Der „Rand der Gesellschaft“: über eine problematische Metapher kirchlicher Sprache.

Die Rede vom Rand der Gesellschaft ist in der Kirche derzeit sehr beliebt. Papst Franziskus hat mit seiner Aufforderung, die Kirche möge an die Ränder gehen bzw. die Randgebiete der Gesellschaft erreichen (u.a. Evangelii Gaudium, § 46) für eine Flut von Referaten, Bekundigungen, Selbstverpflichtungen gesorgt: Wir als Kirche wollen/sollen an die Ränder gehen. Nur: Wer vom Rand der Gesellschaft spricht, der wähnt sich selbst im Zentrum. Wenn ich von mir sage, dass ich (nun endlich mal) an die  Ränder gehen möchte, dann sage ich gleichzeitig aus, dass ich (irgendwie ganz selbstverständlich) im Zentrum angesiedelt bin.

Aus der entwicklungspolitischen Diskussion kennt man die Begriffe Zentrum und Peripherie und reflektiert sie kritisch als das, was sie eben sind: Metaphern für unterschiedliche, räumlich wahrgenommene Machtverteilung. Was in der metaphorischen Sprache Zentrum heißt, meint ganz konkret: Hier ist das Geld, hier ist das Wissen, hier sind die Ressourcen, hier werden kollektiv bindende Entscheidungen getroffen. Und Rand heißt folglich: kaum Geld, kaum geballtes Wissen, wenig Ressourcen und nur schwach vorgebrachte Interessen.

Wer an die Ränder gehen will, der sagt wenig über das aus, was er an den Rändern machen möchte. Er sagt aber viel darüber aus, wie es sich anfühlt im mutmaßlichen Zentrum beheimatet zu sein, wie Behaglichkeit sich dort mit Schuldgefühlen paart. Es sagt viel darüber aus, wie man Gesellschaft denkt und räumlich entwirft. Und da unterscheidet sich die Kirche offenbar wenig vom Rest der Gesellschaft.

Dabei ist die Intention, den Schwachen zu ihrem Recht zu verhelfen, urchristlich. Christlich müsste im Bezug auf die Schwachen aber eher vom Zentrum und Herz gesprochen werden und nicht vom Rand und der Peripherie. Denn ich kann mich nicht des Eindrucks erwehren, dass Jesus Christus zu seiner Zeit etwas gegen Menschen hatte, die sich im Zentrum von Gesellschaft und Religionsgemeinschaft wähnten: Reiche, Mächtige, Wissende. Ihm lagen andere näher am Herzen. Auch deshalb hat er sich am Karfreitag an den Rand einer Stadt aufgemacht; einem Rand, dem die Gesellschaft den gar nicht metaphorischen Namen „Schädelstätte“ gegeben hatte.

Eine Notiz zur politischen Metaphorik von Revolutionen

Ich zitiere aus einem Interview, das heute Morgen in der Sendung „Information und Musik“ des Deutschlandfunks ausgestrahlt wurde:

Ellmenreich: Sind Revolutionen so etwas wie Beschleuniger der Geschichte? Die bringen irgendwie Tempo in doch eher zähe Geschichtsverläufe.

von Randow: Das ist auch das Problem. Wenn der Geschichtsverlauf zu zäh ist und wenn nichts vorangehen will und wenn die alten Institutionen versuchen, die Veränderungen zu verhindern und den Deckel auf den Topf zu drücken, dann baut sich Spannung auf. Und wenn es nicht anders geht, dann wird diese Spannung gesprengt durch einen revolutionären Prozess.

Ellmenreich: Sie haben jetzt gerade den Topf genannt. Kann man diese Definition vielleicht von der Küche auch in die Physik holen und versuchen, es so herzuleiten: Druck erzeugt irgendwann Gegendruck und wenn der dann zu hoch ist, sucht er sich ein Ventil?

von Randow: Ja, so kann man es sagen. Ich habe mal bei der Bundeswehr eine Sprengausbildung gemacht und gelernt: Wenn Sie die brisante Mischung einkapseln, in Metall zum Beispiel, dann knallt es erst recht. Dann entsteht diese unglaubliche Detonation. Und wenn eine Diktatur beispielsweise, wie ich es in Tunesien erlebt habe, nicht bereit ist, dem Veränderungsdruck nachzugeben, dann kann es durchaus sein, dass diese Fesseln gesprengt werden in einem gewaltsamen plötzlichen Akt. Das sieht dann wie Beschleunigung aus, aber im Grunde genommen wird nur eine Veränderung nachgeholt, die schon lange fällig war.

Sprache ohne Metaphern ist nicht möglich, gar langweilig. Von daher ist den beiden Gesprächspartnern gar nichts vorzuwerfen. Doch heute morgen stand ich vor dem Radio und bin immer wieder über die bildhafte Sprache gestolpert, die an mich herangetragen wurde. Ich wurde förmlich dazu gedrängt, Staaten und Gesellschaften als Schnellkochtöpfe mir vorzustellen, mit Druckventil und allem Schnickschnack. Alternativ wurde mir das Bild einer hochexplosiven Dynamitstange angeboten, um die soziale Dynamik in einem Staat zu verstehen.

Diese Metaphern sind stark. Doch erklären sie etwas? Das möchte ich bezweifeln. Ich habe das Gefühl, dass unter der Bildlast der Metaphern die Wirklichkeit erdrückt wird bzw. heute morgen erdrückt wurde. Um an die sozialen Ursachen für gesellschaftlichen Unfrieden und Unruhe zu kommen, muss ich ausgreifen in meinen Erklärungsversuchen. Ich muss von wirtschaftlichen Zusammenhängen sprechen, von politischen Institutionen, von einzelnen Personen und Parteien, von Klientelismus, Patronage und Jugendarbeitslosigkeit.

Ich möchte nicht bezweifeln, dass die Gesprächspartner von heute Morgen hierzu auch in der Lage gewesen wären. Doch die rhetorische Wucht der benutzten Metaphern ersetzte in diesem Fall die genauere Analyse der Ursachen von politischer Revolution und sozialer Veränderung. Diesen Sprachstil könnte man essayistisch nennen; doch sollte auch jeder Essay darauf achten, dass Metaphern nicht zum Ersatz für etwas ambitioniertere Erklärungsversuche werden.

Gaelic Language and Puritan Religion on the Outer Hebrides

Ich dokumentiere hier einen Text, der im Mai 2003 in der Zeitschrift „Criomagan“ der Comunn Eachdraidh Nis/Ness Historical Society erschienen ist. Sprachliche Eigenheiten, die ich damals nutzte – teils aus Unwissen, teils aus Eitelkeit – habe ich nicht angepasst.

Coming to Nis, a community on the Isle of Lewis, from the mainland of Europe means crossing various borders. There is not only the official border between France and the UK and the semi-official one between England and Scotland. Leaving the Lowlands and entering the Highlands is, for the observant traveller, like crossing another frontier. The same is true for taking the ship over Cuan Sgìth: crossing borders without border control, beyond the invisible barrier a different country altogether is waiting. It might sound odd in the ears of some Nisaich that they should be something different to their fellow-Scots in Stirling or Inverness. An outsider like myself, however, does witness striking variations that seem to make Inverness rather look like some place at the South Coast than Nis. On the occasion of my latest visit to Nis in spring of this year, I tried to look deeper into the matter of the special traits of the Nisaich, traits they may well be attributed to folk all over Leòdhas and na Hearadh. When talking to people, I was focusing on the relationship between the Gaelic and evangelical religion, both, like also crofting, being special features of the place. I wondered whether there was any link to be made between the language and the religion, and although I did not delve into any elaborate scientific undertaking, I was quite surprised as to how much can be stated towards such a link. And, on a more thoughtful note, both Gaelic and evangelical religion in Nis and beyond seem to share also a common downward trend where people do not feel the need to keep their mother tongue alive and in the same way are less committed to a life based on personal piety and church worship.

 In the following, I would like to present some of the results of my wee ‘field trip’. They are taken out of an essay for university and have been reworked for Criomagan. I shall leave out all the historical bits, as they are to general in nature as to relate specifically to Nis. They are well covered in V. E. Durkacz: The Decline of the Celtic Languages, Edinburgh, 1983. Two editorial comments: Firstly, in my research, I focused on the local Free Church. Not that I excluded the other churches on purpose, the short visit, though, asked for some limitation. Secondly, I want to note that I received the worst mark ever in my lifetime as a student for the essay.  The professor commented that it had less to do with science than with impressionistic snapshots. I hope, therefore, that it will proof a good read!

 „There are still people often leading ordinary lives for whom Gaelic is fully alive and healthy, a finely honed instrument for the portrayal of a particular kind of Christian experience.“ (in: Derick Thomson 1980: Gaelic in Scotland: assessment and Prognosis, in: Haugen/McClure/Thomson (eds.): Minority Languages Today, Edinburgh, pp. 10-20) Spending a couple of days in the area of Nis, speaking with and listening to folks there, attending mid-week prayer meetings, it is right to say that the 1980 Thomson quote is a fair representation of my experience as well even some twenty years later. Both these elements, a’ Ghaidhlig and evangelical Presbyterianism, bestow the Nisaich as a local community and as individuals with a truly idiosyncratic character. It is quite true that the churches on the Western Isles do not regard themselves as keeper of a linguistic heritage as they will use whatever language suits best their purpose of spreading the Christian message. „One must remember that no matter how important a language may be, the Gospel of Jesus Christ and the salvation of never dying souls is more important“ was the comment of one person I interviewed. Similar statements I often heard when speaking to people in Nis. It is, however, equally true that those locals who define Gaelic as their mother-tongue, are far from happy to see ‘the Gaelic’ slowly withdraw out of church life and, moreover, ascribe some specific, if vague, attributes to a’ Ghaidhlig as a spiritual medium that English seems not to have. Remarks like ‘there is something special to Gaelic in church’ or ‘there is more reference in Gaelic than in English’ are common. There seems to be the notion that the loss of Gaelic would concomitantly result in the loss also of aspects of religious culture.

One hint towards such parallel decline is the gradual degradation of family worship which constitutes of a Scripture reading, prayers and possibly singing of a psalm or a laoidh. These daily occasions very much fostered a sympathy towards Gaelic in the past, and in particular towards Gaelic as a spiritual medium. Apparently, Gaelic is not replaced by English in these meetings but the meetings as such are discontinued. Another, though negative hint comes from the critical statement of one person outwith the Nis area who had left the church at some point in the past. This informant said in conversation that he/she would not mind the Gaelic to disappear as it would be an oppressive language; all, people would have had to read in the 19th century were religious texts, and Gaelic was nothing more but a medium of church oppression. In comparison, also those people may be found that state that there is no intrinsic difference between a’ Ghaidhlig and Beurla in church life and that notions of reference, etc. very much come out of the language preferences of the individual due to upbringing. 

Following this last statement, there would also be no major difference between the Gaelic and the English services in churches in the Nis-area, except for the fact that the latter one be attended more by the younger people. (This, however, is not quite true as we will see in a moment.) The churches in Nis then have to provide for altogether three groups (not including those who do not attend church): first those who prefer Gaelic services. Most of them are bilingual, but I was told that there are still some older people in the community that have difficulties with following an English service. As regards pondering on matters of theology or praying, bilingual Nisaich refer to Gaelic, or as one local emphatically put it: ”I speak to my God in Gaelic!” Second those who prefer English services. These services tend to be better attended and the congregation is generally of a younger complexion. It has to be stated, though, that some people may attend the English service on a Sunday mainly for the reason that, in Cros, it is in the evening and allows for a lie-in. And third the children who do not attend church but Sabbath school. Some decades ago, Sabbath school was a purely English-speaking gathering, reflecting the then still prevailing negative attitudes towards a’ Ghaidhlig. Today, with more children visiting Gaelic Medium Schools and generally an increased awareness for the Gaelic language, the Sabbath school in Cros is being held both in English and Gaelic, using for example the catechism in the latter language. The overall trend, however, is an increased use of English in church where in former times only Gaelic was spoken and heard. The first ever English sermon in an Eaglais Mhor was preached in May 1877 but regular services in the language were introduced only in the latter part of the 20th century. Today, one of the two Sunday services is in English whereas the Wednesday evening prayer meetings are mostly in Gaelic and the Thursday lunch time meeting is entirely Gaelic. Having a midday prayer meeting these days is rare if not unique. With some twenty people attending, it proofs to be  popular  for people staying and/or working locally. Referring to the increased use of English in church, one person was compelled to asked ”whether the anglicisation of worship has gone too far. Is their now too much English and not enough Gaelic taking in account of the significant number of youngsters coming through Gaelic Medium Education?”

To the outsider, prayer meetings and services very much look the same. Both will last for up to ninety minutes. Around a sermon of 30 to 45 minutes, prayers and psalm singing are clustered in addition to one Scripture reading, the basis for the sermon. With prayers during the prayer-meetings, the minister will ask any man who he deems suitable in leading. With the psalm singing, there are differences between a Gaelic and an English service. Whereas in a Gaelic service, a precentor, standing in front of the congregation, will sing the first line of a verse and the congregation will repeat it, in an English service the congregation will join the precentor as soon as he has offered the initial note, a line will be sung only once. To the outsider also the quality of the singing is markedly different. Whereas in English, words and some of the tunes may be familiar, the Gaelic psalm singing is bound to have a lasting effect on the listener, if only by the strangeness of its words and tunes. With CDs being produced and each biobull being provided with a specially edited section for psalm singing, each psalm gently modified so that it rhymes, Gaelic psalm singing is certainly one of the marked cultural features of a’ Ghaidhealtachd and widely practised throughout Nis. Also with the sermon, the style of presentation of a Gaelic sermon might differ considerably to its English equivalent, partly due to a rich and specialised lexicon and an elaborate grammatical structure that provide a challenge even for the more prolific speakers of a’ Ghaidhlig; and partly due to the séis. On the spiritual side, people refer to the séis as the work of the Holy Spirit in the preacher. On a more linguistic note, one might characterise it as a gradual rising and compressing of the pitch which focuses the full attention of the congregation towards the preacher speaking with the séis. The person employing it would treat the subject of his sermon in a rather circular manner, repeating whole sentences, leaving an issue unfinished and coming back to it again at a later stage. Important words or word-clusters would be elongated and considerable pauses implemented. Although the séis was more used in older days, maybe also because of regular outside gatherings, it may still be heard today, and is exclusively used in Gaelic services. It also seems to have some influence on how people pray publicly during the service, esp. in Gaelic but in parts also in English. Writing about the prayers of late Angus Morrisson, a local of Dail bho Thuath, one author asserts that he ”had a remarkable gift of prayer. (…) His prayers were often passionate pleadings, in which his face bore a tense expression, sometimes outpourings of gratitude, when his face shone. (…) The passion that swept through them, the rich vocabulary that expressed them, and the freedom with which they came pouring forth gave them an air of wonder. Every word was as clear as if fresh-minted, and withal he carried the congregation up to the gates of Heaven.” (N. MacFarlane: The “Men” of the Lews, Stornoway, 1924: 179f)

 I have mentioned just a few issues and phenomena which came up during my visit in Nis. The trend of gradual withdrawal of a’ Ghaidhlig in church is obvious and coincides with the contraction of Gaelic in the society at large. Certain features of Gaelic religious culture, like the séis, the special style of psalm singing and family worship seem to withdraw together with the linguistic terrain they used to flourish in. But whereas the contraction of Gaelic is often referred to in conversation with the Nisaich, issues of religious decline are more often described in terms of moral disintegration of Highland and Island life. The church and its people might feel engulfed in a sea of secularisation, referring to their own community as ‘a bhos – this side’ and to the outside world as ‘air falbh – away’, but such statements refer more to questions of morale and personal commitment to the Christian message and do not necessarily translate into a consciousness of what is being lost in terms of religious culture. It might well be true that the elements mentioned above provide only for a tenuous connection between the Gaelic language and the religious culture expressed in it and that, for the church, the spread of the Gospel in whatever language is of paramount importance. But it is equally true that in the past not much thought has given to the aspects of church life that might disappear together with a’ Ghaidhlig and the effects this might have on the individual and the community. Nevertheless, as more and more children come through Gaelic Medium Education and might expect to live out their religious life in a Gaelic milieu and as this milieu tends to be more traditional and devout in its religious life, it might proof essential to the Highland church to maintain a certain ‘Gaelicness’ in order not to loose its distinctive character and spirituality. At least to some degree, the fate of the church in Nis and a’ Ghaidhealtachd seems to be bound to the fate of language it is using.

                                                                                              Burkhard Conrad, August 2002

 

Die Welt zwischen den Sprachen. Über das Schreiben zweisprachiger Gedichte.

Ich schreibe jedes Jahr ein Gedicht zu Weihnachten und versende es, statt Karten sozusagen. Dieses Gedicht verfasse ich in deutscher und englischer Sprache. Der Grund für diese Zweisprachigkeit ist pragmatischer Natur: Einige meiner Freunde leben im Ausland und sind der deutschen Sprache nicht mächtig. Als die Zahl dieser Art Freunde irgendwann zunahm, begann ich mit der Übersetzung des jeweiligen Gedichts in die englische Sprache.

Dabei bekommen alle meine Bekannten – deutschsprachig oder nicht – beide Texte zugesandt, den deutschen und den englischen. Die einen lesen den deutschen Text, die anderen den englischen und wieder andere – jene, die sowohl deutsch als auch englisch sprechen – lesen beide Texte. So stelle ich es mir auf jeden Fall vor. Die Sache wird nicht systematisch abgefragt; das wäre für Weihnachtspost auch untypisch.

Als ich mit den zweisprachigen Gedichten begann, gestaltete es sich als der bloße Versuch einer Übersetzung bzw. Übertragung des deutschen Textes ins Englische. Es war sozusagen eine deutsch-englische Einbahnstraße. Das gelang manchmal besser, manchmal schlechter. Heutzutage lasse ich einen Muttersprachler über den englischen Text schauen, um die gröbsten Fehler daraus zu entfernen.

Zunehmend merke ich aber auch eines: Die Übertragung vom Deutschen ins Englische ist ein kreativer Prozess, vor allem bei einem Gedicht. Ich bemühe mich beim englischen Text nicht nur um technische Korrektheit, sondern auch um poetische Schönheit. Ich erfahre die Übertragung in eine andere Sprache als einen eigenen poetischen Prozess. Jeder professionelle Übersetzer wird diese doppelte Herausforderung kennen: Der übersetzte Text muss den richtigen Inhalt übermitteln und dafür die adäquate Sprache finden. Vor allem der zweite Punkt ist im Falle von Gedichten wesentlich.

Weil ich im Falle meiner Gedicht der Autor sowohl des deutschen als auch des englischen Textes bin, erlaube ich mir noch eine kleine Spielerei. Hier und da wage ich es, in der englischen Übertragung vom deutschen Ursprungstext weiter abzuweichen als es sprachlich notwendig wäre. Das heißt, ich verlasse die deutsch-englische Einbahnstraße. Ich mache dadurch auf den Weg, eine weitere Sinnebene zu entdecken. Diese Sinnebene liegt nicht in der einen, nicht in der anderen Sprache. Sie liegt sozusagen in dem fortwährenden Dazwischen: Zwischen dem deutschen und englischen Text öffnet sich unbestimmtes, aber durchaus erfahrbares semantisches Feld.

Der deutsche und der englische Text beginnen also miteinander zu kommunizieren. Der eine ist nicht einfach die fremdsprachige Übertragung des anderen. Der eine ist aber auch nicht einfach ein ganz und gar anderer Text. Es kann sogar passieren, dass ich aufgrund der Arbeit am englischen Text eine Stelle im deutschen Gedicht noch einmal überarbeite, verändere. Dieses Hin und Her zwischen den Sprachen hat seine ganz eigene Qualität.

Es entstehen – um ein Bild aus der Musik zu nutzen – poetische Obertöne zwischen den Sprachen. Dabei kann ich mich in meiner sprachlichen Übertragung nicht willkürlich vom Ausgangstext distanzieren, denn dann würde die Kommunikation zwischen dem deutschen und dem englischen Text abreißen. Ich baue vielmehr eine Distanz zwischen den beiden Texten auf, in welcher fortwährend der eine Text für den anderen Text erreichbar ist und umgekehrt. Dies tue ich nicht bewusst, sondern es geschieht vielmehr im poetischen Prozess selbst. Die Übersetzung ist nicht mehr „nur“ Übersetzung, und der Ursprungstext ist auch nicht mehr „nur“ der Ursprung.

Diese poetischen Obertöne beschreibt Rowan Williams so:

„This is indeed language under pressure deployed as a means of exploration, invoking associations which may be random in one way, yet generate a steady level of unsettling alternative or supplementary meanings in the margin of the simple lexical sense.“ (The Edge of Words, 2014, 133)

Sinn scheint es also nicht nur dort zu geben, wo es Sprache gibt. Sprachen können zwischen und außer sich auch Sinnwelten entstehen lassen bzw. zum Vorschein bringen. Wenn verschiedene Sprachen miteinander zu kommunizieren beginnen, gewinnt die sprachlich vermittelte Wirklichkeit an einer Tiefe, die vorher unbekannt war. Diese neue Tiefe lässt sich nicht sprachlich einfangen, sondern offenbart sich nur dort, wo die Differenz bleibend ist, aber nicht unüberbrückbar wird.

Die Welt zwischen den Sprachen ist nicht eindeutig. Ich kann als Dichter nicht über sie verfügen. Sie entsteht – möglicherweise – bei dem Leser meiner Gedichte, wobei ich mit einer bestimmten sprachlichen Konstruktion nur einen Anstoß geben kann. Für mich ist dabei die Einsicht wichtig, dass diese Welt nur dort entstehen kann, wo ich Differenz erfahre. Der Sinn des Textes liegt nicht nur im Deutschen, er liegt nicht nur im Englischen. Der Sinn liegt auch in den Zwischenräumen, in den semantischen Ritzen und Spalten, welche sich zwischen den Sprachen auftun.

 

Über pastorale Floskeln

Floskeln in der pastoraltheologischen Sprache der Kirche sind häufig. Viele Floskeln wurzeln in einem gut gemeinten und meist auch theologisch reflektieren Anliegen. Doch wenn man die Floskeln zu häufig nutzt, verbrauchen sie sich, worunter auch das dahinter liegende Anliegen leidet. Und was für Floskeln überhaupt gilt, trifft auch auf pastorale Floskeln zu: Sie ersetzen häufig das Denken.

Was heißt es zum Beispiel, wenn von der Kirche gesagt wird, sie müsse einen „Dialog mit der Welt“ führen? In Zeiten der sog. Neuevangelisierung ist dies eine gern genutzte Wendung. Letztlich stammt dieses Anliegen aus der Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils; die Wendung steht für den interessierten Blick von der Kirche nach außen. Doch wer führt hier einen Dialog mit wem? Die Kirche kann als ein Kollektiv und selbst – eine biblische Metapher – als Leib Christi selbst keinen Dialog führen. Schon gar nicht kann dies die Welt als solche. Hier stehen sich zwei abstrakte Einheiten gegenüber, denen – außerhalb der Theologie – nur eine kognitive Wirklichkeit beigemessen werden kann. Und wie kommt man eigentlich dazu, die Kirche als etwas zu verstehen, das – in dieser kognitiven Wirklichkeit – nicht Teil der Welt ist, mit der man meint im Dialog zu stehen?

Oder wie steht es um den Ausdruck, die „Kirche muss auf die Menschen zugehen“? Schon wieder taucht der ominöse Kollektivsingular ‚Kirche‘ auf, von dem gedacht wird, er könne irgend etwas aus sich selbst heraus tun. Dabei ist klar, dass aus handlungstheoretischer Sicht, auch in der Kirche Handlungen nur von Menschen ausgeführt werden. Diese Menschen werden von allerlei Motivationen getrieben, auch geistlichen. Doch es handelt nach außen hin nicht die Kirche an sich. Es handeln die Menschen, die sich als Glied der Kirche verstehen. Wenn Menschen der Kirche im Bewusstsein ihrer Kirchlichkeit mit anderen Menschen sprechen oder mit ihnen auf andere Weise im direkten Austausch stehen, dann geht „Kirche“ auf die Menschen zu. Jenseits dieser persönlichen Ebene ist der Kontakt von Kirche mit Menschen eine Fiktion.

Eine weitere, freilich sehr unscheinbare Floskel ist das in kirchlichen Stellungnahmen oft auftauchende „immer wieder“. In gehäufter Dichte findet es sich in Texten und Reden, die ein besonderes Maß an gutem Willen ausdrücken möchten. So zum Beispiel in der Rede von Walter Kardinal Kasper vor dem Kardinalskonsistorium vom Februar diesen Jahres (erschienen als: Walter Kardinal Kasper 2014: Das Evangelium von der Familie. Die Rede vor dem Konsistorium, Freiburg: Herder). Innerhalb weniger Sätze kommt hier das „immer wieder“ gehäuft vor: Die Familie sei „immer wieder“ von Hartherzigkeit bedroht. Sie müsse daher „immer wieder“ den Weg der Umkehr gehen. Dafür sei ein neues Herz notwendig, das „immer wieder“ neue Herzenbildung verlange. Nachsicht sei „immer wieder“ nötig, „immer wieder“ Zeichen des Wohlwollens. Letztlich: Das Band der Ehe sei „immer wieder“ neu zu festigen (ebd. 41f.).

Das „immer wieder“ ist die pastoraltheologische Formulierung für das heideggerische „je neu“. Beide Wendungen fordern eine nicht nur oberflächliche Veränderung in der Haltung des Adressaten ein. Nicht nur einmal ist etwas zu leisten, sondern in jedem Augenblick, „immer wieder“ ist die neue Haltung zu realisieren und die neu gewonnene Einsicht ins Bewusstsein zu rufen. Hinter der Floskel liegt, wie in den anderen Fällen pastoral-theologischer Floskeln, also durchaus ein berechtigtes Anliegen: Es geht um die Internalisierung einer reifen Menschlichkeit durch die nachhaltige Veränderung von Denken und Handeln. Ist man aber einmal auf das „immer wieder“ als eine gern gebrauchte Wendung aufmerksam geworden, stolpert man über die zwei Worte in (zu) vielen kirchlich-pastoralen Beiträgen. Gleichzeitig erkennt man: Möchte ich das „immer wieder“ verhindern, muss ich einiges an Denkleistung vollbringen, um das damit gemeinte, mit anderen, weniger floskelhaften Worten auszudrücken.

Wer zu viele Floskeln benutzt, der wird irgendwann ignoriert. Vielleicht ist das der Grund, weshalb viele gutgemeinten, pastoralen Texte von einem großen Teil der Öffentlichkeit nicht beachtet werden. Es gilt: Wer gehört werden will, muss immer wieder nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten suchen …