Michael Th. Greven und die Frage nach der Kontingenz

„Die politischen Gesellschaften der Gegenwart sind durch ihre Kontingenz und den Zwang zur Dezision geprägt“ (Michael Th. Greven 1999: Die politische Gesellschaft. Kontingenz und Dezision als Probleme des Regierens und der Demokratie, Opladen: Leske & Budrich, S. 9). 

Wer Michael Th. Grevens politisches Denken etwas entschlüsseln möchte, kommt an der Kontingenz nicht vorbei: die Kontingenz als Thema der wissenschaftlichen Reflexion, aber auch die Kontingenz als Thema des eigenen Lebens.

Alle Buchtitel Grevens aus der letzten Zeit tragen die Kontingenz im Titel oder im Untertitel: „Die politische Gesellschaft. Kontingenz und Dezision als Probleme des Regierens und der Demokratie“ (1999); „Kontingenz und Dezision. Beiträge zur Analyse der politischen Gesellschaft“ (2000); „Politisches Denken in Deutschland nach 1945. Erfahrung und Umgang mit der Kontingenz in der unmittelbaren Nachkriegszeit“ (2007); „Systemopposition. Kontingenz, Ideologie und Utopie im politischen Denken der 1960er Jahre“ (2011).

Auffallend ist, daß die zahlreichen von Greven veröffentlichten Aufsätze den Begriff der „Kontingenz“ verhältnismäßig selten explizit thematisieren (vgl. die Bibliographie zu Grevens Schriften in: Asbach/Schäfer/Selk/Weiß: Zur kritischen Theorie der politischen Gesellschaft, Wiesbaden: Springer, 2012). So ist die Annahme berechtigt, daß es sich bei der Kontingenz weniger um eines unter vielen Forschungsthemen von Greven handelte, sondern um den allen Arbeiten unterliegenden Verstehensansatz. Kontingenz ist das Schicksal der Menschen in der historischen Situation der modernen Gesellschaft. Und die Menschen stehen vor der Entscheidung, ob sie diese Kontingenz demokratisch gestalten oder totalitär aus der Welt schaffen wollen:

„Da die moderne politische Gesellschaft, auch wenn sie ein demokratisches Regime besitzt, auf denselben Fundamenten wie der Totalitarismus aufsitzt, kann sie dessen Gefahr in sich immer nur zeitweise bannen. ‚Äußeren‘ Halt in Religion, Vernunft oder Moral gibt es für die Politik in der Kontingenz und Immanenz der politischen Gesellschaft nicht mehr (…)“ (Die politische Gesellschaft, S. 134).

Michael Th. Greven konnte als Wissenschaftler mit der „Wahrheit“ wenig anfangen. Sie war ihm suspekt, da sie in ihrer politischen „Verwirklichung“ mit dem Ruch des Totalitären behaftet war. In einem Aufsatz spricht er von der „Entkopplung von Wahrheit und Politik“ (in: Kontingenz und Dezision, S. 61), die für ihn – gerade mit Blick auf die Politische Theologie Carl Schmitts – einer notwendigen Ausnüchterung des politischen Handelns gleich kam.

Als Mensch sprach Greven mit Max Weber davon, daß er (Greven) „religiös unmusikalisch“ sei . Sozusagen formte das moderne Weltbild sich bei ihm in beide Richtungen aus: Kontingenz prägt nicht nur die modernen Gesellschaft als Objekt der wissenschaftlichen Untersuchung oder als Handlungsfeld des politischen Engagements. Kontingenz prägt auch den in dieser bestimmten historischen Situation verwurzelten Menschen und dessen Biographie.

Dennoch wich Greven – ähnlich wie Weber – den existentiellen Fragen nicht aus. In einer persönlichen Widmung wünschte er mir 2007  „eine glückliche hand bei der bewältigung der (lebens-) kontingenz“. Im Gespräch mit ihm wurde an vielen Stellen deutlich, daß ihn nicht nur der wissenschaftliche Gesprächspartner interessierte, sondern stets auch der ihm gegenüber sitzende Mensch mit all seinen Fragen, die oft genug zwischen wissenschaftlichem und existentiellem Suchen hin- und herzuwandern pflegen.

Vielleicht war das das Kriterium der Wahrhaftigkeit, das er bei seinem Gegenüber suchte: daß einen das Schicksal des Menschen in der modernen Gesellschaft nicht kalt läßt; daß man selbst sucht und sich müht um ein Bewußtsein, daß auch die Kontingenz selbst kontingent ist; daß aus jeder Möglichkeit nur dann Wirklichkeit wird, wenn man sich mit existentiellem Ernst für sie entscheidet.

Am Freitag, den 6. Juli 2012 wurde Michael Th. Greven feierlich von seinem Dienst als Professor der Universität Hamburg entpflichtet. In der Nacht von Freitag auf Samstag ist er gestorben.

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2 Gedanken zu “Michael Th. Greven und die Frage nach der Kontingenz

  1. Bei zwei Seminaren bei Ihm habe ich unheimlich viel gelernt, ein toller Professor. Ein Jammer, dass er seinen Ruhestand nicht genießen konnte. Er hat zweimal voller Begeisterung von seiner kleinen Finca auf Mallorca und seiner Rolle als Großvater erzählt. Macht Kinder, war seine Aufforderung an die Studenten, mit einem humorvollen Unterton. Sein intellektuelles Potential und seine Menschlichkeit waren enorm und ich neige zu denken, dass er wie viele andere große Persönlichkeiten die Bühne des Lebens erst verlassen hat, als sein Werk getan war. „Racing, competing, is in my blood, is a part of me, is a part of my life,..“, hat der tödlich verunglückte Rennfahrer Ayrton Senna mal gesagt. Aus der Sicht eines Studenten vermag ich zu glauben, dass erst gegangen ist, als er das, was er am besten und liebsten tat, abgeschlossen hatte. Mein aufrichtiges Beileid für die Familie, Freunde und Kollegen.

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