Über die religiöse Rede von ‚Welt‘. Zu einer Fußnote von Karl Rahner.

In der religiösen Sprache ist immer wieder von ‚Welt‘ die Rede, zumeist dann in dualistischen Zusammenhängen: Die einen leben „im Kloster“, die anderen leben „in der Welt“. Die einen praktizieren Kontemplation und Gebet und ziehen sich „aus der Welt“ zurück; die anderen gehen einem „weltlichen“ Beruf nach. Es gibt „Weltpriester“ und „Ordensgeistliche“. Und  natürlich auch: Es gibt auf der einen Seite die „Kirche“ und es gibt auf der anderen Seite die „Welt“.

Wie kommt dieses dualistische Begriffschema zustande? Und welchen Sinn macht in diesem Zusammenhang die Rede von „der Welt“? Meinen Text zum Kirche-Welt-Dualismus von vor einiger Zeit möchte ich hier ergänzen:

Zuerst:

Der Dualismus der Begriffe kann nur idealtypisch verstanden werden, kann hier und da eine Verstehenshilfe sein, gerade dann, wenn man sich mit der Geschichte und dem Zusammenspiel der unterschiedlichen kirchlichen und staatlichen Strukturen beschäftigt . Jenseits dieser konkreten institutionellen Ebene wird der Dualismus aber eine wackelige Angelegenheit. Er hält kaum einer empirischen Bestandsaufnahme stand. Auf der Ebene der handelnden Akteure nämlich gibt es alle möglichen Verquickungen von religiösen und weltlichen Sphären:

  • Ordensschwestern, die zwischen den Gebetszeiten Honig herstellen und diesen im Klosterladen mit Gewinn verkaufen;
  • Laienchristen, ohne welche das kirchliche Leben von Liturgie, Gemeinschaft und Diakonie vor Ort zusammenbrechen würde;
  • verheiratete Theologinnen mit Familie, die tagsüber in einer kirchlichen Verwaltung arbeiten, nach Feierabend ein privates Seelsorgegespräch führen, um anschließend die Steuererklärung zu machen;
  • ein Priester, der sich als Pfarrer die meiste Zeit mit der Renovierung von Kirche und Gemeindehaus beschäftigt;
  • eine Politikerin, die in den Sitzungspausen des Parlaments den hauseigenen Raum der Stille für ein Gebet aufsucht;
  • ein Karthäuser, der für seine Mitbrüder täglich das Essen kocht;
  • eine Unternehmerin, die aus religöser Motivation heraus in ihrem Geschäft sich um ethische Standards und ein gutes Miteinander bemüht;
  • … .

Nur einige wenige Beispiele, die phänomologisch aufzeigen sollen, dass das, was Welt ist bzw. meint auch in der religiösen Sprache so einfach nicht zu umschreiben, festzuschreiben und von der Kirche zu trennen ist. Man sollte sich also schon aus diesem Grund dafür hüten, Kirche als der religiösen Sphäre und Welt zu schnell ein bestimmtes Wesen zuzuschreiben, sie zu verdinglichen. Kirche und Welt an und für sich gibt es nicht, wie es meine Gartenbank oder den Supermarkt an der Ecke gibt. Wir haben es hier, weltlich gesprochen, mit Deutungskategorien und im Falle der Kirche auch mit einem mehr oder minder institutionalisierten Kommunikationsraum zu tun, wie gesagt: weltlich gesprochen.

Wie können wir aber in der religiösen Sprache adäquat von Welt sprechen? Welches Sprechen von Welt hilft uns begrifflich, versteherisch weiter? In einem seiner Aufsätze zur Theologie der Laien gibt der katholische Intellektuelle Karl Rahner (1904-1984) in einer längeren Fußnote eine interessante Antwort:

 

(Quelle: Karl Rahner 1956/2005: Laie und Ordensleben. Überlegungen zur Theologie der Säkularinstitute, in: Ders.: Schriften zur Theologie, Bd. 16, S. 89)

Folgt man Karl Rahner an dieser Stelle, dann kann Welt religiös gesprochen auf zwei Weisen gedeutet werden:

  1. Sie kann – durchaus biblisch fundiert – sündige und erlösungsbedürftige Welt sein. Dieser Blick auf die Welt betont dann die transzendent-eschatologischen Dimensionen des religiösen Glaubens. Dieser ist ausgerichtet hin  auf die Überwindung der Welt in ihrer immanenten, sündhaften Gestalt. Welt ist das, was man letztlich hinter sich lassen möchte.
  2. Sie kann aber auch gute, geschaffene und damit göttlich gewollte Welt sein. Hier richtet sich der Blick auf die immanente Geschöpflichkeit als ein Geschenk Gottes. Es vollzieht sich hier  – aller Gebrochenheit zum Trotz – eine Affirmation konkreter irdischer Bezüge, die mitunter inkarnatorische Züge annehmen kann. Welt ist das, was die Bedingung der Möglichkeit auch meines religiösen Lebens ist.

Beide Welt-Sichten übersetzen sich – auch hier spricht Rahner idealtypisch – in zwei religiöse Grundhaltungen (Rahner auch: „Akzente“). Im ersten Fall ensteht eine individuelle Grundhaltung  des Weltentzugs und der Weltentsagung, die sich wiederum in einer bestimmten Lebensweise konkretisieren kann, die vor allem mit Verzicht (Ehe, Besitz, Freiheit) verbunden ist. Dieser Verzicht wird als Zeichen interpretiert, das auf die Vorläufikeit alles Irdischen hinweist. Die andere Grundhaltung formt ein konkretes Lebensprojekt auf der Basis einer grundsätzlichen Weltbejahung aus. Geschlechtlichkeit bzw. menschliches Beziehungsgeschehen, Material und Lebensgestaltung werden als Gabe interpretiert, die – mit der religiös-ethischen Brille betrachtet – freilich jeweils einer Anformung bedürfen, um auch als Geschenk erfahren zu werden.

Folgt man diesen Ausführungen Rahners, dann muss man schließen, dass Welt nicht eine abgetrennte Sphäre ist, die irgendwo jenseits des Kirchenraums und im Gegensatz zu diesem Kirchenraum „ist“. Welt ist vielmehr die grundsätzliche Verwobenheit, in welche sich der Mensch von Beginn an geworfen (Martin Heidegger) sieht. Wie sich der (religiöse) Mensch zu dieser Verwobenheit verhält, liegt an ihm und ihr selbst. Grundsätzlich „weltlich“ sind wir als Geschöpfe alle; ob ich diese Weltlichkeit dann eher asketisch oder eher affirmativ oder in einer Vermischung von Askese und Affirmation annehme, liegt beim religiösen Bewusstsein selbst.

Die Idee einer innerweltlichen Askese, wie sie Max Weber in Bezug auf bestimmte Formen des Protestantismus ins Spiel bringt, spielt bei Karl Rahner, zumindest an dieser Stelle, keine Rolle. Schon so ist aber klar: „Weltlich“ und „kirchlich“ sind begriffliche Zuschreibungen, die immer nur vorläufigen Charakter annehmen können. Die Wirklichkeit ist viel komplexer, als dass es ein solcher Dualismus letztgültig zum Ausdruck bringen kann.

Was ist konservatives Denken?

Auch wenn ich finde, dass Frauen Priesterinnen in der katholischen Kirche werden sollten und wir uns mit einer möglichst radikalen Wende unseres Lebensstils gegen den Klimawandel stemmen sollten; auch wenn mein Drang zur Freiheit fast noch größer ist als mein Wunsch nach Sicherheit; auch wenn mein Kleidungstil sich mittlerweile informalisiert hat und ich kein CDU-Mitglied bin: Ich halte mich für einen konservativen Menschen. Besser noch: Ich halte mich für einen konservativen Denker.

Was ist das aber: konservatives Denken?

Konservatives Denken geht aus von einer formalen Ordungsvorstellung. Damit meine ich: Die konservative Ordnungsvorstellung des Denkens ist nicht bestimmt im konkreten Sinne: also keine Ständeordnung, keine Geschlechterordnung, keine hierarchische Ordnung macht das konservativen Denken zwingend aus. Vielmehr geht es dem konservativen Denken um Ordnung im Sinne eines normativen Haltepunktes. Konservatives Denken hält sich an dieser oder jener Ordnungsvorstellung fest. Von Denkerin zu Denker kann die konkrete Gestalt dieser Ordnungsvorstellung variieren. Allein aber, dass Ordnung gesucht wird, markiert dieses Denken als konservativ. Daher spreche ich von der Ordnung als Formalprinzip des konservativen Denkens. Wer also konservativ in einem Bereich ist, muss in anderen Bereichen nicht konservativ sein. Konservatives Denken ist daher in gewissem Sinne kontingent.

Konservatives Denken neigt auch zu einer Disposition des mangelndenen Enthusiasmus dem Brandneuen gegenüber. Hinter dieser Disposition steht die Überzeugung, dass die neuen Dinge sich erst einmal bewähren müssen vor dem Tribunal des Zweifels. Man kann und muss Neues ausprobieren. Man muss experimentieren. Ja, aber das Experiment kann auch zu dem Ergebnis führen, dass das Neue als unbrauchbar verworfen wird. Das Neue ist nicht per se das Bessere. Konservatives Denken hat also einen skeptischen Zug. Diesem skeptischen Zug liegt die Motivation zugrunde, vor fortdauernden Enttäuschungen bewahrt zu bleiben.

Konservatives Denken neigt zum Weltschmerz. Warum? Weil das konservative Denken die Vergänglichkeit alles Erschaffenen vor Augen hat. Das Verschwinden des Alten, das ständige Emporkommen von Neuem erweckt im konservativen Denken eine Sehnsucht nach dem Bleibenden, nach dem, was in all dem Flüchtigen hält und trägt. Die Erfahrung des konservativen Denkens ist es aber, dass diese Sehnsucht beständig enttäuscht wird. Von daher erklärt sich auch, weshalb das konservative Denken gerade in einer zeitbeschleunigten Moderne aufkam. Mit jeder Geschwindigkeitserhöhung der Verkehrs- und Kommunikationsmittel griff das konservative Denken weiter um sich. Konservatives Denken ist also durch und durch modern. Sein Weltbezug schlägt aber resignative Töne an.

Für die Kenner_innen des konservativen Denkens ist all dies nicht neu. Daher zitiere ich zum Abschluss auch noch Jens Hacke, der die Essenz des konservativen Denkens vor Kurzem schön auf den Punkt brachte:

„Insofern bleibt es das konservative Dilemma, dass eine Bastion nach der anderen im Prozess der Modernisierung und Pluralisierung geräumt werden muss. Anders als die Konkurrenzideologien kann der Konservatismus nicht auf einen normativen Grundbegriff wie den der Freiheit im Liberalismus oder den der Gleichheit im Sozialismus zurückgreifen. Deshalb bleibt der Konservatismus im Kern reaktiv und bezeichnet entweder im Sinne 〈Edmund〉 Burkes einen bestimmten Modus des abwägenden politischen Denkens und Handelns oder bezieht sich relational auf Bewahrenswertes.“ (Jens Hacke, in: Besprechung zu Biebricher, Thomas: Geistig-moralische Wende. Die Erschöpfung des deutschen Konservatismus, Neue Politische Literatur 2020)

 

Nachtrag: Lesenswert zum Thema ist auch der Beitrag von Petra Bahr, der sich unter folgendem Link findet: https://tinyurl.com/ybhltsz4

 

Was heißt und ist Tagespolitik?

„Tagespolitik“ – das Wort mag in den letzten Wochen wenig Verwendung gefunden haben, da in Ausnahmesituation wenig von dem Alltäglichen gesprochen wird. Doch unter normalen Umständen – zu denen man ja hofft, bald zurückkehren zu können – wird das Wort häufig im Mund geführt.

Dabei kommt die Tagespolitik semantisch in (mindestens) zwei Bedeutungen vor:

 

„Tagespolitik“ beschreibend (deskriptiv)

Wenn jemand beschreibend über die Tagespolitik spricht, dann tut er dies meist aus der Sicht der politisch Handelnden. Es geht um das konkrete „Politiktreiben“, was Kari Palonen einmal mit dem Neologismus „politicking“ umschrieb (in: Four Times of Politics: Policy, Polity, Politicking, and Politicization, Alternatives, Jg. 28, Nr. 2, 2003).

Es geht in diesem Fall des „politicking“ dann erstens um das alltägliche Handeln von politischen Institutionen und den Menschen in diesen Institutionen. Es geht um Sitzungen, Anträge zur Tagesordnung, erste und zweite und dritte Lesung, kleine und große Anfragen, Redebeiträge zu unterschiedlichen Gesetzesvorhaben usw. In der Lokalpolitik geht es auch um die politische Befassung mit der Ausweisung neuer Baugebiete oder Naturschutzgebiete, die Vorbereitung auf eine Kommunalwahl, das mündliche und schriftliche Beantworten von Bürgerfragen u.v.a.m. Das Repertoire der tagespolitischen Aufgabenfelder und der konkreten Tätigkeiten – der Performanz – ist umfangreich, gerade in einem föderalen Staat mit seinen unterschiedlichen politisch-institutionellen Ebenen. Wer einen exemplarischen Eindruck gewinnen möchte von der Komplexität der Tagespolitik als alltäglichem politischen Handeln, der lese regelmäßig die Wochenzeitung Das Parlament. Oder man schaue sich auf der Internetseite der heimischen Kommune und deren Gremien, Räte, Ausschüsse um nach den Tagesordnungen, Anträgen, Verwaltungsschreiben usw.

Die Tagespolitiken (Plural!) in den jeweils anderen Settings (Länder, Kulturen, Traditionen) unterscheiden sich im konkreten Aussehen und Anfühlen zum Teil deutlich voneinander.  Das ist dann Gegenstand der vergleichenden politischen Forschung. Das gilt, zweitens, auch für die Tagespolitik, die an anderen Orten als den einschlägigen politischen Institutionen geschieht und oft nicht als Politik erkannt wird. Es handelt sich dabei um die Tagespolitik, die „Gelegenheitspolitiker“ (Max Weber) – die Aktvistin, der betroffene Bürger, die NGO, der Ortsverein – auf dem Feld der kollektiven Entscheidungsfindung treiben. Denn – eine Banalität – Politik wird nicht nur von den sog. Berufspolitikerinnen und -politikern betrieben, sondern von jedem Menschen, der sich über sein familiäres Umfeld hinaus in der kollektiven Meinungsbildung und Entscheidungsfindung engagiert. So gibt es also auch eine Vereinspolitik, Kirchenpolitik, Kulturpolitik und andere Tagespolitiken von Gelegenheitspolitiktreibenden.

 

„Tagespolitik“ wertend (evaluativ)

Es gibt die „Tagespolitik“ dann aber auch noch in einem wertenden Sinne. Wer evaluativ über die Tagespolitik spricht, tut dies meist aus der Sicht eines Beobachters. Man spricht dann „über“ die Politik, nicht als Teil der Politik.

Ich habe den Eindruck, dass die wertende Rede über Tagespolitik eigentlich fast immer eine abwertende Rede ist. Die Evaluation besteht meist aus einer rhetorischen Disqualifikation.  Metaphorisch wird dann von den „Niederungen“ oder dem „Geschäft“ der Tagespolitik gesprochen. Und von manchen politischen Ämtern – Monarch, Präsident usw. – wird behauptet, sie würden sich nicht mit der Tagespolitik beschäftigen bzw. über der Tagespolitik stehen. Das ist dann richtig, wenn man damit meint, dass diese Ämter auf bestimmte Formate der Tagespolitik – z.B. parlamentarische Prozedere – wenig formalen Einfluss haben. Gleichzeitig geht hier begriffliche Augenwischerei vor sich, da auch ein repräsentativ gedachtes Präsidentenamt zu jeder Stunde eine Tagespolitik eigenen Typus betreibt, nämlich die Tagespolitik eines repräsentativ gedachten Präsidentenamtes: Reden schreiben & halten, Besuche abstatten, Korrespondenz usw.

Die „Tagespolitik“ wird auch gerne den sogenannten grundlegenden – z.B. ethisch imprägnierten – politischen Fragen gegenüber gestellt. Diese rhetorische Gegenüberstellung übersieht aber, dass schon die Einteilung in tagespolitisches Geschäft und grundlegende Fragen eine politische Entscheidung ist, die man so treffen kann, aber nicht so treffen muss. Zudem ist der Übergang von tagespolitischen zu grundlegenden Fragen fließend, da auch jede grundlegende Frage im Rahmen des tagespolitischen Geschäfts besprochen, entschieden und letztlich umgesetzt werden muss und tagespolitische Themen schnell ein grundlegende Seite offenbaren.

Evaluativ steht „Tagespolitik“ für alles, was gemeinhin an dem vermuteten Alltag der Politik nicht geschätzt wird. „Tagespolitik“ als imaginierter Raum des Schlechten an der Politik stellt das Reservoir für gesellschaftliche Politikerschelte und Politikverdrossenheit dar. Dabei verdeckt die evaluative Lesart von „Tagespolitik“ die deskriptive Lesart fast vollkommen. Das eigentliche Tagesgeschäft der politisch Handelnden wird unter der Ab-/Wertung nicht mehr sichtbar. Ebenso verdrängt wird der Umstand, dass wir alle zu einem gewissen Maß Politik treiben: zu unterschiedlichen Gelegenheiten, an unterschiedlichen Orten, in unterschiedlichen Gruppierungen. Der rhetorische Vorwurf, das sei ja alles nur Tagespolitik, fällt damit schnell auf den Urteilenden zurück.

Ein Versuch über die körperliche Präsenz

Wir erleben derzeit einen großangelegten Feldversuch: Was heißt es, über einen längeren Zeitraum körperliche Distanz zwischen Menschen zu wahren? Wir sind derzeit aufgefordert, uns von Menschen zu distanzieren, uns von anderen fern zu halten. Dieses Gebot der Distanz bzw. Distanzierung bezieht sich auf die körperliche Nähe von (anderen) Menschen, denn von dieser körperlichen Nähe geht in Zeiten einer Pandemie eine unkalkulierbare Gefahr aus. Diese körperliche Distanz geht vielfach einher mit dem Bestreben, den Mitmenschen auf andere Weise als körperlich nahe zu sein: per Telefon, per Brief, per Videounterhaltung … .

So trifft man sich statt in einem physischen Raum in einem virtuellen Raum zu Besprechungen unter abwesenden Körpern. Man hört und schaut sich aber auch Konzerte auf dem Rechner an, die Musiker vom heimischen Wohnzimmer aus geben. Man sieht sich beim virtuellen Rundgang in einem Museum um. Und man schaut sich den Livestream eines Gottesdienstes an. In all diesen Geschehnissen ist man also irgendwie mit dabei, ist und nimmt teil ohne körperlich selbst präsent zu sein. 

Daniel Deckers schreibt in Bezug auf die daraus resultierenden Fragen für die Religionsgemeinschaften in der FAZ vom 11. April (S.1):

„Religion als kollektives, auf symbolische Kommunikation angelegtes und sich in gemeinsamen Körperpraktiken materialisierendes Sinnsystem ist aus der Öffentlichkeit nahezu vollkommen verschwunden. Das Internet ist dafür nur ein schaler Ersatz. Kein Bild kann Religion in ihrer Sinnlichkeit ersetzen, kein Ton das Überwältigende der Erfahrung gemeinsamen Hörens, Sprechens und vor allem des Singens ersetzen.“

Man muss Daniel Deckers in seinem apodiktischen Ton nicht folgen, doch seine grundlegende Diagnose des Problems scheint mir korrekt, und zwar nicht nur für die Religionsgemeinschaften: Die fehlende Körperlichkeit entzieht unseren religiösen, kulturellen, ästhetischen, intellektuellen Erfahrungen einen guten Teil ihrer Sinnhaftigkeit. Die Versuche der ausgebauten Online-Aktivitäten sind nie das Original, sondern der Ersatz.

Warum vollzieht sich beim Nicht-Original dieser Entzug von Sinn? Warum fühlt sich das Original „voller“ und „wirklicher“ an als der Ersatz?

Ein Vorschlag: Es fehlt beim Ersatz die mit der Körperlichkeit einhergehende Erfahrung von Aura. Man könnte auch sagen, die Atmosphäre geht verloren, wenn ich die Dinge  rein visuell und/oder akustisch wahrnehme ohne körperlich anwesend zu sein.  Damit geht die freilich bestreitbare Beobachtung einher, dass in seiner konkreten Leiblichkeit  der Mensch eine konkrete Situation auf spezifische Weise erfährt. Diese Spezifik bezieht sich auf das Besondere der zeitlichen und auf das Besondere der räumlichen Erfahrung. Beim Original wird nicht nur eine Auswahl von Sinnen angesprochen; alle Sinne tragen zur Erfahrung der Situation bei.

Christian Frevel buchstabiert dieses leibliche Erfahrungswissen in Bezug auf dessen biblische Quellen aus: Mund, Angesicht, Ohr usw. sind kommunikative Mittel. Aber sie sind auch mehr als das, da sie in ihrer Körperlichkeit weitergehende Sinnerfahrungen im kommunikativen Austausch mit der Umgebung ermöglichen (Christian Frevel 2016: Körper, in: Handbuch theologischer Grundbegriffe zum Alten und Neuen Testament, Darmstadt, 5. Auflage, 297ff.). Die Sinnesorgane sind keine kommunikativen Abstrakta. Sie sind konkrete Leiblichkeit. Sie sind Körper(teile), die mit ihrer Umgebung kommunizieren. Sie sind sozusagen leibhaftig.

Aura und Atmosphäre durch körperliche Präsenz geschieht einfach. Das ist aber einfacher gesagt als belegt. Wir erfahren Aura nämlich, ohne dass wir empirisch irgendeine Übertragung (Wellen, Strahlung, …) zwischen Körpern oder zwischen einem Körper und einem Gegenstand (z.B. einem Kunstwerk) belegen können. Aura haftet an den Dingen. Atmosphäre klebt an der konkreten zeitlichen und räumlichen Situation. Und dies beim Original viel mehr als bei der Kopie.

Weshalb pilgern Jahr für Jahre Tausende zur Mona Lisa in den Louvre, wenn man sie sich auch jederzeit als Poster ins Zimmer und als Hintergrundbild auf den Rechner holen kann? Weil sich Aura und Atmosphäre im körperlichen Mitdabeisein entwickelt und viel weniger in der (virtuellen) Vermittlung bzw. Repräsentation über Distanz hinweg. Diese distanzüberwindende Vermittlung ist keineswegs wertlos. Sie kann als vorübergehender Platzhalter wirken bzw. hilft bei funktional notwendiger Kommunikation sehr gut aus. Doch sie ist eben nicht das Original. Es handelt sich um eine Mangel-Erfahrung, die letztlich von der physischen Abwesenheit des Gegenübers perforiert ist.  Medien holen das Ferne in meine Gegenwart. Sie können die faktische Ferne aber nicht aus der Welt schaffen. Auf dem Weg der Vermittlung gehen die Dinge und auch die Menschen damit auch ihrer Aura verlustig.

Körperliche Präsenz und die damit einhergehende Erfahrung von Aura lassen sich also (noch ) nicht virtualisieren. Um die Aura des Anderen zu erfahren, muss ich in dessen räumliche Nähe treten. Ich muss mich sozusagen auch verbindlich dazu bekennen, für diesen Moment an Ort und Stelle zu sein. Ich pflege um des Anderen willen die vorbehaltlose Anwesenheit, auf jeden Fall äußerlich. Wenn ich in der Zeit und vor Ort in einer solchen Situation der Anwesenheit und Präsenz stecke, dann hat dies zur Folge, dass ich mich dieser Situation nur schwer entziehen kann. Ein Klick genügt nicht zum Entzug, sondern ich muss mich körperlich in Raum und Zeit bewegen und entfernen, dem Anderen gegenüber herausreden, der Situation sprichwörtlich den Rücken zu kehren. Die Verbindlichkeit der körperlichen Präsenz ist also in einem doppelten Sinn gegeben: Es braucht mein zeitliches und räumliches Bestreben, den Anderen nahe zu sein, in ihrer Anwesenheit zu sein. Es braucht aber auch einen ausgesprochen Willensakt, wenn ich diese Präsenz abbrechen möchte. Körperliche Präsenz schafft so Verbindlichkeit, ob ich es will oder nicht.

Das ist das Opfer körperlicher Präsenz: Ich setze mich der Macht der Aura des Anderen aus und gebe mein implizites Einverständnis, von dieser Aura womöglich verändert zu werden. Der willentliche Entzug dieser Aura durch körperliches Entfernen birgt ebenso die Gefahr, Opfer von Verletzung zu werden.  Das macht die körperliche Anwesenheit so wertvoll. Gleichzeitig wächst die Versuchung, dem Veränderungs- und Verletzungsrisiko, die mit der Aura des Anderen einhergehen, im virtuellen Raum aus dem Weg zu gehen. Wir halten uns die Dinge dann sprichwörtlich vom Leib. Für eine gewisse Zeit kann man dies machen. Auf die Dauer freue ich mich wieder auf die Atmosphäre des Originals: im Museum, im Gottesdienst, im Fußballstadion, im Leben überhaupt.

Österlicher Nachtrag:

 

 

 

Über Resonanz und Horizontverschmelzung oder: Was Hartmut Rosa und Hans-Georg Gadamer gemeinsam haben.

Zufällig lese ich Hartmut Rosas Essay „Unverfügbarkeit“ aus dem Jahr 2008 unmittelbar im Anschluss an Hans-Georg Gadamers Buch „Wahrheit und Methode“ aus dem Jahr 1960. Dieser Zufall ermöglicht mir sozusagen eine der unverfügbaren Resonanzerfahrungen, von denen Rosa in seinem Essay schreibt.

Beim zufälligen Nacheinander-Lesen der beiden ungleichen Bücher fällt mir folgendes auf:

Die Erfahrung von Resonanz, von welcher Hartmut Rosa schreibt, ist der Erfahrung von Horizontverschmelzung, die Hans-Georg Gadamer thematisiert, nicht unähnlich. Man könnte sagen, dass Resonanz und Horizontverschmelzung begriffliche Geschwister an unterschiedlichen diskursiven Orten sind.

Hans-Georg Gadamer interessiert sich in „Wahrheit und Methode“ für die Grundlinien unseres Verstehens von Texten, Worten, Kunstwerken oder allgemein: Erfahrungen. Das meint der Untertitel seines Werkes: „Grundzüge einer philosophischen Hermeutik“. In diesem hermeneutischen Kontext nutzt Gadamer die Metapher von der Horizontverschmelzung und meint damit folgendes:

Die Erfahrungen, welche wir mit den uns umgebenden Personen, Dingen, Phänomenen unserer (Um-)Welt machen resultieren bei genauer Betrachtung in der Erkenntnis, dass sich die saubere Unterscheidung in Subjekt und Objekt, ich und Welt so nicht halten lässt. In vielfacher Weise sind diese vermuteten Pole aufeinander bezogen und miteinander verflochten. Auch erleben wir unser Leben und die Geschichte als solche, die sich uns in der Überlieferung zeigt, nicht als viele einzelne, in sich abgeschlossene Ereignispunkte, sondern als ein Kontinuum von ineinander fließenden Erfahrungshorizonten. Gadamer schreibt in „Wahrheit & Methode“ (hier zitiert nach der 6. Auflage, Tübingen, 1990):

Jedes Erlebnis hat implizierte Horizonte des Vorher und Nachher und verschmilzt zuletzt mit dem Kontinuum der im Vorher und Nachher präsenten Erlebnisse zur Einheit des Erlebnisstroms. (249)

Der Verständnishorizont, in welchem ich mich als Verstehender bewege, ist also niemals fix und fertig. Dieser Horizont, als „der Gesichtskreis, der all das umfaßt und umschließt, was von einem Punkt aus sichtbar ist“ (307), bewegt sich mit mir mit. Der Horizont endet nie, ist nicht vollendbar und damit auch in Rosas Sinne unverfügbar. Wenn ich ein historisches Ereignis oder einen Text verstehen möchte, muss ich mich, so Gadamer, mitsamt meinen Vorverständnissen und Vorurteilen in den Horizont dieses Ereignisses oder Textes hineinversetzen lassen. Mein Horizont und der Horizont dessen, das oder den ich verstehen möchte, müssen miteinander überlappen bzw. verschmelzen. Nur so kann ich verstehen bzw. zu verstehen beginnen. Verstehen, was der Text oder das Ereignis mir sagen möchte.

Solch eine Horizontverschmelzung kann einem, so Gadamer, die „ganze Würde der hermeneutischen Erfahrung“ (492) vermitteln, welche darin besteht, „daß hier nicht unter Bekanntes eingeordnet wird, sondern daß, was in der Überlieferung begegnet, uns etwas sagt“ (ebd.). Und weiter. Verstehen ist eine „echte Erfahrung, d.h. Begegnung mit etwas, das sich als Wahrheit geltend macht“ (493). Die Begegnungen und Erfahrungen, die mir zustoßen, haben also eine Bedeutung, vermitteln einen Sinn und öffnen sich in meine Richtung mit einer Aussage; der Inhalt dieser Aussage bleibt oft genug diffus oder äußert sich als ein intrinsisch geborener Auftrag. Die Aussage tritt also nicht einfach von außen an mich heran, sondern wird vielmehr durch meine Offenheit von mir, dem Verstehenden, mit konstituiert. Erst so macht der Inhalt der Aussage Sinn für mich.

Und hier setzt Hartmut Rosa mit seinen Begriffen „Resonanz“ und „Unverfügbarkeit“ an. Beide Begriffe beziehen sich auf „meine“ Beziehung mit der Welt. Der Soziologe Hartmut Rosa interessiert dabei besonders dafür, wie diese Beziehung zwischen ich und Welt sich in der modernen Gesellschaft Stück für Stück verschoben hat. Nicht normativ gemeint, daber durchaus mit einem kulturpessimistischen Unterton schreibt Rosa in „Unverfügbarkeit“ (5. Auflage, Salzburg: 2019):

Nach meiner Lesart besteht die Kulturleistung der Moderne gerade darin, dass sie die menschliche Fähigkeit, Welt auf Distanz und in manipulative Reichweite zu bringen, nahezu perfektioniert zu haben. (37)

Dieser instrumentelle Weltbezug, welcher in Rosas Lesart bei dem idealtypisch umschriebenen modernen Menschen überwiegt, macht es eben diesem Menschen schwer(er), Resonanzerfahrungen zu machen. Erfahrungen von Resonanz beinhalten dabei eine Art von Zwiesprache zwischen mir und der Welt. Resonanz bedeutet: Eine Begegnung, ein Gespräch, ein Gegenstand, ein Bild: allgemein gesprochen: eine Welterfahrung spricht mich auf unvorhergesehene Weise an, berührt mich, entlockt mir eine Antwort und verändert mich (38ff.). Ich beginne zu hören auf Welt und beginne ihr zu antworten (40). Subjekt und Objekt beginnen miteinander zu kommunizieren; sie offenbaren ihr Wesen – Rosa würde diese essentialistische Kategorie nicht nutzen, Gadamer schon eher – ihr Wesen als resonante, kommunizierende Röhren. Nur vermeindlich sind Subjekt und Objekt/Welt unterscheidbar. ‚Je schon‘ stehen sie miteinander im Dialog.

Man kann die Bedingungen der Möglichkeit solcher resonanter Erfahrungen so beieinflussen, dass Resonanz wahrscheinlicher wird bzw. nicht von vorne herein verhindert wird. Letztlich bleiben solche Erfahrungen aber überraschend, unverfügbar. Sie stellen sich ein oder auch nicht. Unsere Versuche, diese Erfahrungen uns verfügbar zu machen – Rosa führt diverse Beispiele an – weist uns letztlich als die ohnmächtige Menschen aus, die wir trotz moderner Allmachtsphantasien geblieben sind. Resonanz entgegen bedarf der Unverfügbarkeit. In anderen Worten: Glück lässt sich nicht planen. Es stellt sich ein.

Resonanz ist also, wie die Horizontverschmelzung, eine Metapher für eine Erfahrung, in welcher sich die vermutete Kluft zwischen Subjekt und Welt schließt und die beiden Pole miteinander auf sinnvolle Weise miteinander zu kommunizieren beginnen. Beide Metaphern teilen auch eine gewisse Unschärfe miteinander (sonst wären sie ja auch keine Metaphern …). So schreibt Rosa von der  Resonanzerfahrung: „Wann immer wir mit der Welt in Resonanz treten, bleiben wir nicht diesselben. Resonanzerfahrungen verwandeln uns, und eben darin liegt die Erfahrung von Lebendigkeit“ (41). Ähnliche Formulierungen lassen sich bei Gadamer mit Bezug auf das Verstehen und das Verständnis finden. Man merkt, dass beide eine fundamentale Erfahrung ins Wort bringen möchte, die das menschliche Leben wert- und sinnvoll macht, die aber letztlich auch im begrifflichen Sinne unverfügbar bleibt. Rosa schreibt dazu:

Wir sind niemals fertig mit der begegnenden Welt, aber wir begegnen ihr oft und in zunehmenden Maße so, als wären wir es. (…) Das gilt sogar für das Nachdenken über Unverfügbarkeit. Tatsächlich fällt es mir nicht immer leicht zu erklären, wovon dieser Essay handelt. (114)

Was wir von der Wissenschaft, von der Bildung, von der Kirche, der Politik und Verwaltung usw. erwarten, sie mögen doch für Eindeutigkeit und Bestimmtheit, für Vorhersehbarkeit und Planbarkeit sorgen: Das ist die Falle des modernen Denkens, die, so Rosa, zu immer mehr Komplexität und destruktiver Unzugänglichkeit (vgl. 124ff.) führt. Es lebt nur, wer beim Verstehen der Welt und beim Kommunizieren mit der Welt offen ist für die Überraschung, die neue Erfahrung, die Unbestimmtheit, welche die Macht hat, das Leben zu verändern.

Was ist Glaube?

Anbei folgen einige ausgewählte Glaubensformeln christlicher Provenienz. Es besteht kein Anspruch auf Ausgewogenheit. Die Glaubensformeln dienen der persönlichen Orientierung und Anregung. Die Liste wird laufend ergänzt.

 

Glaube ist die objektive Ungewißheit mit dem Abgestoßenwerden durch das Absurde, in der Leidenschaft der Innerlichkeit festgehalten, die gerade das auf das Höchste potenzierte Verhältnis der Innerlichkeit ist.“

(Sören Kierkegaard: Philosophische Brosamen und Unwissenschaftliche Nachschrift, hrsg. von Hermann Diem & Walter Rest, München: DTV, 1976, 824).

 

„I’m going to suggest that one of the tests of actual faith, as opposed to bad religion, is whether it stops you ignoring things. Faith is most fully itself and most fully life-giving when it opens your eyes and uncovers for you a world larger than you thought – and of course, therefore, a world that’s a bit more alarming than you every thought.“

(Rowan Williams: What is Christianity? A little book of guidance, London: SPCK, 2015, 21).

 

Glaube aber ist: Feststehen in dem, was man erhofft, Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht.“

(Hebräer 11, 1).

 

„Und doch ist der Glauben keine Tat des Menschen, sondern Empfang der göttlichen Heilstat an ihm. Der Glaube ist nicht unsere Entscheidung für Gott, sondern die Entdeckung, daß Gott sich für uns entschieden hat.“

(Edmund Schlink: Ökumenische Dogmatik. Grundzüge, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2. Auflage 1985, 441).

 

Glauben hingegen heißt: etwas als wahr und wirklich akzeptieren – nicht auf Grund eigener Einsicht in den Sachverhalt, sondern indem man sich auf seine Bezeugung durch jemand anders verläßt.“

(Josef Pieper: Über die Schwierigkeit heute zu glauben. Aufsätze und Reden, München: Kösel, 1974, 11).

 

Glaube ist die Umkehrung, die radikale Neuorientierung des nackt vor Gott stehenden, des zum Erwerb der einen kostbaren Perle arm gewordenen, des um Jesu willen auch seine Seele verlierenden Menschen. Glaube ist selbst Treue Gottes, immer noch und immer wieder verborgen hinter und über allen menschlichen Bejahungen, Gesinntheiten, Errungenschaften Gott gegenüber. Glaube ist darum nie fertig, nie gegeben, nie gesichert, er ist, von der Psychologie aus gesehen, immer und immer aufs neue der Sprung ins Ungewisse, ins Dunkle, in die leere Luft.“

(Karl Barth: Der Römerbrief, Zürich: Evangelischer Verlag, 9. Abdruck der neuen Bearbeitung, 1954, 72f.).

 

„Der Glaube sollte, so denke ich, vom Phänomen der Vertrauensbildung und nicht des Wissenserwerbs, von Gewissheitserfahrungen in Leid und Freud, als Einsicht auch in die Bedingungen individueller  Autonomie und nicht nur als Einschränkung dieser Autonomie begriffen werden.“

(Hans Joas: Glaube als Option, Freiburg: Herder, 2012, 33).

 

Lex credendi, lex orandi. Our prayer and belief  should fit like hand and glove; they are the inside and outside of one single correspondence with God. Since the life of prayer consists in an ever-deepening communion with a Reality beyond ourselves, which is truly there, and touches, calls, attracts us, what we believe about that Reality will rule our relation to it.“

(Evelyn Underhill: The School of Charity & The Mystery of Sacrifice, London: Longmans 1959, 6).

 

„Glauben an Gott – was ist das? Es ist: Daß für jede, der verstehen und glauben kann, über allem, wirklich allem, ein Freudenschimmer sich auftun kann.“

(Traugott Koch: Mit Gott leben, 2. Auflage, Tübingen: Mohr, 1993, 402).

 

Glauben ist eine Einstellung zur Wirklichkeit, zum Nächsten, zu uns selbst und darin zu Gott, eine Haltung, die der Mensch durch alle tiefsten Anfragen und Anfechtungen hindurch dem Leben gegenüber einnimmt: das wird in der Formel ‚fides qua‘ ausgedrückt. (…) Dieses Glauben ist dabei nicht unbestimmt, sondern qualifiziert von Gott selbst, und das ist die ‚fides quae‘, die in den Offenbarungshorizont Gottes eingebettet ist.“

(Margit Eckholt, in: Christine Büchner & Gerrit Spallek: Auf den Punkt gebracht. Grundbegriffe der Theologie, Ostfildern: Grünewald, 2017, 97.

 

„Even our acquaintance with the material world depends on that conviction of the truth of our senses, which is a species of faith. But its main function is in the regions of the moral and of the unseen. For it is the recognition of that external law, which has its dwelling in the bosom of God. It is not merely the tracing out those conclusions, which are derivable from the intellectual constitution of every individual, but the actual communing  which that external truth, which was pleased to have its reflection originally in man’s mind.“

(Robert Isaac Wilberforce: The Doctrine of the Incarnation of our Lord Jesus Christ, London: John Murray, 1850, 492f.).

 

 

 

 

„Extinction rebels“ – Analogien von Klima und Kirche

Die sogenannten „extinction rebels“ haben in den letzten Wochen als radikale Klimaaktivisten auf sich aufmerksam gemacht. Mit Aktionen des zivilen Ungehorsam möchten die Rebellen die Dringlichkeit an die Wurzeln gehender Maßnahmen zum Schutz des Klimas – und damit zum Überleben der Artenvielfalt einschließlich des Menschen – unterstreichen. Den Rebellen geht die Geduld aus. Und die Vorhersagen, was den Klimawandel und dessen Folgen anbelangt – vor allem jene der pessimistischeren Ausprägung – scheinen ihnen recht zu geben. Radikale Maßnahmen legen sich nahe. Parlamentarische Entschließungen zum sog. Klimanotstand, wie sie das britische Parlament vor wenigen Tagen beschloss, sind für’s erste rhetorische Spielzüge. Die Radikalität der Rebellen fordert da ganz andere Taten.

Rhetorische Spielzüge kennt man auch in den Kirchen gut. Pastorale Floskeln sind solche Spielzüge oder auch die rhetorische Trennung von kirchlicher Struktur und kirchlichen Glaubens. Die Fakten kennt man in der Kirche ebenso gut. Eine neue Studie belegt wieder einmal beeindruckend, was auf die Kirchen (evangelisch und katholisch) in Deutschland in den nächsten Jahren zukommt, wenn sie nicht den Mut zu einem radikalen Umbau haben. Den Kirchen droht quasi das Aussterben auf dem Weg des Mitglieder- und damit auch Finanzverlusts. Erstaunlich ist, dass dieser Verlust offenbar nicht demografisch begründet wird, womit er kaum beeinflussbar wäre. Der Mitgliederverlust, so schreibt die Studie, hängt eher mit den eigenen Schwächen zusammen: kirchliche Skandale tragen dazu bei, Entfremdung u.a. wegen des eklatanten Mangels an Personal und des, nennen wir es einmal, fehlenden Qualitätsmanagement. All dies wird von den Kirchen offen eingestanden.

Eine weitere Analogie zur Klimadebatte: Die Fakten haben bislang niemand mit kleinem und großem Einfluss dazu bewegt, das eigene Tun und Lassen in jeder Hinsicht in Frage zu stellen. „Auf die Welt zugehen“ heißt es bei den Kirchen – und die Kirchentüren bleiben unter der Woche fest verschlossen. „Erneuerung“ wird gerufen und nicht einmal die Kommunion unter beiderlei Gestalt kann sich in der katholischen Kirche durchsetzen. Die „Option für die Armen“  wird viel zitiert und trotzdem werden Kirche und Caritas/Diakonie begrifflich und praktisch weiterhin als getrennte Entitäten verstanden. Weitere Beispiele fehlender Konsequenz beim Handeln kann jeder Kundige – in Klima und Kirche – leicht identifizieren.

Wie bei der Klimapolitik könnte man also analog sagen: Die Haltung stimmt einfach nicht. Bequemlichkeit herrscht vor. Die Radikalität der Umkehr fehlt. Und so liegt die Versuchung nahe, eine weitere Analogie zu versuchen: Wie verhält es sich mit der Möglichkeit einer kirchlichen „extinction rebellion“? Keine Ahnung, welche konkrete Formen der zivile Ungehorsam einer Rebellion in den Kirchen annehmen würde. Keine Ahnung, ob man als Rebell des Aussterbens nicht sogleich in die rhetorische Falle einer abgenutzten Apokalyptik tappen würde. Das Empfinden eines kairos, eines Augenblicks der Entscheidung ist aus Sicht der radikalen Rebellen jedenfalls übermächtig. Beim Klima und – hier endet wohl die Analogie – noch nicht so recht bei den Kirchen.