Die Demut der Comic-Superhelden. Eine Radioandacht.

Kennen Sie Batman? Oder Superman? Oder Wonder Woman? Die Liste dieser
Superheldinnen und -helden des Comics und des Films ist mit den Jahren lang geworden. Wie auch die Liste der sie immer wieder herausfordernden Schurken.

Superheldinnen und -helden haben besondere Kräfte, sind verbündet mit geheimnisvollen Mächten, haben eine grandiose Ausrüstung. Bei den Schurken ist das nicht anders. Und so treffen in der Welt des Superheldentums die Guten und die Bösen immer wieder mit großem „Kawumm“ aufeinander. Vernichtungsorgien werden losgetreten. Große Reden werden geschwungen. Das Weltende tritt nahe herbei. Und wird dann aber wieder – Gott sei Dank – im letzten Augenblick abgewendet.

Personen wie Superman und Wonder Woman sind nach menschlichen Maßstäben übermächtig. Aber nicht nur das. Sie verfügen über eine wichtige Tugend. Eine Tugend, die sie davon abhält, mitsamt ihren Kräften zur dunklen Seite der Macht überzutreten: Sie sind demütig. Im entscheidenden Moment wissen die Helden, dass sie ihre eigenen Ambitionen zurückstellen müssen. Sie wissen: Es geht nicht um sie und ihre Superkräfte. Entscheidend ist nicht, was ihnen zu noch größerer Macht verhilft. Es geht um etwas viel Größeres. Es geht um das Wohl aller.

Superheldinnen und -helden müssen bereit sein, sich zu opfern, damit alle Kreaturen in einer guten Welt weiterleben können. Das unterscheidet auch die Guten von den Bösen, die Helden von den Schurken. Die Schurken frönen dem Hochmut. Die Guten aber sind demütig. Die Guten schränken sich ein, damit andere sich entfalten können.

Allzu oft müssen die Guten auch schmerzlich ihre eigene Ohnmacht erfahren; aus der sie freilich – das Drehbuch will es so – wie durch ein Wunder wieder befreit werden. An den Superheldinnen geschieht also Gnade. Sie durchleben ihren eigenen Karfreitag und ihr eigenes Ostern. (1)

Kein Wunder, dass wir sie so lieben! Die Übermächtigen, die sich so klein machen für uns! Die uns mit jedem Comic-Heft und Film neu und unter großen Opfern das Geschenk des Lebens aus den Klauen der Selbstsucht retten.

 

(1) Vgl. Siku, Batman is Jesus, London 2022, 56.

Dieser Text ist Teil einer Reihe von Morgenandachten, die vom 24. bis 29. Oktober 2022 im Norddeutschen Rundfunkt ausgestrahlt werden bzw. wurden, vgl. https://www.ndr.de/kirche/conrad162.pdf

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Demut und der aufrechte Gang. Eine Radioandacht.

„Beim Gottesdienst, (…) im Kloster, im Garten, unterwegs, auf dem Feld, wo er auch sitzt, geht und steht, halte [der Mönch] sein Haupt immer geneigt und den Blick zu Boden gesenkt.“ (1) So beschreibt Benedikt von Nursia im 6. Jahrhundert die Körperhaltung eines Mönches in ständiger Demut.

Demut ist für Benedikt eine Grundtugend des klösterlichen Lebens. Und die in der Körperhaltung sichtbare Demut ist – so der Mönchsvater – die letzte Stufe von insgesamt zwölf Stufen der Demut. Sozusagen der Gipfel der Demut.

Ganz ehrlich, diese Art von Demut ist mir gänzlich fremd. Und mit solchen Stufen kann ich auch nichts anfangen. Mehr noch: Das sich Reinsteigern in eine immer ausgefeiltere Haltung der Demut halte ich für ein ziemlich selbstherrliches, ja krankes Unterfangen. Alles andere als demütig. Da will der eine dem anderen immer einen Schritt voraus sein, auch bei der Demut.

Der 2010 verstorbene Mönch André Louf spricht sogar von einem „heidnischen Vollkommenheitsstreben“, das sich bei denen einstellen kann, die auf der Leiter der  Demut unterwegs sind; die Gott suchen. (2)

Demut ist also in höchstem Maße ambivalent. Man kann es vielleicht so formulieren: Demut vor Gott und den Menschen erlangt nur die Person, die gar nicht nach Vollkommenheit in der Demut strebt.

„Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“ (Lk. 14,11). Dieses Wort Jesu kannte auch der heilige Benedikt. Er wird gewusst haben: Der wahre Gipfel der Demut liegt ganz tief unten: Dort, wo unsere Schwächen und Zweifel hausen. Dort, wo unsere Schändlichkeiten wie Zombies herumlungern und nur darauf warten, ausbrechen zu können. Dort unten liegt das Fundament einer jeden Demut.

Es geht also nicht um ein Hinaufsteigen auf den Gipfel der Demut. Vielmehr müssen wir tief hinabsteigen. In der Tiefe findet sich eine Demut, die mich nicht beugt und lähmt. Dort findet sich die Demut als aufrichtende Kraft. Dort finden sich Befreiung, Gelassenheit und ein aufrechter Gang.


(1) Die Benediktus-Regel, Lateinisch/Deutsch, Beuron: 1992, 113.
(2) André Louf: Demut und Gehorsam, Münsterschwarzach 1979, 19.

 

Dieser Text ist Teil einer Reihe von Morgenandachten, die vom 24. bis 29. Oktober 2022 im Norddeutschen Rundfunkt ausgestrahlt werden bzw. wurden, vgl. https://www.ndr.de/kirche/conrad162.pdf

Politisches Denken und der Alltag der Menschen. Eine Besprechung zu Marc Stears: „Out of the Ordinary“.

„Out of the ordinary“ ist ein ideengeschichtliches Buch eines Intellektuellen über die eigene Distanz zum intellektuellen Leben. Und es ist ein politischer Essay eines ehemaligen Parteifunktionärs über die eigene Distanz zum politischen Betrieb. Marc Stears – ehemals Redenschreiber für das Spitzenpersonal der britischen Labour-Partei und derzeit noch Leiter des sog. Sydney Policy Lab – hat mit „Out of the ordinary“ ein bemerkenswertes Buch geschrieben. Bemerkenswert, da es mindestens zwei Dinge zugleich sein möchte: zum einen Geschichte politischer Ideen im Sinne einer „intellectual history“, zum anderen eine Gegenwartsdiagnose und ein normatives, politisches Statement.


Bei dem Band handelt es sich erstens um einen Beitrag zur Geschichte des politischen Denkens in Großbritannien in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Darauf verweist der erste Teil des Untertitels: „How everyday life inspired a nation“. Stearsstellt unterschiedliche politisch denkende Menschen vor, die auf unterschiedliche Weise – in Dichtung, in Essays, in Fotografie, in Radioansprachen – den Alltag und die alltäglichen Erfahrungen der normalenMenschen in den Blick genommen haben. Stears charakterisiert diese Denker – darunter so unterschiedliche Charaktere wie Dylan Thomas, Georg Orwell, John Boynton Priestley – als Personen, „[who] placed self-consciously humble, everyday humanity at the very core of their ideal“ (S. 3). Diese Denker hätten, so Stears, die politische Überzeugung vermitteln wollen, „that ordinary people going about their ordinary lives possessed all the insight, virtue, and determination required to build the society of which they dream and need no direction by others“ (S. 3). Mit Blick auf das politische Leben einer Gesellschaft sollten die Alltagserfahrungen gewöhnlicher Menschen einen hermeneutischen Vorrang vor theoretischen bzw. ideologischen Überlegungen besitzen.

(…)

Veröffentlicht in Politische Vierteljahresschrift (2022). Hier können Sie den ganzen Text lesen: https://rdcu.be/cTWaR

Bei Bedarf kann ich den Text auch als PDF zur Verfügung stellen. Senden Sie mir eine Email an rotsinn(at)gmx.de

Über den Unterschied zwischen Demut und Demütigung

Die Tugend der Demut wird schnell gleichgesetzt mit der Untugend der Demütigung. Zwischen beiden gibt es aber entscheidende Unterschiede.

Demut hat mit der Demütigung gemeinsam, dass sowohl die demütige als auch die gedemütigte Person eine wie auch immer geartete Einschränkung (ideell, räumlich, zeitlich) hinnimmt bzw. hinnehmen muss.

Bei Demut handelt es sich aber um eine selbstgewählt angeeignete Tugend. Demut entspricht einer Haltung der freiwilligen Selbstzurücknahme und Eigenbeschränkung angesichts eines höheren Zieles oder eines höheren Wesens. Die Haltung der Demut geht idealerweise einher mit einem gesunden Selbstbewusstsein, steht auf jeden Fall nicht im Gegensatz zu einem solchen.

Die Erfahrung der Demütigung hingegen tritt ein, wenn eine andere Person oder systemische Umstände mich zu einer ungewollten Rückwärtsbewegung und Selbsteinschränkung zwingen. Auch dann, wenn mir von Anderen vermittelt wird, ich möge demütig sein, geschieht Demütigung. Demütigung kann unabsehbare und langfristige individuelle und kollektive Folgen haben.

Der Theologe Reinhard Feldmeier nennt als eine Abart der Demut die „Zwanghaftigkeit pathologischer Selbstverneinung“ (in: Macht, Dienst, Demut. Tübingen: Mohr Siebeck, 2012: 85). Bei dieser Selbstverneinung geht es dann gar nicht mehr um die bewusste Selbstbeschränkung zugunsten eines höheren Zieles oder angesichts eines höheren Wesens. Hier mutierte die Haltung der Demut aufgrund eines äußeren Drucks in eine systemische und internalisierte Erfahrung der Demütigung und Erniedrigung.

Thomas von Aquin sagt von der Demut ebenfalls, dass sie freiwilliger Natur ist (vgl. summa contra gentiles, III 135). Thomas fügt an: „Es ist also nicht ein Zeichen von Demut, sondern von Torheit, wenn einer jede Demütigung annähme.“ Es mag notwendig sein, gerade die hochmütige Person zu demütigen (ebd.); ob diese Person dabei aber den Weg zur Demut findet, ist völlig ungewiss.

Interessant ist, dass Thomas im Lateinischen für Demut (humilitas) ein gänzlich anderes Wort nutzt wie für Demütigung (abiectio). Die alltagssprachliche Verwechslung von Demut mit Demütigung könnte also auch damit zu tun haben, dass die Begriffe im Deutschen (aber auch in anderen Sprachen) sich eine große lexikalische Nähe teilen.

Was ist Demut? Weitere Gedanken zu vorgelegten Definitionen.

Der Leser Joachim Winkler hat sich die Definitionen von Demut genauer angesehen und einige Kommentare dazu verfasst. Vielen Dank!

Diese Kommentare gebe ich an dieser Stelle wieder und ergänze noch ein paar eigene Gedanken.

 

Demut ist „Ausdruck einer Selbstbeschränkung, um für Begegnung Raum zu schaffen und so Gemeinschaft zu ermöglichen.“ (Feldmeier, Reinhard (2012): Macht, Dienst, Demut. Ein neutestamentlicher Beitrag zur Ethik, Tübingen: Mohr Siebeck, 120).

JW: Was an dieser Definition für mich fraglich ist, ist das Raummodell des Miteinanders. Begegnung findet dadurch statt, dass sich jemand begrenzt. Es scheint auch nur eine bestimmte Größe des Raums zur Verfügung zu stehen. Ein anderes Modell wäre zu sagen, dass Gemeinschaft oder eine Verbundenheit vorgängig oder zumindest gleichrangig gegenüber dem Selbst ist. Demut also nicht von dem Selbst, sondern von der Beziehung her gedacht. Und noch ein anderer Gedanke (mit Schleiermacher): Das Ausspielen von Individualität, nicht die Zurücknahme schafft Begegnung.

BC: Die räumliche Metaphorik ist in der Tat problematisch, da es ein Nullsummenspiel suggeriert. Bei alltäglichen Begegnungen ist dies aber nicht der Fall, sondern meine Selbstzurücknahme schafft nicht schon automatisch den Raum für die andere Person. Auch kann mein „Ausspielen von Individualität“ für andere Menschen gerade auch Ermutigung und Bestärkung bedeuten. Gleichwohl: Es gibt diese Räume, die durch mangelnde Demut anderen die Luft zum Atmen nehmen. Ich denke z.B. an Parlamente in autokratischen Ländern, in denen eine Pluralität von Stimmen, ein demütiges Zuhören usw. nicht vorkommen. Es geht vorrangig um die Bestätigung und Repräsentation vorherrschender Machtverhältnisse.

 

„Rechte Demut weiß niemals, dass sie demütige ist.“ (Martin Luther, zitiert nach: Schütz, W. 1972: Demut, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, hrsg. von Joachim Ritter, Band 2: D-F, Sp. 57-59.)

JW: Heißt das dann: Ich kann nicht bewusst demütig sein. Ich weiß nicht, ob ich dem zustimmen würde.

BC: Ich weiß es auch nicht. Was Luther hier formuliert, klingt etwas nach einem Bonmot, das man auf einem Kalenderblatt abdrucken kann. Freilich stimmt: Demut spielt sich nicht auf und macht sich als solche nicht selbst bekannt.

 

„Humility emerges from the recognition of what it means to be fallen, frail, and finite creatures.“ (Luke Bretherton 2019: Christ and the Common Life. Political Theology and the Case for Democracy, Grand Rapids: Eerdmans, 67)

JW: Hier gefällt mir natürlich die Verankerung in der weltlichen Erfahrung. Demut bekommt dann allerdings eine immer (quasi-)religiöse oder philosophische Schlagseite, wenn es um die Reflexion auf Endlichkeit, Vulnerabilität, etc. geht.

BC: Da hätte ich kein Problem damit, wenn wir davon ausgehen, dass Religion, Theologie und Philosophie auch etwas sein können, dass praktisch gelebt und nicht nur theoretisch reflektiert wird. Es gibt ein Bewusstsein von Endlichkeit und Verletzbarkeit, das sehr alltagsnah ist. Es muss nicht alles akademisch sein!

 

„Beim Menschen bezeichnet sie (die Demut, BC) ein bewußtes Verhalten, das als gehorchen, sich unterordnen, sich beugen zu beschreiben ist, nicht aber äußere Armut oder Niedrigkeit als Geschick meint“. (Preuß, Horst Dietrich 1981: Demut I, in: Theologische Realenzyklopädie, Berlin & New York: De Gruyter, 460).

JW: Zum einen wird hier eine starke Innen-Außen-Abgrenzung vorgenommen.
Kann Demut nicht auch internalisiert, also unbewusst sein? Gegensatz zu (2). Da habe ich Zweifel an einer nur inneren Einstellung bzw. würde fragen, wie diese im Zusammenahng mit Handeln und dem In-der-Welt-Sein steht.

BC: Was die Definition hier meint, glaube ich, ist, dass Demut nicht einfach über äußere Armut oder durch einen niedrigen Stand quasi schon automatisch vorhanden ist. Es braucht immer eine innere Haltung, die von Demut zeugt. Es gab und gibt – z.B. in der Kirche und deren Orden – viele Beispiele von äußerlich armen und niedrigen Menschen, denen es an einer demütigen Haltung fehlt. In den Orden sind Armut und Gehorsam zwar immer schon als Mittel auf dem Weg zur Demut angesehen worden; das funktioniert aber natürlich nicht immer.

 

„Von der Demut kann in der Tat eine solche Definition gegeben werden: Die Demut ist eine Tugend durch die der Mensch sich durch die wahrhaftigste Selbsterkenntnis wertlos wird.“ (Bernhard v. Clairvaux, zitiert nach: Zur Mühlen, Karl-Heinz 1981: Demut V, in: Theologische Realenzyklopädie, Berlin & New York: De Gruyter, 468).

JW: Würde das Zitat nicht auch funktionieren, wenn man statt „wertlos“ „wertvoll“ einsetzt? Demut könnte doch auch sein: Der Mensch erkennt seinen Wert als Mensch. Richtet es sich gegen die Vorstellung vom Menschen als „Wert an sich“?

BC: Ich sehe da eine Dialektik. Der Mensch erkennt seine Niedrigkeit, seine Verletzbarkeit, seine „Wertlosigkeit“ sub specie aeternitatis; und auch aus dieser Erkenntnis heraus gewinnt dieser Mensch Statur.  Ich glaube, diese Dialektik braucht es, um den Menschen die Mittel aus der Hand zu nehmen, willkürlich dem einen Wert zuzuschreiben und dem anderen nicht.

 

„Demuth ist das beständige Bewußtsein vom Unterschiede zwischen uns und Christo, so daß der sittliche Werth eines jeden einzelnen im Vergleiche mit dem den anderen einzelnen gar nicht in Anschlag kommt.“ (Friedrich Schleiermacher, zitiert nach: Zur Mühlen, Karl-Heinz 1981: Demut VII, in: Theologische Realenzyklopädie, Berlin & New York: De Gruyter, 481).

JW: Es ist ein Schluss von einer im engeren Sinn religiösen Betrachtung, die dann als sittliche Betrachtung zur Geltung kommt. Demut als Defizitbewusstsein christologisch fundiert?

BC: Bei Schleiermacher bist Du der Experte! Ich verstehe Demut aber so oder so als fundamental christologisch: Hier macht es einer vor, die Demut in Form der kenosis. Demut wird so in das Verstehen von Gott eingeschrieben. Gott ist demütig; der Sohn zeigt es uns. Dem können wir mit Aussicht auf Erfolg gar nicht nachstreben. Auch daraus erwächst Demut.

 

Was ist Demut? Einige Definitionen.

Es folgen einige Definitionen von „Demut“, die mir bei der Beschäftigung mit dem Begriff begegnet sind. Ich ergänze die Definitionen jeweils um die Quellenangabe. In einem weiteren Text folgt in Kürze eine inhaltliche Auseinandersetzung mit diesen Definitionen.

Demut ist „Ausdruck einer Selbstbeschränkung, um für Begegnung Raum zu schaffen und so Gemeinschaft zu ermöglichen.“ (Feldmeier, Reinhard 2012: Macht, Dienst, Demut. Ein neutestamentlicher Beitrag zur Ethik, Tübingen: Mohr Siebeck, 120).

„Rechte Demut weiß niemals, dass sie demütige ist.“ (Martin Luther, zitiert nach: Schütz, W. 1972: Demut, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, hrsg. von Joachim Ritter, Band 2: D-F, Sp. 57-59.)

„Humility emerges from the recognition of what it means to be fallen, frail, and finite creatures.“ (Luke Bretherton 2019: Christ and the Common Life. Political Theology and the Case for Democracy, Grand Rapids: Eerdmans, 67)

„Beim Menschen bezeichnet sie (die Demut, BC) ein bewußtes Verhalten, das als gehorchen, sich unterordnen, sich beugen zu beschreiben ist, nicht aber äußere Armut oder Niedrigkeit als Geschick meint“. (Preuß, Horst Dietrich 1981: Demut I, in: Theologische Realenzyklopädie, Berlin & New York: De Gruyter, 460).

„Von der Demut kann in der Tat eine solche Definition gegeben werden: Die Demut ist eine Tugend durch die der Mensch sich durch die wahrhaftigste Selbsterkenntnis wertlos wird.“ (Bernhard v. Clairvaux, zitiert nach: Zur Mühlen, Karl-Heinz 1981: Demut V, in: Theologische Realenzyklopädie, Berlin & New York: De Gruyter, 468).

„Demuth ist das beständige Bewußtsein vom Unterschiede zwischen uns und Christo, so daß der sittliche Werth eines jeden einzelnen im Vergleiche mit dem den anderen einzelnen gar nicht in Anschlag kommt.“ (Friedrich Schleiermacher, zitiert nach: Zur Mühlen, Karl-Heinz 1981: Demut VII, in: Theologische Realenzyklopädie, Berlin & New York: De Gruyter, 481).

Verzichtet! Über ein liberales Fasten.

Wir werden in einigen Tagen Ostern feiern. Doch man muss es leider sagen: Das Ende der Fastenzeit ist noch lange nicht in Sicht. In der Tat: Eine wahrlich „Große Fastenzeit“ steht uns bevor. Vor uns liegen (mindestens) 40 Jahre des Verzichts.

40 Jahre Verzicht. Was für die vielen religiösen Fastenzeiten gilt, das gilt auch für die vor uns liegende Große Fastenzeit: Wir können sie bewusst angehen. Wir können sie gestalten und, das beste daraus machen, uns durch sie vorbereiten auf einen nächsten, evolutiven Schritt, quasi eine Auferstehung von den Toten. Oder wir ignorieren alle Zeichen der Zeit, die Warnungen und die Worte der Prophetie. Wir stellen uns taub, und machen so weiter wie bisher. Dann kommt der Verzicht als radikaler Zwang, wie ein Dieb in der Nacht, schneidet uns Stück für Stück das Fleisch von den Rippen, das Leben aus dem Herz, den Zusammenhalt aus der Gemeinschaft.

Ja, es geht um den Klimawandel und unsere Haltung dazu. Es geht aber um noch mehr. Russlands Krieg gegen die Ukraine und das Verhalten der aggressiv Mächtigen weltweit zeigt uns (einmal mehr), was eine wahre Große Fastenzeit ebenfalls von uns erfordert: den vollkommenen Verzicht auf Machtgier und Geltungssucht. Ja, die Große Fastenzeit erfordert das, was wir in der religiösen Sprache das Opfer nennen oder – so würde sich der Dominikaner und Mystiker Johannes Tauler ausdrücken – die „Vernichtung“, die Zunichtemachung der eigenen Ansprüche. Der Mensch muss sich innerlich ganz neu erfinden. Oder sind wir die Raubtiere, ohne Fähigkeit der Selbstreflexion und Selbstkontrolle, als die sich einige unter uns derzeit benehmen? Um diese Selbstreflexion, Selbstkontrolle und Selbstzurücknahme geht es. Es geht um die Rückgewinnung der Freiheit, uns selbst im Lichte der Wahrheit zu erkennen, uns zu sehen sub specie aeternitatis.

Das ist der eine große Verzicht, der unbedingt 40 Jahre lang nötig ist: der Verzicht des Menschen auf die eigene Überheblichkeit, was die Frage der politischen Macht anbelangt und was die Frage der natürlichen Umwelt anbelangt. Beide Fragen gehören unbedingt miteinander verbunden; sind zwei Seiten der einen anthropologischen Medaille: Können wir Menschen das Bild von uns selbst so verändern, dass dieses Bild nicht mehr unweigerlich in einen gesellschaftlichen und natürlichen Raubbau führt? Können wir Nachhaltigkeit leben, wie es Udo Di Fabio kürzlich angeregt hat (FAZ vom 21. März 2022, S. 7), mit Blick auf unseren Umgang mit Macht und mit Blick auf die (Um-)Welt, deren Teil wir sind? Ich schaue mich um und hege große Zweifel.

Verzicht ist liberal!

Es wird immer wieder behauptet, man möge den Menschen nicht den Verzicht predigen, das sei nicht populär. Technologische Innovation sei nötig, damit der (westliche) Mensch seinen Lebensstil nicht ändern müsse. Daran glaube ich inzwischen nicht mehr. Technische Innovation ist nötig, der Verzicht ist noch viel nötiger. Der Verzicht auf unsinnigen Energieverbrauch, der Verzicht auf Höchstgeschwindigkeit, der Verzicht auf Just-in-time, der Verzicht auf billiges Fleisch, der Verzicht auf übervolle Kleiderschränke, der Verzicht auf Flugreisen, der Verzicht der Reichen darauf, jeden Wunsch befriedigen zu müssen, der Verzicht darauf, den Liberalismus rein mit Blick auf die wirtschaftlichen, individuellen Möglichkeiten in der Jetztzeit auszulegen, der Verzicht auf unser inzwischen tief verankertes Verständnis der Welt als unseren Privatbesitz. Liberalismus, das ist ein Kollektivgeschäft der Freiheit, das aus der Vergangenheit lernt, in der Jetztzeit gelebt wird, für die Zukunft sorgt.

Wer nicht verzichtet, ist nicht liberal. Denn unsere Ablehnung von Verzicht heute, schränkt die Möglichkeiten der Menschen und aller anderen Geschöpfe morgen in einem Maße ein, dass im Morgen nicht mehr von Liberalismus gesprochen werden kann. Der uneingeschränkte Liberalismus heute, untergräbt die Zukunft des Liberalismus morgen. Darum Alle, die Ihr Eure vermeindlichen Freiheiten liebt: Verzichtet darauf, die Freiheit nach Lust und Laune auszuleben. Reduziert Euren Ressourcenverbrauch drastisch. Ändert Euren räuberischen Lebensstil. Kehrt um. Damit auch in Zukunft die Menschen sich noch liberal nennen, Freiheiten genießen und leben können.

Die Große, Liberale Fastenzeit erfordert menschliche Selbstbeschränkung. Russlands Krieg gegen die Ukraine macht einmal mehr deutlich, was uns blüht, wenn Macht nicht beschränkt wird und Menschen und Netzwerke ihre Machtgelüste hemmungslos und blind ausleben können. Das Gebot heißt also: Verzichtet. Und das ist nicht nur ein Gebot an den Einzelnen. Das ist ein Gebot an unsere Gesellschaft, an Politik, Wirtschaft, Religionsgemeinschaften usw., an die Strukturen, die unsere Gesellschaft zusammenhalten. All das muss von der Selbstzurücknahme, vom Verzicht, ja, von Demut geprägt sein.

Wer dazu nicht in der Lage ist, spielt der Machtlust der Mächtigen, der Gier der Gierigen, der Selbstsucht der Egoisten in die Hände. Selbstgewählter, bewusster Verzicht ist der Kitt einer liberalen Gesellschaft. Mehr davon braucht es, nie weniger. Um der Freiheit willen. Um der Menschen willen. Um der Welt und der Zukunft willen.

(Amen.)