Besprechung: Oxford Handbook of the Oxford Movement (2017)

Die Seligsprechung von John Henry Newman im Jahr 2010 durch Papst Benedikt hat den Bekanntheitsgrad der anglikanischen „Oxford Movement“ auch in Deutschland erhöht. Es hat aber den Anschein, dass das Interesse sich hierzulande vorwiegend auf Newman selbst als dem bekanntesten Protagonisten der Bewegung konzentriert. Das vielfältige Geflecht an Personen und Ideen, welches die Bewegung ausmacht, ist im deutschsprachigen Bereich hingegen nur Wenigen bekannt. Ein Indiz für diese relative Unbekanntheit der Bewegung hierzulande ist auch, dass der hier zu besprechende Band – in der Tat keine günstige Anschaffung – auch zwei Jahre nach seinem Erscheinen nur in einer Handvoll bundesdeutscher Bibliotheken zu finden ist.

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Lesen Sie weiter in der Theologischen Revue Jg. 115, Nr. 2, Sp. 119-120. Bei Interesse am Text gerne auch unter rotsinn(at)gmx.de melden.

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„I once thought that our people must be brought to the Church; now I think the Church must come to them.“

Müssen die Menschen zur Kirche kommen oder muss die Kirche zu den Menschen gehen?

Schon vor über 150 Jahren war dies eine wichtige Frage. Das zeigt das oben angeführte Zitat, das hier noch einmal wiederholt werden soll:

„I once thought that our people must be brought to the Church; now I think the Church must come to them.“

Zugeschrieben wird dieses Zitat dem hochkirchlichen Geistlichen Robert Suckling (1818-1851), der Mitte des 19. Jahrhundert seinen Dienst in dem Weiler Bussage innerhalb der anglikanischen Diözese von Gloucester leistete. Überliefert wird das Zitat von Isaac Williams in dessen „A short Memoir of the Rev. R.A. Suckling“ aus dem Jahr 1852. Abgedruckt fand ich es in O.W. Jones (1971): Isaac Williams and his circle“ (London: SPCK: 117).

Interessant an diesem Zitat sind auch für heutige Zusammenhänge aus meiner Sicht (mindestens) drei Punkte:

  • Die Ausformulierung einer kirchlichen Haltungsänderung mit expliziter Öffnungsformel ist viel älter als heutige pastoral-kirchliche Überlegungen vermuten lassen.  Schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts nutzte man Formulierungen, wie sie 1:1 auch heute Verwendung finden. Schon damals beschäftigte man sich mit dem Problem, dass die Menschen nicht von alleine ihren Weg in die Kirche finden. Das verhilft zur Gelassenheit.
  • Die Formulierung von Suckling ist – so legt es der Kontext nahe – einer sozialen Agenda geschuldet. Die Motivation dieser Öffnungsformel erwuchs aus einem karitativ-diakonischen Bewusstsein heraus. So berichtete Isaac Williams in seiner Schrift, dass Suckling regelmäßig kranke Gemeindemitglieder besuchte und auch für Frauen, die sich aus Armut zur Prostitution gezwungen sahen, Hilfe organisierte (ebd.). Auf die Menschen zu zugehen ist hier also keine beliebig füllbare Maxime, sondern bezieht sich konkret auf die kirchliche Option für die Armen.
  • Die Formulierung spielt mit der doppelten Bedeutung des Wortes „Kirche“. Das eine Mal ist „Kirche“ ein konkretes Gebäude. Es handelt sich um das Gotteshaus der Ortsgemeinde, in das sich zu Gottesdienstzeiten offenbar nicht mehr so viele Leute verlaufen. Das andere Mal ist „Kirche“ eine vor Ort durch konkrete Menschen repräsentierte Institution. Im Gegensatz zur Kirche als Gebäude können sich Menschen fortbewegen. Gebäude und menschlich vermittelte Institution werden hier – etwas unlauter – gegeneinander ausgespielt. Kontemplative Immobilität steht aktiver Mobilität gegenüber.

Vielleicht wäre es richtiger zu sagen:

Tue das eine – die Menschen „aktiv“ in ihren Lebenszusammenhängen in der Welt aufzusuchen – ohne das andere – das Haus Gottes „kontemplativ“ zu bebeten – zu lassen. Beides sei in der richtigen Haltung einer durchlässigen diakonisch-liturgischen, kontemplativ-aktiven Seelsorge zu verwirklichen.

 

The political dimension of the Oxford Movement – a short notice

I am currently reading the voluminous „Oxford Handbook of the Oxford Movement“. I hope to publish a review in the „Theologische Revue“ later this year. Article by article – there are 42 in total plus foreword plus afterword  – I am working my way through numerous aspects of the Oxford movement: theology, history, personalities, spirituality, arts … and politics.

I have to admit that for most scholars of the Oxford Movement, its political dimension seem to be of minor importance. When realising that the symbolic beginning of the movement is usually attributed to the very political „Irish Church Temporalities Act“ of 1833 and John Keble’s „Assize Sermon“ this lacuna is rather peculiar.  Simon Skinner, a historian at Oxford University, is right when he points to the fact that there has been a „perhaps inevitable preoccupation of religious and ecclesiastical historians“ with the Oxford Movement’s impact on the Church of England“ (Skinner 2017: Social and Political Commentary, in: Brown, Nockles, Pereiro: Oxford Handbook of the Oxford Movement, Oxford: OUP, 332). The political and social questions connected with the writings and actions of members of the Movement have so far been somewhat neglected. Skinner’s own 2004 contribution „Tractarians and the ‚Condition of England‚“, Stephen Kelly’s „A conservative at heart? The political and social thought of John Henry Newman“ (2012) and my own essay on Robert Isaac Wilberforce (2016) are only the most recent hints that this might be slowly changing.

Simon Skinner’s contribution to the Oxford Handbook looks more carefully at the social and political concerns which members of the movement regulary revealed in their publications. Most Tractarians revealed a political stance which today we might call conservative and „populist“. They were conservative when it came to questions relating to social and political hierarchy and the proper place of ecclesiastical and state authority. Their trust in the „social functions of the parish and romantic-medievalist panaceas such as a renaissance of the squirearchy and Sabbath recreation, national ‚Holy Days‘, and village fairs where squire and labourer might fraternize regardless of social rank“ (Skinner 2017: 339) can equally be regarded as conservative in today’s use of the word.

Populist might be called the strong and vehemently formulated oppostion to industralism, capitalism and worldly gain which we are able to find in Tractarian publications and pamphlets. This kind of populism was rooted less in any particular rational political motive but rather in the theological conviction of a sinful world, fallen and in need of spiritual redemption. „Sympathy with the poor“ (ibid. 344) was a necessary part of redemption but that had to be organized in an ‚old school‘ manner: on the local level and not through national schemes or acts of law (ibid. 341f.).

Underlying this social commentary or criticism was a very specific view of church-state-relations, a certain politico-theological vision. Skinner’s article makes plain that the members of the Oxford Movement were torn between their aspiration „that the Church’s guidance was indispensable to the political nation.“ (ibid. 337). At the same time the constitutional link between the state and the established church came under intense scrutiny. The Tractarians wanted the church to guide the state but they did not want the state to have a say in ecclesiastical matters. They abhorred the so-called Erastianism, i.e. the perceived meddling of the state in questions relating to the church’s teaching and governing. In the same Oxford Handbook, James Pereiro writes: „The Tractarians raised their protest against the conception of the Church as a department of (the) state“ (ibid. 560). Hence followed a strong preference for the apostolic succession as a pillar of ecclesiastical authority and later also for the revival of Convocation as the church’s self-governing body. It followed also an increased opposition to the so-called Royal Supremacy, the overarching authority of the monarch in both state and church matters.

Hence, we should say: Politics did matter for (some) members of the Oxford Movement. This short post can only raise attention to this political dimension of the Oxford Movement. Any interested reader should refer to the Handbook or the texts mentioned above for further reading.

 

Heute vor 180 Jahren: John Keble und der Beginn der Oxford Movement

John Kebles Oxforder Predigt vom 14. Juli 1833 war der Beginn der sog. Oxford Movement. Diese Bewegung ließ die hochkirchliche bzw. katholische Tradition der anglikanischen Kirche in England und später auch darüber hinaus erstarken. Dies brachte es mit sich, daß die Liturgie und die Sakramente einen höheren Stellwert im Leben der Kirche und der einzelnen Gläubigen erhielten. Ab dieser Zeit entstanden auch erste geistliche Gemeinschaften und Orden innerhalb der anglikanischen Kirche. Hinzu kam eine verstärkt am bischöflichen Hirtenamt orientierte Ekklesiologie bzw. Kirchentheorie. Einige Protagonisten der Movement war all dies nicht genug und sie entschieden sich letztlich zum Übertritt zur römisch-katholischen Kirche. Berühmt ist vor allem das Beispiel des 2010 seliggesprochenen John Henry Newman, der 1845 konvertierte.

Die Oxford Bewegung war aber keineswegs eine rein innerkirchliche Angelegenheit. Sie war vielmehr auch eine dezidiert konservative Anstrengung gegen einen vermeintlich entgleisenden Liberalismus im England der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Dabei formulierten die Ideengeber der Bewegung ihre politischen Anliegen keineswegs nur als Nebenprodukt eines geistlichen Anliegens aus. Die Motivation, welche ursprünglich zur Entstehung der Oxford Movement führte, war im Kern eine politische. Dies wird an der Predigt sehr deutlich, die John Keble, einer der führenden Köpfe der hochkirchlichen Reformbestrebungen, am 14. Juli 1833 in St. Mary’s/Oxford predigte. (Hier geht es zum Text der Predigt.)

In seiner Predigt wirft Keble der englischen Gesellschaft und Politik vor, sie begehe einen kollektiven Abfall vom christlichen Glauben, eben national apostasy. Vor dem Hintergrund einer vom Parlament angestrebten Reform der anglikanischen Church of Ireland, verwahrte Keble sich jeder politischen Einmischung in die innere Verfaßtheit der Kirche, vor allem wenn diese Einmischung liberalisierende Tendenzen hatte. Keble fürchtete sich vor einer Situation, in der unter dem Druck der verschiedenen gesellschaftlichen und kirchlichen Gruppierungen jeder Wahrheitsanspruch verloren ginge. Gemeinsam mit den anderen Vertretern der Bewegung formulierte Keble also ein antipluralistisches Anliegen, was zu seiner Zeit zum selbstverständlichen Repertoire konservativen Denkens gehörte.

Es erinnert doch sehr an heutige Debatten im Vereinigten Königreich, wenn Keble vor 180 Jahren von der Kanzel sprach: „One of the most alarming (elements of the current public discourse, BC), as a symptom, is the growing indifference, in which men indulge themselves, to other men’s religious sentiments. Under the guise of charity and toleration we are come almost to this pass; that no difference, in matters of faith, is to disqualify for our approbation and confidence, whether in public or domestic life.“ All dies führe, so Keble, letztlich zu einer zunehmenden Verfolgung der „wahren Kirche“.

Für Keble und seine Oxforder Freunde hatte England eine christliche, ja, eine anglikanische Nation zu sein. Keble spricht  in „National Apostasy“ von der „Christian nation“, die zu England gehöre, und er sieht das christliche Moment in der politischen Verfaßtheit seines Heimatlandes mehr und mehr schwinden. Er nennt es „a general tendency, as a people, to leave Him out of all their thoughts.“ Die Gottesvergessenheit zeige sich, so Keble, vor allem auch in der Art und Weise wie mit den Bischöfen und deren Rechte auf gesetzlichem Wege umgegangen werde – ein Fingerzeig auf die für die Irland angestrebten Reformen.

Für Keble und seine Mitstreiter ist unumstritten, daß sich in den politischen Ordnungsvorstellungen unsere transzendenten Ordnungsvorstellungen offenbaren bzw. ausdrücken. Politischer Relativismus führt zu religiösem Relativismus und umgekehrt. In diesem Sinne standen die Vertreter der Oxford Bewegung zur einer ausgesprochen konservativen politischen Theologie. Da wundert es nicht, daß zahlreiche hochkirchliche Geistliche der Church of England dieser Jahre die Konversion zur römisch-katholischen Kirche als eine Rettung empfanden; als die Rettung in einen Hafen, der vor den Stürmen der Zeit gefeit war. 

J.H. Newman begrüßte Kebles Predigt dann auch ausdrücklich. In seiner biographischen Rechtfertigungsschrift „Apologia pro Vita sua“ schrieb er über den 14. Juli: „The following Sunday, July 14th, Mr. Keble preached the Assize Sermon in the University Pulpit. It was published under the title of ‚National Apostasy‘. I have ever considered and kept the day, as the start of the religious movement of 1833.“