Nie Gedachtes

Andreas U. Sommer schreibt ein „Lexikon der imaginären philosophischen Werke“ (Berlin 2012). Sein erklärtes Ziel ist es, eine „Geistesgeschichte des Ungedachten“ (9) vorzulegen. Damit eröffnet er die Arbeit an einem Paralleluniversum der Ideengeschichte. Denn jetzt kann man sich als Ideen- bzw. Dogmengeschichtlicher nicht nur mit tatsächlich geschriebenen Texten und wirklich gedachten Gedanken auseinandersetzen, sondern auch mit dem, was nie geschrieben und nie gedacht wurde.

Für jene, die die Ideengeschichte nicht vorrangig als einen Prozeß verstehen, der gleich einem Fluß in einem vorgeprägten Bett mit zwar möglichen, aber geringen Variationen verläuft, ist Sommers Buch eine erbauliche Lektüre. Denn ihm geht es dezidiert um das mögliche Andere im Denken: „Philosophisch denken heißt, in Alternativen denken.“ (ebd.). Sommer spielt das Spiel der Kontingenz.

Alternativen boten und bieten sich in der Ideengeschichte zuhauf. Jede idealtypische gedachte Situation der Ideengeschichte ist reich gespickt mit Ideen und Begriffen, die aufgenommen und weitergesponnen oder verworfen werden können. Ex post ist es manchmal schwer, von bestimmten ideengeschichtlichen Situationen als unabgeschlossen und noch ungelöst zu denken. Kurt Flasch hat in „Kampfplätze der Philosophie“ (2008) einige dieser Situationen vorgestellt und dazu angeregt, sich einen alternativen Diskussionverlauf wenigstens einmal vorzustellen.

Sommers Lexikon geht hier noch einen Schritt weiter. Von A (wie „Apologie des Judas Iskariot“) bis W (wie „Wo ist Wahrheit“) stellt er Werke vor, von denen man sich zum Teil wirklich vorstellen könnte, daß sie geschrieben wurden. Doch sie wurden es eben nicht. Aus welchem Grund auch immer.

So ist Sommers Buch eine oft auch vergnügliche Einübung in die Haltung, Alternativen zu der manchmal überhandnehmenden Normativität des Faktischen in Erwägung zu ziehen.

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Ein Gedanke zu “Nie Gedachtes

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