Ludwig Wittgenstein und die „bestimmten Umstände“ des Sinns

Ich lese gerade Ludwig Wittgenstein „Über Gewißheit“ (Frankfurt 1970, hier zitiert nach der 15. Auflage 2020). Wittgenstein geht es in diesem Buch um die Frage, inwiefern man berechtigterweise davon ausgehen kann, dass man etwas mit Gewissheit wisse und behaupte.

Ich bin kein Wittgenstein-Experte und werde daher nur auf ein Detail eingehen, das mir bei der Lektüre aufgefallen ist. Nämlich:

Wittgenstein sagt, dass Sätze bzw. Äußerungen – in seiner Terminologie „Sprachspiele“ – nur „unter bestimmten Umständen“ Sinn machen. Sätze und Äußerungen sind also nicht grundsätzlich wahr und richtig. Sie sind wahr und richtig – d.h. „gewiss“ – nur in bestimmten Kontexten und Situationen. Ich zitiere Wittgenstein:

Die Laut-oder Schriftzeichen ‚2 x 2 = 4‘ könnten im Chinesischen eine andere Bedeutung haben oder aufgelegter Unsinn sein, woraus man sieht: nur im Gebrauch hat der Satz Sinn. Und ‚Ich weiß, daß hier ein Kranker liegt‘, in der unpassenden Situation gebraucht, erscheint nur darum nicht als Unsinn, vielmehr als Selbstverständlichkeit, weil man sich verhältnismäßig leicht eine für ihn passende Situation vorstellen kann und weil man man meint, die Worte ‚Ich weiß, daß …‘ seien überall am Platz, wo es keinen Zweifel gibt (also auch dort, wo der Ausdruck des Zweifels unverständlich wäre). (§10)

Es überrascht vielleicht, dass Wittgenstein sogar die mathematische Gleichung einklammert und das „Gewiss-über-deren-Richtigkeit-Sein“ nur in bestimmten Situationen gelten lassen möchte. Das macht aber gerade die Tiefe seines Zweifels aus; dieser Zweifel ist nicht mit einem beständigen Anzweifeln jeder Gewissheit, die Kommunikation ermöglicht, zu verwechseln. Vielmehr scheint es ein Zweifel zu sein, welcher vor einer vorschnellen Gewissheit und (Selbst-)Sicherheit in der Kommunikation schützen möchte; eben auch der Kommunikation einer mathematischen Gleichung.

Es gilt: Unsere Sätze machen nur „unter bestimmten Umständen“ (§622) oder gar „unter sehr besondern Umständen Sinn“ (§413). Auch scheinbar unauffällige Tatschenbehauptungen können keine universale und ewige Gültigkeit beanspruchen. Ein Satz wie „Das ist ein hölzerner Tisch“ macht in einem Möbelhaus und auf der Tischsuche ungleich mehr Sinn als im Verlauf eines Gesprächs im Rahmen eines  geselligen Abendessen, wo er sehr deplaziert wirken kann. Wir können uns bei unseren Sätzen bzw. Sprachspielen also nicht darauf zurückziehen, dass wir evtl. eine faktische Wahrheit ausgesprochen haben („Das ist ein hölzerner Tisch.“); unsere Sätze und Sprachspiele müssen sich auch unter den Umständen und in den Situationen, in denen sie verwendet werden, bewähren.

Im O-Ton Wittgensteins:

Wie ich aber den Satz außerhalb seines Zusammenhangs sage, so erscheint er in einem falschen Licht. (§554)

Satz und Kontext, Sprachspiel und Situation gehören immer zusammen. Nur wenn dieses Zusammenspiel bedacht ist, können Sätze und Sprachspiele so etwas wie Gewissheit beanspruchen; nur dann sind sie sinnvoll.

Geschichte und Gedächtnis – ein Gedanke zu einem Gedanken von Maria Stepanowa

Einen interessante Gedanken habe ich bei der russischen Essayistin Maria Stepanowa gefunden. In der Literaturzeitung „Sinn und Form“ (2020/1) schreibt Stepanowa:

„Wie verhält sich das persönliche, mit Affekten und Projektionen dichtbesetzte Gebiet des Gedächtnisses zum faktenbasierten Reich der Geschichte? Sind ihre Territorien identisch? Haben sie zumindest eine gemeinsame Grenze? In welche Beziehung stehen sie zueinander?“ (ebd. 22).

Ich lese den Satz von Stepanowa so, dass sie von einer idealtypischen Unterscheidung ausgeht, nicht von zwei sich nie zusammenfindenden Polen. Denn objektive Geschichte und subjektives Gedächtnis sind so weit nicht voneinander entfernt. Das Allgemeine und das Besondere sind ja immer schon miteinander verquickt.

Der Hintergrund von Stepanowas Frage steht Feststellung, dass sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten der persönliche Antrieb, familiäres, örtliches Gedächtnis zu rekonstruieren enorm ausgeweitet habe. Menschen versuchen ihre eigene Geschichte zu schreiben und bemühen sich auf diesem Wege, Teil einer größeren Erzählung zu werden. Stepanowa schreibt:

„Jenseits des individuellen zeichnen sich die Konturen eines größeren Projekts ab, und mit einem Mal fühlt man sich aufgehoben in einem Gemeinschaftswerk.“ (19)

Solch eine – in nenne es einmal – Sinnsuche ist im Zeitalter der modernen Entwurzelung und nach den Katastrophen des 20. Jahrhunderts mehr als verständlich. Das Individuum sucht seine eigenen Wurzeln in den Irrungen und Wirrungen des Weltgeschehens. Kritisch wird es nur, wenn diese Sinnsuche dazu neigt, Geschichte zu glätten, Ungereimtes, Unschönes aus der Erzählung zu verbannen. Die russische Essayistin kann hier auf Erfahrungen aus ihrem eigenen Land verweisen.

Geschichte und Gedächtnis, vermeintlich Objektives und vermeintlich Individuelles bleiben aber stets aufeinander bezogen. Ich kann, wie Stepanowa es herzhaft tut, das eine nicht als dezidiert wichtig und das andere als gänzlich unwichtig bezeichnen (vgl. 22). Geschichte und Gedächtnis geben sich jeweils die Klinke in die Hand. Es handelt sich um eine Erzählung, freilich mit vielen unterschiedlichen Dimensionen.

Geschichte im Singular, wie Reinhart Koselleck einmal feststellt, besteht aus Geschichten im Plural. Denn das Gedächtnis, das ich mithilfe meines Familienstammbaumes mir aufbaue, ist verbunden mit den Höhen und Tiefen der Weltgeschichte, mit Kriegen, Migrationsbewegungen, Missernten, Neuanfängen. Und die objektive Weltgeschichte existiert nicht jenseits der menschlichen Handlungen, ist selbst wieder eine konstruktive Kreatur unserer Taten und Untaten, unseres Segens und Fluchens. 

Das dritte Gedicht. Zur Metaphysik der Übersetzung.

Vor zwanzig Jahren begann ich, zu Weihnachten ein Gedicht zu schreiben und als Gruß zu verschicken. Statt Karten sozusagen. Die Zeit von Mitte November bis Mitte Dezember war ich mit dem Schreiben beschäftigt. Anschließend gin-gen die Briefe an Freunde und Familie. Dieser Rhythmus wiederholte sich Jahr für Jahr, stets mit einem neuen Gedicht.

Das Studium brachte mich um die Jahrtausendwende nach Schottland und in die Vereinigten Staaten. Zurück kam ich mit den Namen einiger neuer, englisch-sprachiger Bekannter in meinem Adressbuch. Der Verteiler für meinen Weihnachtsversand wurde damit internationaler. Das brachte die Notwendigkeit mit sich, den Versand des jährlichen Gedichts in sprachlicher Hinsicht barrierefrei zu gestalten. Ich begann also, meine Verse zu übersetzen. Auf der linken Seite des Blatts stand das deutsche Original, rechts eine englische Übersetzung. Diese Übersetzung war zu Beginn mehr als hemdsärmelig. Irgendwann fand sich eine kompetente Übersetzerin, die sich den englischen Text durchsah und die gröbsten Fehler beseitigte.

(…)

Es handelt sich hier um den Beginn eines Textes, der in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Geist und Leben. Zeitschrift für christliche Spiritualität“ (2/2020) erschienen ist. Hier geht es zur Ausgabe.

Wer Interesse am ganzen Text hat, melde sich bei mir bitte per Email.

Siehe auch den älteren Beitrag Die Welt zwischen den Sprachen.

Ein Versuch über die körperliche Präsenz

Wir erleben derzeit einen großangelegten Feldversuch: Was heißt es, über einen längeren Zeitraum körperliche Distanz zwischen Menschen zu wahren? Wir sind derzeit aufgefordert, uns von Menschen zu distanzieren, uns von anderen fern zu halten. Dieses Gebot der Distanz bzw. Distanzierung bezieht sich auf die körperliche Nähe von (anderen) Menschen, denn von dieser körperlichen Nähe geht in Zeiten einer Pandemie eine unkalkulierbare Gefahr aus. Diese körperliche Distanz geht vielfach einher mit dem Bestreben, den Mitmenschen auf andere Weise als körperlich nahe zu sein: per Telefon, per Brief, per Videounterhaltung … .

So trifft man sich statt in einem physischen Raum in einem virtuellen Raum zu Besprechungen unter abwesenden Körpern. Man hört und schaut sich aber auch Konzerte auf dem Rechner an, die Musiker vom heimischen Wohnzimmer aus geben. Man sieht sich beim virtuellen Rundgang in einem Museum um. Und man schaut sich den Livestream eines Gottesdienstes an. In all diesen Geschehnissen ist man also irgendwie mit dabei, ist und nimmt teil ohne körperlich selbst präsent zu sein. 

Daniel Deckers schreibt in Bezug auf die daraus resultierenden Fragen für die Religionsgemeinschaften in der FAZ vom 11. April (S.1):

„Religion als kollektives, auf symbolische Kommunikation angelegtes und sich in gemeinsamen Körperpraktiken materialisierendes Sinnsystem ist aus der Öffentlichkeit nahezu vollkommen verschwunden. Das Internet ist dafür nur ein schaler Ersatz. Kein Bild kann Religion in ihrer Sinnlichkeit ersetzen, kein Ton das Überwältigende der Erfahrung gemeinsamen Hörens, Sprechens und vor allem des Singens ersetzen.“

Man muss Daniel Deckers in seinem apodiktischen Ton nicht folgen, doch seine grundlegende Diagnose des Problems scheint mir korrekt, und zwar nicht nur für die Religionsgemeinschaften: Die fehlende Körperlichkeit entzieht unseren religiösen, kulturellen, ästhetischen, intellektuellen Erfahrungen einen guten Teil ihrer Sinnhaftigkeit. Die Versuche der ausgebauten Online-Aktivitäten sind nie das Original, sondern der Ersatz.

Warum vollzieht sich beim Nicht-Original dieser Entzug von Sinn? Warum fühlt sich das Original „voller“ und „wirklicher“ an als der Ersatz?

Ein Vorschlag: Es fehlt beim Ersatz die mit der Körperlichkeit einhergehende Erfahrung von Aura. Man könnte auch sagen, die Atmosphäre geht verloren, wenn ich die Dinge  rein visuell und/oder akustisch wahrnehme ohne körperlich anwesend zu sein.  Damit geht die freilich bestreitbare Beobachtung einher, dass in seiner konkreten Leiblichkeit  der Mensch eine konkrete Situation auf spezifische Weise erfährt. Diese Spezifik bezieht sich auf das Besondere der zeitlichen und auf das Besondere der räumlichen Erfahrung. Beim Original wird nicht nur eine Auswahl von Sinnen angesprochen; alle Sinne tragen zur Erfahrung der Situation bei.

Christian Frevel buchstabiert dieses leibliche Erfahrungswissen in Bezug auf dessen biblische Quellen aus: Mund, Angesicht, Ohr usw. sind kommunikative Mittel. Aber sie sind auch mehr als das, da sie in ihrer Körperlichkeit weitergehende Sinnerfahrungen im kommunikativen Austausch mit der Umgebung ermöglichen (Christian Frevel 2016: Körper, in: Handbuch theologischer Grundbegriffe zum Alten und Neuen Testament, Darmstadt, 5. Auflage, 297ff.). Die Sinnesorgane sind keine kommunikativen Abstrakta. Sie sind konkrete Leiblichkeit. Sie sind Körper(teile), die mit ihrer Umgebung kommunizieren. Sie sind sozusagen leibhaftig.

Aura und Atmosphäre durch körperliche Präsenz geschieht einfach. Das ist aber einfacher gesagt als belegt. Wir erfahren Aura nämlich, ohne dass wir empirisch irgendeine Übertragung (Wellen, Strahlung, …) zwischen Körpern oder zwischen einem Körper und einem Gegenstand (z.B. einem Kunstwerk) belegen können. Aura haftet an den Dingen. Atmosphäre klebt an der konkreten zeitlichen und räumlichen Situation. Und dies beim Original viel mehr als bei der Kopie.

Weshalb pilgern Jahr für Jahre Tausende zur Mona Lisa in den Louvre, wenn man sie sich auch jederzeit als Poster ins Zimmer und als Hintergrundbild auf den Rechner holen kann? Weil sich Aura und Atmosphäre im körperlichen Mitdabeisein entwickelt und viel weniger in der (virtuellen) Vermittlung bzw. Repräsentation über Distanz hinweg. Diese distanzüberwindende Vermittlung ist keineswegs wertlos. Sie kann als vorübergehender Platzhalter wirken bzw. hilft bei funktional notwendiger Kommunikation sehr gut aus. Doch sie ist eben nicht das Original. Es handelt sich um eine Mangel-Erfahrung, die letztlich von der physischen Abwesenheit des Gegenübers perforiert ist.  Medien holen das Ferne in meine Gegenwart. Sie können die faktische Ferne aber nicht aus der Welt schaffen. Auf dem Weg der Vermittlung gehen die Dinge und auch die Menschen damit auch ihrer Aura verlustig.

Körperliche Präsenz und die damit einhergehende Erfahrung von Aura lassen sich also (noch ) nicht virtualisieren. Um die Aura des Anderen zu erfahren, muss ich in dessen räumliche Nähe treten. Ich muss mich sozusagen auch verbindlich dazu bekennen, für diesen Moment an Ort und Stelle zu sein. Ich pflege um des Anderen willen die vorbehaltlose Anwesenheit, auf jeden Fall äußerlich. Wenn ich in der Zeit und vor Ort in einer solchen Situation der Anwesenheit und Präsenz stecke, dann hat dies zur Folge, dass ich mich dieser Situation nur schwer entziehen kann. Ein Klick genügt nicht zum Entzug, sondern ich muss mich körperlich in Raum und Zeit bewegen und entfernen, dem Anderen gegenüber herausreden, der Situation sprichwörtlich den Rücken zu kehren. Die Verbindlichkeit der körperlichen Präsenz ist also in einem doppelten Sinn gegeben: Es braucht mein zeitliches und räumliches Bestreben, den Anderen nahe zu sein, in ihrer Anwesenheit zu sein. Es braucht aber auch einen ausgesprochen Willensakt, wenn ich diese Präsenz abbrechen möchte. Körperliche Präsenz schafft so Verbindlichkeit, ob ich es will oder nicht.

Das ist das Opfer körperlicher Präsenz: Ich setze mich der Macht der Aura des Anderen aus und gebe mein implizites Einverständnis, von dieser Aura womöglich verändert zu werden. Der willentliche Entzug dieser Aura durch körperliches Entfernen birgt ebenso die Gefahr, Opfer von Verletzung zu werden.  Das macht die körperliche Anwesenheit so wertvoll. Gleichzeitig wächst die Versuchung, dem Veränderungs- und Verletzungsrisiko, die mit der Aura des Anderen einhergehen, im virtuellen Raum aus dem Weg zu gehen. Wir halten uns die Dinge dann sprichwörtlich vom Leib. Für eine gewisse Zeit kann man dies machen. Auf die Dauer freue ich mich wieder auf die Atmosphäre des Originals: im Museum, im Gottesdienst, im Fußballstadion, im Leben überhaupt.

Österlicher Nachtrag:

 

 

 

Über Rituale und Routinen

Als Reaktion auf meinen Beitrag zum Ritualdesign werde ich gefragt, was der Unterschied zwischen Ritualen und Routinen sei. Ein spontaner Versuch der Unterscheidung:

Rituale und Routinen haben gemeinsam:

  • ihren Wiederholungscharakter: Beide leben von einem Wiedererkennungsmerkmal, wobei ich den Verdacht hege, dass Routinen sich in höherem Tempo wiederholen als Rituale. Rituale können auch nur einmal jährlich – zum Beipiel zu Weihnachten – abgerufen werden; von Routinen würde man erwarten, dass sie häufiger – täglich, wöchentlich – vorkommen.
  • ihre Regelhaftigkeit: Rituale und Routinen unterliegen beide einem gewissen Schema der Abfolge und des Ablaufs. Ich stehe morgens auf, schaue in den Spiegel, wasche mir das Gesicht: eine klassische Routine. Hier macht sich aber auch ein Unterschied bemerkbar: Die Regeln der Routinen sind weniger ausdrücklich als die Regeln von Ritualen. Auch können die Regeln von Routinen schneller und spontaner verändert werden. Überhaupt würde man auch nicht von Regeln im normativen Sinne sprechen, sondern nur von Regeln im Sinne einer Regelhaftigkeit. Eine bestimmte Handlungsfolge kehrt immer wieder, sie muss aber nicht so wiederkehren.

Und so sind wir bei einigen Unterschieden:

  • Die Regeln der Rituale sind starrer als die Regelhaftigkeit von Routinen. Wie im vorangegangenen Text zum Ritualdesign angemerkt, sind aber auch die Ritualregeln keineswegs starr. Nichts auf der Welt ist unveränderlich, auch Rituale nicht. Routinen schon gar nicht.
  • Die Ritualregeln sind starrer, da sie oft auf einer – manchmal auch nur impliziten – Absprache im Kollektiv beruhen. Wenn Rituale spontan verändert werden, erzeugt dies im Kollektiv eine Irritiation und generiert Reaktionen, da die Erwartbarkeit des Regelablaufs unterlaufen wird. Routinen beziehen sich weniger auf Kollektive. Von Routinen spricht man eher mit Bezug auf das Handeln und Verhalten von einzelnen Menschen bzw. kleinen Gruppen.
  • Rituale – religiös wie mundan – fügen den regelmäßigen Handlungen eine übergeordnete Sinnebene hinzu bzw. sie streben diese Ebene an. Man praktiziert Rituale nicht nur, weil sie so schön sind und Spaß machen. Rituale beanspruchen, Bedeutung mit sich zu tragen. Routinen strukturieren zwar den Alltag in hohem Maße, tragen in sich aber keinen höheren Sinn.

Bei allen Unterschieden: Rituale und Routinen sind durch ein Kontinuum miteinander verbunden: Routinen können zu Ritualen sich auswachsen. Aber auch Rituale können so routinenhaft daherkommen, dass man ihre höhere Bedeutungsebene umsonst sucht.

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Vom Sinn des Lesens

Was lesen Sie gerade? Ich lese meist irgendeine Zeitung und ein Buch, mitunter auch eine Graphic Novel, eine Postkarte, Tweets, aber auch Konzeptpapiere, die Bibel, wissenschaftliche Aufsätze, Gedichte. Ich lese viel für die Arbeit, finde aber auch noch Zeit und Muße für die Lektüre vollkommen zweckfreier Texte.

Ich schreibe auch viel; auch hier in ganz unterschiedlichen Formaten: geschäftlich, wissenschaftlich, poetisch, persönlich.

Manches Lesen und Schreiben macht mehr Spaß als andere. Aber jedes Mal, wenn ich mich einem Text zuwende, sei es als Leser oder als Autor, ergibt sich hier die Möglichkeit, im Lesen und Schreiben Neues, Überraschendes zu entdecken. Ein weiterführender Gedanke kann sich ergeben. Eine Erkenntnis erschließt sich. Eine Dynamik des Wachstums wird erkennbar.

Das eigene Lesen und Schreiben führt also weiter: Ich entdecke einen neuen Gedanken oder stolpere über ein ungewohntes Sprachbild, verbinde das Neue mit schon vorhandenen Ideen und Metaphern. Und so weiter. So wächst in meinem Geist Stück für Stück ein sich ausbreitendes Netz aus Gedanken und Gedankenverknüpfungen heran. Und dieses Netz hilft mir dabei, die Welt, die Menschen und manchmal auch Gott besser zu verstehen.

Es macht Freude, bei mir selbst und bei anderen Menschen – gerade bei den Kindern – dieses geistige Wachstum in den offenen Raum hinein zu beobachten. Denn das geistige Wachstum des einen, kann auch das Wachstum des anderen anstoßen. Wir hören einander zu. Wir nehmen die Gedanken des Anderen aufmerksam wahr. So lernen wir. Und bei diesem Lernen erfahre ich etwas von der frohen Botschaft, dieser „Kraft Gottes, die selig macht alle die daran glauben.“ (Röm. 1, 16). Das Lernen ermöglicht uns tiefere Einblicke in die Wirklichkeit und Wahrheit der Dinge, wie sie von Gott her gewollt werden.

Dafür braucht es letztlich nicht viel: ein Buch, einen Bleistift, ein leeres Blatt und eine Zeit der konzentrierten Ruhe. In dieser Ruhe des Lesens und Schreibens findet sich die Kraft zum geistigen Wachstum. Dort findet sich – zumindest bruchstückhaft – eine Dynamik vom Sinn des Lebens.

 

Der Text ist als Teil einer Reihe von Morgenandachten entstanden, die vom 11. bis 15. Juni 2019 im NDR-Radio gesendet wurden. Bei der Arbeit an den Texten habe ich mich „verzählt“ und einen Text zuviel produziert. Diese überzählige Andacht wird in der Schriftform nun nach gereicht.

Vom Sinn des Lebens. Und von der Zweckfreiheit des Spiels.

In 5 Milliarden Jahren wird die Erde von der Kraft einer dann aufgeblähten Sonne verglühen. So prophezeien es die Astronomen. Ich frage mich: Was macht angesichts dieses – zugegebenermaßen – langfristigen Szenarios bleibenden Sinn? Oder etwas näher und dringlicher: In Zeiten von immer bedrohlicheren Sommerdürren, Sturzfluten und Artensterben: Welchen Sinn macht es, dass ich mich jeden Tag im Büro mit Kostenstellen, Aktenplänen und Projektskizzen herumschlage?

Was macht Sinn? Was trägt? Hinein in die Kluft der Zweifel und der Ängste? Und vielleicht auch über diese Kluft hinweg?

Erwartbar wäre nun an dieser Stelle die Antwort: Der Glaube an Gott macht Sinn. Das ist mir aber zu abstrakt. Ein Glaube an Gott musste schon für alles Mögliche herhalten, für allen möglichen Un-Sinn. Nur dort, wo dieser Glaube an Gott konkret wird in Handlungen und Haltungen, kann man seinen Sinn ertasten. Nur dort, wo dieser Glaube Menschen bewegt und deren Terminkalender bestimmt, ist er eine „Kraft Gottes zur Rettung für jeden, der glaubt“ (Röm. 1, 16). Das ist die Dynamik des Glaubens.

Wie wirkt diese Kraft? Wie macht sich dieser Sinn bemerkbar? Ein Beispiel aus dem alltäglichen Leben möchte ich geben: das Spiel. Ich spiele gerne mit meinen Kindern. Brettspiele, Ballspiele, Verstecken, Seilhüpfen, Turnen an der Stange. Im Spiel sind die Kinder und bin auch ich ganz gegenwärtig. Man könnte sagen: Wir sind im Spiel „eigentlich“. Irgendwann scheinen wir erwachsenen Menschen die Freude am Spielen zu verlieren. Wir stehen auf Spielplätzen dann wie die Ölgötzen herum, am liebsten mit einem Telefon in der Hand.

Stören wir uns vielleicht an der bloßen Zweckfreiheit des Spiels der Kinder? Wer beim Spielen genau hinschaut, der merkt: Die Zweckfreiheit erfüllt das Spiel erst mit Kraft, mit Sinn. Das Spiel, vor allem das gemeinsame Spiel lockt Lachen hervor, bringt geteilte Erfahrungen von Sieg und Niederlage zur Welt. Das Spiel macht Sinn, gerade wegen der Abwesenheit verbissener Ernsthaftigkeit. Das Spiel macht glücklich. Es heilt Wunden.

Genau dafür sind wir nach alter geistlicher Weisheit auf der Erde: Um des Glückes und des Heiles willen. Lasst uns also mehr spielen. Das macht Sinn.

 

Dieser Text ist Teil einer Serie von Radioandachten, die vom 11. bis 15. Juni vom Norddeutschen Rundfunk ausgestrahlt werden. Den vollständigen Text und einen Mitschnitt der Andachten finden sich unter www.radiokirche.de .