Ein Orden von Predigern

Ich gehöre zu dem 800 Jahre alten Dominikanerorden. Der eigentliche Namen dieser Gemeinschaft ist „Orden der Prediger“, „ordo praedicatorum“. Welche Verheißung steckt hinter diesem Namen?

Das Wort „Prediger“ ruft bei vielen Menschen widersprüchliche Reaktionen hervor. Viele kennen die Moralprediger. Diese klingen fromm und hohl zugleich. Gerne hört man ihnen nicht zu. Noch verbreiteter sind langweilige Prediger und Phrasendrescher. Immerhin: Dank des wohlbekannten Geredes kann sich wohltuender Kirchenschlaf auf müde Geister herabsenken.

Aber eigentlich erwarten Menschen, die in die Kirche kommen, etwas von einer Predigt. Sie warten auf einen neuen Gedanken, eine Idee, ein Quäntchen Trost, einen Schimmer Hoffnung, eine Verstehenshilfe in der Unordnung der Welt und des eigenen Lebens. Eine gute Predigt, so formuliert es der evangelische Theologe Wilhelm Gräb, „stärkt uns in unserer Individualität, ermutigt uns zu einem souveränen Lebensglauben.“[1]

„Mit Gott oder über Gott sprechen.“ Dieser Satz war dem hl. Dominikus, dem Gründer des Ordens der Prediger wichtig. Und unser derzeitiger Ordensmeister Bruno Cadoré hat einmal festgehalten, dass die Verkündigung der Predigerbrüder und -schwestern ein „Dienst am Gespräch Gottes mit der Welt“ sei.[2] Prediger halten also Gott im Gespräch der Menschen. Sie lassen Gott dort zu Wort kommen, wo nicht mehr mit ihm gerechnet wird.

Solche Prediger hören wir während eines Gottesdienstes in der Kirche. Wir sehen diese Prediger aber auch auf unseren Straßen und Plätzen, in unseren Krankenhäusern und Gefängnissen, Obdachlosenhäusern und Flüchtlingseinrichtungen.

Ja, der hl. Dominikus machte auch die Tavernen seiner Zeit zum Ort der Verkündigung. Eine ganze Nacht lang breitete Dominikus einem skeptischen Wirt das Angebot Gottes in Jesus Christus aus. Dieses Angebot reichen wir Prediger wie gefüllte Bierhumpen über den Tresen unserer Welt. Es ist unser bestes, liebstes und stärkstes Gebräu, das wir als Freibier freigebig verschenken in der Hoffnung, dass die Menschen ihren Durst damit stillen.

Die Predigerbrüder, die Dominikaner, sind seit 800 Jahren weltweit unterwegs, um zu predigen. Die Predigt der Predigerbrüder ist auch Teil eines weltumspannenden ökumenischen Projekts der Kirchen. Überall und zu jeder Zeit soll mit Gott oder über Gott gesprochen werden.

Dieser Text ist Teil einer Serie von Radioandachten beim NDR in der Woche vom 21. bis 26. November. Das komplette Manuskript findet sich hier, ein Podcast der Andachten hier.

Übrigens: Ich bin nicht „Theologe“, wie es der Ansagetext des NDR verkündet. Ich bin Politikwissenschaftler.

[1] Gräb, Wilhelm: Warum predigen?, in: Gräb et. al.: Predigtstudien für das Kirchenjahr 2014/2015, Perikopenreihe I – Erster Halbband, Freiburg/Brsg. 2014, 11.

[2] Cadoré, Bruno: Die dominikanischen Laien und die Verkündigung, in: Thomas Eggensperger & Ulrich Engel (Hrsg.): Dominikanische Predigt, Leipzig 2014, 107.

Das Schweigen der Prediger – esse contemplativus in praedicatione

Aus Anlass des Gedenktages des hl. Dominikus ein kleiner Abschnitt aus: Burkhard Conrad 2014, Das Schweigen der Prediger. Von der Gegenwart der Kontemplation in der dominikanischen Verkündigung, in: Thomas Eggensperger/ Ulrich Engel (Hg.): Dominikanische Predigt, Leipzig, S. 119-134.

So ist die Kontemplation in der Predigt bleibend gegenwärtig:

Ich vergesse mich selbst in der Verkündigung und bin doch ganz und gar gegenwärtig. Ich spreche von der geoffenbarten Wahrheit, ohne zu enthüllen oder gar zu wissen, dass ich sie selbst geschaut habe. Ich spreche mich ganz aus, ohne auch nur einmal das Wort „ich“ in den Mund zu nehmen. Solche Predigt „unterbricht die Unmittelbarkeit der religiösen Erfahrung“[1]. Sie verweigert mir, von meiner kontemplativen Erfahrung „unübersetzt“ zu sprechen. Sie ist frei gewählte Selbstverleugnung und Selbstvergessenheit in der Verkündigung, und sie ist nicht so sehr die nachträgliche Frucht der Kontemplation, sondern deren Wieder-holung. Die Kontemplation wird in die Predigt hinein geholt und ist als Akt des Schauens gleichzeitig mit dem Akt der Verkündigung.

So wie sich in der Kontemplation ein Spalt zur unanschaulichen Wahrheit auftut, so fällt aus diesem Spalt auch ein Lichtstrahl der Wahrheit in das Sprechen des Predigers. Der Strahl unterbricht den Redeschwall, schafft einen Raum für Mehr als menschliche Worte und kognitives Verstehen. Die hörbaren Worte sind verkündigenden Sprechakte meiner Selbst als einem dezentrierten, schweigenden Prediger. Die Predigt der Prediger wird zusammengehalten von einer kontemplativen Tiefensemantik: der contemplatio, der unanschaulichen Schau göttlicher Wahrheit. So kann von Mitgliedern des Ordens der Prediger gesagt werden: Sie sind contemplativus in praedicatione.

 

[1] Engel, Ulrich (o.J./2010): Gott der Menschen. Wegmarken dominikanischer Theologie, Ostfildern, 49.

 

Vita activa & Vita contemplativa – Thomas Merton, Thomas von Aquin und das „Schweigen der Prediger“

In einem früheren Text beschäftigte ich mich mit dem paradox klingenden „Schweigen der Prediger„. Damit war und ist gemeint die kontemplative Dimension jeder (christlichen) Verkündigung, vor allem jener, die durch Mitglieder des Ordens der Prediger – der Dominikaner – geschieht. Die Formulierung „Schweigen der Prediger“ deutet dabei eine tendenzielle Auflösung des Gegensatzes zwischen einer vita contemplativa und einer vita activa an, wie er im 20. Jahrhundert unter anderem von Hannah Arendt diskutiert wurde.

In einigen frühen Aufsätzen des bekannten US-amerikanischen geistlichen Schriftstellers und Trappisten Thomas Merton  (Early Essays 1947-1952, hrsg. Patrick F. O’Connell, Cistercian Publications 2015) las ich nun eine tiefergehende Diskussion dieser Dichotomie, die unterscheidet zwischen einem kontemplativen, nach innen schauenden Leben und einem aktiven, nach außen schauenden Leben.

Der Gegensatz, wie er von Hannah Arendt in „Vita activa“ diskutiert wurde, ist angelegt im Werk von Thomas von Aquin, welches sowohl Hannah Arendt als auch ihrem Zeitgenossen Thomas Merton (1915-1968)  bekannt war. Merton zitiert Thomas‘ Unterscheidung an mehreren Stellen in seinen Aufsätzen, wobei Merton nicht nur die analytische Unterscheidung übernimmt, sondern auch deren normative Bewertung: Vita contemplativa simpliciter est meliora activa (Merton 125) – das kontemplative Leben ist höher einzuschätzen als das aktive.  Diese Wertung gründet darauf, dass sowohl Thomas als auch Merton die Nähe zu Gott beim kontemplativen, beschaulichen Leben höher einschätzen als beim aktiven, tätigen Leben. Während der kontemplativ lebende Mensch – theoretisch – in der Stille der Schau Gott ständig vor Augen hat, quält sich der aktiv lebende Mensch – theoretisch – in seinem Alltag mit allerlei weltlichen, ablenkenden Dingen ab.

Die Unterscheidung von kontemplativer und aktiver Lebensweise hat sich in der katholischen Kirche in den unterschiedlichen Orden institutionalisiert. Merton, als Trappist, gehörte einem sehr kontemplativen Orden an. Thomas von Aquin gehörte als Dominikaner dagegen einem sowohl aktiven als auch kontemplativen Orden an. Dieses Zusammenspiel von Kontemplation und Aktion bei den Dominikanern scheint Merton fasziniert zu haben, denn er kommt in seinen Texten immer wieder darauf zu sprechen.

Dabei hört man bei ihm heraus, dass er dem kontemplativen durchaus einen Vorrang einräumt, doch es ein noch höherer Verdienst sein kann – die ständige Vergleiche in Mertons Texte verstören etwas – wenn ein Mensch das in der Kontemplation geschaute an andere weiter zu vermitteln vermag. Merton zitiert die jedem Dominikaner bekannte Formulierung von Thomas contemplata aliis tradere (34): Die Früchte der Kontemplation sind an die Anderen weiterzureichen. Thomas bringt dies in das schöne Bild des „Überflusses“, welches Merton ebenfalls aufgreift: propter abundantiam divini amoris (127). Die in der Kontemplation erfahrene Liebe Gottes fließt in der tätigen Verkündigung über hin zu der Welt, wie sie sich dem kontemplativ Aktiven darstellt.

Somit verflüssigt Merton den traditionellen Gegensatz zwischen dem aktiven und kontemplativen Leben. Trotzdem versteht der Leser ohne weiteres: Wenn du zwischen purer Kontemplation und purer Aktion wählen muss, dann wähle die Kontemplation. Wenn du aber frei bist in deiner Wahl, dann wähle die Kontemplation, die in die Aktion überfließt. Dabei muss freilich sicher gestellt sein, dass die Kontemplation nicht als Mittel zum Zweck missbraucht wird. „It is not sufficient to consider contemplation merely as a means to action“, schreibt Merton (129). Aktion und Kontemplation sind wesenmäßig miteinander verbunden. Merton weiter: „The preaching and teaching orders are not destined merely to functions of the active life. The contemplative life is an absolutely essential end of the preaching vocation“ (ebd.). Die kontemplative, beschauliche Lebensform und die aktive, tätige Lebensform gehören zusammen im Akt der von Gott zum Menschen weiter getragenen Liebe.

So wundert es nicht, dass Merton eigentlich nur eine Berufung anerkennen kann, und zwar jene „dominikanische“, welche genau dieser kontemplativ-aktiven Haltung entspricht. Diese Haltung kann bzw. muss freilich in jedem kirchlichen Orden gelebt werden, egal wie kontemplativ bzw. aktiv die jeweilige – akzidentielle – Organisationsform ist. Ja, wenn ich Merton recht verstehe, gilt diese Haltungsfrage für alle Menschen. Merton schreibt dazu:

„This means, in practice, that there is only one vocation. Whether you teach or live in the cloister or nurse the sick, whether you are in religion or out of it, no matter who you are or what you are, you are called to the summit of perfection: you are called to be called a contemplative  and to pass the fruits of your contemplation on to others. And if you cannot do so by word, then by example“ (37).

 Das ist freilich eine Herausforderung für all jene,  die der Kontemplation im tätigen Leben keinen hohen praktischen Stellenwert beimessen. Eine bürgerliche Form der gezähmten Kontemplation – Merton nennt es despektierlich „contemplation in a rocking chair“ (92ff.) – gibt es nicht. Billige Kontemplation gibt es nicht. Kontemplation hat immer mit einem Selbstopfer zu tun. Wer zu diesem nicht bereit ist, hat – in den Augen Mertons – nichts verstanden.

Und für Merton ist klar: Die Gefahr ist größer, dass ich vor lauter Aktivismus die Kontemplation vergesse, als dass ich vor lauter Kontemplation die konkrete Tat übersehe. Von daher bleibt Merton stets auf der Seite von Thomas von Aquin: Vita contemplativa simpliciter est meliora activa. Letztlich gilt also: Je höher der Puls der Aktivität ist, desto tiefer muss auch das Schweigen der Prediger sein.

Dominikanische „Predigt“ im Netz

Folgender Text ist soeben erschienen in „kontakt – Freundesgabe der Dominikaner der Provinz Teutonia“ (2014). Die Leserinnen und Leser dieser Zeitschrift sind Mitglieder und Freunde der Dominikaner in Deutschland.

 

Welchen Dienst der Verkündigung kann ich – Laiendominikaner, Ehemann, Vater zweier Kinder, Arbeitnehmer, Eigentümer von Haus und Garten – sinnvoller Weise tun? Diese Frage stellte ich mir vor einigen Jahren, angeregt durch einen Besuch des damaligen Generalpromotors der Laien, fr. David Kammler, in Hamburg.

Verschiedene Erwägungen spielten bei meinen ersten Überlegungen eine Rolle: Ich wollte einen Verkündigungsdienst ausüben, der – v.a. in Bezug auf die Zeiten – möglichst familienfreundlich ist. Der Dienst sollte zudem meinen eigenen Ansprüchen von Reflexion und wissenschaftlicher Seriosität genügen. Er sollte ebenso deutlich von meiner Verwurzelung im Orden der Prediger Zeugnis ablegen, aber auch offen sein für den Dialog mit Menschen außerhalb des Ordens und der Kirche. Und der Dienst sollte sich bewusst mit Fragen von Wahrheit und Sinn auseinandersetzen.

Eine lange Liste! Doch letztlich fand ich einen (mehr oder minder) passgenauen Dienst: die Verkündigung im Netz in Form eines Blogs, eine Art Tagebuch im Internet. Diese Art von Verkündigung lässt sich jederzeit von zu Hause aus erledigen; sie kann – je nach eingestelltem Inhalt – auch eine kirchenferne Leserschaft erreichen und sie lässt sich durchaus auch wissenschaftlich-reflexiv gestalten.

Ich entschloss mich also einen Blog zu schreiben. Dieses Blog trägt den Titel „Rotsinn“ und den Untertitel „Das ideengeschichtliche Blog eines Laiendominikaners“ und ist seit April 2012 am Start (www.rotsinn.wordpress.com). Die Arbeit an dem Blog macht mir Spaß, meinen Leserinnen und Lesern hoffentlich Freude und hält mich wach, da ich stets nach interessanten Themen Ausschau halten muss. Diese Themen legen mein eigenes wissenschaftliches Interesse offen und eignen sich, so mein Anliegen, auch zum Dialog mit anderen Menschen.

Seitdem ich selbst meinen kleinen Beitrag zur Verkündigung im Netz leiste, schaue ich mir bewusst auch weitere virtuelle Angebote an: andere Blogs, Beiträge in den sozialen Netzwerken (z.B. Twitter), Netzseiten. Selbstverständlich achte ich besonders auf Angebote von Predigerbrüdern und –schwestern, besonders auch aus den Laiengemeinschaften.

Im englisch- und französischsprachigen Raum gibt es, im Vergleich zum deutschsprachigen Raum, sehr viele Angebote: einzelne Gemeinschaften stellen sich vor; wissenschaftliche Institutionen präsentieren ihre Arbeit; individuelle Brüder, Schwestern und Laien treten mit ihrem Anliegen an die virtuelle Öffentlichkeit. Es gibt Seiten mit Sammlungen von Predigten, Plattformen für kirchliche Neuigkeiten aller Art, offizielle Seiten von Provinzen und der Ordenskurie in Rom (www.op.org) und die Präsenz von Individuen und Gemeinschaften in den sozialen Netzwerken.

Mir fällt auf, dass die meisten Angebote dezidiert geistlicher Art sind: Meditationen zu Festtagen im Kirchenjahr, Berichte von Einkehrtagen, Vorträgen oder theologischen Kongressen, Betrachtungen über die Heilige Schrift. Solche und andere Angebote sprechen Menschen an, die schon kirchlich geprägt sind oder ein ausgesprochen Interesse an spirituellen Fragen haben. Dabei ist ebenfalls selbstverständlich, dass Dominikaner vor allem dominikanische Themen besetzen. Die Kommunikation im Netz dient also auch einer Selbstverständigung innerhalb des Ordens und einer Positionierung innerhalb der weltweiten Kirche. Die eingestellten Inhalte sind oft von hoher Qualität, spirituell und theologisch, in der sprachlichen Gestalt und der graphischen Aufarbeitung. Auch behandeln sie andere Meinungen und Weltanschauungen nicht abschätzig, ein im virtuellen Raum nicht zu unterschätzendes Markenzeichen.

Die Konzentration auf ausgesprochen kirchliche Inhalte hat aber auch zur Folge, dass der Dialog mit Anders- oder Nichtgläubigen wenig stattfindet. Dieser Dialog wird nicht dezidiert abgelehnt, durch die Themensetzung der virtuellen Angebote aber auch nicht wirklich möglich gemacht. Dabei bietet die Tradition unseres Ordens ein reiches Arsenal an Themen und Fragestellungen an, die für ein weites Publikum interessant sind.

Zwischen der Verkündigung unseres Ordens und den Menschen mit anderen Wertvorstellungen und Weltbildern sind Brücken notwendig. Deshalb würde ich es mir wünschen, wenn wir uns mehr an die „Ränder“ (Papst Franziskus) wagen. Dorthin, wo Pionierarbeit zu leisten ist und wir gezwungen sind, eigene Sicherheiten fahren zu lassen. Das Internet bietet hier einen wichtigen, aber auch herausfordernden Ort der Verkündigung, gerade für dominikanische Laien.