Der Friedhof für abgelehnte Drittmittelanträge: „Die Politisierung der Welt. Begriffsgeschichtliche Dimension von ‚Weltpolitik'“

Ich eröffne hiermit einen virtuellen Friedhof für abgelehnte Drittmittelanträge!

Von Forschungsanträgen hört und liest man meist nur, wenn sie erfolgreich waren: wenn sie Mittel eingeworben, Konferenzen verantwortet, Publikationen auf den Markt geworfen haben. Von Forschungsanträgen, die in der Antragsstellung auf der Strecke bleiben, hört und liest man nicht viel.  Das ist schade! Denn: Auch in solchen Anträgen steckt nicht nur viel Arbeit, sondern dort findet sich auch viel gewinnbringende Erkenntnis! Menschen haben Literatur gesichtet, Gespräche geführt, Thesen entwickelt und verworfen und neu formuliert, methodisches Rüstzeug sich angeeignet, eine Hermeneutik entworfen. Das muss durch ein negatives Verdikt von Gutachter_innen nicht in der Schublade verschwinden.

Das Scheitern am Ende eines langen Weges ist meist nicht Ausdruck eines schlechten Antrags. Der Grund ist vielmehr ein anderer. Der Markt ist einfach zu voll mit zu vielen Anträgen guter Qualität. Gelingen und Scheitern hängen da weniger von der Qualität des einzelnen Antrags ab, als vielmehr von vielen anderen Faktoren, die kaum unter Kontrolle bringen zu sind: der passenden Vernetzung, den inhaltlichen und methodischen Moden, den Vorlieben der Gutachter_innen, dem schieren Glück.

Über abgelehnte Forschungsanträge wird aber viel zu wenig gesprochen. Vielleicht auch deshalb, da diese Anträge in veränderter Form an anderer Stelle eingereicht werden oder letztlich doch in einer kleinen Publikation enden, also nicht ganz für die Katz waren. Es gibt aber auch das totale Scheitern, das Fiasko, über das sich zu berichten lohnt: indem man diese gescheiterten Anträge öffentlich macht.

Ich stelle im folgenden einen solchen abgelehnten Antrag aus dem Jahr 2008/9 (leicht gekürzt) ins Netz.  Ich finde das Thema weiterhin spannend, habe gleichzeitig aber nicht die Möglichkeiten, es systematisch zu verfolgen. Die Forschungswelt hat sich weitergedreht und es werden sich andere mit ähnlichen Themen beschäftigt haben; da fehlt mir inzwischen die Übersicht.

Gleichzeitig möchte ich dazu ermutigen, dass andere ebenfalls ihre abgelehnten Anträge im Netz zur Verfügung stellen und damit zu ihrem Scheitern sich bekennen; das gleiche gilt auch für Aufsätze, die es nie an den Gatekeepern der Forschung vorbeigeschafft haben. Ablehnung heißt noch lange nicht, dass die eigenen Gedanken für Dritte nicht interessant sein können. Sie ist wiederum aber auch kein Grund, sich als Märtyrer einer verschworenen Forschungswelt zu verstehen. Scheitern gehört zum Leben in der Forschung einfach dazu; vor allem im Zeitalter der Digitalität kann man daraus ja aber das beste machen. Und es bleibt die Hoffnung: Vielleicht kann aus meinem Scheitern ja das Gelingen der Anderen wachsen.

 

Die Politisierung der Welt.
Begriffsgeschichtliche Dimension von ‚Weltpolitik‘
RIP

 

Inhalt:

1. Zusammenfassung

2. Hintergrund, Thesen und Zielsetzung

3. Forschungsstand und Forschungspotential

4. Ansatz und Methode

5. Eigene Vorarbeiten und interdisziplinäre Kooperation

6. Zeitplan & Evaluationskriterien

7. Kostenplan

8. Literaturangaben

 

1. Zusammenfassung

Die von Wissenschaft und Öffentlichkeit gleichermaßen konstatierte Globalisierung prägt das derzeitige Verständnis von „Welt“ in erheblichem Maße. In den geäußerten Befunden finden sich Verweise auf eine zunehmende Vernetzung und Beschleunigung der unterschiedlichen auch räumlich voneinander getrennten menschlichen Lebenswelten. Prominent ist in den Debatten um Globalisierung vor allem die Frage nach der Wünschbarkeit ihrer politischen Gestaltung. Dabei ist eine fundamentale „Politisierung der ‚Welt’“ festzustellen. Dieser Prozeß der „Politisierung der Welt“ – d.h. das sich in öffentlichen Sprechhandlungen vollziehende menschliche Ausgreifen auf „Welt“ im Sinne ihrer politischen Planbarkeit und Formbarkeit – soll im Mittelpunkt des Forschungsvorhabens stehen. Geschichtlich betrachtet stehen die heutigen Debatten in einer Kontinuität, die oftmals ungewürdigt bleibt. Die „Politisierung der Welt“ ist nämlich ein grundlegender Prozeß der neuzeitlichen Welterfahrung und -erschließung überhaupt.

Das Forschungsvorhaben hat zum Ziel, diesen Prozeß anhand zentraler Begriffe der politischen und sozialen Sprache nachzuzeichnen. Im Gegensatz zur Aktualität des Terminus „Globalisierung“ geht das Vorhaben von der Annahme aus, daß sich die „Politisierung der Welt“ in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts im deutschen Sprachraum erstmals konkret manifestierte und in der kolonialistischen Zeit des späten 19. Jahrhunderts (bis 1914/18) einen vorläufigen Höhepunkt erreichte. Anhand von Quellen aus dieser Zeit läßt sich der Befund ableiten, daß die „Politisierung der Welt“ mit spezifischen Erfahrungen der Gegenwart und Vergangenheit und mit spezifischen Erwartungen an die Zukunft von „Welt“ einhergeht. Dieses Gefüge aus sprachlich formulierten Erfahrungen und Erwartungen ist seit dem Ende des 18. Jahrhunderts ähnlich geblieben und verweist somit auf die historischen Dimensionen von Globalisierung. Das Vorhaben möchte mittels eines ausgiebigen Quellenstudiums und mittels einer methodischen Anlehnung an den begriffsgeschichtlichen und metaphorologischen Ansatz die „Politisierung der Welt“ für den deutschen Sprachraum erarbeiten, womit es ein bislang nur wenig bearbeitetes Forschungsfeld erschließen wird.

2. Hintergrund, Thesen und Zielsetzung

Unbegrifflichkeit  

Dem Vorhaben liegt die vorgängige Annahme zugrunde, daß spätestens seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts „Welt“ Gegenstand und Raum kollektiver Erwartungen und Hoffnungen ist. Dieser Vorgang der politischen Welterschließung schlägt sich im deutschen Sprachraum in der Wahl der sprachlichen Mittel nieder und kann dort identifiziert werden. In diesem Zusammenhang ist bezeichnend, daß „Welt“ zwar zum Gegenstand politischer Debatten wird, dabei aber grundsätzlich ein Begriff bleibt, der sich durch seine Nicht-Gegenständlichkeit auszeichnet: Wer von „Welt“ spricht,  verbleibt mit dem Ausdruck in einer letzten Unklarheit, da er implizit auf das Äußerste menschlicher Erfahrung verweist. „Welt“ meint den „Horizont der Horizonte“ (Moxter 2003: 541) menschlicher Erschließbarkeit. Auf ambivalente Weise legt der Begriff die Grenzen der menschlichen Gestaltbarkeit fest ohne selbst die Grenze zu bezeichnen. Aufgrund dieser Ambivalenz eignet sich „Welt“ in besonderem Maße dafür, ausgreifende politische Erwartungen und Hoffnungen aufzufangen. „Welt“ ist, um mit Hans Blumenberg (2007: 11) zu sprechen, ein Begriff der „genügend Unbestimmtheit“ besitzen muß, und in dieser Unbestimmtheit ist er offen für Sprechhandlungen der Politisierung. Politisierung meint in diesem Zusammenhang einen Vorgang durch den Fragen auf gesellschaftlicher Ebene zum „Gegenstand unterschiedlicher Bewertung“ (Palonen 1985: 67) werden. Aufgrund dieser grundlegenden Eigenschaft der „Welt“ als eines Begriffes der Unbestimmtheit, ist ihre Politisierung ein immer wieder neu ansetzender Prozeß; historische und aktuelle Debatten stehen hierin in einer semantischen Verwandtschaft.

Politisierung, Historisierung, Verräumlichung  

Dabei folgt der Prozeß der Politisierung der Welt anderen Prozessen der neuzeitlichen Welterschließung. Zum einen handelt es sich hierbei um die Historisierung der Welt. Diese macht sich begrifflich vor allem an dem aus der Geschichtsphilosophie stammenden Terminus der „Weltgeschichte“ fest, der seine Vorläufer in den Universalgeschichten und heilsgeschichtlichen Historiographien des Mittelalters hat (vgl. Koselleck 1975a: 686ff.). Zum anderen handelt es sich um eine seit dem Entdeckungszeitalter vonstatten gehende Verräumlichung der Welterfahrung im Gefolge der kartographischen Erfassung immer neuer „Weltteile“, der „Weltmeere“ und letztlich auch des „Weltraumes“ (vgl. Schneider 2004: 33ff.). Politisierung, Historisierung und Verräumlichung der Welt wurzeln – und dies wäre zu untersuchen – auf je eigene Weise in einer nachlassenden Wirkmacht christlich-theologischer Weltdeutung. Diese hatte „Welt“ als den Gegenbegriff zu „Gott“ verstanden  und in diesem Dualismus von Immanenz und Transzendenz (vgl. Braun: 440ff.) eine Haltung vermitteln wollen, die von Max Weber (1972: 536ff.) als „religiöse Weltablehnung“ gedeutet wurde. Dieses dualistische Verständnis wurde im Laufe der Neuzeit durch die genannten säkularen Weltdeutungen relativiert.

Im politischen und gesellschaftlichen Sprachgebrauch ist „Welt“ stets mehr als eine „sinnvolle Ganzheit“ bzw. die „Totalität alles Seienden“ (Dirks 2004: 408), wie es für die philosophische Rede bestimmend ist. Wenn der Begriff in gewissen Zusammenhängen seine religiös-pejorative Anklänge auch nie ablegen wird, so wird „Welt“ im Zuge der Aufklärung doch zu einem positiv besetzten Begriff für ambitionierte Erwartungen an die Zukunft. Wer beispielsweise von „Weltgeschichte“ spricht, meint damit nicht bloß eine diachron angelegte Historiographie von Menschengeschlecht und Globus, sondern es wird „unter Verzicht auf Transzendenz erstmals das Menschengeschlecht als das präsumtive Subjekt seiner eigenen Geschichte in dieser Welt angesprochen“ (Koselleck 1975: 688). Demnach wäre die „Weltgeschichte“ das rückwärts angelegte Äquivalent zu dem zukunftsgerichteten Begriff der „Weltpolitik“. Beide verweisen auf die immanente Formbarkeit des „Weltlaufes“ durch menschliches Handeln hin zu einem sinnvollen Ganzen. Dieser Wunsch nach Formbarkeit schlägt sich auch auf die kartographische Ausgestaltung von „Welt“ nieder, welche in der Neuzeit in erhöhtem Maße von politischen Erwägungen durchzogen wird (vgl. Black 1997). Heutzutage stehen die politischen, historischen, räumlichen und theologischen Weltdeutungen mit ihren jeweiligen Begriffsgeschichten synchron nebeneinander.

Welt-Begriffe  

Komposita mit dem Wortstamm „Welt“ gibt es in der deutschen Sprache häufig, wobei folgend einige für unser Vorhaben relevante Beispiele exemplarisch aufgeführt werden sollen.[1] Politisch imprägnierte Weltbegriffe, die als Vorläufer für den hier zu untersuchenden Terminus der „Weltpolitik“ gelten können, sind zum Ende des 18. Jahrhunderts z.B. das von Immanuel Kant (1795) geprägte „Weltbürgerrecht“, der utopische Entwurf eines „Weltfriedens“, die angesprochene Konzeption einer „Weltgeschichte“ sowie als fremdsprachlicher Ausdruck der „Kosmopolitismus“ bzw. der „Kosmopolit“.

Während diese und andere Begriffe im zweiten Teil des Vorhabens Berücksichtigung finden sollen, wird sich der erste Teil ausdrücklich mit „Weltpolitik“ beschäftigen. Der Begriff einer dezidiert als solchen bezeichneten „Weltpolitik“ läßt sich erst im Verlauf des 19. Jahrhunderts identifizieren. Systematisch wird er vor allem von Constantin Frantz (1882/1966) bearbeitet, für welchen die „Weltpolitik“ neben der schon früher als solchen bezeichneten „Weltökonomie“ eine schiere Notwendigkeit der zeitgenössischen Politik geworden ist, da „zur Bühne der Politik“, so Frantz in seinem Vorwort, mittlerweile „die ganze Welt“ geworden sei (ebd.: IV).

Die „Welt“- Begriffe mit politischer Semantik werden, um die Wichtigkeit des „neuen“ globalen Handlungszusammenhanges herauszustellen, oftmals emphatisch gebraucht. Zu „Weltmacht/Weltreich“ hält etwa Bluntschli fest (1870: 183), daß die zeitgenössische „Weltmacht“ Großbritannien sei, wobei er noch hinzufügt, daß jenseits aller Tagespolitik ein universales „Weltreich“ als „das höchste Ziel der rechtlichen und politischen Entwicklung der Weltgeschichte“ anzustreben sei (ebd.: 184). Auch schon früher, nämlich bei Friedrich List (1844/1959) wird „England“ als der dominante Staat im weltpolitischen Geschehen identifiziert gegen dessen „Weltherrschaft“ (ebd.: 311) andere Beispiele aus der Historie verblaßten. Der an Wirtschaftsfragen interessierte List spricht zudem von den „kosmopolitischen“ Dimensionen der „Welt-Ökonomie“ (134). List zeichnet sich auch anderweitig durch eine Klarsicht hinsichtlich des gesellschaftlichen Wandels aus, da er den beschleunigend und entgrenzend wirkenden Kommunikations- und Verkehrsmitteln eine maßgebliche Rolle im sozialen Gefüge zuschreibt (vgl. List 1837/1985).

Die politischen „Welt“- Begriffe finden im späten 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts offenbar verstärkt Eingang in kolonialistische Debatten. Mit „Welt“ verbindet sich nun ein Anspruch auf – im Bilde gesprochen – ein Stück des kolonialen Kuchens. Eine erste Sichtung ließ erkennen, daß „Weltpolitik“ einen aggressiven Expansionsgestus im Kontext der konkurrierenden Staaten zum Ausdruck bringen möchte (vgl. Delbrück 1902/1926). Ebenfalls wird „Weltpolitik“ als ein eher deskriptiver Begriff verwendet, um den für damalige Verhältnisse noch relativ jungen Prozeß der Globalisierung und die deutsche Rolle darin zu beschreiben (vgl. Hammann 1925). Ausgreifende Ambitionen finden sich jedoch in allen Texten, und es scheint ein Einvernehmen darin zu bestehen, daß „es (…) heute kein Land mehr auf unserem Planeten [gibt], in welchem es keine deutschen Interessen gäbe.“ (Peters 1911/1912: 9). Die „Welt“ wird, metaphorisch gesprochen, zum Spielball der Mächte, wobei der globale Anspruch die globalisierte Wirklichkeit noch weit überschreitet. Der weitere Verlauf der Begriffsgeschichte verweist immer wieder auf diese latente Politisierbarkeit von „Welt“. Der Begriff findet nicht nur als beschreibende Kategorie Verwendung, sondern legt sich immer wieder einen appellativen Unterton zu. Gerade die sich durchhaltende Ambivalenz zwischen Deskription und Appellation zeichnet „Weltpolitik“ wie auch andere „Welt“- Begriffe mit politischer Semantik aus.

 Thesen, Vorgehen und Zielsetzung  

Die hier nur exemplarisch aufgeführten Beiträge weisen auf die Ambivalenz in der Sprache von „Weltpolitik“ hin. Diese Ambivalenz trifft auch auf andere Weltbegriffe mit einer politischen Metaphorik zu. Beide Ebenen sollen Gegenstand meines Forschungsvorhabens werden. Für beide gilt folgendes Thesenbündel, das die bisherigen Ausführungen zusammenfaßt und nach zunehmendem Abstraktionsgrad ordnet:

Zum ersten: „Weltpolitik“ und andere Weltbegriffe mit politischer Metaphorik oszillieren zwischen nüchterner Beschreibung und emphatischem Anspruch, zwischen einem Raum der Erfahrung und einem Horizont der Erwartung (vgl. Koselleck 2000). Die Termini zeichnen sich durch einen semantischen Überschuß aus, der ihnen Unbestimmtheit verleiht.

Zum zweiten: Der semantische Überschuß wird durch die Ambitionen und Hoffnungen derjenigen Sprecher hervorgerufen, welche die Begriffe verwenden. Ihnen ist es ein Anliegen, eine Planbarkeit und Formbarkeit von „Welt“ im Sinne ihrer Politisierung zu postulieren. Aus diesem Grund muß der Begriffsverwendung eine rhetorische Funktion unterstellt werden.

Zum dritten: Ambivalenz, Überschuß und rhetorische Funktion prägen viele Begriffe, die im Kontext der Politisierung, Historisierung und Verräumlichung von „Welt“ Verwendung finden. Diese drei Prozesse der neuzeitlichen Welterschließung betonen das innovative Moment, welches die „neuen“ säkularen Weltbegriffe gegenüber den „alten“ theologischen Deutungen absetzen soll.

Aus dem Thesenbündel ergibt sich ein gedoppeltes Vorgehen: In einem ersten Schritt wird das Projekt eine Geschichte des Begriffs „Weltpolitik“ erstellen. Diese wird auf Grundlage des begriffsgeschichtlichen Ansatzes vonstatten gehen (vgl. Abschnitt 4). Dabei ist eine möglichst tiefgehende, vor allem die Anfänge beleuchtende Geschichte anstrebenswert. Sie hätte zum Ziel, einen Beitrag zur historischen Verwurzelung der Globalisierungsdebatte zu leisten. In einem zweiten Schritt werden weitere Weltbegriffe mit politischer Semantik untersucht, die Vorläufer von „Weltpolitik“ sind. Hier wird der begriffsgeschichtliche Ansatz um metaphorologische Dimensionen erweitert, um dem, was in einer Sprechhandlung semantisch im Hintergrund mitgemeint sein mag, auf die Spur zu kommen. Der zweite Teil wiederum verfolgt zwei Ziele: Auf methodischer Ebene versucht er eine bisher kaum vollzogene Integration von Begriffsgeschichte und Metaphorologie. Auf inhaltlicher Ebene wird er einen Beitrag zur Ideengeschichte der Neuzeit leisten. Es ist anstrebenswert, daß am Ende eine Topologie von politisch relevanten Welterschließungen erstellt werden kann, die sich auf die untersuchten Begriffe rückbezieht. Beide Schritte werden aus methodischen und inhaltlichen Erwägungen heraus vorrangig auf die deutsche Sprache und auf die Zeit zwischen der Mitte des 18. Jahrhunderts und dem Ersten Weltkrieg beschränkt bleiben (vgl. Abschnitt 4). Das Gesamtvorhaben möchte dazu beitragen,Begriffsgeschichte und politische Ideengeschichte miteinander zu verzahnen, da hier ein Forschungsdesiderat vorhanden ist.

3. Forschungsstand und Potential

 Stand  

„Weltpolitik“ ist der originäre Gegenstand einer nach dem Ersten Weltkrieg entstandenen politikwissenschaftlichen Unterdisziplin, die sich unter der Bezeichnung „Internationale Beziehungen“ (IB) inzwischen fest an den Universitäten etabliert hat. Die Disziplin stand in ihren frühen Jahren in der Tradition der Friedensbewegung des 19. Jahrhunderts, und ihre Anfänge können retrospektiv als der wissenschaftliche Versuch gewertet werden, eine Verarbeitung des kollektiven Schocks des Ersten Weltkrieges zu ermöglichen (vgl. Meyers 1981: 15f.). Seit diesem idealistisch geprägten Beginn haben sich die Internationalen Beziehungen als akademische Disziplin ausdifferenziert und bieten heutzutage eine Reihe von Weltbilder bzw. Theorien an, mit deren Hilfe versucht wird, die weltpolitische (Un-) Ordnung darzustellen (vgl. Krell 2003).

Mit der Thematisierung der Globalisierung als eines weltumgreifenden sozialen und politischen Wandels rückte nach dem Ende des Kalten Krieges der globale Aspekt der internationalen Beziehungen in der Hierarchie der Forschungsfragen nach oben. Bewußt sprach man von der Notwendigkeit einer „Weltinnenpolitik“ (vgl. Senghaas 1992) und übertrug damit den Referenzrahmen des politischen Handelns vom Nationalstaat auf die Welt. Im Terminus der „Weltinnenpolitik“ verschwinden die nationalstaatlichen Grenzen, da die Welt zum letztgültigen Horizont allen Handelns wird. Auch die Rede von den Herausforderungen einer „global governance“ kam mit der Globalisierung auf (vgl. Messner/ Nuscheler 2006), womit ein dezentrales und auf mehreren Ebenen vor sich gehendes „Regieren jenseits des Nationalstaates“ (Zürn 1998) gemeint ist. Dabei wird vermutet, daß der herkömmliche Staat nicht mehr der alleinige Gestalter des weltpolitischen Geschehens ist, sondern andere Akteure daran beteiligt sind. In diesen Vorstellungen aus der Disziplin der IB wird das räumlich-beschreibende Element von „Welt“  betont, ganz im Sinne einer einschlägigen Definition, die „Weltpolitik“  als „alle diejenigen politisch bewussten, organisierten und koordinierten Aktivitäten von Regierungen und Nichtregierungsorganisationen“ beschreibt, „die sich (…) in der Tendenz auf den ganzen Globus, das heißt mehr oder weniger auf das ‚spaceship earth’“ beziehen (Krell 2003: 25).

Dabei ist aber auffallend, daß eine weitergehende Reflektion von „Welt“ als dem hauptsächlichen Bezugspunkt politischen Handelns bisher nicht vorliegt. Grund für dieses Forschungsdesiderat mag sein, daß das begriffsgeschichtliche Interesse überhaupt erst im Verlauf der 1960er Jahre weitere Kreise zog und seitdem erst eine begrenzte Anzahl von Begriffen eingehend untersucht wurden. Dabei ist auffallend, daß der begriffsgeschichtliche Ansatz in den IB bisher offenbar gar nicht und in der Politikwissenschaft nur sehr begrenzt rezipiert wurde.

Wenn eine begriffliche Arbeit zu „Weltpolitik“ auch nicht vorliegt, so sind doch im Umfeld unseres Forschungsinteresses eine Reihe von Arbeiten veröffentlicht worden, auf die im Rahmen unseres Forschungsvorhabens zurückgegriffen werden kann. Diese sind meist außerhalb der IB bzw. an deren ideengeschichtlichen Rändern angesiedelt. Sowohl „Welt“ als auch „Politik“ waren seit den 1960er Jahren Gegenstand umfangreicher begriffsgeschichtlicher Untersuchungen. Deren Befund deutet darauf hin, daß die Termini der  politischen und sozialen Sprache – ganz nach Reinhart Kosellecks These von einer „Sattelzeit“ (1975b: XV; vgl. Abschnitt 4) – um 1800 einem gesteigerten Transformationsprozeß ausgesetzt waren. Dies trifft zu für „Welt“ (vgl. Braun 1992; Dirks 2004) wie auch für „Politik“ (vgl. Palonen 2006). Während die Semantik von „Welt“ einem Prozeß der säkularisierenden Umdeutung unterworfen war, wandelte sich „Politik“ von einem Sphären- bzw. Disziplinbegriff mit normativen Einschüsse hin zu einem dynamischen Handlungsbegriff (vgl. Palonen 2006: 33ff.). Dimensionen des begrifflichen Wandels zeigen sich auch an diversen „Welt“-Komposita, die oftmals eine politische Semantik beinhalten: Aus der Mitte des 18. Jahrhunderts stammen „Weltgeschichte“ (Rohbeck 2004) und „Weltfrieden“ (Cheneval 2004), wobei beim ersten das geschichtsphilosophische Moment vorherrscht und beim zweiten ein utopisches Moment bestimmend ist. Seit der Französischen und spätestens mit der Russischen Revolution ist die Sprache von einer „Weltrevolution“ verbreitet (Fetscher 2004), was einen Vorgang der totalen und gewalttätigen Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse impliziert. Jüngeren Datums ist der soziologisch geprägte Begriff der „Weltgesellschaft“ (Luhmann 1998: 145ff.), der eine globale Ganzheit kommunikativer Prozesse vermitteln möchte. Auf den Begriff der „Globalisierung“ bezieht sich die Arbeit von Bach (2007). Wie der Autor feststellt, bündeln sich in der „Globalisierung“ verschiedenste kontrovers diskutierte politische Erfahrungen und Erwartungen, die je nach Begründungszusammenhang polemisch oder beschreibend, affirmativ oder ablehnend verwendet werden können. Zwar wächst der Korpus der Forschungsliteratur zur Globalisierung unvermindert an, Bachs Arbeit ist aber eine der wenigen, die den Gegenstand begriffshistorisch zu durchdringen sucht.

Weniger aus dem Bereich der Begriffsgeschichte als vielmehr aus dem Umfeld der intellectual history wurden in der Vergangenheit zahlreiche Arbeiten vorgelegt, die den Begriff des „Weltbürgers“ bzw. des „Kosmopolitismus“ in den Vordergrund rücken (vgl. Thielking 2000; Albrecht 2005; Cheneval 2002). Wie bei den oben aufgeführten begriffsgeschichtlichen Arbeiten zeigt sich auch hier, daß die Zeit um 1800 für den Wandel der individuellen wie auch der gesellschaftlichen Weltansicht von großer Wichtigkeit war. Im Terminus des „Weltbürgers“ wird die Planbarkeit von Welt regelrecht personalisiert und auf das weltgestaltende Individuum rückbezogen. Die Zivilisierung der „Welt“ wird zu einer Aufgabe des einzelnen Menschen. Der Begriff unterliegt zudem einer „politisch-utopischen Aufladung“ (Albrecht 2005: 399) und teilt auf diese Weise das Schicksal anderer Weltbegriffe, in eine deskriptive und rhetorische Dimension aufgeteilt zu werden. Die sicherlich umfassendste Studie zum Thema, nämlich Gollwitzers Arbeit zur „Geschichte des weltpolitischen Denkens“ (1972 & 1982), ist ebenfalls im ideengeschichtlichen Bereich anzusiedeln. Gollwitzer geht es um die geschichtliche Rekonstruktion der Entwicklung eines weltpolitischen Bewußtseins seit dem 16. Jahrhundert. Er stellt eine Entwicklung des Denkens dar – vom Entdeckungszeitalter, über Universalismus, Aufklärung, Imperialismus bis hin in das 20. Jahrhundert – welche als Hintergrund für eine Begriffsgeschichte unverzichtbar ist, diese aber nicht ersetzen kann.

Die aufgeführten begriffs- und ideengeschichtlichen Arbeiten betonen ein Oszillieren der Weltbegriffe. Zum einen wird ein ausgreifendes, gelegentlich auch utopisches Moment von „Welt“ als eines universalen Hoffnungs- und Erwartungsraumes identifiziert und zum anderen auch ein deskriptives Moment von „Welt“ als eines globalen Ganzen, das die nationalstaatlichen Besonderheiten übersteigt (vgl. Schlichte 2005: 44). Dieser ambivalente Charakter von Weltbegriffen offenbart die Natur von politischen und sozialen Begriffen überhaupt: Ihnen ist die Eigenschaft zu eigen, gleichzeitig beschreibende und rhetorische Funktionen zu besitzen. Eine Begriffsgeschichte von „Weltpolitik“ wird diese Ambivalenz in jedem begrifflichen Entwicklungsstadium berücksichtigen müssen, um einer rhetorisch vonstatten gehenden Politisierung auf die Spur zu kommen.

Potential  

Aufgrund des skizzierten Forschungstandes ergibt sich für das geplante Vorhaben folgende Situation: Das Projekt kann an die vorliegenden begriffsgeschichtlichen Arbeiten und an die Forschung aus dem Bereich der intellectual history anschließen. Zu einigen Aspekten „weltpolitischer“ Begriffssemantik liegen mit Primärquellen gesättigte Studien vor, die das eigene Quellenstudium anleiten können. Besonders zu vermerken ist der scheinbar einhellige Befund der gesichteten Literatur, daß Begriffe mit einer weltpolitischen Semantik durch einen metaphorisch anklingenden Zwiespalt zwischen Rhetorik und Beschreibung gekennzeichnet sind. Die grundlegende These des Vorhabens – die Politisierung der Welt als eines rhetorisch vonstatten gehenden Ausgreifens auf „Welt“ als den Horizont politischen Handelns – läßt sich an die vorliegenden Arbeiten gut anschließen, da es durchweg um die Wünschbarkeit weltpolitischer Konzeptionen in einer Zeit gesteigerter Kontingenz geht.

Hier liegt aber auch das Innovationspotential des Vorhabens. Zum einen wurde der Begriff der „Weltpolitik“ bislang keiner systematischen begriffsgeschichtlichen Untersuchung unterzogen. Eine solche Untersuchung wird über den begriffsgeschichtlichen Gewinn hinaus zusätzlich die oftmals sehr komplexen Weltdebatten des späten 18. bis zum frühen 20. Jahrhundert gleichsam in einem begrifflichen Mikrokosmos verdichten und dadurch anschaulich machen. Der Rekurs auf die Globalisierungsdebatte wird das Vorhaben überdies für heutige Fragestellungen und deren Durchdringung anschlußfähig machen. Zum anderen wird das Vorhaben durch eine weitergehende Betrachtung der skizzierten Prozesse von Historisierung und Verräumlichung von „Welt“ den Blick weiten. Dies soll wiederum anhand zentraler Begrifflichkeiten geschehen. Dabei kommt es darauf an, die weltpolitische Hintergrundsmetaphorik politisierender, historisierender und verräumlichender Begriffe darzustellen, um sie von theologischen Weltdeutungen absetzen zu können. Wenn das Quellenstudium auch auf die Zeit zwischen der Mitte des 18. und dem Beginn des 20. Jahrhunderts beschränkt bleiben wird, so ist das doppelte Vorhaben einer weltpolitischen Begriffsgeschichte und einer Darstellung der weltpolitischen Hintergrundsmetaphorik ambitioniert. Daher scheint es dem Antragsteller notwendig, die gedoppelte Natur des Vorhabens gründlich im methodischen Ansatz (vgl. Abschnitt 4) zu verankern und klar im Zeitplan (vgl. Abschnitt 6) darzustellen.

4. Ansatz und Methode

 Begriffsgeschichte  

Zur Untersuchung der skizzierten Politisierung der Welt greife ich auf den begriffsgeschichtlichen Ansatz zurück, der in den vergangenen Jahrzehnten zu einem wichtigen hermeneutischen Zugang zur Erforschung gesellschaftlichen Wandels wurde. Dieser Ansatz verbindet sich vor allem mit dem Namen von Reinhart Kosselleck und betont die Verknüpfung von Begriffs- und Sozialgeschichte: „Gesellschaftsgeschichte und Begriffsgeschichte stehen in einer geschichtlich bedingten Spannung, die beide aufeinander verweist, ohne daß sie je aufgehoben werden könnte.“ (Koselleck 2006a: 13) Hinter Kosellecks Aussage verbirgt sich die Vermutung, Begriffsgeschichte könne als eine „bloße“ Historie abstrakter Wörter verkannt werden, ohne deren Verwurzelung in der sozialen und politischen Wirklichkeit anzuerkennen. Das Anliegen der Begriffsgeschichte besteht aber gerade darin, auf die Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen „Geschichten“ hinzuweisen und Befunde für einen realgeschichtlichen Wandel auf der sprachlichen Ebene herauszuarbeiten. Dies hat zur Folge, daß begriffsgeschichtliche Untersuchungen vor einem realgeschichtlichen Hintergrund verlaufen. Dadurch läßt sich zum einen auf etwaige Spannungen zwischen den beiden hinweisen, zum anderen lassen sich Begriffsprägungen aus einer bestimmten historischen Situation heraus verstehen.

Dieses Wechselverhältnis von Begriffs- und Sozialgeschichte gilt auch für das vorgestellte Vorhaben: Die Geschichte von „Weltpolitik“ als Begriff ist rückzubinden an weltgeschichtliche Einflußgrößen wie politische Aufklärung, Französische Revolution, Imperialismus und Weltkrieg, die alle reiche Spuren im Sprachhaushalt der Gesellschaft hinterlassen haben. Sie ist ebenfalls rückzubinden an das, was Hans Blumenberg eine „rhetorische Situation“ nannte (Blumenberg 2001: 414). „Rhetorische Situation“ will für unseren Zusammenhang heißen, daß Menschen in ihren Sprechhandlungen einen Überschuß an weltpolitischer Semantik produzieren, welcher durch die „Faktenlage“ und die Evidenz des Geschehens nicht abgedeckt ist. Äußerungen zur weltpolitischen Lage sind demnach nicht nur als Aussagen zu einem genau umrissenen Tatsachenbündel zu verstehen. Vielmehr dienen sie in gleicher Weise der Überzeugung des Publikums bzw. der Öffentlichkeit. In der rhetorischen Situation spiegelt sich somit die oben aufgeführte Ambivalenz von deskriptiver und rhetorischer Begriffswahl wieder, weshalb das rhetorische Moment in das vorgestellte Thesenbündel aufgenommen wurde.

Die ambivalente Natur von Begriffen ist ein Grundaxiom des lexikalischen Großwerks „Geschichtliche Grundbegriffe“. Begriffe der politischen und sozialen Sprache besitzen in Kosellecks Lesart zum einen die Funktion diverse Wortbedeutungen in sich zu vereinen und auf eine höhere Ebene zu aggregieren. Zum anderen zeichnen sie sich dadurch aus, daß sie umstritten sind, „weil verschiedene Sprecher ein Deutungsmonopol durchsetzen wollen“ (Koselleck 2006b: 99). Umstrittenheit und die Unmöglichkeit zu einer von allen Sprechern geteilten Definition zu gelangen sind auch in Blumenbergs Sicht Markenzeichen des Begriffs (vgl. Blumenberg 2007: 56). Aus dieser Einsicht heraus leitet wiederum Koselleck die These ab, daß grundlegende Begriffe der politischen Sprache in der von ihm als „Sattelzeit“ bezeichneten Periode (ca. 1750-1850) einem Wandel unterzogen waren (Koselleck 1975b: XV). Koselleck identifiziert vier Prozesse, welche in dieser Periode auf die Begriffsemantiken Einfluß nahmen (ebd.: XVIff.): die Demokratisierung als die Ausdehnung der politischen Sprache auf die ganze Gesellschaft; die Verzeitlichung als die Dynamisierung von Sprache zwischen einem zurücktretenden Erfahrungsraum und einem in die Zukunft geöffneten Erwartungshorizont (vgl. Koselleck 2000); die Ideologisierbarkeit von Sprache in der Auseinandersetzung konträrer Weltbilder und die Politisierung von sprachlichen Ausdrücken, d.h. deren Verwandlung in Objekte des politischen Streits.

Wenn das Forschungsvorhaben von einer „Politisierung der Welt“ spricht, bindet es sich an diese für die Begriffsgeschichte wesentlichen Aussagen Kosellecks an. „Welt“ unterliegt ab dem späten 18. Jahrhundert einem demokratisierenden, dynamisierenden und ideologisierenden Prozeß, welcher für meine Zwecke gesamthaft als Politisierung bezeichnet wird. Die angestrebte Begriffsgeschichte von „Weltpolitik“ wird danach streben, den geschilderten Wandel von Semantiken festzustellen, ohne der Versuchung zu erliegen, das Ergebnis den Koselleckschen Annahmen gefügig zu machen. Aufgrund des relativ einheitlichen Befundes der verschiedenen Einträge in „Geschichtliche Grundbegriffe“ und anderer Arbeiten (u.a. Palonen 2006) besteht jedoch Grund zur berechtigten Annahme, daß auch in meinem Fall ein semantischer Wandel in Richtung einer Politisierung festzustellen sein wird.

 Metaphorologie  

Neben dem ersten Schritt einer begrifflichen Geschichte von „Weltpolitik“, soll das Vorhaben wie ausgeführt einen zweiten inhaltlichen Schritt einbeziehen, der sich ebenfalls auf die methodische Herangehensweise niederschlagen muß: Die angestrebte Eruierung einer politischen Hintergrundsmetaphorik weiterer Weltbegriffe erfordert ein Instrumentarium, welches bei einer „konventionellen“ Begriffsgeschichte nicht zur Verfügung stünde. Der politische „Gestus der Weltverwaltung“ (Blumenberg 1986: 10) läßt sich nämlich auch im Falle von Termini feststellen, die bei einem ersten Blick keinen politischen Bezug vermuten lassen. Dort wäre im Sinne einer Metaphorologie vorzugehen. In der Vergangenheit wurden gelegentlich Studien vorgelegt, welche das Wechselverhältnis von Politik und Metaphorologie untersuchten (vgl. Rigotti 1994; Münkler 1994; Ankersmit 1996). In diesem Zusammenhang wurde stets betont, daß Metaphern für die politische Welterschließung von herausragender Bedeutung seien, da sie grundlegende hermeneutische und legitimatorische Vorarbeit für politisches Handeln leisteten (vgl. Schön 1993: 138).

Das Vorhaben wird in seinem zweiten Schritt nun nicht beliebig historische Metaphern untersuchen, bei denen eine weltpolitische Semantik vermutet wird. Vielmehr wird es sich jenen zusammengesetzten Begriffen zuwenden, in denen „Welt“ Teil des Wortes ist: „Weltgeschichte“, „Weltraum“, „Weltmacht“, „Weltlauf“ usw. Es wird vermutet, daß bei solchen von Historisierung und Verräumlichung kündenden Termini oftmals eine politische „Hintergrundsmetaphorik“ im Sinne Blumenbergs (1998: 91) vorliegt. Hintergrundsmetaphorik meint in unserem Zusammenhang beispielweise, daß in einem historischen Begriff wie „Weltgeschichte“ semantische Übertragungen aus einem politischen Kontext vonstatten gehen. Begriffliche Semantiken sind selbst nur bedingt festlegbar und reichen mit ihrem jeweiligen metaphorischen Hof in den Bereich anderer Begriffe hinein, wodurch es zu Übertragungen kommt. Auf solche Weise versucht die Metaphorologie an die „Substruktur des Denkens“ (Blumenberg 1998: 13) zu gelangen, die der Begriffsgeschichte im engeren Sinne verschlossen sein mögen. Das Forschungsvorhaben strebt daher eine Verknüpfung von Begriffsgeschichte und Metaphorologie an, was laut Gumbrecht ein dringendes Desiderat ist (vgl. 2006: 36).

Methodisches Vorgehen  

Aufgrund dieser zweistufigen Anlage legt sich für das Projekt folgendes Vorgehen nahe: Zum ersten wird es die Geschichte der Politisierung der Welt anhand einer Begriffsgeschichte im engeren Sinne des deutschen Wortes „Weltpolitik“ nachzeichnen. Der Schwerpunkt wird dabei auf der Zeit zwischen der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg liegen. Die zeitliche Eingrenzung leitet sich aus den methodischen Erwägungen ab: Der grundlegende Wandel von begrifflichen Semantiken wurde vor allem für die „Sattelzeit“ konstatiert. Auch wenn hierbei eine gewisse Flexibilität geboten ist, können die weltpolitischen Debatten im 20. Jahrhundert als eine Art Verlängerung der vorab angelegten Muster gedeutet werden. Ebenfalls ist die Etablierung der Internationalen Beziehungen als einer politikwissenschaftlichen Teildisziplin in den 1920er Jahren Anzeichen für ein gewisses Reifestadium der weltpolitischen Debatten. Trotzdem soll ein Bogen zu heutigen Diskussionen um Globalisierung geschlagen werden, um die fortdauernde Relevanz der Politsierung von Welt aufzuzeigen. Aufgrund der absehbaren Fülle von Material im 20. Jahrhundert wird diese Aktualisierung historischer Debatten keine letzte Vollständigkeit beanspruchen.

Für diesen Teil des Vorhabens wird eine ausführliche Recherche in zeitgenössischen Quellen erforderlich sein, um den Verlauf des Begriffsgebrauches von „Weltpolitik“ bis zu dessen ausufernden Proliferation in der Hochzeit des deutschen Kolonialismus festzuhalten. Als Quellen kommen dabei neben grundlegenden Beiträgen aus der Wissenschaft auch publizistische Beiträge in Zeitschriften und Zeitungen und veröffentlichte Reden in Frage, wobei die Auswahl der zu sichtenden Quellen in Rücksprache mit Fachhistorikern getroffen werden soll. Der primäre Zugriff wird über Titel erfolgen, die sich dezidiert mit „Weltpolitik“ beschäftigen. Aufgrund der festgestellten rhetorischen Situation, im Rahmen derer Sprechhandlungen geschehen, wird eine (innere) Kritik der gesichteten Quellen vonnöten sein: Welche Intentionen verfolgte der Autor? Wer waren die Adressaten des Schreibens? Entstand der Text in einer Situation des argumentativen Streits?

In einem zweiten Schritt sollen ebenfalls über das Studium und die Kritik von Quellen weitere Weltbegriffe untersucht werden, soweit diese eine politische Hintergrundsmetaphorik vorzuweisen haben. Aufgrund der nun erfolgenden semantischen Auffächerung ist wahrscheinlich, daß im Gegensatz zum ersten Teil des Vorhabens, das Quellenstudium in dessen zweiten Teil sich auf einen Bestand grundlegender Beiträge konzentrieren wird. Die Untersuchung von weltpolitischer Metaphorik soll zudem auf ausgesuchte Komposita beschränkt bleiben, die als Vorläufer von „Weltpolitik“ gelten können bzw. dessen metaphorischen Hof ausmachen. Die Auswahl der Komposita wird zum Abschluß des ersten Teiles vorgenommen, da zu diesem Zeitpunkt erste Erkenntnisse zu möglichen Vorläufern bereitliegen sollten. In der Auswahl wäre zu berücksichtigen, daß die thesenartig vorgestellte Politisierung der Welt mit den ebenfalls angeführten Prozessen der Historisierung und Verräumlichung in Beziehung gesetzt werden. Mittelfristig wird so eine Topologie von Begriffen vorliegen, die von dem menschlichen Willen zur immanenten Gestaltung von „Welt“ kündet.

Sowohl der begriffsgeschichtliche als auch der metaphorische Anteil des Vorhabens bleiben vorerst auf die deutsche Sprache begrenzt. Diese Eingrenzung ist nicht nur aus forschungsökonomischen Gründen notwendig, sondern sie ist auch durch den methodischen Ansatz bedingt: Begriffsgeschichte ist zuerst Geschichte von Begriffen, die in bestimmten Sprachen beheimatet sind. Eine Öffnung hin zu anderen Sprachen und damit ein vergleichendes Element wird erst dann Sinn machen, da zuvor die spezifische Begriffsgeschichte in einer Sprache erfaßt wurde. Das Forschungsvorhaben strebt das vergleichende Element durchaus an, möchte dies aber auf eine spätere Phase verlagern (vgl. Abschnitt 6).

5. Eigene Vorarbeiten und interdisziplinäre Kooperation

 Vorarbeiten  

In meiner im März 2007 vorgelegten Dissertation unter dem Titel Der Augenblick der Entscheidung. Zur Geschichte eines politischen Begriffs setzte ich mich ausführlich mit den für das vorliegende Forschungsvorhaben relevanten methodischen Fragen auseinander. Ein Teil dieser methodischen Erwägungen floß in einen Aufsatz ein, welcher inzwischen von einer begutachteten Fachzeitschrift zur Publikation angenommen wurde. Begriffe und Metaphern werden auch Inhalt einer Lehrveranstaltung sein, die ich im Wintersemester 2007/08 an der Universität … anbieten werde. Inhaltlich bezog sich die Doktorarbeit mit dem „Augenblick der Entscheidung“ auf einen Terminus mit zeitlicher Semantik, dessen Entwicklung ich von seiner existentialischen Zuspitzung bei Søren Kierkegaard über die Weimarer Zeit bis in das frühe 21. Jahrhundert verfolgte. Dem vielschichtigen Themenkomplex von „Zeit und Politik“ widmete ich mich in der Vergangenheit auch auf dem Wege weiterer Veröffentlichungen und Vorträge. Als sozusagen zweite „Anschauungsform“ war für mich der „Raum“ ebenfalls stets von großem Interesse, was sich unter anderem in der Initiierung und Koordination einer studentischen Forschungsgruppe zum Thema „Stadt, Gesellschaft, Gewalt“ zeigt. Es erscheint mir daher reizvoll, dem Zusammenhang von Raumvorstellungen und politischem Handeln mittels einer erprobten Methodik nachzugehen. Langfristig ist es mir ein Anliegen, die grundlegenden Themen von „Zeit“ und „Raum“ ins Zentrum der eigenen Disziplin zu rücken.

Kooperation  

Meine bisherigen Arbeiten an den Schnittstellen von Politikwissenschaft, Theologie und Philosophie gaben mir die Möglichkeit zu einer intensiven Zusammenarbeit mit Fachkollegen aus anderen Disziplinen. Diese möchte ich anläßlich des beantragten Vorhabens weiter ausbauen.

(…)

6. Zeitplan & Evaluationskriterien

Der zweistufige Aufbau des Vorhabens bildet sich auch in dem angestrebten Zeitplan ab. In den ersten beiden Jahren wird die Ausarbeitung der Geschichte des Begriffs „Weltpolitik“ vonstatten gehen. Da es sich hierbei um einen eindeutigen Forschungsgegenstand und um eine erprobte Methodik handelt, scheint eine solche Zeitplanung realistisch. Dies gilt auch bei einer aus methodischer Sicht notwendigen Ergänzung der begriffsgeschichtlichen Untersuchung um erläuternde sozialgeschichtliche Notizen. Die Jahre 3 bis 5 sollen der politischen Hintergrundsmetaphorik  ausgesuchter Weltbegriffe gewidmet sein. In diesem Teil wird die inhaltliche Abgrenzung im Gegensatz zum ersten Teil weniger klar vonstatten gehen können und das Spektrum der zu bearbeitenden Fragen aufgefächert sein, was einen längeren Zeitraum beanspruchen wird.

Die zwei Forschungsstufen sollen von kleineren fachwissenschaftlichen Arbeitstagungen begleitet werden. Nach etwa zwei Jahren ist ein mit 8-10 Personen besetzter Workshop unter dem vorläufigen Titel „Politische Begriffsgeschichten“ geplant. Dieser soll das (politikwissenschaftliche) Potential des begriffsgeschichtlichen Arbeitens nach Abschluß der beiden Großwerke „Geschichtliche Grundbegriffe“ und „Historisches Wörterbuch der Philosophie“ eruieren und damit den methodischen Fragen gewidmet sein. Eine zweite Tagung von ähnlicher Größe soll im fünften Jahr der politischen Weltmetaphorik und damit den inhaltlichen Fragen gewidmet sein. Bei beiden Tagungen ist auf eine interdisziplinäre Zusammensetzung und auf die Einbindung von jüngeren Forscherinnen und Forschern zu achten.

Ebenfalls sollen in regelmäßigen Abständen die Forschungsergebnisse der Öffentlichkeit durch Publikationen zugänglich gemacht werden. Am Ende des zweiten Jahres soll eine kürzere Monographie oder ein längerer Aufsatz die begriffsgeschichtliche Arbeit vorstellen. Am Ende des fünften Jahres soll ähnliches geschehen. Beiträge auf den jährlichen Konferenzen der History of Political and Social Concepts Group und auf anderen Tagungen bzw. kürzere Aufsätze auch in englischer Sprache sind ebenfalls angestrebt.

 Evaluation und weitere Pläne  

Als Evaluationskriterien bieten sich aufgrund der zweistufigen Anlage des Vorhabens zum einen an, ob im dritten Jahr der Laufzeit die erste der angestrebten Untersuchungen auf dem Weg zum Druck ist. Zum zweiten wäre im fünften Jahr zu prüfen, ob  sich der zweite Teil der Untersuchung in einem weit fortgeschrittenen Stadium der Textarbeit befindet. Zudem sollten über die deutschsprachigen Veröffentlichungen hinaus auch zwei qualitativ hochwertige englischsprachige Aufsätze in einschlägigen Fachzeitschriften veröffentlicht werden.

Auf den erfolgreichen Abschluß der ersten fünf Jahre soll eine vergleichende Studie ähnlicher Art für den englischen Sprachraum erfolgen. Dabei ist zu berücksichtigen, daß das unmittelbare englische Äquivalent zum deutschen „Weltpolitik“ – world politics – nicht unbedingt eine ähnliche Geschichte wie der deutsche Terminus vorzuweisen hat. Vielmehr wäre die englische politische Sprache daraufhin zu prüfen, inwiefern diese, auch vor dem Hintergrund einer phasenverschobenen Sozialgeschichte, mit empire, commonwealth usw. Äquivalente zum deutschen Begriff anbietet. Ebenfalls wäre zu prüfen, ob im englischen Sprachraum eine ähnliche  emphatische Politisierung der Welt stattfindet, die sich auf der begrifflichen bzw. metaphorischen Ebene feststellen läßt. Eine vergleichende Studie ist auch von daher sehr vielversprechend, da bisher nur wenige sprachenvergleichende begriffsgeschichtliche Studien vorliegen, solche aber immer wieder angemahnt werden.

7. Kostenplan

(…)

8. Literaturangaben

Albrecht, Andrea 2005: Kosmopolitismus. Weltbürgerdiskurse in Literatur, Philosophie und Publizistik um 1800, Berlin.

Ankersmit, Frank 1996: Politics and Metaphor, in: Ders.: Aesthetic Politics. Political Philsosophy Beyond Fact and Value, Stanford, S. 254-293.

Bach, Olaf 2007: Zur Begriffsgeschichte der Globalisierung, vom Autor zur Verfügung gestelltes Manuskript, St. Gallen.

Braun, Hermann 1992: Welt, in: Otto Brunner/ Werner Conze/ Reinhart Koselleck: Geschichtliche Grundbegriffe, Band 7: Verw – Z, Stuttgart, S. 433-510.

Black, Jeremy 1997: Maps and Politics, London.

Blumenberg, Hans 1986: Die Lesbarkeit der Welt, Frankfurt/Main.

Blumenberg, Hans 1998: Paradigmen zu einer Metaphorologie, Frankfurt/Main.

Blumenberg, Hans 2001: Anthropologische Annäherung und die Aktualität der Rhetorik, in: Ders.: Ästhetische und metaphorologische Schriften, Frankfurt/Main, S. 406-431.

Blumenberg, Hans 2007: Theorie der Unbegrifflichkeit, hrsg. von Anselm Haverkamp, Frankfurt/Main.

Bluntschli, J.C. 1870: Weltmacht und Weltreich, in: Ders./ K. Brater: Deutsches Staats-Wörterbuch, Elfter Band, Stuttgart & Leipzig, S. 183-187.

Cheneval, Francis 2002: Philosophie in weltbürgerlicher Bedeutung. Über die Entstehung und die philosophischen Grundlagen des supranationalen und kosmopolitischen Denkens der Moderne, Basel.

Cheneval, Francis 2004: Weltfrieden, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, hrsg. von Joachim Ritter/ Karlfried Gründer/Gottfried Gabriel, Band 12: W-Z, Basel, S. 471-474.

Delbrück, Hans (1902/1926): Deutschlands Stellung in der Weltpolitik, in: Ders.: Vor und nach dem Weltkrieg, Berlin, S. 9-17.

Dirks, U. 2004: Welt, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, hrsg. von Joachim Ritter/ Karlfried Gründer/Gottfried Gabriel, Band 12: W-Z, Basel, S. 407-443.

Fetscher, I. 2004: Weltrevolution, Historisches Wörterbuch der Philosophie, hrsg. von Joachim Ritter/ Karlfried Gründer/Gottfried Gabriel, Band 12: W-Z, Basel, S. 512-514.

Frantz, Constantin 1882/1966: Die Weltpolitik unter besonderer Bezugnahme auf Deutschland, Osnabrück.

Gollwitzer, Heinz 1972: Geschichte des weltpolitischen Denkens. Band I. Vom Zeitalter der Entdeckungen bis zum Beginn des Imperialismus, Göttingen.

Gollwitzer, Heinz 1982: Geschichte des weltpolitischen Denkens. Band II. Zeitalter des Imperialismus und der Weltkriege, Göttingen.

Gumbrecht, Hans Ulrich 2006: Pyramiden des Geistes. Über den schnellen Aufstieg, die unsichtbaren Dimensionen und das plötzliche Abebben der begriffsgeschichtlichen Bewegung, in: Ders.: Dimensionen und Grenzen der Begriffsgeschichte, München. S. 7-36.

Hammann, Otto 1925: Deutsche Weltpolitik 1890-1912, Berlin.

Kant, Immanuel 1795: Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf, Königsberg,  Netzfassung unter: http://www.sgipt.org/politpsy/vorbild/kant_zef.htm

Koselleck, Reinhart 1975a: Geschichte, Historie, in: Otto Brunner/ Werner Conze/ Reinhart Koselleck (Hrsg.): Geschichtliche Grundbegriffe, Band 2: E – G, S. 593-718.

Koselleck, Reinhart 1975b: Einleitung in: Otto Brunner/ Werner Conze/ Reinhart Koselleck (Hrsg.): Geschichtliche Grundbegriffe, Band 1, S. XIII-XXVII.

Koselleck, Reinhart 2000: ‚Erfahrungsraum’ und ‚Erwartungshorizont’ – zwei historische Kategorien, in: Ders.: Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, 4. Auflage, Frankfurt/Main, S. 349-375.

Koselleck, Reinhart 2006a: Sozialgeschichte und Begriffsgeschichte, in: Ders.: Begriffsgeschichten. Studien zur Semantik und Pragmatik der politischen und sozialen Sprache, Frankfurt/Main, S. 9-31.

Koselleck, Reinhart 2006b: Stichwort: Begriffsgeschichte, in: Ders.: Begriffsgeschichten. Studien zur Semantik und Pragmatik der politischen und sozialen Sprache, Frankfurt/Main, S. 99- 102.

Krell, Gert 2003: Weltbilder und Weltordnungen. Einführung in die Theorie der internationalen Beziehungen, 2. Auflage, Baden-Baden.

List, Friedrich 1837/1985: Die Welt bewegt sich. Über die Auswirkungen der Dampfkraft und der neuen Transportmittel …, hrsg. von Eugen Wendler, Göttingen.

List, Friedrich 1844/1959: Das nationale System der politischen Ökonomie, Basel & Tübingen.

Luhmann, Niklas 1998: Die Gesellschaft der Gesellschaft, Frankfurt/Main.

Messner, Dirk/ Nuscheler, Franz 2006: Das Konzept Global Governance – Stand und Perspektiven, in: Stiftung Entwicklung und Frieden (Hrsg.): Global Governance für Entwicklung und Frieden. Perspektiven nach einem Jahrzehnt, Bonn, S. 18-79.

Meyers, Reinhard 1981. Die Lehre von den Internationalen Beziehungen. Ein entwicklungsgeschichtlicher Überblick, Königstein/Taunus & Düsseldorf.

Moxter, Michael 2003: II. Welt, in: Theologische Realenzyklopädie Band 35, Artikel „Welt/ Weltanschauung/ Weltbild“, Berlin & New York 2003, S. 538-544.

Münkler, Herfried 1994: Politische Bilder, Politik der Metaphern, Frankfurt/Main.

Palonen, Kari 1985: Politik als Handlungsbegriff. Horizontwandel des Politikbegriffes in Deutschland 1890-1933, Helsinki.

Palonen, Kari 2006: The Struggle with Time. A Conceptual History of ‚Politics’ as an Activity, Münster.

Peters, Carl 1911/1912: Deutsche Weltpolitik, in: Ders.: Zur Weltpolitik, Berlin, S. 7-11.

Rigotti, Francesca 1994: Die Macht und ihre Metaphern. Über die sprachlichen Bilder der Politik, Frankfurt/Main.

Rohbeck, J. 2004: Weltgeschichte; Universalgeschichte, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, hrsg. von Joachim Ritter/ Karlfried Gründer/Gottfried Gabriel, Band 12: W-Z, Basel, S. 480-486.

Schlichte, Klaus 2005: Der Staat in der Weltgesellschaft. Politische Herrschaft in Asien, Afrika und Lateinamerika, Frankfurt/Main.

Schneider, Ute 2004: Die Macht der Karten. Eine Geschichte der Kartographie vom Mittelalter bis heute, Darmstadt.

Schön, Donald A. 1993: Generative metaphor: A perspective on problem-setting in social policy, in: Andrew Ortony (Hrsg.): Metaphor and Thought, 2. Auflage, Cambridge, S. 137-163.

Senghaas, Dieter 1996: Weltinnenpolitik – Ansätze für ein Konzept, in: Ursula Lehmkuhl: Theorien Internationaler Politik. Einführung und Texte, München & Wien, S. 358-369.

Thielking, Sigrid 2000: Weltbürgertum: kosmopolitische Ideen in Literatur und politischer Publizistik seit dem achtzehnten Jahrhundert, München.

Weber, Max 1972: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, 6. Auflage, Tübingen.

Zürn, Michael 1998: Regieren jenseits des Nationalstaates. Globalisierung und Denationalisierung als Chance, Frankfurt/Main.


 

Über den Wunsch nach Politisierung – Notizen zu zehn Impulsen der EKD

Die Kammer für Öffentliche Verantwortung innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) veröffentlichte unlängst eine Schrift unter dem Titel „Konsens und Konflikt: Politik braucht Auseinandersetzung„. Die Schrift ist ganz offensichtlich vor dem Hintergrund der sog. Flüchtlingskrise und der damit einhergehenden Welle von Populismus entstanden. Die Kammer fragt sich daher, ob der Mangel an politischem Konsens zu beklagen oder gar zu begrüßen ist.

1. Die Schrift ist von der Einsicht geprägt, dass in einer pluralen Gesellschaft politische Auseinandersetzungen nicht zwangsläufig in einen Konsens münden. Am Ende einer Debatte dürfen auch bloße Kompromisse stehen. Ja: Der politische Streit an sich hat schon einen Wert, da durch den öffentlich ausgetragenen Streit die durch ihn erreichten demokratischen Entscheidungen an Legitimität gewinnen (vgl. § 3). Die AutorInnen gehen nicht so weit, dass sie der Demokratie eine sakrale Bedeutung zuschreiben. Sie vertreten aber durchaus die Meinung, die Niklas Luhmann einmal mit „Legitimation durch Verfahren“ bezeichnet hat: Die Tatsache, dass die politischen Entscheidungen aus einer demokratischen Debatte erwachsen, verschafft diesen Entscheidungen Legitimität. Die Grenze, ab welcher ein solcher Streit der Demokratie mehr schadet (aufgrund von Demagogie, Diffamierung, Hetze usw.) als dass er ihr nützt, ist freilich kaum eindeutig auszumachen.

2. Die Schrift geht implizit davon aus (vgl. §6), dass jeder Mensch – fast schon in anthropologischer bzw. naturrechtlicher Materialisierung – das mit sich bringt, was er oder sie für die Demokratie braucht: Freiheitsdrang, den Wunsch zum Austausch mit Anderen, die Bereitschaft zum Engagement für das Gemeinwesen. Diese Gaben des Menschen können verschütten, doch sie sind je schon vorhanden, sonst würde die Rede von einer nicht-elitären „Demokratie als Lebensform“ wenig Sinn machen. Eine solche Demokratie ist sehr vorraussetzungsvoll, fast schon idealistisch, da sie sich an jede und jeden mit dem gleichen Anspruch wendet. Die Schrift betont daher auch die Rolle der politische Bildung. Die politische Bildung kann aber letztlich „nur“ das in einem Menschen an politischem Gewissen aufwecken, was in ihm schon angelegt ist.

3. Die Schrift macht Mut zu mehr Streit, weniger Sachzwänge und Alternativlosigkeit, mehr Politisierung. Sie spricht explizit von einer „Intensivierung des demokratischen Wettstreits“ (§6). Sie unterstreicht auch den Grundsatz – für Kirchen nicht immer verständlich – dass Demokratien notwendigerweise „eine bestimmte Auffassung des guten Lebens“ (§6) nicht als verbindlich erklären und Wahrheitsansprüche einhegen. Demokratische Entscheidungen haben einen Zeitkern. Sie sind nicht für die Ewigkeit gemacht, sondern bedürfen der Revision. Aber auch hier stellt sich die Frage nach der Grenze: Haben wirklich alle gesellschaftliche Arrangements als politisierbar zu gelten im Sinne der Fundamentalpolitisierung, von welcher Michael Th. Greven in „Die politische Gesellschaft“ (1999) sprach? Oder gibt es Grenzen der Politisierung? Gibt es Themen, Standpunkte, Normen, von denen mit Recht gesagt werden darf und muss, dass diese nicht Gegenstand von Verhandlungen werden dürfen? Um die Lebensform Demokratie nicht zu gefährden?

Der Alltag der Demokratie – über die vielen Gelegenheiten Politik zu treiben.

Gelegenheitspolitiker seien wir alle, schrieb Max Weber einmal, spätestens dann, wenn „wir unseren Wahlzettel abgeben oder eine ähnliche Willensäußerung: etwa Beifall oder Protest in einer ‚politischen‘ Versammlung, vollziehen, eine ‚politische‘ Rede halten usw.“ (Politik als Beruf, Stuttgart 1992, 14). Neben diese Gelegenheitspolitiker, die wir alle immer auch sind, stellt Weber die „nebenberuflichen“ Politiker, welche die Politik sozusagen im Ehrenamt und nebenher machen. Schließlich gibt es noch die „Berufspolitiker“, welche von ihrem politischen Engagement leben oder zumindest es so intensiv betreiben, dass an eine andere berufliche Tätigkeit kaum zu denken ist.

Beim Gelegenheitspolitiker bricht das Politische ab und an in den Alltag hinein, meist in Form von Wahlen. Beim Berufspolitiker hingegen besteht der Alltag aus einer Aneinanderreihung politischer Handlungen, deren wichtigste aber ebenfalls meist in Wahlentscheidungen besteht. Dem Gelegenheitspolitiker ist es aber jederzeit möglich, die Gelegenheiten, zu denen er Politik treibt, numerisch in die Höhe zu treiben. Ich kann zur Wahl gehen, ja. Aber ich kann auch auf eine Wahlveranstaltung gehen. Ich kann in einem Kreis von Menschen über politische Themen sprechen, über Themen also, die der kollektiven Entscheidungsfindung anheim fallen. Ich kann auch für eine politische Sache Partei ergreifen, Mitglied werden in einem politischen Verein oder in einer Partei. Und ich kann mich auch zur Wahl als Kandidat aufstellen lassen, somit mein passives Wahlrecht ausüben. Spätestens hier würde Max Weber wohl von einem Übergang vom gelegentlichen zum nebenberuflichen Politikertypus sprechen.

Soweit die bloße synchrone Beschreibung. Diachron ließe sich die Beschreibung noch vervollständigen, indem man sich vor Augen führt, wie das individuelle und kollektive Interesse an der Politik im 19. Jahrhundert stark zunahm. Der Historiker Paul Nolte beschreibt in seinem Band „Was ist Demokratie? Geschichte und Gegenwart“ (München 2012) einen Prozess, den er „Fundamentalpolitisierung“ (ebd. 183) nennt. Fundamentalpolitisierung heißt im historischen Zusammenhang, dass das Interesse an Politik sich in alle Teile der Gesellschaft hin ausbreitete und damit weniger elitär wurde. Fundamentalpolitisierung heißt aber auch – und hier folge ich Michael Th. Grevens Idee von der ‚politischen Gesellschaft‘ – dass es heute kaum noch gesellschaftliche Bereiche und Fragen gibt, die nicht zum Gegenstand politischer Auseinandersetzungen werden können. Während im 19. Jahrhundert also die Politisierung der Welt um sich griff, verbreitete sich gleichzeitig auch die innere Politisierung vieler Gesellschaften.

Soweit die empirische Beschreibung. Ich mache nun einen normativen Schwenk: Nicht jede Politisierung ist demokratisch motiviert. Aber die Demokratie lebt auf jeden Fall davon, dass möglichst viele Bereiche der Gesellschaft politisiert sind. Sie lebt davon, dass möglichst viele Menschen Interesse an einem aktiven Mitgestalten der Politik – am „Politisieren“ – haben. Demokratie lebt von einer politischen Teilhabe, die im Alltag vieler Menschen angekommen ist. Noch einmal Paul Nolte: „Dass sich Menschen für Politik interessieren, ist ja nicht selbstverständlich, aber eine wichtige Voraussetzung von Demokratie“ (ebd. 91).

Je mehr Menschen sich aktiv und passiv an Wahlen beteiligen, je mehr Menschen (freiwillig) in Parteien Mitglied sind, je mehr Menschen sich über persönliche Betroffenheit hinaus für die Belange der Allgemeinheit einsetzen, je mehr Menschen politisches Interesse mitbringen, je mehr Menschen sich der öffentlichen politischen Auseinandersetzung stellen – desto besser ist das für eine Demokratie. Auf diesem Wege wird die Demokratie nämlich zu einem individuellen und kollektiven „Lebensstil“ (ebd. 182), der sich von Generation zu Generation fortpflanzen kann.

Es braucht für die Vertiefung der demokratischen Teilhabe aber nicht nur eine quantitative Vermehrung der Gelegenheitspolitiker. Es bedarf auch – und hier argumentiere ich wieder normativ – der qualitativen Vertiefung  des Nachdenkens und Redens über politische Teilhabe und Demokratie bei möglichst vielen Menschen. Demokratie ist damit auch eine Stilfrage. Um diesen demokratischen Stil im Alltag zu pflegen, gibt es Landes- und Bundeszentralen für die politische Bildung in unserem Land. Deshalb gibt es Politikunterricht an den Schulen. Deshalb gibt es Bücher wie jenes von Paul Nolte. Dieses habe ich übrigens kostenfrei bei der Landeszentrale für politische Bildung in Hamburg mitnehmen dürfen.

Herausforderungen der sog. Flüchtlingskrise im Lichte der Politikwissenschaft – ein Tagungsbericht

Zur Zeit kann, wer will, in jedem Monat gleich mehrmals wissenschaftliche Tagungen zum Themenkomplex Flucht, Migration und Integration besuchen. Diese Themen sind derzeit derart prominent, dass man sich angesichts der großen Anzahl von interessanten Veranstaltungen sehr wählerisch zeigen muss. Am vergangenen Wochenende war es mir möglich, eine spannende politikwissenschaftliche Konferenz unter dem Titel „Nationale, europäische und internationale Herausforderungen der Flüchtlingsströme“ in Berlin zu besuchen. Das Programm findet sich hier.

Die Tagung war eine Veranstaltung von Politikwissenschaftlern (unterschiedlicher Teildisziplinen) für Politikwissenschaftler. Das heißt, die Fragen und Begriffe, denen man auf der Tagung begegnete, waren auch jene Fragen und Begriffe, die innerhalb der aktuellen Politikwissenschaft diskutiert werden. Dass die bundesdeutsche Politikwissenschaft als Disziplin sich derzeit selbst auch zum Gegenstand geworden ist (vgl. die hier dokumentierte Diskussion)  war in den Pausengesprächen zu erfahren und spielte bei einer abendlichen Diskussionsrunde ebenfalls eine Rolle.

Die methodische und theoretische Vielfalt der Politikwissenschaft fand sich in den unterschiedlichen Vorträgen und Kommentaren wieder. Herausheben möchte ich im folgenden eine Auswahl von Fragestellungen, die mir relevant erscheinen. Selbstverständlich interessieren sich Politikwissenschaftler für den Staat und die Staatlichkeit. Der Staat sah und sieht sich im Gefolge der sog. Flüchtlingskrise mit enormen Herausforderungen konfrontiert. Diese berühren unter anderem seine Fähigkeit, mit einer krisenhaft zugespitzten Situation erfolgreich umzugehen. Im Jargon der Politikwissenschaftler heißt dies: Der Staat lebt von einer Output-Legitimität. Die Herausforderungen schlagen aber auch durch auf die Wahl der Mittel, welche staatliche Stellen bei ihren Problemlösungsversuchen bereit sind zu wählen. Auf der Tagung kamen dabei die verschiedenen Ebenen des staatlichen Handelns zur Sprache: kommunal, national, transnational.

Auf der kommunalen Ebene hat die sog. Flüchtlingskrise dazu geführt, dass Behörden und Verwaltungen auf eine enge Kooperation mit zivilgesellschaftlichen Akteuren angewiesen sind, z.B. wenn sie Flüchtlingsunterkünfte planen und einrichten. Priska Daphi (Uni Frankfurt) machte plausibel, dass die Art und Weise, wie Verwaltungen mit den Bürgerinnen und Bürgern vor Ort kommunizieren entscheidend ist für die wohlwollende Aufnahme von Flüchtlingen in den Kommunen. Ina Radtke (Uni Potsdam) & Julia Fleischer (Uni Bergen) erläuterten, dass unterschiedliche Verwaltungen des Bundes und der Länder dazu neigen, ähnliche bürokratische Strategien der Problemlösung zu implementieren, z.B. in der Form einer ressortübergreifenden Koordination der diversen flüchtlingsbezogenen Fragen. Diese Strategien haben auch das Ziel, evtl. verlorengegangenen Legitimität durch möglichst effiziente Problemlösung wieder zurück zu gewinnen.

Auf der nationalen Ebene begegnet einem ständig die Frage nach der Inklusion und Exklusion bzw. nach der Grenze. Julia Schulze-Wessel (TU Dresden) wies darauf hin, dass die Grenze als Ort der Mobilitätskontrolle und damit auch des möglichen Ein- und Ausschlusses sich ausgeweitet hat zu einem geografisch breiten „Grenzraum“. In diesem können beständig Kontrollen der einen oder anderen Art durchgeführt werden. Diese Kontrollen werden selektiv auf bestimmte Gruppen angewandt, was unter normativen Gesichtspunkten fragwürdig erscheint. Christoph Michael (Uni Halle) schlug in eine ähnliche Kerbe, in dem er sich – auch an die politische Theorie gewandt – für eine „Aufweichung des methodischen Nationalismus“ aussprach. Gerade vor dem Hintergrund der grenzüberschreitenden Migrationsbewegungen sei eine Theoriebildung jenseits des Nationalstaates geboten.

Normative Fragen bezogen auf ethisch vertretbares staatliches Handeln leuchteten auch im Beitrag von Peter Niesen (Uni Hamburg) durch. Dessen Kant-Lektüre führte aber nicht zu einem direkten Durchmarsch normativer Argumente von der kantischen Rechtslehre hinein in den politischen Alltag des 21. Jahrhunderts. Die Möglichkeiten, sich in der Migrationsfrage mit normativen Argumenten plausibel zu Wort zu melden sind offenbar begrenzt. Auf jeden Fall ließe sich nicht mit Eindeutigkeit sagen, so Niesen, welchen Standpunkt Kant (es ließe sich erweitern: de Vitoria, Pufendorf usw.) in der heutigen Situation einnehmen würde. Oliviero Angeli (TU Dresden) schloss sich dieser Meinung an, in dem er einen normativen Ansatz vorschlug, der sich weniger an normativen Prinzipien und deren unmittelbaren Durchsetzung orientierte. Vielmehr sei auf die normativ imprägnierte Praxis zu schauen im Sinne einer „nicht-idealen Theorie“, so Karsten Fischer (Uni München) in seinem Kommentar. Es kommt bei der Suche nach dem adäquaten politischen Handeln damit zu einem produktiven Zusammenspiel von Norm und Praxis, von Ideal und Alltag, von Theorie und Handeln.

Die sog. Flüchtlingskrise ist aber selbstverständlich keine rein nationale Herausforderung. Mehrere Beiträge gingen auf die europäische Dimension der Problematik ein. Dabei wurde immer wieder der Vergleich gezogen zum Krisenmanagement während der Eurokrise. Bei der Eurokrise – so der einhellige Befund von Frank Schimmelfennig (ETH Zürich) bzw. Philipp Genschel (EUI Florenz) & Markus Jachtenfuchs (Hertie School, Berlin) – habe die (zeitweise) Lösung weitere Schritte der institutionellen Integration beinhaltet. In der sog. Flüchtlingskrise sei aber gerade das Gegenteil zu beobachten. Auch aufgrund innenpolitischer Erwägungen und der verhältnismäßig geringen „Kosten“ favorisieren viele EU-Mitgliedsstaaten de facto eine Renationalisierung von Politiken. Diese macht sich dann u.a. in der Rückkehr manifester Grenzen bemerkbar.

Immer wieder stand auch die Frage im Raum, inwiefern man sich eine Politisierung der europäischen Bevölkerung in der Migrationsfrage wünschen solle. Dass diese Politisierung de facto statt findet und auch kaum steuerbar ist, darauf machte Tanja Börzel ( FU Berlin) aufmerksam. Michael Zürn (WZB Berlin) sprach sich für eine pro-aktive Politisierung aus. Die Frage ist aber, ob aus einer solchen Politisierung nur die Populisten – Claudia Landwehr (Uni Mainz) kennzeichnete diese durch ein instrumentelles Demokratieverständnis – ihren Vorteil ziehen oder ob sich die Situation auch – normativ betrachtet – positiv im Sinne eines politischen Liberalismus nutzen lässt. Freilich, und hier herrschte verblüffende Einigkeit – kann die liberal motivierte Politisierung zwar eine wohlwollende Konnotation der „positiven Leitidee Europa“ (Beate Kohler, Uni Mannheim) unterstützen. Sie sollte aber nicht vorrangig zu weiteren Integrationsschritten genutzt werden, denn diese würden den mentalen „Nachhinkeffekt“ (N. Elias) vieler Europäerinnen und Europäer in deren Unterstützung supranationaler Institutionen nur noch verstärken.

Auf einer politikwissenschaftlichen Tagung wird natürlich auch viel über Begriffe gesprochen. Dies zeigte schon das Beispiel des Politisierungsbegriffs. Mit der Nutzung des Begriffs der „Flüchtlingskrise“ war man zögerlich, obwohl auch objektive Gründe für die Nutzung des Krisenbegriffs vorgebracht wurden. Ironischerweise hatte man keine Bedenken im Titel der Tagung metaphorisch aufgeladen von „Flüchtlingsströmen“ zu sprechen. Im Verlauf der Veranstaltung wurden auch andere Metaphern wie „Wellen“ benutzt; hier scheint noch etwas differenzierende begriffliche Arbeit von Nöten zu sein.

Auffallend war auf der Tagung das fast gänzliche Fehlen einer internationalen Dimension jenseits des europäischen Kontextes. Ausnahme war hier eine Präsentation von Andrea Baier et. al. zum Einfluss von Migration auf die Transformation staatlicher Ordnung im Herkunftsland. Die internationale Dimension war im Titel der Tagung angekündigt und wäre aus sachlichen Gründen („Fluchtursachen“) auch zwingend gewesen. Scheinbar wird der methodische Nationalismus, von dem schon die Rede war, durch eine Verengung auf die europäische Dimension von Flucht und Migration ergänzt.

Einigen Beiträgen merkte man an, dass die sog. Flüchtlingskrise für die Politikwissenschaft letztlich überraschend kam. Alfons Söllner (TU Chemnitz) verwies in seinem Beitrag zwar auf die Kontinuität der Problematik. Diese Kontinuität der Problematik hatte in der Vergangenheit aber offenbar keine Kontinuität der politikwissenschaftlichen Bearbeitung der Migrationsfrage bewirkt. So gesehen kann die Tagung auch als der Anfang eines hoffentlich längerfristigen Interesses der politikwissenschaftlichen Disziplin  an Fragen von Flucht, Migration und Integration verstanden werden; auch dann, wenn man in Politik und Verwaltung wieder aus dem Krisen- in den Alltagsmodus zurückgekehrt sein wird.

Dieser Tagungsbericht erhebt nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Aufgrund parallel ablaufender Veranstaltungen wäre ein solcher auch nicht erfüllbar. Wenn ich also verschiedene Vortragende nicht erwähnt habe, liegt darin kein Ausdruck von geringer Wertschätzung!

 

 

 

 

Religiöse Identitäten in politischen Konflikten – ein Tagungsbericht

Wie verhalten sich religiöse Identitäten in politischen Konflikten?

Dieser Frage ging eine Tagung an der Evangelischen Akademie Berlin (auf Schwanenwerder) am 21. und 22. November 2014 nach. Die Tagung wurde ausgerichtet von der Evangelischen Akademie gemeinsam mit dem Arbeitskreis Politik und Religion der Deutschen Vereinigung für Politikwissenschaft und dem Forschungsverbund „Religion und Konflikt“. Das vollständige Programm der Veranstaltung findet sich hier.

Eine erste Erkenntnis der Tagung ergab sich mit der von allen Referenten geteilten – und fast schon selbstverständlichen – Auffassung, dass Individuen (und darauf aufbauend auch Kollektive) über eine komplexe, mehrdimensionale Identität verfügen. Menschen sind nie nur religiös, sondern besitzen weitere Identitätsmerkmale, die sich nach Ort und Zeit auch unterscheiden: Stand, Klasse, Stamm, Volk, Familie, Körper, Nation … . Die religiöse Identität bildet nur einen Aspekt einer individuellen Identität, wie es unter anderem Heinrich Schäfer (Bielefeld) unter Zuhilfenahme eines komplexen und an Pierre Bordieu angelehnten Habitus-Modells betonte. Diese Identität ist auch nicht als abgrenzbare Substanz zu verstehen, sondern ist ihrem Wesen nach relational. Gerade dies habe Samuel Huntington bei der Konstruktion seines Kulturkampf-Theorems übersehen, in dem er Kulturen und Religionen eine statische Natur unterstellte, wie Antonius Liedhegener (Luzern) anmerkte (vgl. zu S. Huntingtons Theorem auch diesen Tagungsbericht vom vergangenen Jahr).

Die religiöse Identität – eine zweite grundlegende Erkenntnis – verhält sich in politischen Konflikten ambivalent. Mithilfe der mimetischen Theorie von René Girard schrieb Jodok Troy (Innsbruck) der Religionen zugrunde liegenden Erfahrung von Sakralität generell eine Nähe zur Gewalt zu. Dies machte er vor allem an dem Begriff des Opfers fest. Die Nähe zur Gewalt liege nicht nur am zeitlichen Ursprung einer Religion, so Troy, sondern sei systematisch für das Verständnis von Religion überhaupt. In eine ähnliche Kerbe schlug Wolfgang Bergem (Siegen). Dieser äußerte die Meinung, dass religiöse „Virtuosen“ (Max Weber) eine höhere Anfälligkeit/Disposition für gewalteskalierendes Denken und Handeln besitzen. Dies liege unter anderem daran, da diese hochreligiöse Menschen dazu neigten, die religiösen Merkmale ihrer Identität auf Kosten anderer Merkmale zu verabsolutieren.

Diese Skepsis gegenüber einer ’starken‘ religiösen Identität wurde durch Vorträge, die sich konkreten Fällen widmeten, verstärkt. Anja Hennig (Frankfurt/Oder) wies bei ihrer Präsentation auf die polarisierende Rolle von konservativ-katholischen Personen und Gruppen im zeitgenössischen Spanien hin. In moral-politischen Debatten (bspw. zur Entkriminalisierung der Abtreibung) bedienten diese Akteure sich einer religiös-säkularen Konfliktlinie, die sie in der spanischen Gesellschaft vorfänden. Dadurch trügen sie zur Politisierung von Religion bei, was vor allem angesichts der dezidiert moderierenden Rolle katholischer Kreise im Nachbarland Portugal auffallend sei.

Auch der Beitrag von Mathias Tanner (Basel) machte deutlich, dass Argumentationsmuster, die sich aus einer bestimmten religiösen Identität speisen, oft gesellschaftliche Konfliktlinie verschärfen können. Mit Blick auf den Fall des (gewalttätigen) Konflikts im nigerianischen Jos lies Tanner aber auch die Möglichkeit einer Instrumentalisierung von Religion klar hervortreten. Religiöse Konfliktlinien sind dann nur von nachrangiger Bedeutung. Die eigentlichen, sozioökonomische Konfliktursachen werden durch eine solche Instrumentalisierung nur allzu oft verdeckt.

Die Tagung gab viele hilfreiche Anregungen für die Beschäftigung mit dem Themenkomplex Religion, Politik und Gewalt. Wie immer bei solchen Veranstaltungen blieben aber auch Fragen unbeantwortet. Aus meiner Sicht waren dies folgende:

1. „Ambivalenz“ – so könnte man leicht aus den Tagungsbeiträgen schließen – ist ein fast schon zu vorsichtiger Ausdruck für die offensichtlich stark polarisierende Rolle von religiöser Identität in politischen Konflikten. Die Diagnosen und Interpretationen der insgesamt zehn Referentinnen und Referenten waren diesbezüglich meist ernüchternd. Gleichzeitig gibt es aber auch viele Beispiele für eine schlichtende Rolle von Religion in Konflikten. Diese standen auf Schwanenwerder jedoch eher im Hintergrund.

2. Es erwies sich auch als schwierig, den genauen Umständen auf die Spur zu kommen, die über eine schlichtende bzw. polarisierende Rolle von religiöser Identität entscheiden. Es gibt Gruppen, die sich ein hohes Maß an Religiosität zu schreiben, gleichzeitig aber konflikteskalierend wirken; Thomas Scheffler (Beirut) nannte für den Libanon das Beispiel maronitischer Mönchsorden. Gleichzeitig gibt es unbestritten auch eine friedensförderliche Form der organisierten Hochreligiosität. Leider fehlte es bei der Tagung an Kriterien, die ein Urteil darüber möglich machen, welche spezifischen (theologischen bzw. politischen) Ursachen an der Wurzel der religiös motivierten Gewalt bzw. an der Wurzel des religiös motivierten Friedens liegen.

3. Darauf aufbauend blieb auch die Frage unbeantwortet, was religiöse Gemeinschaften denn tun können – Willigkeit vorausgesetzt – um einer polarisierenden religiösen Identität in ihren eigenen Reihen vorzubeugen. Anders formuliert: Gibt es eine Form von religiöser Radikalität im spirituellen Lebensentwurf, die gerade nicht politisch polarisiert und exkludiert; die ihre Radikalität gerade in der Inversion politischer Machtansprüche sieht?

4. Der Tagungstitel lautete „Religiöse Identitäten in politischen Konflikten“. Ausnahmslos alle Vorträge gingen davon aus, dass die Kausalkette von den religiösen Identitäten zu den politischen Konflikten verläuft. Man hätte das Thema aber auch anders herum angehen können: Was stellen politische Konflikte mit den religiösen Identitäten der Beteiligten an? Werden diese eher verschärft konturiert oder kommt es eher – aus Enttäuschung bspw. – zu einer Auswaschung religiöser Gestimmtheit?

 

 

Shaping the world – politically

In 1811, the last volume of Joachim Campe’s dictionary of the German language was published. In the foreword to his book, Campe somewhat proudly proclaims that his dictionary included more than double the number of entries than its predecessor, the Adelung dictionary, namely 141.277 “words and articles” (Campe, Joachim Heinrich Ed.1811: Wörterbuch der Deutschen Sprache. 5. und letzter Teil. U bis Z, Braunschweig: Vorrede).

Opening the fifth and last volume of Campe’s dictionary on page 668, readers get a taste of how Campe arrived at this record sum of words. There we are confronted with 16 columns and over 200 entries which all relate to the word Welt – ‚world‘ and its compounds although I have to admit that I am not quite sure how many of these compounds were really part of the German language at the time and how many Campe made up himself.

Be it as it may, browsing through those 16 columns, readers come across all sorts of words which show to the creativity of the semantic field of the word ‘world‘ in the German language at the beginning of the 19th century. Let me give you some examples: Weltall – nowadays the word only refers to ‘outer space’ but according to Campe it means everything, all that is entailed in the world; for example: Weltbuch – a book containing all facts and details of life; for example: Weltling – an individual who is well accustomed to things ‘worldly’ and who is unlikely to be a Weltverbesserer – someone who is looking to correct the faults and errors of others.

We may also find words with a clearly political flavour, for example: Weltbürger – a cosmopolitan, a citizen who believes that he belongs to the whole of the world and not just to an individual state; or: Weltregirung – being the world government, although Campe refers to the governing will of God rather than to an actual earthly political power; for example: Welthandel – world trade, a trade that includes all parts and countries of the known world; or: Weltherrschaft – the rule of the world, with the Roman Empire being the eminent historical example.

I could continue this list for another hour at least. Campe’s dictionary is a valuable resource regarding non-political as well as political vocabulary. It is also interesting to note which words Campe’s exhaustive list does not include: for example Weltpolitik – world politics.

Read more at:

https://www.academia.edu/6766077/Shaping_the_World_Politically._Towards_a_Conceptual_History

See also:

https://rotsinn.wordpress.com/2012/07/19/die-politisierung-der-welt-ii/

 

Ideengeschichte im New Bell Prison, Douala, Kamerun

Brother G. ist ein schmächtiger, junger Mann in weitem Gewand. Er fährt seinen Geländewagen forsch durch die überfüllte Innenstadt von Douala, vorbei an unzähligen Marktständen, umschwärmt von ebenso unzähligen Motorrädern.

Brother G. ist ein Gefängnisseelsorger der katholischen Kirche. In seiner Arbeit wird er von einem deutschen Hilfswerk unterstützt. Heute besuchen wir mit ihm das New Bell Prison inmitten der kamerunischen Hafenstadt. Das Gefängnis wurde ursprünglich für ca 750 Personen gebaut. Heute hausen darin ca. 2500 Gefangene, zumeist junge Männer.

Bevor Brother G. mit seiner Arbeit begann, waren über 4000 Menschen dort gefangen. Monatlich starben zwei bis drei Personen an Krankheit, Hunger und Gewalt. Es gab keine Registratur. Niemand wusste, wer in Haft war und wer wann entlassen werden sollte. Mit der ausländischen Unterstützung konnte Brother G. dem Gefängnis helfen, eine einfache Verwaltung aufzubauen. Das führte dazu, das mit der Zeit über 1500 Personen entlassen wurde, die ihre Haftstrafe oft schon lange verbüßt hatten.

Als wir durch den großen Innenhof des Gefängnisses gehen, werden wir von jungen Männern umlagert. In der Luft liegt ein Gestank von Schweiß, Essen, Fäkalien und anderem. Viele schlafen ohne Dach überm Kopf auf dem harten Betonboten. Wenn sie Glück haben werden die Gefangene von Verwandten jenseits der Gefängnismauern versorgt. Innerhalb der Mauern gilt das Gesetz des Stärkeren. Darin mischen sich die Aufseher wenig ein. Mein Begleiter raunt mir zu: „Ich habe schon Schlimmeres gesehen.“

Ich jedoch habe große Schwierigkeiten mir Schlimmeres vorzustellen. Auch wenn ich von anderen, noch unmenschlicheren Anstalten, Gefängnissen, Lagern der Geschichte und der Gegenwart weiß. Vieles geht mir in dieser Stunde und in den Tagen dannach durch den Kopf. Unter anderem auch die Frage: Was soll die Beschäftigung mit Ideen und Begriffen, wenn die Wirklichkeit der Menschen so aussieht? In ein konventionelles Gegensatzpaar gebracht: Weshalb treibe ich Theorie, wenn die Empirie der Menschen so düster ausschaut?

Nach einer gewissen Zeit tauchen aber auch andere, weitergehende Fragen auf: Ist es nicht eine solche Wirklichkeit, die unserem Sinn für Menschenwürde elementar widerspricht, die uns zur Ausformulierung von grundlegenden Ideen und Begriffen anregt? Gehen diese Ideen und Begriffe – Gerechtigkeit, Freiheit, Frieden, Gleichheit, Brüderlichkeit, Menschenwürde – nicht wieder in unseren politischen Sprachschatz ein? Helfen uns diese Ideen und Begriffe nicht dabei, politische Forderungen auf den Punkt zu bringen und Veränderungen anzustoßen? Eine Option für die Armen zu ergreifen, um eines der politisch relevantesten Theoreme der jüngeren Theologiegeschichte zu nennen?

In seinem Essay „The Development of Christian Doctrine“ aus dem Jahr 1845 kommt John Henry Newman zu einer in diesem Kontext hilfreichen Folgerung. Newman meint, daß Ideen und Begriffe aus den Notwendigkeiten einer bestimmten historischen Situation bzw. Konstellation heraus erwachsen. Newman nennt dies die „doctrine according to the need“. „Doktrin“ steht also nicht für sich, ist nicht zeitlos, sondern ist die Antwort auf die konkrete Wirklichkeitserfahrung von Menschen an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit.

Die Wirklichkeit im New Bell Prison in Douala verfolgt mich weiter. Die daraus sich ergebenden Handlungsnotwendigkeiten praktischer und theoretischer Art auch. Was für diesen Ort heute gilt, das gilt für jeden Ort und jede Zeit der Geschichte, Gegenwart und Zukunft. Ideen und Begriffe lassen uns verstehen (und gelegentlich auch mißverstehen). Ideen und Begriffe geben uns aber auch die Instrumente in die Hand, eine gerechte, friedensfördernde, menschenwürdige Politik zu formulieren und durchzusetzen.

Vielleicht ein bißchen viel Menschenrechtspolitik für gewöhnliche Ideengeschichtler …