Gedichte und das Sprechen über Gott

„Wir können von Gott nicht erfassen, was er ist, sondern nur, was er nicht ist.“

Dieser Satz stammt von Thomas von Aquin (Summa contra gentiles I, 30.). Für einen Theologen ist dies ein mutiges Eingeständnis. Oft reden wir nämlich von Gott, als ob wir genau wüssten, wer Gott ist und was er vorhat. Wir unterstellen, sein Wille für unser Leben ließe sich klipp und klar feststellen. Wie können wir aber von Gott sprechen? Wie vermeiden wir das Phrasenhafte, die spirituellen Allgemeinplätze?

Wie wäre es zum Beispiel mit einem zeitgenössischen Gedicht?

(…)

Hier finden Sie das gesamte Manuskript meiner Radioandachten. 

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Der verzweifelte Lobgesang des Schweigens – Notiz zu einem Gedicht von Friedrich Hölderlin

Schweigen kann Ausdruck des politischen Protests sein; darüber hatte ich an anderer Stelle schon einmal geschrieben. Das Schweigen eines Menschen kann aber auch Ausdruck eines noch ganz anderen, nämlich metaphysischen Protests sein. Ausdrückliches Schweigen kann eine verzweifelte Antwort sein auf die sprichwörtlich unsägliche Penetranz, mit der die Theodizee-Frage den Versuch eines Glaubens ständig hintergeht.

In seinem Gedicht „Die Bücher der Zeiten“ legt Friedrich Hölderlin (1770-1843) den Finger gewollt oder ungewollt in die Wunde. Das Gedicht setzt an als „bebender Lobgesang“ jenem zu Ehren, der „dort oben/ In all der Himmel höchstem Himmel“ wohnt: Gott. Hölderlin spricht weiter von zwei Büchern, in beiden sind verzeichnet „All die Millionenreihen/ Menschentage“. In dem ersten Buch steht geschrieben, so Hölderlin:

„Länderverwüstung und Völkerverheerung,/ Und feindliches Kriegergemetzel,/ Und würgende Könige -/ Mit Roß und Wagen,/ Und Reuter und Waffen,/ Und Szepter um sich her;/ Und giftge Tyrannen,/ Mit grimmigem Stachel,/ Tief in der Unschuld Herz. (…) Des heitern, rosigen Mädchens/ Grabenaher Fieberkampf;/ Der Mutter Händeringen,/ Des donnergerührten Jünglings/ Wilde stumme Betäubung.“

Diese finstere Beschreibung aller menschlichen und natürlichen Übel ist mehrere Seiten lang. Dann steht die Regieanweisung an den Leser „eine Pause im Gefühl“, wonach des Dichters Frage sich Bahn bricht, weshalb Gott diesem ganzen Treiben nicht ein Ende bereitet: „Warum vertilgt mit dem Flammenschwert/ All die Greuel von der Erde/ Der Todesengel nicht?“ Und die Antwort des Dichters lautet:

Aber sieh, ich schweige – / Das sei dir Lobgesang!/ Du, der du lenkst/ Mit weiser, weiser Allmachtshand/ Das bunte Zeitengewimmel.

Mit Verweis auf Jesu Kreuzestod folgt im Gedicht das zweite Buch und eine Rehabilitierung des Allmächtigen und auch des Menschen. Alles hat irgendwie seine Ordnung. Trotzdem bleibt für den aufmerksamen Leser die Frage hängen: Wie reagiert der Gläubige auf den großen Zweifel, der christliche Glaube habe es mit einem undurchsichtigen und den Menschen ganz und gar nicht wohlgesonnenen Gott zu tun?

Hölderlin gibt eine mögliche Antwort auf diese Frage: Schweige! Schweige ganz bewusst. Schweige und verstehe dein Schweigen als einen göttlichen Lobgesang!

Dieser Lobgesang soll nicht sarkastisch sein, mit Häme oder im Wahn Gott vor den Latz geknallt werden. Ich schweige aus Verzweiflung. Angesichts des Leids der Welt kann ich nur schweigen. Mit meinem Schweigen ziehe ich mich aber nicht zurück. Mein Schweigen wende ich hin zu dem einen nur möglichen Adressaten: Gott. Diesen Adressaten Gott lasse ich wissen:

Ich schweige Dir zum Lobe. Mehr geht gerade nicht. Vorerst. Und wenn sich die Verhältnisse bessern und ich ganz deutlich Deine gute und gerechte Hand am Werk in der Welt sehe, dann, ja dann werde ich vielleicht auch in der Lage sein, meinen Lobgesang des Schweigens zu transponieren in eine für alle hörbare Melodie.

Über den Begriff der Allmacht Gottes

Vor vielen Jahren konfrontierte mich ein Freund mit folgender Aussage:

Gott ist nicht allmächtig. In der Tat: Gott kann nicht allmächtig sein! Warum nicht? Weil Gott keinen Stein schaffen kann, den er dann anschließend nicht aufheben kann.

Natürlich ist die Aussage weit hergeholt. Das sind aber viele logische Rätsel. Um ein solches handelt es sich hier nämlich. Denn die Aussage „Gott ist allmächtig“ schließt für viele Menschen logisch die Annahme mit ein, dass Gott alles kann. Wenn Gott aber keinen Stein schaffen kann, den er nicht selbst aufheben kann, dann kann er etwas nicht tun: diesen bestimmten Stein schaffen. Und wenn er einen Stein schaffen kann, den er anschließend nicht aufheben kann, ja, dann kann er auch etwas nicht tun: diesen bestimmten Stein aufheben. Wie auch immer die Aussage gedreht wird, sie scheint zum Schluss zu führen: Gott kann nicht allmächtig sein.

Man kann die Aussage logisch auseinander nehmen, indem man feststellt, dass zwei Sachverhalte, die sich gegenseitig ausschließen, nicht vernünftig zusammen zu bringen sind: Ich kann auch keine schwarzen Socken weißer Farbe stricken. So ist dann auch Gottes Allmacht begrenzt dadurch, dass sie nichts bewirken kann, was in sich widersprüchlich ist. Gottes Wille richtet sich auch nicht nach Dingen, die an sich unmöglich sind, wie es Thomas von Aquin in der „Summe gegen die Heiden“ formuliert (I, 84).

Doch das zitierte sog. Allmachtsparadoxon kann auch dadurch aufgelöst werden, dass man den Begriff der Allmacht näher definiert. Es ist richtig: Gott wird in der Sprache des Glaubens oft als allmächtig beschrieben. Dies ist dann aber meist die Sprache der Doxologie, des verherrlichenden Jubels. In der Sprache der gläubigen Vernunft jedoch wird die Allmacht Gottes stets qualifiziert. Allmacht Gottes heißt dann nicht: Gott kann alles zu jeder Zeit.  Gottes Allmacht ist vielmehr ausgerichtet auf bestimmte Ziele. Wenn ich, wie Thomas von Aquin es tut, Gott bestimmte Attribute zuschreibe – Gott ist einer, Gott ist unendlich, Gott ist erkennend, Gott ist lebendig, Gott ist glücklich (vgl. ebenfalls Summe gegen die Heiden, 1. Buch)- dann kann Gottes angenommene Allmacht nicht dazu führen, dass ich Gott ein weiteres Attribut zuschreiben, dass den anderen widerspricht. Gottes Allmacht richtet sich vielmehr nach den in den Attributen hinterlegten Zielen. Sie ist bounded.

Logisch mag ich dann behaupten, dass Gott ja gar nicht allmächtig ist, da er sich nicht in fünfzehn Götter gleichzeitig verwandeln kann. Diese Aussage tangiert dann aber nicht einen Allmachtsbegriff, der nicht davon auskennt, dass Gott alles Mögliche und Unmögliche kann oder überhaupt können will. Der Allmachtsbegriff des Glaubens will logisch gar nicht für voll genommen werden. Der Glaube sagt nicht, dass Gott alles kann. Der Glaube sagt, dass Gott alles liebt. Dass Gott alle Dinge erkennt. Dass Gott alles glücklich machen will. Aber um diese Ziele zu erreichen, setzt Gott nicht alle erdenklichen und unlogischen Mittel ein.

Gott zwingt nicht. Gott presst nicht. Gott drückt nicht. Nicht die Menschen. Aber auch nicht die Logik.