Der Alltag der Demokratie – über die vielen Gelegenheiten Politik zu treiben.

Gelegenheitspolitiker seien wir alle, schrieb Max Weber einmal, spätestens dann, wenn „wir unseren Wahlzettel abgeben oder eine ähnliche Willensäußerung: etwa Beifall oder Protest in einer ‚politischen‘ Versammlung, vollziehen, eine ‚politische‘ Rede halten usw.“ (Politik als Beruf, Stuttgart 1992, 14). Neben diese Gelegenheitspolitiker, die wir alle immer auch sind, stellt Weber die „nebenberuflichen“ Politiker, welche die Politik sozusagen im Ehrenamt und nebenher machen. Schließlich gibt es noch die „Berufspolitiker“, welche von ihrem politischen Engagement leben oder zumindest es so intensiv betreiben, dass an eine andere berufliche Tätigkeit kaum zu denken ist.

Beim Gelegenheitspolitiker bricht das Politische ab und an in den Alltag hinein, meist in Form von Wahlen. Beim Berufspolitiker hingegen besteht der Alltag aus einer Aneinanderreihung politischer Handlungen, deren wichtigste aber ebenfalls meist in Wahlentscheidungen besteht. Dem Gelegenheitspolitiker ist es aber jederzeit möglich, die Gelegenheiten, zu denen er Politik treibt, numerisch in die Höhe zu treiben. Ich kann zur Wahl gehen, ja. Aber ich kann auch auf eine Wahlveranstaltung gehen. Ich kann in einem Kreis von Menschen über politische Themen sprechen, über Themen also, die der kollektiven Entscheidungsfindung anheim fallen. Ich kann auch für eine politische Sache Partei ergreifen, Mitglied werden in einem politischen Verein oder in einer Partei. Und ich kann mich auch zur Wahl als Kandidat aufstellen lassen, somit mein passives Wahlrecht ausüben. Spätestens hier würde Max Weber wohl von einem Übergang vom gelegentlichen zum nebenberuflichen Politikertypus sprechen.

Soweit die bloße synchrone Beschreibung. Diachron ließe sich die Beschreibung noch vervollständigen, indem man sich vor Augen führt, wie das individuelle und kollektive Interesse an der Politik im 19. Jahrhundert stark zunahm. Der Historiker Paul Nolte beschreibt in seinem Band „Was ist Demokratie? Geschichte und Gegenwart“ (München 2012) einen Prozess, den er „Fundamentalpolitisierung“ (ebd. 183) nennt. Fundamentalpolitisierung heißt im historischen Zusammenhang, dass das Interesse an Politik sich in alle Teile der Gesellschaft hin ausbreitete und damit weniger elitär wurde. Fundamentalpolitisierung heißt aber auch – und hier folge ich Michael Th. Grevens Idee von der ‚politischen Gesellschaft‘ – dass es heute kaum noch gesellschaftliche Bereiche und Fragen gibt, die nicht zum Gegenstand politischer Auseinandersetzungen werden können. Während im 19. Jahrhundert also die Politisierung der Welt um sich griff, verbreitete sich gleichzeitig auch die innere Politisierung vieler Gesellschaften.

Soweit die empirische Beschreibung. Ich mache nun einen normativen Schwenk: Nicht jede Politisierung ist demokratisch motiviert. Aber die Demokratie lebt auf jeden Fall davon, dass möglichst viele Bereiche der Gesellschaft politisiert sind. Sie lebt davon, dass möglichst viele Menschen Interesse an einem aktiven Mitgestalten der Politik – am „Politisieren“ – haben. Demokratie lebt von einer politischen Teilhabe, die im Alltag vieler Menschen angekommen ist. Noch einmal Paul Nolte: „Dass sich Menschen für Politik interessieren, ist ja nicht selbstverständlich, aber eine wichtige Voraussetzung von Demokratie“ (ebd. 91).

Je mehr Menschen sich aktiv und passiv an Wahlen beteiligen, je mehr Menschen (freiwillig) in Parteien Mitglied sind, je mehr Menschen sich über persönliche Betroffenheit hinaus für die Belange der Allgemeinheit einsetzen, je mehr Menschen politisches Interesse mitbringen, je mehr Menschen sich der öffentlichen politischen Auseinandersetzung stellen – desto besser ist das für eine Demokratie. Auf diesem Wege wird die Demokratie nämlich zu einem individuellen und kollektiven „Lebensstil“ (ebd. 182), der sich von Generation zu Generation fortpflanzen kann.

Es braucht für die Vertiefung der demokratischen Teilhabe aber nicht nur eine quantitative Vermehrung der Gelegenheitspolitiker. Es bedarf auch – und hier argumentiere ich wieder normativ – der qualitativen Vertiefung  des Nachdenkens und Redens über politische Teilhabe und Demokratie bei möglichst vielen Menschen. Demokratie ist damit auch eine Stilfrage. Um diesen demokratischen Stil im Alltag zu pflegen, gibt es Landes- und Bundeszentralen für die politische Bildung in unserem Land. Deshalb gibt es Politikunterricht an den Schulen. Deshalb gibt es Bücher wie jenes von Paul Nolte. Dieses habe ich übrigens kostenfrei bei der Landeszentrale für politische Bildung in Hamburg mitnehmen dürfen.

Herausforderungen der sog. Flüchtlingskrise im Lichte der Politikwissenschaft – ein Tagungsbericht

Zur Zeit kann, wer will, in jedem Monat gleich mehrmals wissenschaftliche Tagungen zum Themenkomplex Flucht, Migration und Integration besuchen. Diese Themen sind derzeit derart prominent, dass man sich angesichts der großen Anzahl von interessanten Veranstaltungen sehr wählerisch zeigen muss. Am vergangenen Wochenende war es mir möglich, eine spannende politikwissenschaftliche Konferenz unter dem Titel „Nationale, europäische und internationale Herausforderungen der Flüchtlingsströme“ in Berlin zu besuchen. Das Programm findet sich hier.

Die Tagung war eine Veranstaltung von Politikwissenschaftlern (unterschiedlicher Teildisziplinen) für Politikwissenschaftler. Das heißt, die Fragen und Begriffe, denen man auf der Tagung begegnete, waren auch jene Fragen und Begriffe, die innerhalb der aktuellen Politikwissenschaft diskutiert werden. Dass die bundesdeutsche Politikwissenschaft als Disziplin sich derzeit selbst auch zum Gegenstand geworden ist (vgl. die hier dokumentierte Diskussion)  war in den Pausengesprächen zu erfahren und spielte bei einer abendlichen Diskussionsrunde ebenfalls eine Rolle.

Die methodische und theoretische Vielfalt der Politikwissenschaft fand sich in den unterschiedlichen Vorträgen und Kommentaren wieder. Herausheben möchte ich im folgenden eine Auswahl von Fragestellungen, die mir relevant erscheinen. Selbstverständlich interessieren sich Politikwissenschaftler für den Staat und die Staatlichkeit. Der Staat sah und sieht sich im Gefolge der sog. Flüchtlingskrise mit enormen Herausforderungen konfrontiert. Diese berühren unter anderem seine Fähigkeit, mit einer krisenhaft zugespitzten Situation erfolgreich umzugehen. Im Jargon der Politikwissenschaftler heißt dies: Der Staat lebt von einer Output-Legitimität. Die Herausforderungen schlagen aber auch durch auf die Wahl der Mittel, welche staatliche Stellen bei ihren Problemlösungsversuchen bereit sind zu wählen. Auf der Tagung kamen dabei die verschiedenen Ebenen des staatlichen Handelns zur Sprache: kommunal, national, transnational.

Auf der kommunalen Ebene hat die sog. Flüchtlingskrise dazu geführt, dass Behörden und Verwaltungen auf eine enge Kooperation mit zivilgesellschaftlichen Akteuren angewiesen sind, z.B. wenn sie Flüchtlingsunterkünfte planen und einrichten. Priska Daphi (Uni Frankfurt) machte plausibel, dass die Art und Weise, wie Verwaltungen mit den Bürgerinnen und Bürgern vor Ort kommunizieren entscheidend ist für die wohlwollende Aufnahme von Flüchtlingen in den Kommunen. Ina Radtke (Uni Potsdam) & Julia Fleischer (Uni Bergen) erläuterten, dass unterschiedliche Verwaltungen des Bundes und der Länder dazu neigen, ähnliche bürokratische Strategien der Problemlösung zu implementieren, z.B. in der Form einer ressortübergreifenden Koordination der diversen flüchtlingsbezogenen Fragen. Diese Strategien haben auch das Ziel, evtl. verlorengegangenen Legitimität durch möglichst effiziente Problemlösung wieder zurück zu gewinnen.

Auf der nationalen Ebene begegnet einem ständig die Frage nach der Inklusion und Exklusion bzw. nach der Grenze. Julia Schulze-Wessel (TU Dresden) wies darauf hin, dass die Grenze als Ort der Mobilitätskontrolle und damit auch des möglichen Ein- und Ausschlusses sich ausgeweitet hat zu einem geografisch breiten „Grenzraum“. In diesem können beständig Kontrollen der einen oder anderen Art durchgeführt werden. Diese Kontrollen werden selektiv auf bestimmte Gruppen angewandt, was unter normativen Gesichtspunkten fragwürdig erscheint. Christoph Michael (Uni Halle) schlug in eine ähnliche Kerbe, in dem er sich – auch an die politische Theorie gewandt – für eine „Aufweichung des methodischen Nationalismus“ aussprach. Gerade vor dem Hintergrund der grenzüberschreitenden Migrationsbewegungen sei eine Theoriebildung jenseits des Nationalstaates geboten.

Normative Fragen bezogen auf ethisch vertretbares staatliches Handeln leuchteten auch im Beitrag von Peter Niesen (Uni Hamburg) durch. Dessen Kant-Lektüre führte aber nicht zu einem direkten Durchmarsch normativer Argumente von der kantischen Rechtslehre hinein in den politischen Alltag des 21. Jahrhunderts. Die Möglichkeiten, sich in der Migrationsfrage mit normativen Argumenten plausibel zu Wort zu melden sind offenbar begrenzt. Auf jeden Fall ließe sich nicht mit Eindeutigkeit sagen, so Niesen, welchen Standpunkt Kant (es ließe sich erweitern: de Vitoria, Pufendorf usw.) in der heutigen Situation einnehmen würde. Oliviero Angeli (TU Dresden) schloss sich dieser Meinung an, in dem er einen normativen Ansatz vorschlug, der sich weniger an normativen Prinzipien und deren unmittelbaren Durchsetzung orientierte. Vielmehr sei auf die normativ imprägnierte Praxis zu schauen im Sinne einer „nicht-idealen Theorie“, so Karsten Fischer (Uni München) in seinem Kommentar. Es kommt bei der Suche nach dem adäquaten politischen Handeln damit zu einem produktiven Zusammenspiel von Norm und Praxis, von Ideal und Alltag, von Theorie und Handeln.

Die sog. Flüchtlingskrise ist aber selbstverständlich keine rein nationale Herausforderung. Mehrere Beiträge gingen auf die europäische Dimension der Problematik ein. Dabei wurde immer wieder der Vergleich gezogen zum Krisenmanagement während der Eurokrise. Bei der Eurokrise – so der einhellige Befund von Frank Schimmelfennig (ETH Zürich) bzw. Philipp Genschel (EUI Florenz) & Markus Jachtenfuchs (Hertie School, Berlin) – habe die (zeitweise) Lösung weitere Schritte der institutionellen Integration beinhaltet. In der sog. Flüchtlingskrise sei aber gerade das Gegenteil zu beobachten. Auch aufgrund innenpolitischer Erwägungen und der verhältnismäßig geringen „Kosten“ favorisieren viele EU-Mitgliedsstaaten de facto eine Renationalisierung von Politiken. Diese macht sich dann u.a. in der Rückkehr manifester Grenzen bemerkbar.

Immer wieder stand auch die Frage im Raum, inwiefern man sich eine Politisierung der europäischen Bevölkerung in der Migrationsfrage wünschen solle. Dass diese Politisierung de facto statt findet und auch kaum steuerbar ist, darauf machte Tanja Börzel ( FU Berlin) aufmerksam. Michael Zürn (WZB Berlin) sprach sich für eine pro-aktive Politisierung aus. Die Frage ist aber, ob aus einer solchen Politisierung nur die Populisten – Claudia Landwehr (Uni Mainz) kennzeichnete diese durch ein instrumentelles Demokratieverständnis – ihren Vorteil ziehen oder ob sich die Situation auch – normativ betrachtet – positiv im Sinne eines politischen Liberalismus nutzen lässt. Freilich, und hier herrschte verblüffende Einigkeit – kann die liberal motivierte Politisierung zwar eine wohlwollende Konnotation der „positiven Leitidee Europa“ (Beate Kohler, Uni Mannheim) unterstützen. Sie sollte aber nicht vorrangig zu weiteren Integrationsschritten genutzt werden, denn diese würden den mentalen „Nachhinkeffekt“ (N. Elias) vieler Europäerinnen und Europäer in deren Unterstützung supranationaler Institutionen nur noch verstärken.

Auf einer politikwissenschaftlichen Tagung wird natürlich auch viel über Begriffe gesprochen. Dies zeigte schon das Beispiel des Politisierungsbegriffs. Mit der Nutzung des Begriffs der „Flüchtlingskrise“ war man zögerlich, obwohl auch objektive Gründe für die Nutzung des Krisenbegriffs vorgebracht wurden. Ironischerweise hatte man keine Bedenken im Titel der Tagung metaphorisch aufgeladen von „Flüchtlingsströmen“ zu sprechen. Im Verlauf der Veranstaltung wurden auch andere Metaphern wie „Wellen“ benutzt; hier scheint noch etwas differenzierende begriffliche Arbeit von Nöten zu sein.

Auffallend war auf der Tagung das fast gänzliche Fehlen einer internationalen Dimension jenseits des europäischen Kontextes. Ausnahme war hier eine Präsentation von Andrea Baier et. al. zum Einfluss von Migration auf die Transformation staatlicher Ordnung im Herkunftsland. Die internationale Dimension war im Titel der Tagung angekündigt und wäre aus sachlichen Gründen („Fluchtursachen“) auch zwingend gewesen. Scheinbar wird der methodische Nationalismus, von dem schon die Rede war, durch eine Verengung auf die europäische Dimension von Flucht und Migration ergänzt.

Einigen Beiträgen merkte man an, dass die sog. Flüchtlingskrise für die Politikwissenschaft letztlich überraschend kam. Alfons Söllner (TU Chemnitz) verwies in seinem Beitrag zwar auf die Kontinuität der Problematik. Diese Kontinuität der Problematik hatte in der Vergangenheit aber offenbar keine Kontinuität der politikwissenschaftlichen Bearbeitung der Migrationsfrage bewirkt. So gesehen kann die Tagung auch als der Anfang eines hoffentlich längerfristigen Interesses der politikwissenschaftlichen Disziplin  an Fragen von Flucht, Migration und Integration verstanden werden; auch dann, wenn man in Politik und Verwaltung wieder aus dem Krisen- in den Alltagsmodus zurückgekehrt sein wird.

Dieser Tagungsbericht erhebt nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Aufgrund parallel ablaufender Veranstaltungen wäre ein solcher auch nicht erfüllbar. Wenn ich also verschiedene Vortragende nicht erwähnt habe, liegt darin kein Ausdruck von geringer Wertschätzung!

 

 

 

 

Religiöse Identitäten in politischen Konflikten – ein Tagungsbericht

Wie verhalten sich religiöse Identitäten in politischen Konflikten?

Dieser Frage ging eine Tagung an der Evangelischen Akademie Berlin (auf Schwanenwerder) am 21. und 22. November 2014 nach. Die Tagung wurde ausgerichtet von der Evangelischen Akademie gemeinsam mit dem Arbeitskreis Politik und Religion der Deutschen Vereinigung für Politikwissenschaft und dem Forschungsverbund „Religion und Konflikt“. Das vollständige Programm der Veranstaltung findet sich hier.

Eine erste Erkenntnis der Tagung ergab sich mit der von allen Referenten geteilten – und fast schon selbstverständlichen – Auffassung, dass Individuen (und darauf aufbauend auch Kollektive) über eine komplexe, mehrdimensionale Identität verfügen. Menschen sind nie nur religiös, sondern besitzen weitere Identitätsmerkmale, die sich nach Ort und Zeit auch unterscheiden: Stand, Klasse, Stamm, Volk, Familie, Körper, Nation … . Die religiöse Identität bildet nur einen Aspekt einer individuellen Identität, wie es unter anderem Heinrich Schäfer (Bielefeld) unter Zuhilfenahme eines komplexen und an Pierre Bordieu angelehnten Habitus-Modells betonte. Diese Identität ist auch nicht als abgrenzbare Substanz zu verstehen, sondern ist ihrem Wesen nach relational. Gerade dies habe Samuel Huntington bei der Konstruktion seines Kulturkampf-Theorems übersehen, in dem er Kulturen und Religionen eine statische Natur unterstellte, wie Antonius Liedhegener (Luzern) anmerkte (vgl. zu S. Huntingtons Theorem auch diesen Tagungsbericht vom vergangenen Jahr).

Die religiöse Identität – eine zweite grundlegende Erkenntnis – verhält sich in politischen Konflikten ambivalent. Mithilfe der mimetischen Theorie von René Girard schrieb Jodok Troy (Innsbruck) der Religionen zugrunde liegenden Erfahrung von Sakralität generell eine Nähe zur Gewalt zu. Dies machte er vor allem an dem Begriff des Opfers fest. Die Nähe zur Gewalt liege nicht nur am zeitlichen Ursprung einer Religion, so Troy, sondern sei systematisch für das Verständnis von Religion überhaupt. In eine ähnliche Kerbe schlug Wolfgang Bergem (Siegen). Dieser äußerte die Meinung, dass religiöse „Virtuosen“ (Max Weber) eine höhere Anfälligkeit/Disposition für gewalteskalierendes Denken und Handeln besitzen. Dies liege unter anderem daran, da diese hochreligiöse Menschen dazu neigten, die religiösen Merkmale ihrer Identität auf Kosten anderer Merkmale zu verabsolutieren.

Diese Skepsis gegenüber einer ’starken‘ religiösen Identität wurde durch Vorträge, die sich konkreten Fällen widmeten, verstärkt. Anja Hennig (Frankfurt/Oder) wies bei ihrer Präsentation auf die polarisierende Rolle von konservativ-katholischen Personen und Gruppen im zeitgenössischen Spanien hin. In moral-politischen Debatten (bspw. zur Entkriminalisierung der Abtreibung) bedienten diese Akteure sich einer religiös-säkularen Konfliktlinie, die sie in der spanischen Gesellschaft vorfänden. Dadurch trügen sie zur Politisierung von Religion bei, was vor allem angesichts der dezidiert moderierenden Rolle katholischer Kreise im Nachbarland Portugal auffallend sei.

Auch der Beitrag von Mathias Tanner (Basel) machte deutlich, dass Argumentationsmuster, die sich aus einer bestimmten religiösen Identität speisen, oft gesellschaftliche Konfliktlinie verschärfen können. Mit Blick auf den Fall des (gewalttätigen) Konflikts im nigerianischen Jos lies Tanner aber auch die Möglichkeit einer Instrumentalisierung von Religion klar hervortreten. Religiöse Konfliktlinien sind dann nur von nachrangiger Bedeutung. Die eigentlichen, sozioökonomische Konfliktursachen werden durch eine solche Instrumentalisierung nur allzu oft verdeckt.

Die Tagung gab viele hilfreiche Anregungen für die Beschäftigung mit dem Themenkomplex Religion, Politik und Gewalt. Wie immer bei solchen Veranstaltungen blieben aber auch Fragen unbeantwortet. Aus meiner Sicht waren dies folgende:

1. „Ambivalenz“ – so könnte man leicht aus den Tagungsbeiträgen schließen – ist ein fast schon zu vorsichtiger Ausdruck für die offensichtlich stark polarisierende Rolle von religiöser Identität in politischen Konflikten. Die Diagnosen und Interpretationen der insgesamt zehn Referentinnen und Referenten waren diesbezüglich meist ernüchternd. Gleichzeitig gibt es aber auch viele Beispiele für eine schlichtende Rolle von Religion in Konflikten. Diese standen auf Schwanenwerder jedoch eher im Hintergrund.

2. Es erwies sich auch als schwierig, den genauen Umständen auf die Spur zu kommen, die über eine schlichtende bzw. polarisierende Rolle von religiöser Identität entscheiden. Es gibt Gruppen, die sich ein hohes Maß an Religiosität zu schreiben, gleichzeitig aber konflikteskalierend wirken; Thomas Scheffler (Beirut) nannte für den Libanon das Beispiel maronitischer Mönchsorden. Gleichzeitig gibt es unbestritten auch eine friedensförderliche Form der organisierten Hochreligiosität. Leider fehlte es bei der Tagung an Kriterien, die ein Urteil darüber möglich machen, welche spezifischen (theologischen bzw. politischen) Ursachen an der Wurzel der religiös motivierten Gewalt bzw. an der Wurzel des religiös motivierten Friedens liegen.

3. Darauf aufbauend blieb auch die Frage unbeantwortet, was religiöse Gemeinschaften denn tun können – Willigkeit vorausgesetzt – um einer polarisierenden religiösen Identität in ihren eigenen Reihen vorzubeugen. Anders formuliert: Gibt es eine Form von religiöser Radikalität im spirituellen Lebensentwurf, die gerade nicht politisch polarisiert und exkludiert; die ihre Radikalität gerade in der Inversion politischer Machtansprüche sieht?

4. Der Tagungstitel lautete „Religiöse Identitäten in politischen Konflikten“. Ausnahmslos alle Vorträge gingen davon aus, dass die Kausalkette von den religiösen Identitäten zu den politischen Konflikten verläuft. Man hätte das Thema aber auch anders herum angehen können: Was stellen politische Konflikte mit den religiösen Identitäten der Beteiligten an? Werden diese eher verschärft konturiert oder kommt es eher – aus Enttäuschung bspw. – zu einer Auswaschung religiöser Gestimmtheit?

 

 

Shaping the world – politically

In 1811, the last volume of Joachim Campe’s dictionary of the German language was published. In the foreword to his book, Campe somewhat proudly proclaims that his dictionary included more than double the number of entries than its predecessor, the Adelung dictionary, namely 141.277 “words and articles” (Campe, Joachim Heinrich Ed.1811: Wörterbuch der Deutschen Sprache. 5. und letzter Teil. U bis Z, Braunschweig: Vorrede).

Opening the fifth and last volume of Campe’s dictionary on page 668, readers get a taste of how Campe arrived at this record sum of words. There we are confronted with 16 columns and over 200 entries which all relate to the word Welt – ‚world‘ and its compounds although I have to admit that I am not quite sure how many of these compounds were really part of the German language at the time and how many Campe made up himself.

Be it as it may, browsing through those 16 columns, readers come across all sorts of words which show to the creativity of the semantic field of the word ‘world‘ in the German language at the beginning of the 19th century. Let me give you some examples: Weltall – nowadays the word only refers to ‘outer space’ but according to Campe it means everything, all that is entailed in the world; for example: Weltbuch – a book containing all facts and details of life; for example: Weltling – an individual who is well accustomed to things ‘worldly’ and who is unlikely to be a Weltverbesserer – someone who is looking to correct the faults and errors of others.

We may also find words with a clearly political flavour, for example: Weltbürger – a cosmopolitan, a citizen who believes that he belongs to the whole of the world and not just to an individual state; or: Weltregirung – being the world government, although Campe refers to the governing will of God rather than to an actual earthly political power; for example: Welthandel – world trade, a trade that includes all parts and countries of the known world; or: Weltherrschaft – the rule of the world, with the Roman Empire being the eminent historical example.

I could continue this list for another hour at least. Campe’s dictionary is a valuable resource regarding non-political as well as political vocabulary. It is also interesting to note which words Campe’s exhaustive list does not include: for example Weltpolitik – world politics.

Read more at:

https://www.academia.edu/6766077/Shaping_the_World_Politically._Towards_a_Conceptual_History

See also:

https://rotsinn.wordpress.com/2012/07/19/die-politisierung-der-welt-ii/

 

Ideengeschichte im New Bell Prison, Douala, Kamerun

Brother G. ist ein schmächtiger, junger Mann in weitem Gewand. Er fährt seinen Geländewagen forsch durch die überfüllte Innenstadt von Douala, vorbei an unzähligen Marktständen, umschwärmt von ebenso unzähligen Motorrädern.

Brother G. ist ein Gefängnisseelsorger der katholischen Kirche. In seiner Arbeit wird er von einem deutschen Hilfswerk unterstützt. Heute besuchen wir mit ihm das New Bell Prison inmitten der kamerunischen Hafenstadt. Das Gefängnis wurde ursprünglich für ca 750 Personen gebaut. Heute hausen darin ca. 2500 Gefangene, zumeist junge Männer.

Bevor Brother G. mit seiner Arbeit begann, waren über 4000 Menschen dort gefangen. Monatlich starben zwei bis drei Personen an Krankheit, Hunger und Gewalt. Es gab keine Registratur. Niemand wusste, wer in Haft war und wer wann entlassen werden sollte. Mit der ausländischen Unterstützung konnte Brother G. dem Gefängnis helfen, eine einfache Verwaltung aufzubauen. Das führte dazu, das mit der Zeit über 1500 Personen entlassen wurde, die ihre Haftstrafe oft schon lange verbüßt hatten.

Als wir durch den großen Innenhof des Gefängnisses gehen, werden wir von jungen Männern umlagert. In der Luft liegt ein Gestank von Schweiß, Essen, Fäkalien und anderem. Viele schlafen ohne Dach überm Kopf auf dem harten Betonboten. Wenn sie Glück haben werden die Gefangene von Verwandten jenseits der Gefängnismauern versorgt. Innerhalb der Mauern gilt das Gesetz des Stärkeren. Darin mischen sich die Aufseher wenig ein. Mein Begleiter raunt mir zu: „Ich habe schon Schlimmeres gesehen.“

Ich jedoch habe große Schwierigkeiten mir Schlimmeres vorzustellen. Auch wenn ich von anderen, noch unmenschlicheren Anstalten, Gefängnissen, Lagern der Geschichte und der Gegenwart weiß. Vieles geht mir in dieser Stunde und in den Tagen dannach durch den Kopf. Unter anderem auch die Frage: Was soll die Beschäftigung mit Ideen und Begriffen, wenn die Wirklichkeit der Menschen so aussieht? In ein konventionelles Gegensatzpaar gebracht: Weshalb treibe ich Theorie, wenn die Empirie der Menschen so düster ausschaut?

Nach einer gewissen Zeit tauchen aber auch andere, weitergehende Fragen auf: Ist es nicht eine solche Wirklichkeit, die unserem Sinn für Menschenwürde elementar widerspricht, die uns zur Ausformulierung von grundlegenden Ideen und Begriffen anregt? Gehen diese Ideen und Begriffe – Gerechtigkeit, Freiheit, Frieden, Gleichheit, Brüderlichkeit, Menschenwürde – nicht wieder in unseren politischen Sprachschatz ein? Helfen uns diese Ideen und Begriffe nicht dabei, politische Forderungen auf den Punkt zu bringen und Veränderungen anzustoßen? Eine Option für die Armen zu ergreifen, um eines der politisch relevantesten Theoreme der jüngeren Theologiegeschichte zu nennen?

In seinem Essay „The Development of Christian Doctrine“ aus dem Jahr 1845 kommt John Henry Newman zu einer in diesem Kontext hilfreichen Folgerung. Newman meint, daß Ideen und Begriffe aus den Notwendigkeiten einer bestimmten historischen Situation bzw. Konstellation heraus erwachsen. Newman nennt dies die „doctrine according to the need“. „Doktrin“ steht also nicht für sich, ist nicht zeitlos, sondern ist die Antwort auf die konkrete Wirklichkeitserfahrung von Menschen an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit.

Die Wirklichkeit im New Bell Prison in Douala verfolgt mich weiter. Die daraus sich ergebenden Handlungsnotwendigkeiten praktischer und theoretischer Art auch. Was für diesen Ort heute gilt, das gilt für jeden Ort und jede Zeit der Geschichte, Gegenwart und Zukunft. Ideen und Begriffe lassen uns verstehen (und gelegentlich auch mißverstehen). Ideen und Begriffe geben uns aber auch die Instrumente in die Hand, eine gerechte, friedensfördernde, menschenwürdige Politik zu formulieren und durchzusetzen.

Vielleicht ein bißchen viel Menschenrechtspolitik für gewöhnliche Ideengeschichtler …

Die Politisierung der Welt III

Die Politisierung der Welt ist ein Vorgang der Ideengeschichte. Als solches bedeutet sie die rhetorische Entgrenzung eines politischen Besitzanspruches. Als solches bedeutet sie auch die Identifzierung des Globus‘ als eines Gegenstandes politischer Debatten und Interessen.

Die ideengeschichtliche Politisierung der Welt hat aber realgeschichtliche Hintergründe. So wie jeder ideengeschichtliche Prozess eine Anbindung an die Realgeschichte besitzt bzw. jeder realgeschichtliche Augenblick von ideengeschichtlichen Überlegungen begleitet wird.

In diesem Zusammenhang erweckte das Interesse der Forschung in den letzten Jahren unter anderem die Entwicklung der Kartographie. In einem jahrhundertelangen Prozess ist in der Erstellung von Karten eine immer „realistischere“ bzw. detailgenauere Darstellung der topographischen Eigenarten der Kontinente festzustellen. Gleichzeitig faszinieren die zeit- bzw. kulturspezfischen Besonderheiten in der Kartographie, sei es eine ungewohnte Ausrichtung des Kartenmaterials oder die Erwähnung von Fabelwesen, die sich zum Teil auch noch in neuzeitlichen Karten am Rande des jeweils bekannten Raumes tummelten. Ebenfalls wundert man sich heute mitunter über die starke Vermischung zwischen der kartographischen Darstellung der Welt und der darin eingegossenen politischen Interessenslage einer Zeit. Wenn all diese Themen in opulent gestalteten Bänden mit einem bündig geschriebenen Text aufgegriffen werden, dann können Bücher zu diesem Thema auch mehrere Auflagen erreichen (vgl. unter anderem Ute Schneider 2004: Die Macht der Karten. Eine Geschichte der Kartographie vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Darmstadt).

Ein weiterer realgeschichtlicher Prozeß, welcher der Politisierung der Welt zugrunde liegt, ist die zunehmende Beschleunigung des Transports von Güter und Menschen. Diese Beschleunigung nahm im frühen 19. Jahrhundert seinen Anfang und war ebenfalls schon Thema zahlreicher Untersuchungen (vgl. unter anderem Wolfgang Schivelbusch 1989: Geschichte der Eisenbahnreise: zur Industrialisierung von Raum und Zeit im 19. Jahrhundert, Frankfurt/Main).

Eine Quelle, die in diesem Zusammenhang oft zitiert wird, ist der Sozialökonom Friedrich List (1789-1846). In zahlreichen Werken und Pamphleten zum Transportwesen tat List zweierlei: Er widmete sich der Darstellung der erfolgten Fortschritte in diesem Bereich, nur aber um in Deutschland und darüber hinaus im gleichen Atemzug weitere Anstrengungen zur Verbesserung der Transportinfrastruktur zu fordern. Denn: „Der wohlfeile, schnelle, sichere und regelmäßige Transport von Personen und Gütern ist einer der mächtigsten Hebel des Nationalwohlstandes und der Civilisation nach allen Verzweigungen“ (Friedrich List 1838: Das deutsche National-Transport-System in volks- und staatswirthschaftlicher Beziehung, Altona & Leipzig, S. 2; zitiert nach Wikisource).

Straßen, Kanäle und der Schienenverkehr gehören für List zur Grundausstattung eines entwickelten Landes. Immer wieder streicht er heraus, daß heute alles viel schneller gehe als früher und wie bereichernd diese Tatsache für Wirtschaft und Staat doch sei: „Wenn die productiven Kräfte und die Reichthümer der Nation durch ein vollkommenes Transportsystem in so außerordentlicher und mannigfaltiger Weise vermehrt werden, (…) so gewinnt auch der Staat in seiner Gesamtheit in hundertfältiger Beziehung.“ (ebd. S. 18).

Eine Parellele zu den Entwicklungen in Kartographie und Transportwesen bis zum 19. Jahrhundert ist – uns zeitlich näherliegend – die zunehmende Nutzung der digitalen Medien zum Ende des 20. Jahrhunderts hin. Auch hier gehen realgeschichtlicher Prozeß und ideengeschichtliche Reflexion miteinander einher. Daraus kann man folgern: Die Politisierung der Welt im Reich der Ideen ist eng mit der Präzisierung und Beschleunigung der Kommunikation im Reich der Tatsachen verknüpft.

(Fortsetzung folgt.)

Die Politisierung der Welt II

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war der Begriff der „Welt“ noch weitgehend unpolitisch. Wer von der „Welt“ sprach, meinte damit moralisch-ethische Zusammenhänge, eine (bloß) geographische Größe oder auch eine ins Weite des vermuteten Ganzen ausgreifende Diskursebene. Überhaupt firmierten viele semantischen Felder unter „Welt“, die wir dort heutzutage gar nicht mehr vermuten.

Das läßt sich durch den Blick in zeitgenössische Wörterbücher anschaulich machen, z.B. das „Wörterbuch der Deutschen Sprache veranstaltet und herausgegeben von Joachim Heinrich Campe„, dessen letzter Band (U-Z) 1811 in Braunschweig veröffentlicht wurde. Über mehrere Seiten versammelt Campes Lexikon Wörter bzw. Begriffe, die allesamt Welt-Komposita sind. Viele kennt man auch noch heute. Andere sind in Vergessenheit geraten. Wieder andere legen die Vermutung nahe, daß Campe nicht nur sammelte, sondern selbst auch kreativ tätig bei der Erstellung seiner Einträge war.

Einige Beispiele:

Das „Weltall“ wird als das „All der Welt, die Welt in der weitesten Bedeutung“ wiedergegeben. Der „Weltaufruhr“ ist ein „großer allgemeiner Aufruhr“. Von einer „Weltbegebenheit“ spricht Campe im Falle einer „wichtigen, auf die ganze Erde Einfluß habende Begebenheit“ und fügt hinzu: „Die Staatsumwälzung in Frankreich ist, durch ihre Folgen, zu einer Weltbegebenheit geworden.“ Diese Begebenheiten werden in einem „Weltbuch“ erzählt, wie es einige Zeilen weiter heißt. Der „Weltbeherrscher“ kann ein „Beherrscher  eines Welttheils, d.h. eines Erdtheils“ sein, aber eigentlich ist es die Bezeichnung für einen „Beherrscher der Welt, des Weltalls, welche Benennung nur Gott zukömmt“.

Aber auch die moralisch-ethische Dimension ist reichlich vertreten: Den „Weltdank“ sollte man erst gar nicht anstreben, weil er ein „schlechter, schnöder Dank“ ist. Die „Weltehre“ ist eine „vergängliche Ehre“. Der „Weltfreund“ ist entweder ein „Freund der Menschen überhaupt (Cosmopolit)“ oder er ist ein „Freund des Irdischen, Sinnlichen“ ähnlich eines „Weltlings“. Und das „Weltgewirr“ bezeichnet „das Gewirr in der Welt, in dem geräuschvollen bürgerlichen Leben.“

Umsonst sucht man bei Campe den Begriff der „Weltpolitik“. Auch bei ihm gibt es eine Dimension des menschlichen Handelns, die sich auf die ganze Welt bezieht. Beispielsweise der wirtschaftliche „Welthandel“ bzw. der „Welthändel“ im Falle eines viele Menschen angehenden Streites. Oder die „Weltregirung“, die wiederum nur Gott zukommt. Oder die „Weltherrschaft“ desjenigen Machthabers, der einen Teil der Erde beherrscht. Doch dieses räumlich ausgreifende Handeln der Menschen ist nicht im strengen Sinne politisch. Es geht nicht mit dem Anspruch einher, die ganze Welt zum Objekt politischer Unterwerfung zu machen, auch im Zeitalter der napoleonischen Feldzüge.

Das ist zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Wir werden sehen, daß einige Jahrzehnte später die Dinge sich gewandelt haben. Kolonialpolitik und fortschreitende Demokratisierung verändern den Blick auf das Ganze der Welt. Der Blick wird politisch.

(Fortsetzung folgt.)