Öffnung und Identität. Notiz über ein grundlegendes Dilemma weltanschaulicher Institutionen.

Überall dort, wo bei kollektiven Akteuren weltanschauliche Identitäten im Spiel sind, kommen Öffnungen einem Hazard gleich.

Eine CDU ohne Christen ist keine CDU. Ein konfessioneller Religionsunterricht ist ohne konfessionell rückgebundenes Personal und entsprechende Inhalte nicht zu denken.  Ein katholisches Krankenhaus ohne katholische Angestellte ist irgendwann mal kein katholisches Krankenhaus mehr. Eine evangelische Kirche ohne entsprechende ausgebildete evangelische Pastorinnen und Pastoren gibt es nicht. Und ein Weltgebetstag der Frauen für Männer ist auch eine Farce.

Gleiches gilt übrigens auch für viele andere Institutionen, bei denen Identitäten bzw. eigene Prägungen im Spiel sind: Ein Schützenverein ohne Schießübungen ist nicht denkbar. Die Eliteuniversität, die keine Selektion vornimmt, wird nicht lange Eliteuniversität sein. Und eine Werbeagentur voller steriler Bürokraten kollabiert.

Identität ist nicht ohne Distinktion zu haben. Was Pierre Bourdieu für soziale Milieus feststellte, trifft auch auf Institutionen und Organisationen zu. Um die eine Institution von der anderen unterscheiden zu können, benötige ich Unterscheidungsmerkmale. Unterscheidungsmerkmale, wohlgemerkt, die nicht beliebig geöffnet, verschoben oder gar zum verschwinden gebracht werden können.

Die Unterscheidungsmerkmale und Distinktionen, von denen ich spreche, sind nicht naturalistische, quasi a priori vorgefundene Tatsachen. Distinktionen sind menschengemacht, konstruktiv, fabriziert. Dennoch sind sie wirksam, wenn es um Einschluss und Ausschluss geht. Ja, sie sind absolut notwendig, um das Überleben einer geprägten Institution oder Organisation zu sichern. Ohne Distinktion gibt es keine Identität. Diese Aussage ist nicht liberal. Sie ist auch nicht konservativ. Sie ist einfach realistisch.

Wenn Institutionen Öffnungsprozesse initiieren, dann kommen diese verfertigten Identitäten ins Schwimmen; sie verschwimmen. Deshalb tun sich gerade weltanschauliche Institutionen mit Veränderungen so schwer. Jede Öffnung bringt die Identität in Gefahr. Öffnung ist nicht nur ein Veränderungsprozess unter vielen. Öffnung kann über kurz oder lang das Ende einer Institution bedeuten. Gerade deshalb kommt es in solchen Institutionen oft zu einer regelrechten Polarisierung zwischen distinktionsfanatischen Identitären und öffnungsfreudigen Wandlungsbegeisterten. Die Identität führt dann nicht zusammen, sondern spaltet die Institution.

Das ist kein Plädoyer für Exklusion und Exklusivität. Das ist auch kein Votum für Öffnungspathos. Es ist der Versuch, folgenden Gedanken ins Bewusstsein zu holen: Identitäten lassen sich nicht beliebig öffnen. Es bedarf der Distinktion. Gleichzeitig laufen identitäre Distinktionen oft ins Leere, erstarren in einem leblosen Freund-Feind-Schema. Das alles mag man bedauern, das mag man bekämpfen. Wie auch immer: Man sollte dieses unauflösbare Grunddilemma weltanschaulicher Institutionen einfach mal zur Kenntnis nehmen.

Die Öffnung und J.L. Nancy

Wer den Inhalt eines Textes nicht so recht versteht, der schaue auf die vom Autor verwendete Metaphorik. Diese enthüllt manchmal mehr, als der „eigentliche“ Inhalt.

So geschehen bei Jean-Luc Nancy’s Buch „Wahrheit der Demokratie“ (Wien: Passagen 2009). Seine Interpretation der Demokratie beschäftigt sich nicht mit politischen Institutionen und der Art und Weise des Zugangs zu diesen Institutionen. Er geht auf Distanz zu dem konkreten politischen Handeln und interessiert sich eher für die Bedingungen der Möglichkeit, Demokratie zu denken.

Aber auch diese Festlegung geht fast schon zu weit. Denn: Eine wichtige Metapher in Nancys Text ist die „Öffnung“. Sie taucht an vielen Stellen im Text auf: Öffnung des Denkens, Öffnung des Subjekts (beide: 28); die Aufgabe, die Öffnung aufrechtzuerhalten (39); Eröffnung des besonderen Sinns (53) usw.

Man bekommt dadurch den Eindruck, als ginge es Nancy gar nicht primär um die Demokratie, sondern eher um die Anwendung der Öffnungsmetapher auf ein fast schon beliebiges Sujet, in diesem Fall eben ein politisches. Die Vermutung liegt nahe, daß ein herkömmliches Sinngewebe bzw. eine Diskurstradition – in „Wahrheit der Demokratie“ die Demokratietheorie – durchbrochen werden soll, um einem möglichen neuen Sinn die Bahn zu brechen. Wobei die Struktur des neuen Sinnes (absichtlich) verschwommen bleibt.

Denn es geht Nancy nicht um die Etablierung eines Neuen. Es geht um das Aufbrechen (nicht: Zerstören) eines Alten. Als wolle jemand mit Macht gegen die Ziegelmauer von „Rotsinn“ fahren (s.o.), nicht um sie zum Einsturz zu bringen, sondern um sie in einen flüssigen Zustand der brüchigen, flexiblen Stabiltät zu versetzen.

Bei der Öffnungsmetaphorik denkt der biblisch kundige Leser vielleicht an Psalm 18, 20: „Er führte mich hinaus ins Weite; er befreite mich, denn er hatte an mir Gefallen“ (EÜ). Ich hege den Verdacht, daß Nancy’s Öffnung weniger zielgerichtet ist als bei diesem Psalmisten. Er will die Öffnung, aber nicht den Sinn.

So öffnet sich das Sesam. Aber wohin?