Verzichtet! Über ein liberales Fasten.

Wir werden in einigen Tagen Ostern feiern. Doch man muss es leider sagen: Das Ende der Fastenzeit ist noch lange nicht in Sicht. In der Tat: Eine wahrlich „Große Fastenzeit“ steht uns bevor. Vor uns liegen (mindestens) 40 Jahre des Verzichts.

40 Jahre Verzicht. Was für die vielen religiösen Fastenzeiten gilt, das gilt auch für die vor uns liegende Große Fastenzeit: Wir können sie bewusst angehen. Wir können sie gestalten und, das beste daraus machen, uns durch sie vorbereiten auf einen nächsten, evolutiven Schritt, quasi eine Auferstehung von den Toten. Oder wir ignorieren alle Zeichen der Zeit, die Warnungen und die Worte der Prophetie. Wir stellen uns taub, und machen so weiter wie bisher. Dann kommt der Verzicht als radikaler Zwang, wie ein Dieb in der Nacht, schneidet uns Stück für Stück das Fleisch von den Rippen, das Leben aus dem Herz, den Zusammenhalt aus der Gemeinschaft.

Ja, es geht um den Klimawandel und unsere Haltung dazu. Es geht aber um noch mehr. Russlands Krieg gegen die Ukraine und das Verhalten der aggressiv Mächtigen weltweit zeigt uns (einmal mehr), was eine wahre Große Fastenzeit ebenfalls von uns erfordert: den vollkommenen Verzicht auf Machtgier und Geltungssucht. Ja, die Große Fastenzeit erfordert das, was wir in der religiösen Sprache das Opfer nennen oder – so würde sich der Dominikaner und Mystiker Johannes Tauler ausdrücken – die „Vernichtung“, die Zunichtemachung der eigenen Ansprüche. Der Mensch muss sich innerlich ganz neu erfinden. Oder sind wir die Raubtiere, ohne Fähigkeit der Selbstreflexion und Selbstkontrolle, als die sich einige unter uns derzeit benehmen? Um diese Selbstreflexion, Selbstkontrolle und Selbstzurücknahme geht es. Es geht um die Rückgewinnung der Freiheit, uns selbst im Lichte der Wahrheit zu erkennen, uns zu sehen sub specie aeternitatis.

Das ist der eine große Verzicht, der unbedingt 40 Jahre lang nötig ist: der Verzicht des Menschen auf die eigene Überheblichkeit, was die Frage der politischen Macht anbelangt und was die Frage der natürlichen Umwelt anbelangt. Beide Fragen gehören unbedingt miteinander verbunden; sind zwei Seiten der einen anthropologischen Medaille: Können wir Menschen das Bild von uns selbst so verändern, dass dieses Bild nicht mehr unweigerlich in einen gesellschaftlichen und natürlichen Raubbau führt? Können wir Nachhaltigkeit leben, wie es Udo Di Fabio kürzlich angeregt hat (FAZ vom 21. März 2022, S. 7), mit Blick auf unseren Umgang mit Macht und mit Blick auf die (Um-)Welt, deren Teil wir sind? Ich schaue mich um und hege große Zweifel.

Verzicht ist liberal!

Es wird immer wieder behauptet, man möge den Menschen nicht den Verzicht predigen, das sei nicht populär. Technologische Innovation sei nötig, damit der (westliche) Mensch seinen Lebensstil nicht ändern müsse. Daran glaube ich inzwischen nicht mehr. Technische Innovation ist nötig, der Verzicht ist noch viel nötiger. Der Verzicht auf unsinnigen Energieverbrauch, der Verzicht auf Höchstgeschwindigkeit, der Verzicht auf Just-in-time, der Verzicht auf billiges Fleisch, der Verzicht auf übervolle Kleiderschränke, der Verzicht auf Flugreisen, der Verzicht der Reichen darauf, jeden Wunsch befriedigen zu müssen, der Verzicht darauf, den Liberalismus rein mit Blick auf die wirtschaftlichen, individuellen Möglichkeiten in der Jetztzeit auszulegen, der Verzicht auf unser inzwischen tief verankertes Verständnis der Welt als unseren Privatbesitz. Liberalismus, das ist ein Kollektivgeschäft der Freiheit, das aus der Vergangenheit lernt, in der Jetztzeit gelebt wird, für die Zukunft sorgt.

Wer nicht verzichtet, ist nicht liberal. Denn unsere Ablehnung von Verzicht heute, schränkt die Möglichkeiten der Menschen und aller anderen Geschöpfe morgen in einem Maße ein, dass im Morgen nicht mehr von Liberalismus gesprochen werden kann. Der uneingeschränkte Liberalismus heute, untergräbt die Zukunft des Liberalismus morgen. Darum Alle, die Ihr Eure vermeindlichen Freiheiten liebt: Verzichtet darauf, die Freiheit nach Lust und Laune auszuleben. Reduziert Euren Ressourcenverbrauch drastisch. Ändert Euren räuberischen Lebensstil. Kehrt um. Damit auch in Zukunft die Menschen sich noch liberal nennen, Freiheiten genießen und leben können.

Die Große, Liberale Fastenzeit erfordert menschliche Selbstbeschränkung. Russlands Krieg gegen die Ukraine macht einmal mehr deutlich, was uns blüht, wenn Macht nicht beschränkt wird und Menschen und Netzwerke ihre Machtgelüste hemmungslos und blind ausleben können. Das Gebot heißt also: Verzichtet. Und das ist nicht nur ein Gebot an den Einzelnen. Das ist ein Gebot an unsere Gesellschaft, an Politik, Wirtschaft, Religionsgemeinschaften usw., an die Strukturen, die unsere Gesellschaft zusammenhalten. All das muss von der Selbstzurücknahme, vom Verzicht, ja, von Demut geprägt sein.

Wer dazu nicht in der Lage ist, spielt der Machtlust der Mächtigen, der Gier der Gierigen, der Selbstsucht der Egoisten in die Hände. Selbstgewählter, bewusster Verzicht ist der Kitt einer liberalen Gesellschaft. Mehr davon braucht es, nie weniger. Um der Freiheit willen. Um der Menschen willen. Um der Welt und der Zukunft willen.

(Amen.)

Von den vielen Angeboten und einer Kultur der Ungeduld.

Alle machen sie: Angebote!

Kirchen machen „Angebote“ der seelsorgerlichen, pastoralen oder sonstigen Art. Bildungsträger machen „Angebote“ im Bereich von Kultur, Politik, Beruf usw. Stiftungen machen „Angebote“ der Förderung und Unterstützung. Behörden machen „Angebote“ zur Beratung, Information usw. Museen machen „Angebote“ im Bereich Kunst, Geschichte, Technik usw. An diesen „Angeboten“ ist auch nichts auszusetzen. Sie gehen (meist) einem berechtigten Anliegen und Interesse nach. Sie suchen und finden (meist) auch eine sog. Zielgruppe. Sie beschreiten in der Tat auch immer wieder neues Gefilde, haben also das Potential Innovationspotential in sich zu tragen.

Von der Kultur der Ungeduld …

Angebote werden geplant, finanziert, durchgeführt, abgeschlossen, evaluiert, neu aufgelegt und ausgerichtet, u.U. auch eingestampft. In dieser Hinsicht sind sie vergleichbar mit den sog. Projekten. Sowohl Angebote als auch Projekte besitzen beide – bei allen positiven Eigenschaften – eine gemeinsame, fundamentale Eigenschaft: Sie sind ungeduldig. Und: Sie generieren eine Kultur der Ungeduld. Der Geldgeber will Ergebnisse sehen, die Durchführenden wollen Ziele erreichen, die Öffentlichkeit will beständig Neues auf dem Markt der Angebote präsentiert bekommen. Oder so scheint es. Ungeduldig werden daher Angebote an Angebote gereiht, Projekte an Projekte aufgelegt.

… zur Kultur der Präsenz

Es geht aber auch anders. Es gibt auch eine andere Kultur, eine Kultur der Beständigkeit, eine Kultur der Präsenz. Diese Kultur der Präsenz sagt: Ich bin da. Ich bleibe da. Ich bin das Angebot schlechthin, das geduldig an der Verwandlung und Veränderung arbeitet.

Es mag das Benediktinerkloster sein, in dessen Umfeld freilich auch Angebote zu finden sind, das aber vor allem durch seine kontemplative, auf Dauer gestellte Präsenz besticht und anspricht. Es kann die offene Jugendarbeit sein, die mit engagierten Menschen und dem Tischkicker einfach nur da ist und zu sich einlädt. Es kann die wissenschaftliche Grundfinanzierung sein, die jenseits der Projektitis den Forscherinnen und Forschern zutraut, auch ohne Drittmittel gute Ideen zu haben. Geduld zeigt sich in einer Orientierung auf die lange Frist, auf den steten Tropfen, der den Stein aushölt.

Angebote sind nicht per se schlecht, gerade dort, wo sie eine Kultur der Präsenz ergänzen. Doch die Kultur der Ungeduld, die Angebote und Projekte aufwiegeln, drängt die viel grundlegendere Kultur der Präsenz an den Rand. Präsenz wird begründungspflichtig. Dabei hege ich die Vermutung, dass die Kultur der Präsenz langfristig einen viel größeren Einfluss auf die innere und äußere Verwandlung von Menschen und Gesellschaften hat. Dass viele, wenn nicht sogar die meisten Angebote langfristig wie Schall und Rauch sind. Langfristig angelegte Angebote können hinüberwachsen in eine Kultur der Präsenz, ihre Ungeduld abstreifen; die Abgrenzung ist also nicht absolut. Solch ein Hinüberwachsen ist aber keinesfalls die Regel.

Wenn ich nicht mehr dauernd auf Förderlinien, Antragsprosa, Zielgruppenprofilierung, Relevanz usw. achten muss, sondern der Präsenz und ihrem Charisma vertraue, dann – so meine Überzeugung – kommen die Menschen und Ideen von selbst, machen sich selbst zu einem Angebot für jene, die immer da und präsent sind. Dann stellt sich Schritt für Schritt Veränderung, Verwandlung ein.

Mit Dank an JD für ein anregendes Gespräch, welches den Grundstock der hier präsentierten Gedanken bildet!

Metaphern der Informalität

Die meisten Organisationen und Institutionen in den Ländern des Westens (und nicht ausschließlich dort) haben den Anspruch von Formalität.

Das heißt: Die Kommunikations- und vor allem Entscheidungswege in diesen Organisationen und Institutionen sind festgelegt, aufgeschrieben („gesatzt“), von außen nachvollziehbar und gehorchen einer rationalen, dem Zweck der Einrichtung folgenden Logik. Es gibt Sitzungen; zu diesen muss geladen werden; fristgerecht natürlich; man arbeitet sich durch eine Tagesordnung durch; schreibt Protokoll; lässt dieses Protokoll genehmigen, … .

Das ist die Theorie. In der Praxis weichen Organisationen und Institutionen oft von dieser Anspruch der Formalität ab. Man könnte sogar sagen: In der Regel weichen sie von dem Anspruch der Formalität ab . Das heißt: ein Großteil der Kommunikation läuft nicht formal ab. Diese Organisationen können aber – z.B. im Konfliktfall – jederzeit zu einer strengen Auslegung von Formalität zurückkehren. Das impliziert der Anspruch von Formalität. Ansonsten gibt es in Organisationen und Institutionen aber immer auch viel informales Handeln.

Diese Informalität wird im Alltag oft mit Metaphern bezeichnet. Diese Metaphern beschreiben ein Spektrum zwischen den beiden Polen einer Informalität als dem Regelfall des organisationalen Handelns im Alltag und der Informalität als als einem Handeln mit krimineller Energie. Hier sollen einige dieser Metaphern in aller Kürze und Vorläufigkeit entschlüsselt werden. Selbstverständlich gibt es auch Metaphern für das formale Handeln; Max Webers Beschreibung des modernen wirtschaftlichen Handelns als ein „stahlhartes Gehäuse“ ist sicherlich eine der bekanntesten.

Beispielhafte Metaphern von Informalität sind:

Flurfunk bezeichnet die spontane, informelle, anti-hierarchische Kommunikation zwischen Organisationseinheiten und Personen unterschiedlicher Einheiten in den atmosphärischen „Zwischenräumen“ der Organisation. Der beispielhafte Ort für den Flurfunk ist natürlich die Kaffeeküche.

Der Buschfunk ist eine ähnliche Metapher, freilich mit kolonialen Stereotypen behaftet.

Kurzer Dienstweg bezeichnet die geplante, antihierarchische Kommunikation von Fachdienststellen miteinander unter Umgehung der jeweils höheren Stellen. Der formale Dienstweg impliziert eine längere Aufwärts- und Abwärtsbewegung von Kommunikation. Der kurze Dienstweg sorgt für eine zügigere Kommunikation zu den Seiten hin.

Die graue Literatur kennt jeder, der mit Publikationen umgeht, von der man nicht recht weiß, ob es sich wirklich um Publikationen handelt, da sie weder über eine ISBN noch über einen Erscheinungsort verfügt: Selbstdrucke, Arbeitspapiere usw.

Bei der Vetternwirtschaft geht es nicht im strengen Sinne um die Zusammenarbeit von Vettern bzw. Cousinen. Es geht aber um verdächtige Vorteilsnahme von Personen in Amt und Würden auf der Basis von Bekanntschaft- und Verwandtschaftsverhältnissen. Formale, meritokratisch ausgerichtete Beziehungen, zu denen prinzipiell alle Zutritt haben, werden durch informale, klientelistische Beziehungen in geschlossenen Systemen ersetzt. Nicht das Können steht im Vordergrund, sondern die gegenseitige Loyalität der Systemmitglieder.

Die Hinterzimmer sind nie sprichwörtlich Hinterzimmer, sondern (virtuelle) Räume, in denen unter Umständen in Umgehung formaler Entscheidungsbefugnisse und unter Ausschluss von Öffentlichkeit Entscheidungen vorbereitet bzw. getroffen werden. Früher waren diese Hinterzimmer vorzugsweise von rauchenden Männern okkupiert.

Schattenwirtschaft bezeichnet man jene Bereich des wirtschaftlichen Lebens, in denen ein formales Berichtswesen, Steuererhebung, Rechnungswesen usw., aber auch soziale Absicherungs- und Rentensysteme nicht bzw. nur teilweise vorhanden sind. Das kann der Fall sein, wenn im Kontext einer sonst formal geordneten Wirtschaft verbotenerweise Schwarzarbeit vonstatten geht. Das kann aber auch der Fall sein, wenn eine formale Ordnung des Wirtschaftens in einem bestimmten Kontext nur in Ansätzen existiert. In diesem Fall stellt die Schattenwirtschaft den Regelfall des Wirtschaftens dar.

Mehr zum Thema unter https://www.wiso.uni-hamburg.de/fachbereich-sowi/professuren/jakobeit/forschung/akuf/archiv/arbeitspapiere/formalepolitik-conrad-2003.pdf

Was ist konservatives Denken?

Auch wenn ich finde, dass Frauen Priesterinnen in der katholischen Kirche werden sollten und wir uns mit einer möglichst radikalen Wende unseres Lebensstils gegen den Klimawandel stemmen sollten; auch wenn mein Drang zur Freiheit fast noch größer ist als mein Wunsch nach Sicherheit; auch wenn mein Kleidungstil sich mittlerweile informalisiert hat und ich kein CDU-Mitglied bin: Ich halte mich für einen konservativen Menschen. Besser noch: Ich halte mich für einen konservativen Denker.

Was ist das aber: konservatives Denken?

Konservatives Denken geht aus von einer formalen Ordungsvorstellung. Damit meine ich: Die konservative Ordnungsvorstellung des Denkens ist nicht bestimmt im konkreten Sinne: also keine Ständeordnung, keine Geschlechterordnung, keine hierarchische Ordnung macht das konservativen Denken zwingend aus. Vielmehr geht es dem konservativen Denken um Ordnung im Sinne eines normativen Haltepunktes. Konservatives Denken hält sich an dieser oder jener Ordnungsvorstellung fest. Von Denkerin zu Denker kann die konkrete Gestalt dieser Ordnungsvorstellung variieren. Allein aber, dass Ordnung gesucht wird, markiert dieses Denken als konservativ. Daher spreche ich von der Ordnung als Formalprinzip des konservativen Denkens. Wer also konservativ in einem Bereich ist, muss in anderen Bereichen nicht konservativ sein. Konservatives Denken ist daher in gewissem Sinne kontingent.

Konservatives Denken neigt auch zu einer Disposition des mangelndenen Enthusiasmus dem Brandneuen gegenüber. Hinter dieser Disposition steht die Überzeugung, dass die neuen Dinge sich erst einmal bewähren müssen vor dem Tribunal des Zweifels. Man kann und muss Neues ausprobieren. Man muss experimentieren. Ja, aber das Experiment kann auch zu dem Ergebnis führen, dass das Neue als unbrauchbar verworfen wird. Das Neue ist nicht per se das Bessere. Konservatives Denken hat also einen skeptischen Zug. Diesem skeptischen Zug liegt die Motivation zugrunde, vor fortdauernden Enttäuschungen bewahrt zu bleiben.

Konservatives Denken neigt zum Weltschmerz. Warum? Weil das konservative Denken die Vergänglichkeit alles Erschaffenen vor Augen hat. Das Verschwinden des Alten, das ständige Emporkommen von Neuem erweckt im konservativen Denken eine Sehnsucht nach dem Bleibenden, nach dem, was in all dem Flüchtigen hält und trägt. Die Erfahrung des konservativen Denkens ist es aber, dass diese Sehnsucht beständig enttäuscht wird. Von daher erklärt sich auch, weshalb das konservative Denken gerade in einer zeitbeschleunigten Moderne aufkam. Mit jeder Geschwindigkeitserhöhung der Verkehrs- und Kommunikationsmittel griff das konservative Denken weiter um sich. Konservatives Denken ist also durch und durch modern. Sein Weltbezug schlägt aber resignative Töne an.

Für die Kenner_innen des konservativen Denkens ist all dies nicht neu. Daher zitiere ich zum Abschluss auch noch Jens Hacke, der die Essenz des konservativen Denkens vor Kurzem schön auf den Punkt brachte:

„Insofern bleibt es das konservative Dilemma, dass eine Bastion nach der anderen im Prozess der Modernisierung und Pluralisierung geräumt werden muss. Anders als die Konkurrenzideologien kann der Konservatismus nicht auf einen normativen Grundbegriff wie den der Freiheit im Liberalismus oder den der Gleichheit im Sozialismus zurückgreifen. Deshalb bleibt der Konservatismus im Kern reaktiv und bezeichnet entweder im Sinne 〈Edmund〉 Burkes einen bestimmten Modus des abwägenden politischen Denkens und Handelns oder bezieht sich relational auf Bewahrenswertes.“ (Jens Hacke, in: Besprechung zu Biebricher, Thomas: Geistig-moralische Wende. Die Erschöpfung des deutschen Konservatismus, Neue Politische Literatur 2020)

 

Nachtrag: Lesenswert zum Thema ist auch der Beitrag von Petra Bahr, der sich unter folgendem Link findet: https://tinyurl.com/ybhltsz4

 

Die ewige Mangel an wahren Intellektuellen

In unseren westlichen Gesellschaften scheint ein ewiger Mangel an wirklichen Intellektuellen zu herrschen. Auf jeden Fall werden in regelmäßigen Abständen entsprechende Diagnosen ausgesprochen. Erst jüngst las ich in einer Buchanzeige den offenbar verkaufsfördernd gemeinten Aufruf: „Neue Intellektuelle braucht das Land.“ Nach Intellektuellen ist eine Gesellschaft anscheinend immer auf der Suche. Man erhofft sich von ihnen Orientierung, weise Worte und Klarheit für die Zukunft eines Landes. Und da in unseren Gesellschaft es offenbar notorisch an Orientierung fehlt, muss es wohl so sein, dass es keine eigentlichen Intellektuellen mehr gibt, denn diese könnten ja für Klarheit sorgen.

Man kann diesen Ruf nach den Intellektuellen bzw. die Klage nach dem Verlust der wahren Intellektuellen fast schon einen Topos der gesellschaftlichen Selbstverständigung bezeichnen. Der Theologe Jaroslav Pelikan (1923-2006) konnte schon 1966 davon berichten, dass es zwischen den Intellektuellen und der Gesellschaft zu einer Entfremdung gekommen sei: „The alienation  between all intelltuals and their culture is a recurring theme of books published in recent years.“ (in: The Christian Intellectual, London:1966, 18). Die Zeit eines paradiesischen Urzustands einer mit der Gesellschaft versöhnten und in ihr zahlreich beheimateten Intellektuellen gehört der Vergangenheit an. Früher, so möchte es der Topos, früher gab es sie noch, die Intellektuellen. Heute jedoch machen sie sich rar.

Diesem Topos hat der britische Intellektuelle  Stefan Collini ein ganzes Buch gewidmet. In „Absent Minds. Intellectuals in Britain“ aus dem Jahr 2006 folgt Collini dem Topos des verlorenengegangen Intellektuellen durch das britische 20. Jahrhundert. Sein Buch beginnt mit der treffenden Diagnose: „Perhaps the most common assumption about any book announcing ‚intellectuals in Britain‘ as its theme is that it will be short.“ (ebd.: 1). Collini identifiziert in den britischen Debatten eine, wie er es nennt, „tradition of denial“ (12), also eine Konvention, die Existenz von Intellektuellen in der britischen Gesellschaft überhaupt zu verneinen.

Wer nicht ganz so weit gehen will, die Existenz von Intellektuellen gänzlich abzustreiten, der wird dennoch häufig eine Lagebeschreibung vernehmen, welche Collini ebenfalls diskutiert: Heute sei es kaum noch möglich, dass ein einzelner Mensch den Status eines oder einer Intellektuellen mit Rang und Namen erreicht. Zum einen, so Collini, habe es den Anschein, dass die zunehmenden fachliche Spezialisierung dies unmöglich mache. Wer kann sich denn noch erdreisten, von dem eigenen, fachlich eingeschränkten Standpunkt aus allgemein gültige  Äußerungen über dieses oder jenes Thema an die Öffentlichkeit zu richten. Collini urteilt richtig, wenn er über die Spezialisierung und Ausdifferenzierung der Fachdiskurse schreibt: „It is one of those processes which, classically, each generation feels has gone too far in its own time“ (452). So kommt dann auch jede Generation neu zu der Erkenntnis, dass die Intellektuellen dieser Spezialisierung nichts mehr entgegen zu setzen haben und folglich abgedankt haben.

Der zweite Prozess, welcher den Ruf nach der Rückkehr der wahren Intellektuellen anfeuert, sei, so Collini, der wachsende Einfluss von „celebrity“ (473). Man bewegt sich (scheinbar) weg von der Autorität des bildungsbürgerlich sozialisierten Intellektuellen hin zu einer alles durchdringenden egalitären Populärkultur, die allen zugänglich ist. Influencer kann ja letztlich jede/r werden, der einen Internetzugang hat. Dieses kulturpessimistische Argumentationsmuster ist in Bildungdiskursen sehr häufig  anzutreffen, da wundert es nicht, dass der Mangel an wahren Intellektuellen ebenfalls mit dem vermeindlichen Verfall der Autorität des Wissens und des informierten Urteils begründet wird.

Noch lebt Jürgen Habermas. Aber wenn er einmal nicht mehr da sein sollte, dann werden hierzulande sicher auch die Stimmen erschallen, die davon sprechen werden, dass nun der letzte wahre Intellektuelle deutscher Sprache von uns gegangen sei. Denn die wahren Intellektuellen gibt es immer nur im Präteritum. Oder sie gibt es nur jenseits der eigenen Landesgrenzen. Auf jeden Fall immer: anderswo. Die wahren Intellektuellen lebten einst in diesem bildungsbürgerlichen Garten Eden, aus dem wir schon lange mit dem Schwert von Pisa-Studien, Bolognareformen usw. vertrieben wurden. Einem Garten Eden, den niemand je selbst mit eigenen Augen gesehen hat, von dem aber alle in Verzückung sprechen. Unter uns Normalsterblichen gibt es nur noch die Epigonen, die kleinen Lichter, die unserem Bedürfnis nach Orientierung und Klarheit nicht abhelfen können. Das taugt dann auch wieder für eine nächste Buchpublikation aus dem Sujet der Gegenwartsdiagnostik.

Über Resonanz und Horizontverschmelzung oder: Was Hartmut Rosa und Hans-Georg Gadamer gemeinsam haben.

Zufällig lese ich Hartmut Rosas Essay „Unverfügbarkeit“ aus dem Jahr 2008 unmittelbar im Anschluss an Hans-Georg Gadamers Buch „Wahrheit und Methode“ aus dem Jahr 1960. Dieser Zufall ermöglicht mir sozusagen eine der unverfügbaren Resonanzerfahrungen, von denen Rosa in seinem Essay schreibt.

Beim zufälligen Nacheinander-Lesen der beiden ungleichen Bücher fällt mir folgendes auf:

Die Erfahrung von Resonanz, von welcher Hartmut Rosa schreibt, ist der Erfahrung von Horizontverschmelzung, die Hans-Georg Gadamer thematisiert, nicht unähnlich. Man könnte sagen, dass Resonanz und Horizontverschmelzung begriffliche Geschwister an unterschiedlichen diskursiven Orten sind.

Hans-Georg Gadamer interessiert sich in „Wahrheit und Methode“ für die Grundlinien unseres Verstehens von Texten, Worten, Kunstwerken oder allgemein: Erfahrungen. Das meint der Untertitel seines Werkes: „Grundzüge einer philosophischen Hermeutik“. In diesem hermeneutischen Kontext nutzt Gadamer die Metapher von der Horizontverschmelzung und meint damit folgendes:

Die Erfahrungen, welche wir mit den uns umgebenden Personen, Dingen, Phänomenen unserer (Um-)Welt machen resultieren bei genauer Betrachtung in der Erkenntnis, dass sich die saubere Unterscheidung in Subjekt und Objekt, ich und Welt so nicht halten lässt. In vielfacher Weise sind diese vermuteten Pole aufeinander bezogen und miteinander verflochten. Auch erleben wir unser Leben und die Geschichte als solche, die sich uns in der Überlieferung zeigt, nicht als viele einzelne, in sich abgeschlossene Ereignispunkte, sondern als ein Kontinuum von ineinander fließenden Erfahrungshorizonten. Gadamer schreibt in „Wahrheit & Methode“ (hier zitiert nach der 6. Auflage, Tübingen, 1990):

Jedes Erlebnis hat implizierte Horizonte des Vorher und Nachher und verschmilzt zuletzt mit dem Kontinuum der im Vorher und Nachher präsenten Erlebnisse zur Einheit des Erlebnisstroms. (249)

Der Verständnishorizont, in welchem ich mich als Verstehender bewege, ist also niemals fix und fertig. Dieser Horizont, als „der Gesichtskreis, der all das umfaßt und umschließt, was von einem Punkt aus sichtbar ist“ (307), bewegt sich mit mir mit. Der Horizont endet nie, ist nicht vollendbar und damit auch in Rosas Sinne unverfügbar. Wenn ich ein historisches Ereignis oder einen Text verstehen möchte, muss ich mich, so Gadamer, mitsamt meinen Vorverständnissen und Vorurteilen in den Horizont dieses Ereignisses oder Textes hineinversetzen lassen. Mein Horizont und der Horizont dessen, das oder den ich verstehen möchte, müssen miteinander überlappen bzw. verschmelzen. Nur so kann ich verstehen bzw. zu verstehen beginnen. Verstehen, was der Text oder das Ereignis mir sagen möchte.

Solch eine Horizontverschmelzung kann einem, so Gadamer, die „ganze Würde der hermeneutischen Erfahrung“ (492) vermitteln, welche darin besteht, „daß hier nicht unter Bekanntes eingeordnet wird, sondern daß, was in der Überlieferung begegnet, uns etwas sagt“ (ebd.). Und weiter. Verstehen ist eine „echte Erfahrung, d.h. Begegnung mit etwas, das sich als Wahrheit geltend macht“ (493). Die Begegnungen und Erfahrungen, die mir zustoßen, haben also eine Bedeutung, vermitteln einen Sinn und öffnen sich in meine Richtung mit einer Aussage; der Inhalt dieser Aussage bleibt oft genug diffus oder äußert sich als ein intrinsisch geborener Auftrag. Die Aussage tritt also nicht einfach von außen an mich heran, sondern wird vielmehr durch meine Offenheit von mir, dem Verstehenden, mit konstituiert. Erst so macht der Inhalt der Aussage Sinn für mich.

Und hier setzt Hartmut Rosa mit seinen Begriffen „Resonanz“ und „Unverfügbarkeit“ an. Beide Begriffe beziehen sich auf „meine“ Beziehung mit der Welt. Der Soziologe Hartmut Rosa interessiert dabei besonders dafür, wie diese Beziehung zwischen ich und Welt sich in der modernen Gesellschaft Stück für Stück verschoben hat. Nicht normativ gemeint, daber durchaus mit einem kulturpessimistischen Unterton schreibt Rosa in „Unverfügbarkeit“ (5. Auflage, Salzburg: 2019):

Nach meiner Lesart besteht die Kulturleistung der Moderne gerade darin, dass sie die menschliche Fähigkeit, Welt auf Distanz und in manipulative Reichweite zu bringen, nahezu perfektioniert zu haben. (37)

Dieser instrumentelle Weltbezug, welcher in Rosas Lesart bei dem idealtypisch umschriebenen modernen Menschen überwiegt, macht es eben diesem Menschen schwer(er), Resonanzerfahrungen zu machen. Erfahrungen von Resonanz beinhalten dabei eine Art von Zwiesprache zwischen mir und der Welt. Resonanz bedeutet: Eine Begegnung, ein Gespräch, ein Gegenstand, ein Bild: allgemein gesprochen: eine Welterfahrung spricht mich auf unvorhergesehene Weise an, berührt mich, entlockt mir eine Antwort und verändert mich (38ff.). Ich beginne zu hören auf Welt und beginne ihr zu antworten (40). Subjekt und Objekt beginnen miteinander zu kommunizieren; sie offenbaren ihr Wesen – Rosa würde diese essentialistische Kategorie nicht nutzen, Gadamer schon eher – ihr Wesen als resonante, kommunizierende Röhren. Nur vermeindlich sind Subjekt und Objekt/Welt unterscheidbar. ‚Je schon‘ stehen sie miteinander im Dialog.

Man kann die Bedingungen der Möglichkeit solcher resonanter Erfahrungen so beieinflussen, dass Resonanz wahrscheinlicher wird bzw. nicht von vorne herein verhindert wird. Letztlich bleiben solche Erfahrungen aber überraschend, unverfügbar. Sie stellen sich ein oder auch nicht. Unsere Versuche, diese Erfahrungen uns verfügbar zu machen – Rosa führt diverse Beispiele an – weist uns letztlich als die ohnmächtige Menschen aus, die wir trotz moderner Allmachtsphantasien geblieben sind. Resonanz entgegen bedarf der Unverfügbarkeit. In anderen Worten: Glück lässt sich nicht planen. Es stellt sich ein.

Resonanz ist also, wie die Horizontverschmelzung, eine Metapher für eine Erfahrung, in welcher sich die vermutete Kluft zwischen Subjekt und Welt schließt und die beiden Pole miteinander auf sinnvolle Weise miteinander zu kommunizieren beginnen. Beide Metaphern teilen auch eine gewisse Unschärfe miteinander (sonst wären sie ja auch keine Metaphern …). So schreibt Rosa von der  Resonanzerfahrung: „Wann immer wir mit der Welt in Resonanz treten, bleiben wir nicht diesselben. Resonanzerfahrungen verwandeln uns, und eben darin liegt die Erfahrung von Lebendigkeit“ (41). Ähnliche Formulierungen lassen sich bei Gadamer mit Bezug auf das Verstehen und das Verständnis finden. Man merkt, dass beide eine fundamentale Erfahrung ins Wort bringen möchte, die das menschliche Leben wert- und sinnvoll macht, die aber letztlich auch im begrifflichen Sinne unverfügbar bleibt. Rosa schreibt dazu:

Wir sind niemals fertig mit der begegnenden Welt, aber wir begegnen ihr oft und in zunehmenden Maße so, als wären wir es. (…) Das gilt sogar für das Nachdenken über Unverfügbarkeit. Tatsächlich fällt es mir nicht immer leicht zu erklären, wovon dieser Essay handelt. (114)

Was wir von der Wissenschaft, von der Bildung, von der Kirche, der Politik und Verwaltung usw. erwarten, sie mögen doch für Eindeutigkeit und Bestimmtheit, für Vorhersehbarkeit und Planbarkeit sorgen: Das ist die Falle des modernen Denkens, die, so Rosa, zu immer mehr Komplexität und destruktiver Unzugänglichkeit (vgl. 124ff.) führt. Es lebt nur, wer beim Verstehen der Welt und beim Kommunizieren mit der Welt offen ist für die Überraschung, die neue Erfahrung, die Unbestimmtheit, welche die Macht hat, das Leben zu verändern.

Die ‚Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen‘ in der Hamburger Politikwissenschaft

Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen ist eine in der Soziologie und Geschichtswissenschaften viel zitierte – und kritisierte – Denkfigur. Den einen dient die Figur als heuristische Brille für die Beobachtung der modernen Gesellschaft; die anderen kritisieren ihren Gebrauch als Ausdruck eines temporal verzerrten Weltbildes, das den kolonialistischen Blick nie richtig abgelegt hat. In der Hamburger Politikwissenschaft trifft man die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen im Laufe der Jahre immer wieder an, dann aber zumeist im erstgenannten Sinne: Die Denkfigur möchte den historisch informierten Blick auf die Geschichte und Gegenwart schulen, um die durchaus flüssigen, neuen und wiederkehrenden gesellschaftlichen Wirkkräfte besser beschreiben zu können. In diesem Sinne wird das Theorem, als welches man die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen auch bezeichnen kann, von einigen Vertretern des sog. Hamburger Ansatzes der Kriegsursachenforschung ab der Mitte der 1990er Jahren ins Spiel gebracht.

Lesen Sie hier weiter:

https://politik100x100.blogs.uni-hamburg.de/conrad-retrospektive-gleichzeitigkeit-des-ungleichzeitigen/