Der Begriff der Situation und die Ideengeschichte

Der Begriff der Situation leidet daran, dass er auch in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung kaum über eine Art „sanctified common sense“ hinauskommt. Situation meint einfach das, was jeder so oder so schon darunter versteht, ohne dass man sich noch weiter darüber verständigen müsste. Letztlich meint der Begriff der Situation (nur) unsere Verortung in einem gegenwärtigen Netz von Interaktionen und Reflexionen, Erfahrungen und Erwartungen.  Dies mag man existentialistisch vertiefen, psychologisch ausbuchstabieren, soziologisch ausarbeiten. Wer sich hier tiefer einlesen möchte, sei auf den guten Übersichtsartikel im Historischen Wörterbuch der Philosophie verwiesen (HWPh Bd. 9, 924-937).

Bei aller Banalität hat der Begriff der Situation aber einige Reize, wobei mich hier vor allem die Vorzüge hermeneutischer Art interessieren. Der Ahnherr der zeitgenössischen Hermeneutik, Hans-Georg Gadamer, sprach in Wahrheit und Methode sogar von einer sogenannten „hermeneutischen Situation“. Angelehnt an das existentialistisch von Karl Jasper Vorgedachte schreibt Gadamer: „Man steht in ihr (der Situation, BC), findet sich immer schon in einer Situation vor, deren Erhellung die nie ganz zu vollendende Aufgabe ist.“ (Gadamer 1990: Wahrheit und Methode, 6. Auflage, Tübingen, 307). Und dezidiert von der hermeneutischen Situation schreibt Gadamer: Das sei „die Situation, in der wir uns gegenüber der Überlieferung befinden, die wir zu verstehen haben“ (ebd.). Gegenwartsbezogen ist die hermeneutische Situation also; bezogen auf das Zuvorgesagte ist sie; und letztlich ihrem Verständnis nach nicht vollständig zu durchschreiten.

Situationen sind zudem keine singulären Momenterscheinungen, sondern sie sind je schon eingebettet: in ein normatives, rhetorisches, sozialgeschichtliches, ideelles Umfeld. Dazu werden Situationen von jedem Betrachter stets und unwiderruflich durch eine bestimmte hermeneutische Brille gelesen. Der Blick in die Vergangenheit, der Weg des Verstehens, ist nie ohne solch eine Brille zu haben. Eine erste Frage, die sich im Umgang mit dem Begriff der Situation also stets stellt, ist die Bedeutung, die man dem weiteren Umfeld der Situation zuschreibt im Gegensatz zum eigentlichen, disruptiven situativen Augenblick. Und eine zweite Frage stellt sich bezüglich des eigenen Blicks auf diese Situation, der erwähnten Brille: Kann ich sinnvolle, beständige Aussagen treffen über einen historischen Augenblick, eine früher formulierte Idee, einen einst aufgekommenen Begriff? Oder muss ich mich damit abfinden, dass zwischen mir und der Geschichte ein unüberwindbarer Graben klafft?

In der Ideen- und Begriffsgeschichte kommt, drittens, immer einmal wieder die Frage auf, welche Bedeutung der kontinuierlichen, langfristigen Entwicklung von Begriffen oder Ideen zukommt und wie dagegen die diskontinuierlichen, eher kurzfristigen Veränderungen im Begriffsapparat und Ideenhaushalt einer Gesellschaft zu verstehen sind. So wurde in der Vergangenheit Reinhart Koselleck mit der Langfristbewegung der Begriffe in Verbindung gebracht und Quentin Skinner mit den kurzfristigen Veränderungen. Exemplarisch nachlesen lässt sich dies unter anderem bei Kari Palonen (2003: Die Entzauberung der Begriffe, Münster).

Die beschriebenen Polaritäten – Situation vs. Kontext bzw. Zugänglichkeit der Geschichte vs. trennender Graben bzw. Kurzfristigkeit vs. Langfristigkeit  – kommen dabei nur einem heutigen Bedürfnis nach Klarheit und Parteinahme entgegen. Die Zuspitzung hilft dem heutigen forschenden Subjekt, sich seiner eigenen Position im Gewebe der vielen möglichen Positionen zu versichern. Die Lösung liegt nicht in einem entweder-oder, aber auch nicht in einem zufälligen sowohl-als-auch, sondern in der gründlich hermeneutisch durchdachten, historisch fundierten, anspruchsvollen Begründung der eigenen Position.

Aber auch das ist wieder eine banale Feststellung. Diese Feststellung hat aber gar nicht so banale Folgen. Fordere ich nämlich eine ordentliche Begründung für meinen eigenen Blickwinkel auf die jeweilige „ideengeschichtlich Situation“ (Andreas Dorschel 2010: Ideengeschichte, Göttingen, 104) ein, dann sage ich zweierlei: Zum einen zwinge ich die Ideengeschichte auf konkrete, historisch-diskursive Zusammenhänge einzugehen, gründliches Quellenstudium zu betreiben, Ideen- und Sozialgeschichte zusammen zu bringen. Ich schaue mir somit eine konkrete Situation vertieft an und anerkenne sie als einen Ort des Verstehens. Zum zweiten stelle ich aber auch die Forderung auf, dass ich nicht einfach isolierte ideengeschichtliche  Situationen bzw. Stationen betrachte, sondern auch den Sinn für die größeren Zusammenhänge wahre. So versuchte bspw. Reinhart Koselleck in seiner Einleitung zu Geschichtliche Grundbegriffe die Ideologisierung, Politisierung, Säkularisierung und Verzeitlichung als einen solchen größeren Verstehenszusammenhang für die Begriffsgeschichte auszuweisen (vgl. Koselleck, Reinhart 1972: Einleitung, in: Otto Brunner/ Werner Conze/ Reinhart Koselleck (Hrsg.): Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Band 1, Stuttgart, S. XIII-XXVII).

In konkreten Situationen wird Ideengeschichte fortgeschrieben. Im bloßen Stieren auf die Situation schreibt sich aber noch keine Ideengeschichte. Es sind auch Fragen zu klären wie: Warum entwickeln sich Ideen fort? Wie entwickeln sich Ideen fort? Wohin entwickeln sich Ideen? Und welche realen Auswirkungen mag diese Entwicklung haben? Einen weiteren Beitrag zu diesen Fragen hoffe ich in Bälde nachliefern zu können. Denn ich mag den Anspruch nicht aufgeben, „in der Überlieferung für einen selber gültige und verständliche Wahrheit zu finden“ (Gadamer: Wahrheit und Methode, 309).

Nachtrag: Hier geht es zu dem angekündigten weiteren Beitrag.

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Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen

Was bedeutet es, wenn von der „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ gesprochen wird? Die klassische Antwort lautet folgendermaßen:

„Nicht alle sind im selben Jetzt da. Sie sind es nur äußerlich, dadurch, dass sie heute zu sehen sind. Damit aber leben sie noch nicht mit den anderen zugleich. Sie tragen vielmehr Früheres mit, das mischt sich ein. Je nachdem, wo einer leiblich, vor allem klassenhaft steht, hat er seine Zeiten. (…) Verschiedene Jahre überhaupt schlagen in dem einen, das soeben gezählt wird und herrscht. Sie blühen auch nicht im Verborgenen wie bisher, sondern widersprechen dem Jetzt; sehr merkwürdig, schief, von rückwärts her.“

Auf diese Weise charakterisiert Ernst Bloch in „Erbschaft dieser Zeit“ (1973: 104) die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Für Bloch ist die Rede von der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen eine Erklärungshilfe für die Entstehung des Faschismus. Für andere stellt es überhaupt eine Erfahrungssignatur der neuzeitlichen Gesellschaft dar. So zum Beispiel für den Historiker Rudolf Schlögl. Dieser schreibt über europäische Gesellschaften in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts:

„Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, das Nebeneinander von tiefgreifender gesellschaftlicher Modernisierung und traditionalen sozialen Formen und Argumentationsmustern war Kennzeichnen einer Transformationsgesellschaft, die ihre Gestalt und ihre Modernität erst noch auf den Begriff bringen musste.“ (Alter Glaube und moderne Welt, 2013: 158)

Bei der Rede von Ungleichzeitigkeit geht es nicht um einen quantitativen Abhub der Vergangenheit in der Gegenwart, nicht um bloße ‚Restposten‘, sondern um eine wirkmächtiges Ermöglichungsreservoir traditioneller gesellschaftlicher Kräfte in einer anderweitig modern anmutenden Welt. Idealtypisch formuliert: Tradition und Moderne schieben sich ineinander, gleichsam wie zwei tektonische Platten bzw. „Zeitschichten“ (R. Koselleck). Die Ungleichzeitigkeit ist auf diese Weise ein spannungsreicher sozialer Widerspruch, da mit ihr „gegensätzliche Elemente [einer Gesellschaft, B.C.] in einem wesentlichen Zusammenhang stehen, Momente einer Einheit bilden, deren Identität und Bestand an diese Einheit von Gegensätzen gebunden ist.“ (Beat Ditschy 1988: Gebrochene Gegenwart. Ernst Bloch, Ungleichzeitigkeit und das Geschichtsbild der Moderne, Frankfurt/Main, 166).

Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen ist sowohl ein Gegenüberstehen von Kräften zeitlich differenten Ursprungs als auch eine Gemeinsamkeit von Strukturen und Interaktionen mit unterschiedlicher innerer Logik, Dynamik und Zeitlichkeit. Die Dinge stehen sich eben nicht nur gegenüber, sie bilden aber auch kein harmonisches Miteinander. Die Ungleichzeitigkeit ist damit eine qualitative Verformung des gesellschaftlichen Jetzt durch soziale Prozess mit unterschiedlicher Zeitlichkeit.

Ebenfalls ist festzuhalten, dass es sich bei der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen nicht um ein normatives bzw. hierarchisches Über- und Unterordnen von Zivilisation und Wildnis, von guter Moderne und schlechter Tradition handelt. Ungleichzeitigkeiten sind wert- jedoch nicht geschichtsentleerte Verkettungen von ‚schon‘, ‚noch nicht‘ und ‚immer noch‘. Dabei können durchaus die den Prozess der Ungleichzeitigkeit anstoßenden Ursachen mit den eintretenden Folgen zeitlich gleichziehen, so dass Ursache und Wirkung im gleichen geschichtlichen Prozess nebeneinander herlaufen, sich gegenseitig immer wieder neu bedingen und befruchten.

Mit Ungleichzeitigkeit ist nicht ein starrer, gesellschaftlicher Zustand zu einem beliebigen Zeitpunkt gemeint. Gemeint ist vielmehr das Entstehen des stets neu hervorbrechenden Ungleichzeitigen selbst, quasi der Prozess der Ungleichzeitigkeit, wie er sich seit dem Beginn der Neuzeit in der Gesellschaft je neu herauskristallisiert. Widersprüche sind nicht festgelegt und statisch, sondern, einmal angestoßen von dynamischer, fortschreitender, mitunter sprengender Kraft. Reinhart Koselleck kommentiert dies folgendermaßen:

„Im Horizont dieses Fortschreitens wird die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen zur Grunderfahrung aller Geschichte – ein Axiom, das im 19. Jahrhundert durch soziale und politische Veränderungen angereichert wurde, die den Satz in die Alltagserfahrung einholten“ (Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt/Main 2000, 325).

 

Dieser Text lehnt sich an Ausführungen, die ich zu einem früheren Zeitpunkt veröffentlicht habe, vgl. „Zur Ungleichzeitigkeit in der Weltgesellschaft„.

Was will die Begriffsgeschichte noch erreichen? Eine Kritik.

Ende August fand die 16. internationale Konferenz für Begriffsgeschichte in Bilbao statt. Das umfangreiche Programm der Tagung zeugt von der Vielfalt und der globalen Ausrichtung der begriffsgeschichtlichen Forschung dieser Tage. Ähnliches tun die Aufsätze in der regelmäßig erscheinenden begriffsgeschichtlichen Hauszeitschrift Contributions und im Jahrbuch Redescriptions (zuletzt erschienen 2011).

In ihrer Vielfalt, Vielsprachigkeit und Globalität unterscheidet sich die aktuelle Begriffsgeschichte sehr von der Begriffgeschichte, wie sie in den letzten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts initiiert und betrieben wurde. Diese war in der Ausrichtung sehr (west-) europäisch, beschränkte sich im Wesentlichen auf einige Schlüsselbegriffe der politischen und sozialen Sprache (vgl. zum Beispiel die Einträge im Lexikon Geschichtliche Grundbegriffe) und rezipierte – so eine immer wieder geäußerte Kritik – letztlich nur die Stimmen einiger weniger bedeutender Männer weißer Hautfarbe. Den Namen, den man mit diesen – trotz allem – weiterhin prägenden Anfängen der Begriffsgeschichte am meisten verbindet, ist Reinhart Koselleck (1923-2006).

Im letzten Jahrzehnt ist die Begriffsgeschichte zu einer eigenständigen (Sub-)Disziplin geworden: mit regelmäßig stattfindenden Kongressen, Sommerkursen für Nachwuchskräfte, Forschungsgruppen, Zeitschriften und einem ausdifferenzierten, interdisziplinären Forschungsprogramm in vielen verschiedenen Weltgegenden. Kaum noch einer kann von sich behaupten, er habe die Übersicht über die gesamte begriffsgeschichtliche Forschung. Das ist schon sprachlich kaum noch zu leisten, da heute in allen großen Sprachen der Welt regional gesonderte begriffsgeschichtliche Forschung betrieben wird. Diese Entwicklung ist zu begrüßen, da sie – wie auch die anwachsende Forschung auf dem Feld der Globalgeschichte – eine Bewußtsein dafür schafft, daß alle Welt und (fast) jede Sprache eine Geschichte hat und Geschichte schreibt. Diese Geschichten sind auf vielfältige Art und Weise miteinander verbunden.

Mit der zunehmenden Ausdifferenzierung der Begriffsgeschichte geht aber auch ein Prozeß einher, den ich zumindestens fragwürdig finde: Aus begriffsgeschichtlichen Texten ist kaum noch herauslesbar, ob diese mit einem Anspruch auf weiterreichende Schlußfolgerungen geschrieben werden. Verstanden werden will letztlich nur noch der kleine Ausschnitt der eigenen Fallstudie. Epochenüberschreitende Narrationen werden gemieden. Gemäß der heutigen Forschungsmaxime ist jede Begriffsprägung situativ zu verstehen. 

Reinhart Koselleck ging davon aus, daß in der Begriffsgeschichte Prozesse der Verzeitlichung, Ideologisierung, Politisierung und Säkularisierung abgebildet sind (vgl. dessen Einleitung zum ersten Band der Geschichtlichen Grundbegriffe aus dem Jahr 1972). Mit dem Epochen-Begriff der „Sattelzeit“ wagte es Koselleck zudem, begriffliche Umschreibungen und langfristige Geschichtserzählung miteinander zu verbinden. Quentin Skinner hingegen – und mit ihm ein Gros der derzeitigen begriffsgeschichtlichen Forschung – geht von einer „radical contingency in the history of thought“ aus: „There is nothing (…) lying beneath or behind such uses [of ideas and concepts, BC]; their history is the only history of ideas to be written.“ (Rhetoric and Conceptual Change, in: Finnish Yearbook of Political Thought, Jg. 3 1999, 61f.) Kari Palonen stimmt diesem Urteil zu und schreibt in diesem Zusammenhang von einer “Entsubstantialisierung der Begriffe” (Die Entzauberung der Begriffe, Münster 2004, 11) und stellt bei Koselleck notwendigerweise eine “onthologisierende Tendenz” (ebd., 334) fest.

Wenn die Begriffsgeschichte überhaupt noch einen über ihren nackten Gegenstand hinausgehenden Anspruch formuliert, dann liegt er in deren nicht zu verneinenden kritischen Potential. In dem schon zitierten Buch von Palonen schreibt der finnische Politologe der Begriffsgeschichte zu, sie betreibe eine „Subversion der normativen politischen Theorie“ (336). Sie schaffe dort heilsame Unordnung, wo viele Denker nur nach Ordnung strebten (ebd.). Auch entthrone sie die großen Namen und verhelfe den Kleinen zu ihrem Recht, gehört zu werden (The Struggle with Time, Münster 2006, 31). So wirke die Begriffsgeschichte als „ein Instrument der Kritik der politologischen normal science“ (ders.: Begriffsgeschichte und/als Politikwissenschaft, in: Archiv für Begriffsgeschichte, Bd.44 Jg. 2002, 221.)

Auf ähnliche Weise formuliert Hans-Georg Gadamer das Ziel der Begriffsgeschichte als einer Art Ideologiekritik. Gadamer schreibt: „Begriffsgeschichtliche Reflexion bedeutet (…)  eine gesteigerte kritische Bewußtheit gegenüber der geschichtlichen Überlieferung und eine Gewinnung ihres sachlichen Gehalts“ (in: Die Begriffsgeschichte und die Sprache der Philosophie, Opladen 1971, 9). Bei Gadamer finden sich aber noch weiterführende Gedanken. Vor allem taucht bei ihm hinsichtlich des Begriffs des Begriffs die Vorstellung auf, daß Begriffe einen Sinn haben. Er schreibt: „Die Begriffe der Philosophie erhalten ihre Sinnbestimmtheit nicht durch eine willkürliche Bezeichnungswahl, sondern aus der geschichtlichen Herkunft und der Sinngenese der Begriffe selbst, in denen sich das philosophische Denken bewegt, weil es immer schon in sprachlichen Gestalten sich vollzieht“ (ebd. 8). Und unter Zuhilfeahme eines treffenden Bildes fügt er hinzu: „Die begriffsgeschichtliche Provenienz eines Begriffs gehört dem Begriff ebenso an wie etwa die Obertöne einem Ton zugehören“ (ebd. 18).

Wenn ich auch in der Gefahr stehe, im Gefolge von Gadamer als „Sinnhuber“ abgetan zu werden, so weckt die Lektüre seiner Ausführungen einen Gedanken bei mir auf: nämlich die Erinnerung an ein Netz der Sinnbildung, das dem konkreten Begriffs-, Metaphern- und Wortgebrauch vorausgeht, auch in der politischen und sozialen Sprache. Das heißt nicht, daß Begriffe keine neue Prägung erhalten könnten. Diese neue Prägung muß sich aber sinn-voll in die Vorgeschichte eines Begriffs einfügen, sonst wird sie nicht verstanden und setzt sich somit auch nicht fort. Kreativität in der Begriffsbildung wurzelt also in der Kontinuität von Sinnbildung. Nur wo diese gegeben ist kann vernünftigerweise von Begriffsgeschichte – und eben nicht nur von Wortgebrauchsgeschichte – gesprochen werden.

Ich halte es für wichtig, daß neben der regionalen und sprachlichen Ausweitung der begriffsgeschichtlichen Forschung auch eine innere Vertiefung stattfindet, sozusagen als eine mitlaufende Debatte über den außerwissenschaftlichen Sinn der eigenen Disziplin. Zur Zeit sehe ich für eine solche Debatte wenig Anzeichen.