Die Kritik der Kritik – Was könnte man an „Laudato si“ auszusetzen haben?

Ich bereite einen Vortrag über die Enzyklika von Papst Franziskus vor. Darin werde ich darauf eingehen müssen, dass das Lehrschreiben – bei all seiner Weite und Größe – nicht perfekt ist. Darauf haben schon Daniel Deckers und Jan Grossarth in der FAZ hingewiesen. Was könnte man also an Papst Franziskus‘ Schreiben auszusetzen haben?

  1. Lesen wir das Lehrschreiben streng, dann bleibt uns eigentlich nichts anderes übrig als Veganer bzw. Frutarier zu werden. Der Papst gibt uns nämlich keine Richtschnur an die Hand, mit deren Hilfe wir über eine gesunde und maßvolle Nutzung der Natur wählen könnten. Alles ist eins in Gott, von dessen Zärtlichkeit umschlungen und durchdrungen. Bleibt da noch Platz – praktisch und konzeptionell – um das Fleisch von Tieren und die Früchte des Feldes zu verzehren?
  2. Franziskus ist ein Skeptiker der Urbanisierung. Als ehemaliger Erzbischof einer Metropole voller Widersprüche wie Buenos Aires kann man es ihm nicht verübeln. Doch die Stadt ist nicht per se ein Hort der Beziehungslosigkeit und des unachtsamen Umgangs mit der Schöpfung. Moderne Städte zeichnen sich gerade durch – im Vergleich zum Land – kurze Wege, eine gute öffentliche (Verkehrs-) Infrastruktur und durch Möglichkeiten der schöpferischen Selbstentfaltung aus. Nicht die Stadt ist also das Übel, sondern die Art und Weise, wie diese Stadt geplant, gebaut und gelebt wird. Nicht umsonst ist das eschatologische Grundmotiv urbaner Natur: das himmlische Jerusalem. Das anerkennt auch der Papst (§ 243).
  3. Franziskus beschreibt eine gute Schöpfung und die Liebe Gottes darin. „Die Natur ist voll von Worten der Liebe“ (§ 225). Theologisch ist dies gut biblisch und richtig. Doch Fragen bleiben: Was ist mit den „natürlichen Übeln“, die in der Schöpfung, wie wir sie heute erfahren, zuhauf vorkommen: die natürliche Nahrungskette, der Vulkanausbruch, das Erdbeben? All diese Dinge gehen mit dem plötzlichen Tod vieler Schöpfungen einher. Wie ist dies zu bewerten?
  4. Papst Franziskus anerkennt Wissenschaft und Technik als „großartiges Produkt gottgeschenkter Kreativität“ (§ 102). Dennoch wird in seinen Ausführungen überdeutlich, dass er der menschlichen Neugier sehr skeptisch gegenübersteht. Mit dieser menschlichen Grundeigenschaft, der kirchlicherseits bis in die Neuzeit hinein mit gehörigem Misstrauen begegnet wurde, kann sich „Laudato si“ nicht so recht anfreunden. Was ist der (moderne) Mensch aber ohne seine Neugier? Möchte der Papst letztlich einen neuen, vor lauter Maßhalten langweilig gewordenen Menschen?

So weit meine Kritik an der Systemkritik des Papstes. Freilich gilt:

Nur der Einfaltspinsel würde diese Kritik der Kritik dazu nutzen, dem scharfzüngigen und couragierten Plädoyer des Papstes aus dem Weg zu gehen.

(Siehe auch den Beitrag Das Wesen der Dinge)

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Das Wesen der Dinge – ein Gedanke zur Enzyklika „Laudato si“ von Papst Franziskus

Papst Franziskus beschäftigt sich in seiner neuen „Umwelt“-Enzyklika „Laudato si“ („Gelobt seist du“) mit vielen Aspekten aus den Bereichen Umwelt und Mensch, Schöpfung und Kosmos. Theologisch motiviert, politisch kritisch und stets mit Verve eines politischen Theologen geht er ans Werk. Kommentare zur Enzyklika finden sich zur Zeit zuhauf.

Ein Punkt aus dem Text fällt mir besonders auf. In der Enzyklika wird immer wieder davon gesprochen, dass alle geschaffenen Dinge einen Wert an sich haben, ein Wesen. So sind wir als Menschen „aufgerufen zu erkennen, dass die anderen Lebewesen vor Gott einen Eigenwert besitzen“ (§ 69). Aus der Sicht des Papstes tun wir das aber nicht, sondern der Mensch neigt dazu, „die Wirklichkeit dessen, was er vor sich hat, zu ignorieren oder zu vergessen“ (§ 106).

Explizit wendet sich der Papst gegen eine funktionalistisch verengte Weltsicht, die im Anderen (des Menschen bzw. der Natur) stets nur eine Funktion mit Blick auf die eigenen Wünsche und Bedürfnisse sieht. Der Papst grenzt sich also dezidiert vom Utilitarismus ab. Mit Bezug auf die Biodiversität formuliert Franziskus die Kritik, dass es nicht genüge „an die verschiedenen Arten nur als eventuelle nutzbare ‚Ressourcen‘ zu denken und zu vergessen, dass sie einen Eigenwert besitzen“ (§33).

Das funktionalistische Denken wird in der Enzyklika auch als ein „technokratisches Paradigma“ bezeichnet (§ 106), das – so der Papst in seiner Systemkritik – die ganze Welt beherrsche. Man analysiere die Dinge, zerlege sich in seine Einzelteile, suche nach dem Nutzen für das Eigene und vergesse ganz, „das Ganze in den Blick zu nehmen“ (§ 110). Ebenso gehe das Wissen darum verloren, dass alle Dinge an sich einen Wert besäßen bzw. ein Wesen in sich trügen.

Wenn auch die Gefahr besteht, dass diese scharfe und – hier und da – auch wohlfeile Kulturkritik eben als eine solche behandelt werden wird – und damit in den Schubladen verschwindet – so möchte ich an dieser Stelle doch einhaken. So wie in der Arbeit mit (kognitiven) Begriffen und Ideen heutzutage davon ausgegangen wird, dass diese keinerlei Wesen an sich haben und gänzlich dem Deutungswillen der NutzerInnen unterworfen und damit kontingent sind, so geschieht dies – folgt man den Worten des Papstes – parallel auch in der Welt der (realen) Dinge. Es besteht also ein Parallelismus zwischen der Begriffs- und der Dingebene, dem Reich der Ideen und dem Reich der Realia. Beide werden tendenziell behandelt als Objekte ohne Wesen.

Ich habe das Gefühl, dass dieses Streben, den Begriffen und Dingen ein eigenes Wesen abzuschreiben, damit zusammenhängt, dass ein leerer Begriff und ein leeres Ding viel einfacher handzuhaben sind, als ein be-wester Begriff, ein be-westes Ding. Man möchte es gerne mit einem Forschungsgegenstand zu tun haben, dessen Bearbeitung keine moralischen oder ethischen Fragen aufwirft und der sich letztlich wie eine seelenlose Puppe arglos zur Seite legen lässt.

Das Wesen der Dinge – so könnte man mir entgegnen – kann kein Gegenstand der Wissenschaft und des Forschens sein, sondern höchstens des Glaubens. Denn das Wesen der Dinge – da stimme ich zu – ist in seinem Kern unerforschbar. Dieses Wesen wird uns bei der Analyse nie vollständig zugänglich sein. Dass die Dinge ein Wesen haben – so könnte man mir entgegnen – ist folglich ein Postulat, eine bloße Behauptung.

Das mag in der Tat so sein. Doch der Glaube an das Wesen von Dingen und Ideen es ist ein Postulat, dass aus einer realistischen Vorsicht, aus einer kognitiven goldenen Regel heraus geboren ist. Denn so wie ich gerne hätte, dass meine Ideen und Gedanken von Anderen behandelt werden, so möchte auch ich die Ideen und Gedanken anderer behandeln – nämlich als ein möglicher Ausdruck von Sinn und Wahrheit beim Anderen. Und so wie ich als Geschöpf ein Wesen in mir zu tragen wünsche, so muss ich auch den anderen geschaffenen Dingen in dieser Welt ein mögliches Wesen, einen möglichen Sinn zubilligen.