Was ist Demut? Weitere Gedanken zu vorgelegten Definitionen.

Der Leser Joachim Winkler hat sich die Definitionen von Demut genauer angesehen und einige Kommentare dazu verfasst. Vielen Dank!

Diese Kommentare gebe ich an dieser Stelle wieder und ergänze noch ein paar eigene Gedanken.

 

Demut ist „Ausdruck einer Selbstbeschränkung, um für Begegnung Raum zu schaffen und so Gemeinschaft zu ermöglichen.“ (Feldmeier, Reinhard (2012): Macht, Dienst, Demut. Ein neutestamentlicher Beitrag zur Ethik, Tübingen: Mohr Siebeck, 120).

JW: Was an dieser Definition für mich fraglich ist, ist das Raummodell des Miteinanders. Begegnung findet dadurch statt, dass sich jemand begrenzt. Es scheint auch nur eine bestimmte Größe des Raums zur Verfügung zu stehen. Ein anderes Modell wäre zu sagen, dass Gemeinschaft oder eine Verbundenheit vorgängig oder zumindest gleichrangig gegenüber dem Selbst ist. Demut also nicht von dem Selbst, sondern von der Beziehung her gedacht. Und noch ein anderer Gedanke (mit Schleiermacher): Das Ausspielen von Individualität, nicht die Zurücknahme schafft Begegnung.

BC: Die räumliche Metaphorik ist in der Tat problematisch, da es ein Nullsummenspiel suggeriert. Bei alltäglichen Begegnungen ist dies aber nicht der Fall, sondern meine Selbstzurücknahme schafft nicht schon automatisch den Raum für die andere Person. Auch kann mein „Ausspielen von Individualität“ für andere Menschen gerade auch Ermutigung und Bestärkung bedeuten. Gleichwohl: Es gibt diese Räume, die durch mangelnde Demut anderen die Luft zum Atmen nehmen. Ich denke z.B. an Parlamente in autokratischen Ländern, in denen eine Pluralität von Stimmen, ein demütiges Zuhören usw. nicht vorkommen. Es geht vorrangig um die Bestätigung und Repräsentation vorherrschender Machtverhältnisse.

 

„Rechte Demut weiß niemals, dass sie demütige ist.“ (Martin Luther, zitiert nach: Schütz, W. 1972: Demut, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, hrsg. von Joachim Ritter, Band 2: D-F, Sp. 57-59.)

JW: Heißt das dann: Ich kann nicht bewusst demütig sein. Ich weiß nicht, ob ich dem zustimmen würde.

BC: Ich weiß es auch nicht. Was Luther hier formuliert, klingt etwas nach einem Bonmot, das man auf einem Kalenderblatt abdrucken kann. Freilich stimmt: Demut spielt sich nicht auf und macht sich als solche nicht selbst bekannt.

 

„Humility emerges from the recognition of what it means to be fallen, frail, and finite creatures.“ (Luke Bretherton 2019: Christ and the Common Life. Political Theology and the Case for Democracy, Grand Rapids: Eerdmans, 67)

JW: Hier gefällt mir natürlich die Verankerung in der weltlichen Erfahrung. Demut bekommt dann allerdings eine immer (quasi-)religiöse oder philosophische Schlagseite, wenn es um die Reflexion auf Endlichkeit, Vulnerabilität, etc. geht.

BC: Da hätte ich kein Problem damit, wenn wir davon ausgehen, dass Religion, Theologie und Philosophie auch etwas sein können, dass praktisch gelebt und nicht nur theoretisch reflektiert wird. Es gibt ein Bewusstsein von Endlichkeit und Verletzbarkeit, das sehr alltagsnah ist. Es muss nicht alles akademisch sein!

 

„Beim Menschen bezeichnet sie (die Demut, BC) ein bewußtes Verhalten, das als gehorchen, sich unterordnen, sich beugen zu beschreiben ist, nicht aber äußere Armut oder Niedrigkeit als Geschick meint“. (Preuß, Horst Dietrich 1981: Demut I, in: Theologische Realenzyklopädie, Berlin & New York: De Gruyter, 460).

JW: Zum einen wird hier eine starke Innen-Außen-Abgrenzung vorgenommen.
Kann Demut nicht auch internalisiert, also unbewusst sein? Gegensatz zu (2). Da habe ich Zweifel an einer nur inneren Einstellung bzw. würde fragen, wie diese im Zusammenahng mit Handeln und dem In-der-Welt-Sein steht.

BC: Was die Definition hier meint, glaube ich, ist, dass Demut nicht einfach über äußere Armut oder durch einen niedrigen Stand quasi schon automatisch vorhanden ist. Es braucht immer eine innere Haltung, die von Demut zeugt. Es gab und gibt – z.B. in der Kirche und deren Orden – viele Beispiele von äußerlich armen und niedrigen Menschen, denen es an einer demütigen Haltung fehlt. In den Orden sind Armut und Gehorsam zwar immer schon als Mittel auf dem Weg zur Demut angesehen worden; das funktioniert aber natürlich nicht immer.

 

„Von der Demut kann in der Tat eine solche Definition gegeben werden: Die Demut ist eine Tugend durch die der Mensch sich durch die wahrhaftigste Selbsterkenntnis wertlos wird.“ (Bernhard v. Clairvaux, zitiert nach: Zur Mühlen, Karl-Heinz 1981: Demut V, in: Theologische Realenzyklopädie, Berlin & New York: De Gruyter, 468).

JW: Würde das Zitat nicht auch funktionieren, wenn man statt „wertlos“ „wertvoll“ einsetzt? Demut könnte doch auch sein: Der Mensch erkennt seinen Wert als Mensch. Richtet es sich gegen die Vorstellung vom Menschen als „Wert an sich“?

BC: Ich sehe da eine Dialektik. Der Mensch erkennt seine Niedrigkeit, seine Verletzbarkeit, seine „Wertlosigkeit“ sub specie aeternitatis; und auch aus dieser Erkenntnis heraus gewinnt dieser Mensch Statur.  Ich glaube, diese Dialektik braucht es, um den Menschen die Mittel aus der Hand zu nehmen, willkürlich dem einen Wert zuzuschreiben und dem anderen nicht.

 

„Demuth ist das beständige Bewußtsein vom Unterschiede zwischen uns und Christo, so daß der sittliche Werth eines jeden einzelnen im Vergleiche mit dem den anderen einzelnen gar nicht in Anschlag kommt.“ (Friedrich Schleiermacher, zitiert nach: Zur Mühlen, Karl-Heinz 1981: Demut VII, in: Theologische Realenzyklopädie, Berlin & New York: De Gruyter, 481).

JW: Es ist ein Schluss von einer im engeren Sinn religiösen Betrachtung, die dann als sittliche Betrachtung zur Geltung kommt. Demut als Defizitbewusstsein christologisch fundiert?

BC: Bei Schleiermacher bist Du der Experte! Ich verstehe Demut aber so oder so als fundamental christologisch: Hier macht es einer vor, die Demut in Form der kenosis. Demut wird so in das Verstehen von Gott eingeschrieben. Gott ist demütig; der Sohn zeigt es uns. Dem können wir mit Aussicht auf Erfolg gar nicht nachstreben. Auch daraus erwächst Demut.

 

2 Gedanken zu “Was ist Demut? Weitere Gedanken zu vorgelegten Definitionen.

  1. Pingback: Was ist Demut? Weitere Gedanken zu vorgelegten Definitionen. – god.fish

  2. Demut ist für mich Lernfähigkeit. Demut vor der Natur ist nötig um Naturwissenschaft zu betreiben und Erkenntnisse zu gewinnen, Versuche machen, Beobachtungen und Beschreibungen. In der Natur erkennen wir auch unseren Schöpfer.

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