Wir sind alle Zeitgenossen! Zu einer Rede von Jürgen Kaube.

In seiner Dankesrede aus Anlass der Verleihung des Börne-Preises stellt der Mitherausgeber der FAZ Jürgen Kaube einige Überlegungen zum Zusammenspiel von Journalismus und Philosophie an bzw. zum Rollenunterschied zwischen dem Journalisten und dem Philosophen. Seine Vergleichspersonen sind der Namensgeber des ihm verliehenen Preises Ludwig Börne (1786-1837) und der Philosoph G.W.F. Hegel.

Ich möchte die Rede an dieser Stelle weder wiedergeben noch Schritt für Schritt analysieren. Vielmehr möchte ich einen Punkt unterstreichen, der sich aus meiner Sicht durch Kaubes Rede durchzieht. Es handelt sich dabei um die eigentlich banale Erkenntnis, dass wir alle Zeitgenossen sind. Sowohl Börne als auch Hegel, sowohl Kaube als auch Conrad: Alle sind wir Zeitgenossen.

Das Wort „Zeitgenosse“ sei im 16. Jahrhundert entstanden, aber erst seit dem 18. Jahrhundert geläufig wird auf Wikipedia ohne Hinweis auf Quellen geschrieben. Ich gebrauche das Wort in dem Sinne, dass im Denken, Reden, Handeln eines Zeitgenossen für die Nachwelt die Signatur einer Epoche ablesbar ist. Börne und Hegel ringen mit den politischen und ideologischen Verwerfungen der Französischen Revolution; Kaube und Conrad mit den Ausbrüchen und Folgewirkungen eines ideengeschichtlich zwiespältigen 20. Jahrhunderts.

Jeder Schreiber und Denker hat seine je eigenen, persönlichen Motivationen über dieses nachzudenken oder jenes kundzutun. Bei den Genossen einer jeweiligen Zeit bzw. Epoche lassen sich aber auch Gemeinsamkeiten finden: ähnliche Zweifel und Hoffnungen, ähnliche Referenzen und Hintergründe, ähnliche Bildungsbiografien und Stile. Wo eine Epoche endet und eine neue beginnt liegt dabei im Auge des Betrachters.

In Anlehnung an Hegel beschreibt Jürgen Kaube den Zeitgenossen wie folgt: „Die Gegenwart kann nur begreifen, wer sie weder flieht noch ihr ausgeliefert ist. Wer seine eigene Zeit verstehen will, darf nicht in ihren Tageskampf verstrickt sein, aber er muss ihn kennen.“ Ich würde hier korrigierend ergänzen: Ein Zeitgenossen muss bei aller lebensweltlichen Verstrickung stets dazu in der Lage sein, seine eigene Zeit aus einer inneren Distanz heraus beobachten und bewerten zu können.

Kaube konstatiert für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts eine „zeitdiagnostische Unruhe“, die sich in zahllosen, aufeinanderfolgenden Gesellschaftsbeschreibungen niederschlage: Wissen-, Risiko-, Postindustrielle, Arbeits-, digitale, Informationsgesellschaft usw. Zeitgenossen sind also in doppelter Hinsicht Zeitgenossen: Sie durchleben alle die selbe Zeit und machen in ihr ihre persönlichen, aber durchaus auch vergleichbaren Erfahrungen. Und Zeitgenossen beobachten ihre Zeit auch auf ähnliche Weise, ihre Weltsichten und Begriffe – Kaube spricht den Begriff der Begriffe explizit an – sind Ausdruck ein und derselben Epoche. Das heißt: Auch ein Beobachter bleibt gerade in der Art und Weise, wie er beobachtet, ein Zeitgenosse.

Wir sind alle Zeitgenossen. Nimmt man diesen Satz ernst, dann landet man nicht unweigerlich in der dogmatischen Beliebigkeit oder der begrifflichen Kontingenz. Wer sich bewusst als Zeitgenosse versteht, der bekennt von sich selbst: Ich gehöre dazu. Ich kann mich dessen rühmen, was uns allen im Hier und Jetzt gelingt. Ich werde auch schuldig, wenn zu meiner Lebzeit Unrecht und Unheil über die Menschheit kommen. Ich lasse mich vom Licht und von der Dunkelheit meiner Zeit kontaminieren. Und wenn ich damit beginne, aus der inneren Distanz heraus über meine Zeit zu urteilen, dann komme ich von dieser doch nicht los.

Es gibt für uns Menschen keinen Standpunkt außerhalb der Geschichte. Wir sind alle Zeitgenossen.

Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen

Was bedeutet es, wenn von der „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ gesprochen wird? Die klassische Antwort lautet folgendermaßen:

„Nicht alle sind im selben Jetzt da. Sie sind es nur äußerlich, dadurch, dass sie heute zu sehen sind. Damit aber leben sie noch nicht mit den anderen zugleich. Sie tragen vielmehr Früheres mit, das mischt sich ein. Je nachdem, wo einer leiblich, vor allem klassenhaft steht, hat er seine Zeiten. (…) Verschiedene Jahre überhaupt schlagen in dem einen, das soeben gezählt wird und herrscht. Sie blühen auch nicht im Verborgenen wie bisher, sondern widersprechen dem Jetzt; sehr merkwürdig, schief, von rückwärts her.“

Auf diese Weise charakterisiert Ernst Bloch in „Erbschaft dieser Zeit“ (1973: 104) die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Für Bloch ist die Rede von der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen eine Erklärungshilfe für die Entstehung des Faschismus. Für andere stellt es überhaupt eine Erfahrungssignatur der neuzeitlichen Gesellschaft dar. So zum Beispiel für den Historiker Rudolf Schlögl. Dieser schreibt über europäische Gesellschaften in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts:

„Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, das Nebeneinander von tiefgreifender gesellschaftlicher Modernisierung und traditionalen sozialen Formen und Argumentationsmustern war Kennzeichnen einer Transformationsgesellschaft, die ihre Gestalt und ihre Modernität erst noch auf den Begriff bringen musste.“ (Alter Glaube und moderne Welt, 2013: 158)

Bei der Rede von Ungleichzeitigkeit geht es nicht um einen quantitativen Abhub der Vergangenheit in der Gegenwart, nicht um bloße ‚Restposten‘, sondern um eine wirkmächtiges Ermöglichungsreservoir traditioneller gesellschaftlicher Kräfte in einer anderweitig modern anmutenden Welt. Idealtypisch formuliert: Tradition und Moderne schieben sich ineinander, gleichsam wie zwei tektonische Platten bzw. „Zeitschichten“ (R. Koselleck). Die Ungleichzeitigkeit ist auf diese Weise ein spannungsreicher sozialer Widerspruch, da mit ihr „gegensätzliche Elemente [einer Gesellschaft, B.C.] in einem wesentlichen Zusammenhang stehen, Momente einer Einheit bilden, deren Identität und Bestand an diese Einheit von Gegensätzen gebunden ist.“ (Beat Ditschy 1988: Gebrochene Gegenwart. Ernst Bloch, Ungleichzeitigkeit und das Geschichtsbild der Moderne, Frankfurt/Main, 166).

Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen ist sowohl ein Gegenüberstehen von Kräften zeitlich differenten Ursprungs als auch eine Gemeinsamkeit von Strukturen und Interaktionen mit unterschiedlicher innerer Logik, Dynamik und Zeitlichkeit. Die Dinge stehen sich eben nicht nur gegenüber, sie bilden aber auch kein harmonisches Miteinander. Die Ungleichzeitigkeit ist damit eine qualitative Verformung des gesellschaftlichen Jetzt durch soziale Prozess mit unterschiedlicher Zeitlichkeit.

Ebenfalls ist festzuhalten, dass es sich bei der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen nicht um ein normatives bzw. hierarchisches Über- und Unterordnen von Zivilisation und Wildnis, von guter Moderne und schlechter Tradition handelt. Ungleichzeitigkeiten sind wert- jedoch nicht geschichtsentleerte Verkettungen von ‚schon‘, ‚noch nicht‘ und ‚immer noch‘. Dabei können durchaus die den Prozess der Ungleichzeitigkeit anstoßenden Ursachen mit den eintretenden Folgen zeitlich gleichziehen, so dass Ursache und Wirkung im gleichen geschichtlichen Prozess nebeneinander herlaufen, sich gegenseitig immer wieder neu bedingen und befruchten.

Mit Ungleichzeitigkeit ist nicht ein starrer, gesellschaftlicher Zustand zu einem beliebigen Zeitpunkt gemeint. Gemeint ist vielmehr das Entstehen des stets neu hervorbrechenden Ungleichzeitigen selbst, quasi der Prozess der Ungleichzeitigkeit, wie er sich seit dem Beginn der Neuzeit in der Gesellschaft je neu herauskristallisiert. Widersprüche sind nicht festgelegt und statisch, sondern, einmal angestoßen von dynamischer, fortschreitender, mitunter sprengender Kraft. Reinhart Koselleck kommentiert dies folgendermaßen:

„Im Horizont dieses Fortschreitens wird die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen zur Grunderfahrung aller Geschichte – ein Axiom, das im 19. Jahrhundert durch soziale und politische Veränderungen angereichert wurde, die den Satz in die Alltagserfahrung einholten“ (Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt/Main 2000, 325).

 

Dieser Text lehnt sich an Ausführungen, die ich zu einem früheren Zeitpunkt veröffentlicht habe, vgl. „Zur Ungleichzeitigkeit in der Weltgesellschaft„.

Leiblichkeit und Zeitlichkeit

Bei dem folgenden Text handelt es um die erste von sechs Morgenandachten, die in dieser Woche im Hörprogramm des Norddeutschen Rundfunks gesendet werden. Alle Andachten nehmen das Verhältnis von Körper, Seele und Geist in den Blick und nehmen Bezug auf Quellen dominikanischen Ursprungs.

„Hier bin ich. Mit meinem Geist. Mit meiner Seele. Mit meinem Körper.

Um hier in der Gegenwart sein zu können, benötige ich alle drei: Geist, um mental gerüstet zu sein für die Herausforderung des Augenblicks; Seele, um die Gegenwart im Lichte Gottes anschauen zu können; Körper, um im eigentlichen Sinne hier und da sein zu können.

In meinem Körper bin ich hier und jetzt. „Einen Leib haben, das bedeutet: in der Zeit sein.“[1] Ich nehme meine Umgebung wahr durch die Sinne meines Körpers: die Augen und Ohren, die Nase und die Haut. Ich nehme auch mich selbst wahr: das Jucken an meinem Hals; die Spannungen in den Muskeln, welche der Sport hinterlassen hat; das hintergründige Alltagsrauschen in meinem Kopf.

Mit meinem Körper bin ich gegenwärtig. Ohne ihn bin ich nicht. Mit meinem ‚Fleisch und Blut‘ lebe ich, kommuniziere ich, bete ich. Mein Körper ist die Bedingung der Möglichkeit meiner Person. Er ist da, bevor ich von mir selbst weiß. Und er begleitet mich bis zu meinem letzten Atemzug.

Hier bin ich. Am Anfang des Tages möchte ich einige Sekunden lang bewusst im gegenwärtigen Augenblick ruhen. Mit all den Gedanken, die mich seit dem Erwachen begleiten. Aber auch mit meinem Körper, meinem ständigen Begleiter.“

[1] Marie-Dominique Chenu OP: Leiblichkeit und Zeitlichkeit. Eine anthropologische Stellungnahme, hrsg. von Christian Bauer, Thomas Eggensperger, Ulrich Engel, Berlin, 2001, 24.

 

Die weiteren Texte und Aufnahmen können unter http://www.ndr.de/kirche/radiokirche/NDR-Kultur-NDR-Info-Die-Morgenandacht,morgenandachten103.html aufgerufen werden.