Jaroslav Pelikan und die Idee einer christlichen Ideengeschichte

Gibt es eine spezifisch christliche Ideengeschichte?

Folgt man dem US-amerikanischen Geschichtswissenschaftler Jaroslav Pelikan (1923-2006), so ist dies durchaus der Fall. Jaroslav Pelikan legte mit seinem fünfbändigen Werk The Christian Tradition: A History of the Development of Doctrine  (1973-1990)eine umfassende Studie vor, die methodisch davon ausging, dass christliche Ideengeschichte nicht eine „einfache“ Geschichte sukzessiv aufkommender Ideen und Begriffe ist.

In dem methodischen Vorab-Band zu „The Christian Tradition“ erläutert Pelikan seinen für einen Inhaber eines historischen Lehrstuhls in Yale ungewöhnlich programmatischen Ansatz. Der Vorab-Band trägt den Titel „Development of Christian Doctrine. Some Historical Prolegomena“ (1969) und lehnt sich in Titel und Inhalt explizit an John Henry Newman an. Dieser hatte mit seinem Buch „Essay on the Development of Christian Doctrine“ aus dem Jahr 1845 überhaupt erst die Disziplin der theologischen Dogmengeschichte – und vielleicht auch der Ideengeschichte als solcher? – auf den Weg gebracht. Mehr als hundert Jahre nach Newmans Essay nimmt Pelikan dessen Anregungen auf und formuliert in einem Umfeld umfassender Säkularisierung auch in der Geisteswissenschaft neu aus, was eine spezifisch christliche Ideengeschichte sein kann.

John Henry Newman wurde aus biographischen Gründen zu seiner Version der Ideengeschichte hingeführt. Er wollte für sich klar haben, welche Lehren er zu glauben und welche zu verwerfen hatte. So beschäftigt sich Newmans Essay in großem Umfang mit dem Feststellen und Erkennen von richtigen und falschen Glaubensaussagen. Newman suchte sich auf dem Wege dieses Buches Antworten auf seine existentiellen Fragen und Zweifel.

Die Reflexion auf die eigene Biographie mag auch bei Jaroslav Pelikans ideengeschichtlichem Ansatz nicht unerheblich sein. Doch tritt diese Dimension auf den ersten Blick nicht so klar zu Tage wie bei Newman. Vielmehr ist es Pelikans Anliegen, die christliche Ideengeschichte von anderen möglichen Ideengeschichten abzugrenzen. Solche anderen, möglicherweise säkularen Ideengeschichten waren in der Mitte des 19. Jahrhundert gänzlich unbekannt, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts (und auch heute) dagegen weit verbreitet.

Obwohl Jaroslav Pelikan sich in vielen Punkten von John Henry Newman abgrenzt, so teilt er doch dessen ideengeschichtliche Prämisse. In seinen Prolegomena schreibt Pelikan, was auch Newman so hätte formulieren können: „Christian doctrines are ideas and concepts, but they are more.“ Und was genau macht dieses Mehr aus? Pelikan erläutert es: „Christian doctrine is what the Church believes, teaches, and confesses as it prays and suffers, serves and obeys, celebrates and awaits the coming of the kingdom of God.“ (143) Und er fährt fort: „The ‚inner logic‘ in the evolution of doctrine must be discerned, therefore, in the matrix of the total life of the Christian community.“ (144).

Pelikan wendet sich in diesem Punkt explizit gegen eine lutherische Dogmengeschichte deutscher Sprache – und damit gegen Adolf von Harnack – der er vorwirft, eine Ideengeschichte „on the great ideas of the great theologians“ (144) zu sein. Eine solche Ideengeschichte lege ihr Hauptaugenmerk auf das diskontinuierliche Moment, das einzelne große Denker miteinander verbindet, während Pelikan mit Newman das kontinuierliche Moment zu stärken versucht. Dieses ist für Pelikan gerade darin gegeben, dass die christliche Ideengeschichte das Resultat einer kollektiven und multiperspektivischen Anstrengung ist. Die Kirche als Gemeinschaft schreibt christliche Ideengeschichte und nicht vorrangig der individuelle Theologe als Solitär.

In diesem Punkt ist Jaroslav Pelikan in seiner Zeit der sonstigen, sozusagen säkularen Ideengeschichte weit voraus. Noch heute muss in dieser immer wieder festgestellt werden, dass die Ideen- und Begriffsgeschichte nicht nur das Ergebnis der Forschungsarbeit einiger weniger großer Denker ist. Die Geschichte von Ideen ist ein kollektives Unterfangen von Menschen, die wissenschaftlich oder politisch, intendiert oder unintendiert, ausgewogen oder polemisch in die gesellschaftliche Debatte eingreifen.

Was heißt das für unsere Eingangsfrage? Gibt es eine spezifisch christliche Ideengeschichte oder nicht? Die Frage lässt sich in zwei Richtungen auflösen: Nein, es gibt sie nicht, da jede Ideengeschichte eine kollektive Anstrengung ist. Oder: Ja, es gibt sie. Und die säkulare Ideengeschichte musste von der christlichen Ideengeschichte erst lernen, dass das vielstimmige Kollektiv, sozusagen die „Kirche“, ein entscheidender Motor in der Entwicklung von Ideen und Begriffen ist.

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