Mache mich auf ins vertraute Zuhause. Durch die geöffneten Fenster sehe ich die Menschen essen, reden. Ich gleite fort in die Dunkelheit einer kurzen Nacht.

Burkhard Conrad OPL