Über Rituale und Routinen

Als Reaktion auf meinen Beitrag zum Ritualdesign werde ich gefragt, was der Unterschied zwischen Ritualen und Routinen sei. Ein spontaner Versuch der Unterscheidung:

Rituale und Routinen haben gemeinsam:

  • ihren Wiederholungscharakter: Beide leben von einem Wiedererkennungsmerkmal, wobei ich den Verdacht hege, dass Routinen sich in höherem Tempo wiederholen als Rituale. Rituale können auch nur einmal jährlich – zum Beipiel zu Weihnachten – abgerufen werden; von Routinen würde man erwarten, dass sie häufiger – täglich, wöchentlich – vorkommen.
  • ihre Regelhaftigkeit: Rituale und Routinen unterliegen beide einem gewissen Schema der Abfolge und des Ablaufs. Ich stehe morgens auf, schaue in den Spiegel, wasche mir das Gesicht: eine klassische Routine. Hier macht sich aber auch ein Unterschied bemerkbar: Die Regeln der Routinen sind weniger ausdrücklich als die Regeln von Ritualen. Auch können die Regeln von Routinen schneller und spontaner verändert werden. Überhaupt würde man auch nicht von Regeln im normativen Sinne sprechen, sondern nur von Regeln im Sinne einer Regelhaftigkeit. Eine bestimmte Handlungsfolge kehrt immer wieder, sie muss aber nicht so wiederkehren.

Und so sind wir bei einigen Unterschieden:

  • Die Regeln der Rituale sind starrer als die Regelhaftigkeit von Routinen. Wie im vorangegangenen Text zum Ritualdesign angemerkt, sind aber auch die Ritualregeln keineswegs starr. Nichts auf der Welt ist unveränderlich, auch Rituale nicht. Routinen schon gar nicht.
  • Die Ritualregeln sind starrer, da sie oft auf einer – manchmal auch nur impliziten – Absprache im Kollektiv beruhen. Wenn Rituale spontan verändert werden, erzeugt dies im Kollektiv eine Irritiation und generiert Reaktionen, da die Erwartbarkeit des Regelablaufs unterlaufen wird. Routinen beziehen sich weniger auf Kollektive. Von Routinen spricht man eher mit Bezug auf das Handeln und Verhalten von einzelnen Menschen bzw. kleinen Gruppen.
  • Rituale – religiös wie mundan – fügen den regelmäßigen Handlungen eine übergeordnete Sinnebene hinzu bzw. sie streben diese Ebene an. Man praktiziert Rituale nicht nur, weil sie so schön sind und Spaß machen. Rituale beanspruchen, Bedeutung mit sich zu tragen. Routinen strukturieren zwar den Alltag in hohem Maße, tragen in sich aber keinen höheren Sinn.

Bei allen Unterschieden: Rituale und Routinen sind durch ein Kontinuum miteinander verbunden: Routinen können zu Ritualen sich auswachsen. Aber auch Rituale können so routinenhaft daherkommen, dass man ihre höhere Bedeutungsebene umsonst sucht.

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Vom Sinn des Lesens

Was lesen Sie gerade? Ich lese meist irgendeine Zeitung und ein Buch, mitunter auch eine Graphic Novel, eine Postkarte, Tweets, aber auch Konzeptpapiere, die Bibel, wissenschaftliche Aufsätze, Gedichte. Ich lese viel für die Arbeit, finde aber auch noch Zeit und Muße für die Lektüre vollkommen zweckfreier Texte.

Ich schreibe auch viel; auch hier in ganz unterschiedlichen Formaten: geschäftlich, wissenschaftlich, poetisch, persönlich.

Manches Lesen und Schreiben macht mehr Spaß als andere. Aber jedes Mal, wenn ich mich einem Text zuwende, sei es als Leser oder als Autor, ergibt sich hier die Möglichkeit, im Lesen und Schreiben Neues, Überraschendes zu entdecken. Ein weiterführender Gedanke kann sich ergeben. Eine Erkenntnis erschließt sich. Eine Dynamik des Wachstums wird erkennbar.

Das eigene Lesen und Schreiben führt also weiter: Ich entdecke einen neuen Gedanken oder stolpere über ein ungewohntes Sprachbild, verbinde das Neue mit schon vorhandenen Ideen und Metaphern. Und so weiter. So wächst in meinem Geist Stück für Stück ein sich ausbreitendes Netz aus Gedanken und Gedankenverknüpfungen heran. Und dieses Netz hilft mir dabei, die Welt, die Menschen und manchmal auch Gott besser zu verstehen.

Es macht Freude, bei mir selbst und bei anderen Menschen – gerade bei den Kindern – dieses geistige Wachstum in den offenen Raum hinein zu beobachten. Denn das geistige Wachstum des einen, kann auch das Wachstum des anderen anstoßen. Wir hören einander zu. Wir nehmen die Gedanken des Anderen aufmerksam wahr. So lernen wir. Und bei diesem Lernen erfahre ich etwas von der frohen Botschaft, dieser „Kraft Gottes, die selig macht alle die daran glauben.“ (Röm. 1, 16). Das Lernen ermöglicht uns tiefere Einblicke in die Wirklichkeit und Wahrheit der Dinge, wie sie von Gott her gewollt werden.

Dafür braucht es letztlich nicht viel: ein Buch, einen Bleistift, ein leeres Blatt und eine Zeit der konzentrierten Ruhe. In dieser Ruhe des Lesens und Schreibens findet sich die Kraft zum geistigen Wachstum. Dort findet sich – zumindest bruchstückhaft – eine Dynamik vom Sinn des Lebens.

 

Der Text ist als Teil einer Reihe von Morgenandachten entstanden, die vom 11. bis 15. Juni 2019 im NDR-Radio gesendet wurden. Bei der Arbeit an den Texten habe ich mich „verzählt“ und einen Text zuviel produziert. Diese überzählige Andacht wird in der Schriftform nun nach gereicht.

Vom Sinn des Lebens. Und von der Zweckfreiheit des Spiels.

In 5 Milliarden Jahren wird die Erde von der Kraft einer dann aufgeblähten Sonne verglühen. So prophezeien es die Astronomen. Ich frage mich: Was macht angesichts dieses – zugegebenermaßen – langfristigen Szenarios bleibenden Sinn? Oder etwas näher und dringlicher: In Zeiten von immer bedrohlicheren Sommerdürren, Sturzfluten und Artensterben: Welchen Sinn macht es, dass ich mich jeden Tag im Büro mit Kostenstellen, Aktenplänen und Projektskizzen herumschlage?

Was macht Sinn? Was trägt? Hinein in die Kluft der Zweifel und der Ängste? Und vielleicht auch über diese Kluft hinweg?

Erwartbar wäre nun an dieser Stelle die Antwort: Der Glaube an Gott macht Sinn. Das ist mir aber zu abstrakt. Ein Glaube an Gott musste schon für alles Mögliche herhalten, für allen möglichen Un-Sinn. Nur dort, wo dieser Glaube an Gott konkret wird in Handlungen und Haltungen, kann man seinen Sinn ertasten. Nur dort, wo dieser Glaube Menschen bewegt und deren Terminkalender bestimmt, ist er eine „Kraft Gottes zur Rettung für jeden, der glaubt“ (Röm. 1, 16). Das ist die Dynamik des Glaubens.

Wie wirkt diese Kraft? Wie macht sich dieser Sinn bemerkbar? Ein Beispiel aus dem alltäglichen Leben möchte ich geben: das Spiel. Ich spiele gerne mit meinen Kindern. Brettspiele, Ballspiele, Verstecken, Seilhüpfen, Turnen an der Stange. Im Spiel sind die Kinder und bin auch ich ganz gegenwärtig. Man könnte sagen: Wir sind im Spiel „eigentlich“. Irgendwann scheinen wir erwachsenen Menschen die Freude am Spielen zu verlieren. Wir stehen auf Spielplätzen dann wie die Ölgötzen herum, am liebsten mit einem Telefon in der Hand.

Stören wir uns vielleicht an der bloßen Zweckfreiheit des Spiels der Kinder? Wer beim Spielen genau hinschaut, der merkt: Die Zweckfreiheit erfüllt das Spiel erst mit Kraft, mit Sinn. Das Spiel, vor allem das gemeinsame Spiel lockt Lachen hervor, bringt geteilte Erfahrungen von Sieg und Niederlage zur Welt. Das Spiel macht Sinn, gerade wegen der Abwesenheit verbissener Ernsthaftigkeit. Das Spiel macht glücklich. Es heilt Wunden.

Genau dafür sind wir nach alter geistlicher Weisheit auf der Erde: Um des Glückes und des Heiles willen. Lasst uns also mehr spielen. Das macht Sinn.

 

Dieser Text ist Teil einer Serie von Radioandachten, die vom 11. bis 15. Juni vom Norddeutschen Rundfunk ausgestrahlt werden. Den vollständigen Text und einen Mitschnitt der Andachten finden sich unter www.radiokirche.de .

Über passives, aktives und pro-aktives Handeln

Aktives und passives Handeln: Gibt es da überhaupt einen Unterschied?

Es war Hannah Arendt, die zwischen Arbeiten, Herstellen und Handeln als unterschiedlicher Modi des menschlichen Wirkens unterschied, wobei sie dem Handeln die eigentliche kreative Kraft im Umfeld menschlicher Pluralität zuschrieb. Arendt schreibt in Vita activa: „In diesem ursprünglichsten und allgemeinsten Sinne ist Handeln und etwas Neues Anfangen dasselbe“ (ebd. 4. Aufl., München, 2006, 2015).

Nun kennt der alltägliche Sprachgebrauch, vor allem aber der geschäftliche Kreativ-Sprech, in Bezug auf das Handeln mindestens drei Abstufungen: (passives) Handeln, aktives Handeln und gar pro-aktives Handeln. Machen diese Unterscheidungen Sinn?

Zu erst: Was ist Handeln? Max Weber definiert noch vor Hannah Arendt das Handeln – und im Anschluss daran auch das Handeln in sozialen Bezügen – auf folgende Weise:

„‚Handeln‘ soll dabei ein menschliches Verhalten (einerlei ob äußeres oder innerliches Tun, Unterlassen oder Dulden) heißen, wenn und insofern als der oder die Handelnden mit ihm einen subjektiven Sinn verbinden. »Soziales« Handeln aber soll ein solches Handeln heißen, welches seinem von dem oder den Handelnden gemeinten Sinn nach auf das Verhalten anderer bezogen wird und daran in seinem Ablauf orientiert ist.“ (Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft, 5. Auflage, Tübingen 1972, 1.)

Dabei ist Weber wichtig, dass Handeln immer einer bestimmten Person zugeschrieben werden muss. Kollektive bzw. juristische Personen können nicht im eigentlichen Sinne handeln, nur die natürlichen Personen in diesen:

„Handeln im Sinn sinnhaft verständlicher Orientierung des eignen Verhaltens gibt es für uns stets nur als Verhalten von einer oder mehreren einzelnen Personen.“ (Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft, 5. Auflage, Tübingen 1972, 6.)

Bei Arendt generiert das Handeln Neues. Bei Weber generiert das Handeln Sinn.  Das ist beides nicht das Gleiche. Neues und Sinn sind aber auch nicht so weit voneinander entfernt, wie es auf den ersten Blick den Anschein hat. Ist aber die Unterscheidung in bloßes/passives, aktives und pro-aktives Handeln eine sinnvolle Unterscheidung? Nein und Ja.

Nein: Schon oben konnte man lesen, dass Weber das innerliche und äußerliche Tun, aber auch das passive Lassen und Dulden zum Handeln dazu zählte. Wichtig ist nur, dass diesem Handeln vom Handelnden ein Sinn zugeschrieben wird. Menschen, die reflexartig eine Fliege aus ihrem Gesichtskreis wegwischen, handeln nicht. Handeln ist ein sinnvolles sich Verhalten zur Welt und dieses sich Verhalten kann innerlich und äußerlich, sichtbar und unsichtbar, bewusst verändernd oder nur unterlassend vonstatten gehen. So sehen es auch die diversen Schuldbekenntnisse der Kirchen, die sich darauf beziehen, was einer „Gutes unterlassen und Böses getan“ hat. Handeln ist demnach weder per se passiv, noch aktiv oder pro-aktiv. Es ist einfach Handeln: der Versuch, sich sinnvoll zur Welt zu verhalten. Hannah Arendt würde es hier mit ihrem emphatischen Handlungsbegriff selbstverständlich nicht belassen.

Ja: In den Augen jener, die Handeln beobachten bzw. evaluieren bzw. motivieren wollen, macht eine Unterscheidung in bloßes/passives, aktives und pro-aktives Handeln Sinn. Denn die Steigerungsformen des Handelns werden rhetorisch ins Spiel gebracht, wenn es schneller, wuchtiger, entschiedener zugehen soll. Die Steigerung hat dort offenbar seinen Platz, wo ein Motivationsverstärker als Passivitätsüberwinder für nötig erachtet wird. Die Steigerungsformen machen also semantisch keinen Sinn. Sie sind vielmehr dem Feld der rhetorisch durchaus wirkmächtigen Floskeln zuzuschlagen. Wenn ich von mir behaupte, dass ich pro-aktiv eine Sache angehe, dann will ich damit ausdrücken, dass ich dies nun mit ganzer Entschiedenheit tun werde; oder besser: dass ich dies nun mit ganzer Entschiedenheit behaupte, dass ich es tun werde.

Auf der realen Ebene ist alles Handeln gleich. Es steht „im Gegensatz zu bloßem Naturgeschehen“ und formuliert einen „Bedingungszusammenhang von Handlung und Hand“, also einen Zusammenhang zwischen innerem und äußerem Bewegtsein bzw. Bewegtwerden (vgl. Historisches Wörterbuch der Philosophie, Band 3 G-H, Darmstadt, 1974, Sp. 992). Im rhetorischen Framing, also dem Rechtfertigungsdiskurs der unter Druck geratenen handelnden Person macht es aber einen Unterschied, ob ich von passivem Handeln, aktivem Handeln und pro-aktiven Handeln spreche. Dass diese Steigerungsformen semantisch letztlich leer sind, zeigt sich spätestens dann, wenn alle behaupten, sie würden nur noch pro-aktiv durch die Welt gehen. Spätestens dann ist man notgedrungen auf der Suche nach der nächsten Steigerungsvokabel.

Vielleicht gelangt man ja dann auch irgendwann einmal wieder zu der von Hannah Arendt etwas verächtlich dem aktiven Leben gegenüber gestellten vita contemplativa, der dezidierten Ablehnung jedes hyperkreativen Aktivismusgeredes.

Der Begriff der Situation und die Ideengeschichte

Der Begriff der Situation leidet daran, dass er auch in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung kaum über eine Art „sanctified common sense“ hinauskommt. Situation meint einfach das, was jeder so oder so schon darunter versteht, ohne dass man sich noch weiter darüber verständigen müsste. Letztlich meint der Begriff der Situation (nur) unsere Verortung in einem gegenwärtigen Netz von Interaktionen und Reflexionen, Erfahrungen und Erwartungen.  Dies mag man existentialistisch vertiefen, psychologisch ausbuchstabieren, soziologisch ausarbeiten. Wer sich hier tiefer einlesen möchte, sei auf den guten Übersichtsartikel im Historischen Wörterbuch der Philosophie verwiesen (HWPh Bd. 9, 924-937).

Bei aller Banalität hat der Begriff der Situation aber einige Reize, wobei mich hier vor allem die Vorzüge hermeneutischer Art interessieren. Der Ahnherr der zeitgenössischen Hermeneutik, Hans-Georg Gadamer, sprach in Wahrheit und Methode sogar von einer sogenannten „hermeneutischen Situation“. Angelehnt an das existentialistisch von Karl Jasper Vorgedachte schreibt Gadamer: „Man steht in ihr (der Situation, BC), findet sich immer schon in einer Situation vor, deren Erhellung die nie ganz zu vollendende Aufgabe ist.“ (Gadamer 1990: Wahrheit und Methode, 6. Auflage, Tübingen, 307). Und dezidiert von der hermeneutischen Situation schreibt Gadamer: Das sei „die Situation, in der wir uns gegenüber der Überlieferung befinden, die wir zu verstehen haben“ (ebd.). Gegenwartsbezogen ist die hermeneutische Situation also; bezogen auf das Zuvorgesagte ist sie; und letztlich ihrem Verständnis nach nicht vollständig zu durchschreiten.

Situationen sind zudem keine singulären Momenterscheinungen, sondern sie sind je schon eingebettet: in ein normatives, rhetorisches, sozialgeschichtliches, ideelles Umfeld. Dazu werden Situationen von jedem Betrachter stets und unwiderruflich durch eine bestimmte hermeneutische Brille gelesen. Der Blick in die Vergangenheit, der Weg des Verstehens, ist nie ohne solch eine Brille zu haben. Eine erste Frage, die sich im Umgang mit dem Begriff der Situation also stets stellt, ist die Bedeutung, die man dem weiteren Umfeld der Situation zuschreibt im Gegensatz zum eigentlichen, disruptiven situativen Augenblick. Und eine zweite Frage stellt sich bezüglich des eigenen Blicks auf diese Situation, der erwähnten Brille: Kann ich sinnvolle, beständige Aussagen treffen über einen historischen Augenblick, eine früher formulierte Idee, einen einst aufgekommenen Begriff? Oder muss ich mich damit abfinden, dass zwischen mir und der Geschichte ein unüberwindbarer Graben klafft?

In der Ideen- und Begriffsgeschichte kommt, drittens, immer einmal wieder die Frage auf, welche Bedeutung der kontinuierlichen, langfristigen Entwicklung von Begriffen oder Ideen zukommt und wie dagegen die diskontinuierlichen, eher kurzfristigen Veränderungen im Begriffsapparat und Ideenhaushalt einer Gesellschaft zu verstehen sind. So wurde in der Vergangenheit Reinhart Koselleck mit der Langfristbewegung der Begriffe in Verbindung gebracht und Quentin Skinner mit den kurzfristigen Veränderungen. Exemplarisch nachlesen lässt sich dies unter anderem bei Kari Palonen (2003: Die Entzauberung der Begriffe, Münster).

Die beschriebenen Polaritäten – Situation vs. Kontext bzw. Zugänglichkeit der Geschichte vs. trennender Graben bzw. Kurzfristigkeit vs. Langfristigkeit  – kommen dabei nur einem heutigen Bedürfnis nach Klarheit und Parteinahme entgegen. Die Zuspitzung hilft dem heutigen forschenden Subjekt, sich seiner eigenen Position im Gewebe der vielen möglichen Positionen zu versichern. Die Lösung liegt nicht in einem entweder-oder, aber auch nicht in einem zufälligen sowohl-als-auch, sondern in der gründlich hermeneutisch durchdachten, historisch fundierten, anspruchsvollen Begründung der eigenen Position.

Aber auch das ist wieder eine banale Feststellung. Diese Feststellung hat aber gar nicht so banale Folgen. Fordere ich nämlich eine ordentliche Begründung für meinen eigenen Blickwinkel auf die jeweilige „ideengeschichtlich Situation“ (Andreas Dorschel 2010: Ideengeschichte, Göttingen, 104) ein, dann sage ich zweierlei: Zum einen zwinge ich die Ideengeschichte auf konkrete, historisch-diskursive Zusammenhänge einzugehen, gründliches Quellenstudium zu betreiben, Ideen- und Sozialgeschichte zusammen zu bringen. Ich schaue mir somit eine konkrete Situation vertieft an und anerkenne sie als einen Ort des Verstehens. Zum zweiten stelle ich aber auch die Forderung auf, dass ich nicht einfach isolierte ideengeschichtliche  Situationen bzw. Stationen betrachte, sondern auch den Sinn für die größeren Zusammenhänge wahre. So versuchte bspw. Reinhart Koselleck in seiner Einleitung zu Geschichtliche Grundbegriffe die Ideologisierung, Politisierung, Säkularisierung und Verzeitlichung als einen solchen größeren Verstehenszusammenhang für die Begriffsgeschichte auszuweisen (vgl. Koselleck, Reinhart 1972: Einleitung, in: Otto Brunner/ Werner Conze/ Reinhart Koselleck (Hrsg.): Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Band 1, Stuttgart, S. XIII-XXVII).

In konkreten Situationen wird Ideengeschichte fortgeschrieben. Im bloßen Stieren auf die Situation schreibt sich aber noch keine Ideengeschichte. Es sind auch Fragen zu klären wie: Warum entwickeln sich Ideen fort? Wie entwickeln sich Ideen fort? Wohin entwickeln sich Ideen? Und welche realen Auswirkungen mag diese Entwicklung haben? Einen weiteren Beitrag zu diesen Fragen hoffe ich in Bälde nachliefern zu können. Denn ich mag den Anspruch nicht aufgeben, „in der Überlieferung für einen selber gültige und verständliche Wahrheit zu finden“ (Gadamer: Wahrheit und Methode, 309).

Nachtrag: Hier geht es zu dem angekündigten weiteren Beitrag.

Bloggen zwischen Sendungsbewusstsein und wissenschaftlichem Anspruch

Am letzten Tag des kürzlich in Hamburg zu Ende gegangenen Historikertags besuchte ich eine Session unter dem Titel „Schaufenster in die Blogosphäre: 2-Minuten-Präsentationen“ moderiert von Mareike König (Paris) und Karoline Döring (Innsbruck). Vorgestellt wurden verschiedene geschichtswissenschaftliche Blogs in (etwas mehr) als zwei-minütigen Präsentationen. Auf dem Blog von Teresa Winderl findet sich ein Bericht zu dieser Session.

Als absehbar war, dass aus den Reihen der eigentlichen TeilnehmerInnen des Historikertags – ich hatte mich eigens für die Sessions von extern dazu gesellt – keine weiteren Beiträge für die Session mehr zu erwarten waren, bot ich an, dass ich meinen Blog vorstellen könnte. Dieser läuft ja seit einiger Zeit unter dem Untertitel „ideengeschichtliches Blog“ – ein gewisser historischer Blick ist mir also durchaus ein Anliegen. Ich fühlte mich also nicht ganz fehl am Platz.

Bei meiner kurzen Präsentation fiel mir spontan ein, was meinen Blog von anderen vorgestellten – „streng“ wissenschaftlichen – Blogs unterscheidet. Es ist dessen Zwitterstellung zwischen Sendungsbewusstsein und wissenschaftlichem Anspruch.

Das religiös imprägnierte Sendungsbewusstsein kommt in meinem Blog immer wieder zu tragen. Das ist nicht zu verleugnen. Gleichzeitig erscheint es selten in Form einer „direkten Mitteilung“ (S. Kierkegaard). Vielmehr drückt sich das Sendungsbewusstsein dadurch aus, dass ich meine Themen aus dem meist unbewussten Bewusstsein heraus aufgreife, dass es mir irgendwie auch um die Wahrheit, um den Sinn, um das große Ganze, um die Wirklichkeit hinter unserer Wirklichkeit geht. So stelle ich es mir auf jeden Fall gerne vor … .

Dieses Sendungsbewusstsein wird in meinem Fall durch einen wissenschaftlichen Anspruch eingehegt bzw. kanalisiert. Bei der Session in Hamburg beschrieb ich diesen Anspruch, indem ich darauf verwies, dass es mir wichtig sei, mindestens ein korrekt ausgewiesenes Zitat in jedem Beitrag zu nutzen. Dieser Minimalanspruch – nicht immer durchgehalten! – erwächst auch aus dem Wissen, dass Ideengeschichte letztlich Arbeit an Texten bzw. mündlichen oder schriftlichen Debattenbeiträgen  ist. Daher kommt kein ideengeschichtlicher Text ohne Zitate aus, auch im virtuellen Raum. Dies korrespondiert mit der Unverzichtbarkeit von Quellen in den historischen Disziplinen überhaupt.

So wandle ich hier auf rotsinn seit 4,5 Jahren zwischen dem unabweisbaren Sendungsbewusstsein und dem Anspruch auf Wissenschaftlichkeit. Das mag Leserinnen und Leser auf den beiden Seiten jeweils auf ihre Weise verstören. Doch das ist Teil dieses Projekts: ein Beitrag zu leisten zur positiven Irritation, Lockerung  und Dezentrierung festgetretener ideeller Sedimente.

Die Welt zwischen den Sprachen. Über das Schreiben zweisprachiger Gedichte.

Ich schreibe jedes Jahr ein Gedicht zu Weihnachten und versende es, statt Karten sozusagen. Dieses Gedicht verfasse ich in deutscher und englischer Sprache. Der Grund für diese Zweisprachigkeit ist pragmatischer Natur: Einige meiner Freunde leben im Ausland und sind der deutschen Sprache nicht mächtig. Als die Zahl dieser Art Freunde irgendwann zunahm, begann ich mit der Übersetzung des jeweiligen Gedichts in die englische Sprache.

Dabei bekommen alle meine Bekannten – deutschsprachig oder nicht – beide Texte zugesandt, den deutschen und den englischen. Die einen lesen den deutschen Text, die anderen den englischen und wieder andere – jene, die sowohl deutsch als auch englisch sprechen – lesen beide Texte. So stelle ich es mir auf jeden Fall vor. Die Sache wird nicht systematisch abgefragt; das wäre für Weihnachtspost auch untypisch.

Als ich mit den zweisprachigen Gedichten begann, gestaltete es sich als der bloße Versuch einer Übersetzung bzw. Übertragung des deutschen Textes ins Englische. Es war sozusagen eine deutsch-englische Einbahnstraße. Das gelang manchmal besser, manchmal schlechter. Heutzutage lasse ich einen Muttersprachler über den englischen Text schauen, um die gröbsten Fehler daraus zu entfernen.

Zunehmend merke ich aber auch eines: Die Übertragung vom Deutschen ins Englische ist ein kreativer Prozess, vor allem bei einem Gedicht. Ich bemühe mich beim englischen Text nicht nur um technische Korrektheit, sondern auch um poetische Schönheit. Ich erfahre die Übertragung in eine andere Sprache als einen eigenen poetischen Prozess. Jeder professionelle Übersetzer wird diese doppelte Herausforderung kennen: Der übersetzte Text muss den richtigen Inhalt übermitteln und dafür die adäquate Sprache finden. Vor allem der zweite Punkt ist im Falle von Gedichten wesentlich.

Weil ich im Falle meiner Gedicht der Autor sowohl des deutschen als auch des englischen Textes bin, erlaube ich mir noch eine kleine Spielerei. Hier und da wage ich es, in der englischen Übertragung vom deutschen Ursprungstext weiter abzuweichen als es sprachlich notwendig wäre. Das heißt, ich verlasse die deutsch-englische Einbahnstraße. Ich mache dadurch auf den Weg, eine weitere Sinnebene zu entdecken. Diese Sinnebene liegt nicht in der einen, nicht in der anderen Sprache. Sie liegt sozusagen in dem fortwährenden Dazwischen: Zwischen dem deutschen und englischen Text öffnet sich unbestimmtes, aber durchaus erfahrbares semantisches Feld.

Der deutsche und der englische Text beginnen also miteinander zu kommunizieren. Der eine ist nicht einfach die fremdsprachige Übertragung des anderen. Der eine ist aber auch nicht einfach ein ganz und gar anderer Text. Es kann sogar passieren, dass ich aufgrund der Arbeit am englischen Text eine Stelle im deutschen Gedicht noch einmal überarbeite, verändere. Dieses Hin und Her zwischen den Sprachen hat seine ganz eigene Qualität.

Es entstehen – um ein Bild aus der Musik zu nutzen – poetische Obertöne zwischen den Sprachen. Dabei kann ich mich in meiner sprachlichen Übertragung nicht willkürlich vom Ausgangstext distanzieren, denn dann würde die Kommunikation zwischen dem deutschen und dem englischen Text abreißen. Ich baue vielmehr eine Distanz zwischen den beiden Texten auf, in welcher fortwährend der eine Text für den anderen Text erreichbar ist und umgekehrt. Dies tue ich nicht bewusst, sondern es geschieht vielmehr im poetischen Prozess selbst. Die Übersetzung ist nicht mehr „nur“ Übersetzung, und der Ursprungstext ist auch nicht mehr „nur“ der Ursprung.

Diese poetischen Obertöne beschreibt Rowan Williams so:

„This is indeed language under pressure deployed as a means of exploration, invoking associations which may be random in one way, yet generate a steady level of unsettling alternative or supplementary meanings in the margin of the simple lexical sense.“ (The Edge of Words, 2014, 133)

Sinn scheint es also nicht nur dort zu geben, wo es Sprache gibt. Sprachen können zwischen und außer sich auch Sinnwelten entstehen lassen bzw. zum Vorschein bringen. Wenn verschiedene Sprachen miteinander zu kommunizieren beginnen, gewinnt die sprachlich vermittelte Wirklichkeit an einer Tiefe, die vorher unbekannt war. Diese neue Tiefe lässt sich nicht sprachlich einfangen, sondern offenbart sich nur dort, wo die Differenz bleibend ist, aber nicht unüberbrückbar wird.

Die Welt zwischen den Sprachen ist nicht eindeutig. Ich kann als Dichter nicht über sie verfügen. Sie entsteht – möglicherweise – bei dem Leser meiner Gedichte, wobei ich mit einer bestimmten sprachlichen Konstruktion nur einen Anstoß geben kann. Für mich ist dabei die Einsicht wichtig, dass diese Welt nur dort entstehen kann, wo ich Differenz erfahre. Der Sinn des Textes liegt nicht nur im Deutschen, er liegt nicht nur im Englischen. Der Sinn liegt auch in den Zwischenräumen, in den semantischen Ritzen und Spalten, welche sich zwischen den Sprachen auftun.