Politisches Denken und der Alltag der Menschen. Eine Besprechung zu Marc Stears: „Out of the Ordinary“.

„Out of the ordinary“ ist ein ideengeschichtliches Buch eines Intellektuellen über die eigene Distanz zum intellektuellen Leben. Und es ist ein politischer Essay eines ehemaligen Parteifunktionärs über die eigene Distanz zum politischen Betrieb. Marc Stears – ehemals Redenschreiber für das Spitzenpersonal der britischen Labour-Partei und derzeit noch Leiter des sog. Sydney Policy Lab – hat mit „Out of the ordinary“ ein bemerkenswertes Buch geschrieben. Bemerkenswert, da es mindestens zwei Dinge zugleich sein möchte: zum einen Geschichte politischer Ideen im Sinne einer „intellectual history“, zum anderen eine Gegenwartsdiagnose und ein normatives, politisches Statement.


Bei dem Band handelt es sich erstens um einen Beitrag zur Geschichte des politischen Denkens in Großbritannien in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Darauf verweist der erste Teil des Untertitels: „How everyday life inspired a nation“. Stearsstellt unterschiedliche politisch denkende Menschen vor, die auf unterschiedliche Weise – in Dichtung, in Essays, in Fotografie, in Radioansprachen – den Alltag und die alltäglichen Erfahrungen der normalenMenschen in den Blick genommen haben. Stears charakterisiert diese Denker – darunter so unterschiedliche Charaktere wie Dylan Thomas, Georg Orwell, John Boynton Priestley – als Personen, „[who] placed self-consciously humble, everyday humanity at the very core of their ideal“ (S. 3). Diese Denker hätten, so Stears, die politische Überzeugung vermitteln wollen, „that ordinary people going about their ordinary lives possessed all the insight, virtue, and determination required to build the society of which they dream and need no direction by others“ (S. 3). Mit Blick auf das politische Leben einer Gesellschaft sollten die Alltagserfahrungen gewöhnlicher Menschen einen hermeneutischen Vorrang vor theoretischen bzw. ideologischen Überlegungen besitzen.

(…)

Veröffentlicht in Politische Vierteljahresschrift (2022). Hier können Sie den ganzen Text lesen: https://rdcu.be/cTWaR

Bei Bedarf kann ich den Text auch als PDF zur Verfügung stellen. Senden Sie mir eine Email an rotsinn(at)gmx.de

Über den Unterschied zwischen Demut und Demütigung

Die Tugend der Demut wird schnell gleichgesetzt mit der Untugend der Demütigung. Zwischen beiden gibt es aber entscheidende Unterschiede.

Demut hat mit der Demütigung gemeinsam, dass sowohl die demütige als auch die gedemütigte Person eine wie auch immer geartete Einschränkung (ideell, räumlich, zeitlich) hinnimmt bzw. hinnehmen muss.

Bei Demut handelt es sich aber um eine selbstgewählt angeeignete Tugend. Demut entspricht einer Haltung der freiwilligen Selbstzurücknahme und Eigenbeschränkung angesichts eines höheren Zieles oder eines höheren Wesens. Die Haltung der Demut geht idealerweise einher mit einem gesunden Selbstbewusstsein, steht auf jeden Fall nicht im Gegensatz zu einem solchen.

Die Erfahrung der Demütigung hingegen tritt ein, wenn eine andere Person oder systemische Umstände mich zu einer ungewollten Rückwärtsbewegung und Selbsteinschränkung zwingen. Auch dann, wenn mir von Anderen vermittelt wird, ich möge demütig sein, geschieht Demütigung. Demütigung kann unabsehbare und langfristige individuelle und kollektive Folgen haben.

Der Theologe Reinhard Feldmeier nennt als eine Abart der Demut die „Zwanghaftigkeit pathologischer Selbstverneinung“ (in: Macht, Dienst, Demut. Tübingen: Mohr Siebeck, 2012: 85). Bei dieser Selbstverneinung geht es dann gar nicht mehr um die bewusste Selbstbeschränkung zugunsten eines höheren Zieles oder angesichts eines höheren Wesens. Hier mutierte die Haltung der Demut aufgrund eines äußeren Drucks in eine systemische und internalisierte Erfahrung der Demütigung und Erniedrigung.

Thomas von Aquin sagt von der Demut ebenfalls, dass sie freiwilliger Natur ist (vgl. summa contra gentiles, III 135). Thomas fügt an: „Es ist also nicht ein Zeichen von Demut, sondern von Torheit, wenn einer jede Demütigung annähme.“ Es mag notwendig sein, gerade die hochmütige Person zu demütigen (ebd.); ob diese Person dabei aber den Weg zur Demut findet, ist völlig ungewiss.

Interessant ist, dass Thomas im Lateinischen für Demut (humilitas) ein gänzlich anderes Wort nutzt wie für Demütigung (abiectio). Die alltagssprachliche Verwechslung von Demut mit Demütigung könnte also auch damit zu tun haben, dass die Begriffe im Deutschen (aber auch in anderen Sprachen) sich eine große lexikalische Nähe teilen.

Was ist Demut? Weitere Gedanken zu vorgelegten Definitionen.

Der Leser Joachim Winkler hat sich die Definitionen von Demut genauer angesehen und einige Kommentare dazu verfasst. Vielen Dank!

Diese Kommentare gebe ich an dieser Stelle wieder und ergänze noch ein paar eigene Gedanken.

 

Demut ist „Ausdruck einer Selbstbeschränkung, um für Begegnung Raum zu schaffen und so Gemeinschaft zu ermöglichen.“ (Feldmeier, Reinhard (2012): Macht, Dienst, Demut. Ein neutestamentlicher Beitrag zur Ethik, Tübingen: Mohr Siebeck, 120).

JW: Was an dieser Definition für mich fraglich ist, ist das Raummodell des Miteinanders. Begegnung findet dadurch statt, dass sich jemand begrenzt. Es scheint auch nur eine bestimmte Größe des Raums zur Verfügung zu stehen. Ein anderes Modell wäre zu sagen, dass Gemeinschaft oder eine Verbundenheit vorgängig oder zumindest gleichrangig gegenüber dem Selbst ist. Demut also nicht von dem Selbst, sondern von der Beziehung her gedacht. Und noch ein anderer Gedanke (mit Schleiermacher): Das Ausspielen von Individualität, nicht die Zurücknahme schafft Begegnung.

BC: Die räumliche Metaphorik ist in der Tat problematisch, da es ein Nullsummenspiel suggeriert. Bei alltäglichen Begegnungen ist dies aber nicht der Fall, sondern meine Selbstzurücknahme schafft nicht schon automatisch den Raum für die andere Person. Auch kann mein „Ausspielen von Individualität“ für andere Menschen gerade auch Ermutigung und Bestärkung bedeuten. Gleichwohl: Es gibt diese Räume, die durch mangelnde Demut anderen die Luft zum Atmen nehmen. Ich denke z.B. an Parlamente in autokratischen Ländern, in denen eine Pluralität von Stimmen, ein demütiges Zuhören usw. nicht vorkommen. Es geht vorrangig um die Bestätigung und Repräsentation vorherrschender Machtverhältnisse.

 

„Rechte Demut weiß niemals, dass sie demütige ist.“ (Martin Luther, zitiert nach: Schütz, W. 1972: Demut, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, hrsg. von Joachim Ritter, Band 2: D-F, Sp. 57-59.)

JW: Heißt das dann: Ich kann nicht bewusst demütig sein. Ich weiß nicht, ob ich dem zustimmen würde.

BC: Ich weiß es auch nicht. Was Luther hier formuliert, klingt etwas nach einem Bonmot, das man auf einem Kalenderblatt abdrucken kann. Freilich stimmt: Demut spielt sich nicht auf und macht sich als solche nicht selbst bekannt.

 

„Humility emerges from the recognition of what it means to be fallen, frail, and finite creatures.“ (Luke Bretherton 2019: Christ and the Common Life. Political Theology and the Case for Democracy, Grand Rapids: Eerdmans, 67)

JW: Hier gefällt mir natürlich die Verankerung in der weltlichen Erfahrung. Demut bekommt dann allerdings eine immer (quasi-)religiöse oder philosophische Schlagseite, wenn es um die Reflexion auf Endlichkeit, Vulnerabilität, etc. geht.

BC: Da hätte ich kein Problem damit, wenn wir davon ausgehen, dass Religion, Theologie und Philosophie auch etwas sein können, dass praktisch gelebt und nicht nur theoretisch reflektiert wird. Es gibt ein Bewusstsein von Endlichkeit und Verletzbarkeit, das sehr alltagsnah ist. Es muss nicht alles akademisch sein!

 

„Beim Menschen bezeichnet sie (die Demut, BC) ein bewußtes Verhalten, das als gehorchen, sich unterordnen, sich beugen zu beschreiben ist, nicht aber äußere Armut oder Niedrigkeit als Geschick meint“. (Preuß, Horst Dietrich 1981: Demut I, in: Theologische Realenzyklopädie, Berlin & New York: De Gruyter, 460).

JW: Zum einen wird hier eine starke Innen-Außen-Abgrenzung vorgenommen.
Kann Demut nicht auch internalisiert, also unbewusst sein? Gegensatz zu (2). Da habe ich Zweifel an einer nur inneren Einstellung bzw. würde fragen, wie diese im Zusammenahng mit Handeln und dem In-der-Welt-Sein steht.

BC: Was die Definition hier meint, glaube ich, ist, dass Demut nicht einfach über äußere Armut oder durch einen niedrigen Stand quasi schon automatisch vorhanden ist. Es braucht immer eine innere Haltung, die von Demut zeugt. Es gab und gibt – z.B. in der Kirche und deren Orden – viele Beispiele von äußerlich armen und niedrigen Menschen, denen es an einer demütigen Haltung fehlt. In den Orden sind Armut und Gehorsam zwar immer schon als Mittel auf dem Weg zur Demut angesehen worden; das funktioniert aber natürlich nicht immer.

 

„Von der Demut kann in der Tat eine solche Definition gegeben werden: Die Demut ist eine Tugend durch die der Mensch sich durch die wahrhaftigste Selbsterkenntnis wertlos wird.“ (Bernhard v. Clairvaux, zitiert nach: Zur Mühlen, Karl-Heinz 1981: Demut V, in: Theologische Realenzyklopädie, Berlin & New York: De Gruyter, 468).

JW: Würde das Zitat nicht auch funktionieren, wenn man statt „wertlos“ „wertvoll“ einsetzt? Demut könnte doch auch sein: Der Mensch erkennt seinen Wert als Mensch. Richtet es sich gegen die Vorstellung vom Menschen als „Wert an sich“?

BC: Ich sehe da eine Dialektik. Der Mensch erkennt seine Niedrigkeit, seine Verletzbarkeit, seine „Wertlosigkeit“ sub specie aeternitatis; und auch aus dieser Erkenntnis heraus gewinnt dieser Mensch Statur.  Ich glaube, diese Dialektik braucht es, um den Menschen die Mittel aus der Hand zu nehmen, willkürlich dem einen Wert zuzuschreiben und dem anderen nicht.

 

„Demuth ist das beständige Bewußtsein vom Unterschiede zwischen uns und Christo, so daß der sittliche Werth eines jeden einzelnen im Vergleiche mit dem den anderen einzelnen gar nicht in Anschlag kommt.“ (Friedrich Schleiermacher, zitiert nach: Zur Mühlen, Karl-Heinz 1981: Demut VII, in: Theologische Realenzyklopädie, Berlin & New York: De Gruyter, 481).

JW: Es ist ein Schluss von einer im engeren Sinn religiösen Betrachtung, die dann als sittliche Betrachtung zur Geltung kommt. Demut als Defizitbewusstsein christologisch fundiert?

BC: Bei Schleiermacher bist Du der Experte! Ich verstehe Demut aber so oder so als fundamental christologisch: Hier macht es einer vor, die Demut in Form der kenosis. Demut wird so in das Verstehen von Gott eingeschrieben. Gott ist demütig; der Sohn zeigt es uns. Dem können wir mit Aussicht auf Erfolg gar nicht nachstreben. Auch daraus erwächst Demut.

 

Was ist Demut? Einige Definitionen.

Es folgen einige Definitionen von „Demut“, die mir bei der Beschäftigung mit dem Begriff begegnet sind. Ich ergänze die Definitionen jeweils um die Quellenangabe. In einem weiteren Text folgt in Kürze eine inhaltliche Auseinandersetzung mit diesen Definitionen.

Demut ist „Ausdruck einer Selbstbeschränkung, um für Begegnung Raum zu schaffen und so Gemeinschaft zu ermöglichen.“ (Feldmeier, Reinhard 2012: Macht, Dienst, Demut. Ein neutestamentlicher Beitrag zur Ethik, Tübingen: Mohr Siebeck, 120).

„Rechte Demut weiß niemals, dass sie demütige ist.“ (Martin Luther, zitiert nach: Schütz, W. 1972: Demut, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, hrsg. von Joachim Ritter, Band 2: D-F, Sp. 57-59.)

„Humility emerges from the recognition of what it means to be fallen, frail, and finite creatures.“ (Luke Bretherton 2019: Christ and the Common Life. Political Theology and the Case for Democracy, Grand Rapids: Eerdmans, 67)

„Beim Menschen bezeichnet sie (die Demut, BC) ein bewußtes Verhalten, das als gehorchen, sich unterordnen, sich beugen zu beschreiben ist, nicht aber äußere Armut oder Niedrigkeit als Geschick meint“. (Preuß, Horst Dietrich 1981: Demut I, in: Theologische Realenzyklopädie, Berlin & New York: De Gruyter, 460).

„Von der Demut kann in der Tat eine solche Definition gegeben werden: Die Demut ist eine Tugend durch die der Mensch sich durch die wahrhaftigste Selbsterkenntnis wertlos wird.“ (Bernhard v. Clairvaux, zitiert nach: Zur Mühlen, Karl-Heinz 1981: Demut V, in: Theologische Realenzyklopädie, Berlin & New York: De Gruyter, 468).

„Demuth ist das beständige Bewußtsein vom Unterschiede zwischen uns und Christo, so daß der sittliche Werth eines jeden einzelnen im Vergleiche mit dem den anderen einzelnen gar nicht in Anschlag kommt.“ (Friedrich Schleiermacher, zitiert nach: Zur Mühlen, Karl-Heinz 1981: Demut VII, in: Theologische Realenzyklopädie, Berlin & New York: De Gruyter, 481).

Verzichtet! Über ein liberales Fasten.

Wir werden in einigen Tagen Ostern feiern. Doch man muss es leider sagen: Das Ende der Fastenzeit ist noch lange nicht in Sicht. In der Tat: Eine wahrlich „Große Fastenzeit“ steht uns bevor. Vor uns liegen (mindestens) 40 Jahre des Verzichts.

40 Jahre Verzicht. Was für die vielen religiösen Fastenzeiten gilt, das gilt auch für die vor uns liegende Große Fastenzeit: Wir können sie bewusst angehen. Wir können sie gestalten und, das beste daraus machen, uns durch sie vorbereiten auf einen nächsten, evolutiven Schritt, quasi eine Auferstehung von den Toten. Oder wir ignorieren alle Zeichen der Zeit, die Warnungen und die Worte der Prophetie. Wir stellen uns taub, und machen so weiter wie bisher. Dann kommt der Verzicht als radikaler Zwang, wie ein Dieb in der Nacht, schneidet uns Stück für Stück das Fleisch von den Rippen, das Leben aus dem Herz, den Zusammenhalt aus der Gemeinschaft.

Ja, es geht um den Klimawandel und unsere Haltung dazu. Es geht aber um noch mehr. Russlands Krieg gegen die Ukraine und das Verhalten der aggressiv Mächtigen weltweit zeigt uns (einmal mehr), was eine wahre Große Fastenzeit ebenfalls von uns erfordert: den vollkommenen Verzicht auf Machtgier und Geltungssucht. Ja, die Große Fastenzeit erfordert das, was wir in der religiösen Sprache das Opfer nennen oder – so würde sich der Dominikaner und Mystiker Johannes Tauler ausdrücken – die „Vernichtung“, die Zunichtemachung der eigenen Ansprüche. Der Mensch muss sich innerlich ganz neu erfinden. Oder sind wir die Raubtiere, ohne Fähigkeit der Selbstreflexion und Selbstkontrolle, als die sich einige unter uns derzeit benehmen? Um diese Selbstreflexion, Selbstkontrolle und Selbstzurücknahme geht es. Es geht um die Rückgewinnung der Freiheit, uns selbst im Lichte der Wahrheit zu erkennen, uns zu sehen sub specie aeternitatis.

Das ist der eine große Verzicht, der unbedingt 40 Jahre lang nötig ist: der Verzicht des Menschen auf die eigene Überheblichkeit, was die Frage der politischen Macht anbelangt und was die Frage der natürlichen Umwelt anbelangt. Beide Fragen gehören unbedingt miteinander verbunden; sind zwei Seiten der einen anthropologischen Medaille: Können wir Menschen das Bild von uns selbst so verändern, dass dieses Bild nicht mehr unweigerlich in einen gesellschaftlichen und natürlichen Raubbau führt? Können wir Nachhaltigkeit leben, wie es Udo Di Fabio kürzlich angeregt hat (FAZ vom 21. März 2022, S. 7), mit Blick auf unseren Umgang mit Macht und mit Blick auf die (Um-)Welt, deren Teil wir sind? Ich schaue mich um und hege große Zweifel.

Verzicht ist liberal!

Es wird immer wieder behauptet, man möge den Menschen nicht den Verzicht predigen, das sei nicht populär. Technologische Innovation sei nötig, damit der (westliche) Mensch seinen Lebensstil nicht ändern müsse. Daran glaube ich inzwischen nicht mehr. Technische Innovation ist nötig, der Verzicht ist noch viel nötiger. Der Verzicht auf unsinnigen Energieverbrauch, der Verzicht auf Höchstgeschwindigkeit, der Verzicht auf Just-in-time, der Verzicht auf billiges Fleisch, der Verzicht auf übervolle Kleiderschränke, der Verzicht auf Flugreisen, der Verzicht der Reichen darauf, jeden Wunsch befriedigen zu müssen, der Verzicht darauf, den Liberalismus rein mit Blick auf die wirtschaftlichen, individuellen Möglichkeiten in der Jetztzeit auszulegen, der Verzicht auf unser inzwischen tief verankertes Verständnis der Welt als unseren Privatbesitz. Liberalismus, das ist ein Kollektivgeschäft der Freiheit, das aus der Vergangenheit lernt, in der Jetztzeit gelebt wird, für die Zukunft sorgt.

Wer nicht verzichtet, ist nicht liberal. Denn unsere Ablehnung von Verzicht heute, schränkt die Möglichkeiten der Menschen und aller anderen Geschöpfe morgen in einem Maße ein, dass im Morgen nicht mehr von Liberalismus gesprochen werden kann. Der uneingeschränkte Liberalismus heute, untergräbt die Zukunft des Liberalismus morgen. Darum Alle, die Ihr Eure vermeindlichen Freiheiten liebt: Verzichtet darauf, die Freiheit nach Lust und Laune auszuleben. Reduziert Euren Ressourcenverbrauch drastisch. Ändert Euren räuberischen Lebensstil. Kehrt um. Damit auch in Zukunft die Menschen sich noch liberal nennen, Freiheiten genießen und leben können.

Die Große, Liberale Fastenzeit erfordert menschliche Selbstbeschränkung. Russlands Krieg gegen die Ukraine macht einmal mehr deutlich, was uns blüht, wenn Macht nicht beschränkt wird und Menschen und Netzwerke ihre Machtgelüste hemmungslos und blind ausleben können. Das Gebot heißt also: Verzichtet. Und das ist nicht nur ein Gebot an den Einzelnen. Das ist ein Gebot an unsere Gesellschaft, an Politik, Wirtschaft, Religionsgemeinschaften usw., an die Strukturen, die unsere Gesellschaft zusammenhalten. All das muss von der Selbstzurücknahme, vom Verzicht, ja, von Demut geprägt sein.

Wer dazu nicht in der Lage ist, spielt der Machtlust der Mächtigen, der Gier der Gierigen, der Selbstsucht der Egoisten in die Hände. Selbstgewählter, bewusster Verzicht ist der Kitt einer liberalen Gesellschaft. Mehr davon braucht es, nie weniger. Um der Freiheit willen. Um der Menschen willen. Um der Welt und der Zukunft willen.

(Amen.)

Was hat die Erbsündenlehre mit der Demokratie zu tun? Eine Notiz zu Reinhold Niebuhr.

Wenn es eine christliche Lehre gibt, die oft als obskur und hinterwäldlerisch angesehen wird, dann ist es die Lehre von der Erbsünde (engl. original sin).

Basierend auf der biblischen Aussage „das Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend an“ (Genesis 8,21) sagt diese Lehre aus, dass im Menschen eine Neigung zum Bösen anthropologisch grundgelegt ist. Es gibt also eine Spannung zwischen der Aussage von dem Menschen als dem „Ebenbild Gottes“ – ein Sprachbild, das auf die grundsätzliche Offenheit des Menschen hin zum Guten, ja, zum Göttlichen verweist – und der gegenläufigen Aussage, die im Menschen einen „Drang zur Sünde“, ja gar eine „Herrschaft der Sünde“ erkennt (vgl. Edmund Schlink 1985, Ökumenische Dogmatik, 2. Auflage, Göttingen, 126ff.).

In jedem Falle ist der Mensch ein ambivalentes Wesen, fähig zu Gutem, sehr Gutem, fähig aber auch zum Bösen, sehr Bösem. Die Erbsündenlehre dockt an der zweitgenannten Fähigkeit an. Persönlich ziehe ich übrigens den englischen Begriff „original sin“ vor, da bei der „original sinn“ im Vergleich zu dem Begriff der „Erbsünde“ der Ursprung dieser Sünde eher in den seelischen Tiefen eines jeden Menschen gesucht wird und weniger in einer irgendwie über Generationen weitergegebenen genetischen Disposition. Gemeint ist jeweils aber das Gleiche: Der Mensch kommt aus der Verstrickung des Bösen, der Sünde, nicht aus eigener Kraft heraus. Der Hang zum Bösen und das Bestreben sich über andere zu erheben gehören zur menschlichen Natur dazu.

Diesen Begriff – „original sin“ – nutzt auch der US-amerikanischen Theologe Reinhold Niebuhr (1892-1971), um die demokratische Politik als normative Notwendigkeit zu beschreiben. In unmittelbarer Reflektion der nationalsozialistischen und stalinistischen Gewaltherrschaften anerkennt Niebuhr die oben angesprochene anthropologische Ambivalenz. In einem Essay aus dem Jahr 1940 schreibt er:

„(Christianity) recognizes that the same man who can become his true self only by striving infinitely for self-realiziation beyond himself is also inevitably involved in the sin of infinitely making his partial and narrow self the true end of existence.“ (in: Christianity and Power Politics, New York 1940, 2)

Neigung zum Gute und Neigung zum Schlechten sind also im Menschen beide vorhanden. Und die Neigung zum Schlechten drückt sich für Niebuhr oft genug in Egoismus und übersteigerter Selbstliebe aus. In seinem 1945 veröffentlichten Essay The Children of Light and the Children of Darkness (London: Nisbet & Co) wendet Niebuhr diese Einsicht auf die Demokratie an. Er ist weit davon entfernt, die Demokratie als Staatsform zu idealisieren. In seinen eigenen Worten könnte man die Demokratie à la Niebuhr als „valuable without being final“ (ebd. 82) bezeichnen. Sie ist wertvoll, verkörpert aber auch nicht das Himmelreich. Der Wert der Demokratie besteht darin, dass sie den Egoismus und die Selbstliebe oder das Machtstreben des Einzelnen oder auch der einzelnen Partei in Schranken weist. In Niebuhrs Worten:

„For certainly one perennial justification for democracy is that it arms the individual with political and consitutional power to resist the inordinate ambition of rulers, and to check the tendency of the community to achieve order at the price of liberty.“ (ebd. 38)

Mit Blick auf die Neigung des Menschen zum Bösen darf man also das Feld nicht den Pessimisten überlassen, welche dem Menschen aufgrund dieser Neigung alle Möglichkeiten der Selbstentfaltung nehmen wollen und eine Zentralisierung der Macht fordern. Denn die Neigung zum Bösen findet sich nicht nur im einzelnen Menschen, sondern breitet sich genau so in sozialen Bewegungen, Parteien, Systemen aus. Gegen die Übergriffigkeit dieser gilt es sich mit demokratischen Mitteln („checks“) zu wehren. Nicht Zentralisierung der Macht, sondern Dezentralisierung und gegenseitige Kontrolle hegen das Böse ein.

Die Demokratie mit ihren Amtszeitbegrenzungen, der Möglichkeit der Abwahl von Amtsträger_innen, der Trennung von legislativer, exekutiver und judikativer Macht hält also das egoistische Machtstreben der Einzelnen und einzelnen Gemeinschaften und Nationen in Grenzen. Die Demokratie ist sozusagen eine strukturelle Verkörperung der oben beschriebenen Ambivalenz, da sie der gestaltenden Kraft des Guten Raum gibt, diesen Raum aber auch wieder einschränken muss, damit sich diese Gestaltung nicht auf Kosten anderer – auch der Schöpfung – austobt.

Ebenso öffnet die Demokratie die Möglichkeit, dass sich in den demokratischen Gesellschaften eine Kultur der gesunden Selbstkritik ausbildet. So haben Menschen die Möglichkeit dazu lernen und die eigene Neigung zum Bösen mithilfe von Selbstreflexion einzuhegen. Niebuhr schreibt dazu:

„The so-called democratic and ‚Christian‘ nations have a culture which demands self-criticism in principle, and institutions which make it possible in practice. We must not assume, however, that any modern nation can easily achieve the high virtue of humility, or establish moral checks upon its power lusts.“ (ebd. 124)

Die Demokratie ist für Niebuhr also stets geprägt von Vorläufigkeit, ist selbst ein kontingentes politisches Handeln inmitten der unzähligen Möglichkeiten des Menschen, sich für das Gute und gegen das Böse zu entscheiden. Die Erlösung von dieser Vorläufigkeit und von der beständigen Neigung zum Bösen – der Erbsünde – sucht der Theologe Niebuhr nicht in den irdischen Gefilden der Demokratie, sondern im Glauben an den erlösenden Gott. Von der Demokratie erhofft Reinhold Niebuhr sich aber die Verwirklichung einer Regierungsform, die trotz allseitiger Kontingenzerfahrungen den Menschen die Möglichkeiten zur Selbstentfaltung und zum gemeinsamen Streben nach dem Guten eröffnet.

John Keane und die Demut der Demokratie

Was hat die Demokratie mit der Tugend bzw. Haltung der Demut zu tun?

Die Antwort des australischen politischen Denkers John Keane auf diese Frage lautet: viel, sehr viel!

In seinem Buch „Power and Humility. The Future of Monitory Democracy“ (Cambridge: CUP, 2018) geht Keane dem Zusammenhang von Demokratie und Demut in 15 zum Teil längeren Kapiteln nach. Einige dieser Kapitel haben einen regionalen Schwerpunkt – Taiwan, Antarktis – andere Kapitel beschäftigen sich mit eher systematischen Fragestellungen – Umwelt & Demokratie, Kinderrechte – wieder andere haben eher einen ideengeschichtlichen Charakter – die Entwicklung einer europäischen Zivilgesellschaft. Keane verfolgt also eine vielseitigen Ansatz, und auch sein Schreibstil ist eher essayistisch, was die Lektüre des 490 Seiten langen Bandes sehr angenehm macht.

Bei aller Pluralität der Anlage, vereint die verschiedenen Kapitel das Anliegen, das Nachdenken über die Demokratie mit dem Rückgriff auf die Demutsidee neu zu beleben. Dabei vertritt Keane mit der „monitory democracy“ einen spezifischen Demokratiebegriff. Der australische Denker diagnostiziert – dies ist Eingeweihten nicht Neues – eine gewisse innere Auszehrung der etablierten Demokratien. Diese Auszehrung scheint aber auch einher zu gehen mit einer Erlahmung im Nachdenken über die Demokratie; Keane erkennt hier eine „great normative silence“ gerade in dem Moment, da ein neues normatives politisches Nachdenken über die Zukunft der Demokratie dringend nötig wäre (440).

Dabei gibt es, so Keane, durchaus Grund zur Hoffnung. Denn jenseits unseres eingeübten Denkens und der akademischen Beobachtung lassen sich spannende demokratische Phänomene und Experimente finden: Nichtregierungsorganisationen, die den Regierungen auf die Finger schauen; Bürgerforen, die sich vor Ort in politische Entscheidungsprozesse einbringen; Ombudspersonen, die bei missbräuchlichem Verhalten von Politik und Verwaltung einschreiten können; Beauftragte für unterschiedliche Fragestellungen, die gegenüber den Verantwortlichen immer wieder den Finger in die Wunde legen und z.T. mit Sanktionsmechanism arbeiten usw. Gemeinsam mit den etablierten politischen Institutionen machen diese vielfältigen, auf unterschiedlichen Ebenen tätigen „monitors“ das komplex verwobene Netzwerk der „monitory democracy“ aus. All diese Institutionen und Mechanismen dienen letztlich der Kontrolle und Einhegung von Macht. Keane formuliert es so:

“ [Monitory democracy is] the most power-sensitive form of self-government in the history of democracy, as the best weapon so far invented for guarding against the ‚illusions of certainty‘ and breaking up camouflaged monopolies of power, where they operate. (…) The norm of monitory democracy is aware of its own and others‘ limit, knows that is does not know everything, and understands that democracy has no meta-historical guarantees. (…) It warns against hubris, it takes a stand against the humiliation of people. (…) With the help of a plethora of power-humbling mechanisms, it supposes that amore equal world of greater openness and diversity is possible.“ (Power and Humility, 57).

Die Demokratie funktioniert also dann gut, wenn jenseits des konventionellen politischen Parteien- und Repräsentantenwettkampfes noch eine Vielzahl weiterer Akteure ins Spiel kommen, sog. „power-scrutinising mechanisms“ (105). Diese Mechanismen bzw. Institutionen tragen ihren Teil dazu bei, dass eine Machtkonzentration in den Händen Weniger verhindert werden kann. Keane spricht in diesem Zusammenhang von „the institutional humbling of power by means of checks and balances“ (204).

Die Demut in dieser Form von Demokratie ist also zweidimensional:

Zum einen versteht sich dieses Nachdenken über Demokratie an sich als demütig. Zum Ende seines Buches wendet sich Keane ausdrücklich gegen eine Rückbindung des demokratischen Denkens an „erste Prinzipien“ bzw. metaphysische Ordnungsvorstellungen. Solche eine Überhöhung des demokratischen Denkens tut der Demokratie nicht gut, so Keane, nicht zuletzt deshalb, da mittlerweile eine Reihe unterschiedlicher erster Prinzipien im Umlauf sind, die sich gegenseitig in Frage stellen und die Indifferenz gegenüber der Demokratie nur steigern (444ff.). Keane plädiert sozusagen für eine ideologische Demut des demokratischen Denkens.

Zum zweiten ist die „monitory democracy“, wie oben erwähnt, in ihrer realen Gestalt von demütigen Strukturen geprägt. Dazu gehören die klassischen Einsichten, dass Wahlperioden begrenzt sein müssen; dass Amtspersonen auch abgewählt werden können; dass es unterschiedliche Konstellationen von Mehrheit und Minderheit gibt; dass Gewaltenteilung zwischen den exekutiven, legislativen und judikativen Kräften herrscht; dass öffentlich über Missbräuche und Fehlentscheidungen berichtet werden darf; dass Verwaltungshandeln angefragt und kritisiert werden kann; … . All diese Mechanismen – die sich von der kommunalen bis zur globalen Ebene finden – tragen ihren Teil dazu bei „to humble the high and mighty“ (15). Institutionen und Strukturen fördern politische Demut.

Wer Keane aufmerksam liest, der merkt, dass der Autor aber noch weiter geht. Denn letztlich ist ihm daran gelegen, die Demut als grundlegende politische Tugend in einer Demokratie zu etablieren. Eine demokratische Tugend, die nicht zuletzt auch unser Verhältnis zur natürlichen Umwelt prägen sollte, wie er in einem spannenden Kapitel unter dem Titel „The Greening of Democracy“ (249ff.) ausführt. Diese politische Tugend der Demut umschreibt Keane folgendermaßen:

„But, all things considered, the cardinal democratic virtue is humility. Humility is a friend of democracy because it refuses to put itself and other virtues on a pedestal: to be proud of certain virtues, including one’s own or others‘ humility, is to suffer from its lack. (…) Humility is in fact the antithesis of arrogant pride; it is the quality of being aware of one’s own and other’s limits, and the responsibility of ensuring these limits are alway and everywhere observed.“ (463)

Ist hier auch etwas herauszuschlagen für eine politische Theologie der Demokratie, wie ich sie an anderer Stelle skizziert habe? Ich glaube kaum, dass John Keane überschwänglich auf diesen Gedanken reagieren würde. Letztendlich steht ja auch jede politische Theologie dem Gedanken einer ideologischen Demut skeptisch gegenüber. Man gibt ja vor, es stets besser, da theologisch zu wissen. Keane möchte die Demokratie also nicht durch eine Metaphysik der Demokratie retten, sondern durch ein Nachdenken über die praktizierte Demut von Personen und Institutionen weiter entwickeln. So sein ganz demütiger Vorschlag.