Weihnachten und die Liebe des Glaubens zu den Fakten

Wir seien im post-faktischen Zeitalter angekommen oder, wie es die Briten sagen, in einer „post-truth“-Ära. Das ist zum Ende des Jahres allgemeiner Vorwurf, Hilferuf, Schreckensschrei, Klagewort oder Vorurteil – je nach Standpunkt. Und nun nähert sich Weihnachten. Dieses Fest konfrontiert uns mit einem Faktum, das es unter den Menschen schon von je her schwer hatte: der Geburt eines Menschen als Sohn Gottes aus dem Schoß einer Jungfrau: „et homo factus est“.

Der christliche Glaube hat Erfahrung im Umgang mit dem Post-/Faktischen. An den Rändern der Kirche gab es schon früh Bestrebungen, angeblich unliebsame Fakten aus dem Weg zu räumen. Marcion war beispielsweise dafür bekannt, dass er im 2. Jahrhundert nach Christus große Teile des Alten Testaments aus dem christlichen Schriftenkanon ausschließen wollte, da sie ihm nicht ins Weltbild passten. Andere stellten zur gleichen Zeit die These auf, Christus sei mehr Gott und nur ein bisschen Mensch gewesen (sog. Doketismus ) oder – das andere Extrem – mehr Mensch und nur ein bisschen Gott (sog. Arianismus). Auf diese Weise wollte man sich den anstrengenden Glauben an den ungreifbaren, unfassbaren Gott-Mensch Jesus Christus etwas einfacher machen.

Es ging bei diesen Disputen um zentrale Glaubenswahrheiten, die für die Entwicklung des christliche Glaubens elementar waren und sind: sowohl die Dispute als auch die Wahrheiten. Die Glaubenswahrheiten, um die es hier geht, stehen aber nicht im ideellen luftleeren Raum, sondern sind zurück gebunden an Fakten: die Geburt Jesu Christi, sein Leben und Wirken, sein Tod am Kreuz, das Rätsel seiner Auferstehung und damit zusammenhängend die Entstehung der Kirche aus dieser Faktenlage heraus. Fakten freilich sind das, die auch hinüberwachsen in das Reich des Glaubens, des Vertrauens und Zutrauens. Es sind eben nicht nur Fakten.

Der christliche Glaube ist keine Naturwissenschaft. Es geht bei ihm nicht (nur) um Beweise und Fakten im harten Sinne. Es geht im Glauben aber auch nicht ohne Fakten, ohne reale Geschehnisse, ohne Wirklichkeit, ohne Geschichte. Ohne das historische Faktum „Jesus Christus“ gibt es keinen christlichen Glauben. Und je nach Grad der gläubigen Überzeugung des Einzelnen und mit dem Fortschreiten der Ideengeschichte des kollektiven Glaubens wird dieses Faktum angereichert mit weiteren Überzeugungen, Formeln, Dogmen, Gewissheiten. Ohne Rückbezug an das Faktum „Jesus Christus“ würden diese Ausformungen des Glaubens aber irgendwann kollabieren. Ideen brauchen Fakten, um am Leben zu bleiben. Und Fakten brauchen Ideen, um Kreativität freizusetzen.

Natürlich kann man einem Gläubigen jederzeit vorwerfen, er glaube an Dinge, die keine Rückbindung an das Land des Faktischen hätten. Dieser Vorwurf wurde und wird auch regelmäßig vorgebracht. Der Vorwurf sollte jedem Gläubigen Grund genug sein, seinen Glauben stets mit guten Argumenten verteidigen zu wollen und zu können. Dafür hat sich jeder zu rüsten, denn die schlimmsten Zweifel an den Fakten wachsen so oder so im eigenen Herzen. Man kommt an ihnen nicht vorbei.

Für mich war bislang stets gewiss: Es gibt sie, die Gründe, weshalb der Glaube viel mit der Wirklichkeit und der Wahrheit zu tun hat. Mit der Wahrheit, wie sie faktisch ist und auch mit der Wirklichkeit, wie wir sie uns für die Zukunft wünschen.

Zuhause im Iftar der Anderen – ein persönlicher Erfahrungsbericht

Für einen Moment kehre ich zurück zum Vertrauten:

Ich schließe die Augen, spreche still ein Gebet : „Herr, segne diese Gaben … .“ Ich mache das Kreuzzeichen. Damit bin ich hier recht allein. Das weiß ich. Ein Moment Vertrautes, inmitten dem Fremden, dem Ungewohnten, dem Anderen, Grenzüberschreitenden. Nach dem Kreuzzeichen beginne mit dem Essen.

Ich bin auf einem Iftar, einem muslimischen Fastenbrechen an einem der längsten Tage im Jahr. In einer Unterkunft für Flüchtlinge im Hamburger Osten kommen Menschen aus allen Herren Länder zusammen. Ihr Glaube verbindet sie im gemeinsamen Mahl. Schon früh bin ich da, um mit den Organisatorinnen von kulturkaviar für alle e.V. den Saal für das Essen vorzubereiten. Wir räumen Mobiliar zur Seite und legen den Boden mit einer schützenden Folie aus, an einer Stelle; an einer anderen Stelle rollen wir Teppiche in den Raum fürs Gebet. Wir verteilen Blumen, Kerzen, Servietten. Die Gäste werden Platz finden auf dem Boden. Sich dort niederlassen, um das tägliche Hungern und Dürsten zu beenden.

Neugierige Kinder kommentieren durchs Fenster gelehnt einen jeden unserer Handgriffe.  Die ersten Besucher kommen, schauen und gehen wieder. Tee kochen wir, Brot wird geschnitten, Süßes wird zurecht gemacht, Servietten gefaltet. Dazwischen drücken sich Gespräche, wie man sie selten führt. Über das Fasten, selbstverständlich, das christliche und das muslimische. Über rituelles Speisen an sich und überhaupt die Rolle des Essens in den Religionen: das Iftar, die Speisesegnung zu Ostern, über das Mahl der Christen: Doch kaum versuche ich es in kurze verständliche Worte zu fassen, spüre ich an mir selbst das „Ärgernis“ (1. Kor. 1, 23), das für einen Nicht-Christen im Erfassen dieses Mahles liegen muss. So bleibt mein Satz „Wir Christen nehmen den Leib und uns das Blut Jesu Christi zu uns“ fürchterlich haltlos im Raum der kleinen Küche hängen. Interreligiöse Begegnung im kargen, geschäftigen Wohncontainer, Dialog sozusagen „zwischen den Kochtöpfen“ (Theresa v. Avila).

Unterbrochen werden wir an diesem Abend dauernd in unseren Gesprächen. Das stört keinen; es ist ja viel zu tun. Die Gäste treffen langsam ein. Bald reiht sich eine Zahl von locker mit Kopftuch gerüsteten Frauen am Rand des Saales auf. Kinder kreisen um sie herum. Junge Männer aus verschiedenen Ländern kommen hinzu. Der eine oder andere Gast von außen erscheint auch.

Um kurz vor Zehn werden Teile aus dem Koran rezitiert, ein Gebet wird gesprochen. Anschließend bricht man das Fasten, mit einer Dattel und einem Schluck Wasser. Essen wird aufgetragen. Ich spreche mein persönliches Tischgebet, das mit dem Kreuzzeichen. Verwirrung entsteht, da in der international zusammengesetzten Gruppe unterschiedliche Zeiten kursieren, zu denen das Fasten gebrochen werden darf. Die einen tun es um 22 Uhr, die anderen um 22: 30 Uhr. Satt werden alle. Und es bleibt genug für die Daheimgebliebenen, den eigenen Kühlschrank.

Wie ein „Diener an den Tischen“ (Apg 6, 1ff.) fühle ich mich an dem Abend. Den Frauen das Geschirr reichend. Das Fladenbrot zerteilend. Die Blumen arrangierend. Wie ein Diener der Menschen: jener, die mich eingeladen haben mit zu gehen, mit zu machen; jener muslimischen Frauen, Kinder, Männer, die hier wohnen und ihren Glauben leben. Ich fühle mich auch wie ein Diener an meinem eigenen Glauben, ein Glaube der sich ganz dem Dienen verschrieben hat, denn auch „der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen.“ (Mt 20, 28). Hier beim Iftar wacht ein Glaube auf, der sich nicht dauernd selbst bestätigt. Ich blicke – nur ein klein wenig – über den christlichen Tellerrand und sehe dort: eine weiten Raum, intellektuell wie spirituell. Neuland eben.

Es gibt viele Worte und Begriffe, freundliche und unfreundliche, für das, was nicht unseres ist, was nicht meines ist. Für diese Erfahrung der Differenz. Es klingt arg pädagogisch und floskelhaft, doch ist es wahr, dass das Eigene nur durch die Begegnung mit dem Anderen, dem Differenten wachsen kann. Um das eigene Leben verrückt zu bekommen, mit Worten und Begriffen richtig verstehen zu lernen, muss man ab und an aus dem Zentrum treten. Sich aus dem Zentrum rücken lassen. Dieser Zumutung kann man sich nicht auf ewig entziehen.

Irgendwann breche ich auf. Ich muss meinen Zug zurück bekommen. Das Essen ist noch voll im Gange. Das süße Baklava wird gerade zurecht geschnitten. Davon kleben mir die Finger. Ich verabschiede mich. Mache mich auf ins vertraute Zuhause. Durch die geöffneten Fenster sehe ich die Menschen essen, reden. Ich gleite fort in die Dunkelheit einer kurzen Nacht.

Burkhard Conrad OPL