Über Resonanz und Horizontverschmelzung oder: Was Hartmut Rosa und Hans-Georg Gadamer gemeinsam haben.

Zufällig lese ich Hartmut Rosas Essay „Unverfügbarkeit“ aus dem Jahr 2008 unmittelbar im Anschluss an Hans-Georg Gadamers Buch „Wahrheit und Methode“ aus dem Jahr 1960. Dieser Zufall ermöglicht mir sozusagen eine der unverfügbaren Resonanzerfahrungen, von denen Rosa in seinem Essay schreibt.

Beim zufälligen Nacheinander-Lesen der beiden ungleichen Bücher fällt mir folgendes auf:

Die Erfahrung von Resonanz, von welcher Hartmut Rosa schreibt, ist der Erfahrung von Horizontverschmelzung, die Hans-Georg Gadamer thematisiert, nicht unähnlich. Man könnte sagen, dass Resonanz und Horizontverschmelzung begriffliche Geschwister an unterschiedlichen diskursiven Orten sind.

Hans-Georg Gadamer interessiert sich in „Wahrheit und Methode“ für die Grundlinien unseres Verstehens von Texten, Worten, Kunstwerken oder allgemein: Erfahrungen. Das meint der Untertitel seines Werkes: „Grundzüge einer philosophischen Hermeutik“. In diesem hermeneutischen Kontext nutzt Gadamer die Metapher von der Horizontverschmelzung und meint damit folgendes:

Die Erfahrungen, welche wir mit den uns umgebenden Personen, Dingen, Phänomenen unserer (Um-)Welt machen resultieren bei genauer Betrachtung in der Erkenntnis, dass sich die saubere Unterscheidung in Subjekt und Objekt, ich und Welt so nicht halten lässt. In vielfacher Weise sind diese vermuteten Pole aufeinander bezogen und miteinander verflochten. Auch erleben wir unser Leben und die Geschichte als solche, die sich uns in der Überlieferung zeigt, nicht als viele einzelne, in sich abgeschlossene Ereignispunkte, sondern als ein Kontinuum von ineinander fließenden Erfahrungshorizonten. Gadamer schreibt in „Wahrheit & Methode“ (hier zitiert nach der 6. Auflage, Tübingen, 1990):

Jedes Erlebnis hat implizierte Horizonte des Vorher und Nachher und verschmilzt zuletzt mit dem Kontinuum der im Vorher und Nachher präsenten Erlebnisse zur Einheit des Erlebnisstroms. (249)

Der Verständnishorizont, in welchem ich mich als Verstehender bewege, ist also niemals fix und fertig. Dieser Horizont, als „der Gesichtskreis, der all das umfaßt und umschließt, was von einem Punkt aus sichtbar ist“ (307), bewegt sich mit mir mit. Der Horizont endet nie, ist nicht vollendbar und damit auch in Rosas Sinne unverfügbar. Wenn ich ein historisches Ereignis oder einen Text verstehen möchte, muss ich mich, so Gadamer, mitsamt meinen Vorverständnissen und Vorurteilen in den Horizont dieses Ereignisses oder Textes hineinversetzen lassen. Mein Horizont und der Horizont dessen, das oder den ich verstehen möchte, müssen miteinander überlappen bzw. verschmelzen. Nur so kann ich verstehen bzw. zu verstehen beginnen. Verstehen, was der Text oder das Ereignis mir sagen möchte.

Solch eine Horizontverschmelzung kann einem, so Gadamer, die „ganze Würde der hermeneutischen Erfahrung“ (492) vermitteln, welche darin besteht, „daß hier nicht unter Bekanntes eingeordnet wird, sondern daß, was in der Überlieferung begegnet, uns etwas sagt“ (ebd.). Und weiter. Verstehen ist eine „echte Erfahrung, d.h. Begegnung mit etwas, das sich als Wahrheit geltend macht“ (493). Die Begegnungen und Erfahrungen, die mir zustoßen, haben also eine Bedeutung, vermitteln einen Sinn und öffnen sich in meine Richtung mit einer Aussage; der Inhalt dieser Aussage bleibt oft genug diffus oder äußert sich als ein intrinsisch geborener Auftrag. Die Aussage tritt also nicht einfach von außen an mich heran, sondern wird vielmehr durch meine Offenheit von mir, dem Verstehenden, mit konstituiert. Erst so macht der Inhalt der Aussage Sinn für mich.

Und hier setzt Hartmut Rosa mit seinen Begriffen „Resonanz“ und „Unverfügbarkeit“ an. Beide Begriffe beziehen sich auf „meine“ Beziehung mit der Welt. Der Soziologe Hartmut Rosa interessiert dabei besonders dafür, wie diese Beziehung zwischen ich und Welt sich in der modernen Gesellschaft Stück für Stück verschoben hat. Nicht normativ gemeint, daber durchaus mit einem kulturpessimistischen Unterton schreibt Rosa in „Unverfügbarkeit“ (5. Auflage, Salzburg: 2019):

Nach meiner Lesart besteht die Kulturleistung der Moderne gerade darin, dass sie die menschliche Fähigkeit, Welt auf Distanz und in manipulative Reichweite zu bringen, nahezu perfektioniert zu haben. (37)

Dieser instrumentelle Weltbezug, welcher in Rosas Lesart bei dem idealtypisch umschriebenen modernen Menschen überwiegt, macht es eben diesem Menschen schwer(er), Resonanzerfahrungen zu machen. Erfahrungen von Resonanz beinhalten dabei eine Art von Zwiesprache zwischen mir und der Welt. Resonanz bedeutet: Eine Begegnung, ein Gespräch, ein Gegenstand, ein Bild: allgemein gesprochen: eine Welterfahrung spricht mich auf unvorhergesehene Weise an, berührt mich, entlockt mir eine Antwort und verändert mich (38ff.). Ich beginne zu hören auf Welt und beginne ihr zu antworten (40). Subjekt und Objekt beginnen miteinander zu kommunizieren; sie offenbaren ihr Wesen – Rosa würde diese essentialistische Kategorie nicht nutzen, Gadamer schon eher – ihr Wesen als resonante, kommunizierende Röhren. Nur vermeindlich sind Subjekt und Objekt/Welt unterscheidbar. ‚Je schon‘ stehen sie miteinander im Dialog.

Man kann die Bedingungen der Möglichkeit solcher resonanter Erfahrungen so beieinflussen, dass Resonanz wahrscheinlicher wird bzw. nicht von vorne herein verhindert wird. Letztlich bleiben solche Erfahrungen aber überraschend, unverfügbar. Sie stellen sich ein oder auch nicht. Unsere Versuche, diese Erfahrungen uns verfügbar zu machen – Rosa führt diverse Beispiele an – weist uns letztlich als die ohnmächtige Menschen aus, die wir trotz moderner Allmachtsphantasien geblieben sind. Resonanz entgegen bedarf der Unverfügbarkeit. In anderen Worten: Glück lässt sich nicht planen. Es stellt sich ein.

Resonanz ist also, wie die Horizontverschmelzung, eine Metapher für eine Erfahrung, in welcher sich die vermutete Kluft zwischen Subjekt und Welt schließt und die beiden Pole miteinander auf sinnvolle Weise miteinander zu kommunizieren beginnen. Beide Metaphern teilen auch eine gewisse Unschärfe miteinander (sonst wären sie ja auch keine Metaphern …). So schreibt Rosa von der  Resonanzerfahrung: „Wann immer wir mit der Welt in Resonanz treten, bleiben wir nicht diesselben. Resonanzerfahrungen verwandeln uns, und eben darin liegt die Erfahrung von Lebendigkeit“ (41). Ähnliche Formulierungen lassen sich bei Gadamer mit Bezug auf das Verstehen und das Verständnis finden. Man merkt, dass beide eine fundamentale Erfahrung ins Wort bringen möchte, die das menschliche Leben wert- und sinnvoll macht, die aber letztlich auch im begrifflichen Sinne unverfügbar bleibt. Rosa schreibt dazu:

Wir sind niemals fertig mit der begegnenden Welt, aber wir begegnen ihr oft und in zunehmenden Maße so, als wären wir es. (…) Das gilt sogar für das Nachdenken über Unverfügbarkeit. Tatsächlich fällt es mir nicht immer leicht zu erklären, wovon dieser Essay handelt. (114)

Was wir von der Wissenschaft, von der Bildung, von der Kirche, der Politik und Verwaltung usw. erwarten, sie mögen doch für Eindeutigkeit und Bestimmtheit, für Vorhersehbarkeit und Planbarkeit sorgen: Das ist die Falle des modernen Denkens, die, so Rosa, zu immer mehr Komplexität und destruktiver Unzugänglichkeit (vgl. 124ff.) führt. Es lebt nur, wer beim Verstehen der Welt und beim Kommunizieren mit der Welt offen ist für die Überraschung, die neue Erfahrung, die Unbestimmtheit, welche die Macht hat, das Leben zu verändern.

Zeit und Politik

Hinweis:  Es folgt ein Text aus dem persönlichen Archiv; die Literatur entspricht nicht dem aktuellen Forschungsstand, BC.

Das Begriffspaar von Zeit und Politik, welches bisher nur wenig politik- und sozialwissenschaftlich relevant aufgearbeitet wurde (Stand: 2003), läßt sich vorläufig in drei verschiedene grammatikalische und damit auch semantische Verbindungen einteilen. Zum einen als die beiden Genetivkonstruktionen „Zeit der Politik“ bzw. „Politik der Zeit“. Beide Konstruktionen verweisen auf einen jeweils spezifischen Zusammenhang, welcher folgend anhand von Literatur skizziert werden soll. Es wird sich zeigen, daß im Falle dieser Genetivkonstruktionen Zeit als nur begrenzt abstrakte Größe in einem je und je modifizierten Sinne von chronologischer Zeit gemeint ist. Zum anderen soll noch auf einen dritten, und zwar präpositionalen Zusammenhang hingewiesen, nämlich die „Zeit in der Politik“. Diese Hintergrundzeit (Palonen 2003) setzt sich von der reinen Chronologie ab und kann auch mit der geschichtlichen Zeit Reinhart Kosellecks (1989/2000) verglichen werden. Sie verspricht vor allem auf der theoretischen Ebene ein fruchtbares Vorankommen. Festzuhalten ist aber, daß folgende Einteilung nur einen hinweisenden Charakter besitzt, da die verschiedenen Dimensionen sich auch vielfach ineinander verhaken bzw. das ein und dasselbe Argument in verschiedene Richtungen hin gewendet werden kann.

 

Zeit der Politik

Diese Konstruktion verweist in der ein oder anderen Weise stets auf den prozeduralen Aspekt der Politik. Zeit wird als konstituierend für Politik angesehen, da es das politische Handeln in bestimmter Weise in bestimmten Kontexten ordnet. So macht Riescher (1994) in einer der wenigen Monographien zum Thema von Zeit und Politik deutlich, daß politische Systeme wie der Präsidialismus, Parlamentarismus usw. über je eigenen Zeitstrukturen verfügen, in dem sie den verschiedenen Akteuren jeweils unterschiedliche Zeitkonten zur Verfügung stellen, bzw. den einen Akteur über das Zeitkonto eines anderen Akteurs verfügen lassen, wie z.B. die Macht des britischen Premierministers zur „spontanen“ Auflösung des Parlamentes. Institutionen stehen somit in einem zeitlichen Verhältnis zueinander, was ihre jeweilige Machtstellung im System bedingt. Die Zeit der Politik wird nach Riescher im politischen System auch durch die Zyklizität solcher Ereignisse wie Wahlen geprägt, die der operativen Politik einen Wiederholungscharakter verleihen. Dieser Wiederholungscharakter kontrastiert mit der Linearität in der Bearbeitung von politischen Themen, welche Zukunft jenseits aller Wahlen und Wiederholungen ausfüllen wollen.

Institutionelle Zeitregime gibt es aber nicht nur in den nationalen politischen Systemen, sondern auch in anderen politischen Organisationsformen wie z.B. der Europäischen Union. Hier stellt der französische Anthropologe Abelès (1993) eine institutionelle „Eigenzeit“ (Nowotny 1989) fest, welche sich durch ein Primat der Dringlichkeit auszeichnet. Abelès’ Studien stellen ein befremdliches, aber die moderne Politik immer mehr ergreifendes Zeitregime fest, welches nur noch Planung und Dringlichkeit, prosaisch gesprochen, Unrast kennt. Europäische Integrations- und Koordinationprozesse kennen kein eigentliches Ende, da man sich der politischen Zukunft der Organisation aus politischen Gründen nicht stellen möchte. Die Bürokratie der EU fällt dadurch in einen steten Neuerungsprozeß, der die Vergangenheit nur als Gründungsmythos kennt und gleichzeitig, da die Zukunft jeden Zieles beraubt ist, Gegenwart zur Zukunft macht und umgekehrt. Abelès kommt dabei zum Schluß, daß dies zu niedrigen Bewertung jeder Reflexion und Nachdenklichkeit führt, da das „Projekt“ dadurch gefährdet würde. Hier verliert die EU also ihren Organisationscharakter und wird zu einer immerwährend Baustelle, deren Projektcharakter gerade das Spezifikum der Union ausmacht.

Manche mögen dann auch gleich die Dringlichkeit und Beschleunigung als Spezifika der modernen Politik als solcher festhalten (Eberling 1996). Die erhöhte Geschwindigkeit sozialer Prozesse, gedacht als gehetzte Abfolge regelungsbedürftiger politischer Problemlagen, macht, so Eberling, das Herrschaftsproblem der Moderne aus. Politik in der beschleunigten Moderne schafft es kaum noch die entstehende Komplexität des sozialen Lebens in geregelte Bahnen zu lenken und gibt ihr Steuerungsmonopol für die Gesellschaft an andere Akteure und/oder Systeme ab. Die vergleichende Transformationsforschung kennt mit dem „Dilemma der Gleichzeitigkeit“ von politischer und wirtschaftlicher Transformation in Drittweltstaaten einen ähnlich gelagerten Fall, wo die Komplexität der zu treffenden Entscheidungen in sich rapide wandelnden Gesellschaften zusammentrifft mit fehlenden Normen zur Hierarchisierung der Probleme hinsichtlich ihrer Dringlichkeit (Riescher 1995). Politik, so mag man schließen, entwickelt ihr eigenes Zeitsystem, welches die sozialwissenschaftliche Forschung erschließen muß.

 

Politik der Zeit

Wie schon angeklungen können Fragen der Macht auch verstanden werden als Fragen der Zeitsouveränität verschiedener politischer Handlungseinheiten. Was Rutz (1992) für verschiedene Kulturen feststellt, weiß Riescher (1994) von den politischen Systemen der westlichen Moderne zu berichten: Politische Akteure haben es in der Geschichte vermocht, die Zeitsouveränität der anderen Akteure zu appropriieren und ihre eigene Zeitordnung allgemein gültig zu institutionalisieren, wobei man mit Max Weber vielleicht die modern-rationale Bürokratie als einen solchen aggressiven Zeitmonopolisten betrachten kann. Ebenso kann die Entstehung einer demokratischen politischen Ordnung verstanden werden als das Zurückdrängen der allumfassenden monarchischen Zeitdirektive. Zeitfragen werden damit zu Machtfragen. Schlichte (2000) weist darauf hin, daß die Prozesse der Vereinheitlichung und staatlichen Vereinnahmung auf zwei Grundkonstanten modernen Lebens, Geld und Zeit, gleichermaßen zutreffen. Dem Staat erwächst damit eine wichtige Rolle in der Regelung des „zeitlichen“ Lebens einer Gesellschaft, was darauf hinausläuft, daß die soziale Zeitordnung in der Moderne stets ein vermachteter Raum ist, in welchem bestimmte, nämlich staatliche Präferenzlagen zum Ausdruck kommen. Ebenso kann die Vereinheitlichung des Kalenders, welcher in der Moderne den Menschen weitgehend internalisiert zu eigen ist, als ein Prozeß beschrieben werden, in welchem sich die Ansichten eines machtvollen Akteurs gegen jene eines weniger mächtigen Akteurs durchsetzen. Nicht umsonst werden in gesellschaftlichen Umbruchphasen, wie z.B. zur Zeit der französischen Revolution, bei der Machtübernahme Napoleons, dem Zerfall der Sowjetunion mitunter radikale kalendarische Neuerungen eingeführt, um das neue Regime im Alltag der Menschen zu verankern (Riescher 1994).

Zeitliche Aspekt lassen sich aber nicht nur in der Herrschaft von Menschen über Menschen finden, sondern auch in der Hierarchisierung politischer Themen. Die Zeit, die ein Politiker einem bestimmten Problem widmet, ist Ausdruck der Wichtigkeit dieser Sache für die Machterhaltungsstrategie des politisch Tätigen (Böhret 1989). „Klausursitzungen“ zu einem bestimmten Thema kommen dabei einer Adelung jenes Themas gleich, da man sich zu seiner Bearbeitung extra und ausschließlich „Zeit nimmt“. Demokratie, diese Herrschaft auf Zeit, verleitet dabei in besonderem Maße dazu, die politische Themen nach ihrer kurzfristigen und langfristigen Wichtigkeit für die Machterhaltung zu beurteilen. Langfristige Probleme, die einer Lösung harren, zu denken wäre z.B. an die Atommüllentsorgung und demographische Entwicklung, werden als sekundär eingestuft, da sie in den kurzgetackteten Legislaturperioden nicht zu einer sichtbaren Veränderung, wenn nicht sogar zu einer vorübergehenden „Verschlechterung“ und damit zu einer Verringerung der Wahlchancen führen. Zwar können diese zukünftigen Probleme auch zu einem gegenwärtigen Problem werden, Nowotny (1989) spricht hierbei von einer „erstreckten Gegenwart“ der Politik, doch dies bedarf einer zusätzlichen zeitpolitisierenden Anstrengung gesellschaftlicher Akteure. Zeit, so mag man schließen, kann in verschiedenen Facetten zu einem Objekt politischer Machtkämpfe werden.

 

Zeit in der Politik

Die Hintergrundzeit (Palonen 2003) bzw. geschichtliche Zeit (Koselleck 1989/2000) bildet die eigentliche Herausforderung einer theoretisch inspirierten politischen Sozialwissenschaft. Die geschichtliche Zeit verläßt den Boden der reinen Chronologie, und „die Zeit bleibt nicht nur die Form, in der sich alle Geschichten abspielen, sie gewinnt selber eine geschichtliche Qualität. Nicht mehr in der Zeit, sondern durch die Zeit vollzieht sich dann die Geschichte. Die Zeit wird dynamisiert zu einer Kraft der Geschichte selber“ (Koselleck 1989: 321). Man mag dann, so wie es Laïdi (1997) tut, von einer „temps mondial“ sprechen, in welcher sich seit dem Ende des Kalten Krieges und dem Ausbruch einer zügigen Globalisierung verschiedene gesellschaftliche Großprozesse vereinigt haben, um dadurch den „Handlungshorzizont“ (Luhmann 1975) der Menschen global auszuweiten. Die geschichtliche Zeit läßt sich aber wie von Koselleck (1975) festgestellt wesentlich früher fruchtbar ansetzen, nämlich indem man die Geschichte der Moderne als eine Verzeitlichung der Geschichte liest. Diese „neue“ Art der Geschichtsauffassung setzte sich mit dem Aufbruch der Moderne im 19. Jahrhundert durch, öffnete die Geschichte in Richtung der Zukunft, was es möglich machte von einem „Fortschritt“ der Menschheit und der Gesellschaft zu sprechen. Geschichte und Zeit nehmen einen linearen, auf ein weltliches Ziel hinstrebenden Charakter an. Moderne Politik nimmt hier die Natur einer säkularisierten Heilsgeschichte an. Es ist nicht übertrieben zu behaupten, daß jede politische Theorie und Ideologie, sei es der Liberalismus, der Nationalismus, der Konservativismus usw., all jene haben im 18. und 19. Jahrhundert ihre Wurzeln, von der Möglichkeit der Formung von Zeit ausgeht, von einer Ausgestaltung der gesellschaftlichen Zukunft in einer bestimmten Weise. Hanson (1997) stellt für den Marxismus-Leninismus ein bestimmtes Zeitverständnis fest. Einteilungen in traditionale und moderne, liberale und totalitäre Konzeptionen geschichtlicher Zeit finden sich ebenfalls in der ethnologischen und politischen Sozialwissenschaft (Rotenberg 1992; Maier 1987).

Die geschichtliche Zeit erlaubt es auch, geistige Kollisionen verschiedener Zeitkonzeptionen zu untersuchen bzw. die „Zeitschichten“ (Koselleck 2000) des geschichtlichen Verlaufes zu sezieren. Braudels „longue durée“ (1958) eignet sich z.B. dazu, die kurzfristige Ereignisfixierung moderner politikwissenschaftlicher Forschung zu relativieren bzw. auch die Adäquanz der Anwendung einer bestimmten Theorie auf einen bestimmten Gegenstand. Ebenfalls besitzt soziales Geschehen verschiedene Lagen mit je variierenden Wiederholungstempi und muß folglich auf verschiedenen zeitlichen Ebenen untersucht werden. Kriege können so als soziale Konflikte charakterisiert werden, deren Ursachen jeweils kurzfristig, mittelfristig und langfristig generiert werden. „Ungleichzeitigkeit“ (Bloch 1935) entsteht nicht nur in dem Ineinandergehen von traditionalen und modernen Reproduktionsmodi (Conrad 2001), sondern auch in dem Übereinanderlegen sozialer Prozesse mit unterschiedlichen Zeitkernen.

Die geschichtliche Zeit ist eine vielversprechende, wenn auch schwierig zu gebrauchende Kategorie. Noch vielversprechender, aber auch noch schwieriger wird es dort, wo man die geschichtliche Zeit der Politik anreichert mit ontischen Überlegungen aus der Zeitphilosophie und Zeittheologie. Dies geschah nicht ohne Grund bisher kaum in der Sozialwissenschaft. Kategorien wie der „Augenblick“ (Kierkegaard), „Ewigkeit“ (Augustinus), „Raum und Zeit“ (Kant) und „Sein und Zeit“ (Heidegger) bedürfen zu ihrem bloßen Verständnis schon eine geraume Zeit, ganz zu schweigen von ihrer erfolgreichen „Anwendung“ auf dem Gebiet der Sozialwissenschaft. Es wird damit deutlich, daß die bisherige Forschung bezüglich des Verhältnisses von Politik und Zeit bisher nur dem Schürfen an der Oberfläche gleichkam.

Über die Konkretion im Augenblick

Wir denken gerne in großen Linien, in den vollumfänglichen Systemen, den ganzheitlichen Lehren und den überspannenden (und manchmal auch: überspannten) Theorien. Wir schätzen das Allgemeine und blicken auf das Konkrete oft nur in seiner exemplarischen Bedeutung. Gerade eben habe ich mein Kind darüber belehrt, dass zum Verstehen eines Textes in einem Schulbuch die allgemeine Aussage das wichtigste ist und das Beispiel erst dannach zu nennen sei.

Was nun H.G. Gadamer über die „Konkretion im Augenblick“ schreibt (in: Wahrheit und Methode, 328) lehrt mich, den Augenblick, das Konkrete, die Situation höher zu schätzen als es meine Belehrung dem Kinde es vermitteln wollte. Beides gehört nämlich zusammen: das Allgemeine und das Spezifische, die Kontinuität und der Augenblick.  Eine Einseitigkeit hin zu dem einen oder anderen ist eben das: einseitig.

Gadamer formuliert sein „Konkretion im Augenblick“ in Bezug auf das ethische Handeln, das sich, so Gadamer im Anschluss an Aristoteles, gerade in einer konkreten Situation – dem Augenblick – verwirkliche. Es verwirklicht sich im Handeln nicht eine allgemeine ethische Idee, sondern das Handeln im Augenblick generiert seinen eigenen ethischen Sinn. Damit wird man nicht gleich zum Situationisten, sondern lediglich zu einem Menschen, der weiß, dass jegliches Allgemeine in Recht, Politik, Spiritualität usw. stets nur auf die Realität Einfluss nehmen kann im Modus der Konkretion.

Das andere Extrem, die Dezisionisten, sind dann jene, welche im Augenblick der Entscheidung den alleinigen Ausdruck situativ ausgelebter und gültiger Wahrheit sehen. Gadamer schlägt sich auf deren Seite aber nicht. Er hält die hermeneutische Waage zwischen dem Verstehen „von oben“ her auf der einen Seite und einem Verstehen „von unten“ her auf der anderen Seite. Wo oben und unten zusammenkommen wird für ihn dann die „fordernde Situation des Augenblicks“ (ebd. 327) geboren. Hier wird, man mag folgern, Wort zu Fleisch.

Und dann sind da noch die Augenblicke, die einen bisher unerkannten Aspekt von Wirklichkeit auch ganz ohne Theorie und allgemeines (Vor-) Wissen enthüllen. Aus sich heraus und unvermittelt spricht die Situation Wahres aus, und ich erfahre im konkreten Augenblick: In den besten Fällen offenbaren sich Wahrheit und Wirklichkeit als ein und dasselbe. Hier und jetzt, an diesem Ort sind sie da. Der Augenblick wird so konkret: wirklicher und wahrer geht es nicht.

Die ‚Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen‘ in der Hamburger Politikwissenschaft

Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen ist eine in der Soziologie und Geschichtswissenschaften viel zitierte – und kritisierte – Denkfigur. Den einen dient die Figur als heuristische Brille für die Beobachtung der modernen Gesellschaft; die anderen kritisieren ihren Gebrauch als Ausdruck eines temporal verzerrten Weltbildes, das den kolonialistischen Blick nie richtig abgelegt hat. In der Hamburger Politikwissenschaft trifft man die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen im Laufe der Jahre immer wieder an, dann aber zumeist im erstgenannten Sinne: Die Denkfigur möchte den historisch informierten Blick auf die Geschichte und Gegenwart schulen, um die durchaus flüssigen, neuen und wiederkehrenden gesellschaftlichen Wirkkräfte besser beschreiben zu können. In diesem Sinne wird das Theorem, als welches man die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen auch bezeichnen kann, von einigen Vertretern des sog. Hamburger Ansatzes der Kriegsursachenforschung ab der Mitte der 1990er Jahren ins Spiel gebracht.

Lesen Sie hier weiter:

https://politik100x100.blogs.uni-hamburg.de/conrad-retrospektive-gleichzeitigkeit-des-ungleichzeitigen/

 

Hans Kelsen und die Herausforderung der Pluralität für die Demokratie – eine sehr knappe Notiz

Eine bleibende Herausforderung und eine alte Frage für jeden Ordnungsdenker:

Wie viel Pluralität verträgt die demokratisch, plurale Gesellschaft? Bzw. : Ist weitgehende gesellschaftliche Homogenität die Bedingung der Möglichkeit von Demokratie? Hans Kelsen ist diesbezüglich in seinem Text „Vom Wesen und Wert der Demokratie“ aus den 1920er Jahren (hier zitiert nach der Reclam-Ausgabe von 2018)  zurückhaltend:

Man wird Kelsen wohl zugestehen können:

Ja, die Demokratie lebt von der Existenz eines Kommunikationsraums. Dieser Kommunikationsraum schafft sich wieder eine Öffentlichkeit, die mit der Demokratie und den demokratischen Institutionen (hoffentlich) etwas anfangen kann. Diese allgemeine Aussage benötigt in der Wirklichkeit dann auch der Konkretion: Die Demokratie eines Staates, lebt von einem bestimmten Kommunikationsraum, einer bestimmten Öffentlichkeit, die sich wiederum auf bestimmte Institutionen bezieht. Es bedarf der kommunikativ erzeugten Legitimität der Institutionen und Verfahren. Wo diese Parament aufgrund mangelnden sprachlichem und/oder kulturellem Zusammenhalts nicht zustande kommt, hat es die Demokratie, das Wechselspiel von Mehrheit und Minderheit schwer. Studieren lässt sich dieser Zusammenhang an den Herausforderungen, vor denen die Institutionen der Europäischen Union – samt dem demokratisch gewählten Europäischen Parlament – stehen.

Die Frage ist natürlich auch:

Was soll’s?! Die politische Ordnung kann sich die zu ihr passende Gesellschaft nicht aussuchen. Wird eine einstmal homogene Gesellschaft – wenn diese Homogenität hoffentlich auch nicht einem verklärten Blick entspringt! – durch interne oder externe Einflüsse im diachronenen Verlauf heterogener, dann sollte man deshalb ja, sozusagen im synchronen Augenblick der Entscheidung, nicht die Finger von der demokratischen Ordnung lassen, sondern diese eher weiter entwickeln. Die Herausforderung ist da, in der Tat. Die Demokratie wird dadurch nicht weniger erstrebenswert. Der Brite würde dazu sagen: Get on with it!

Was ist Berufung? (frei nach Max Weber)

Die beiden Worte Beruf und Berufung hängen im Deutschen eng miteinander zusammen, phonetisch und semantisch. Doch beide bezeichnen auch unterschiedliche Dimensionen, Dimensionen nämlich eines Nachdenkens über persönliche Lebensgestaltung.

Folgt man Max Weber, so liegen dem Begriff „Beruf“ religöse Semantiken zugrunde. Max Weber spricht zum Beispiel vom „Berufsmenschen“, als welchen er den „innerweltlichen Asketen“ (M. Weber: Wirtschaft & Gesellschaft, Tübingen 1972: 332) bezeichnet. Auch der dem innerweltlichen Asketen entgegenstehende weltabgewandte Mystiker kann seine eigene Stellung innerhalb der Ordnung der Dinge als Beruf erfahren, so Max Weber (ebd.). Im Beruf kondensiert sich also, so könnte man heute etwas fromm sagen, eine geistliche Berufung; und für Max Weber natürlich auch eine ausgesprochene „Berufsethik“ (ebd.).

Doch was ist eine geistliche Berufung? Berufung ist der Weg einer bewussten geistlichen Entscheidung. Berufung ist ein Weg, das heißt, sie ist ein lebenslanger Prozess und nie völlig abgeschlossen. Dieser Weg kennt Kontinuität, sonst wäre er nicht als ein Weg erkennbar. Der Weg kennt aber auch Diskontinuität, Unterbrechung, Neuausrichtung, die durch äußere oder auch innere Vorgänge aufgezwungen werden. Berufung ist auch eine bewusste geistliche Entscheidung, das heißt der Berufene muss diesen Weg in reiflicher Überlegung und aus freien Stücken gehen und dabei stets in Kommunikation mit seinem Gott sein. Die Entdeckung der eigenen Berufung hilft dem Berufenen also dabei, sein Leben von Gott her zu deuten. Max Weber benutzt hierfür das schöne Wort der „Heilsmethodik“ (ebd. 324). Heilsmethodik meint ein systematisches, lernendes Vorgehen in der geistlichen Gestaltung des persönlichen Lebens, von Lebensform, Lebensstand, Lebensort und Beruf.

Berufung ist eine außeralltägliche Entscheidung, die sich im Alltag bewähren muss. Auf dem Weg der Berufung gibt es Zeiten der ganz bewussten Wahl eines Weges unter Ausschluss anderer Wege. Und es gibt auch Zeiten eines mitunter dramatischen (Ein-) Bruchs oder einer Öffnung. Diese Zeiten sind oft außeralltäglicher Natur. Sie gleichen einem Wunder, positiver oder negativer Natur. Und es gibt Zeiten der nicht immer ganz bewussten Bestätigung und evtl. Justierung dieser Wahl. Diese Zeiten werden auch Alltag genannt. Im Alltag erfährt die Berufene: Mein Gott geht den Weg mit, den ich wähle. Und auch: Im Alltag wächst sich eine Berufung zu einem konkreten Beruf aus. Im Alltag wird es also methodisch.

Die Zeiten der ganz bewussten, außeralltäglichen Wahl umfassen quantitativ nicht mehr als 2% des gesamten Weges, stechen in der subjektiven qualitativen Bewertung aber heraus. Die Zeiten der unbewussten Bestätigung bzw. methodischen Justierung sind quantitativ überwiegend (98%), fallen qualitativ aber weniger auf. Beide Zeiten sind aber eng miteinander verwoben, denn erst im Alltag wird der Weg der Berufung konkret, entwickelt sich ein „Alltagshabitus“ (ebd. 325).

Berufung hat Kontext, das heißt Berufungen finden stets innerhalb eines konkreten kulturellen, religiösen, systematischen und auch politischen Umfelds statt. In diesem Umfeld sind Ermutigungen möglich, aber auch Entmutigungen. Ermutigung und Entmutigung sind an andere Menschen gebunden, die durch ihr Vorbild überzeugen oder im Gegenteil auch abschreckend wirken können. Ermutigung und Entmutigung sind auch von Strukturen und einem institutionellen Klima abhängig. Dabei spielen die von Max Weber ganz nüchtern als „Berufsekstatiker“ (ebd. 799) bezeichneten Personen eine nicht unwesentliche Rolle, da sie als die sozusagen professionell Berufenen das Scharnier bilden zwischen Alltagserfahrung und außeralltäglichem Geschehen. Sie bieten Deutungen und Rituale an, die dem Berufenen helfen sollen, einen gewählten Weg weiter zu gehen oder eben auch eine neue Richtung einzuschlagen.

Die Wege der Berufung sind für die so berufenen Menschen unverfügbar und schwer zu kontrollieren. Der Berufung wohnt ein anarchisches Moment inne. Berufung stellt Kontinuität in Frage. Dem gegenüber stehen institutionelle, aber auch familiäre Erwartungen in Richtung Kontinuität und Erwartbarkeit. Deshalb gehen Berufungsgeschichten oftmals mit Konflikten einher. Deshalb ist es auch eine solch große Herausforderung alltäglichen Beruf und außeralltägliche Berufung in ein gutes Verhältnis miteinander zu bringen. Jede Leserin von Max Webers religionssoziologischen Texten – oder auch der Bibel – wird dies bestätigen können.

 

 

 

Der Sinn und Zweck von Universitäten (nach Stefan Collini)

Das Buch, auf das ich mich hier beziehe, ist schon einige Jahre alt. Es handelt sich um Stefan Collinis „What are Universities for?“ (Penguin) und stammt aus dem Jahr 2012. Collini schreibt aus einem britischen Kontext heraus; das wird besonders im zweiten Teil des Buchs deutlich, in welchem er zu verschiedenen britischen bildungspolitischen Debatten der jüngeren Vergangenheit mit spitzer Feder Stellung nimmt.

Die Frage nach dem Sinn und Zweck von Universitäten stellt sich dem Ideengeschichtler und Literaturwissenschaftler aus Cambridge vor allem angesichts der zunehmenden Ökonomisierung des akademischen Lebens, wie sie in den vergangenen zwei Jahrzehnten in enormen Maße um sich gegriffen hat, in Großbritannien, aber auch darüber hinaus. Das Diktat der Ökonomisierung lässt sich (unter Zuhilfenahme von den Collini verhassten „bullet-points“) knapp folgendermaßen umreißen:

  • Studierende = Kunden;
  • Universitäten = Unternehmen;
  • vorrangige Bildungsziele = Einkommensmaximierung & Beitrag zum nationalen Wirtschaftswachstum;
  • Verhältnis von Akademikern/Universitäten untereinander = Konkurrenz.

Diesem Bildungsideal – das wenig mit Idealen und schon gar nichts mit Bildung zu tun hat – stellt Collini sein hochschulpolitisches Ideal gegenüber, das er folgendermaßen beschreibt:

„Universities provide a home for attempts to extend and deepen human understanding in ways which are, simultaneously, disciplined and illimitable.“ (195)

Was meint Collini mit „disciplined and illimitable“?

An Universitäten wird nicht irgendwie und irgendwas geforscht. An Universitäten wird das erforscht, was entsprechend ausgebildete Menschen als wichtige und interessante Frage und Themen erkannt haben. Die Fragen und Themen, um die es dabei geht, werden von der akademischen Welt also selbst ausgewählt. Das geschieht in dem Wissen, dass die akademische Welt – trotz aller Vorurteile – nicht einem Elfenbeinturm gleicht. Vielmehr gleicht die universitäre Welt einem Sieb, das in fast grenzenloser Weise mit den sie umgebenden Welten in dauernder Kommunikation steht. Akademiker entnehmen ihre Fragen der diesbezüglich endlos erscheinenden, unendlich nach Antwort suchenden Welt. Zusätzlich werden diese Fragen und Themen auf methodisch und hermeneutisch abgesicherte Weise bearbeitet. Die jeweilige Methodik und Hermeneutik des wissenschaftlichen Arbeitens unterscheidet sich je nach Disziplin und ist jeweils auch einer Diskussion ausgesetzt. Es werden also nicht nur Themen und Fragen bearbeitet und diskutiert, sondern auch die Art und Weise der Bearbeitung wird ständig neu hinterfragt.

Mit „illimitable“ meint Collini, dass diese universitären Forschung und Lehre in erster und zweiter Ordnung (45) sich nicht in einem bestimmten, konkreten Zweck erschöpft. Sie trägt freilich zur beruflichen Ausbildung von Richtern, Ärztinnen, Ingenieuren und Lehrerinnen bei. Doch die universitäre Forschung und Lehre erfüllt ihren letzten Zweck nicht in dieser Ausbildung. Sie geht stets über die konkrete Zweckerfüllung hinaus und stellt offene Fragen des adäquaten Verstehens, stellt Fragen nach dem guten Leben, Fragen nach dem Sinn und der Natur der Welt, Fragen nach der Stellung des Fragestellers in all dem. Die offene Fragen, die man sich an Universitäten stellt, werden ergänzt durch die Offenheit und Vorläufigkeit jeder Antwort auf diese Fragen. Collini im Wortlaut:

„Human understanding, when not chained to a particular instrumental task, is restless, always pushing onwards, though not in a single or fixed or entirely knowable direction, and there is no one moment along that journey where we can say in general or in the abstract that the degree of understanding being sought has passed from the useful to the useless“ (55).

Die universitäre Neugier ist also endlos, so endlos wie die Fragen der Menschen, sowohl quantitativ als auch qualitativ. Wer den Universitäten diese Neugier austreiben möchte im Interesse einer wie auch immer gearteten Nützlichkeit, der muss wissen, dass er nicht nur die akademische Neugier beerdigt, sondern die Universitäten gleich mit. Der Sinn von Universitäten liegt also gerade darin, dass sie keinen unmittelbaren Zweck haben. In Forschung und Lehre schießen Universitäten tagtäglich über alle Zwecke hinaus.