Über die Vielfalt in der Welt

Es gibt auf der Welt viele Dinge, viele Menschen, viele Lebewesen, viele Erscheinungen, viele Erfahrungen, viele Ereignisse. Von allem ist genug Vielfalt vorhanden. Es grenzt fast an Banalität, diese Tatsache ins Gedächtnis zu rufen.

Diese Vielfalt ist nicht nur eine Vielfalt in quantitativem Sinne. Sie ist auch eine Vielfalt in qualitativer Hinsicht. Die vielen Dinge, Menschen, Lebewesen, … sind nämlich auch voneinander verschieden. Der eine Stein unterscheidet sich von einem anderen Stein; ein Mulch ist etwas anderes wie eine Giraffe; der eine Mensch hat Schuhgröße 37, bei dem anderen sind es 41. Es gibt Laub- und Nadelbäume. Es gibt als Vieles und dieses Viele ist auch noch Verschieden. Noch so eine Banalität.

Ebenso banal ist die Feststellung, dass diese vielen Verschiedenen untereinander in vielerlei Beziehungsverhältnissen stehen. All die Dinge, Menschen, Lebewesen, … stehen nicht einfach nebeneinander herum in der Welt, sondern sind Teil eines komplexen Gewebes von Relationen. Das eine Tier jagt das andere Tier; der Mensch erntet den Weizen; meine Traurigkeit weckt in einer anderen Person das Mitleid; der Sturm an der Nordsee verändert die Küstenlinie; der Baum, der im Wald fällt, reißt eine Lücke und gibt anderen Pflanzen Licht; usw.

Würde jemand widersprechen, wenn ich behaupte, diese Vielfalt ist nicht nur faktisch vorhanden, sondern sie ist auch notwendigerweise vorhanden? Mit notwendig meine ich jetzt nicht sogleich eine Notwendigkeit im Sinne einer höheren Vorsehung. Das könnte ein zweiter Schritt der Reflexion sein. Vielmehr meine ich Notwendigkeit so: Die Vielfalt ist vorhanden, weil ohne die Vielfalt, nichts vorhanden wäre. Vielfalt ist notwendig für das Dasein der Dinge, Menschen, Lebewesen, … . Leben und Existenz, wie wir es kennen, gibt es nur dort, wo Vielfalt ist.

Thomas von Aquin kommt in seiner „Summe gegen die Heiden“ genau auf einen solchen Gedanken. Die „Unterschiedenheit der Dinge“ (distinctio rerum) ist, so Thomas, kein Zufall (Summa contra gentiles, II, 39). Die Vielfalt ist notwendig. In Thomas Logik ist es so: Alle Schöpfung versucht seinem Schöpfer – Gott – nachzuahmen. Da die einzelnen endlichen Schöpfungen dem unendlichen Schöpfer in keiner Weise aus sich heraus ähnlich sein können, benötigt es eine quantitative und qualitative Vielfalt der einzelnen endlichen Schöpfungen. Die fast unendliche Vielfalt der in sich endlichen Schöpfungen ahmt die Fülle des unendlichen Schöpfers nach. Thomas schreibt: „Unterschiedenheit in den geschaffenen Dingen gibt es also deshalb, damit sie auf vollkommenere Weise Ähnlichkeit mit Gott erlangen: durch mehreres und nicht nur durch ein einziges.“ (ebd., II, 45). Vielfalt ist also ein Ausdruck von Gottähnlichkeit.

Nur in der Vielfalt, also, übersteigt das Einzelnen die eigenen Grenzen und bewegt sich gemeinsam mit Vielen auf eine Ähnlichkeit Gottes zu. Überrascht es da, dass Hannah Arendt ihre hohe Sicht der Politik als der Möglichkeit der handelnden Neuschöpfung mit der Pluralität der menschlichen Gesellschaft begründet? Zu Beginn ihres Fragments „Was ist Politik?“ schreibt Arendt: „Politik beruht auf der Tatsache der Pluralität der Menschen.“ Und: „Politik handelt von dem Zusammen- und Miteinander-Sein der Verschiedenen.“ (in: Hannah Arendt 2007: Was ist Politik? Fragmente aus dem Nachlass, 3. Auflage, München: Piper: 9). Nur dort, wo Menschen verschiedene Interessen und Neigungen, Ziele und Wege kennen, ist es notwendig, auf dem Weg der kollektiven Entscheidung, diese verschiedenen Interessen und Neigungen, Ziele und Wege aufeinander abzustimmen. Politik zu treiben setzt Vielfalt des Verschiedenen voraus.

Das eine ist also das faktische Argument: Es gibt die Verschiedenheit der Dinge in der Welt und ohne diese Verschiedenheit gäbe es diese Welt nicht. Verschiedenheit ist also faktisch notwendig. Das andere ist das normative Argument: Diese Verschiedenheit der Dinge ist richtig und wichtig und Grundlage eines so wichtigen menschlichen Handlungsmusters wie des politischen Handelns. Denn aus dem kreativen Umgang mit der Verschiedenheit der Dinge, aus dem Handeln wächst Neues hervor (vgl. Hannah Arendt 2006: Vita activa oder Vom tätigen Leben, 4. Auflage, München: Piper, 226f.). Und das Neue ist der Anfang noch größerer Vielfalt und damit, aus Thomas Warte betrachtet, noch größerer Gottähnlichkeit.

Der Friedhof für abgelehnte Drittmittelanträge: „Die Politisierung der Welt. Begriffsgeschichtliche Dimension von ‚Weltpolitik'“

Ich eröffne hiermit einen virtuellen Friedhof für abgelehnte Drittmittelanträge!

Von Forschungsanträgen hört und liest man meist nur, wenn sie erfolgreich waren: wenn sie Mittel eingeworben, Konferenzen verantwortet, Publikationen auf den Markt geworfen haben. Von Forschungsanträgen, die in der Antragsstellung auf der Strecke bleiben, hört und liest man nicht viel.  Das ist schade! Denn: Auch in solchen Anträgen steckt nicht nur viel Arbeit, sondern dort findet sich auch viel gewinnbringende Erkenntnis! Menschen haben Literatur gesichtet, Gespräche geführt, Thesen entwickelt und verworfen und neu formuliert, methodisches Rüstzeug sich angeeignet, eine Hermeneutik entworfen. Das muss durch ein negatives Verdikt von Gutachter_innen nicht in der Schublade verschwinden.

Das Scheitern am Ende eines langen Weges ist meist nicht Ausdruck eines schlechten Antrags. Der Grund ist vielmehr ein anderer. Der Markt ist einfach zu voll mit zu vielen Anträgen guter Qualität. Gelingen und Scheitern hängen da weniger von der Qualität des einzelnen Antrags ab, als vielmehr von vielen anderen Faktoren, die kaum unter Kontrolle bringen zu sind: der passenden Vernetzung, den inhaltlichen und methodischen Moden, den Vorlieben der Gutachter_innen, dem schieren Glück.

Über abgelehnte Forschungsanträge wird aber viel zu wenig gesprochen. Vielleicht auch deshalb, da diese Anträge in veränderter Form an anderer Stelle eingereicht werden oder letztlich doch in einer kleinen Publikation enden, also nicht ganz für die Katz waren. Es gibt aber auch das totale Scheitern, das Fiasko, über das sich zu berichten lohnt: indem man diese gescheiterten Anträge öffentlich macht.

Ich stelle im folgenden einen solchen abgelehnten Antrag aus dem Jahr 2008/9 (leicht gekürzt) ins Netz.  Ich finde das Thema weiterhin spannend, habe gleichzeitig aber nicht die Möglichkeiten, es systematisch zu verfolgen. Die Forschungswelt hat sich weitergedreht und es werden sich andere mit ähnlichen Themen beschäftigt haben; da fehlt mir inzwischen die Übersicht.

Gleichzeitig möchte ich dazu ermutigen, dass andere ebenfalls ihre abgelehnten Anträge im Netz zur Verfügung stellen und damit zu ihrem Scheitern sich bekennen; das gleiche gilt auch für Aufsätze, die es nie an den Gatekeepern der Forschung vorbeigeschafft haben. Ablehnung heißt noch lange nicht, dass die eigenen Gedanken für Dritte nicht interessant sein können. Sie ist wiederum aber auch kein Grund, sich als Märtyrer einer verschworenen Forschungswelt zu verstehen. Scheitern gehört zum Leben in der Forschung einfach dazu; vor allem im Zeitalter der Digitalität kann man daraus ja aber das beste machen. Und es bleibt die Hoffnung: Vielleicht kann aus meinem Scheitern ja das Gelingen der Anderen wachsen.

 

Die Politisierung der Welt.
Begriffsgeschichtliche Dimension von ‚Weltpolitik‘
RIP

 

Inhalt:

1. Zusammenfassung

2. Hintergrund, Thesen und Zielsetzung

3. Forschungsstand und Forschungspotential

4. Ansatz und Methode

5. Eigene Vorarbeiten und interdisziplinäre Kooperation

6. Zeitplan & Evaluationskriterien

7. Kostenplan

8. Literaturangaben

 

1. Zusammenfassung

Die von Wissenschaft und Öffentlichkeit gleichermaßen konstatierte Globalisierung prägt das derzeitige Verständnis von „Welt“ in erheblichem Maße. In den geäußerten Befunden finden sich Verweise auf eine zunehmende Vernetzung und Beschleunigung der unterschiedlichen auch räumlich voneinander getrennten menschlichen Lebenswelten. Prominent ist in den Debatten um Globalisierung vor allem die Frage nach der Wünschbarkeit ihrer politischen Gestaltung. Dabei ist eine fundamentale „Politisierung der ‚Welt’“ festzustellen. Dieser Prozeß der „Politisierung der Welt“ – d.h. das sich in öffentlichen Sprechhandlungen vollziehende menschliche Ausgreifen auf „Welt“ im Sinne ihrer politischen Planbarkeit und Formbarkeit – soll im Mittelpunkt des Forschungsvorhabens stehen. Geschichtlich betrachtet stehen die heutigen Debatten in einer Kontinuität, die oftmals ungewürdigt bleibt. Die „Politisierung der Welt“ ist nämlich ein grundlegender Prozeß der neuzeitlichen Welterfahrung und -erschließung überhaupt.

Das Forschungsvorhaben hat zum Ziel, diesen Prozeß anhand zentraler Begriffe der politischen und sozialen Sprache nachzuzeichnen. Im Gegensatz zur Aktualität des Terminus „Globalisierung“ geht das Vorhaben von der Annahme aus, daß sich die „Politisierung der Welt“ in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts im deutschen Sprachraum erstmals konkret manifestierte und in der kolonialistischen Zeit des späten 19. Jahrhunderts (bis 1914/18) einen vorläufigen Höhepunkt erreichte. Anhand von Quellen aus dieser Zeit läßt sich der Befund ableiten, daß die „Politisierung der Welt“ mit spezifischen Erfahrungen der Gegenwart und Vergangenheit und mit spezifischen Erwartungen an die Zukunft von „Welt“ einhergeht. Dieses Gefüge aus sprachlich formulierten Erfahrungen und Erwartungen ist seit dem Ende des 18. Jahrhunderts ähnlich geblieben und verweist somit auf die historischen Dimensionen von Globalisierung. Das Vorhaben möchte mittels eines ausgiebigen Quellenstudiums und mittels einer methodischen Anlehnung an den begriffsgeschichtlichen und metaphorologischen Ansatz die „Politisierung der Welt“ für den deutschen Sprachraum erarbeiten, womit es ein bislang nur wenig bearbeitetes Forschungsfeld erschließen wird.

2. Hintergrund, Thesen und Zielsetzung

Unbegrifflichkeit  

Dem Vorhaben liegt die vorgängige Annahme zugrunde, daß spätestens seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts „Welt“ Gegenstand und Raum kollektiver Erwartungen und Hoffnungen ist. Dieser Vorgang der politischen Welterschließung schlägt sich im deutschen Sprachraum in der Wahl der sprachlichen Mittel nieder und kann dort identifiziert werden. In diesem Zusammenhang ist bezeichnend, daß „Welt“ zwar zum Gegenstand politischer Debatten wird, dabei aber grundsätzlich ein Begriff bleibt, der sich durch seine Nicht-Gegenständlichkeit auszeichnet: Wer von „Welt“ spricht,  verbleibt mit dem Ausdruck in einer letzten Unklarheit, da er implizit auf das Äußerste menschlicher Erfahrung verweist. „Welt“ meint den „Horizont der Horizonte“ (Moxter 2003: 541) menschlicher Erschließbarkeit. Auf ambivalente Weise legt der Begriff die Grenzen der menschlichen Gestaltbarkeit fest ohne selbst die Grenze zu bezeichnen. Aufgrund dieser Ambivalenz eignet sich „Welt“ in besonderem Maße dafür, ausgreifende politische Erwartungen und Hoffnungen aufzufangen. „Welt“ ist, um mit Hans Blumenberg (2007: 11) zu sprechen, ein Begriff der „genügend Unbestimmtheit“ besitzen muß, und in dieser Unbestimmtheit ist er offen für Sprechhandlungen der Politisierung. Politisierung meint in diesem Zusammenhang einen Vorgang durch den Fragen auf gesellschaftlicher Ebene zum „Gegenstand unterschiedlicher Bewertung“ (Palonen 1985: 67) werden. Aufgrund dieser grundlegenden Eigenschaft der „Welt“ als eines Begriffes der Unbestimmtheit, ist ihre Politisierung ein immer wieder neu ansetzender Prozeß; historische und aktuelle Debatten stehen hierin in einer semantischen Verwandtschaft.

Politisierung, Historisierung, Verräumlichung  

Dabei folgt der Prozeß der Politisierung der Welt anderen Prozessen der neuzeitlichen Welterschließung. Zum einen handelt es sich hierbei um die Historisierung der Welt. Diese macht sich begrifflich vor allem an dem aus der Geschichtsphilosophie stammenden Terminus der „Weltgeschichte“ fest, der seine Vorläufer in den Universalgeschichten und heilsgeschichtlichen Historiographien des Mittelalters hat (vgl. Koselleck 1975a: 686ff.). Zum anderen handelt es sich um eine seit dem Entdeckungszeitalter vonstatten gehende Verräumlichung der Welterfahrung im Gefolge der kartographischen Erfassung immer neuer „Weltteile“, der „Weltmeere“ und letztlich auch des „Weltraumes“ (vgl. Schneider 2004: 33ff.). Politisierung, Historisierung und Verräumlichung der Welt wurzeln – und dies wäre zu untersuchen – auf je eigene Weise in einer nachlassenden Wirkmacht christlich-theologischer Weltdeutung. Diese hatte „Welt“ als den Gegenbegriff zu „Gott“ verstanden  und in diesem Dualismus von Immanenz und Transzendenz (vgl. Braun: 440ff.) eine Haltung vermitteln wollen, die von Max Weber (1972: 536ff.) als „religiöse Weltablehnung“ gedeutet wurde. Dieses dualistische Verständnis wurde im Laufe der Neuzeit durch die genannten säkularen Weltdeutungen relativiert.

Im politischen und gesellschaftlichen Sprachgebrauch ist „Welt“ stets mehr als eine „sinnvolle Ganzheit“ bzw. die „Totalität alles Seienden“ (Dirks 2004: 408), wie es für die philosophische Rede bestimmend ist. Wenn der Begriff in gewissen Zusammenhängen seine religiös-pejorative Anklänge auch nie ablegen wird, so wird „Welt“ im Zuge der Aufklärung doch zu einem positiv besetzten Begriff für ambitionierte Erwartungen an die Zukunft. Wer beispielsweise von „Weltgeschichte“ spricht, meint damit nicht bloß eine diachron angelegte Historiographie von Menschengeschlecht und Globus, sondern es wird „unter Verzicht auf Transzendenz erstmals das Menschengeschlecht als das präsumtive Subjekt seiner eigenen Geschichte in dieser Welt angesprochen“ (Koselleck 1975: 688). Demnach wäre die „Weltgeschichte“ das rückwärts angelegte Äquivalent zu dem zukunftsgerichteten Begriff der „Weltpolitik“. Beide verweisen auf die immanente Formbarkeit des „Weltlaufes“ durch menschliches Handeln hin zu einem sinnvollen Ganzen. Dieser Wunsch nach Formbarkeit schlägt sich auch auf die kartographische Ausgestaltung von „Welt“ nieder, welche in der Neuzeit in erhöhtem Maße von politischen Erwägungen durchzogen wird (vgl. Black 1997). Heutzutage stehen die politischen, historischen, räumlichen und theologischen Weltdeutungen mit ihren jeweiligen Begriffsgeschichten synchron nebeneinander.

Welt-Begriffe  

Komposita mit dem Wortstamm „Welt“ gibt es in der deutschen Sprache häufig, wobei folgend einige für unser Vorhaben relevante Beispiele exemplarisch aufgeführt werden sollen.[1] Politisch imprägnierte Weltbegriffe, die als Vorläufer für den hier zu untersuchenden Terminus der „Weltpolitik“ gelten können, sind zum Ende des 18. Jahrhunderts z.B. das von Immanuel Kant (1795) geprägte „Weltbürgerrecht“, der utopische Entwurf eines „Weltfriedens“, die angesprochene Konzeption einer „Weltgeschichte“ sowie als fremdsprachlicher Ausdruck der „Kosmopolitismus“ bzw. der „Kosmopolit“.

Während diese und andere Begriffe im zweiten Teil des Vorhabens Berücksichtigung finden sollen, wird sich der erste Teil ausdrücklich mit „Weltpolitik“ beschäftigen. Der Begriff einer dezidiert als solchen bezeichneten „Weltpolitik“ läßt sich erst im Verlauf des 19. Jahrhunderts identifizieren. Systematisch wird er vor allem von Constantin Frantz (1882/1966) bearbeitet, für welchen die „Weltpolitik“ neben der schon früher als solchen bezeichneten „Weltökonomie“ eine schiere Notwendigkeit der zeitgenössischen Politik geworden ist, da „zur Bühne der Politik“, so Frantz in seinem Vorwort, mittlerweile „die ganze Welt“ geworden sei (ebd.: IV).

Die „Welt“- Begriffe mit politischer Semantik werden, um die Wichtigkeit des „neuen“ globalen Handlungszusammenhanges herauszustellen, oftmals emphatisch gebraucht. Zu „Weltmacht/Weltreich“ hält etwa Bluntschli fest (1870: 183), daß die zeitgenössische „Weltmacht“ Großbritannien sei, wobei er noch hinzufügt, daß jenseits aller Tagespolitik ein universales „Weltreich“ als „das höchste Ziel der rechtlichen und politischen Entwicklung der Weltgeschichte“ anzustreben sei (ebd.: 184). Auch schon früher, nämlich bei Friedrich List (1844/1959) wird „England“ als der dominante Staat im weltpolitischen Geschehen identifiziert gegen dessen „Weltherrschaft“ (ebd.: 311) andere Beispiele aus der Historie verblaßten. Der an Wirtschaftsfragen interessierte List spricht zudem von den „kosmopolitischen“ Dimensionen der „Welt-Ökonomie“ (134). List zeichnet sich auch anderweitig durch eine Klarsicht hinsichtlich des gesellschaftlichen Wandels aus, da er den beschleunigend und entgrenzend wirkenden Kommunikations- und Verkehrsmitteln eine maßgebliche Rolle im sozialen Gefüge zuschreibt (vgl. List 1837/1985).

Die politischen „Welt“- Begriffe finden im späten 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts offenbar verstärkt Eingang in kolonialistische Debatten. Mit „Welt“ verbindet sich nun ein Anspruch auf – im Bilde gesprochen – ein Stück des kolonialen Kuchens. Eine erste Sichtung ließ erkennen, daß „Weltpolitik“ einen aggressiven Expansionsgestus im Kontext der konkurrierenden Staaten zum Ausdruck bringen möchte (vgl. Delbrück 1902/1926). Ebenfalls wird „Weltpolitik“ als ein eher deskriptiver Begriff verwendet, um den für damalige Verhältnisse noch relativ jungen Prozeß der Globalisierung und die deutsche Rolle darin zu beschreiben (vgl. Hammann 1925). Ausgreifende Ambitionen finden sich jedoch in allen Texten, und es scheint ein Einvernehmen darin zu bestehen, daß „es (…) heute kein Land mehr auf unserem Planeten [gibt], in welchem es keine deutschen Interessen gäbe.“ (Peters 1911/1912: 9). Die „Welt“ wird, metaphorisch gesprochen, zum Spielball der Mächte, wobei der globale Anspruch die globalisierte Wirklichkeit noch weit überschreitet. Der weitere Verlauf der Begriffsgeschichte verweist immer wieder auf diese latente Politisierbarkeit von „Welt“. Der Begriff findet nicht nur als beschreibende Kategorie Verwendung, sondern legt sich immer wieder einen appellativen Unterton zu. Gerade die sich durchhaltende Ambivalenz zwischen Deskription und Appellation zeichnet „Weltpolitik“ wie auch andere „Welt“- Begriffe mit politischer Semantik aus.

 Thesen, Vorgehen und Zielsetzung  

Die hier nur exemplarisch aufgeführten Beiträge weisen auf die Ambivalenz in der Sprache von „Weltpolitik“ hin. Diese Ambivalenz trifft auch auf andere Weltbegriffe mit einer politischen Metaphorik zu. Beide Ebenen sollen Gegenstand meines Forschungsvorhabens werden. Für beide gilt folgendes Thesenbündel, das die bisherigen Ausführungen zusammenfaßt und nach zunehmendem Abstraktionsgrad ordnet:

Zum ersten: „Weltpolitik“ und andere Weltbegriffe mit politischer Metaphorik oszillieren zwischen nüchterner Beschreibung und emphatischem Anspruch, zwischen einem Raum der Erfahrung und einem Horizont der Erwartung (vgl. Koselleck 2000). Die Termini zeichnen sich durch einen semantischen Überschuß aus, der ihnen Unbestimmtheit verleiht.

Zum zweiten: Der semantische Überschuß wird durch die Ambitionen und Hoffnungen derjenigen Sprecher hervorgerufen, welche die Begriffe verwenden. Ihnen ist es ein Anliegen, eine Planbarkeit und Formbarkeit von „Welt“ im Sinne ihrer Politisierung zu postulieren. Aus diesem Grund muß der Begriffsverwendung eine rhetorische Funktion unterstellt werden.

Zum dritten: Ambivalenz, Überschuß und rhetorische Funktion prägen viele Begriffe, die im Kontext der Politisierung, Historisierung und Verräumlichung von „Welt“ Verwendung finden. Diese drei Prozesse der neuzeitlichen Welterschließung betonen das innovative Moment, welches die „neuen“ säkularen Weltbegriffe gegenüber den „alten“ theologischen Deutungen absetzen soll.

Aus dem Thesenbündel ergibt sich ein gedoppeltes Vorgehen: In einem ersten Schritt wird das Projekt eine Geschichte des Begriffs „Weltpolitik“ erstellen. Diese wird auf Grundlage des begriffsgeschichtlichen Ansatzes vonstatten gehen (vgl. Abschnitt 4). Dabei ist eine möglichst tiefgehende, vor allem die Anfänge beleuchtende Geschichte anstrebenswert. Sie hätte zum Ziel, einen Beitrag zur historischen Verwurzelung der Globalisierungsdebatte zu leisten. In einem zweiten Schritt werden weitere Weltbegriffe mit politischer Semantik untersucht, die Vorläufer von „Weltpolitik“ sind. Hier wird der begriffsgeschichtliche Ansatz um metaphorologische Dimensionen erweitert, um dem, was in einer Sprechhandlung semantisch im Hintergrund mitgemeint sein mag, auf die Spur zu kommen. Der zweite Teil wiederum verfolgt zwei Ziele: Auf methodischer Ebene versucht er eine bisher kaum vollzogene Integration von Begriffsgeschichte und Metaphorologie. Auf inhaltlicher Ebene wird er einen Beitrag zur Ideengeschichte der Neuzeit leisten. Es ist anstrebenswert, daß am Ende eine Topologie von politisch relevanten Welterschließungen erstellt werden kann, die sich auf die untersuchten Begriffe rückbezieht. Beide Schritte werden aus methodischen und inhaltlichen Erwägungen heraus vorrangig auf die deutsche Sprache und auf die Zeit zwischen der Mitte des 18. Jahrhunderts und dem Ersten Weltkrieg beschränkt bleiben (vgl. Abschnitt 4). Das Gesamtvorhaben möchte dazu beitragen,Begriffsgeschichte und politische Ideengeschichte miteinander zu verzahnen, da hier ein Forschungsdesiderat vorhanden ist.

3. Forschungsstand und Potential

 Stand  

„Weltpolitik“ ist der originäre Gegenstand einer nach dem Ersten Weltkrieg entstandenen politikwissenschaftlichen Unterdisziplin, die sich unter der Bezeichnung „Internationale Beziehungen“ (IB) inzwischen fest an den Universitäten etabliert hat. Die Disziplin stand in ihren frühen Jahren in der Tradition der Friedensbewegung des 19. Jahrhunderts, und ihre Anfänge können retrospektiv als der wissenschaftliche Versuch gewertet werden, eine Verarbeitung des kollektiven Schocks des Ersten Weltkrieges zu ermöglichen (vgl. Meyers 1981: 15f.). Seit diesem idealistisch geprägten Beginn haben sich die Internationalen Beziehungen als akademische Disziplin ausdifferenziert und bieten heutzutage eine Reihe von Weltbilder bzw. Theorien an, mit deren Hilfe versucht wird, die weltpolitische (Un-) Ordnung darzustellen (vgl. Krell 2003).

Mit der Thematisierung der Globalisierung als eines weltumgreifenden sozialen und politischen Wandels rückte nach dem Ende des Kalten Krieges der globale Aspekt der internationalen Beziehungen in der Hierarchie der Forschungsfragen nach oben. Bewußt sprach man von der Notwendigkeit einer „Weltinnenpolitik“ (vgl. Senghaas 1992) und übertrug damit den Referenzrahmen des politischen Handelns vom Nationalstaat auf die Welt. Im Terminus der „Weltinnenpolitik“ verschwinden die nationalstaatlichen Grenzen, da die Welt zum letztgültigen Horizont allen Handelns wird. Auch die Rede von den Herausforderungen einer „global governance“ kam mit der Globalisierung auf (vgl. Messner/ Nuscheler 2006), womit ein dezentrales und auf mehreren Ebenen vor sich gehendes „Regieren jenseits des Nationalstaates“ (Zürn 1998) gemeint ist. Dabei wird vermutet, daß der herkömmliche Staat nicht mehr der alleinige Gestalter des weltpolitischen Geschehens ist, sondern andere Akteure daran beteiligt sind. In diesen Vorstellungen aus der Disziplin der IB wird das räumlich-beschreibende Element von „Welt“  betont, ganz im Sinne einer einschlägigen Definition, die „Weltpolitik“  als „alle diejenigen politisch bewussten, organisierten und koordinierten Aktivitäten von Regierungen und Nichtregierungsorganisationen“ beschreibt, „die sich (…) in der Tendenz auf den ganzen Globus, das heißt mehr oder weniger auf das ‚spaceship earth’“ beziehen (Krell 2003: 25).

Dabei ist aber auffallend, daß eine weitergehende Reflektion von „Welt“ als dem hauptsächlichen Bezugspunkt politischen Handelns bisher nicht vorliegt. Grund für dieses Forschungsdesiderat mag sein, daß das begriffsgeschichtliche Interesse überhaupt erst im Verlauf der 1960er Jahre weitere Kreise zog und seitdem erst eine begrenzte Anzahl von Begriffen eingehend untersucht wurden. Dabei ist auffallend, daß der begriffsgeschichtliche Ansatz in den IB bisher offenbar gar nicht und in der Politikwissenschaft nur sehr begrenzt rezipiert wurde.

Wenn eine begriffliche Arbeit zu „Weltpolitik“ auch nicht vorliegt, so sind doch im Umfeld unseres Forschungsinteresses eine Reihe von Arbeiten veröffentlicht worden, auf die im Rahmen unseres Forschungsvorhabens zurückgegriffen werden kann. Diese sind meist außerhalb der IB bzw. an deren ideengeschichtlichen Rändern angesiedelt. Sowohl „Welt“ als auch „Politik“ waren seit den 1960er Jahren Gegenstand umfangreicher begriffsgeschichtlicher Untersuchungen. Deren Befund deutet darauf hin, daß die Termini der  politischen und sozialen Sprache – ganz nach Reinhart Kosellecks These von einer „Sattelzeit“ (1975b: XV; vgl. Abschnitt 4) – um 1800 einem gesteigerten Transformationsprozeß ausgesetzt waren. Dies trifft zu für „Welt“ (vgl. Braun 1992; Dirks 2004) wie auch für „Politik“ (vgl. Palonen 2006). Während die Semantik von „Welt“ einem Prozeß der säkularisierenden Umdeutung unterworfen war, wandelte sich „Politik“ von einem Sphären- bzw. Disziplinbegriff mit normativen Einschüsse hin zu einem dynamischen Handlungsbegriff (vgl. Palonen 2006: 33ff.). Dimensionen des begrifflichen Wandels zeigen sich auch an diversen „Welt“-Komposita, die oftmals eine politische Semantik beinhalten: Aus der Mitte des 18. Jahrhunderts stammen „Weltgeschichte“ (Rohbeck 2004) und „Weltfrieden“ (Cheneval 2004), wobei beim ersten das geschichtsphilosophische Moment vorherrscht und beim zweiten ein utopisches Moment bestimmend ist. Seit der Französischen und spätestens mit der Russischen Revolution ist die Sprache von einer „Weltrevolution“ verbreitet (Fetscher 2004), was einen Vorgang der totalen und gewalttätigen Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse impliziert. Jüngeren Datums ist der soziologisch geprägte Begriff der „Weltgesellschaft“ (Luhmann 1998: 145ff.), der eine globale Ganzheit kommunikativer Prozesse vermitteln möchte. Auf den Begriff der „Globalisierung“ bezieht sich die Arbeit von Bach (2007). Wie der Autor feststellt, bündeln sich in der „Globalisierung“ verschiedenste kontrovers diskutierte politische Erfahrungen und Erwartungen, die je nach Begründungszusammenhang polemisch oder beschreibend, affirmativ oder ablehnend verwendet werden können. Zwar wächst der Korpus der Forschungsliteratur zur Globalisierung unvermindert an, Bachs Arbeit ist aber eine der wenigen, die den Gegenstand begriffshistorisch zu durchdringen sucht.

Weniger aus dem Bereich der Begriffsgeschichte als vielmehr aus dem Umfeld der intellectual history wurden in der Vergangenheit zahlreiche Arbeiten vorgelegt, die den Begriff des „Weltbürgers“ bzw. des „Kosmopolitismus“ in den Vordergrund rücken (vgl. Thielking 2000; Albrecht 2005; Cheneval 2002). Wie bei den oben aufgeführten begriffsgeschichtlichen Arbeiten zeigt sich auch hier, daß die Zeit um 1800 für den Wandel der individuellen wie auch der gesellschaftlichen Weltansicht von großer Wichtigkeit war. Im Terminus des „Weltbürgers“ wird die Planbarkeit von Welt regelrecht personalisiert und auf das weltgestaltende Individuum rückbezogen. Die Zivilisierung der „Welt“ wird zu einer Aufgabe des einzelnen Menschen. Der Begriff unterliegt zudem einer „politisch-utopischen Aufladung“ (Albrecht 2005: 399) und teilt auf diese Weise das Schicksal anderer Weltbegriffe, in eine deskriptive und rhetorische Dimension aufgeteilt zu werden. Die sicherlich umfassendste Studie zum Thema, nämlich Gollwitzers Arbeit zur „Geschichte des weltpolitischen Denkens“ (1972 & 1982), ist ebenfalls im ideengeschichtlichen Bereich anzusiedeln. Gollwitzer geht es um die geschichtliche Rekonstruktion der Entwicklung eines weltpolitischen Bewußtseins seit dem 16. Jahrhundert. Er stellt eine Entwicklung des Denkens dar – vom Entdeckungszeitalter, über Universalismus, Aufklärung, Imperialismus bis hin in das 20. Jahrhundert – welche als Hintergrund für eine Begriffsgeschichte unverzichtbar ist, diese aber nicht ersetzen kann.

Die aufgeführten begriffs- und ideengeschichtlichen Arbeiten betonen ein Oszillieren der Weltbegriffe. Zum einen wird ein ausgreifendes, gelegentlich auch utopisches Moment von „Welt“ als eines universalen Hoffnungs- und Erwartungsraumes identifiziert und zum anderen auch ein deskriptives Moment von „Welt“ als eines globalen Ganzen, das die nationalstaatlichen Besonderheiten übersteigt (vgl. Schlichte 2005: 44). Dieser ambivalente Charakter von Weltbegriffen offenbart die Natur von politischen und sozialen Begriffen überhaupt: Ihnen ist die Eigenschaft zu eigen, gleichzeitig beschreibende und rhetorische Funktionen zu besitzen. Eine Begriffsgeschichte von „Weltpolitik“ wird diese Ambivalenz in jedem begrifflichen Entwicklungsstadium berücksichtigen müssen, um einer rhetorisch vonstatten gehenden Politisierung auf die Spur zu kommen.

Potential  

Aufgrund des skizzierten Forschungstandes ergibt sich für das geplante Vorhaben folgende Situation: Das Projekt kann an die vorliegenden begriffsgeschichtlichen Arbeiten und an die Forschung aus dem Bereich der intellectual history anschließen. Zu einigen Aspekten „weltpolitischer“ Begriffssemantik liegen mit Primärquellen gesättigte Studien vor, die das eigene Quellenstudium anleiten können. Besonders zu vermerken ist der scheinbar einhellige Befund der gesichteten Literatur, daß Begriffe mit einer weltpolitischen Semantik durch einen metaphorisch anklingenden Zwiespalt zwischen Rhetorik und Beschreibung gekennzeichnet sind. Die grundlegende These des Vorhabens – die Politisierung der Welt als eines rhetorisch vonstatten gehenden Ausgreifens auf „Welt“ als den Horizont politischen Handelns – läßt sich an die vorliegenden Arbeiten gut anschließen, da es durchweg um die Wünschbarkeit weltpolitischer Konzeptionen in einer Zeit gesteigerter Kontingenz geht.

Hier liegt aber auch das Innovationspotential des Vorhabens. Zum einen wurde der Begriff der „Weltpolitik“ bislang keiner systematischen begriffsgeschichtlichen Untersuchung unterzogen. Eine solche Untersuchung wird über den begriffsgeschichtlichen Gewinn hinaus zusätzlich die oftmals sehr komplexen Weltdebatten des späten 18. bis zum frühen 20. Jahrhundert gleichsam in einem begrifflichen Mikrokosmos verdichten und dadurch anschaulich machen. Der Rekurs auf die Globalisierungsdebatte wird das Vorhaben überdies für heutige Fragestellungen und deren Durchdringung anschlußfähig machen. Zum anderen wird das Vorhaben durch eine weitergehende Betrachtung der skizzierten Prozesse von Historisierung und Verräumlichung von „Welt“ den Blick weiten. Dies soll wiederum anhand zentraler Begrifflichkeiten geschehen. Dabei kommt es darauf an, die weltpolitische Hintergrundsmetaphorik politisierender, historisierender und verräumlichender Begriffe darzustellen, um sie von theologischen Weltdeutungen absetzen zu können. Wenn das Quellenstudium auch auf die Zeit zwischen der Mitte des 18. und dem Beginn des 20. Jahrhunderts beschränkt bleiben wird, so ist das doppelte Vorhaben einer weltpolitischen Begriffsgeschichte und einer Darstellung der weltpolitischen Hintergrundsmetaphorik ambitioniert. Daher scheint es dem Antragsteller notwendig, die gedoppelte Natur des Vorhabens gründlich im methodischen Ansatz (vgl. Abschnitt 4) zu verankern und klar im Zeitplan (vgl. Abschnitt 6) darzustellen.

4. Ansatz und Methode

 Begriffsgeschichte  

Zur Untersuchung der skizzierten Politisierung der Welt greife ich auf den begriffsgeschichtlichen Ansatz zurück, der in den vergangenen Jahrzehnten zu einem wichtigen hermeneutischen Zugang zur Erforschung gesellschaftlichen Wandels wurde. Dieser Ansatz verbindet sich vor allem mit dem Namen von Reinhart Kosselleck und betont die Verknüpfung von Begriffs- und Sozialgeschichte: „Gesellschaftsgeschichte und Begriffsgeschichte stehen in einer geschichtlich bedingten Spannung, die beide aufeinander verweist, ohne daß sie je aufgehoben werden könnte.“ (Koselleck 2006a: 13) Hinter Kosellecks Aussage verbirgt sich die Vermutung, Begriffsgeschichte könne als eine „bloße“ Historie abstrakter Wörter verkannt werden, ohne deren Verwurzelung in der sozialen und politischen Wirklichkeit anzuerkennen. Das Anliegen der Begriffsgeschichte besteht aber gerade darin, auf die Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen „Geschichten“ hinzuweisen und Befunde für einen realgeschichtlichen Wandel auf der sprachlichen Ebene herauszuarbeiten. Dies hat zur Folge, daß begriffsgeschichtliche Untersuchungen vor einem realgeschichtlichen Hintergrund verlaufen. Dadurch läßt sich zum einen auf etwaige Spannungen zwischen den beiden hinweisen, zum anderen lassen sich Begriffsprägungen aus einer bestimmten historischen Situation heraus verstehen.

Dieses Wechselverhältnis von Begriffs- und Sozialgeschichte gilt auch für das vorgestellte Vorhaben: Die Geschichte von „Weltpolitik“ als Begriff ist rückzubinden an weltgeschichtliche Einflußgrößen wie politische Aufklärung, Französische Revolution, Imperialismus und Weltkrieg, die alle reiche Spuren im Sprachhaushalt der Gesellschaft hinterlassen haben. Sie ist ebenfalls rückzubinden an das, was Hans Blumenberg eine „rhetorische Situation“ nannte (Blumenberg 2001: 414). „Rhetorische Situation“ will für unseren Zusammenhang heißen, daß Menschen in ihren Sprechhandlungen einen Überschuß an weltpolitischer Semantik produzieren, welcher durch die „Faktenlage“ und die Evidenz des Geschehens nicht abgedeckt ist. Äußerungen zur weltpolitischen Lage sind demnach nicht nur als Aussagen zu einem genau umrissenen Tatsachenbündel zu verstehen. Vielmehr dienen sie in gleicher Weise der Überzeugung des Publikums bzw. der Öffentlichkeit. In der rhetorischen Situation spiegelt sich somit die oben aufgeführte Ambivalenz von deskriptiver und rhetorischer Begriffswahl wieder, weshalb das rhetorische Moment in das vorgestellte Thesenbündel aufgenommen wurde.

Die ambivalente Natur von Begriffen ist ein Grundaxiom des lexikalischen Großwerks „Geschichtliche Grundbegriffe“. Begriffe der politischen und sozialen Sprache besitzen in Kosellecks Lesart zum einen die Funktion diverse Wortbedeutungen in sich zu vereinen und auf eine höhere Ebene zu aggregieren. Zum anderen zeichnen sie sich dadurch aus, daß sie umstritten sind, „weil verschiedene Sprecher ein Deutungsmonopol durchsetzen wollen“ (Koselleck 2006b: 99). Umstrittenheit und die Unmöglichkeit zu einer von allen Sprechern geteilten Definition zu gelangen sind auch in Blumenbergs Sicht Markenzeichen des Begriffs (vgl. Blumenberg 2007: 56). Aus dieser Einsicht heraus leitet wiederum Koselleck die These ab, daß grundlegende Begriffe der politischen Sprache in der von ihm als „Sattelzeit“ bezeichneten Periode (ca. 1750-1850) einem Wandel unterzogen waren (Koselleck 1975b: XV). Koselleck identifiziert vier Prozesse, welche in dieser Periode auf die Begriffsemantiken Einfluß nahmen (ebd.: XVIff.): die Demokratisierung als die Ausdehnung der politischen Sprache auf die ganze Gesellschaft; die Verzeitlichung als die Dynamisierung von Sprache zwischen einem zurücktretenden Erfahrungsraum und einem in die Zukunft geöffneten Erwartungshorizont (vgl. Koselleck 2000); die Ideologisierbarkeit von Sprache in der Auseinandersetzung konträrer Weltbilder und die Politisierung von sprachlichen Ausdrücken, d.h. deren Verwandlung in Objekte des politischen Streits.

Wenn das Forschungsvorhaben von einer „Politisierung der Welt“ spricht, bindet es sich an diese für die Begriffsgeschichte wesentlichen Aussagen Kosellecks an. „Welt“ unterliegt ab dem späten 18. Jahrhundert einem demokratisierenden, dynamisierenden und ideologisierenden Prozeß, welcher für meine Zwecke gesamthaft als Politisierung bezeichnet wird. Die angestrebte Begriffsgeschichte von „Weltpolitik“ wird danach streben, den geschilderten Wandel von Semantiken festzustellen, ohne der Versuchung zu erliegen, das Ergebnis den Koselleckschen Annahmen gefügig zu machen. Aufgrund des relativ einheitlichen Befundes der verschiedenen Einträge in „Geschichtliche Grundbegriffe“ und anderer Arbeiten (u.a. Palonen 2006) besteht jedoch Grund zur berechtigten Annahme, daß auch in meinem Fall ein semantischer Wandel in Richtung einer Politisierung festzustellen sein wird.

 Metaphorologie  

Neben dem ersten Schritt einer begrifflichen Geschichte von „Weltpolitik“, soll das Vorhaben wie ausgeführt einen zweiten inhaltlichen Schritt einbeziehen, der sich ebenfalls auf die methodische Herangehensweise niederschlagen muß: Die angestrebte Eruierung einer politischen Hintergrundsmetaphorik weiterer Weltbegriffe erfordert ein Instrumentarium, welches bei einer „konventionellen“ Begriffsgeschichte nicht zur Verfügung stünde. Der politische „Gestus der Weltverwaltung“ (Blumenberg 1986: 10) läßt sich nämlich auch im Falle von Termini feststellen, die bei einem ersten Blick keinen politischen Bezug vermuten lassen. Dort wäre im Sinne einer Metaphorologie vorzugehen. In der Vergangenheit wurden gelegentlich Studien vorgelegt, welche das Wechselverhältnis von Politik und Metaphorologie untersuchten (vgl. Rigotti 1994; Münkler 1994; Ankersmit 1996). In diesem Zusammenhang wurde stets betont, daß Metaphern für die politische Welterschließung von herausragender Bedeutung seien, da sie grundlegende hermeneutische und legitimatorische Vorarbeit für politisches Handeln leisteten (vgl. Schön 1993: 138).

Das Vorhaben wird in seinem zweiten Schritt nun nicht beliebig historische Metaphern untersuchen, bei denen eine weltpolitische Semantik vermutet wird. Vielmehr wird es sich jenen zusammengesetzten Begriffen zuwenden, in denen „Welt“ Teil des Wortes ist: „Weltgeschichte“, „Weltraum“, „Weltmacht“, „Weltlauf“ usw. Es wird vermutet, daß bei solchen von Historisierung und Verräumlichung kündenden Termini oftmals eine politische „Hintergrundsmetaphorik“ im Sinne Blumenbergs (1998: 91) vorliegt. Hintergrundsmetaphorik meint in unserem Zusammenhang beispielweise, daß in einem historischen Begriff wie „Weltgeschichte“ semantische Übertragungen aus einem politischen Kontext vonstatten gehen. Begriffliche Semantiken sind selbst nur bedingt festlegbar und reichen mit ihrem jeweiligen metaphorischen Hof in den Bereich anderer Begriffe hinein, wodurch es zu Übertragungen kommt. Auf solche Weise versucht die Metaphorologie an die „Substruktur des Denkens“ (Blumenberg 1998: 13) zu gelangen, die der Begriffsgeschichte im engeren Sinne verschlossen sein mögen. Das Forschungsvorhaben strebt daher eine Verknüpfung von Begriffsgeschichte und Metaphorologie an, was laut Gumbrecht ein dringendes Desiderat ist (vgl. 2006: 36).

Methodisches Vorgehen  

Aufgrund dieser zweistufigen Anlage legt sich für das Projekt folgendes Vorgehen nahe: Zum ersten wird es die Geschichte der Politisierung der Welt anhand einer Begriffsgeschichte im engeren Sinne des deutschen Wortes „Weltpolitik“ nachzeichnen. Der Schwerpunkt wird dabei auf der Zeit zwischen der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg liegen. Die zeitliche Eingrenzung leitet sich aus den methodischen Erwägungen ab: Der grundlegende Wandel von begrifflichen Semantiken wurde vor allem für die „Sattelzeit“ konstatiert. Auch wenn hierbei eine gewisse Flexibilität geboten ist, können die weltpolitischen Debatten im 20. Jahrhundert als eine Art Verlängerung der vorab angelegten Muster gedeutet werden. Ebenfalls ist die Etablierung der Internationalen Beziehungen als einer politikwissenschaftlichen Teildisziplin in den 1920er Jahren Anzeichen für ein gewisses Reifestadium der weltpolitischen Debatten. Trotzdem soll ein Bogen zu heutigen Diskussionen um Globalisierung geschlagen werden, um die fortdauernde Relevanz der Politsierung von Welt aufzuzeigen. Aufgrund der absehbaren Fülle von Material im 20. Jahrhundert wird diese Aktualisierung historischer Debatten keine letzte Vollständigkeit beanspruchen.

Für diesen Teil des Vorhabens wird eine ausführliche Recherche in zeitgenössischen Quellen erforderlich sein, um den Verlauf des Begriffsgebrauches von „Weltpolitik“ bis zu dessen ausufernden Proliferation in der Hochzeit des deutschen Kolonialismus festzuhalten. Als Quellen kommen dabei neben grundlegenden Beiträgen aus der Wissenschaft auch publizistische Beiträge in Zeitschriften und Zeitungen und veröffentlichte Reden in Frage, wobei die Auswahl der zu sichtenden Quellen in Rücksprache mit Fachhistorikern getroffen werden soll. Der primäre Zugriff wird über Titel erfolgen, die sich dezidiert mit „Weltpolitik“ beschäftigen. Aufgrund der festgestellten rhetorischen Situation, im Rahmen derer Sprechhandlungen geschehen, wird eine (innere) Kritik der gesichteten Quellen vonnöten sein: Welche Intentionen verfolgte der Autor? Wer waren die Adressaten des Schreibens? Entstand der Text in einer Situation des argumentativen Streits?

In einem zweiten Schritt sollen ebenfalls über das Studium und die Kritik von Quellen weitere Weltbegriffe untersucht werden, soweit diese eine politische Hintergrundsmetaphorik vorzuweisen haben. Aufgrund der nun erfolgenden semantischen Auffächerung ist wahrscheinlich, daß im Gegensatz zum ersten Teil des Vorhabens, das Quellenstudium in dessen zweiten Teil sich auf einen Bestand grundlegender Beiträge konzentrieren wird. Die Untersuchung von weltpolitischer Metaphorik soll zudem auf ausgesuchte Komposita beschränkt bleiben, die als Vorläufer von „Weltpolitik“ gelten können bzw. dessen metaphorischen Hof ausmachen. Die Auswahl der Komposita wird zum Abschluß des ersten Teiles vorgenommen, da zu diesem Zeitpunkt erste Erkenntnisse zu möglichen Vorläufern bereitliegen sollten. In der Auswahl wäre zu berücksichtigen, daß die thesenartig vorgestellte Politisierung der Welt mit den ebenfalls angeführten Prozessen der Historisierung und Verräumlichung in Beziehung gesetzt werden. Mittelfristig wird so eine Topologie von Begriffen vorliegen, die von dem menschlichen Willen zur immanenten Gestaltung von „Welt“ kündet.

Sowohl der begriffsgeschichtliche als auch der metaphorische Anteil des Vorhabens bleiben vorerst auf die deutsche Sprache begrenzt. Diese Eingrenzung ist nicht nur aus forschungsökonomischen Gründen notwendig, sondern sie ist auch durch den methodischen Ansatz bedingt: Begriffsgeschichte ist zuerst Geschichte von Begriffen, die in bestimmten Sprachen beheimatet sind. Eine Öffnung hin zu anderen Sprachen und damit ein vergleichendes Element wird erst dann Sinn machen, da zuvor die spezifische Begriffsgeschichte in einer Sprache erfaßt wurde. Das Forschungsvorhaben strebt das vergleichende Element durchaus an, möchte dies aber auf eine spätere Phase verlagern (vgl. Abschnitt 6).

5. Eigene Vorarbeiten und interdisziplinäre Kooperation

 Vorarbeiten  

In meiner im März 2007 vorgelegten Dissertation unter dem Titel Der Augenblick der Entscheidung. Zur Geschichte eines politischen Begriffs setzte ich mich ausführlich mit den für das vorliegende Forschungsvorhaben relevanten methodischen Fragen auseinander. Ein Teil dieser methodischen Erwägungen floß in einen Aufsatz ein, welcher inzwischen von einer begutachteten Fachzeitschrift zur Publikation angenommen wurde. Begriffe und Metaphern werden auch Inhalt einer Lehrveranstaltung sein, die ich im Wintersemester 2007/08 an der Universität … anbieten werde. Inhaltlich bezog sich die Doktorarbeit mit dem „Augenblick der Entscheidung“ auf einen Terminus mit zeitlicher Semantik, dessen Entwicklung ich von seiner existentialischen Zuspitzung bei Søren Kierkegaard über die Weimarer Zeit bis in das frühe 21. Jahrhundert verfolgte. Dem vielschichtigen Themenkomplex von „Zeit und Politik“ widmete ich mich in der Vergangenheit auch auf dem Wege weiterer Veröffentlichungen und Vorträge. Als sozusagen zweite „Anschauungsform“ war für mich der „Raum“ ebenfalls stets von großem Interesse, was sich unter anderem in der Initiierung und Koordination einer studentischen Forschungsgruppe zum Thema „Stadt, Gesellschaft, Gewalt“ zeigt. Es erscheint mir daher reizvoll, dem Zusammenhang von Raumvorstellungen und politischem Handeln mittels einer erprobten Methodik nachzugehen. Langfristig ist es mir ein Anliegen, die grundlegenden Themen von „Zeit“ und „Raum“ ins Zentrum der eigenen Disziplin zu rücken.

Kooperation  

Meine bisherigen Arbeiten an den Schnittstellen von Politikwissenschaft, Theologie und Philosophie gaben mir die Möglichkeit zu einer intensiven Zusammenarbeit mit Fachkollegen aus anderen Disziplinen. Diese möchte ich anläßlich des beantragten Vorhabens weiter ausbauen.

(…)

6. Zeitplan & Evaluationskriterien

Der zweistufige Aufbau des Vorhabens bildet sich auch in dem angestrebten Zeitplan ab. In den ersten beiden Jahren wird die Ausarbeitung der Geschichte des Begriffs „Weltpolitik“ vonstatten gehen. Da es sich hierbei um einen eindeutigen Forschungsgegenstand und um eine erprobte Methodik handelt, scheint eine solche Zeitplanung realistisch. Dies gilt auch bei einer aus methodischer Sicht notwendigen Ergänzung der begriffsgeschichtlichen Untersuchung um erläuternde sozialgeschichtliche Notizen. Die Jahre 3 bis 5 sollen der politischen Hintergrundsmetaphorik  ausgesuchter Weltbegriffe gewidmet sein. In diesem Teil wird die inhaltliche Abgrenzung im Gegensatz zum ersten Teil weniger klar vonstatten gehen können und das Spektrum der zu bearbeitenden Fragen aufgefächert sein, was einen längeren Zeitraum beanspruchen wird.

Die zwei Forschungsstufen sollen von kleineren fachwissenschaftlichen Arbeitstagungen begleitet werden. Nach etwa zwei Jahren ist ein mit 8-10 Personen besetzter Workshop unter dem vorläufigen Titel „Politische Begriffsgeschichten“ geplant. Dieser soll das (politikwissenschaftliche) Potential des begriffsgeschichtlichen Arbeitens nach Abschluß der beiden Großwerke „Geschichtliche Grundbegriffe“ und „Historisches Wörterbuch der Philosophie“ eruieren und damit den methodischen Fragen gewidmet sein. Eine zweite Tagung von ähnlicher Größe soll im fünften Jahr der politischen Weltmetaphorik und damit den inhaltlichen Fragen gewidmet sein. Bei beiden Tagungen ist auf eine interdisziplinäre Zusammensetzung und auf die Einbindung von jüngeren Forscherinnen und Forschern zu achten.

Ebenfalls sollen in regelmäßigen Abständen die Forschungsergebnisse der Öffentlichkeit durch Publikationen zugänglich gemacht werden. Am Ende des zweiten Jahres soll eine kürzere Monographie oder ein längerer Aufsatz die begriffsgeschichtliche Arbeit vorstellen. Am Ende des fünften Jahres soll ähnliches geschehen. Beiträge auf den jährlichen Konferenzen der History of Political and Social Concepts Group und auf anderen Tagungen bzw. kürzere Aufsätze auch in englischer Sprache sind ebenfalls angestrebt.

 Evaluation und weitere Pläne  

Als Evaluationskriterien bieten sich aufgrund der zweistufigen Anlage des Vorhabens zum einen an, ob im dritten Jahr der Laufzeit die erste der angestrebten Untersuchungen auf dem Weg zum Druck ist. Zum zweiten wäre im fünften Jahr zu prüfen, ob  sich der zweite Teil der Untersuchung in einem weit fortgeschrittenen Stadium der Textarbeit befindet. Zudem sollten über die deutschsprachigen Veröffentlichungen hinaus auch zwei qualitativ hochwertige englischsprachige Aufsätze in einschlägigen Fachzeitschriften veröffentlicht werden.

Auf den erfolgreichen Abschluß der ersten fünf Jahre soll eine vergleichende Studie ähnlicher Art für den englischen Sprachraum erfolgen. Dabei ist zu berücksichtigen, daß das unmittelbare englische Äquivalent zum deutschen „Weltpolitik“ – world politics – nicht unbedingt eine ähnliche Geschichte wie der deutsche Terminus vorzuweisen hat. Vielmehr wäre die englische politische Sprache daraufhin zu prüfen, inwiefern diese, auch vor dem Hintergrund einer phasenverschobenen Sozialgeschichte, mit empire, commonwealth usw. Äquivalente zum deutschen Begriff anbietet. Ebenfalls wäre zu prüfen, ob im englischen Sprachraum eine ähnliche  emphatische Politisierung der Welt stattfindet, die sich auf der begrifflichen bzw. metaphorischen Ebene feststellen läßt. Eine vergleichende Studie ist auch von daher sehr vielversprechend, da bisher nur wenige sprachenvergleichende begriffsgeschichtliche Studien vorliegen, solche aber immer wieder angemahnt werden.

7. Kostenplan

(…)

8. Literaturangaben

Albrecht, Andrea 2005: Kosmopolitismus. Weltbürgerdiskurse in Literatur, Philosophie und Publizistik um 1800, Berlin.

Ankersmit, Frank 1996: Politics and Metaphor, in: Ders.: Aesthetic Politics. Political Philsosophy Beyond Fact and Value, Stanford, S. 254-293.

Bach, Olaf 2007: Zur Begriffsgeschichte der Globalisierung, vom Autor zur Verfügung gestelltes Manuskript, St. Gallen.

Braun, Hermann 1992: Welt, in: Otto Brunner/ Werner Conze/ Reinhart Koselleck: Geschichtliche Grundbegriffe, Band 7: Verw – Z, Stuttgart, S. 433-510.

Black, Jeremy 1997: Maps and Politics, London.

Blumenberg, Hans 1986: Die Lesbarkeit der Welt, Frankfurt/Main.

Blumenberg, Hans 1998: Paradigmen zu einer Metaphorologie, Frankfurt/Main.

Blumenberg, Hans 2001: Anthropologische Annäherung und die Aktualität der Rhetorik, in: Ders.: Ästhetische und metaphorologische Schriften, Frankfurt/Main, S. 406-431.

Blumenberg, Hans 2007: Theorie der Unbegrifflichkeit, hrsg. von Anselm Haverkamp, Frankfurt/Main.

Bluntschli, J.C. 1870: Weltmacht und Weltreich, in: Ders./ K. Brater: Deutsches Staats-Wörterbuch, Elfter Band, Stuttgart & Leipzig, S. 183-187.

Cheneval, Francis 2002: Philosophie in weltbürgerlicher Bedeutung. Über die Entstehung und die philosophischen Grundlagen des supranationalen und kosmopolitischen Denkens der Moderne, Basel.

Cheneval, Francis 2004: Weltfrieden, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, hrsg. von Joachim Ritter/ Karlfried Gründer/Gottfried Gabriel, Band 12: W-Z, Basel, S. 471-474.

Delbrück, Hans (1902/1926): Deutschlands Stellung in der Weltpolitik, in: Ders.: Vor und nach dem Weltkrieg, Berlin, S. 9-17.

Dirks, U. 2004: Welt, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, hrsg. von Joachim Ritter/ Karlfried Gründer/Gottfried Gabriel, Band 12: W-Z, Basel, S. 407-443.

Fetscher, I. 2004: Weltrevolution, Historisches Wörterbuch der Philosophie, hrsg. von Joachim Ritter/ Karlfried Gründer/Gottfried Gabriel, Band 12: W-Z, Basel, S. 512-514.

Frantz, Constantin 1882/1966: Die Weltpolitik unter besonderer Bezugnahme auf Deutschland, Osnabrück.

Gollwitzer, Heinz 1972: Geschichte des weltpolitischen Denkens. Band I. Vom Zeitalter der Entdeckungen bis zum Beginn des Imperialismus, Göttingen.

Gollwitzer, Heinz 1982: Geschichte des weltpolitischen Denkens. Band II. Zeitalter des Imperialismus und der Weltkriege, Göttingen.

Gumbrecht, Hans Ulrich 2006: Pyramiden des Geistes. Über den schnellen Aufstieg, die unsichtbaren Dimensionen und das plötzliche Abebben der begriffsgeschichtlichen Bewegung, in: Ders.: Dimensionen und Grenzen der Begriffsgeschichte, München. S. 7-36.

Hammann, Otto 1925: Deutsche Weltpolitik 1890-1912, Berlin.

Kant, Immanuel 1795: Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf, Königsberg,  Netzfassung unter: http://www.sgipt.org/politpsy/vorbild/kant_zef.htm

Koselleck, Reinhart 1975a: Geschichte, Historie, in: Otto Brunner/ Werner Conze/ Reinhart Koselleck (Hrsg.): Geschichtliche Grundbegriffe, Band 2: E – G, S. 593-718.

Koselleck, Reinhart 1975b: Einleitung in: Otto Brunner/ Werner Conze/ Reinhart Koselleck (Hrsg.): Geschichtliche Grundbegriffe, Band 1, S. XIII-XXVII.

Koselleck, Reinhart 2000: ‚Erfahrungsraum’ und ‚Erwartungshorizont’ – zwei historische Kategorien, in: Ders.: Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, 4. Auflage, Frankfurt/Main, S. 349-375.

Koselleck, Reinhart 2006a: Sozialgeschichte und Begriffsgeschichte, in: Ders.: Begriffsgeschichten. Studien zur Semantik und Pragmatik der politischen und sozialen Sprache, Frankfurt/Main, S. 9-31.

Koselleck, Reinhart 2006b: Stichwort: Begriffsgeschichte, in: Ders.: Begriffsgeschichten. Studien zur Semantik und Pragmatik der politischen und sozialen Sprache, Frankfurt/Main, S. 99- 102.

Krell, Gert 2003: Weltbilder und Weltordnungen. Einführung in die Theorie der internationalen Beziehungen, 2. Auflage, Baden-Baden.

List, Friedrich 1837/1985: Die Welt bewegt sich. Über die Auswirkungen der Dampfkraft und der neuen Transportmittel …, hrsg. von Eugen Wendler, Göttingen.

List, Friedrich 1844/1959: Das nationale System der politischen Ökonomie, Basel & Tübingen.

Luhmann, Niklas 1998: Die Gesellschaft der Gesellschaft, Frankfurt/Main.

Messner, Dirk/ Nuscheler, Franz 2006: Das Konzept Global Governance – Stand und Perspektiven, in: Stiftung Entwicklung und Frieden (Hrsg.): Global Governance für Entwicklung und Frieden. Perspektiven nach einem Jahrzehnt, Bonn, S. 18-79.

Meyers, Reinhard 1981. Die Lehre von den Internationalen Beziehungen. Ein entwicklungsgeschichtlicher Überblick, Königstein/Taunus & Düsseldorf.

Moxter, Michael 2003: II. Welt, in: Theologische Realenzyklopädie Band 35, Artikel „Welt/ Weltanschauung/ Weltbild“, Berlin & New York 2003, S. 538-544.

Münkler, Herfried 1994: Politische Bilder, Politik der Metaphern, Frankfurt/Main.

Palonen, Kari 1985: Politik als Handlungsbegriff. Horizontwandel des Politikbegriffes in Deutschland 1890-1933, Helsinki.

Palonen, Kari 2006: The Struggle with Time. A Conceptual History of ‚Politics’ as an Activity, Münster.

Peters, Carl 1911/1912: Deutsche Weltpolitik, in: Ders.: Zur Weltpolitik, Berlin, S. 7-11.

Rigotti, Francesca 1994: Die Macht und ihre Metaphern. Über die sprachlichen Bilder der Politik, Frankfurt/Main.

Rohbeck, J. 2004: Weltgeschichte; Universalgeschichte, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, hrsg. von Joachim Ritter/ Karlfried Gründer/Gottfried Gabriel, Band 12: W-Z, Basel, S. 480-486.

Schlichte, Klaus 2005: Der Staat in der Weltgesellschaft. Politische Herrschaft in Asien, Afrika und Lateinamerika, Frankfurt/Main.

Schneider, Ute 2004: Die Macht der Karten. Eine Geschichte der Kartographie vom Mittelalter bis heute, Darmstadt.

Schön, Donald A. 1993: Generative metaphor: A perspective on problem-setting in social policy, in: Andrew Ortony (Hrsg.): Metaphor and Thought, 2. Auflage, Cambridge, S. 137-163.

Senghaas, Dieter 1996: Weltinnenpolitik – Ansätze für ein Konzept, in: Ursula Lehmkuhl: Theorien Internationaler Politik. Einführung und Texte, München & Wien, S. 358-369.

Thielking, Sigrid 2000: Weltbürgertum: kosmopolitische Ideen in Literatur und politischer Publizistik seit dem achtzehnten Jahrhundert, München.

Weber, Max 1972: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, 6. Auflage, Tübingen.

Zürn, Michael 1998: Regieren jenseits des Nationalstaates. Globalisierung und Denationalisierung als Chance, Frankfurt/Main.


 

Welt und Dezentrierung oder: Über eine Haltung der Aufmerksamkeit

Vor kurzem war hier davon die Rede, dass der Welt nicht auszuweichen sei; dass man sich den Herausforderungen von Welt stellen solle.

Aber was ist „Welt“? Und was macht die Begegnung mit „Welt“ mit mir?

„Welt“ ist einer der Grundbegriffe unserer Sprache. Und als solcher Grundbegriff (ReinhartKoselleck) umfasst „Welt“ eine große Bandbreite von Bedeutungen, Metaphoriken, Assoziationen, sowohl in räumlicher als auch in zeitlicher Hinsicht:

Man mag von „Welt“ sprechen als eines komplexen, in sich aber auch zusammenhängenden Gesamtgewebes, als dessen Teil sich die Beobachterin sieht. Man mag von „Welt“ sprechen als einem Gegenüber des Beobachters, als dem Objekt, das dem Subjekt sich zeigt, offenbart, entbirgt usw.  Von Welt mag man auch sprechen, als dem Schlechten und Verdorbenen, das dem Guten und Schönen beständig in die Quere kommt.  Welt gibt es

  • existentiell (die Welt und ich),
  • theologisch (Immanenz und Transzendenz),
  • astronomisch (Welt als unser Planet),
  • philosophisch (Weltgeist),
  • politisch (als Weltgesellschaft),
  • geographisch (die Kontinente),
  • usw.

Kurz: In vielerlei Hinsicht und in vielen Zusammenhängen wird von Welt gesprochen. Der entsprechende Artikel im Historischen Wörterbuch der Philosophie (Bd. 12, 407ff., 2004) ist daher auch sehr umfänglich, aber auch sehr empfehlenswert.

Doch was tut Welt mit mir, dem Subjekt? Um diese Frage zu beantworten nutze ich im folgenden einen sehr alltäglichen, subjektbezogenen Weltbegriff. Nein, Welt ist nicht das Objekt, das ich mir als Subjekt aneigne. Ich stehe in keinerlei Dominanzverhältnis gegenüber der Welt. Welt ist vielmehr das, was mir, dem Subjekt, im Alltag unablässig begegnet. Welt tritt an mich heran. Ich bewege mich in der Welt. Ich forme Welt. Welt formt mich. Schon immer, immer wieder, immer noch. Ich kann der Welt nicht entkommen.

Phänomenologisch lässt sich das in Bezug auf die natürliche Umwelt vielleicht wie folgt auffangen:

Ich beobachte eher en passant einen Trupp von Spatzen. Sie schwingen auf den hohen  Ästen eines Apfelbaums hin und her, hin und her. Dabei schwatzen sie unter ihresgleichen. Ich beobachte sie und blicke damit weg von mir hin zu einem Geschehen, dass sich mir äußerlich darstellt, in meinem Innern aber Resonanz (Hartmut Rosa) erzeugt. Welt ist hier die natürliche Umwelt, mit welcher ich ‚irgendwie‘ in Verbindung, welche mich prägt und verändert. Der muntere Trupp spatzen gibt mir zu Denken.

Oder im zwischenmenschlichen Miteinander:

Das Gespräch mit einer interessanten Person dauert nun schon länger. Ist es die Person selbst, ihre Gesten, ihre Blicke, ihre Stimme, die mich im Innern bewegen? Oder ist es das gesagte Wort, der Inhalt unseres Gesprächs? Oder doch beides zusammen, da Person und Inhalt in einem guten Gespräch immer zusammen gehen? Auf jeden Fall gehe ich innerlich auf diese Person zu, ver-rücke mit meinem Ich, sammle Eindrücke und knüpfe neue gedanklichen Fäden, die mir vorher noch unbekannt waren.

Die Begegnung mit Welt ver-rückt mich. Welt, so sehr ich sie selbst auch mitforme, bleibt immer auch ein Anderes, ein Fremdes, das in mir eine hoffentlich positive Veränderung auslöst. In diesem positiven Fall werde ich durch diese Begegnung von Welt, die Erfahrung von Weltbezug dezentriert. Dabei nutze ich einen durch und durch affirmativen Begriff von Dezentrierung. Dezentrierung ist also immer gut, da sie mich aus dem alten Trott herausholt, mir die Möglichkeit einer Erneuerung – geistlich gesprochen: einer Umkehr – eröffnet.

Dezentrierung als die gedankliche Zurückstellung des Ichs schafft im Umgang mit Welt eine Haltung der inneren Aufmerksamkeit. Diese Haltung der inneren Aufmerksamkeit ist gleichbedeutend mit einer Wachheit für die äußeren Phänomene, die Epiphanien und Erscheinungen meines Alltags. Sie ist auch gleichbedeutend mit einer ideologischen Beweglichkeit – nicht Beliebigkeit! – die mir hilft, gedanklich und ideell umzukehren, zu wenden, zu verändern. Dezentrierung ist somit gleichbedeutend mit habitueller Aufmerksamkeit für die Welt.

Die Haltung der inneren Aufmerksamkeit, die Bereitschaft sich durch Welt dezentrieren zu lassen, hat neben der weltlichen oder auch alltäglichen Dimension auch eine nicht-weltliche, eine spirituelle Bedeutung. Welt-Offenheit und Gott-Offenheit sind nämlich beides Früchte dieser einen aufmerksamen Haltung. Die Haltung der Aufmerksamkeit öffnet die Augen für den Reichtum der physischen Welt, analog dazu aber auch für die dahinter liegenden, die meta-physischen Zusammenhänge.  Spirituell gewendet klingt das bei Rowan Williams in The Wound of Knowledge (2. Auflage, 1990) dann folgendermaßen:

„To be absorbed in the sheer otherness of any created order or beauty is to open the door to God, because it involves that basic displacement of the dominating ego without which there can be not spiritual growth.“ (180)

Dezentrierung ist somit nicht nur gleichbedeutend mit habitueller Aufmerksamkeit für die Welt, sondern sie überführt auch zu einer höheren Aufmerksamkeit für die Bedingungen der Möglichkeit von Welt.

 

Über die religiöse Rede von ‚Welt‘. Zu einer Fußnote von Karl Rahner.

In der religiösen Sprache ist immer wieder von ‚Welt‘ die Rede, zumeist dann in dualistischen Zusammenhängen: Die einen leben „im Kloster“, die anderen leben „in der Welt“. Die einen praktizieren Kontemplation und Gebet und ziehen sich „aus der Welt“ zurück; die anderen gehen einem „weltlichen“ Beruf nach. Es gibt „Weltpriester“ und „Ordensgeistliche“. Und  natürlich auch: Es gibt auf der einen Seite die „Kirche“ und es gibt auf der anderen Seite die „Welt“.

Wie kommt dieses dualistische Begriffschema zustande? Und welchen Sinn macht in diesem Zusammenhang die Rede von „der Welt“? Meinen Text zum Kirche-Welt-Dualismus von vor einiger Zeit möchte ich hier ergänzen:

Zuerst:

Der Dualismus der Begriffe kann nur idealtypisch verstanden werden, kann hier und da eine Verstehenshilfe sein, gerade dann, wenn man sich mit der Geschichte und dem Zusammenspiel der unterschiedlichen kirchlichen und staatlichen Strukturen beschäftigt . Jenseits dieser konkreten institutionellen Ebene wird der Dualismus aber eine wackelige Angelegenheit. Er hält kaum einer empirischen Bestandsaufnahme stand. Auf der Ebene der handelnden Akteure nämlich gibt es alle möglichen Verquickungen von religiösen und weltlichen Sphären:

  • Ordensschwestern, die zwischen den Gebetszeiten Honig herstellen und diesen im Klosterladen mit Gewinn verkaufen;
  • Laienchristen, ohne welche das kirchliche Leben von Liturgie, Gemeinschaft und Diakonie vor Ort zusammenbrechen würde;
  • verheiratete Theologinnen mit Familie, die tagsüber in einer kirchlichen Verwaltung arbeiten, nach Feierabend ein privates Seelsorgegespräch führen, um anschließend die Steuererklärung zu machen;
  • ein Priester, der sich als Pfarrer die meiste Zeit mit der Renovierung von Kirche und Gemeindehaus beschäftigt;
  • eine Politikerin, die in den Sitzungspausen des Parlaments den hauseigenen Raum der Stille für ein Gebet aufsucht;
  • ein Karthäuser, der für seine Mitbrüder täglich das Essen kocht;
  • eine Unternehmerin, die aus religöser Motivation heraus in ihrem Geschäft sich um ethische Standards und ein gutes Miteinander bemüht;
  • … .

Nur einige wenige Beispiele, die phänomologisch aufzeigen sollen, dass das, was Welt ist bzw. meint auch in der religiösen Sprache so einfach nicht zu umschreiben, festzuschreiben und von der Kirche zu trennen ist. Man sollte sich also schon aus diesem Grund dafür hüten, Kirche als der religiösen Sphäre und Welt zu schnell ein bestimmtes Wesen zuzuschreiben, sie zu verdinglichen. Kirche und Welt an und für sich gibt es nicht, wie es meine Gartenbank oder den Supermarkt an der Ecke gibt. Wir haben es hier, weltlich gesprochen, mit Deutungskategorien und im Falle der Kirche auch mit einem mehr oder minder institutionalisierten Kommunikationsraum zu tun, wie gesagt: weltlich gesprochen.

Wie können wir aber in der religiösen Sprache adäquat von Welt sprechen? Welches Sprechen von Welt hilft uns begrifflich, versteherisch weiter? In einem seiner Aufsätze zur Theologie der Laien gibt der katholische Intellektuelle Karl Rahner (1904-1984) in einer längeren Fußnote eine interessante Antwort:

 

(Quelle: Karl Rahner 1956/2005: Laie und Ordensleben. Überlegungen zur Theologie der Säkularinstitute, in: Ders.: Schriften zur Theologie, Bd. 16, S. 89)

Folgt man Karl Rahner an dieser Stelle, dann kann Welt religiös gesprochen auf zwei Weisen gedeutet werden:

  1. Sie kann – durchaus biblisch fundiert – sündige und erlösungsbedürftige Welt sein. Dieser Blick auf die Welt betont dann die transzendent-eschatologischen Dimensionen des religiösen Glaubens. Dieser ist ausgerichtet hin  auf die Überwindung der Welt in ihrer immanenten, sündhaften Gestalt. Welt ist das, was man letztlich hinter sich lassen möchte.
  2. Sie kann aber auch gute, geschaffene und damit göttlich gewollte Welt sein. Hier richtet sich der Blick auf die immanente Geschöpflichkeit als ein Geschenk Gottes. Es vollzieht sich hier  – aller Gebrochenheit zum Trotz – eine Affirmation konkreter irdischer Bezüge, die mitunter inkarnatorische Züge annehmen kann. Welt ist das, was die Bedingung der Möglichkeit auch meines religiösen Lebens ist.

Beide Welt-Sichten übersetzen sich – auch hier spricht Rahner idealtypisch – in zwei religiöse Grundhaltungen (Rahner auch: „Akzente“). Im ersten Fall ensteht eine individuelle Grundhaltung  des Weltentzugs und der Weltentsagung, die sich wiederum in einer bestimmten Lebensweise konkretisieren kann, die vor allem mit Verzicht (Ehe, Besitz, Freiheit) verbunden ist. Dieser Verzicht wird als Zeichen interpretiert, das auf die Vorläufikeit alles Irdischen hinweist. Die andere Grundhaltung formt ein konkretes Lebensprojekt auf der Basis einer grundsätzlichen Weltbejahung aus. Geschlechtlichkeit bzw. menschliches Beziehungsgeschehen, Material und Lebensgestaltung werden als Gabe interpretiert, die – mit der religiös-ethischen Brille betrachtet – freilich jeweils einer Anformung bedürfen, um auch als Geschenk erfahren zu werden.

Folgt man diesen Ausführungen Rahners, dann muss man schließen, dass Welt nicht eine abgetrennte Sphäre ist, die irgendwo jenseits des Kirchenraums und im Gegensatz zu diesem Kirchenraum „ist“. Welt ist vielmehr die grundsätzliche Verwobenheit, in welche sich der Mensch von Beginn an geworfen (Martin Heidegger) sieht. Wie sich der (religiöse) Mensch zu dieser Verwobenheit verhält, liegt an ihm und ihr selbst. Grundsätzlich „weltlich“ sind wir als Geschöpfe alle; ob ich diese Weltlichkeit dann eher asketisch oder eher affirmativ oder in einer Vermischung von Askese und Affirmation annehme, liegt beim religiösen Bewusstsein selbst.

Die Idee einer innerweltlichen Askese, wie sie Max Weber in Bezug auf bestimmte Formen des Protestantismus ins Spiel bringt, spielt bei Karl Rahner, zumindest an dieser Stelle, keine Rolle. Schon so ist aber klar: „Weltlich“ und „kirchlich“ sind begriffliche Zuschreibungen, die immer nur vorläufigen Charakter annehmen können. Die Wirklichkeit ist viel komplexer, als dass es ein solcher Dualismus letztgültig zum Ausdruck bringen kann.

Decentring International Relations

The other day I took again a plunge into the field of International Relations and read an academic article by Kimberly Hutchings entitled Decolonizing Global Ethics: Thinking with the Pluriverse (in: Ethics and International Affairs, Vol. 33, No. 2, 115-125).

The essay starts with the following statement: „There has been a recent growth in arguments for decolonizing dominant frameworks of normative thinking in international relations“ (115).

The dominant framework Hutchings means in this context is a „one world Euromodern ontology“ (116) or a „Western colonial modernity“ (119). As a result to decolonize means  „to mobilize resistance to modernity“ by stressing „the radical distinction between Western colonial modernity and other ways of being“ (116). In the context of the essay we should really say that „other ways of being“ mean other or alternative ways of viewing the world through word and deed, in theory and action. Hutchings refers to a body of literature which is highly critical of this dominance of a modern  framework, a dominance which apparently pushes other alternative frameworks out of the way. For this reason the essay supports a so-called pluriversal approach, even if it suggests a more refined way of thinking about this still quite novel concept. Pluri-versal means that „there are actually multiple worlds, ontologically different from the Euromodern world, and with different ethical and political implications“ (117). As there is more than one world view, we need to be more appreciative of other world views and need to acknowledge their distinct otherness.

What exactly, however, constitutes the mentioned Euromodern ontology? Unfortunately, the essay cites only a rather general, macro description: a cognitive distinction between nature and culture, hierarchical thought-patterns and a linear temporal conception (cf. 116). The essay – or better: the references mentioned by Hutchings – overlook the extreme pluriversality within modern thinking and institutions at the meso and micro-level. There is not one way of looking at the world (and its worlds) even from an assumed Modern point of view. Claiming that in the West we are all Modern monists, is simplifying things slightly.

The same holds true for those alternative ‚other‘ worlds. Where are they exactly? Who lives in them? And who writes about them, describes them, other than researchers who were raised and are socialised in the context of a modern intellectual framework? It is interesting that pluriversal thinking, as presented in the essay, feels obliged to make use of straightforward Modern concepts. Hutchings writes for example: „Pluriversal global ethics, therefore, is both proceduralist and substantive, essentially democratic in the way that it tackles ethical questions in world politics“ (119, emphasis added). This sounds quite conventionally Modern in my ears. Some degree of redundancy, then, qualifies this latest streak in International Relations; especially for those readers who are familiar with critical theory and liberation theology for example.

But readers should not be fooled. International Relations theory as well as any political theory is always in need of what I would like to call „decentring“. Hutchings and her references do have a point. But admitting our need for decentring goes hand in hand with the acknowledgement that we depend on yet another Modern invention: subjectivity. All our reasoning and theorizing is subjective, to a greater or lesser extent. We can only escape subjectivity – and that only for a fraction of a second, the impossible moment – if we practise the art of decentring, the art of taking other people and other world-views seriously until we let ourselves be questioned and pushed out of the centre of attention.

This seems to be Hutching’s point. We shouldn’t just exchange our Modern world-view – in International Relations and any other discipline – for another world-view. We should, rather, transform our way of thinking and normative theorizing. Hutching writes of

„the importance of the cultivation of particular kinds of virtue in the context of ethical practices of coexistence and collaboration. Pluriversal ethics is not about finding new ways of sorting out the meaning of justice but rather about finding new ways of relating to ourselves and to each other in our pursuit of whatever we may think of as justice.“ (121)

And a bit further down the essay she adds:

„I am suggesting, therefore, that taking pluriversality seriously means shifting our understanding of global ethics away from seeing it as a route to determining answers to questions of global justice and toward seeing it as an embodied, reflective practice contingently attached to specific goals and contexts.“ (123)

Hutchings, thus, asks for a pluriversal  approach of a second order: we don’t need another way of thinking, at least not primarily. Instead, we need another, more modest way of relating our thoughts with the thoughts of other people. It is no surprise to anyone familiar with the idea of decentring that Hutchings finishes her essay by saying that pluriversality

„focuses our attention on what it means to live with others without subsuming them into one world or another. It makes us think about how coexistence and collaboration work and the kinds of virtues and capacities they rely on and cultivate. A pluriversal ethics is not about finding out the right answers but about experiments in “being with.” It is not something that can be known in any satisfactory way; it is only something that can be done.“ (124)

It may sound odd, but this notion of „being with“ is again part of a specific tradition of thinking.  This practice of decentring, although it refers to the ways we relate to other people and their world-views, is in itself rooted in a specific world-view. Or at least it can be interpreted as such.

A master in formulating a theory of decentring – if such a thing is at all possible – is Rowan Williams. In his latest book „Christ. The Heart of Creation“ (London: Bloomsbury 2018) we find quotes – Christological statements – which are very close to what Hutchings has to say about pluriversality in ethics. Hold your breath as Rowan Williams ponders on Dietrich Bonhoeffer’s Christological writings:

„Christ’s essential identity lies in being pro nobis and pro me; Christ is who he is as the one who exits for my and our sake.“ (190)

„The only way of speaking truthfully about Jesus Christ is from that mutually defining relationship in which human existence responds to the summons to self-abandonment, life for the other, which is the life that Christ embodies, in history as in preaching and sacrament.“ (195)

„The Christological transformation of humanity is the transformation of all our constitutive relationships as humans so that they are now able to move more freely towards this maximal for-otherness.“ (204)

If we follow Rowan Williams, the Christian commitment is a lot about being changed, transformed, decentred in relation to other people, the whole of creation and God. Thinking and acting Christologically involves a radical promise of decentring my world-view in order to let myself be changed by something entirely „Other“. This results – in the human person of Jesus Christ –  in „the most radical imaginable embodiment of solidarity“ (ipid. 203).

Thinking and acting pluriversally, as sketched by Hutchings, is also a radical ethical experiment of (global) solidarity in which I allow the seemingly strange and other to rule my thoughts and normative theorizing.  Indeed, if we take the notion of pluriversality seriously, we don’t seem to be far away from a political theology of International Relations, a humble way of acting out global ethics.

Die ‚Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen‘ in der Hamburger Politikwissenschaft

Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen ist eine in der Soziologie und Geschichtswissenschaften viel zitierte – und kritisierte – Denkfigur. Den einen dient die Figur als heuristische Brille für die Beobachtung der modernen Gesellschaft; die anderen kritisieren ihren Gebrauch als Ausdruck eines temporal verzerrten Weltbildes, das den kolonialistischen Blick nie richtig abgelegt hat. In der Hamburger Politikwissenschaft trifft man die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen im Laufe der Jahre immer wieder an, dann aber zumeist im erstgenannten Sinne: Die Denkfigur möchte den historisch informierten Blick auf die Geschichte und Gegenwart schulen, um die durchaus flüssigen, neuen und wiederkehrenden gesellschaftlichen Wirkkräfte besser beschreiben zu können. In diesem Sinne wird das Theorem, als welches man die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen auch bezeichnen kann, von einigen Vertretern des sog. Hamburger Ansatzes der Kriegsursachenforschung ab der Mitte der 1990er Jahren ins Spiel gebracht.

Lesen Sie hier weiter:

https://politik100x100.blogs.uni-hamburg.de/conrad-retrospektive-gleichzeitigkeit-des-ungleichzeitigen/

 

Über den (vermeintlichen) Unterschied von Kirche und Welt

Im Folgenden verstehe ich Kirche als ein Kommunikations- und Handlungsgeflecht unter Menschen mit seinen besonderen Codes, speziellen Ritualen und ausgesuchtem Vokabular. Ich verstehe Kirche also nicht systematisch-theologisch, im Sinne ausgewählter Metaphern wie Volk Gottes, heiliger Rest, Herde, Leib Christi.

Wenn ich die Kirche als menschliches Kommunikations- und Handlungsgeflecht betrachte, dann liest man folgende Sätze, die im Raum der Kirche gerne verwendet werden, mit Befremden:

Die Kirche möge auf die Welt bzw. die Menschen zugehen.

Die Kirche möge sich der Welt gegenüber öffnen.

Der Graben zwischen Kirche und Welt möge überwunden werden.

So oder so ähnlich kann man es in vielen kirchlichen Verlautbarungen der pastoralen Art nachlesen. Mit Blick auf die oben gewählte – und freilich einseitige Perspektive – sind solche (und ähnliche) Sätze befremdlich, wenn nicht gar gänzlich unverständlich. Warum?

Die theologisch-begriffliche Unterscheidung von Kirche und Welt, die in den obigen Sätzen zu Grunde gelegt wird, setzt voraus, dass Kirche und Welt voneinander zu unterscheidende Einheiten sind. Diese werden dann je nach Standpunkt aufeinander bezogen. In einer inklusiven Bezogenheit haben Kirche und Welt sich etwas zu sagen, können voneinander lernen, können ohne einander nicht sein. Die eine braucht die andere zur eigenen Selbstberichtigung und Identitätsfindung. Dabei fällt mir auf, dass mir nur aus kirchlichen bzw. theologischen Kreisen solch eine Bezogenheit bekannt ist, nicht aber von wie auch immer gearteten weltlichen Kreisen. Kirche braucht hier also Welt, aber scheinbar nicht umgekehrt.

In einer exklusiven Bezogenheit sind Kirche und Welt durch einen gut gepflegten Graben voneinander getrennt. Vielleicht stehen sie sich sogar feindlich gegenüber. In der einen hat man Angst vor der anderen. Auch auch hier fällt auf: Nur aus der Kirche heraus werden solche Frontstellungen aufgebaut. Die Welt an sich, könnte man sagen, ist sich gar nicht ihrer selbst als Akteur bewusst, und es gibt keine mir bekannte Person oder Gruppe, die sich selbst als authentische Sprachrohr der Welt verstehen würde.

Die Kirche versteht sich also einmal als in der heutigen Welt befindlich oder ein andermal als gegenüber der heutigen Welt positioniert (vgl. Gerrit Spallek 2017: Welt, in: Christine Büchner & Gerrit Spallek (Hg.): Auf den Punkt gebracht. Grundbegriffe der Theologie, Ostfildern, 276). In beiden Unterscheidungsvarianten besitzen Kirche und Welt aber eine dezidiert geistliche Qualität. Es sind Orte, die Anlass zum – inklusiven bzw. exklusiven – Theologietreiben geben. Es sind voneinander unterscheidbare Essenzen.

Verstehe ich Kirche jedoch als Kommunikations- und Handlungsgeflecht und halte mich von Theologumena wie den eingangs erwähnten Metaphern fern, macht solch eine essentielle Unterscheidung – inklusiv wie exklusiv – wenig Sinn. Dann schaue ich auf räumliche Bezüge, auf menschliche Netzwerke und in kommunikative Prozesse. Dann stelle ich fest, dass das Kirchenmitglied von St. Paulus in Hinterdupfingen eben auch Partei- und Ratsmitglied ist. Dann stelle ich fest, dass die ehrenamtliche Vorsitzende des kirchlichen Hospizvereins von Oberdupfingen auch im Vorstand eines städtischen Krankenhauses arbeitet. Dann stelle ich fest, dass das kirchliche Bildungswerk von Mitteldupfingen der erste Ansprechpartner für die Volkshochschule für alle Fragen der Alphabetisierung in der Region Überdupfingen ist. Es gibt hier nur noch Akteure, keine Essenzen mehr.

Hier geht dann niemand auf niemand zu. Hier öffnet sich niemand für niemanden. Hier gibt es auch keinen Graben. Kirche und Welt lassen sich hier realiter kaum bis gar nicht unterscheiden, da sie sich im Lebensentwurf und im Alltag der handelnden Menschen vollkommen miteinander vermischen. Die oben angesprochene systematisch-theologische Unterscheidung, die idealtypisch durchaus Sinn machen mag, lässt sich beim Blick in die Praxis der Kirche-Welt-Beziehung nicht durchhalten. Es gibt hier schlicht keinen Unterschied zwischen Kirche und Welt, da Kirche als – nach Niklas Luhmann – Teilsystem der Welt als Gesellschaft ist. Kirche als Kommunikations- und Handlungsgeflecht ist je schon Teil von Welt.

Trotzdem hat es den Anschein, dass sich Kirche „immer wieder“ auf den Weg macht, die Welt zu suchen; und sich dann letztlich wundert, wenn sie nicht fündig wird. Denn die Welt ist schon längst da. Die Welt steht predigend auf der Kanzel. Die Welt sitzt singend in der Kirchenbank. Die Welt kniet betend vor dem Altar. Die Welt hilft dem Nächsten, wie sich selbst. Denn die Welt, das sind die Menschen mit ihrem Alltag, ihrem Leben.

Man kann es auch mit einem reichlich gewagten Syllogismus versuchen:

Jeder Mensch ist Welt.

Alle getaufte Menschen sind Kirche.

Also ist Kirche getaufte Welt.