Über Resonanz und Horizontverschmelzung oder: Was Hartmut Rosa und Hans-Georg Gadamer gemeinsam haben.

Zufällig lese ich Hartmut Rosas Essay „Unverfügbarkeit“ aus dem Jahr 2008 unmittelbar im Anschluss an Hans-Georg Gadamers Buch „Wahrheit und Methode“ aus dem Jahr 1960. Dieser Zufall ermöglicht mir sozusagen eine der unverfügbaren Resonanzerfahrungen, von denen Rosa in seinem Essay schreibt.

Beim zufälligen Nacheinander-Lesen der beiden ungleichen Bücher fällt mir folgendes auf:

Die Erfahrung von Resonanz, von welcher Hartmut Rosa schreibt, ist der Erfahrung von Horizontverschmelzung, die Hans-Georg Gadamer thematisiert, nicht unähnlich. Man könnte sagen, dass Resonanz und Horizontverschmelzung begriffliche Geschwister an unterschiedlichen diskursiven Orten sind.

Hans-Georg Gadamer interessiert sich in „Wahrheit und Methode“ für die Grundlinien unseres Verstehens von Texten, Worten, Kunstwerken oder allgemein: Erfahrungen. Das meint der Untertitel seines Werkes: „Grundzüge einer philosophischen Hermeutik“. In diesem hermeneutischen Kontext nutzt Gadamer die Metapher von der Horizontverschmelzung und meint damit folgendes:

Die Erfahrungen, welche wir mit den uns umgebenden Personen, Dingen, Phänomenen unserer (Um-)Welt machen resultieren bei genauer Betrachtung in der Erkenntnis, dass sich die saubere Unterscheidung in Subjekt und Objekt, ich und Welt so nicht halten lässt. In vielfacher Weise sind diese vermuteten Pole aufeinander bezogen und miteinander verflochten. Auch erleben wir unser Leben und die Geschichte als solche, die sich uns in der Überlieferung zeigt, nicht als viele einzelne, in sich abgeschlossene Ereignispunkte, sondern als ein Kontinuum von ineinander fließenden Erfahrungshorizonten. Gadamer schreibt in „Wahrheit & Methode“ (hier zitiert nach der 6. Auflage, Tübingen, 1990):

Jedes Erlebnis hat implizierte Horizonte des Vorher und Nachher und verschmilzt zuletzt mit dem Kontinuum der im Vorher und Nachher präsenten Erlebnisse zur Einheit des Erlebnisstroms. (249)

Der Verständnishorizont, in welchem ich mich als Verstehender bewege, ist also niemals fix und fertig. Dieser Horizont, als „der Gesichtskreis, der all das umfaßt und umschließt, was von einem Punkt aus sichtbar ist“ (307), bewegt sich mit mir mit. Der Horizont endet nie, ist nicht vollendbar und damit auch in Rosas Sinne unverfügbar. Wenn ich ein historisches Ereignis oder einen Text verstehen möchte, muss ich mich, so Gadamer, mitsamt meinen Vorverständnissen und Vorurteilen in den Horizont dieses Ereignisses oder Textes hineinversetzen lassen. Mein Horizont und der Horizont dessen, das oder den ich verstehen möchte, müssen miteinander überlappen bzw. verschmelzen. Nur so kann ich verstehen bzw. zu verstehen beginnen. Verstehen, was der Text oder das Ereignis mir sagen möchte.

Solch eine Horizontverschmelzung kann einem, so Gadamer, die „ganze Würde der hermeneutischen Erfahrung“ (492) vermitteln, welche darin besteht, „daß hier nicht unter Bekanntes eingeordnet wird, sondern daß, was in der Überlieferung begegnet, uns etwas sagt“ (ebd.). Und weiter. Verstehen ist eine „echte Erfahrung, d.h. Begegnung mit etwas, das sich als Wahrheit geltend macht“ (493). Die Begegnungen und Erfahrungen, die mir zustoßen, haben also eine Bedeutung, vermitteln einen Sinn und öffnen sich in meine Richtung mit einer Aussage; der Inhalt dieser Aussage bleibt oft genug diffus oder äußert sich als ein intrinsisch geborener Auftrag. Die Aussage tritt also nicht einfach von außen an mich heran, sondern wird vielmehr durch meine Offenheit von mir, dem Verstehenden, mit konstituiert. Erst so macht der Inhalt der Aussage Sinn für mich.

Und hier setzt Hartmut Rosa mit seinen Begriffen „Resonanz“ und „Unverfügbarkeit“ an. Beide Begriffe beziehen sich auf „meine“ Beziehung mit der Welt. Der Soziologe Hartmut Rosa interessiert dabei besonders dafür, wie diese Beziehung zwischen ich und Welt sich in der modernen Gesellschaft Stück für Stück verschoben hat. Nicht normativ gemeint, daber durchaus mit einem kulturpessimistischen Unterton schreibt Rosa in „Unverfügbarkeit“ (5. Auflage, Salzburg: 2019):

Nach meiner Lesart besteht die Kulturleistung der Moderne gerade darin, dass sie die menschliche Fähigkeit, Welt auf Distanz und in manipulative Reichweite zu bringen, nahezu perfektioniert zu haben. (37)

Dieser instrumentelle Weltbezug, welcher in Rosas Lesart bei dem idealtypisch umschriebenen modernen Menschen überwiegt, macht es eben diesem Menschen schwer(er), Resonanzerfahrungen zu machen. Erfahrungen von Resonanz beinhalten dabei eine Art von Zwiesprache zwischen mir und der Welt. Resonanz bedeutet: Eine Begegnung, ein Gespräch, ein Gegenstand, ein Bild: allgemein gesprochen: eine Welterfahrung spricht mich auf unvorhergesehene Weise an, berührt mich, entlockt mir eine Antwort und verändert mich (38ff.). Ich beginne zu hören auf Welt und beginne ihr zu antworten (40). Subjekt und Objekt beginnen miteinander zu kommunizieren; sie offenbaren ihr Wesen – Rosa würde diese essentialistische Kategorie nicht nutzen, Gadamer schon eher – ihr Wesen als resonante, kommunizierende Röhren. Nur vermeindlich sind Subjekt und Objekt/Welt unterscheidbar. ‚Je schon‘ stehen sie miteinander im Dialog.

Man kann die Bedingungen der Möglichkeit solcher resonanter Erfahrungen so beieinflussen, dass Resonanz wahrscheinlicher wird bzw. nicht von vorne herein verhindert wird. Letztlich bleiben solche Erfahrungen aber überraschend, unverfügbar. Sie stellen sich ein oder auch nicht. Unsere Versuche, diese Erfahrungen uns verfügbar zu machen – Rosa führt diverse Beispiele an – weist uns letztlich als die ohnmächtige Menschen aus, die wir trotz moderner Allmachtsphantasien geblieben sind. Resonanz entgegen bedarf der Unverfügbarkeit. In anderen Worten: Glück lässt sich nicht planen. Es stellt sich ein.

Resonanz ist also, wie die Horizontverschmelzung, eine Metapher für eine Erfahrung, in welcher sich die vermutete Kluft zwischen Subjekt und Welt schließt und die beiden Pole miteinander auf sinnvolle Weise miteinander zu kommunizieren beginnen. Beide Metaphern teilen auch eine gewisse Unschärfe miteinander (sonst wären sie ja auch keine Metaphern …). So schreibt Rosa von der  Resonanzerfahrung: „Wann immer wir mit der Welt in Resonanz treten, bleiben wir nicht diesselben. Resonanzerfahrungen verwandeln uns, und eben darin liegt die Erfahrung von Lebendigkeit“ (41). Ähnliche Formulierungen lassen sich bei Gadamer mit Bezug auf das Verstehen und das Verständnis finden. Man merkt, dass beide eine fundamentale Erfahrung ins Wort bringen möchte, die das menschliche Leben wert- und sinnvoll macht, die aber letztlich auch im begrifflichen Sinne unverfügbar bleibt. Rosa schreibt dazu:

Wir sind niemals fertig mit der begegnenden Welt, aber wir begegnen ihr oft und in zunehmenden Maße so, als wären wir es. (…) Das gilt sogar für das Nachdenken über Unverfügbarkeit. Tatsächlich fällt es mir nicht immer leicht zu erklären, wovon dieser Essay handelt. (114)

Was wir von der Wissenschaft, von der Bildung, von der Kirche, der Politik und Verwaltung usw. erwarten, sie mögen doch für Eindeutigkeit und Bestimmtheit, für Vorhersehbarkeit und Planbarkeit sorgen: Das ist die Falle des modernen Denkens, die, so Rosa, zu immer mehr Komplexität und destruktiver Unzugänglichkeit (vgl. 124ff.) führt. Es lebt nur, wer beim Verstehen der Welt und beim Kommunizieren mit der Welt offen ist für die Überraschung, die neue Erfahrung, die Unbestimmtheit, welche die Macht hat, das Leben zu verändern.

Was ist Glaube?

Anbei folgen einige ausgewählte Glaubensformeln christlicher Provenienz. Es besteht kein Anspruch auf Ausgewogenheit. Die Glaubensformeln dienen der persönlichen Orientierung und Anregung. Die Liste wird laufend ergänzt.

 

Glaube ist die objektive Ungewißheit mit dem Abgestoßenwerden durch das Absurde, in der Leidenschaft der Innerlichkeit festgehalten, die gerade das auf das Höchste potenzierte Verhältnis der Innerlichkeit ist.“

(Sören Kierkegaard: Philosophische Brosamen und Unwissenschaftliche Nachschrift, hrsg. von Hermann Diem & Walter Rest, München: DTV, 1976, 824).

 

„I’m going to suggest that one of the tests of actual faith, as opposed to bad religion, is whether it stops you ignoring things. Faith is most fully itself and most fully life-giving when it opens your eyes and uncovers for you a world larger than you thought – and of course, therefore, a world that’s a bit more alarming than you every thought.“

(Rowan Williams: What is Christianity? A little book of guidance, London: SPCK, 2015, 21).

 

Glaube aber ist: Feststehen in dem, was man erhofft, Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht.“

(Hebräer 11, 1).

 

„Und doch ist der Glauben keine Tat des Menschen, sondern Empfang der göttlichen Heilstat an ihm. Der Glaube ist nicht unsere Entscheidung für Gott, sondern die Entdeckung, daß Gott sich für uns entschieden hat.“

(Edmund Schlink: Ökumenische Dogmatik. Grundzüge, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2. Auflage 1985, 441).

 

Glauben hingegen heißt: etwas als wahr und wirklich akzeptieren – nicht auf Grund eigener Einsicht in den Sachverhalt, sondern indem man sich auf seine Bezeugung durch jemand anders verläßt.“

(Josef Pieper: Über die Schwierigkeit heute zu glauben. Aufsätze und Reden, München: Kösel, 1974, 11).

 

Glaube ist die Umkehrung, die radikale Neuorientierung des nackt vor Gott stehenden, des zum Erwerb der einen kostbaren Perle arm gewordenen, des um Jesu willen auch seine Seele verlierenden Menschen. Glaube ist selbst Treue Gottes, immer noch und immer wieder verborgen hinter und über allen menschlichen Bejahungen, Gesinntheiten, Errungenschaften Gott gegenüber. Glaube ist darum nie fertig, nie gegeben, nie gesichert, er ist, von der Psychologie aus gesehen, immer und immer aufs neue der Sprung ins Ungewisse, ins Dunkle, in die leere Luft.“

(Karl Barth: Der Römerbrief, Zürich: Evangelischer Verlag, 9. Abdruck der neuen Bearbeitung, 1954, 72f.).

 

„Der Glaube sollte, so denke ich, vom Phänomen der Vertrauensbildung und nicht des Wissenserwerbs, von Gewissheitserfahrungen in Leid und Freud, als Einsicht auch in die Bedingungen individueller  Autonomie und nicht nur als Einschränkung dieser Autonomie begriffen werden.“

(Hans Joas: Glaube als Option, Freiburg: Herder, 2012, 33).

 

Lex credendi, lex orandi. Our prayer and belief  should fit like hand and glove; they are the inside and outside of one single correspondence with God. Since the life of prayer consists in an ever-deepening communion with a Reality beyond ourselves, which is truly there, and touches, calls, attracts us, what we believe about that Reality will rule our relation to it.“

(Evelyn Underhill: The School of Charity & The Mystery of Sacrifice, London: Longmans 1959, 6).

 

„Glauben an Gott – was ist das? Es ist: Daß für jede, der verstehen und glauben kann, über allem, wirklich allem, ein Freudenschimmer sich auftun kann.“

(Traugott Koch: Mit Gott leben, 2. Auflage, Tübingen: Mohr, 1993, 402).

 

Glauben ist eine Einstellung zur Wirklichkeit, zum Nächsten, zu uns selbst und darin zu Gott, eine Haltung, die der Mensch durch alle tiefsten Anfragen und Anfechtungen hindurch dem Leben gegenüber einnimmt: das wird in der Formel ‚fides qua‘ ausgedrückt. (…) Dieses Glauben ist dabei nicht unbestimmt, sondern qualifiziert von Gott selbst, und das ist die ‚fides quae‘, die in den Offenbarungshorizont Gottes eingebettet ist.“

(Margit Eckholt, in: Christine Büchner & Gerrit Spallek: Auf den Punkt gebracht. Grundbegriffe der Theologie, Ostfildern: Grünewald, 2017, 97.

 

„Even our acquaintance with the material world depends on that conviction of the truth of our senses, which is a species of faith. But its main function is in the regions of the moral and of the unseen. For it is the recognition of that external law, which has its dwelling in the bosom of God. It is not merely the tracing out those conclusions, which are derivable from the intellectual constitution of every individual, but the actual communing  which that external truth, which was pleased to have its reflection originally in man’s mind.“

(Robert Isaac Wilberforce: The Doctrine of the Incarnation of our Lord Jesus Christ, London: John Murray, 1850, 492f.).

 

 

 

 

„Extinction rebels“ – Analogien von Klima und Kirche

Die sogenannten „extinction rebels“ haben in den letzten Wochen als radikale Klimaaktivisten auf sich aufmerksam gemacht. Mit Aktionen des zivilen Ungehorsam möchten die Rebellen die Dringlichkeit an die Wurzeln gehender Maßnahmen zum Schutz des Klimas – und damit zum Überleben der Artenvielfalt einschließlich des Menschen – unterstreichen. Den Rebellen geht die Geduld aus. Und die Vorhersagen, was den Klimawandel und dessen Folgen anbelangt – vor allem jene der pessimistischeren Ausprägung – scheinen ihnen recht zu geben. Radikale Maßnahmen legen sich nahe. Parlamentarische Entschließungen zum sog. Klimanotstand, wie sie das britische Parlament vor wenigen Tagen beschloss, sind für’s erste rhetorische Spielzüge. Die Radikalität der Rebellen fordert da ganz andere Taten.

Rhetorische Spielzüge kennt man auch in den Kirchen gut. Pastorale Floskeln sind solche Spielzüge oder auch die rhetorische Trennung von kirchlicher Struktur und kirchlichen Glaubens. Die Fakten kennt man in der Kirche ebenso gut. Eine neue Studie belegt wieder einmal beeindruckend, was auf die Kirchen (evangelisch und katholisch) in Deutschland in den nächsten Jahren zukommt, wenn sie nicht den Mut zu einem radikalen Umbau haben. Den Kirchen droht quasi das Aussterben auf dem Weg des Mitglieder- und damit auch Finanzverlusts. Erstaunlich ist, dass dieser Verlust offenbar nicht demografisch begründet wird, womit er kaum beeinflussbar wäre. Der Mitgliederverlust, so schreibt die Studie, hängt eher mit den eigenen Schwächen zusammen: kirchliche Skandale tragen dazu bei, Entfremdung u.a. wegen des eklatanten Mangels an Personal und des, nennen wir es einmal, fehlenden Qualitätsmanagement. All dies wird von den Kirchen offen eingestanden.

Eine weitere Analogie zur Klimadebatte: Die Fakten haben bislang niemand mit kleinem und großem Einfluss dazu bewegt, das eigene Tun und Lassen in jeder Hinsicht in Frage zu stellen. „Auf die Welt zugehen“ heißt es bei den Kirchen – und die Kirchentüren bleiben unter der Woche fest verschlossen. „Erneuerung“ wird gerufen und nicht einmal die Kommunion unter beiderlei Gestalt kann sich in der katholischen Kirche durchsetzen. Die „Option für die Armen“  wird viel zitiert und trotzdem werden Kirche und Caritas/Diakonie begrifflich und praktisch weiterhin als getrennte Entitäten verstanden. Weitere Beispiele fehlender Konsequenz beim Handeln kann jeder Kundige – in Klima und Kirche – leicht identifizieren.

Wie bei der Klimapolitik könnte man also analog sagen: Die Haltung stimmt einfach nicht. Bequemlichkeit herrscht vor. Die Radikalität der Umkehr fehlt. Und so liegt die Versuchung nahe, eine weitere Analogie zu versuchen: Wie verhält es sich mit der Möglichkeit einer kirchlichen „extinction rebellion“? Keine Ahnung, welche konkrete Formen der zivile Ungehorsam einer Rebellion in den Kirchen annehmen würde. Keine Ahnung, ob man als Rebell des Aussterbens nicht sogleich in die rhetorische Falle einer abgenutzten Apokalyptik tappen würde. Das Empfinden eines kairos, eines Augenblicks der Entscheidung ist aus Sicht der radikalen Rebellen jedenfalls übermächtig. Beim Klima und – hier endet wohl die Analogie – noch nicht so recht bei den Kirchen.

Die ‚Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen‘ in der Hamburger Politikwissenschaft

Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen ist eine in der Soziologie und Geschichtswissenschaften viel zitierte – und kritisierte – Denkfigur. Den einen dient die Figur als heuristische Brille für die Beobachtung der modernen Gesellschaft; die anderen kritisieren ihren Gebrauch als Ausdruck eines temporal verzerrten Weltbildes, das den kolonialistischen Blick nie richtig abgelegt hat. In der Hamburger Politikwissenschaft trifft man die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen im Laufe der Jahre immer wieder an, dann aber zumeist im erstgenannten Sinne: Die Denkfigur möchte den historisch informierten Blick auf die Geschichte und Gegenwart schulen, um die durchaus flüssigen, neuen und wiederkehrenden gesellschaftlichen Wirkkräfte besser beschreiben zu können. In diesem Sinne wird das Theorem, als welches man die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen auch bezeichnen kann, von einigen Vertretern des sog. Hamburger Ansatzes der Kriegsursachenforschung ab der Mitte der 1990er Jahren ins Spiel gebracht.

Lesen Sie hier weiter:

https://politik100x100.blogs.uni-hamburg.de/conrad-retrospektive-gleichzeitigkeit-des-ungleichzeitigen/

 

Über den (vermeintlichen) Unterschied von Kirche und Welt

Im Folgenden verstehe ich Kirche als ein Kommunikations- und Handlungsgeflecht unter Menschen mit seinen besonderen Codes, speziellen Ritualen und ausgesuchtem Vokabular. Ich verstehe Kirche also nicht systematisch-theologisch, im Sinne ausgewählter Metaphern wie Volk Gottes, heiliger Rest, Herde, Leib Christi.

Wenn ich die Kirche als menschliches Kommunikations- und Handlungsgeflecht betrachte, dann liest man folgende Sätze, die im Raum der Kirche gerne verwendet werden, mit Befremden:

Die Kirche möge auf die Welt bzw. die Menschen zugehen.

Die Kirche möge sich der Welt gegenüber öffnen.

Der Graben zwischen Kirche und Welt möge überwunden werden.

So oder so ähnlich kann man es in vielen kirchlichen Verlautbarungen der pastoralen Art nachlesen. Mit Blick auf die oben gewählte – und freilich einseitige Perspektive – sind solche (und ähnliche) Sätze befremdlich, wenn nicht gar gänzlich unverständlich. Warum?

Die theologisch-begriffliche Unterscheidung von Kirche und Welt, die in den obigen Sätzen zu Grunde gelegt wird, setzt voraus, dass Kirche und Welt voneinander zu unterscheidende Einheiten sind. Diese werden dann je nach Standpunkt aufeinander bezogen. In einer inklusiven Bezogenheit haben Kirche und Welt sich etwas zu sagen, können voneinander lernen, können ohne einander nicht sein. Die eine braucht die andere zur eigenen Selbstberichtigung und Identitätsfindung. Dabei fällt mir auf, dass mir nur aus kirchlichen bzw. theologischen Kreisen solch eine Bezogenheit bekannt ist, nicht aber von wie auch immer gearteten weltlichen Kreisen. Kirche braucht hier also Welt, aber scheinbar nicht umgekehrt.

In einer exklusiven Bezogenheit sind Kirche und Welt durch einen gut gepflegten Graben voneinander getrennt. Vielleicht stehen sie sich sogar feindlich gegenüber. In der einen hat man Angst vor der anderen. Auch auch hier fällt auf: Nur aus der Kirche heraus werden solche Frontstellungen aufgebaut. Die Welt an sich, könnte man sagen, ist sich gar nicht ihrer selbst als Akteur bewusst, und es gibt keine mir bekannte Person oder Gruppe, die sich selbst als authentische Sprachrohr der Welt verstehen würde.

Die Kirche versteht sich also einmal als in der heutigen Welt befindlich oder ein andermal als gegenüber der heutigen Welt positioniert (vgl. Gerrit Spallek 2017: Welt, in: Christine Büchner & Gerrit Spallek (Hg.): Auf den Punkt gebracht. Grundbegriffe der Theologie, Ostfildern, 276). In beiden Unterscheidungsvarianten besitzen Kirche und Welt aber eine dezidiert geistliche Qualität. Es sind Orte, die Anlass zum – inklusiven bzw. exklusiven – Theologietreiben geben. Es sind voneinander unterscheidbare Essenzen.

Verstehe ich Kirche jedoch als Kommunikations- und Handlungsgeflecht und halte mich von Theologumena wie den eingangs erwähnten Metaphern fern, macht solch eine essentielle Unterscheidung – inklusiv wie exklusiv – wenig Sinn. Dann schaue ich auf räumliche Bezüge, auf menschliche Netzwerke und in kommunikative Prozesse. Dann stelle ich fest, dass das Kirchenmitglied von St. Paulus in Hinterdupfingen eben auch Partei- und Ratsmitglied ist. Dann stelle ich fest, dass die ehrenamtliche Vorsitzende des kirchlichen Hospizvereins von Oberdupfingen auch im Vorstand eines städtischen Krankenhauses arbeitet. Dann stelle ich fest, dass das kirchliche Bildungswerk von Mitteldupfingen der erste Ansprechpartner für die Volkshochschule für alle Fragen der Alphabetisierung in der Region Überdupfingen ist. Es gibt hier nur noch Akteure, keine Essenzen mehr.

Hier geht dann niemand auf niemand zu. Hier öffnet sich niemand für niemanden. Hier gibt es auch keinen Graben. Kirche und Welt lassen sich hier realiter kaum bis gar nicht unterscheiden, da sie sich im Lebensentwurf und im Alltag der handelnden Menschen vollkommen miteinander vermischen. Die oben angesprochene systematisch-theologische Unterscheidung, die idealtypisch durchaus Sinn machen mag, lässt sich beim Blick in die Praxis der Kirche-Welt-Beziehung nicht durchhalten. Es gibt hier schlicht keinen Unterschied zwischen Kirche und Welt, da Kirche als – nach Niklas Luhmann – Teilsystem der Welt als Gesellschaft ist. Kirche als Kommunikations- und Handlungsgeflecht ist je schon Teil von Welt.

Trotzdem hat es den Anschein, dass sich Kirche „immer wieder“ auf den Weg macht, die Welt zu suchen; und sich dann letztlich wundert, wenn sie nicht fündig wird. Denn die Welt ist schon längst da. Die Welt steht predigend auf der Kanzel. Die Welt sitzt singend in der Kirchenbank. Die Welt kniet betend vor dem Altar. Die Welt hilft dem Nächsten, wie sich selbst. Denn die Welt, das sind die Menschen mit ihrem Alltag, ihrem Leben.

Man kann es auch mit einem reichlich gewagten Syllogismus versuchen:

Jeder Mensch ist Welt.

Alle getaufte Menschen sind Kirche.

Also ist Kirche getaufte Welt.

Über passives, aktives und pro-aktives Handeln

Aktives und passives Handeln: Gibt es da überhaupt einen Unterschied?

Es war Hannah Arendt, die zwischen Arbeiten, Herstellen und Handeln als unterschiedlicher Modi des menschlichen Wirkens unterschied, wobei sie dem Handeln die eigentliche kreative Kraft im Umfeld menschlicher Pluralität zuschrieb. Arendt schreibt in Vita activa: „In diesem ursprünglichsten und allgemeinsten Sinne ist Handeln und etwas Neues Anfangen dasselbe“ (ebd. 4. Aufl., München, 2006, 2015).

Nun kennt der alltägliche Sprachgebrauch, vor allem aber der geschäftliche Kreativ-Sprech, in Bezug auf das Handeln mindestens drei Abstufungen: (passives) Handeln, aktives Handeln und gar pro-aktives Handeln. Machen diese Unterscheidungen Sinn?

Zu erst: Was ist Handeln? Max Weber definiert noch vor Hannah Arendt das Handeln – und im Anschluss daran auch das Handeln in sozialen Bezügen – auf folgende Weise:

„‚Handeln‘ soll dabei ein menschliches Verhalten (einerlei ob äußeres oder innerliches Tun, Unterlassen oder Dulden) heißen, wenn und insofern als der oder die Handelnden mit ihm einen subjektiven Sinn verbinden. »Soziales« Handeln aber soll ein solches Handeln heißen, welches seinem von dem oder den Handelnden gemeinten Sinn nach auf das Verhalten anderer bezogen wird und daran in seinem Ablauf orientiert ist.“ (Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft, 5. Auflage, Tübingen 1972, 1.)

Dabei ist Weber wichtig, dass Handeln immer einer bestimmten Person zugeschrieben werden muss. Kollektive bzw. juristische Personen können nicht im eigentlichen Sinne handeln, nur die natürlichen Personen in diesen:

„Handeln im Sinn sinnhaft verständlicher Orientierung des eignen Verhaltens gibt es für uns stets nur als Verhalten von einer oder mehreren einzelnen Personen.“ (Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft, 5. Auflage, Tübingen 1972, 6.)

Bei Arendt generiert das Handeln Neues. Bei Weber generiert das Handeln Sinn.  Das ist beides nicht das Gleiche. Neues und Sinn sind aber auch nicht so weit voneinander entfernt, wie es auf den ersten Blick den Anschein hat. Ist aber die Unterscheidung in bloßes/passives, aktives und pro-aktives Handeln eine sinnvolle Unterscheidung? Nein und Ja.

Nein: Schon oben konnte man lesen, dass Weber das innerliche und äußerliche Tun, aber auch das passive Lassen und Dulden zum Handeln dazu zählte. Wichtig ist nur, dass diesem Handeln vom Handelnden ein Sinn zugeschrieben wird. Menschen, die reflexartig eine Fliege aus ihrem Gesichtskreis wegwischen, handeln nicht. Handeln ist ein sinnvolles sich Verhalten zur Welt und dieses sich Verhalten kann innerlich und äußerlich, sichtbar und unsichtbar, bewusst verändernd oder nur unterlassend vonstatten gehen. So sehen es auch die diversen Schuldbekenntnisse der Kirchen, die sich darauf beziehen, was einer „Gutes unterlassen und Böses getan“ hat. Handeln ist demnach weder per se passiv, noch aktiv oder pro-aktiv. Es ist einfach Handeln: der Versuch, sich sinnvoll zur Welt zu verhalten. Hannah Arendt würde es hier mit ihrem emphatischen Handlungsbegriff selbstverständlich nicht belassen.

Ja: In den Augen jener, die Handeln beobachten bzw. evaluieren bzw. motivieren wollen, macht eine Unterscheidung in bloßes/passives, aktives und pro-aktives Handeln Sinn. Denn die Steigerungsformen des Handelns werden rhetorisch ins Spiel gebracht, wenn es schneller, wuchtiger, entschiedener zugehen soll. Die Steigerung hat dort offenbar seinen Platz, wo ein Motivationsverstärker als Passivitätsüberwinder für nötig erachtet wird. Die Steigerungsformen machen also semantisch keinen Sinn. Sie sind vielmehr dem Feld der rhetorisch durchaus wirkmächtigen Floskeln zuzuschlagen. Wenn ich von mir behaupte, dass ich pro-aktiv eine Sache angehe, dann will ich damit ausdrücken, dass ich dies nun mit ganzer Entschiedenheit tun werde; oder besser: dass ich dies nun mit ganzer Entschiedenheit behaupte, dass ich es tun werde.

Auf der realen Ebene ist alles Handeln gleich. Es steht „im Gegensatz zu bloßem Naturgeschehen“ und formuliert einen „Bedingungszusammenhang von Handlung und Hand“, also einen Zusammenhang zwischen innerem und äußerem Bewegtsein bzw. Bewegtwerden (vgl. Historisches Wörterbuch der Philosophie, Band 3 G-H, Darmstadt, 1974, Sp. 992). Im rhetorischen Framing, also dem Rechtfertigungsdiskurs der unter Druck geratenen handelnden Person macht es aber einen Unterschied, ob ich von passivem Handeln, aktivem Handeln und pro-aktiven Handeln spreche. Dass diese Steigerungsformen semantisch letztlich leer sind, zeigt sich spätestens dann, wenn alle behaupten, sie würden nur noch pro-aktiv durch die Welt gehen. Spätestens dann ist man notgedrungen auf der Suche nach der nächsten Steigerungsvokabel.

Vielleicht gelangt man ja dann auch irgendwann einmal wieder zu der von Hannah Arendt etwas verächtlich dem aktiven Leben gegenüber gestellten vita contemplativa, der dezidierten Ablehnung jedes hyperkreativen Aktivismusgeredes.

Was ist der Westen? Einige Zitate und der Versuch einer Definition.

Vor einigen Tagen veröffentlichte ich an dieser Stelle den Bericht eines Podiumsgesprächs unter Historiker_innen, das sich der Idee des Westens widmete. Mein Beitrag endete mit einigen Fragen: „Wer waren und sind die Träger einer Idee des Westens? In welchen Kontexten wird vom Westen gesprochen? In welcher Situation werden seine Werte hochgehalten? Wo beginnt und wo endet der Westen?“

Im „Historischen Wörterbuch der Philosophie“ fanden sich nun einige passende Passagen, die als eine mögliche Antwort auf einige meiner Fragen dienen können. Diese Passagen klären keineswegs alles auf, doch können sie hilfreich sein. Ich empfehle die Lektüre des ganzen Artikels. Alle Zitate finden sich im Band W-Z aus dem Jahr 2004 auf den Spalten 661-675.

Zur Geografie des Westens: „Eine relativ klare Trennungslinie zwischen Orient und Okzident festigte erst die Teilung des Römischen Reiches, die Auflösung des Westteils und die Entfremdung zwischen den lateinischen und den griechischen Kirchen.“ (661)

Zur semantischen Abhängigkeit des Westens von dem Osten (und anders herum): „Westen und Osten fungieren, begriffsgeschichtlich betrachtet, als Großstereotypen, deren häufig persuasive geschichtliche Selbst- oder Fremdbeschreibung von den jeweiligen Deutungsinteressen abhängig ist.“ (661) Bzw.:“Seit der frühen Neuzeit entwickeln sich (…) Vorstellungen, die bei allen perspektivischen Unterschieden dem Westen eine Superiorität über den Osten zusprechen.“ (663) Bzw. die Sowjetunion unter Stalin: „Westen wird nun zu einer Metapher für die kapitalistische Welt, deren Differenzen kaum noch gesehen werden.“ (670)

Was vom Osten erwartet wurde: „Ex oriente lux.“ (664)

Soviel zur Kontingenz von Himmelsrichtungen: „…, daß erst im 19. Jahrhundert Rußland in der westeuropäischen Fremdbeschreibung vom ‚Norden‘ zum ‚Osten‘ Europas mutierte.“ (668) Bzw.: „China versteht sich von alters her als ‚Land der Mitte‘.“ (672)

Ideen leben in Abhängigkeit von politischen Interessen: „Der Gebrauch solcher ‚Superkategorien‘ wie ‚der Westen‘ und ‚der Osten‘ wird häufig von den Interessen politischer Rhetorik dominiert. Karriere macht der Begriff ‚Westen‘ sowohl in China als auch in Japan erst im Kontext der Modernisierungsdiskussion.“ (674)

Was ist also der Westen? Vielleicht kann man den Westen vorläufig so definieren:

Der Westen ist eine an ihren Rändern durchlässige geografische Einheit, die spätestens seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts uneinheitlich über die Weltkugel verteilt ist. Der Westen ist gleichzeitig auch die Idee einer Einheit von Wertvorstellungen, die ebenfalls seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eng mit dem zivilisatorischen Projekt von Demokratie und Gleichheit verbunden ist. Der Westen lebt zuletzt seit je her von seiner Gegenüberstellung mit einem wie auch immer gearteten und vorgestellten Anderen, dem Osten.