Ein Versuch über die körperliche Präsenz

Wir erleben derzeit einen großangelegten Feldversuch: Was heißt es, über einen längeren Zeitraum körperliche Distanz zwischen Menschen zu wahren? Wir sind derzeit aufgefordert, uns von Menschen zu distanzieren, uns von anderen fern zu halten. Dieses Gebot der Distanz bzw. Distanzierung bezieht sich auf die körperliche Nähe von (anderen) Menschen, denn von dieser körperlichen Nähe geht in Zeiten einer Pandemie eine unkalkulierbare Gefahr aus. Diese körperliche Distanz geht vielfach einher mit dem Bestreben, den Mitmenschen auf andere Weise als körperlich nahe zu sein: per Telefon, per Brief, per Videounterhaltung … .

So trifft man sich statt in einem physischen Raum in einem virtuellen Raum zu Besprechungen unter abwesenden Körpern. Man hört und schaut sich aber auch Konzerte auf dem Rechner an, die Musiker vom heimischen Wohnzimmer aus geben. Man sieht sich beim virtuellen Rundgang in einem Museum um. Und man schaut sich den Livestream eines Gottesdienstes an. In all diesen Geschehnissen ist man also irgendwie mit dabei, ist und nimmt teil ohne körperlich selbst präsent zu sein. 

Daniel Deckers schreibt in Bezug auf die daraus resultierenden Fragen für die Religionsgemeinschaften in der FAZ vom 11. April (S.1):

„Religion als kollektives, auf symbolische Kommunikation angelegtes und sich in gemeinsamen Körperpraktiken materialisierendes Sinnsystem ist aus der Öffentlichkeit nahezu vollkommen verschwunden. Das Internet ist dafür nur ein schaler Ersatz. Kein Bild kann Religion in ihrer Sinnlichkeit ersetzen, kein Ton das Überwältigende der Erfahrung gemeinsamen Hörens, Sprechens und vor allem des Singens ersetzen.“

Man muss Daniel Deckers in seinem apodiktischen Ton nicht folgen, doch seine grundlegende Diagnose des Problems scheint mir korrekt, und zwar nicht nur für die Religionsgemeinschaften: Die fehlende Körperlichkeit entzieht unseren religiösen, kulturellen, ästhetischen, intellektuellen Erfahrungen einen guten Teil ihrer Sinnhaftigkeit. Die Versuche der ausgebauten Online-Aktivitäten sind nie das Original, sondern der Ersatz.

Warum vollzieht sich beim Nicht-Original dieser Entzug von Sinn? Warum fühlt sich das Original „voller“ und „wirklicher“ an als der Ersatz?

Ein Vorschlag: Es fehlt beim Ersatz die mit der Körperlichkeit einhergehende Erfahrung von Aura. Man könnte auch sagen, die Atmosphäre geht verloren, wenn ich die Dinge  rein visuell und/oder akustisch wahrnehme ohne körperlich anwesend zu sein.  Damit geht die freilich bestreitbare Beobachtung einher, dass in seiner konkreten Leiblichkeit  der Mensch eine konkrete Situation auf spezifische Weise erfährt. Diese Spezifik bezieht sich auf das Besondere der zeitlichen und auf das Besondere der räumlichen Erfahrung. Beim Original wird nicht nur eine Auswahl von Sinnen angesprochen; alle Sinne tragen zur Erfahrung der Situation bei.

Christian Frevel buchstabiert dieses leibliche Erfahrungswissen in Bezug auf dessen biblische Quellen aus: Mund, Angesicht, Ohr usw. sind kommunikative Mittel. Aber sie sind auch mehr als das, da sie in ihrer Körperlichkeit weitergehende Sinnerfahrungen im kommunikativen Austausch mit der Umgebung ermöglichen (Christian Frevel 2016: Körper, in: Handbuch theologischer Grundbegriffe zum Alten und Neuen Testament, Darmstadt, 5. Auflage, 297ff.). Die Sinnesorgane sind keine kommunikativen Abstrakta. Sie sind konkrete Leiblichkeit. Sie sind Körper(teile), die mit ihrer Umgebung kommunizieren. Sie sind sozusagen leibhaftig.

Aura und Atmosphäre durch körperliche Präsenz geschieht einfach. Das ist aber einfacher gesagt als belegt. Wir erfahren Aura nämlich, ohne dass wir empirisch irgendeine Übertragung (Wellen, Strahlung, …) zwischen Körpern oder zwischen einem Körper und einem Gegenstand (z.B. einem Kunstwerk) belegen können. Aura haftet an den Dingen. Atmosphäre klebt an der konkreten zeitlichen und räumlichen Situation. Und dies beim Original viel mehr als bei der Kopie.

Weshalb pilgern Jahr für Jahre Tausende zur Mona Lisa in den Louvre, wenn man sie sich auch jederzeit als Poster ins Zimmer und als Hintergrundbild auf den Rechner holen kann? Weil sich Aura und Atmosphäre im körperlichen Mitdabeisein entwickelt und viel weniger in der (virtuellen) Vermittlung bzw. Repräsentation über Distanz hinweg. Diese distanzüberwindende Vermittlung ist keineswegs wertlos. Sie kann als vorübergehender Platzhalter wirken bzw. hilft bei funktional notwendiger Kommunikation sehr gut aus. Doch sie ist eben nicht das Original. Es handelt sich um eine Mangel-Erfahrung, die letztlich von der physischen Abwesenheit des Gegenübers perforiert ist.  Medien holen das Ferne in meine Gegenwart. Sie können die faktische Ferne aber nicht aus der Welt schaffen. Auf dem Weg der Vermittlung gehen die Dinge und auch die Menschen damit auch ihrer Aura verlustig.

Körperliche Präsenz und die damit einhergehende Erfahrung von Aura lassen sich also (noch ) nicht virtualisieren. Um die Aura des Anderen zu erfahren, muss ich in dessen räumliche Nähe treten. Ich muss mich sozusagen auch verbindlich dazu bekennen, für diesen Moment an Ort und Stelle zu sein. Ich pflege um des Anderen willen die vorbehaltlose Anwesenheit, auf jeden Fall äußerlich. Wenn ich in der Zeit und vor Ort in einer solchen Situation der Anwesenheit und Präsenz stecke, dann hat dies zur Folge, dass ich mich dieser Situation nur schwer entziehen kann. Ein Klick genügt nicht zum Entzug, sondern ich muss mich körperlich in Raum und Zeit bewegen und entfernen, dem Anderen gegenüber herausreden, der Situation sprichwörtlich den Rücken zu kehren. Die Verbindlichkeit der körperlichen Präsenz ist also in einem doppelten Sinn gegeben: Es braucht mein zeitliches und räumliches Bestreben, den Anderen nahe zu sein, in ihrer Anwesenheit zu sein. Es braucht aber auch einen ausgesprochen Willensakt, wenn ich diese Präsenz abbrechen möchte. Körperliche Präsenz schafft so Verbindlichkeit, ob ich es will oder nicht.

Das ist das Opfer körperlicher Präsenz: Ich setze mich der Macht der Aura des Anderen aus und gebe mein implizites Einverständnis, von dieser Aura womöglich verändert zu werden. Der willentliche Entzug dieser Aura durch körperliches Entfernen birgt ebenso die Gefahr, Opfer von Verletzung zu werden.  Das macht die körperliche Anwesenheit so wertvoll. Gleichzeitig wächst die Versuchung, dem Veränderungs- und Verletzungsrisiko, die mit der Aura des Anderen einhergehen, im virtuellen Raum aus dem Weg zu gehen. Wir halten uns die Dinge dann sprichwörtlich vom Leib. Für eine gewisse Zeit kann man dies machen. Auf die Dauer freue ich mich wieder auf die Atmosphäre des Originals: im Museum, im Gottesdienst, im Fußballstadion, im Leben überhaupt.

Österlicher Nachtrag:

 

 

 

Über die Konkretion im Augenblick

Wir denken gerne in großen Linien, in den vollumfänglichen Systemen, den ganzheitlichen Lehren und den überspannenden (und manchmal auch: überspannten) Theorien. Wir schätzen das Allgemeine und blicken auf das Konkrete oft nur in seiner exemplarischen Bedeutung. Gerade eben habe ich mein Kind darüber belehrt, dass zum Verstehen eines Textes in einem Schulbuch die allgemeine Aussage das wichtigste ist und das Beispiel erst dannach zu nennen sei.

Was nun H.G. Gadamer über die „Konkretion im Augenblick“ schreibt (in: Wahrheit und Methode, 328) lehrt mich, den Augenblick, das Konkrete, die Situation höher zu schätzen als es meine Belehrung dem Kinde es vermitteln wollte. Beides gehört nämlich zusammen: das Allgemeine und das Spezifische, die Kontinuität und der Augenblick.  Eine Einseitigkeit hin zu dem einen oder anderen ist eben das: einseitig.

Gadamer formuliert sein „Konkretion im Augenblick“ in Bezug auf das ethische Handeln, das sich, so Gadamer im Anschluss an Aristoteles, gerade in einer konkreten Situation – dem Augenblick – verwirkliche. Es verwirklicht sich im Handeln nicht eine allgemeine ethische Idee, sondern das Handeln im Augenblick generiert seinen eigenen ethischen Sinn. Damit wird man nicht gleich zum Situationisten, sondern lediglich zu einem Menschen, der weiß, dass jegliches Allgemeine in Recht, Politik, Spiritualität usw. stets nur auf die Realität Einfluss nehmen kann im Modus der Konkretion.

Das andere Extrem, die Dezisionisten, sind dann jene, welche im Augenblick der Entscheidung den alleinigen Ausdruck situativ ausgelebter und gültiger Wahrheit sehen. Gadamer schlägt sich auf deren Seite aber nicht. Er hält die hermeneutische Waage zwischen dem Verstehen „von oben“ her auf der einen Seite und einem Verstehen „von unten“ her auf der anderen Seite. Wo oben und unten zusammenkommen wird für ihn dann die „fordernde Situation des Augenblicks“ (ebd. 327) geboren. Hier wird, man mag folgern, Wort zu Fleisch.

Und dann sind da noch die Augenblicke, die einen bisher unerkannten Aspekt von Wirklichkeit auch ganz ohne Theorie und allgemeines (Vor-) Wissen enthüllen. Aus sich heraus und unvermittelt spricht die Situation Wahres aus, und ich erfahre im konkreten Augenblick: In den besten Fällen offenbaren sich Wahrheit und Wirklichkeit als ein und dasselbe. Hier und jetzt, an diesem Ort sind sie da. Der Augenblick wird so konkret: wirklicher und wahrer geht es nicht.

„Doctrine according to need“. John Henry Newman and the history of ideas.

Any history of ideas and concepts hinges on the observation that ideas and concepts change over time. This notion seems to be so self-evident that the question of why they change is rarely addressed.

Interestingly enough, it was only during the course of the nineteenth century that the notion of a history of ideas, concepts, and doctrines became widespread. Ideas increasingly became to be seen as contingent or “situational” as we might phrase it today. Ideas were no longer regarded as quasi-metaphysical entities unaffected by time and change. This hermeneutic shift from metaphysics to history, however, was far from sudden. It came about gradually and is still ongoing.

Please continue reading on the blog of the Journal of the History of Ideas.

Von Sturm und Feuer: Metaphern des Geistes.

Ich singe im Gottesdienst ein Lied mit. Es wird einigen Leserinnen und Lesern bekannt sein.

Komm, Heilger Geist, mit deiner Kraft, die uns verbindet und Leben schafft. Wie das Feuer sich verbreitet und die Dunkelheit erhellt, so soll uns dein Geist ergreifen, umgestalten unsere Welt.

Ich stocke und denke an die Waldbrände in Portugal, an die Bilder verbrannter Autos auf einer Landstraße, an die erschütternden Berichte der Überlebenden.

Die Gemeinde setzt das Lied fort:

Komm, Heilger Geist, mit deiner Kraft, die uns verbindet und Leben schafft. Wie der Sturm so unaufhaltsam, dring in unser Leben ein.

Nun schweige ich gänzlich. Ich denke an einen Gewittersturm, der wenige Tage zuvor über Norddeutschland fegte, Häuser abdeckte, Bäume umstürzte, Menschen tötete.

Ich weiß theoretisch, um die Sturm- und Feuermetaphorik in der christlichen Sprache vom Heiligen Geist. Sie geht zurück auf die Schilderung des Pfingstgeschehnisses in der Apostelgeschichte (Apg. 2, 2-3). Sie begegnet uns im deutschen Liedgut auf Schritt und Tritt. Einige Beispiele:

„Dich sendet Gottes Allmacht aus, im Feuer und in Sturmes Braus.“ (Gotteslob 342, 2).

„Der Geist des Herrn erfüllt das All mit Sturm und Feuersgluten.“ (Gotteslob 347, 1).

„Du unerschöpfter Quell des Lebens, allmächtig starker Gotteshauch, dein Feuermeer ström nicht vergebens. Ach zünd in unseren Herzen auch.“ (Evangelisches Gesangbuch 255, 6).

Die Metaphorik ist mir bekannt, trotzdem komme ich an diesem Abend abrupt zum inneren und äußeren Stillstand. Ich singe nicht mehr mit, weil die Metapher im Umfeld einer konkreten Situation – für den, der wach dafür ist – mehr als nur unpassend ist.

Ich frage mich: Verbrennt und tötet der Geist so, wie das Feuer in Portugal? Oder entwurzelt und zerstört der Geist so, wie der Sturm in Norddeutschland vor einigen Tagen? Nein, der Geist tut das nicht. Der Geist tut es auch nicht im übertragenen, metaphorischen Sinne.  Ich kann nicht vom Geist sprechen, als ob er ein Feuer wäre. Ich kann nicht zum Geist beten, als ob er ein Sturm wäre. Was für ein Geist wäre denn das, der mit den Worten von Sturm und Feuer annähernd korrekt beschrieben wäre?

Die Bildsprache kommt offenbar dort an ihre Grenze, wo der reale Hintergrund des benutzten Bildes – das wirkliche Feuer, der wirkliche Sturm – der vermuteten Intention der metaphorischen Aussage zuwiderläuft. Denn dass der Geist tötet und verbrennt, zerschmettert und verweht, gerade das will ich ja nicht von ihm aussagen. Ich möchte die Wirkmacht Gottes ja nicht mit den sogenannten natürlichen Übeln gleichsetzen.

Warum dann, frage ich mich, singen wir nicht andere Lieder, auf jeden Fall, nach der Erfahrung eines realen Feuers und eines wirklichen Sturms? Vielleicht weil jedes Bild in bestimmten Situationen Disonanzen erzeugen kann und man eben auch einmal darüber hinweg sehen muss, wenn nicht jeder Vers eines gesungenen Liedes 100% passt?

Vor Ort im Gottesdienst kann ich diese Frage nicht beantworten. Ich stelle mir die Frage zu diesem Zeitpunkt auch nicht. Ich weiß aber, dass es nur ein eines gibt, das ich in diesem Moment der Disonanz tun kann: schweigen.

 

Nachtrag vom 28. Mai 2020:

In englischen Kirchenliedern findet sich übrigens die gleiche Metaphorik. Ein Beispiel:

„O let it freely burn, Till earthly passions turn To dust and ashes in its heat consuming; And let thy glorious light Shine ever on my sight, And clothe me round, the while my path illuming.“ (R.F. Littledale)

Der Begriff der Situation und die Ideengeschichte

Der Begriff der Situation leidet daran, dass er auch in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung kaum über eine Art „sanctified common sense“ hinauskommt. Situation meint einfach das, was jeder so oder so schon darunter versteht, ohne dass man sich noch weiter darüber verständigen müsste. Letztlich meint der Begriff der Situation (nur) unsere Verortung in einem gegenwärtigen Netz von Interaktionen und Reflexionen, Erfahrungen und Erwartungen.  Dies mag man existentialistisch vertiefen, psychologisch ausbuchstabieren, soziologisch ausarbeiten. Wer sich hier tiefer einlesen möchte, sei auf den guten Übersichtsartikel im Historischen Wörterbuch der Philosophie verwiesen (HWPh Bd. 9, 924-937).

Bei aller Banalität hat der Begriff der Situation aber einige Reize, wobei mich hier vor allem die Vorzüge hermeneutischer Art interessieren. Der Ahnherr der zeitgenössischen Hermeneutik, Hans-Georg Gadamer, sprach in Wahrheit und Methode sogar von einer sogenannten „hermeneutischen Situation“. Angelehnt an das existentialistisch von Karl Jasper Vorgedachte schreibt Gadamer: „Man steht in ihr (der Situation, BC), findet sich immer schon in einer Situation vor, deren Erhellung die nie ganz zu vollendende Aufgabe ist.“ (Gadamer 1990: Wahrheit und Methode, 6. Auflage, Tübingen, 307). Und dezidiert von der hermeneutischen Situation schreibt Gadamer: Das sei „die Situation, in der wir uns gegenüber der Überlieferung befinden, die wir zu verstehen haben“ (ebd.). Gegenwartsbezogen ist die hermeneutische Situation also; bezogen auf das Zuvorgesagte ist sie; und letztlich ihrem Verständnis nach nicht vollständig zu durchschreiten.

Situationen sind zudem keine singulären Momenterscheinungen, sondern sie sind je schon eingebettet: in ein normatives, rhetorisches, sozialgeschichtliches, ideelles Umfeld. Dazu werden Situationen von jedem Betrachter stets und unwiderruflich durch eine bestimmte hermeneutische Brille gelesen. Der Blick in die Vergangenheit, der Weg des Verstehens, ist nie ohne solch eine Brille zu haben. Eine erste Frage, die sich im Umgang mit dem Begriff der Situation also stets stellt, ist die Bedeutung, die man dem weiteren Umfeld der Situation zuschreibt im Gegensatz zum eigentlichen, disruptiven situativen Augenblick. Und eine zweite Frage stellt sich bezüglich des eigenen Blicks auf diese Situation, der erwähnten Brille: Kann ich sinnvolle, beständige Aussagen treffen über einen historischen Augenblick, eine früher formulierte Idee, einen einst aufgekommenen Begriff? Oder muss ich mich damit abfinden, dass zwischen mir und der Geschichte ein unüberwindbarer Graben klafft?

In der Ideen- und Begriffsgeschichte kommt, drittens, immer einmal wieder die Frage auf, welche Bedeutung der kontinuierlichen, langfristigen Entwicklung von Begriffen oder Ideen zukommt und wie dagegen die diskontinuierlichen, eher kurzfristigen Veränderungen im Begriffsapparat und Ideenhaushalt einer Gesellschaft zu verstehen sind. So wurde in der Vergangenheit Reinhart Koselleck mit der Langfristbewegung der Begriffe in Verbindung gebracht und Quentin Skinner mit den kurzfristigen Veränderungen. Exemplarisch nachlesen lässt sich dies unter anderem bei Kari Palonen (2003: Die Entzauberung der Begriffe, Münster).

Die beschriebenen Polaritäten – Situation vs. Kontext bzw. Zugänglichkeit der Geschichte vs. trennender Graben bzw. Kurzfristigkeit vs. Langfristigkeit  – kommen dabei nur einem heutigen Bedürfnis nach Klarheit und Parteinahme entgegen. Die Zuspitzung hilft dem heutigen forschenden Subjekt, sich seiner eigenen Position im Gewebe der vielen möglichen Positionen zu versichern. Die Lösung liegt nicht in einem entweder-oder, aber auch nicht in einem zufälligen sowohl-als-auch, sondern in der gründlich hermeneutisch durchdachten, historisch fundierten, anspruchsvollen Begründung der eigenen Position.

Aber auch das ist wieder eine banale Feststellung. Diese Feststellung hat aber gar nicht so banale Folgen. Fordere ich nämlich eine ordentliche Begründung für meinen eigenen Blickwinkel auf die jeweilige „ideengeschichtlich Situation“ (Andreas Dorschel 2010: Ideengeschichte, Göttingen, 104) ein, dann sage ich zweierlei: Zum einen zwinge ich die Ideengeschichte auf konkrete, historisch-diskursive Zusammenhänge einzugehen, gründliches Quellenstudium zu betreiben, Ideen- und Sozialgeschichte zusammen zu bringen. Ich schaue mir somit eine konkrete Situation vertieft an und anerkenne sie als einen Ort des Verstehens. Zum zweiten stelle ich aber auch die Forderung auf, dass ich nicht einfach isolierte ideengeschichtliche  Situationen bzw. Stationen betrachte, sondern auch den Sinn für die größeren Zusammenhänge wahre. So versuchte bspw. Reinhart Koselleck in seiner Einleitung zu Geschichtliche Grundbegriffe die Ideologisierung, Politisierung, Säkularisierung und Verzeitlichung als einen solchen größeren Verstehenszusammenhang für die Begriffsgeschichte auszuweisen (vgl. Koselleck, Reinhart 1972: Einleitung, in: Otto Brunner/ Werner Conze/ Reinhart Koselleck (Hrsg.): Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Band 1, Stuttgart, S. XIII-XXVII).

In konkreten Situationen wird Ideengeschichte fortgeschrieben. Im bloßen Stieren auf die Situation schreibt sich aber noch keine Ideengeschichte. Es sind auch Fragen zu klären wie: Warum entwickeln sich Ideen fort? Wie entwickeln sich Ideen fort? Wohin entwickeln sich Ideen? Und welche realen Auswirkungen mag diese Entwicklung haben? Einen weiteren Beitrag zu diesen Fragen hoffe ich in Bälde nachliefern zu können. Denn ich mag den Anspruch nicht aufgeben, „in der Überlieferung für einen selber gültige und verständliche Wahrheit zu finden“ (Gadamer: Wahrheit und Methode, 309).

Nachtrag: Hier geht es zu dem angekündigten weiteren Beitrag.

Die Situation der Politischen Theologie – eine Notiz

Politische Theologie, sei sie als theoretisches oder als praktisch-politisches Vorhaben verstanden, entsteht grundsätzlich in einer bestimmten Situation. Diese banale Feststellung ist weniger gewöhnlich als es auf den ersten Blick zu sein scheint. Denn die Feststellung einer bestimmten Situation für das Entstehen von politischer Theologie impliziert mehrere Elemente:

Zum einen impliziert es eine Verwurzelung von politischer Theologie in einer bestimmten historischen Situation. Bei der Politischen Theologie handelt es sich nicht um ein geschichtstranszendentes Phänomen, sondern sie ist grundsätzlich mit einem historischen Kern ausgestattet. Dieser Kern wird im Argumentationsreservoir der Politischen Theologie wachgehalten. Jede politische Theologie reagiert auf bestimmte zeitgeschichtliche Konstellationen und antwortet diesen mit ebenso zeitgeschichtlich geprägten Argumenten bzw. Urteilen.

Die verschiedenen politischen Theologien verfügen dennoch über (mindestens) ein gemeinsames Strukturmoment. Denn die historische Situation wird  von den politischen Theologen, zweitens, meist als eine Zeit der schwerwiegende Krise empfunden. Politische Theologie entsteht in einer Art kollektiven „Grenzsituation“ (Karl Jaspers), die Menschen, Völker und Staaten vor existentielle Entscheidungen zu stellen scheint. Dabei wendet sich gerade die anti-liberale politische Theologie gegen jede Mäßigung, Moderation und liberale Gesinnung in der Bearbeitung dieser Krise. Solche Mäßigung gilt dem anti-liberalen politisch-theologischen Bewusstsein als Abfall von der Wahrheit. So nachzulesen zum Beispiel bei Carl Schmitt.

Historizität und Krisenwahrnehmung fügen sich bei der Politischer Theologie, drittens, zusammen zu einer spezifischen „rhetorischen Situation“ (Hans Blumenberg). Die Rhetorik dieser Situation besteht aus einem Duktus der beständigen Überbietung. Dies führt dazu, dass sich Politische Theologie zumeist nicht in öffentliche Debatten einbinden lässt, die um eine Rationalisierung des Diskussionsgegenstandes bemüht sind. Die Argumentationsstruktur vieler Politischer Theologie verweist gerade auf ein anti-rationales Moment, das sich über die Faktizität des Geschehens erhebt bzw. erheben möchte. In diesem Sinne ist Politische Theologie von ihrer ganzen Anlage her post-faktisch.

Historizität, Krisenempfinden und Überbietungsrhetorik: Diese drei Zutaten sind bei vielen Spielarten Politischer Theologie vorhanden, seien sie anti-liberal oder nicht.

Über die Rhetorik moralischer Situationen

In einem Text vor einigen Monaten sprach ich von dem Konzept der „rhetorischen Situation“, wie es Hans Blumenberg entwarf. Hier ging es um das fast schon urmenschliche Bedürfnis, sich in bestimmten kommunikativen Situationen rhetorisch zu entwerfen; dies auch, um einer offensichtlich Unbegründbarkeit der eigenen Position – sei es emotional oder rational – aus dem Weg zu gehen.

In seinem Essay „Werte. Warum man sie braucht, obwohl es sie nicht gibt“ (Stuttgart 2016) beschreibt der Philosoph Andreas Urs Sommer ganz ähnlich gelagerte, sogenannte moralische Situationen. Damit meint Sommer diskursive Momente, in denen unterschiedliche Moralansprüche mehr oder minder heftig aufeinander prallen. Konkurrenz bei gleichzeitiger Koexistenz von „Moralen“ (88) stellt Sommer fest und diagnostiziert gleich auch noch eine Zunahme solcher moralischer Situationen. Nach Sommer nimmt in unserer Gesellschaft die moralische Gleichgültigkeit ab, und als Folge davon neigen wir in immer mehr Kontexten dazu zu moralisieren.

In Anlehnung an die Fundamentalpolitisierung, wie sie Michael Th. Greven einmal mit Blick auf die moderne Gesellschaft festgestellt hat (in: Die politische Gesellschaft 1999), sieht Sommer also eine Art Fundamentalmoralisierung am Werk: Man kann in unserer Gesellschaft der Moral kaum noch aus dem Weg gehen, so allgegenwärtig scheint sie zu sein. In der Gegenwart gebe es, so Sommer, „eine Fülle von Situationen“, „in denen sich unterschiedliche Moralansprüche oder aber Moralansprüche und außermoralische (beispielsweise ökonomische oder politische) Ansprüche gegenüberstehen“ (Sommer 2016: 89). Moral ist also allgegenwärtig, aber gegenwärtig ist sie ganz und gar nicht in einheitlicher Form.

Sommer schreibt von einem „vermehrten Moralredebedarf“ (88). Dieser ist entstanden, so darf man den Freiburger Philosophen verstehen, da sich die moderne Gesellschaft einen mitunter anstrengenden Pluralismus leistet, welcher kaum noch weltanschauliche bzw. ideologische oder auch hierarchische Selbstverständlichkeiten kennt. Die Abnahme der Selbstverständlichkeiten macht es folglich notwendig, dass man sich über immer mehr Dinge diskursiv verständigen muss. Und daraus folgt auch, dass es immer mehr Situationen gibt, in denen sich konkurrierende Vorstellungen unversöhnt gegenüberstehen und Verständigung eben nicht möglich ist. In solchen Situationen der konkurrierenden Rhetoriken greift man dann gerne auf eine vermeintlich scharfe Waffe zurück, nämlich die moralische Keule. Man lädt die diskursive Situation rhetorisch auf, indem man ein vormals unschuldiges Thema hin zur Moral dreht. In den Worten Sommers: „Moralisierung ist ein ideales Instrument zur politischen Delegitimierung anderer sowie zur politischen Selbstlegitimierung“ (57).

So entsteht dann eine Art Situationsmoral oder Situationsethik. Das ist eine Moral bzw. Ethik, die aus der Not der Situation heraus entstanden ist, aber kaum den Anspruch erheben kann über diese Situation hinaus zu gelten. Diese Moral bzw. Ethik ist nicht langfristiger Natur, hat kein fortdauerndes Wesen. Sie wird vielmehr aus der Notwendigkeit geboren, in den vielen rhetorisch und moralisch aufgeladenen Situationen, in die wir geraten, jeweils einen Stich in der Hand zu haben gegen die Argumente des anderen; um somit zumindest dem Scheine nach auch das eigene Leben diskursiv einigermaßen zu bestehen.