„Alles ist, weil Du es siehst.“ Notiz zu einem Zitat von Augustinus.

„Die Dinge, die Du gemacht hast, sehen wir, weil sie sind; sie sind aber, weil Du sie siehst.“

So formuliert Augustinus am Ende seiner „Bekenntnisse“ (13. Buch, 38).

Die Dinge – einschließlich der Menschen – verdanken ihre Existenz nicht einer autonomen inneren Werdenskraft, sondern sie werden von Gott – dem augustinischen „Du“ – sozusagen ins Leben gesehen. Gott blickt aus sich heraus und schafft durch diesen Blick der Aufmerksamkeit ein Gegenüber. Ein Gegenüber, dass wiederum die Fähigkeit hat, mit ähnlicher Aufmerksamkeit andere Dinge zu sehen und auch von diesen anderen Dingen aufmerksam gesehen zu werden. Die Dinge wachsen also nicht aus sich heraus, sondern sie wachsen aufgrund des aufmerksamen Blicks, der ihnen von einem Du – dem schöpferischen und dem geschaffenen – entgegen schaut.

Augustinus spricht hier also von der aufmerksamen Schau-Beziehung der Dinge zu Gott. Aber auch die Dinge untereinander blicken sich wie gesagt an, blicken sich ins Werden und Sein. Die Dinge stehen miteiander in einer Beziehung des Sehens und Gesehen Werdens. So formuliert es z.B. die britische Dichterin Isabel Galleymore in ihrem Gedicht „Say Heart“:

„I am most like myself when likened.// He, for example, has made me realise/I can climb, jump between trees.“ (in: Significant Other, 2019, 15).

Die Aufmerksamkeit anderer Menschen/Dinge legt eine Kraft in uns hinein, die wir nicht aus uns selbst aufbringen können. Wir lernen Aufmerksamkeit, weil andere und anderes uns Aufmerksamkeit schenkt. Die anderen Menschen/Dinge sehen uns an, an-erkennen uns und verhelfen uns so zu Sein und Werden.

Und auch Rowan Williams spricht davon, dass es der Blick von außen ist, der uns konstituiert. Williams spricht in „Lost Icons“ (London 2003) von einer „self-relatedness“ und erläutert diese wie folgt: „That self-relatedness is not a self-enclosure, but the capacity to be seen or recognised, expressed and experienced as a ‚look‘ directed at us, as something that enables our own self-perception“ (ebd. 157).

Die Dinge blicken sich also gegenseitig an. Sie an-er-kennen sich dadurch. Sie schenken sich gegenseitig Aufmerksamkeit und Augenblicke. So schaffen sie sich gegenseitig die Kraft zum eigenen Wachstum, ruhend auf dem ewigen Blick einer ersten Aufmerksamkeit, von dem Augustinus spricht.

Ein geistlicher Jahresrückblick. Rowan Williams über Glaube, Hoffnung und Liebe in Zeiten der Pandemie.

Was hat das Jahr 2020 in spiritueller Hinsicht geprägt?

Man könnte nun erstens einen Blick auf das werfen, was in Zeiten der Pandemie geistlich oft nicht möglich war: das Osterfest und – an vielen Orten auch das Weihnachtsfest – ohne öffentliche Präsenzgottesdienste, der Ausfall vieler Begegnungen, Feierlichkeiten, Bildungsveranstaltungen, fehlende Beratungen und Hilfen, finanzielle Einbrüche bei den Einrichtungen, die Glaube, Hoffnung, Liebe in die Welt hinaus tragen möchten. Diesen ersten Blick möchte ich den „Wirklichkeit als Mangel“ – Blick nennen. Um die gewaltigen Verwerfungen wahrzunehmen, welche die Pandemie auch in spiritueller Hinsicht schon verursacht hat, ist dieser Art ‚realistische‘ Wirklichkeitswahrnehmung wichtig.

Es gibt aber auch einen zweiten, anders gerichteten Blick. Diesen möchte „Wirklichkeit als Überfluss“ – Blick nennen. Wirklichkeit fließt – trotz allem – über mit guten Erfahrungen, Beziehungen, Augenblicken von Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Da ist die erhöhte Wahrnehmung  zu nennen, die Menschen für das Leben der Natur im Laufe des Jahres entwickelt haben. Da ist die Aufmerksamkeit zu nennen, die Menschen anderen Menschen selbstlos zeigten und zeigen, sicherlich noch befeuert durch eine Erfahrung akuter Körperlosigkeit in vielen unseren Beziehungen. Da ist die Kreativität  zu nennen, die in den Glaubensgemeinschaften aufgebrochen ist, um die Weiterverbreitung von Glaube, Hoffnung und Liebe unter veränderten Vorzeichen zu ermöglichen.

Wer die Wirklicheit nur als Mangel wahrnimmt, verfällt leicht in eine Rhetorik des Untergangs, des Dammbruchs, des Niedergangs. Wer die Wirklichkeit nur als Überfluss liest, wird eine allzu rosiges Bild von der Realität malen. Unser Realitätssinn muss – um ins Handeln zu kommen – den Sensus für beides haben: Wo erfahren wir Mangel in der Wirklichkeit und wie können wir diesem Mangel begegnen? Wo gibt es aber auch ein Überfließen von Wahrheit in der Wirklichkeit zu entdecken und wie können wir sicherstellen, dass möglichst Viele an diesem Überfluss teilhaben?

In seinem kleinen 2020 geschriebenen und soeben veröffentlichen Büchlein unter dem etwas gefühligen Titel „Candles in the Dark“ wirft Rowan Williams einen geistlichen Rückblick auf dieses Jahr der Pandemie. Er macht sich auf die Suche nach – wie es der Untertitel ausspricht – „Faith, hope and love in a time of pandemic“. Die 26 kurzen Meditationen  sind von März bis September im Rahmen einer Andachtsreihe entstanden, die Rowan Williams für eine Kirchengemeinde schrieb. Die Andachten haben daher einen deutlichen Zeitkern; gerade deshalb funktioniert der Band so gut als geistlicher Jahresrückblick 2020. Themen wie der Protest gegen historische Statuen im öffentlichen Raum, das Chaos beim diesjährigen universitären Zulassungsverfahren britischer Universitäten, Diskussionen um das Lied „Rule Britannia!“ und immer wieder die Pandemie – das Maskentragen, die digitalen Gottesdienste usw. – werden Williams zum Anlass für kurze, in sich abgeschlossene Betrachtungen mit zum Teil erhellenden geistlichen Wendungen.

Ja, das Jahr war von der Pandemie geprägt; wer aber genau hinschaut, der entdeckt in der Wirklichkeit trotz der offensichtlich „großen Erzählung“ eine Vielfalt anderer, relevanter Begebenheiten. Rowan Williams schaut also genau hin. Die deutsche Leserin würde im Rückblick sicherlich auch auf andere Begebenheiten von Belang stoßen. Williams Buch hat also nicht nur einen Zeitkern, sondern auch einen (kulturellen) Kontextkern. Gerade das aber ist die Spitze: Die Schule der Aufmerksamkeit ist eine Schule des Blicks für das, was hier und jetzt, in Raum und Zeit an Wirklichkeit und Wahrheit sich zeigt. Im konkreten Alltag – auch politisch, gesellschaftlich, religiös, kulturell, wirtschaftlich –  ereignen sich öfters als erwartet Epiphanien, Augenblicke der Offenbarung. Diesen Offenbarungen ist Rowan Williams mit seinen kurzen Texten auf der Spur.

Die Markierungen des liturgischen Kirchenjahres – Ostern, Corpus Christi, Festtage der Heilige & Märtyrern – tauchen bei Candles in the Dark neben tagespolitischen Ereignissen in großer Regelmäßigkeit auf. Darin offenbart sich Williams spirituelle Prägung, die reformatorische, katholische und auch orthodoxe Einflüsse aufzeigt. Darüber hinaus wird einem aber auch klar, was für einen Schatz das liturgische Kirchenjahr darstellt. Es rhythmisiert das Leben von Außen, was gerade in dem zu Ende gehenden Jahr als Segen erfahren werden konnte. Auch wendet das liturgische Jahr immer wieder den Blick von einem selbst, von der eigenen Situation weg, hin zu einem größeren Rahmen, wenn man so will: hin zu einer noch größeren Erzählung, einer Art Geschichte noch größerer Aufmerksamkeit und Zugewandtheit. Der Gedenktag des heiligen – aber weitgehend unbekannten – Matthias motiviert Williams bspw. zu einem Lob der unscheinbaren, vertrauensvollen Zeitgenossenschaft, einer „undramatic routine of kindness“ (26), die Rowan Williams an allen Ecken und Enden in diesem Jahr feststellen konnte. Und das Fest der Verklärung Christi am 6. August – engl. transfiguration – das in diesem Jahr gleichzeitig der 75. Gedenktag des Atombombenabwurfs von Hiroshima war, führt Williams zu dem Gedanken: „We can turn from greedy self-interest, we can say no to the glamour of violence and domination, we can listen to God’s Son and follow his way of hope-full vulnerability“ (69). Im Verlauf eines Jahres begegnen einem also andauerend Anlässe, die einladen, über das eigene Leben und das Leben unserer Gesellschaft nachzudenken.

Überhaupt bedeutet „spirituell“ bei Williams nicht „individuell“. Es geht nicht um die Vervollkommnung persönlicher Heiligkeit. Es geht um eine Dezentrierung des persönlichen Blicks auf Wirklichkeit und Wahrheit, damit sich mit mir auch mein Umfeld verändern kann. Die Pandemie hat persönlich wie gesellschaftlich zu einer großen Verunsicherung geführt, eine Verunsicherung, die sich aus einer geteilten Erfahrung von Verwundbarkeit speist. Diese individuelle und kollektive Verunsicherung kann nur auf dem Weg der gesellschaftlichen und globalen Solidarität überwunden werden. Es gibt in dieser Wirklichkeit und Wahrheit etwas für uns alle zu entdecken, und zwar, so Rowan Williams, „the possibility of discovering real community on the far side of recognizing a vulnerability in which we’re all involved“ (95). Die Erfahrung von Schwäche und Verwundbarkeit leitet über nicht in Egoismus, sondern in eine Praxis der Solidarität und Gemeinschaft.

Wirklichkeit und Wahrheit: Aus der Sicht eines christlichen Autors wie Rowan Williams sind sie keine abstrakten Größen. Vielmehr steht uns im Rückblick auf ein dunkles Jahr eine freilich schwierige Möglichkeit offen: Die Wirklichkeit und Wahrheit des gewachsenen Glaubens, der weiter reichenden Hoffnung und der heller scheinenden Liebe wahrzunehmen. So kann man 2020 auch abschließen, die prägende Kraft des vergangenen Jahres anerkennen, aber auch weitergehen in Vertrauen, denn: „We have learned; we have grown. The past is never over, but it is not everything“ (89).

Was ist gute Geschichtsschreibung? Zu einem Zitat von Rowan Williams.

„Good historical writing, I suggest, is writing that constructs that sense of who we are by a real engagement with the strangeness of the past, that establishes my or our identity now as bound up with a whole range of things that are not easy for me or us, not obvious or native to the world we think we inhabit, yet which have to be recognised in their solid reality as both different from us and part of us.“

(Rowan Williams 2005: Why Study the Past. The Quest for the Historical Church, London, 23f.)

Was meint Rowan Williams mit diesem Zitat?

Williams ist auf jeden Fall davon überzeugt, dass es so etwas wie gute Geschichtsschreibung gibt. Es gibt Qualitätsmaßstäbe anhand derer wir gute von schlechter Geschichtsschreibung voneinander unterscheiden können. In diesem Zitat führt Williams als Qualitätsmaßstäbe nicht vorrangig wissenschaftliche Kriterien wie z.B. gründliches Quellenstudium an. Das ist für ihn, so vermute ich, eine Selbstverständlichkeit. Vielmehr sagt Williams:

Gute Geschichtsschreibung zeichnet sich dadurch aus, dass sie uns mit der Diskontinuität und Brüchigkeit unserer eigenen Geschichte und Identität bekannt macht. Gute Geschichtsschreibung zerlegt dadurch aber nicht unsere Geschichte, Geschichten bzw. Identität, Identitäten in unkenntliche Einzelteile. Gute Geschichtsschreibung offenbart unser eigenes Wesen als das, was jedes Wesen auch ist: als brüchig. Sie vermittelt Ehrlichkeit, Demut und schafft dadurch einen Raum größerer Offenheit und Freiheit.

Gute Geschichtsschreibung erschafft keine Mythen, erzählt keine Heldengeschichten und baut keine große Monumente. Gute Geschichtsschreibung entlarvt die Kontinuität von Geschichte und Identität als Fiktion. Und sie entlarvt das politische Streben nach dieser Kontinuität als ein Abweichen von der Wahrheit, als Lüge.

Denn die Wahrheit dieser Welt ist oftmals für den, der sie sucht, höchst unbequem. Wenn ich lange genug in meine Geschichte hinein schaue – meine eigene Geschichte, die Familiengeschichte, die Geschichte meiner Kommune, meines Landes, meiner Religionsgemeinschaft, meines Sportvereins, … – je länger und gründlicher ich schaue, desto bunter und vielfältiger und damit fremder wird das Bild. Selbstverständlichkeiten lösen sich auf.

Die Geschichte wird dadurch aber nicht weniger meine Geschichte. Nein: Die Geschichte mag mir durch mein genaues Hinschauen fremd geworden sein, aber sie ist auch reicher an Detail; sie ist lebendiger; sie ist menschlicher. Gute Geschichtsschreibung hat also durchaus einen Blick für das Detail, da in diesem Detail das Wissen meiner um mich selbst facettenreicher wird, Monotonität verliert.

Schlechte Geschichtsschreibung ist grotesk langweilig. Gute Geschichtsschreibung überrascht jedoch eins ums andere Mal mit den wilden Schattierungen des echten Lebens.

Bemerkungen zu Rowan Williams: Christ. The Heart of Creation (2018).

Die Rezeption von Rowan Williams im deutschen Sprachraum verläuft schleppend. Bislang wurde keines der maßgeblichen Werke des ehemaligen Erzbischofs von Canterbury ins Deutsche übersetzt. Die jeweiligen Neuveröffentlichungen des derzeitigen Vorstehers des Magdalene College in Cambridge werden auch nur vereinzelt in deutschsprachigen Fachzeitschriften rezensiert. Ich tue mein Bestes, um hier etwas nachzuhelfen, da ich der Meinung bin, dass die Schriften von Rowan Williams auch für die hiesige Leserschaft durchaus gewinnbringend sein könnten; daher auch dieser Post.

Eine reguläre Besprechung zu Rowan Williams aktueller Monografie „Christ. The Heart of Creation“ (veröffentlicht 2018 bei Bloomsbury) werde ich an dieser Stelle aber nicht veröffentlichen. In den entsprechenden theologischen bzw. dogmengeschichtlichen Debatten im Themenfeld der sog. Christologie bin ich nicht sonderlich bewandert. Dennoch möchte ich einige wenige Beobachtungen bzw. Leseeindrücke wiedergeben, die mir im Verlauf meiner Lektüre in den Sinn gekommen sind.

Ehrlich gesagt: Rowan Williams macht es einer möglichen nicht-fachlichen Leserschaft nicht einfach. Das Buch unterscheidet sich von den eher spirituell-erbaulichen Schriften des Autors dadurch, dass es eine zum Teil sehr technische religionsphilosophische bzw. theologiegeschichtliche Sprache nutzt. Ein Lieblingswort von Williams im ersten Teil des Buches ist der Terminus „agency“, was so etwas wie konzentrierte Handlungskraft bzw. personale Tätigkeitsantrieb bedeutet. Menschen können „agency“ besitzen, aber auch Gott kann sie zugeschrieben werden. Rowan Williams ist es – im Verbund mit Austin Farrer – dabei aber wichtig, dass Gott nicht ein beliebiger Gegenstand dieser Welt oder ein beliebiger Agent in dieser Welt ist. Gott kann mit unseren menschlichen Begriffen nie vollständig beschrieben werden. Gott kann nie restlich gefunden werden. Von Gott kann man keinen Besitz ergreifen. Man kann von Gott auch nicht in vergleichenden Kategorien – der Mächtigste, der Größte usw. – sprechen. Gott ist kein Gegenstand des Glaubens, sondern eher schon dessen dynamisierter Ursprung, dessen Kraft und Wirkmacht, eben: agency. Im Anschluss an Farrer schreibt Williams zu Beginn seines Buches: „We conceive God as infinite personal will and intelligence, as the exercise of infinite resource fully  and eternally present in every moment of its action“ (2).

Was wir über Gott wissen, stellt sich für den christlichen Glauben dennoch verblüffend einfach dar: Unser Wissen über Gott oder – besser – unsere Vertrautheit mit Gott speist sich aus dem Wissen über und der Vertrautheit mit Jesus Christus. Ein großer Teil des Buchs zeichnet daher ausgewählte christologische Debatten der vergangenen 2000 Jahre nach. Dabei begründet und vertieft Rowan Williams das theologiegeschichtlich zentrale Anliegen, die göttliche und menschliche Natur Jesu Christi mögen nicht gegeneinander ausgespielt, sondern in ihrer Spannung zusammen gehalten werden. Williams kommt öfters auf das zu sprechen, was schon von Søren Kierkegaard als das zentrale Paradox bzw. das Ärgernis des Glaubens umschrieben wurde: der Glaube an das ewige Heil gründet in dem endlichen Menschen Jesus Christus.

Vor allem im zweiten Teil des Buchs taucht der Name Kierkegaard immer wieder auf. Williams rekapituliert die Rezeptionsgeschichte  der kierkegaardschen Christologie bei Personen wie Dietrich Bonhoeffer und Ludwig Wittgenstein. Aber auch im ersten Teil des Buchs wird die auch bei Kierkegaard prominente Rolle der sog. Kenosis – der göttlichen Erniedrigung in der menschlichen Inkarnation des „Gott-Mensch“ – thematisiert. So schreibt Williams in Bezug auf Maximus‘ Christologie in der ihm eigenen Terminologie:

„Nothing ceases to be human when divine filiation is lived or enacted in a human individual: when that filiation is embodied unsurpassably and uninterruptedly, as in the humanity of Jesus, the image of God in which humanity was first created is fully activated, and human beings in communion  with the Word incarnate are made able to live in kenotic and mutual gift, reflecting the life that belongs to the Trintarian Persons in eternity.“ (108)

Dem zitierten Abschnitt kann man die Einsicht entnehmen, dass die Christologie kein beliebiges Feld der christlichen Glaubenslehre ist, sondern in Rowan Williams‘ Lesart deren belebender Glutherd. Denn aus der christologischen Kriteriologie („divine filiation enacted in a human individual“, „kenotic and mutual gift“) heraus lassen sich für das politische Zeugnis , für die ekklesiologische Struktur und die kosmologische Gerichtetheit des Glaubens zentrale Aussagen ableiten. Bei Williams klingt das dann so:

„The life and well-being of the creation cannot be found in the disruption of the finite world by some insertion of the infinite into it (….) Christ as finite, as creature, guarantees the integrity of the created order (…).The finite – and more specifically the mortal and suffering – Jesus, in releasing into the world the act of the Creator, in new forms of relation and possibility, makes clear once and for all that creation’s wholeness and fulfillment are realized (…) by the bringing into being within creation of the relatedness of the Word to the Father which is the eternal ground of all finite existence.“ (242)

So entwickelt sich aus der von Williams destillierten Geschichte der Christologie fast schon so etwas wie eine politische Theologie des Leidens, der Selbstzurücknahme, der Machtlosigkeit und des Verzichts auf ideologischen Selbstschutzes. Diese politische Theologie ist beileibe nicht der Kern des christologischen Rundumschlags, den Williams auf über 270 Seiten vornimmt, aber durchaus eine in Kauf genommene bzw. bewusst angestrebte Konsequenz desselben. Für regelmäßige Leserinnen und Lesern von Rowan Williams‘ Texten wird diese spirituelle Konsequenz nicht überraschend kommen. Sie zeigt sich nämlich auch in früheren Publikationen des ehemaligen Erzbischofs von Canterbury. Ein Grund mehr, deren Rezeption auch im deutschsprachigen Raum voranzutreiben.

Decentring International Relations

The other day I took again a plunge into the field of International Relations and read an academic article by Kimberly Hutchings entitled Decolonizing Global Ethics: Thinking with the Pluriverse (in: Ethics and International Affairs, Vol. 33, No. 2, 115-125).

The essay starts with the following statement: „There has been a recent growth in arguments for decolonizing dominant frameworks of normative thinking in international relations“ (115).

The dominant framework Hutchings means in this context is a „one world Euromodern ontology“ (116) or a „Western colonial modernity“ (119). As a result to decolonize means  „to mobilize resistance to modernity“ by stressing „the radical distinction between Western colonial modernity and other ways of being“ (116). In the context of the essay we should really say that „other ways of being“ mean other or alternative ways of viewing the world through word and deed, in theory and action. Hutchings refers to a body of literature which is highly critical of this dominance of a modern  framework, a dominance which apparently pushes other alternative frameworks out of the way. For this reason the essay supports a so-called pluriversal approach, even if it suggests a more refined way of thinking about this still quite novel concept. Pluri-versal means that „there are actually multiple worlds, ontologically different from the Euromodern world, and with different ethical and political implications“ (117). As there is more than one world view, we need to be more appreciative of other world views and need to acknowledge their distinct otherness.

What exactly, however, constitutes the mentioned Euromodern ontology? Unfortunately, the essay cites only a rather general, macro description: a cognitive distinction between nature and culture, hierarchical thought-patterns and a linear temporal conception (cf. 116). The essay – or better: the references mentioned by Hutchings – overlook the extreme pluriversality within modern thinking and institutions at the meso and micro-level. There is not one way of looking at the world (and its worlds) even from an assumed Modern point of view. Claiming that in the West we are all Modern monists, is simplifying things slightly.

The same holds true for those alternative ‚other‘ worlds. Where are they exactly? Who lives in them? And who writes about them, describes them, other than researchers who were raised and are socialised in the context of a modern intellectual framework? It is interesting that pluriversal thinking, as presented in the essay, feels obliged to make use of straightforward Modern concepts. Hutchings writes for example: „Pluriversal global ethics, therefore, is both proceduralist and substantive, essentially democratic in the way that it tackles ethical questions in world politics“ (119, emphasis added). This sounds quite conventionally Modern in my ears. Some degree of redundancy, then, qualifies this latest streak in International Relations; especially for those readers who are familiar with critical theory and liberation theology for example.

But readers should not be fooled. International Relations theory as well as any political theory is always in need of what I would like to call „decentring“. Hutchings and her references do have a point. But admitting our need for decentring goes hand in hand with the acknowledgement that we depend on yet another Modern invention: subjectivity. All our reasoning and theorizing is subjective, to a greater or lesser extent. We can only escape subjectivity – and that only for a fraction of a second, the impossible moment – if we practise the art of decentring, the art of taking other people and other world-views seriously until we let ourselves be questioned and pushed out of the centre of attention.

This seems to be Hutching’s point. We shouldn’t just exchange our Modern world-view – in International Relations and any other discipline – for another world-view. We should, rather, transform our way of thinking and normative theorizing. Hutching writes of

„the importance of the cultivation of particular kinds of virtue in the context of ethical practices of coexistence and collaboration. Pluriversal ethics is not about finding new ways of sorting out the meaning of justice but rather about finding new ways of relating to ourselves and to each other in our pursuit of whatever we may think of as justice.“ (121)

And a bit further down the essay she adds:

„I am suggesting, therefore, that taking pluriversality seriously means shifting our understanding of global ethics away from seeing it as a route to determining answers to questions of global justice and toward seeing it as an embodied, reflective practice contingently attached to specific goals and contexts.“ (123)

Hutchings, thus, asks for a pluriversal  approach of a second order: we don’t need another way of thinking, at least not primarily. Instead, we need another, more modest way of relating our thoughts with the thoughts of other people. It is no surprise to anyone familiar with the idea of decentring that Hutchings finishes her essay by saying that pluriversality

„focuses our attention on what it means to live with others without subsuming them into one world or another. It makes us think about how coexistence and collaboration work and the kinds of virtues and capacities they rely on and cultivate. A pluriversal ethics is not about finding out the right answers but about experiments in “being with.” It is not something that can be known in any satisfactory way; it is only something that can be done.“ (124)

It may sound odd, but this notion of „being with“ is again part of a specific tradition of thinking.  This practice of decentring, although it refers to the ways we relate to other people and their world-views, is in itself rooted in a specific world-view. Or at least it can be interpreted as such.

A master in formulating a theory of decentring – if such a thing is at all possible – is Rowan Williams. In his latest book „Christ. The Heart of Creation“ (London: Bloomsbury 2018) we find quotes – Christological statements – which are very close to what Hutchings has to say about pluriversality in ethics. Hold your breath as Rowan Williams ponders on Dietrich Bonhoeffer’s Christological writings:

„Christ’s essential identity lies in being pro nobis and pro me; Christ is who he is as the one who exits for my and our sake.“ (190)

„The only way of speaking truthfully about Jesus Christ is from that mutually defining relationship in which human existence responds to the summons to self-abandonment, life for the other, which is the life that Christ embodies, in history as in preaching and sacrament.“ (195)

„The Christological transformation of humanity is the transformation of all our constitutive relationships as humans so that they are now able to move more freely towards this maximal for-otherness.“ (204)

If we follow Rowan Williams, the Christian commitment is a lot about being changed, transformed, decentred in relation to other people, the whole of creation and God. Thinking and acting Christologically involves a radical promise of decentring my world-view in order to let myself be changed by something entirely „Other“. This results – in the human person of Jesus Christ –  in „the most radical imaginable embodiment of solidarity“ (ipid. 203).

Thinking and acting pluriversally, as sketched by Hutchings, is also a radical ethical experiment of (global) solidarity in which I allow the seemingly strange and other to rule my thoughts and normative theorizing.  Indeed, if we take the notion of pluriversality seriously, we don’t seem to be far away from a political theology of International Relations, a humble way of acting out global ethics.

Truth, compromise and the contemplative practice of decentring

Compromise becomes difficult when truth claims – religious or secular – come into conflict with each other. This is especially true for any political compromise. Actors disagree with each other not only in matters of tactics or strategies but on fundamental principles. The respective actors perceive these principles as mutually exclusive. This disagreement may be two-fold: two or more actors might disagree on the content of each other’s truth claims. I call this a content-driven dispute. Or actors may disagree on the very status of truth claims in political discussions as such. I call this a status-driven dispute.

In disputes which involve truth claims it is not helpful to suggest or demand that truth simply be relegated to a minor place by everyone. Actors with sincere truth claims are unlikely to agree to such a relegation for an extended period of time. For them this would equal the denial of fundamental principles which constitute their own self-image. According to Avishai Margalit this logic is in particular relevant for religious truth claims in politics. For, as Margalit writes, „the religious picture 〈of politics, BC〉 is in the grip of the idea of the holy. The holy is not negotiable, let alone subject to compromise. Crudely put, one cannot compromise over the holy without compromising the holy.“ (in: On compromise and rotten compromise, Princeton 2010: 24).

Are truth claims – religious or secular – therefore incompatible with democracy?  Are they incompatible with political compromise achieved through deliberation? I don’t think so. In my view truth claims may in democratic debates be authentically decentred. The metaphor “decentring” points to a practice that enables political actors to acknowledge the truth claims of others without necessarily sharing them. Actors who practice decentring resist the temptation to regard their truth claims as the only ones possible within a political debate. They consider the possiblity that other truth claims than their own may legitimitally exist. Such political actors maintain their own claims but relate them to the truth claims of second or third parties. They no longer regard their claims and their view of things as the only centre possible.

Decentring is in essence a spiritual practice. On one occasion  Rowan Williams described this spiritual practice in the following way:

„Religious language in all the historic traditions has built into it certain critical impulses, certain procedural challenges to the finality of its own formulations. This arises not from a ‚liberal‘ sense that we can’t really be sure and we’d better be politely vague, but from convictions about the strangeness of the divine and the dangers of claiming divine perspectives. Orthodoxy goes in tandem with the injunction to the dispossession of all self-centred perspectives, and the language of theology and worship is supposed to enact that dispossession.“ (in: Faith in the Public Square, London 2012: 19f.)

Decentring is a way of life that purposefully ‘steps down’ from pure truth, from the claimed divine perspective into the compromised reality of everday chores and tasks. Political decentring is a way of life that purposefully ‘steps down’ from pure truth, from the claimed divine perspective into the compromised reality of everday politicking. It is the spiritual, inner willingness to engage in compromise also beyond the personal environment.

This cannot be done without a certain element of personal contemplation. Why contemplation? Because contemplation as the prayerful presence in silence, attentiveness, simplicity and loneliness opens the space for fresh ideas and new insights. Contemplation opens one up for other perspectives, for a different world view. Contemplation is the spiritual backbone of any practice of decentring, political or non-political. Again Rowan Williams:

„So we need to live in a world constantly inviting us to contemplation, a world which will not leave us alone, feeding only on ourselves. – a world which delights us and which assaults us by its strangeness, its resistance to us.“ (in: Truce of God, Norwich 1983/2005: 39ff.)

Such a contemplative practice, therefore, needs to be part of any shared moral basis in a democratic polity. Vita conemplativa and vita activa are not to be separated, they belong to each other. Together they implant an attitude of decentring in an individual human being.

I know this seems to have nothing to do with real politics as we experience it every day. There never seems to be enough time for reflection. But for a moment I would like to imagine the impossible possibility that political life is indeed moulded by contemplation, sincere reflection and the shared willingness to decide on important matters together even if different opinions exist.

For contemplation leads to decentring which in turn leads to humility in dealing with different views and opinions. What we need then is for truth claims and political compromise to be moulded together  in a shared attitude of democratic, contemplative humility. So even if actors should disagree on the content of each other’s truth-claims, they should – as decentred actors – be able to agree on the necessity of a spiritual, contemplative, humble practice of collective descision-making through compromise; as the best shot we have at attaining a joint vision of the truth at the centre of our common life.

 

See also Rowan Williams on Decentring.

Das Studium von Denkmustern – Bemerkungen zu Rowan Williams‘ „The Edge of Words. God and the Habits of Language“

Ich kenne zwei Arten, wie man Ideengeschichte betreiben kann.

Die eine – gewöhnlich – Möglichkeit, Ideengeschichte zu betreiben, ist die Forschung anhand von „materialdogmatischen“ Fragestellungen: Eschatologie bei Karl Barth, Politikbegriff bei Carl Schmitt, Gemeinschaft & Gesellschaft bei Max Weber usw. Diesen Fragestellungen geht man nach, untersucht nach Kontinuität und Diskontinuität, bewertet die jeweilige Innovationsleistung eines Autors, recherchiert nach Einflüssen und der Rezeptionsgeschichte. Bei der materialdogmatischen Betrachtung ist es unerheblich, ob man von ideengeschichtlichen Substanzen und Sinnkurven ausgeht oder die Existenz solcher Konfigurationen als essentialistisch ablehnt. Beide Richtungen orientieren sich an einem vorliegenden Bestand ideengeschichtlichen (Anti-)Materials und verfolgen dessen Historie.

Eine weitere – weniger gewöhnliche – Möglichkeit, Ideengeschichte zu betreiben, ist die Untersuchung von Denkmustern. Dabei steht nicht das „Was“ im Vordergrund, sondern das „Wie“: Nicht über was hat Person XY geschrieben, sondern wie hat sie gedacht und folglich diese Gedanken ausformuliert. Es macht beispielsweise wenig Sinn – meiner Ansicht nach – bei Hegels Buch „Phänomenologie des Geistes“ nach materialdogmatischen Beiträgen für die Ideen- und Geistesgeschichte zu suchen; vielleicht taugt dazu das eine oder andere Zitat oder die eine oder andere treffende Metapher. Im ganzen hat das Werk aber ein epochales Denkmuster geprägt: nämlich die Dialektik, das Denken in einem aufsteigenden, spannungsreichen Für und Wider.

Ähnliches lässt sich sagen von Rowan Williams, dessen Beiträge ich hier schon öfters vorgestellt habe. Die Texte des emeritierten Erzbischofs von Canterbury kann man durchaus materialdogmatisch lesen: als Arbeiten zur Theologiegeschichte, zur politischen Theologie, zur Dogmatik, zur Patristik. Man kann sie aber eben auch nach vorfindbaren, durchgehenden Denkmustern abklopfen.

In seinem aktuellen Buch „The Edge of Words. God and the Habits of Language“ (2014)setzt Williams sehr auf einige dieser Denkmuster, die sich an einigen Stellen wiederum fast zu materialdogmatischen Aussagen verdichten. So ist auffällig, dass Rowan Williams mit großem Nachdruck die Vorläufigkeit aller geschaffenen Dinge, aber auch aller kognitiven Vorgänge betont. Unsere Sprache – um diese geht es bei „The Edge of Words“ vornehmlich –  unser Denken, unser Wissen, ja, unser Seins – sie sind allesamt vorläufig. So schreibt Williams über unser sprachliche Möglichkeiten bei der  Erklärung der sachlichen Zusammenhänge von Welt:

„There are not last words in what human beings say and no point at which we shall have identified the essential structure of the universe exclusively with one descriptive scheme“ (Williams 2014: 124).

Sprache kann Welt also nie vollständig im Sinne einer Beschreibung erfassen. Diese Vorläufigkeit übersetzt sich bei Rowan Williams hinein auch in ein Verständnis des Lebens als das eines Ringens mit unhintergehbaren existentiellen und kognitiven Schwierigkeiten, die nicht zum Stillstand kommen. Die Fragen des Lebens lösen sich eben nicht vollständig auf, sondern pendeln – dialektisch – hin und her zwischen den Polen von Verständnis und Unverständnis, zwischen Erfüllung und Leere.

Das eigentümliche an diesen fortdauernden Schwierigkeiten ist es aber, dass sie einen emergenten Überschuss hervorbringen. Williams nennt einige Beispiele: Unsere Schwierigkeit in der Beschreibung der Wirklichkeit generiert Metaphern; unser Bedürfnis nach Verstehen von Trauer bringt Poesie hervor; überschwängliche Freude findet keine Worte, aber eine Ausdrucksweise in der Musik. Im O-Ton von Rowan Williams:

„Living with difficulty is living in the awareness of an incompleteness that never ceases to pose questions and to generate both unexpected new strategies and unexpected new frustrations – never ceases, in fact, to generate speech“ (ebd. 180f.)

Vorläufigkeit, Schwierigkeit und Überschuss gehören somit zusammen. Auch das macht ein Denkmuster aus. Denn gerade aus den vorläufigen und schwierigen Begebenheiten des menschlichen Lebens heraus wird ein Überschuss katapultiert. Dieser kann – so Williams – den Menschen letztlich auch zur Gottesfrage führen; nicht im Sinne eine tröstlichen Kompensation, sondern im Sinne einer durchaus vernünftigen Denkmöglichkeiten, fast im Sinne einer Analogie. Wenn das oftmals undurchsichtige Auf und Ab des Lebens immer wieder Überschüsse sprachlicher, kognitiver, emotionaler Art hervorbringt, so ist doch auch denkbar, dass diese emergenten Überschüsse hindeuten auf einen noch viel größeren, letztlich uneinsehbaren Überschuss allen Daseins: namens „Gott“.

Da wären wir – auf dem Weg der Untersuchung von Denkmustern – dann wieder bei Fragen der Materialdogmatik angelangt. Wichtig aber festzuhalten ist, dass die Trias Vorläufigkeit, Schwierigkeit und Überschuss ein durchlaufendes Denkmuster bei Rowan Williams ausmacht, von einer frühen Schrift wie „The Wound of Knowledge“ (1979) bis hin zu „The Edge of Words“.