„Doctrine according to need“. John Henry Newman and the history of ideas.

Any history of ideas and concepts hinges on the observation that ideas and concepts change over time. This notion seems to be so self-evident that the question of why they change is rarely addressed.

Interestingly enough, it was only during the course of the nineteenth century that the notion of a history of ideas, concepts, and doctrines became widespread. Ideas increasingly became to be seen as contingent or “situational” as we might phrase it today. Ideas were no longer regarded as quasi-metaphysical entities unaffected by time and change. This hermeneutic shift from metaphysics to history, however, was far from sudden. It came about gradually and is still ongoing.

Please continue reading on the blog of the Journal of the History of Ideas.

Advertisements

Ideengeschichte als Biographie

„In a higher world it is otherwise, but here below to live is to change, and to be perfect is to have changed often.“

Mit diesem Zitat aus John Henry Newmans Schrift „An Essay on the Development of Christian Doctrince“ (17. Auflage, London 1927: 40) begann ich vor einiger Zeit einen Aufsatz unter dem dem Titel „Ideengeschichte als Biographie – Der Entwicklungsgedanke bei John Henry Newman“. Der Text ist 2012 in der Zeitschrift für neuere Theologiegeschichte (Jg. 19, Nr. 1) erschienen. Der Aufsatz schließt mit folgender These:

„Der Blick auf die Ideengeschichte des christlichen Glaubens verweist also zurück auf die Identität der Subjekte, welche diese Geschichte durchleben und verschriftlichen. Ideengeschichte ist ohne einen eigenen geschichtlichen Standort nicht zu haben. Die Biographie und das geschichtliche Umfeld des Dogmenhistorikers spielen in der Ausfaltung bzw. Entwicklung dieser Geschichte und ihrer wissenschaftlichen Bearbeitung eine bedeutende Rolle.“

In der modernen Ideen- und Begriffsgeschichte neigen wir dazu, den Forscher von seinem Gegenstand abzukoppeln. Der eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Der Charakter des Werkes eines Ideen-, Begriffs- und Dogmenhistorikers lässt nicht auf das Wesen und die Werte der forschenden Person schließen.

Meine Erfahrung ist eine andere: Gegenstand und Person, Werk und Wesen/Werte sind durchaus eng miteinander verbunden. Das ist der Fall bei John Henry Newman und Rowan Williams, die beide Gegenstand des Aufsatzes von 2012 sind. Das ist aber auch der Fall bei ideengeschichtlich interessierten Personen, die mir im Laufe der Jahre begegnet sind. Und auch bei mir selbst beobachte ich diesen Zug: Das eigene Wesen, die eigenen Werte nehmen Einfluss darauf, welchen Gegenstand wir uns als Forscher wählen und wie wir mit diesem Gegenstand umgehen.

Poetisch lässt sich dieser Umstand vielleicht so ausdrücken:

 

Vergangenheit

ein vielgelesenes Buch und

nie recht verstanden

wieder kehre ich es hervor

bleibe hängen an

verblichenen Jahren

den Geschichten des Ichs

 

© Burkhard Conrad

 

In diesem Sinne verabschiede ich mich von meinen Leserinnen und Lesern aus dem (fast) vergangenen Jahr. Ich freue mich auf viele gute Geschichten und Anregungen im neuen Jahr.

Jaroslav Pelikan und die Idee einer christlichen Ideengeschichte

Gibt es eine spezifisch christliche Ideengeschichte?

Folgt man dem US-amerikanischen Geschichtswissenschaftler Jaroslav Pelikan (1923-2006), so ist dies durchaus der Fall. Jaroslav Pelikan legte mit seinem fünfbändigen Werk The Christian Tradition: A History of the Development of Doctrine  (1973-1990)eine umfassende Studie vor, die methodisch davon ausging, dass christliche Ideengeschichte nicht eine „einfache“ Geschichte sukzessiv aufkommender Ideen und Begriffe ist.

In dem methodischen Vorab-Band zu „The Christian Tradition“ erläutert Pelikan seinen für einen Inhaber eines historischen Lehrstuhls in Yale ungewöhnlich programmatischen Ansatz. Der Vorab-Band trägt den Titel „Development of Christian Doctrine. Some Historical Prolegomena“ (1969) und lehnt sich in Titel und Inhalt explizit an John Henry Newman an. Dieser hatte mit seinem Buch „Essay on the Development of Christian Doctrine“ aus dem Jahr 1845 überhaupt erst die Disziplin der theologischen Dogmengeschichte – und vielleicht auch der Ideengeschichte als solcher? – auf den Weg gebracht. Mehr als hundert Jahre nach Newmans Essay nimmt Pelikan dessen Anregungen auf und formuliert in einem Umfeld umfassender Säkularisierung auch in der Geisteswissenschaft neu aus, was eine spezifisch christliche Ideengeschichte sein kann.

John Henry Newman wurde aus biographischen Gründen zu seiner Version der Ideengeschichte hingeführt. Er wollte für sich klar haben, welche Lehren er zu glauben und welche zu verwerfen hatte. So beschäftigt sich Newmans Essay in großem Umfang mit dem Feststellen und Erkennen von richtigen und falschen Glaubensaussagen. Newman suchte sich auf dem Wege dieses Buches Antworten auf seine existentiellen Fragen und Zweifel.

Die Reflexion auf die eigene Biographie mag auch bei Jaroslav Pelikans ideengeschichtlichem Ansatz nicht unerheblich sein. Doch tritt diese Dimension auf den ersten Blick nicht so klar zu Tage wie bei Newman. Vielmehr ist es Pelikans Anliegen, die christliche Ideengeschichte von anderen möglichen Ideengeschichten abzugrenzen. Solche anderen, möglicherweise säkularen Ideengeschichten waren in der Mitte des 19. Jahrhundert gänzlich unbekannt, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts (und auch heute) dagegen weit verbreitet.

Obwohl Jaroslav Pelikan sich in vielen Punkten von John Henry Newman abgrenzt, so teilt er doch dessen ideengeschichtliche Prämisse. In seinen Prolegomena schreibt Pelikan, was auch Newman so hätte formulieren können: „Christian doctrines are ideas and concepts, but they are more.“ Und was genau macht dieses Mehr aus? Pelikan erläutert es: „Christian doctrine is what the Church believes, teaches, and confesses as it prays and suffers, serves and obeys, celebrates and awaits the coming of the kingdom of God.“ (143) Und er fährt fort: „The ‚inner logic‘ in the evolution of doctrine must be discerned, therefore, in the matrix of the total life of the Christian community.“ (144).

Pelikan wendet sich in diesem Punkt explizit gegen eine lutherische Dogmengeschichte deutscher Sprache – und damit gegen Adolf von Harnack – der er vorwirft, eine Ideengeschichte „on the great ideas of the great theologians“ (144) zu sein. Eine solche Ideengeschichte lege ihr Hauptaugenmerk auf das diskontinuierliche Moment, das einzelne große Denker miteinander verbindet, während Pelikan mit Newman das kontinuierliche Moment zu stärken versucht. Dieses ist für Pelikan gerade darin gegeben, dass die christliche Ideengeschichte das Resultat einer kollektiven und multiperspektivischen Anstrengung ist. Die Kirche als Gemeinschaft schreibt christliche Ideengeschichte und nicht vorrangig der individuelle Theologe als Solitär.

In diesem Punkt ist Jaroslav Pelikan in seiner Zeit der sonstigen, sozusagen säkularen Ideengeschichte weit voraus. Noch heute muss in dieser immer wieder festgestellt werden, dass die Ideen- und Begriffsgeschichte nicht nur das Ergebnis der Forschungsarbeit einiger weniger großer Denker ist. Die Geschichte von Ideen ist ein kollektives Unterfangen von Menschen, die wissenschaftlich oder politisch, intendiert oder unintendiert, ausgewogen oder polemisch in die gesellschaftliche Debatte eingreifen.

Was heißt das für unsere Eingangsfrage? Gibt es eine spezifisch christliche Ideengeschichte oder nicht? Die Frage lässt sich in zwei Richtungen auflösen: Nein, es gibt sie nicht, da jede Ideengeschichte eine kollektive Anstrengung ist. Oder: Ja, es gibt sie. Und die säkulare Ideengeschichte musste von der christlichen Ideengeschichte erst lernen, dass das vielstimmige Kollektiv, sozusagen die „Kirche“, ein entscheidender Motor in der Entwicklung von Ideen und Begriffen ist.