Das aktive Leben als bewusstes Wirken. Notiz zu einer Predigt von Meister Eckhart.

Das Zusammenspiel zwischen dem kontemplativen und dem aktiven, politischen Leben habe ich an dieser Stelle schon häufiger thematisiert. Nun bin ich im Lukasevangelium (10, 38-42) auf folgende Episode gestoßen:

„Sie zogen zusammen weiter und Jesus kam in ein Dorf. Eine Frau namens Marta nahm ihn freundlich auf. Sie hatte eine Schwester, die Maria hieß. Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seinen Worten zu. Marta aber war ganz davon in Anspruch genommen, für ihn zu sorgen. Sie kam zu ihm und sagte: Herr, kümmert es dich nicht, dass meine Schwester die ganze Arbeit mir allein überlässt? Sag ihr doch, sie soll mir helfen! Der Herr antwortete: Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen. Aber nur eines ist notwendig. Maria hat das Bessere gewählt, das soll ihr nicht genommen werden.“

In der Auslegung dieser Stelle kam es in der Vergangenheit oft vor, dass Maria synonym für das kontemplative Leben stand und Martha synonom für das aktive Leben. Die Aussage Jesu „Maria hat das Bessere gewählt“ wurde dann dergestalt interpretiert, dass das kontemplative Jesu beständig betrachtende Leben höher zu bewerten sei als das aktive Leben in den Geschäften der Welt. Das heißt letztlich dann auch, dass das Gebet wichtiger ist als das politische Handeln. Und wichtiger ist es deshalb, weil es uns näher zu Gott bringt.

In einer seiner Predigten (Intravit Jesus in quoddam castellum) legte Meister Eckhart diese Textstelle anders aus. Eckhart unterläuft die herkömmliche Auslegung, indem er für die aktive Martha festhält, dass sie das seltene Beispiel einer Person ist, die im bewussten Wirken unterwegs ist. Dabei sagt Eckart: „Bewusstes Wirken nenne ich das, wo man lebendige Wahrheit mit fröhlicher Gegenwärtigkeit in guten Werken verbindet.“ Wo sich das bewusste Wirken mit einem geordneten und vernunftsgeleiteten Wirken verbindet, wie im Falle Marthas, da gilt laut Eckhart: „Da bringen uns Werke ebenso nahe zu Gott und sind uns genauso förderlich wie alles verzückte Schwelgen Maria Magdalenens.“

Maria mag für sich persönlich den besten Teil ausgewählt haben, so Eckhart, aber Martha war schon einen Schritt weiter. Sie hatte kontemplatives Schauen und aktives Wirken in ihrem Leben zu einer vollkommenen Einheit verbunden. Sie war über die reine Verzückung hinaus geschritten und wünschte sich, dass Maria ebenso über sich hinaus wachsen möge. Eckhart schreibt: „Martha war so im Wesentlichen, dass alle Wirksamkeit sie nicht hinderte und dass alles Tun und alle Geschäftigkeit sie auf ihr ewiges Heil hinleitete.“ Und in einer scheinbaren Umkehrung der mutmaßlichen Aussage des Bibeltextes ergänzt er: „Maria musste erst eine Martha werden.“

Ich möchte Meister Eckhart folgendermaßen verstehen:

Bewusstes Wirken, auch in der Politik, geschieht dort, wo in der Gegenwart des guten Lebens das kontemplative Schauen nie fern ist. Im bewussten Wirken fließt die Kontemplation in die Aktion über, nicht chronologisch, sondern beständig. Aber auch das aktive Handeln kontaminiert fortdauernd die Kontemplation. Die nur scheinbar getrennten Welten von Schau und Tun sind so aufs Engste miteinander verschachtelt. Unrecht tut nicht der, der persönlich das eine dem anderen vorzieht. Unrecht tut der, der normativ das eine höher als das andere bewertet.  Genau das zeigt einen Mangel an „Bewusstsein“ im Wirken und Beten.

Advertisements

2 Gedanken zu “Das aktive Leben als bewusstes Wirken. Notiz zu einer Predigt von Meister Eckhart.

  1. Hallo,

    Meines Erachtens ist die „Maria-Martha“ Predigt (Quint Predigt 86) nicht von Eckhart. Daher ist auch die in diesem Blog gemachte Schlussfolgerung nicht Eckhart konform.

    Meister Eckhart ist oft anderer Meinung als „andere“ Meister, aber nie bezüglich Jesus Christus.

    Entgegen der eindeutigen Aussage Christi in Lk 10:38-42 stellt die Predigt die äusserlich aktive und bekümmerte Martha höher (da angeblich reifer!) als die nur Christus zuhörende Maria. Die Martha der Predigt ist nicht die Martha des biblischen Texts, aber auch diese (erfundene) Martha ist nicht „über den Dingen.“

    Predigt Quint 86 widerspricht dem was Eckhart in seinen „echten“ Predigetn lehrt. Siehe zum Beispiel die Predigt „Iustus in perpetuum vivet et apud dominum est merces eius (Sap. 5:16)“ – was ein gerechter Mensch sei (Quint 39):

    „Im Gerechten soll nichts wirken als einzig Gott. Denn dafern dich irgendetwas von außen zum Wirken anstößt, wahrlich, so sind alle solche Werke tot; und selbst, wenn Gott dich von außen zum Wirken anstieße, wahrlich, so sind (auch) diese Werke alle tot. Sollen aber deine Werke leben, so muß Gott dich inwendig im Innersten der Seele anstoßen, wenn sie (wirklich) leben sollen: da ist dein Leben, und da allein lebst du.“

    Die „Einmischung“ der Martha in die Beziehung zwischen Maria und Jesus kann verglichen werden mit derjenigen des Apostels Petrus in die Angelegenheiten des Johannes. Als Petrus meinte er müsse sich betreffend Johannes Gedanken machen, antwortete ihm Jesus:

    „was geht es dich an? Folge du mir nach“ (Joh 21:20-22).

    Für Eckhart’s Lehre bezüglich vita activa versus vita contemplativa wäre Epheser 2:10 geeigneter:

    „Denn wir sind sein Gebilde, in Christus Jesus geschaffen zu guten Werken, die Gott vorher bereitet hat, damit wir in ihnen wandeln sollen.“

    Nicht eigene Werke sind gefragt! Predigt Quint 41:

    „ in der Weise, wie Gott wirkt, so auch wirkt der Gerechte ohne Warum; und so, wie das Leben um seiner selbst willen lebt und kein Warum sucht, um dessentwillen es lebe, so auch kennt der Gerechte kein Warum, umdessentwillen er etwas tun würde.“

    Oder (Predigt 102):

    „Unsere Seligkeit aber liegt nicht in unserm Wirken, sondern darin, dass wir Gott erleiden.“

    „Und hierin, wo wir uns leidend verhalten, sind wir vollkommener, als wenn wir wirkten.“

    Übrigens:

    Kurt Ruh’s (ein echter Eckhart Kenner) buchstäblich letztes Wort zur Maria-Martha Predigt: „Das unablässige Martha-Lob auf Kosten der Maria widerspricht so sehr dem Evangelientext, wie man es Eckhart nicht zumuten darf. Vollends die zahlreichen Ungereimtheiten, die Unverständlichkeit vieler Aussagen und der niveaulose Schluss lassen keinen Zweifel mehr zu, dass ein[en] solche[n] Text der Meister nicht geschrieben haben kann.“
    (Ruh, 2003 / zitiert in Grotz, 2009, Seite 54, Fussnote 109)

    Liebe Grüsse,
    Roland
    -/-

    • Lieber Herr Egloff,
      für Ihren detaillierten Kommentar danke ich Ihnen sehr!
      Nun bin ich leider kein Kenner der historisch-kritischen Eckhart-Forschung, kann ihnen daher nur insofern antworten, dass die Literatur, die ich hierzu bislang gelesen haben und die Experten, die ich dazu bislang gehört haben, von einer „echten“ Eckhart-Predigt ausgehen. Es mag hier unterschiedliche Forschungsmeinungen geben. Auf etwaige Diskussionen diesbezüglich konnte ich im Rahmen meines Textes aber nicht eingehen. Das hätte den Rahmen gesprengt.
      Nur eines: Ich traue einem klugen Kopf wie Eckhart durchaus zu, dass er so dialektisch um die Ecke denkt, wie er es in der vorliegenden Predigt zu tun scheint. Sein Mitbruder Thomas von Aquin hatte ihm dies in seiner Beschreibung der kontemplativen und aktiven Orden in der „summa theologica“ ja schon einmal vorgemacht.
      B. Conrad

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s