Freud und Leid eines Feierabendgelehrten

Privatgelehrte nannte man sie früher. Das waren Menschen, die nicht von der Wissenschaft lebten, sie aber dennoch ernsthaft betrieben; meist, weil sie zu viel Geld hatten, um irgendeinem Broterwerb nachgehen zu müssen. Privatgelehrte hatten Zeit und Muße zum Lesen, Schreiben und zur Pflege transnationaler Netzwerke. Sie waren akademisch versiert, lebten aber nicht von einer akademischen Profession. Ein typisch- untypischer Privatgelehrter des 19. Jahrhunderts war zum Beispiel Sören Kierkegaard.

Solch ein Privatgelehrter bin ich nicht. Die Zeit, die ich dem wissenschaftlichen Lesen, Schreiben und gelegentlichen Netzwerken widmen kann, ist sehr begrenzt. Familie und Beruf, Haus und Alltag fordern ihren legitimen Tribut. Ich kann mich nicht morgens für zwei Stunden der Lektüre widmen, anschließend ins Café gehen und mit einer Schar weltgewandter Kosmopoliten beim doppelten Espresso den Diskurs pflegen, um anschließend die letzte Druckfahne eines neuen Buchs durchschauen, bevor ich abends einen kultivierten Vortrag mir anhöre. Ich muss für meine persönliche materielle Reproduktion und die meiner Familie sorgen. Das hat Vorrang; und es erdet.

Also bin ich viel eher ein Feierabendgelehrter. Mit Einbruch des Feierabends, also wenn alle Büroarbeit erledigt ist, das Abendessen abgeräumt ist, die Spülmaschine ins Laufen gekommen ist, die frische Wäsche hängt, die Kinder selig schlafen, dann ist für mich daran zu denken, mich der Wissenschaft zu widmen. Das passiert aber auch nur dann, wenn ich nichts anderes vorhabe: Ehrenamt, Partei oder einfach nur Muße. Alternativ oder additiv kann ich mich auch bei en regelmäßigen Zugfahrten der Lektüre – weniger dem Schreiben – widmen. Mein jüngster Aufsatz „The Politics of a Conversion“ verdankt sich dieser Art der mobilen Lektüre und des Schreibens am Feierabend; weshalb er in der Produktion auch einige Jahre in Anspruch nahm.

Ein Feierabendgelehrter wie ich kommt also nur langsam in seiner Arbeit voran. Auch kann er nicht wirklich mit berauschender Bekanntheit rechnen, da für das notwendige Selbstmarketing kaum Zeit bleibt. Die Präsenz auf Konferenzen, Tagungen etc. ist sehr begrenzt, was zur Folge hat, dass man nicht gesehen und damit auch nicht (an-)erkannt wird. Denn das intellektuelle Dasein lebt (weiterhin) von der körperlichen Präsenz dessen, der sich ins Spiel bringen möchte. Die Globalisierung und die Virtualisierung haben daran nichts geändert. Auch die intellektuelle Welt will nicht nur von einem lesen.  Sie will mit einem ins Gespräch kommen, einem in die Augen schauen können.

Als Feierabendgelehrter bin ich also von vielen Aktivitäten des intellektuellen  Lebens abgekoppelt. Dafür genieße ich aber das hohe Gut der intellektuellen Freiheit. Denn nichts und niemand schreibt mir vor, welchen Themen ich mich widmen soll und welche Formate der Veröffentlichung geraten sind. Ich benötige keine Drittmittel oder Vertragsverlängerungen. Ich lebe nicht von Honoraren und der Massenproduktion von Texten und Beiträgen für die Medien. Ich wähle den Inhalt meiner Forschung selbst und wähle auch das Format und die Zeit der Veröffentlichung selbst. Für mich persönlich ist es stets ein Ansporn, mit einem meiner Texte oder Essays  in ein anerkanntes wissenschaftliches Journal mit den entsprechenden Standards und Hürden zu kommen. Irgendwie möchte ich mir doch beweisen, dass ich ein bisschen dazu gehöre. Aber auch ein Post auf diesem Blog tut es.

Ich frage mich manchmal, ob diese Art nach Feierabend Wissenschaft zu betreiben, auch inhaltliche Folgen hat. Habe ich andere Fragen und Antworten, weil ich nur an den Randstunden des Tages Forschung betreibe? Bei spirituellen und theologischen Themen merke ich, dass mir eine gedanklich Durchdringung des „Alltags“ sehr wichtig ist. Das ist ein typischer Fall von Betroffenheitsforschung, die ich in der Vergangenheit oft in der Politikwissenschaft vorfand: Ex-Entwicklungshelfer schreiben über die Entwicklungszusammenarbeit; eine Kirgisin schreibt über das politische System in ihrer Heimat usw. Das muss nicht schlecht sein, bedarf aber höherer Anstrengungen bei der inneren Distanzierung vom eigenen Gegenstand. Und ich bin eben stark von der Spannung zwischen den Pflichten des Alltags und den Übungen des Geistes geprägt.

Doch jenseits dieser Forschung aus eigener Betroffenheit heraus: Mir ist es irgendwie ein Anliegen, mir zu beweisen, dass ich ordentliche, normale, durchschnittliche, lesbare wissenschaftliche Beiträge verfassen kann, auch wenn ich nicht von der Wissenschaft lebe. Und vielleicht ist es ja so, dass ich gerade aus diesem Grund auf Themen stoße, die im breiten Strom des fachlichen Diskurs übersehen werden, da sie für die Ansammlung von fachlicher Anerkennung zu abseitig sind. Und so lange ich mir immer ein Gespür dafür erhalte für das, was in einem Fach den methodischen und theoretischen Standard darstellt, ist ja alles gut.

Manchmal beneide ich die Vollblut- bzw. Vollzeitakademiker darum, dass sie für ihre intellektuelle Arbeit bezahlt werden. Und ich bin ihnen auch sehr dankbar für das, was sie dadurch an Gedankenleistung für die Menschen um sie herum vollbringen. Manchmal bin ich aber auch arg froh, dass ich mir die Wissenschaft als Hobby erhalten kann, als konzentrierte Muße für die ruhigen Stunden nach Feierabend.

 

Der analytische Blick und die kontemplative Schau – zu einem Zitat von Meister Eckart

Zwischen dem analytischen Blicken und dem kontemplativen Schauen ist ein Unterschied. Der dominikanische Mystiker Meister Eckart (1260-1327) beschreibt diesen Unterschied so:

Wenn man die Kreatur in ihrem eigenen Wesen erkennt, so heißt das eine ‚Abenderkenntnis‘, und da sieht man die Kreaturen in Bildern mannigfaltiger Unterschiedenheit; wenn man die Kreaturen in Gott erkennt, so heißt und ist das eine ‚Morgenerkenntnis‘, und auf dies Weise schaut man die Kreaturen ohne alle Unterschiede und aller Bilder entbildet und aller Gleichheit entkleidet in dem Einen, das Gott selbst ist. (Meister Eckhart: Vom edlen Menschen; abgedruckt in ders.: Das Buch göttlicher Tröstung, Frankfurt/Leipzig 1987, S. 76)

Ohne die beiden interessanten Metaphern „Abend- und Morgenerkenntnis“ näher geprüft zu haben, scheint mir Eckart hier folgendes ausdrücken zu wollen:

Der analytische Blick schaut auf die Dinge und Erscheinungen dieser Welt in ihrem je eigenen Wesen. Dieser Blick zerteilt die Dinge, um sie voneinander unterscheiden zu können. Hier wird definiert und begrifflich scharf formuliert. Es werden Grenzen zwischen A und B und C gezogen. Ganz bewusst schaut man eher auf das Einzelne und weniger auf die Zusammenhänge. Für das wissenschaftliche Arbeiten, sowohl in den Natur- als auch in den Geisteswissenschaften, ist dieser analytische Blick unabdingbar.

Die kontemplative Schau blickt durch die Dinge und Erscheinungen der Welt hindurch auf das dahinter liegende Sinngewebe. Die Schau sucht die Einheit in all der Vielheit und versucht, die Mannigfaltigkeit der Dinge auf die eine Quelle – Gott – zurückzuführen. Die Dinge verlieren in der Schau ihre Eigenständigkeit und ordnen sich hin zu dem Einen. Es sind nicht die vielen Wesen, sondern das eine Wesentliche, das durch die Morgenerkenntnis an den Tag tritt. In ihm vereint sich alles, die Bilder und Vorstellungen verabschieden sich, öffnen sich zur Wirklichkeit, zur Wahrheit hin.

Ich möchte Blick und Schau nicht gegeneinander ausspielen.  Der analytische Blick hilft beim Prozess der Welterkenntnis. Diese Erkenntnis bleibt aber unvollständig – nicht der Quantität, sondern der Qualität nach – wenn sie nicht durch die Schau ergänzt wird. Die Schau wiederum kommt am besten dann zur Entfaltung, wenn in ihr die bewusst gewusste Vielheit auch wirklich erst erkannt wird, bevor in der Schau alles eins wird. In ihr ist alles hingeordnet auf den Einen, der Herr ist über Morgen und Abend.

„Contemplation comes to fulfill the intellectual life“ – Über Kontemplation und Wissenschaft

In meiner Lektüre des geistlichen Autors Thomas Merton (1915-1968) stieß ich kürzlich auf ein Zitat, das ich hier wiedergeben möchte:

„It is true that contemplation transcends the level of reason and of logical discourse. But, just as Christ came to fulfill the moral law, and not to destroy it, contemplation comes to fulfill the intellectual life of the philosopher or theologian, not to destroy it. Nevertheless, if theology and philosophy are to achieve the fulfillment that only contemplative prayer can give them, they must be prepared to relinquish their own characteristic method of procedure at least at the moment of contemplation.“

Und mit starken Metaphern fährt Thomas Merton fort:

Human discourse, even at its most exalted level, crawls along the ground, when it is compared with the swift, dark, soaring flight of contemplation which pierces the heart of truth liken an arrow, transcending and surpassing all concepts and images that can be clearly grasped by the mind and losing itself in the blinding flash of an intuition that is dark through excess of light and obscures the mind at the moment of the most intense illumination.“ (Thomas Merton 2015: Early Essay, 1947-1952. Ed. by Patrick F. O’Connell, Athens/Ohio: Cistercian Press, 113)

Wissenschaftliches Arbeiten wird selten als etwas sehr intuitives beschrieben. Wer einen größeren universitären Forschungsantrag stellt, der muss in seiner Antragsprosa das Ergebnis seiner Forschung quasi schon als gesichert ausschauen lassen. Nichts untergräbt den Erfolg mehr als die Behauptung, man wisse bei dem eigenen Forschungsvorhaben noch nicht sicher, wo die Reise hingehe, man habe aber eine Art Bauchgefühl, eine Intuition.

Wissenschaftliches Arbeiten wird heutzutage noch seltener als ein kontemplatives, beschauliches Unterfangen beschrieben. Der Verdacht ist zu groß, dass sich hinter dem beschaulichen Vorgehen eine Ideologie verberge, eine „Methode“, die sich nicht wiederholen, nicht verifizeren lasse und auch nicht kommunizieren; die also im wissenschaftlichen Diskurs keinen respektablen Platz einnehmen könne, weil dieser Diskurs nicht zu unrecht auf argumentative Wiederholbarkeit angelegt ist. Mertons Vorstellung ist, dass es die Kontemplation ist, die zum „Herz der Wahrheit“ vordringt. Er hilft sich dabei mit paradoxen Bildern, um die etwas verquere kontemplative „Methode“ zu umschreiben: der Blitz der Intuition, der durch einen Überschuss an Licht Dunkelheit verbreitet.

Kontemplation hat wenig zu tun mit Analyse und Logik. Es ist vielmehr die nach außen hin passiv wirkende Kontemplation, die eine Erkenntnis bringende Energie aktiv freisetzt. Kontemplation öffnet einen inneren Raum für einen intuitiven Gedanken, für einen inspirierenden Einfall. Kontemplation ersetzt aber auch nicht die üblichen wissenschaftlichen Methoden, sie ergänzt sie vielmehr um das wenig kontrollierbare Element einer Zwiesprache mit dem ganz Anderen. Diese Zwiesprache orientiert sich nicht an wissenschaftlichen Dialogformen in Form von Tagungsbänden und Diskussionspanels. Sie baut sich vielmehr auf durch eine Konsultation der Offenbarungsquellen (im Christentum: hl. Schrift) und durch das einsame, schweigende Verharren in der (vermuteten) Gegenwart der Transzendenz. Kontemplation ist also so etwas wie ein Resonanzraum für das zuvor im Diskurs Vernommene. Sie ist gleichzeitig auch ein Schwungrad für das, was mir im wissenschaftlichen Arbeiten zukünftig noch begegnen wird.

Auf dem kontemplativen Weg manifestiert sich laut Merton die geistliche Wahrheit von Theologie und Philosophie. Aber auch andere Disziplinen mögen von diesem retardierenden Moment der Kontemplation profitieren.  So kann einem die kontemplative Intuition einen Sinn für die größeren Zusammenhänge der eigenen wissenschaftlichen Tätigkeit, der eigenen Disziplin liefern, bevor diese Zusammenhänge auf analytischem Wege sich auch wirklich bewahrheiten. Wissenschaft ent-wirft sich sozusagen mit Hilfe der Kontemplation nach vorne in ein noch unbekanntes Terrain, das es anschließend analytisch zu kartographieren gilt.

Nur wird jeder enttäuscht werden, der Kontemplation instrumentell zum Erkenntnisgewinn einsetzen möchte, auch unter den Theologen und Philosophen. Man betreibt Kontemplation nicht, weil sie nützt, weil sie einen weiterbringt. Nur der, der in und mit der Kontemplation nichts Bestimmbares und Definierbares innerhalb der Welt sucht und keinen irdischen Plan mit ihr verbindet, wird sich am Ende als glücklicher Finder der Wahrheit freuen können.

 

Siehe auch „Über dialogische und kontemplative Wissenschaft„.

Von der Freiheit der Forschung – außerhalb der Wissenschaft

Vor sieben Jahren schied ich beruflich aus der Wissenschaft aus. Das war für mich aber nicht das Ende meiner Forschung. Diese setzte ich vielmehr fort, freilich ohne den Zwang, von der Wissenschaft leben zu müssen. Auf Soziologisch: Meine materielle Reproduktion hängt nicht von einer Teilnahme am wissenschaftlichen Diskurs ab. Das war – wie ich im Nachhinein feststellte  – eine befreiende Erfahrung.

Meine Beobachtung ist nämlich: Nachwuchswissenschaftler richten das Interesse ihrer Forschung in die Richtung aus, aus der sie finanzielle Unterstützung erwarten dürfen. Das ist mehr als verständlich, denn von irgendetwas muss man ja leben. Ich hatte nach Abschluss der Dissertation auch einen solchen Versuch gestartet: ein größeres Projekt wurde beantragt, dieser Antrag wurde jedoch abschlägig begutachtet. Daraufhin entschied ich mich für den Ausstieg aus der Wissenschaft. Denn in zeitlich befristeter Kettenzeitvertragsschinderei wollte ich nicht landen.

Diese Entscheidung zahlte sich nicht nur für mein materielles Auskommen aus und der damit empfundenen Sicherheit. Die Entscheidung war auch ein Glück für die persönliche Forschungsfreiheit.

Vor kurzem hatte ich Kontakt mit einer Wissenschaftlerin, die mir aus früheren Tagen bekannt ist. Dieser sagte ich, nach einem Blick auf ihre Publikationsliste, sie sei über die Jahre ihrem Forschungsgebiet ja treu geblieben. Sie erwiderte: Sie habe gar keine Zeit, um sich ein neues Forschungsgebiet zu erarbeiten. Es gelte für sie – Mitglied einer britischen Universität – das Gebot des möglichst häufigen Publizierens, publish or perish. Lange Phasen der fruchtlosen Recherche sind da nicht drin.

Wäre ich beruflich in der Wissenschaft verblieben, hätte ich auch weiterhin meine Forschungsinteressen dort suchen müssen, wo die Aussicht auf Finanzierung groß gewesen wäre. Und/oder ich hätte meinen einmal eingeschlagenen Weg stringent durchziehen müssen. Das hätte für mich geheißen: Einmal Carl Schmitt – immer Carl Schmitt. Das wollte ich mir aber nicht zumuten!

So verließ ich die Wissenschaft, landete bei der Kirche, und entdeckte dort die Freiheit des Forschens. Denn nun konnte ich forschen, zu was mir das Herz stand: Max Weber, Sören Kierkegaard, dominikanische Predigtlehre, John Henry Newman, Religion und Politik, Ideengeschichte usw. Ich forsche im ersten Jahr zu dem einen Thema; im folgenden Jahr wechsele ich den Schwerpunkt woanders hin; im Jahre Drei widme ich mich wieder anderen Fragen. Auch habe ich genug Muße, um viele Buchbesprechungen schreiben zu können; für dieses Format gibt es in der bezahlten Forschung kaum Anerkennung.

Negativ ausgedrückt: Ich fröhne dem Eklektizismus. Und positiv: Ich pflege die interdisziplinäre Forschung. Wie auch immer: In der universitären Forschung ist solch ein Arbeiten – wenn überhaupt – nur theoretisch gewünscht, praktisch möglich ist es kaum. Zwar bleibt mir außerhalb der Wissenschaft vergleichsweise wenig Zeit für die Forschung. Ich lese im Zug auf dem Weg zur Arbeit und schreibe in der Nacht, wenn die Kinder schlafen, und dies auch nur, wenn privat nicht andere Dinge anstehen.

Ich weiß aber stets: Ich lese nur das, was mich interessiert und schreibe nur über Dinge, die ich wirklich für wichtig halte.

Die Schule von Jyväskylä: Eine Besprechung von „In Debate with Kari Palonen“

Der finnische Politikwissenschaftler Kari Palonen ist seit Anfang des Jahres im Ruhestand. Er hat seine langjährige Professur an der Universität von Jyväskylä niedergelegt. Das heißt aber ganz und gar nicht, dass Kari Palonen nun die aktive Wissenschaft zu den Akten legen wird. Wer ihn kennt und ihm öfters begegnet ist, der weiß, dass Kari Palonen sich von formal gesetzten Grenzen, wie dem Erreichen eines Pensionsalters, wenig beeindrucken lässt. Wir dürfen von ihm also noch diverse Beiträge erwarten.

Dennoch war die Pensionierung von Kari Palonen für Claudia Wiesner (Marburg/Jyväskylä), Evgeny Roshchin (Jyväskylä) und Marie-Christine Boilard (ebenfall Jyväskylä) Anlass genug, eine Art Festschrift zu veröffentlichen. Sie ist 2015 im Nomos-Verlag unter dem Titel „In Debate with Kari Palonen. Concepts, Politics, Histories“ erschienen.

Das Buch folgt nicht dem üblichen Muster von Festschriften. Die insgesamt 49 Beiträge sind meist nur wenige Seiten lang. Die wenigsten zeichnen sich durch eine eigene wissenschaftliche Fragestellung und deren Beantwortung aus. Vielmehr war es die Bedeutung von Kari Palonens Werk für die je eigene Forschung, die den Autorinnen und Autoren die Feder diktierte. Die Herausgeber formulieren es in ihrem Vorwort so: The „authors were given the opportunity to express what Kari Palonen and his work has meant for them (…)“ (11).

Diese Leitfrage führt bei den jeweiligen Texten zu einem sehr individuellen Zugriff. Manche Beiträge ähneln gar forschungsbiographischen Skizzen, so zum Beispiel, wenn die Nichte Palonens – Emilia Palonen (Helsinki) – ihre eigene akademische Laufbahn mit der Gedankenwelt ihres Onkels auf- und entschlüsselt (Between the I and the Us: My Uncle Kari). Überhaupt sind viele der Beiträge sehr persönlicher Natur. Nicht wenige beginnen mit Formulierungen wie „I first met Kari Palonen when I was …“. Das ist anrührend, auf die Dauer aber auch etwas ermüdend.

Es wundert nicht, dass bei einer Festschrift für einen finnischen Politikwissenschaftler viele finnische Stimmen zu Wort kommen. Diese eröffnen einem unkundigen Leser ein Panorama auf die Resonanz, die Palonens Werk in seinem Heimatland hatte und noch heute hat. Es wird des Öfteren betont, dass Kari Palonen am Beginn seiner wissenschaftlichen Karriere in den 1970er Jahren eine frische Kraft war, und dass sich diese Kraft bis heute nicht verbraucht hat. Das liegt auch daran, dass Palonen sich nicht davor scheut, immer wieder neue Forschungsgebiete zu erarbeiten. So stellt Sia Spiliopoulou Åkermark (Uppsala) bei Kari Palonen eine „vast amount of curiosity“ (265) fest und Suvi Soininen (Jyväskylä) ergänzt, sie habe von Palonen gelernt, dass „in the long run a researcher is not only allowed, but perhaps also required, to change her/his ways of studying politics“ (195).

Neben den Texten finnischer Wissenschaftler finden sich aber auch Beiträge internationaler Forscher: Martin Burke (New York) blickt auf Palonens Skinner Lektüre; Frank Ankersmit (Groningen) untersucht den Aspekt von privater und öffentlicher Sphäre im Parlamentarismus; José María Rosales (Málaga) weist auf den 2012 verstorbenen Michael Th. Greven hin, der in der internationalen Forschungsbiographie Palonens eine wichtige Rolle gespielt habe. Und Quentin Skinner (London) schildert aus seiner Sicht den Einfluss von Kari Palonen auf sein späteres Werk.

Die Autorinnen und Autoren wählen aus dem Pool der wissenschaftlichen Interessen Palonens ein ganzes Bündel heraus: Palonens rhetorische Parlamentarismusforschung als sein jüngstes Projekt wird oft genannt; seine begriffsgeschichtlichen Arbeiten zum Politikbegriff werden erwähnt; seine frühen „anarchistischen“ Studien; sein Beitrag zu einem handlungstheoretischen Verständnis von Politik überhaupt. Wenn auch der Name von Max Weber oft fällt, werden die Bücher Palonens, die in engerem Sinne weberianisch sind, wenig zu Rate gezogen. Das gilt unter anderem für „Das Webersche Moment“ (1999), „Eine Lobrede für Politiker“ (2002) und für dessen späteres Sequel „Rhetorik des Unbeliebten“ (2012).

Auffallend ist, dass trotz des Titels des Buches „In Debate with Kari Palonen“ keine richtige Debatte mit Palonens Standpunkte aufkommen mag. Nun ist eine Festschrift nicht der richtige Ort, um die „Fetzen fliegen zu lassen“, doch muss Kari Palonen das Maß an hier präsentierter Zustimmung fast schon unangenehm sein. Dass Palonen in seinen Arbeiten für mehr Mut zum (politischen) Dissens plädiert, hebt unter anderem Tuija Parvikko (Jväskylä) hervor, wenn er betont, dass für Palonen „dissensus becomes the raison d’être, the conceptual condition for the intelligibility of parliamentary politics “ (149). Trotzdem erhält Palonen hier ein Buch zum Geschenk, dass – fast schon ironisch – überwiegend vom Konsens lebt.

Gerade weil das Buch dem Zuschnitt einer üblichen Festschrift nicht folgt, ist es trotz allem ein spannendes Dokument. Es schildert aus der Sicht vieler Akteure, wie die „Schule von Jyväskylä“ zustande kam und weiterhin am Wirken ist. Es ging und geht bei dieser „Schule“ nicht um einen gemeinsamen Standpunkt, der von Palonen vorgegeben und von seinen Schülerinnen und Schülern rezipiert wurde/wird. Vielmehr geht es um einen geteilten heuristischen bzw. hermeutischen Standpunkt, von dem aus ein großes Feld von Forschungsfragen in und jenseits der Politikwissenschaft bearbeitet werden. Dieser – in seinem Weltbild – anti-essentialistische und – in seiner Methode – begriffsgeschichtliche Standpunkt wird nicht von allen Autorinnen und Autoren in gleicher Konsequenz durchgehalten. Doch bei vielen sorgt/e dieser Standpunkt Palonens für wichtige Weichenstellungen im je eigenen Werk.

So ist die „Schule von Jyväskylä“ ein gutes Beispiel, wie wissenschaftliche Netzwerkbildung auch in der heutigen Wissenschaftswelt von einzelnen, charismatischen Netzwerkern abhängt. Letztlich sind es solche Einzelmenschen, die wiederum andere Einzelmenschen inspirieren und anregen. Und nur, wenn diesen vielen individuellen Geistern die Freiheit gelassen wird, ihren je eigenen Kurs einzuschlagen, bilden sich nachhaltig „Schulen“, die diesen Namen verdienen.

 

P.S.: Auch an meiner Doktorarbeit war Kari Palonen nicht ganz unbeteiligt. Sie erschien 2008 unter dem Titel „Der Augenblick der Entscheidung. Die Geschichte eines politischen Begriffs.“ und verdankt sich auch einem mehrwöchigen Aufenthalt in Jyväskylä.

 

 

 

Über dialogische und kontemplative Wissenschaft

Ich habe in den vergangenen Jahren zwei Arten von originärer Wissenschaft bzw. Forschung kennengelernt. Es sind zwei Arten, die sich nicht feindlich einander gegenüberstehen. Vielmehr sind es zwei Arten, die sich im besten Sinne einander ergänzen (können); die, wenn sie beide gepflegt werden, zu reflektierten und innovativen Forschungsergebnissen führen (können).

Die erste Art des wissenschaftlichen Arbeitens ist der Dialog. Die dialogische Wissenschaft entsteht dort, wo sich Forscher offen begegnen und miteinander eine Idee entwickeln bzw. einer Frage nachgehen. Die dialogische Wissenschaft begegnet einem nicht so sehr auf Konferenzen und Tagungen; dort geschieht eher Präsentation und Repräsentation, weniger Dialog im Sinne eines Gesprächs oder einer Debatte. Dabei gilt die Regel: Je größer die Tagung ist, desto weniger geschieht Dialog und desto mehr wird Repräsentation praktiziert. Das muss nicht schlimm sein, denn auch die Wissenschaft – v.a. die wissenschaftliche Laufbahn – lebt von der Repräsentation. Doch man sollte sich von Tagungen eben nicht den großen wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn erhoffen.

Die kleinste Konferenz (von conferre (lat.) – zusammentragen), die ich mir vorstellen kann, ist der Dialog zwischen zwei Personen. Solche Konferenzen können sich spontan beim Mittagstisch ergeben. Sie können auch geplant herbeigeführt werden. Aus diesen Dialogen entstehen Ideen für gemeinsame Vorhaben und Kooperationen. Auch die Vorbereitung von Forschungsprojekten wird oftmals in Form eines Dialogs zwischen zwei Personen durchgeführt. Nicht selten ist die dialogische Vorbereitung eines Projektes der eigentliche furchtbare Part des Projektes, denn hier werden Ideen entwickelt, verworfen, transformiert. Hier geschieht der entscheidende Erkenntnisgewinn, der freilich oftmals nur hypothesenhaft entworfen wird, um dann nachträglich in der eigentlichen Projektphase (bei Bewilligung!) mehr oder minder bestätigt zu werden.

Dialogische Wissenschaft ist besonders fruchtbar, wenn sie ohne Bindung an feste Hierarchien geführt wird. Der Dialog öffnet die Gesprächspartner für die Ideen und Gedanken des anderen, ganz egal in welchem Stadium der Laufbahn jene sich befinden. Was der Professor an Erfahrung und Belesenheit einbringt, kann durch die gesunde Unruhe und Innovationswilligkeit junger Nachwuchsforscher ergänzt werden. In Dialog miteinander treten also nicht nur verschiedene Ideen und Vorstellungen. Zu einem Dialog gehört das Zusammentreffen auch verschiedener Generationen, verschiedener Disziplinen, verschiedener Denkschulen und Prägungen.

Die dialogische Wissenschaft ist universitärer Alltag. Sie kann es – beim Zutreffen der geeigneten Rahmenbedingungen – auf jeden Fall sein. Die zweite Art des wissenschaftlichen Arbeitens ist außeralltäglich. Es ist die Kontemplation.  Diese kontemplative Wissenschaft ist spontan, unberechenbar und dezentrierend. Sie braucht Stille, Rückzug und Einsamkeit. Und sie braucht Zeit. Wie die dialogische Wissenschaft keine Wissenschaft des Dialogs ist, so ist die kontemplative Wissenschaft keine Wissenschaft mit dem Gegenstand der Kontemplation. Sie ist ein Art und Weise des Wissenschaft Treibens.

Mit Kontemplation ist an dieser Stelle das ruhige Betrachten, das Schauen gemeint. Betrachtet wird im Sinne der Kontemplation nicht vorwiegend das, was sich den eigenen Sinnen erschließt. Betrachtet und geschaut wird gerade das, was nicht an der Oberfläche liegt: verborgene Strukturen, subkutanes Gewebe der Sinnbildung, unanschauliche Elemente von Wahrheit. Thomas von Aquin schreibt in der Summe gegen die Heiden: „Das Ziel des Menschen ist es also, zur Schau der Wahrheit zu gelangen.“ (Summa contra gentiles, II, 83) Das ist freilich ein hoher – für viele wohl zu theologischer – Anspruch für die Wissenschaft. Doch Wissenschaft lebt gerade davon, dass sie an sich selbst Ansprüche anlegt, zu denen sie stets nur hinstreben kann, die sie aber nie gänzlich erfüllen wird können. Nur so erhält sich die für Wissenschaft notwendige Grundtugend der Neugier. Und was macht neugieriger als die Aussicht, die Wahrheit zu erfahren?

Die Verbindung von Kontemplation und Wissenschaft in Form einer kontemplativen Wissenschaft ist nicht gänzlich neu. Seit Max Weber werden beide miteinander verknüpft, entweder als Antipole oder als Duopol. Eric Voegelin formulierte in den 1930er Jahren folgende Ansicht:

„Die Kontemplation zieht ihrem Wesen nach den Menschen aus seinen Verstrickungen in Natur und Gesellschaft zurück; er nimmt an ihnen als kontemplativer nicht den aktiven Anteil des naiv in diesen Medien dahinlebenden, sondern er stellt sich bewusst außerhalb des Werdens, an seinen Rand, um es an sich vorbeiziehen zu lassen und im Anschauen versunken seine Ursprünge, Gründe und Formen, sein Woher, Warum und Wie zu finden.“ (Fragment zu Max Weber 1936, 1 d f, zitiert nach: Hans-Jörg Sigwart 2005: Zwischen Abschluss und Neubeginn. Eric Voegelin und Max Weber, Occasional Papers, Eric-Voeglin-Archiv, LMU, 2. Auflage, 63).

Voeglins Äußerung kann ich einiges abgewinnen: Das Verlangen, den Dingen auf den Grund zu gehen; die Haltung eines Abseits Stehens, die zur Kritik befähigt; das bisweilen zeitraubende, anschauende Verweilen. Gleichzeitig irritiert mich der formulierte schroffe Widerspruch zwischen Aktion und Kontemplation, als ob das kontemplative Betrachten mit der aktiven Handlung nichts zu tun habe. Doch dies ist eine andere Diskussion, die ich andernorts aufgegriffen habe.

Die etwas erratische kontemplative Wissenschaft kann am besten derjenige praktizieren, der nicht von der Wissenschaft lebt. Ein solcher „Privatgelehrter“ braucht nicht auf die wissenschaftlichen Moden und auf das Fortkommen in der eigenen wissenschaftlichen Laufbahn achthaben. Er folgt der Inspiration, die der Kontemplation entspringt. Der kontemplative Wissenschaftler sollte sich aber nicht von seiner wissenschaftlichen Umgebung abschotten. Auch er muss dialogische Wissenschaft betreiben. Denn das in der Kontemplation Geschaute muss – das ist erste Bedingung jeder Wissenschaft – kommunikabel sein. Man muss mit anderen darüber sprechen können. Man muss es wagen, sich der Kritik Anderer zu stellen. Dies gerade deshalb, da die kontemplative Wissenschaft Erkenntnisse hervorbringt, die nicht dem kollegialen Gespräch entspringen. Der Grat, der die kontemplative Wissenschaft von der Esoterik trennt, kann nämlich schmal, sehr schmal sein.