Laien – der Welt nicht ausweichen.

Die Laien sind wieder aktuell. Eine römische Erklärung zur Leitungsfrage in Pfarrgemeinden und deren kontroverse Diskussion hat ihnen jüngst dazu verholfen. Freilich war das römische Papier der denkbar ungünstigste Weg, um auf die Laien in der Kirche aufmerksam zu machen. Dieser Weg hat aber durchaus Tradition. Denn über Laien wurde in den vergangenen Jahren innerkirchlich fast nur geredet, wenn es darum ging, was sie für die Kirche tun können. Wie können sie das Leben der Kirche vor Ort angesichts des Mangels an Priester aufrecht erhalten?[1]

Häufig wurden zwei gedankliche Wege eingeschlagen. Sie führen meines Erachtens aber beide nicht weiter. Zum einen wurde Laiesein gleichgesetzt mit kirchlichem Ehrenamt. Aber nicht jede gläubige Laienperson möchte sich in der Kirche engagieren und auch nicht jeder Mensch, der sich in der Kirche ehrenamtlich engagiert, ist Laie. Trotzdem galt und gilt: ‚Ein guter Laie ist ein Laie, der sich in der Kirche engagiert.‘ Das verengt aber den Blick auf die Vielfalt des Laieseins in Kirche und Welt. Zum anderen wurde das geleistete Engagement der Laien in der Kirche mit einer stark rechtlichen Brille gelesen: Was dürfen sie denn? Und was dürfen sie nicht? Laien fragen so. Aber amtliche Vertreter_innen der Kirche fragen ebenfalls so, siehe die jüngste Erklärung. Wer hat eigentlich mit dieser Fragerei angefangen? Und aus welcher Angst heraus ist die Frage nach dem „Darf ich?“ geboren?

Intuitiv meinen wir zu wissen, wer oder was eine Laienperson innerhalb der Kirche ist. Und genauso intuitiv bestimmen wir die Laien dann rein negativ: Sie sind die Nicht-Kleriker_innen. Sie sind die Nicht-Ordensleute. Diese Negativbeschreibung ist nicht gänzlich falsch, hat aber ihre Tücken. Tücken lauern zum Beispiel auf der deskriptiven Ebene. Ein Beispiel: Ich bin als Laie inkorporiertes Mitglied im Orden der Prediger; zudem arbeite ich in meinem Brotberuf für ein Bistum. Bin ich bei so viel Kirche im Alltag noch ein Laie? Karl Rahner hätte so sein Zweifel gehabt.[2]

Zum anderen führt die Negativbeschreibung der Laien auch zu einem negativen Bild des Beschriebenen. Die Laien werden dann zu Mängelwesen abgestempelt. Sie werden definiert über das, was sie nicht können und nicht dürfen. Es ist wichtig, realistisch zu sein und dieses Nicht-Können und dieses Nicht-Dürfen im Blick zu behalten. Wir gehen auch zur Ärztin, um uns von einer Fachfrau medizinisch untersuchen zu lassen. Von Laien wollen wir uns nicht den Bauch aufschneiden lassen. Und es ist auch die gewählte Person an der Spitze einer Kommune, die Verantwortung trägt für die Arbeit der kommunalen Verwaltung. Wenn nicht gewählte Personen zu repräsentieren beginnen, ist das Amtsanmaßung. Wir brauchen also Fachpersonen und Personen mit legitimer Autorität. Dieses Wissen sollte aber nicht dazu führen, dass man alle anderen Menschen ausschließlich als Nicht-Mediziner_innen oder Un-Gewählte bezeichnet. Es braucht positive Beschreibungen, um eine positive Identifikation mit der eigenen Rolle zu ermöglichen.

Eines fällt auf: Über Laien wurde und wird meist gesprochen von theologischen Nicht-Laien, den sogenannten Profis: von Geistlichen oder von Theologinnen und Theologen. Das muss nicht per se schlecht sein, artet aber gelegentlich zu einem Diskurs mit viel Expertenwissen aus. Was meinen aber die Laien selbst? Sind Laien keine spirituellen Wesen? Können sie ihren geistlichen Erfahrungen keinen Ausdruck geben: in Worten oder auch performativ? Wie kommen wir ihren Erfahrungen, ihren Worten, ihren Taten auf die Spur?

Eine weiterhin sehr brauchbare, da positiv und zudem leidenschaftlich gewendete Definition von Laien bietet der Priester und Ordensmann (also: Nicht-Laie!) Yves Congar OP in seinem „Entwurf einer Theologie des Laientums“ aus den 1950ern. Der Dominikaner Yves Congar schreibt: „Laie sein, das heißt, mit allen Kräften, die in uns sind, sich stürzen in das Abenteuer jenes Suchens nach Gerechtigkeit und Wahrheit, zu dem der Hunger uns treibt und das das Kernstück der menschlichen Geschichte ist.“[3]

Man könnte jetzt fragen: Was für eine Definition ist denn das?! Was Yves Congar da über die Laien aussagt, das könnte ja von jedem geistlich orientierten Menschen ausgesagt werden! Genau darum geht es! Laien sind nichts Besonderes. Laien sind Normalos. Bewusst lebende Laien sind sich darüber im Klaren: Sie sind nichts Besonderes. Und als diese normalen Menschen stürzen sie sich in das Abenteuer der Suche nach Gerechtigkeit und Wahrheit, nach Gott. Dadurch verändern sie die Welt und die Kirche.

Laien haben also nicht die fertigen Antworten. Laien stellen auch nicht Lösung dar. Laien bringen sich aber mit ihren Fragen, mit ihrem Hören und Sehen und Fühlen, mit ihrem Tun und Lassen, mit ihren Worten und ihrem Schweigen in die Geschichte, auch in die Kirchengeschichte ein. Sie werden Fleisch und Mensch inmitten des alltäglichen Wahnsinns von Macht und Demut, von Dienst und Herrschaft, von Zeit und Geld.

Überspitzt formuliert: Wer bewusst laienhaft lebt und sich die Haltung eines geistlichen Menschen aneignet, der weicht nicht in ein gehegtes kirchliches Milieu aus, das ihn vor den Zumutungen des Lebens bewahrt. Laien sind, so Yves Congar an einer Stelle, jene gläubige Menschen, die Gott verherrlichen, „ohne dem Werk der Welt auszuweichen.“[4]

Congar wusste: Laien haben alle Freiheiten der Welt, aber sie leben auch das geistliche Leben eines dauernden zeitlichen und sozialen Kompromisses. Keine Tagesstruktur sagt ihnen, wann es Zeit zu beten ist. Keine Ordensregel hilft ihnen im familiären Zusammenleben. Kein Berufsbild fordert ihnen den Umgang mit spirituellen Traditionsbeständen ab. Alles Geistliche muss den Mühlen des Alltags abgetrotzt werden. Laien weichen nicht aus, nicht zeitlich und nicht örtlich.

Einige (katholische) Laien, wie der Autor dieses Beitrags, schließen sich als Laien einer Ordensgemeinschaft an, tauchen ein in deren Geschichte und Spiritualität, beten deren Gebete, singen deren Lieder. Solch eine Bindung, neudeutsch ‚commitment‘, unterstützt die Suche nach einem spirituellen Leben, nach der persönlichen Heiligkeit, wie man es früher sagte. Zwingend ist diese Bindung aber nicht. Wer bewusst ein Laienleben führt, der lässt sich aber ein auf dieses spirituelle Ringen mit dem ganz normalen Leben. Dort „zwischen den Kochtöpfen“ (Theresa von Avila) finden Laien die Welt vor. Dort finden sie Gott.

 

Dieser Text erscheint zeitgleich bei rotsinn – dem ideengeschichtlichen Blog eines Laiendominikaners – und auf feinschwarz.net – dem theologischen Feuilleton im Netz.

 

[1] Einen schönen Überblick bietet Sabine Demel 2009: Zur Verantwortung berufen. Nagelproben des Laienapostolats, Freiburg: Herder, 21-85.

[2] Vgl. dazu den immer noch lesenswerten Text: Karl Rahner (1954/2005): Über das Laienapostolat, in: Ders.: Sämtliche Werke, Bd. 16, Freiburg: Herder, 51-76.

[3] Yves Congar 1958: Der Laie. Entwurf einer Theologie des Laientums, Stuttgart: Schwabenverlag, 49.

[4] Ebd. 45.

Über Laien 2: Die Unterscheidung von Kirche und Welt

Im kirchlichen (katholischen) Kommunikationsraum ist es üblich, von den Laien als von den gläubigen Menschen zu sprechen, die „in der Welt“ leben. So ist zum Beispiel im Dekret über das Laienapostolat Apostolicam Actuositatem des Zweiten Vatikanischen Konzils zu lesen: „Da es aber dem Stand der Laien eigen ist, inmitten der Welt und der weltlichen Aufgaben zu leben, sind sie von Gott berufen, vom Geist Christi beseelt nach Art des Sauerteigs ihr Apostolat in der Welt auszuüben.“ (§2).

Im Schreiben des dominikanischen Ordensmeisters Bruno Cadoré über die Laien vom vergangenen Dezember stößt man auf folgende Formulierung: „They (d.h. die Laien) know the difficulty of witnessing the faith in a specific manner: in many places in the contemporary world, the habitual situation of a lay person brings her/him face to face with indifference, scepticism and unbelief, in a very different way from religious.“

Diese zwei Textbeispiele – viele weitere könnten ergänzt werden – machen deutlich, dass der kirchliche Sprachraum sehr auf einer binären Unterscheidung (im Sinne Niklas Luhmanns) ruht. Auf der einen Seite die Kirche, auf der anderen Seite die Welt. Auf der einen Seite die Kleriker und die Religiosen, auf der anderen Seite die Laien. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein fiel diese Unterscheidung rhetorisch sehr markant aus. „Welt“ wurde ganz im Sinne des Johannesevangeliums („In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ Joh 16, 33 – Luther) verstanden: Die Welt ist der vergängliche Ort der Sünde, in den die Menschen notgedrungen gestellt sind, der aber keinen eigenen inneren Wert besitzt. Die Welt ist Ort der Prüfung und Bewährung, das Eigentliche aber findet jenseits der Welt statt.

Diese ausschließlich despektierliche Haltung der Welt gegenüber hat sich verändert. Mittlerweile wird innerhalb der Kirche auch das Wirken „in der Welt“ als wertvoll angesehen, wenn es im christlichen Sinne geschieht. Wesentlicher Anteil an dieser Umorientierung im kirchlichen Sprachraum hatten Theologen wie der französische Dominikaner Yves Congar OP, der in seinem Werk „Der Laie“, das Wirken der Laien „in der Welt“ stark aufwertete (vgl. Die Würde der Politik). Die Welt besaß von nun an eine Würde an sich, so auch das Wirken in ihr.

Aber sowohl Yves Congar als auch die Dokumente des 2. Vatikanischen Konzils und viele weitere Texte und Stellungnahmen seit dieser Zeit halten an der grundsätzlichen Unterscheidung von Kirche und Welt fest; und auch an der generellen Zuordnung der Laien zu der Welt. Apostolicam Actuositatem spricht in Bezug auf Kirche und Welt von zwei „Ordnungen, die man gewiß unterscheiden muß“ (§5). Und Yves Congar stellt fest, Jesus habe „eine klare Unterscheidung gesetzt zwischen der Kirche, dem innerlichen Reich des Glaubens, und der natürlichen Welt der Menschen und der Geschichte.“ (Der Laie, Stuttgart 1956: 130f.). Freilich verwirrt Congar auch durch Sätze wie diesen: „Von daher gibt es für ihn (den Christen) in der Welt eine Transzendenz und eine Immanenz, ein Leben, ausgerichtet auf den absoluten Wert des Endes, zugleich aber auch einbezogen in die Relativität der Geschichte.“ (ebd. 376). So scheint die Welt doch ein Ort zu sein, indem „weltliche“ und transzendente Erfahrungen gemacht werden können. Die Welt ist nicht auf ihre Weltlichkeit festgelegt.

Meine Frage ist: Geht es nicht auch ohne die Unterscheidung von Kirche und Welt?

Diese Unterscheidung ist ohnehin nur gedacht. Denn: Wer wagt heute noch davon zu sprechen, dass in dem Kloster selbst eines kontemplativen Ordens die „Welt“ fern sei. Sie ist selbstverständlich dauernd präsent, und nicht nur durch den Einlass von Informationen von „außen“. Welt ist auf viel fundamentalere Art und Weise präsent: Jeder Mensch ist je schon in der Welt gegenwärtig (man verzeihe mir die Heideggerische Ausdrucksweise) und nimmt die Welt, seine Welt mit sich, wohin auch immer er sich wendet. Es gibt für den Menschen sozusagen kein Außerhalb der Welt. Es gibt „nur“ verschiedene Räume innerhalb der Welt, die der Mensch beleben kann, und die jeweils unterschiedliche Handlungs- und Kommunikationslogiken entwickeln – bis hin zum dauernden Schweigen der Karthäuser. Die Welt steht also niemandem gegenüber, wenn ich von der eschatologischen und für uns Menschen daher gänzlich unzugänglichen Gegenüberstellung zwischen Gott und Seiner Ewigkeit und der Welt und ihrer Zeit absehe. Ich kann mich nicht entscheiden, die Welt zu verlassen (ohne den Tod in Kauf zu nehmen), so wie ich mich auch nicht dazu entschieden habe, die Welt zu betreten.

Selbstverständlich gibt es Arbeits- und Wirkungsfelder innerhalb der Institution Kirche mit den ihnen eigenen Handlungszusammenhängen wie z.B. der Liturgie. Und es gibt Arbeitsfelder außerhalb der Institution Kirche: das Handwerk, die kommunale Verwaltung usw. Doch seitdem es Bücher wie Yves Congars „Der Laie“ gibt, ist man auch im kirchlichen Kommunikationsraum davon abgekommen, diesen „weltlichen“ Arbeitsfeldern jegliche geistliche Tiefe abzusprechen: Es kommt stets darauf an, was man auch ihnen macht!

Aber nur, weil eine soziologische Unterscheidung in Kirche, Staat, Wirtschaft und dergleichen Sinn macht, heißt das noch lange nicht, dass auch die Unterscheidung von Kirche und Welt Sinn macht. Diese Unterscheidung will nämlich onthologisch sein, d.h. sie stellt grundlegend verschiedene Seinswirklichkeiten fest, von denen ich mir sehr unsicher bin, ob diese außerhalb unserer Gedankenwelt wirklich existieren. Auf jeden Fall dann nicht, wenn man mit Ludwig Wittgenstein behauptet: „Die Welt ist alles, was der Fall ist“ (Tractatus logico-philosophicus § 1).

Politik als Sakrament der Welt

In der aktuellen Ausgabe der dominikanischen Zeitschrift „Wort und Antwort“(4/ 2013) findet sich ein Text von mir unter dem Titel: „Politik – das Sakrament der Welt im Zeitalter der Demokratie“. Anbei gebe ich einen kurzen Abschnitt aus diesem Text wieder, der die zentrale These des Textes enthält. Der gesamte Beitrag (ohne Fußnoten) findet sich hier, ebenso wie Hinweise zu den weiteren Texten des Heftes.

„Selbstmitteilung, Zeichen: Begrifflichkeiten wie diese sind verräterisch. Sie lassen nämlich erkennen, dass politisches Handeln aus der hier präsentierten theologischen Sicht nicht als ein beliebiger weltlicher Kommunikations- oder Aktionsbereich zu verstehen ist. Es steht vielmehr in einem besonderen Verhältnis zu unserem Wirklichkeits- und Wahrheitsverständnis. Es drückt nicht nur zeichenhaft aus, wie wir die Wirklichkeit unserer Welt sehen. In unserem politischen Handeln materialisiert sich das Sinn- und Wahrheitsverständnis, das unserem Tun und Denken vorangeht. Wir treiben Politik gemäß den Wirklichkeits- und Wahrheitsbildern, die wir mit uns tragen. Politik ist also „einer jener Bereiche des Lebens, in dem unsere Entscheidungen zeigen, wer wir sind”. (Rowan Williams) Politik teilt mit, offenbart, bezeichnet und kommt daher in Besitz einer sakramentalen Qualität. Politik ist eine Schöpfung besonderer Art: „Gott nutzt geschaffene Dinge, um etwas jenseits wörtlichen Bedeutung der Dinge kundzutun. Das sagt etwas über die Sakramentalität der erschaffenen Wirklichkeit als solcher aus.” (Charles Mathewes)

Politik als sakramentales Handeln zu bezeichnen ist gewagt. Denn dies würde ja heißen, dass politisches Handeln ein sichtbares und wirkmächtiges Zeichen einer unsichtbaren und noch ausstehenden Heilswirklichkeit ist; dass es den offenbarenden Charakter einer Theophanie, einer Gottesbegegnung besitzt; und dass es ein Vorgeschmack auf das „Gastmahl des ewigen Lebens“ ist. Dabei verbindet man Politik, wie eingangs vermerkt, mit ganz und gar nicht erbaulichen Machtspielen. Vielmehr noch: Politiker werden in Geschichte und Gegenwart für Tyrannei, Krieg und Verwüstung verantwortlich gemacht. Sie werden eher mit dem Schlechten im Menschen in Verbindung gebracht, als mit einem die Wahrheit und das Gute offenbarenden Wesen. Da klingt es vermessen, in Bezug auf Politik von einer Sakramentalität zu sprechen.

Von daher ist eine Einschränkung vorzunehmen. So wie Kari Palonen nur dort von Politik spricht, wo demokratische Verhältnisse herrschen, so kann auch nur dort von der Politik als dem Sakrament der Welt gesprochen werden, wo politisches Handeln nach demokratischen Spielregeln abläuft. Zwar sagt unser Handeln in der politischen Öffentlichkeit immer etwas darüber aus, wie wir uns und die Welt verstehen. Doch nur dort kann im christlichen Sinne von einer Sakramentalität und einem wirkmächtigen Heilszeichen gesprochen werden, wo dieses Handeln grundsätzlich nach der Verwirklichung von Gerechtigkeit und Frieden durch Mitbestimmung strebt. Damit ist auch ausgesagt, dass die Demokratie berechtigterweise die aus christlicher Sicht bevorzugte Verfasstheit des politischen Systems ist.“

Die Würde der Politik – frei nach Yves Congar OP

Das Werk „Der Laie. Entwurf einer Theologie des Laientums“ des Dominikaners Yves Congar ist Vieles: eine Grundlegung des Laientums in der Kirche; eine Ekklesiologie (d.h. eine Lehre von der Kirche); ein systematischer Versuch der Abgrenzung zwischen weltlicher und geistlicher Sphäre.

Yves Congar veröffentlichte sein Buch 1952 in französischer Sprache. 1956 kommt die deutsche Ausgabe (Schwabenverlag/Stuttgart) auf den Markt. Das Werk erscheint also ein Jahrzehnt vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil, welches das Verhältnis von Kirche und Welt neu justierte. In der theologischen Auseinandersetzung um das Spannungsverhältnis von geistlicher und weltlicher Sphäre war „Der Laie“ ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zum Konzil. Ganz deutlich kommt in dem fast 800 Seiten starken Band eine Wertschätzung des weltlichen Tuns zum tragen, die zehn Jahre später auch das Konzil prägen sollte.

Wer Congar genau liest, der kann darin auch einen ideengeschichtlichen Beitrag zur Eigenwürde der Politik herauslesen. Nun ist das Weltliche nicht mit dem politischen Handeln gleichzusetzen. Auch in Wirtschaft und Kultur wird eine Welt erschaffen, solange, auf jeden Fall, wie hieraus mehr Freiheit für die Menschen entsteht – so würde es wohl Hannah Arendt sehen. Vielleicht kann man die Politik bzw. das politische Handeln jedoch als das „Sakrament der Welt“ (BC) bezeichnen; denn an der Politik wird sichtbar, wie sich ein Gemeinwesen selbst versteht und welcher Natur es ist.

Man muß sich bewußt sein, daß es zur Zeit der Veröffentlichung von „Der Laie“ innerhalb von Kirche und Theologie nicht üblich war, dem Handeln in der Welt einen hohen Stellenwert beizumessen. In freundlichem Ton, aber stets konsequent räumt Congar mit dieser Geisteshaltung auf. Er stellt fest, dass aus Sicht der katholischen Theologie (er beruft sich häufig auf seinen Ordensbruder Thomas von Aquin) Welt und Politik eine unverwechselbare Würde haben. Neben den geistlichen Dingen und Zielen sind auch die weltlichen Dinge und Ziele „in ihrer Eigenexistenz von Belang“ (Der Laie, 45). Ihre Würde ist also nicht davon abhängig, dass sie in Verbindung zu der geistlichen Sphäre stehen. In sich selbst ist die Welt würdig.

Congar geht noch weiter. Er stellt fest, daß nicht nur die Kirche in einem unmittelbaren Verhältnis zu Christus ihrem Herrn stehe. Auch die Welt steht zu Christus in einem unmittelbaren Verhältnis. Auch die weltliche Macht hat, so Congar, „ein christologisches Fundament“ (132). Warum? Weil Christus zugleich Herr über die Kirche und Herr über die Welt ist. Der dominikanische Theologe schreibt: „Eine Teilnahme an der Königsherrschaft Christi (findet …) in zwei verschiedenen Linien (statt), von denen keine die andere verdrängt: als geistliche Autorität (…) in der Kirche, als weltliche Autorität in all dem, was die Ordnung dieser Welt angeht“ (134).

Aus christlich-theologischer Gesicht geht mehr nicht: Wer seine Würde unmittelbar von Christus erhält, der braucht sich nach anderen Quellen der Würde nicht mehr umzuschauen. Congars christologisches Fundament der Welt – und damit auch der Politik – ist aus theologischer Sicht also keine Vereinnahmung, sondern eine Befreiung. Wer sich als Laie in die Politik einmischt, der kann – wenn er dem gleichen Glauben angehört wie Congar – sich dem Wert und der Würde seines Handelns sicher sein. Politik ist also nicht uneigentlich. Als gestaltende Kraft ist sie, ich wiederhole mich, das „Sakrament der Welt“.

Das politische Handeln der Menschen besitzt in sich Würde. Dass dies kein Freipaß für die geistliche Überhöhung eigener Partikularinteressen ist, ist selbstverständlich. Die Würde der Politik gewinnt nämlich dadurch Kontur, daß der Politiker eine gehörige Portion Verantwortung für mehr Gerechtigkeit und Frieden in der Welt übernimmt. Denn „was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25, 40). Das würde wohl auch Yves Congar so sehen.