Demut und der aufrechte Gang. Eine Radioandacht.

„Beim Gottesdienst, (…) im Kloster, im Garten, unterwegs, auf dem Feld, wo er auch sitzt, geht und steht, halte [der Mönch] sein Haupt immer geneigt und den Blick zu Boden gesenkt.“ (1) So beschreibt Benedikt von Nursia im 6. Jahrhundert die Körperhaltung eines Mönches in ständiger Demut.

Demut ist für Benedikt eine Grundtugend des klösterlichen Lebens. Und die in der Körperhaltung sichtbare Demut ist – so der Mönchsvater – die letzte Stufe von insgesamt zwölf Stufen der Demut. Sozusagen der Gipfel der Demut.

Ganz ehrlich, diese Art von Demut ist mir gänzlich fremd. Und mit solchen Stufen kann ich auch nichts anfangen. Mehr noch: Das sich Reinsteigern in eine immer ausgefeiltere Haltung der Demut halte ich für ein ziemlich selbstherrliches, ja krankes Unterfangen. Alles andere als demütig. Da will der eine dem anderen immer einen Schritt voraus sein, auch bei der Demut.

Der 2010 verstorbene Mönch André Louf spricht sogar von einem „heidnischen Vollkommenheitsstreben“, das sich bei denen einstellen kann, die auf der Leiter der  Demut unterwegs sind; die Gott suchen. (2)

Demut ist also in höchstem Maße ambivalent. Man kann es vielleicht so formulieren: Demut vor Gott und den Menschen erlangt nur die Person, die gar nicht nach Vollkommenheit in der Demut strebt.

„Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“ (Lk. 14,11). Dieses Wort Jesu kannte auch der heilige Benedikt. Er wird gewusst haben: Der wahre Gipfel der Demut liegt ganz tief unten: Dort, wo unsere Schwächen und Zweifel hausen. Dort, wo unsere Schändlichkeiten wie Zombies herumlungern und nur darauf warten, ausbrechen zu können. Dort unten liegt das Fundament einer jeden Demut.

Es geht also nicht um ein Hinaufsteigen auf den Gipfel der Demut. Vielmehr müssen wir tief hinabsteigen. In der Tiefe findet sich eine Demut, die mich nicht beugt und lähmt. Dort findet sich die Demut als aufrichtende Kraft. Dort finden sich Befreiung, Gelassenheit und ein aufrechter Gang.


(1) Die Benediktus-Regel, Lateinisch/Deutsch, Beuron: 1992, 113.
(2) André Louf: Demut und Gehorsam, Münsterschwarzach 1979, 19.

 

Dieser Text ist Teil einer Reihe von Morgenandachten, die vom 24. bis 29. Oktober 2022 im Norddeutschen Rundfunkt ausgestrahlt werden bzw. wurden, vgl. https://www.ndr.de/kirche/conrad162.pdf

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Ein Gedanke zu “Demut und der aufrechte Gang. Eine Radioandacht.

  1. Der Mönch sieht sich hier als Hörender, als Zuhörer zu allen Sorgen die jemand an ihn richten möchte, als Beichtvater, als Arzt, als Advokat..

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