Über die „Entstehung des geschichtlichen Bewusstseins“ im 19. Jahrhundert – eine Notiz zu Hans-Georg Gadamer

Im europäischen 18. und 19. Jahrhundert hat sich ideengeschichtlich betrachtet viel getan: über die Säkularisierung des Denkens bzw. die Verschiebung der Sinngehalte weg vom originären Religiösen hin zu anderen Bereichen wurde schon viel geschrieben; die Ausdifferenzierung der Wissenssysteme bis hin zur Institutionalisierung verschiedener Wissensbereiche an Bildungseinrichtungen wie Schule und Hochschule ist wohl bekannt; die Um- und Ausprägung zahlreicher Grundbegriffe der sozialen und politischen Sprache hat Reinhart Koselleck dazu gebracht hat, von der Zeit als einer „Sattelzeit“ zu sprechen.

Mit diesen Veränderungen, besonders mit der Letztgenannten, ist eng verbunden, was Hans-Georg Gadamer in seinem Buch Wahrheit und Methode (Tübingen 1960/1990) als die „Entstehung des geschichtlichen Bewusstseins“ umschreibt.

Was meint Gadamer mit der „Entstehung des geschichtlichen Bewusstseins“?

Die Entstehung des geschichtlichen Bewusstsein muss – im Kontext von Wahrheit und Methode eigentlich selbstverständlich – als die Verwirklichung eines spezifischen Zugangs zum Verstehen von historisch gewachsener Welt und Wirklichkeit verstanden werden. Es handelt sich also um einen hermeneutischen Deutungsversuch. Die Dinge der Vergangenheit – Gadamer spricht von Überlieferung, Kunst und „anderen geistigen Schöpfungen der Vergangenheit, Recht, Religion, Philosophie usw.“ (170) – erzählen bzw. offenbaren ihr Wesen nicht in unmittelbarer Weise, sondern ihr Wesen, ihren Sinn gilt es für den Betrachter erst zu erschließen.

Bei der Betrachtung muss man sich gewahr werden, dass diese Dinge eben einer Vergangenheit, der Geschichte, angehören und uns mitunter befremdlich anmuten. Aus diesem entfremdeten, distanzierten, aber durchaus nach Sinn strebenden Blick zurück in die Vergangenheit heraus entsteht das Bewusstsein, dass es so etwas wie Geschichte gibt. Die betrachteten Dinge und Phänomene sind nicht einfach Vergangenheit, sie sind mit Bedeutung aufgeladene Geschichte. Koselleck würde hinzufügen: Aus den vielen Geschichten der Vergangenheit wird so der Kollektivsingular der einen Geschichte.

Die Entstehung des historischen Bewusstsein entspringt, so schreibt Gadamer, aus der „Entwicklung der hermeneutischen Methode in der Neuzeit“ (177). Seine Referenzpersonen an dieser Stelle sind Schleiermacher und Hegel. Man könnte es aber durchaus auch anders herum formulieren: Die Entstehung des historischen Bewusstseins auf der einen Seite und die schrittweise Verfeinerung des Weltverstehens aus Texten, Quellen und Zeugnissen heraus auf der anderen Seite bedingen sich wechselseitig.

Mit Bezug auf Friedrich Schleiermacher sagt Gadamer aus, dass die dogmatischen Interessen den historischen Interessen weichen (200f.). Die Geschichte beginnt sich selbst auszulegen und folgt in ihrer Auslegung keinem vorab festgelegten Muster mehr. Man könnte freilich mit Bezug auf John Henry Newman auch aufzeigen, dass die dogmatischen Interessen mittels des geschichtlichen Bewusstsein dynamisiert wurden. Das Dogma wird selbst geschichtlich vermittelte Wahrheit und Sinnversprechen. Dazu schreibt Gadamer:

„Die Wendung zum historischen Bewußtsein ist dann nicht ihre (der Hermeneutik, BC) Befreiung von den Fesseln des Dogmas, sondern ein Wandel ihres Wesens“ (181).

 

 

Henry David Thoreau on Walking, Part 2

Henry David Thoreau loved to walk. But not only did he love to walk. Thoreau was also aware of the fact that walking always is an exercise in practical freedom. However, there are many obstacles that may be in the way of the rambler; obstacles not so much of the natural kind, obstacles more of the human kind: fences, roads, traps, boundaries, borders etc. Obstacles to freedom.

In a way, it’s all there in the following quote: the demand for the freedom to roam, a critique of gated communities and the nation state, a migration ethics of sort. In 1851 America.

Thoreau wrote in his Journal on 12. February 1851:

„I trust that the walkers of the present day are conscious of the blessings which they enjoy in the comparative freedom with which they can ramble of the country & enjoy the landscape – anticipating with compassion that future day when possibly it will be partitioned off into so called pleasure grounds where only a few may enjoy the narrow & exclusive pleasure which is compatible with ownership. When walking over the surface of Gods earth – shall be construed to mean trespassing on some gentleman’s grounds. When fences shall be multiplied & man traps & other engines invented to confine men to the public road. I am thankfull that we have yet so much room in America.“ (Journal, 12. February 1851)

Besprechung: Oxford Handbook of the Oxford Movement (2017)

Die Seligsprechung von John Henry Newman im Jahr 2010 durch Papst Benedikt hat den Bekanntheitsgrad der anglikanischen „Oxford Movement“ auch in Deutschland erhöht. Es hat aber den Anschein, dass das Interesse sich hierzulande vorwiegend auf Newman selbst als dem bekanntesten Protagonisten der Bewegung konzentriert. Das vielfältige Geflecht an Personen und Ideen, welches die Bewegung ausmacht, ist im deutschsprachigen Bereich hingegen nur Wenigen bekannt. Ein Indiz für diese relative Unbekanntheit der Bewegung hierzulande ist auch, dass der hier zu besprechende Band – in der Tat keine günstige Anschaffung – auch zwei Jahre nach seinem Erscheinen nur in einer Handvoll bundesdeutscher Bibliotheken zu finden ist.

(…)

Lesen Sie weiter in der Theologischen Revue Jg. 115, Nr. 2, Sp. 119-120. Bei Interesse am Text gerne auch unter rotsinn(at)gmx.de melden.

Demokratie braucht Bildung. Über den Zusammenhang von Bildung und Wahlrecht im 19. Jahrhundert

Folgende Hypothese ist öfters zu hören: Ein höherer Bildungsstand führt verstärkt zur Forderung eines allgemeinen, freien und geheimen Wahlrechts. Dass dem nicht unbedingt so sein muss, sehen wir an einem Land wie China.

Was sich für das 19. Jahrhundert auf jeden Fall bestätigen lässt ist folgende Hypothese: Die Einführung eines allgemeinen, freien und geheimen Wahlrechts hängt oft zusammen mit einer gleichzeitig vorgetragenen Forderung nach einer höheren Bildung.

So geschehen in der britischen Geschichte des 19. Jahrhunderts: Durch mehrere Gesetzgebungsschübe wurde zwischen 1832, 1867 und 1884  das Wahlrecht in Großbritannien auf einen erheblichen Teil der männlichen Bevölkerung ausgeweitet (und zuletzt 1918 und 1928 auch auf Frauen). Damit kamen Menschen in den Genuss des Wahlrechts, die im Gegensatz zu den privilegierten Kreisen bislang nur begrenzten Zugang zu einer Schul- und Hochschulbildung hatten.

Etwa zur gleichen Zeit wurde nun aber auch der Zugang zu dieser Bildung zunehmend demokratisiert: Schulen wurden gebaut; der Staat etablierte sich als maßgeblicher Akteur in der später auch verpflichtenden Schulbildung; der Zugang zu den Universitäten wurde erweitert und neue Universitäten ergänzten das Angebot der traditionellen Einrichtungen. Das Recht zu Wählen und der Zugang zur Bildung verloren also beide etwa zeitgleich ihren Status als Privileg für die Wenigen und etablierten sich als ein Recht für die Vielen.

Nicht ohne ein gehöriges Maß an wohlmeinendem Paternalismus wurde damals über den nicht nur zufälligen, sondern auch kausalen Zusammenhang des Wahlrechts mit der Bildung gesprochen. Die zentrale Forderung dabei war: Wer das Wahlrecht habe, der müsse auch über ein Mindestmaß an Bildung verfügen, um mit diesem Wahlrecht auch verantwortungsvoll umgehen zu können. Normativ übersetzt lautete die Forderung: Demokratie braucht Bildung.

Um diese Forderung nach doppelter Teilhabe zu illustrieren, folgen drei Beispiele aus den britischen Parlamentsakten der 1860er und 1870er Jahre (zitiert u.a. in Simon Heffer: High Minds. The Victorians and the Birth of Modern Britain, London, 2014):

 

1.

In der Debatte zur zweiten Erweiterung des Wahlrechts in 1867 sprach der Abgeordnete Robert Lowe von der notwendigen Verknüpfung von Bildungs- und Wahlrechtsfragen. Er tat dies aber mit den Worten eines Skeptikers, der sich gegen die Ausweitung des Wahlrechts auf die ungebildeten „Massen“ wendete. Wo das eine  – Bildung – nicht sicher gestellt sei, da solle man das andere – Wahlrecht – nicht wagen. Lowe sprach in der Debatte zur angestrebten Wahlrechtsreform wie folgt:

One word I should like to say on the subject of education. I have been one who thought that  our institutions in that respect were as efficient as they could well be. I shrink from the notion of forcing education on people. It seemed more in accordance with our institutions to allow the thing to work and freely to supplement the system. That whole question has now completely changed. All the opinions I held on that subject are scattered to the winds by this measure of the Government. Sir, it appears to me that before we had intrusted the masses—the great bulk of whom are uneducated—with the whole power of this country we should have taught them a little more how to use it, and not having done so, this rash and abrupt measure having been forced upon them, the only thing we can do is as far as possible to remedy the evil by the most universal measures of education that can be devised. I believe it will be absolutely necessary that you should prevail on our future masters to learn their letters. It will not be unworthy of a Conservative Government, at any rate, to do what can be done in that direction. I was opposed to centralization, I am ready to accept centralization; I was opposed to an education rate, I am ready now to accept it; I objected to inspection, I am now willing to create crowds of inspectors. This question is no longer a religious question, it has become a political one. It is indeed the question of questions; it has become paramount to every other question that has been brought before us. From the moment that you intrust the masses with power their education becomes an absolute necessity, and our system of education, which—though not perfect, is far superior to the much-vaunted system that prevails in America or any nation on the Continent, as one system can be to another—must give way to a national system. But we shall have to destroy it; it is not quality but quantity we shall require, although we shall thereby be doing a great injustice to those who have so warmly embarked their energies in the cause. You have placed the government in the hands of the masses, and you must therefore give them education. You must take education up the very first question, and you must press it on without delay for the peace of the country.

(Hansard 188, Sp. 1549 bwz. bei Heffer S. 419.)

 

2.

William Edward Forster, Mitglied der liberalen Partei und Befürworter einer Ausweitung des Wahlrechts, brachte in den späten 1860er Jahren mehrere Gesetzesinitiativen zur Verbesserung der Bildungs- und Schulsituation auf den parlamentarischen Weg. Unter anderem war es ihm ein Anliegen, dass bestehende Schulen durch Inspektionen auf ein Mindestmaß an Qualitätssicherung verpflichtet wurden; dass die Schulleiter ebenfalls ein Mindestmaß nachgewiesener Kompetenz vorweisen konnten;  und dass Schulen die finanziellen Möglichkeiten hatten, auch ärmere Schüler aufzunehmen (vgl. Heffer, 432). Während einer Parlamentsdebatte zur sog. „Elementary Education Bill“ äußerte sich Forster zum Zusammenhang von Wahlrecht und Bildung wie folgt:

To its honour, Parliament has lately decided that England shall in future be governed by popular government. I am one of those who would not wait until the people were educated before I would trust them with political power. If we had thus waited we might have waited long for education; but now that we have given them political power we must not wait any longer to give them education. There are questions demanding answers, problems which must be solved, which ignorant constituencies are ill-fitted to solve.

(Hansard 199, Sp. 465 bzw. Heffer 439)

 

3.

Anthony Mundella, ebenfalls Mitglied der liberalen Partei im britischen Unterhaus, war ein früher Verfechter der allgemeinen Schulpflicht. Bei einer Rede im Parlament am 15. Juni 1876 unterstrich er ebenfalls den Zusammenhang von Wahlrecht und Bildung und sprach sich dafür aus, die notwendigen Investitionen für die Bildung breiter Bevölkerungsschichten nicht länger zu scheuen. Mundella sagte gemäß der parlamentarischen Mitschrift:

Education was now a great public necessity. They were gradually extending the franchise, so that in time the agricultural labourer would be in possession of it, and that being so, it became  the duty of the State to see that he was so far educated as to understand the value of the right which he possessed. He hoped he should hear no more about the expense of carrying out a complete system.

(Hansard 229, Sp. 1904 bzw. Heffer 788)

 

Demokratie braucht also Bildung. Dieser Zusammenhang ist seit der Mitte des 20. Jahrhundert Konsens in der bundesrepublikanischen politischen Bildung. Die normative Forderung ist aber viel älter, wie die hier angeführten Beispiele zeigen. In Zeiten des Populismus und der Verführung der Massen mag es sich lohnen, sich diesen engen Zusammenhang in Erinnerun zu rufen. Freilich wird die Bildung damit nicht zu einer Bedingung, an deren Erfüllung die Beteiligung an demokratischen Verfahren geknüpft ist. Das wäre wieder zuviel des Paternalismus. Die Forderung nach mehr (politischer) Bildung sollte man zum Wohle der Bildung aber dennoch nicht fallen lassen.

Vom Umgang mit religiöser Pluralität im 19. Jahrhundert

Das 19. Jahrhundert ist das Jahrhundert, in welchem man sich in Großbritannien (und nicht nur dort) in besonderem Maße der religiösen Pluralität bewusst wurde. Damit ist gemeint: Die religiöse Pluralität der Gesellschaft ist nicht im 19. Jahrhundert entstanden, vielmehr enthüllte sich in dieser Zeit dem Beobachter die Pluralität als eine unbestreitbare gesellschaftliche Tatsache. Also begann man mit einem bewussten Nachdenken über sie. Und man begann auch mit einem bewussten Nachdenken über die politische Konsequenzen, welche sich aus dieser festgestellten religiösen Vielseitigkeit ergeben sollten. Denn: Nicht eingestandene gesellschaftliche Pluralität setzt politische Institutionen zu allen Zeiten gehörig unter Druck.

Das politische Gefüge, das in England (≠ Vereinigtes Königreich) bis dato Bestand hatte, war letztlich monogam. Staat und anglikanische Kirche waren eng miteinander verbunden. Alle anderen Konfessionen und Denominationen blieben im politischen Betrieb weitgehend randständig. Politische und öffentliche Ämter gingen mit eindeutiger anglikanischer Kirchenmitgliedschaft einher, was aber nicht mit innerer religiöser Überzeugung der jeweiligen Amtsträger zu verwechseln ist. Das gleiche galt für die Zulassung zu Studien an den englischen Universitäten in Oxford, Cambridge und (ab den 1830ern) Durham, die daran gekoppelt waren, dass man das religiöse Statut der 39 Artikel ausdrücklich bejahte.

Diese religionspolitische Monogamie wurde im 19. Jahrhundert aber zunehmend abgebaut. Sie entsprach einfach nicht mehr der gesellschaftlichen Pluralität, welche inzwischen eine Vielzahl größerer und sozial relevanter Religionsgemeinschaften kannte. Mit Blick auf das politische Institutionengefüge vollzogen sich mit den Jahren einschneidende Pluralisierungsschübe. Ein kleine Auswahl sei genannt:

  • die katholische Emanzipation, d.h. die Zulassung katholischer Gläubiger zu politischen Ämtern im Jahr 1829;
  • die jüdische Emanzipation, d.h. die Zulassung der Mitglieder der jüdischen Kultgemeinden zu politischen Ämtern im Jahr 1858;
  • die Öffnung der traditionellen Universitäten für die sog. Nonkonformisten (protestantische, aber nicht-anglikanische Gläubige wie z.B. Methodisten), ebenso für die römischen Katholiken und für die Gläubigen anderer Religionen im Jahr 1871.

Diese gesetzgeberischen Daten stellten oft das Ende einer jahrelangen und von diversen juristischen Zwischenschritten begleiteten politischen Diskussion dar. Sie waren hart erkämpft und auch noch am Tag der Entscheidung nicht unumstritten.

Aber nicht nur gesetzgeberisch tat sich im 19. Jahrhundert einiges. Auch auf der gesellschaftlichen Meso-Ebene setzte man sich mit der neu entdeckten Pluralität auseinander. Dabei ist auffallend, dass man in Großbritannien vielerorts nicht versuchte, dieser religiösen Vielfalt mit einer weltanschaulicher Neutralität oder gar Laizität zu begegnen. Die Religion wurde nicht aus dem gesellschaftlichen Leben verbannt. Man versucht nur, ihr nach Möglichkeit den spalterischen Zahn zu ziehen.

So lässt sich auch folgendes Dokument lesen. Es entstammt der Gründungsgeschichte des auch noch heute tätigen Wohlfahrtsverbandes Barnardo’s. Der Verband gründete sich aus dem sozialen Engagement von Thomas Barnardo (1845-1905), der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in London damit begann, Häuser für verelendete Kinder zu eröffnen. Dies tat Barnardo aus einer zutiefst christlich-protestantischen Motivation heraus, wie Simon Heffer (in: High Minds. The Victorians and the Birth of Modern Britain, London: Windmill, 2014, 635) schreibt. Seine religiöse Motivation umschreibt Barnardo wie folgt (abgedruckt ebd., 656f.):

The Homes have from the beginning been conducted on definitely religious lines. They are Christian institutions, carried on in the spirit of the Gospel. They are, of course Protestant, but no creed or party can claim their work exclusively for its own. Every candidate, or his or her responsible guardian, is plainly informed, at the time of application, that these are Protestant Homes, and that no other religious instruction is afforded than such as is in accordance with the teaching of the Word of God. As of yore, I could not allow any question of sect or creed to close my doors in the face of a really destitute and homeless child, and admission is in no single instance with a view to proselytism. The Homes are conducted on the broadest Christian basis consistent with loyalty to the truths of the Gospel. They are inter-denominational Homes in the following very important senses:
1. They receive children of all creeds or of none, without any regard to
denomination.
2. They are supported by sympathizers in all sections of the Church of
Christ, irrespective of sect.
3. They are carried on and practically managed by workers who, like the
subscribers, belong to almost every section of that Church Universal,
which is made up of all those who love our Lord Jesus Christ in
sincerity.
4. An earnest endeavour is, therefore, made to bring up each child in the
Church to which its parents nominally belonged. I am bound to add
that the chief aim of all associated with me (irrespective of Churches or
denominations) is to bring these children up, experimentally, in the
fear of the Lord, and to draw them in faith and love to the feet of our Saviour Christ.

(zu finden auch unter Barnardo’s Christian Heritage.

Barnardo unterhielt also durchaus christliche Häuser, welche auch eine religiöse Erziehung der untergebrachten Kinder vorsahen. Bei dieser Erziehung orientierte sich Barnardo – so man den obigen Aussagen Glauben schenken kann – an grundlegenden christlichen Glaubenshaltungen und -sätzen. Gleichzeitig war ihm offenbar wichtig, dass die Konfession bzw. Denomination, aus welcher die Kinder familiär stammten, bei der Erziehung im Heim Berücksichtigung fand. Barnardo’s Häuser dienten dem Buchstaben nach nicht der Missionierung, sondern der christlich motivierten, christlich „geframten“ und christlich imprägnierten Armutsbekämpfung vor dem Hintergrund einer religiös vielstimmig gewordenen britischen Stadtgesellschaft. Prinzipientreue und Ambiguitätstoleranz kommen hier zusammen. Das rechte Maß zwischen diesen beiden Grundhaltungen half bei der Bewältigung der fortschreitenden Pluralisierung der Gesellschaft.

 

Und das „Problem der religiösen Pluralität“ mit Blick auf die Lage im 21. Jahrhundert behandelte Gert Pickel im Januar 2018 auf feinschwarz

„I once thought that our people must be brought to the Church; now I think the Church must come to them.“

Müssen die Menschen zur Kirche kommen oder muss die Kirche zu den Menschen gehen?

Schon vor über 150 Jahren war dies eine wichtige Frage. Das zeigt das oben angeführte Zitat, das hier noch einmal wiederholt werden soll:

„I once thought that our people must be brought to the Church; now I think the Church must come to them.“

Zugeschrieben wird dieses Zitat dem hochkirchlichen Geistlichen Robert Suckling (1818-1851), der Mitte des 19. Jahrhundert seinen Dienst in dem Weiler Bussage innerhalb der anglikanischen Diözese von Gloucester leistete. Überliefert wird das Zitat von Isaac Williams in dessen „A short Memoir of the Rev. R.A. Suckling“ aus dem Jahr 1852. Abgedruckt fand ich es in O.W. Jones (1971): Isaac Williams and his circle“ (London: SPCK: 117).

Interessant an diesem Zitat sind auch für heutige Zusammenhänge aus meiner Sicht (mindestens) drei Punkte:

  • Die Ausformulierung einer kirchlichen Haltungsänderung mit expliziter Öffnungsformel ist viel älter als heutige pastoral-kirchliche Überlegungen vermuten lassen.  Schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts nutzte man Formulierungen, wie sie 1:1 auch heute Verwendung finden. Schon damals beschäftigte man sich mit dem Problem, dass die Menschen nicht von alleine ihren Weg in die Kirche finden. Das verhilft zur Gelassenheit.
  • Die Formulierung von Suckling ist – so legt es der Kontext nahe – einer sozialen Agenda geschuldet. Die Motivation dieser Öffnungsformel erwuchs aus einem karitativ-diakonischen Bewusstsein heraus. So berichtete Isaac Williams in seiner Schrift, dass Suckling regelmäßig kranke Gemeindemitglieder besuchte und auch für Frauen, die sich aus Armut zur Prostitution gezwungen sahen, Hilfe organisierte (ebd.). Auf die Menschen zu zugehen ist hier also keine beliebig füllbare Maxime, sondern bezieht sich konkret auf die kirchliche Option für die Armen.
  • Die Formulierung spielt mit der doppelten Bedeutung des Wortes „Kirche“. Das eine Mal ist „Kirche“ ein konkretes Gebäude. Es handelt sich um das Gotteshaus der Ortsgemeinde, in das sich zu Gottesdienstzeiten offenbar nicht mehr so viele Leute verlaufen. Das andere Mal ist „Kirche“ eine vor Ort durch konkrete Menschen repräsentierte Institution. Im Gegensatz zur Kirche als Gebäude können sich Menschen fortbewegen. Gebäude und menschlich vermittelte Institution werden hier – etwas unlauter – gegeneinander ausgespielt. Kontemplative Immobilität steht aktiver Mobilität gegenüber.

Vielleicht wäre es richtiger zu sagen:

Tue das eine – die Menschen „aktiv“ in ihren Lebenszusammenhängen in der Welt aufzusuchen – ohne das andere – das Haus Gottes „kontemplativ“ zu bebeten – zu lassen. Beides sei in der richtigen Haltung einer durchlässigen diakonisch-liturgischen, kontemplativ-aktiven Seelsorge zu verwirklichen.

 

Was ist der Westen? Einige Zitate und der Versuch einer Definition.

Vor einigen Tagen veröffentlichte ich an dieser Stelle den Bericht eines Podiumsgesprächs unter Historiker_innen, das sich der Idee des Westens widmete. Mein Beitrag endete mit einigen Fragen: „Wer waren und sind die Träger einer Idee des Westens? In welchen Kontexten wird vom Westen gesprochen? In welcher Situation werden seine Werte hochgehalten? Wo beginnt und wo endet der Westen?“

Im „Historischen Wörterbuch der Philosophie“ fanden sich nun einige passende Passagen, die als eine mögliche Antwort auf einige meiner Fragen dienen können. Diese Passagen klären keineswegs alles auf, doch können sie hilfreich sein. Ich empfehle die Lektüre des ganzen Artikels. Alle Zitate finden sich im Band W-Z aus dem Jahr 2004 auf den Spalten 661-675.

Zur Geografie des Westens: „Eine relativ klare Trennungslinie zwischen Orient und Okzident festigte erst die Teilung des Römischen Reiches, die Auflösung des Westteils und die Entfremdung zwischen den lateinischen und den griechischen Kirchen.“ (661)

Zur semantischen Abhängigkeit des Westens von dem Osten (und anders herum): „Westen und Osten fungieren, begriffsgeschichtlich betrachtet, als Großstereotypen, deren häufig persuasive geschichtliche Selbst- oder Fremdbeschreibung von den jeweiligen Deutungsinteressen abhängig ist.“ (661) Bzw.:“Seit der frühen Neuzeit entwickeln sich (…) Vorstellungen, die bei allen perspektivischen Unterschieden dem Westen eine Superiorität über den Osten zusprechen.“ (663) Bzw. die Sowjetunion unter Stalin: „Westen wird nun zu einer Metapher für die kapitalistische Welt, deren Differenzen kaum noch gesehen werden.“ (670)

Was vom Osten erwartet wurde: „Ex oriente lux.“ (664)

Soviel zur Kontingenz von Himmelsrichtungen: „…, daß erst im 19. Jahrhundert Rußland in der westeuropäischen Fremdbeschreibung vom ‚Norden‘ zum ‚Osten‘ Europas mutierte.“ (668) Bzw.: „China versteht sich von alters her als ‚Land der Mitte‘.“ (672)

Ideen leben in Abhängigkeit von politischen Interessen: „Der Gebrauch solcher ‚Superkategorien‘ wie ‚der Westen‘ und ‚der Osten‘ wird häufig von den Interessen politischer Rhetorik dominiert. Karriere macht der Begriff ‚Westen‘ sowohl in China als auch in Japan erst im Kontext der Modernisierungsdiskussion.“ (674)

Was ist also der Westen? Vielleicht kann man den Westen vorläufig so definieren:

Der Westen ist eine an ihren Rändern durchlässige geografische Einheit, die spätestens seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts uneinheitlich über die Weltkugel verteilt ist. Der Westen ist gleichzeitig auch die Idee einer Einheit von Wertvorstellungen, die ebenfalls seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eng mit dem zivilisatorischen Projekt von Demokratie und Gleichheit verbunden ist. Der Westen lebt zuletzt seit je her von seiner Gegenüberstellung mit einem wie auch immer gearteten und vorgestellten Anderen, dem Osten.