Flucht und Migration. Von der Vielfalt der normativen Ansätze und der Eindeutigkeit der biblischen Botschaft

In dieser Zeit der sogenannten Flüchtlingskrise die Orientierung zu bewahren, ist beileibe nicht einfach. Schwierig genug ist es, die Fakten beieinander zu halten: über geschichtliche Hintergründe, politische & wirtschaftliche Ursachen der Flucht bzw. Migration, regionale und globale Migrationsregime und die Verletzbarkeit des Einzelnen in diesen Regimen. Noch schwieriger wird es, wenn man sich anschickt, über diese Faktenlage hinaus zu gehen, um sich eine normative bzw. ethische Orientierung anzueignen. Wer nach einer solchen Orientierung sucht, gerät unweigerlich mitten hinein in eine aufgeheizte öffentliche Diskussion. In dieser Diskussion kleidet sich als Urteil, was sich beim näheren Hinsehen eher als Vorurteil erweist. Subjektives Empfinden sticht hier oft genug objektive Einschätzung aus. Die Sache wird dadurch noch erschwert, dass selten in ein und demselben Beitrag unterschiedliche normative Positionen in sachlicher Darstellung zum Zug kommen. Der eigene Ansatz gilt jeweils als alternativlos. So bleibt es einem jeden selbst überlassen, nach einer möglichst ausgeglichenen Orientierung zu suchen, auf der man dann das eigene Urteil aufbauen kann.

Zu dieser Orientierung möchte dieser Essay einen kleinen Beitrag leisten. Dies soll dadurch geschehen, dass einige wissenschaftliche Antwortmöglichkeiten bezogen auf die Themen Flucht und Migration vorgestellt werden. Dabei konzentriere ich mich auf einige grundlegenden normativen bzw. ethischen Fragestellungen innerhalb der Thematik. Ein besonderes Anliegen ist es mir aufzuzeigen, dass die Vielfalt der wissenschaftlich argumentierenden normativen Positionen an sich schon ein Gewinn ist. Es kommt also gar nicht darauf an, dass in der wissenschaftlichen Community Einheitlichkeit hinsichtlich begrifflicher Definitionen, ethischer Leitlinien und normativer Bewertungen herrscht. Auch ohne diese Einheitlichkeit – oder gerade wegen des Mangels an Einheitlichkeit – bietet sich der interessierten Leserschaft eine Fülle an Informationsmöglichkeiten zur eigenen Orientierung. Denn so, wie es den einen intellektuellen Zugang zum Durchdringen dieser Fragen nicht gibt, so gibt es auch nicht den einen politischen und sozialen Königsweg im Umgang mit Flucht und Migration. Diese Einsicht stellt gerade auch für Akteure mit hohen ethischen Ansprüchen, wie z.B. die Kirchen, eine Herausforderung dar. Die Einsicht ist aber notwendig, um dem Zwang einer gefühlten Alternativlosigkeit zu entkommen. Auf der Basis der Einsicht in die mögliche normative Vielfalt kann sich dann seitens kirchlicher Akteure auch eine bewusste normative Orientierung  und, damit verbunden, eine entschiedene „Option für Flüchtlinge“ heraus schälen.

Ich beginne im Folgenden mit einem kurzen Loblied auf den Wert eines historisch informierten Zugangs zur Thematik von Flucht und Migration. Es folgen Abschnitte zu den Konzepten Solidarität und Gastfreundschaft und eine Rückfrage nach der möglichen „Grenze“ solcher Konzepte. Der Essay endet mit einem Blick auf die biblische Botschaft, die für kirchliche Akteure normativer Imperativ des Handelns ist. Diese Akteure können unter der Vielfalt der möglichen normativen Zugängen eben nicht willkürlich auswählen, sondern müssen sich messen lassen: an einem bestimmten Ethos.

(…)

Der Volltext dieses Artikels findet sich in der Zeitschrift „Lebendiges Zeugnis„, 72. Jahrgang, Nr. 1, März 2017, S. 43-52.

Der zitierfähige Volltext kann bei Interesse beim Autor angefragt werden.

Flucht und Aufnahme in Großbritannien – Zitate eines historischen Textes von Daniel Defoe

In der Ausgabe 2/2016 der Zeitschrift Sinn und Form ist ein Text von Daniel Defoe unter dem Titel „Kurze Geschichte der pfälzischen Flüchtlinge“ zu finden. Defoes Text stammt aus dem Jahr 1709. Damals waren mehrere tausend Flüchtlinge aus Südwestdeutschland in England angekommen. Die Öffentlichkeit war beunruhigt; Defoe antwortete mit seinem Text auf diese Unruhe.

Im folgenden werde ich einige Passagen aus Defoes Text in der Übersetzung von Heide Lipecky zitieren, wie sie in Sinn und Form abgedruckt wurde. Ich bin der Meinung, dass diese Textauszüge so vielsagend sind, dass sie am besten für sich selbst stehen. Einer weitere Kommentierung enthalte ich mich daher. Nur eines: historia magistra vitae. Und ein gegenläufig zweites: Vergleichen ist das Ende des Glücks.

Die Zitate:

„Und sollen alle, die diese Pflicht versäumen, ernstlich bedenken, daß beim Jüngsten Gericht unser Erlöser besonders darauf achten wird, ob, als er hungrig gewesen, sie ihn gespeist haben, als er durstig gewesen, sie ihn getränkt haben, als er ein Gast gewesen, sie ihn beherbergt haben, als er nackt gewesen, sie ihn bekleidet haben, als er krank gewesen, sie ihn besucht haben, als er gefangen gewesen, sie zu ihm gekommen sind, und was sie dem geringsten seiner Brüder getan haben, das wird er ansehen, als hätten sie es ihm getan, und jegliches Versäumnis hart bestrafen.“ (174)

„Abermals, Sir, ersuche ich Sie, in Betracht zu ziehen, daß nichts so anmaßend und verfehlt ist, wie Beschwerden gegen die Aufnahme von Ausländern; denn in Wahrheit ist unser England nicht zur Hälfte peupliert, Irland gar nur zu einem Viertel, Schottland noch weniger, und unsere Kolonien sind fast schon Wüsten.“ (178)

„Der Handel und Scharen von Menschen sind der wahre Reichtum und die Stärke eines Landes, und je volkreicher, desto mehr Handel, und je mehr Handel, desto volkreicher, und mehr von beidem muß notwendig Reichtümer erzeugen. (…) Und nun, Sir, in der Hoffnung, hinlänglich bewiesen zu haben, daß Scharen von Menschen Stärke und Reichtum der Nation sind und daß die Aufnahme von Ausländern diesem Königreich nützt und dem ärmeren Teil unserer Einheimischen nicht schadet … .“ (179-180)

„Auf diese Weise würde bereits in dem Moment, in dem sie (die Flüchtlinge, BC) so beschäftigt werden, fast die gesamte Summe für ihren Unterhalt entfallen, eine Stadt gegen den Winter gebaut und der Untugend des Müßiggangs, neben anderen Unannehmlichkeiten, vorgebeugt.“ (195)

„Denn das letzte, was Menschen täten, wäre, ihre geliebte Heimatscholle zu verlassen; und (zu dieser Zeit der Welt) werden dieses vermutlich nicht viele Familien leichtfertig tun.“ (198)

 

 

 

Zuhause im Iftar der Anderen – ein persönlicher Erfahrungsbericht

Für einen Moment kehre ich zurück zum Vertrauten:

Ich schließe die Augen, spreche still ein Gebet : „Herr, segne diese Gaben … .“ Ich mache das Kreuzzeichen. Damit bin ich hier recht allein. Das weiß ich. Ein Moment Vertrautes, inmitten dem Fremden, dem Ungewohnten, dem Anderen, Grenzüberschreitenden. Nach dem Kreuzzeichen beginne mit dem Essen.

Ich bin auf einem Iftar, einem muslimischen Fastenbrechen an einem der längsten Tage im Jahr. In einer Unterkunft für Flüchtlinge im Hamburger Osten kommen Menschen aus allen Herren Länder zusammen. Ihr Glaube verbindet sie im gemeinsamen Mahl. Schon früh bin ich da, um mit den Organisatorinnen von kulturkaviar für alle e.V. den Saal für das Essen vorzubereiten. Wir räumen Mobiliar zur Seite und legen den Boden mit einer schützenden Folie aus, an einer Stelle; an einer anderen Stelle rollen wir Teppiche in den Raum fürs Gebet. Wir verteilen Blumen, Kerzen, Servietten. Die Gäste werden Platz finden auf dem Boden. Sich dort niederlassen, um das tägliche Hungern und Dürsten zu beenden.

Neugierige Kinder kommentieren durchs Fenster gelehnt einen jeden unserer Handgriffe.  Die ersten Besucher kommen, schauen und gehen wieder. Tee kochen wir, Brot wird geschnitten, Süßes wird zurecht gemacht, Servietten gefaltet. Dazwischen drücken sich Gespräche, wie man sie selten führt. Über das Fasten, selbstverständlich, das christliche und das muslimische. Über rituelles Speisen an sich und überhaupt die Rolle des Essens in den Religionen: das Iftar, die Speisesegnung zu Ostern, über das Mahl der Christen: Doch kaum versuche ich es in kurze verständliche Worte zu fassen, spüre ich an mir selbst das „Ärgernis“ (1. Kor. 1, 23), das für einen Nicht-Christen im Erfassen dieses Mahles liegen muss. So bleibt mein Satz „Wir Christen nehmen den Leib und uns das Blut Jesu Christi zu uns“ fürchterlich haltlos im Raum der kleinen Küche hängen. Interreligiöse Begegnung im kargen, geschäftigen Wohncontainer, Dialog sozusagen „zwischen den Kochtöpfen“ (Theresa v. Avila).

Unterbrochen werden wir an diesem Abend dauernd in unseren Gesprächen. Das stört keinen; es ist ja viel zu tun. Die Gäste treffen langsam ein. Bald reiht sich eine Zahl von locker mit Kopftuch gerüsteten Frauen am Rand des Saales auf. Kinder kreisen um sie herum. Junge Männer aus verschiedenen Ländern kommen hinzu. Der eine oder andere Gast von außen erscheint auch.

Um kurz vor Zehn werden Teile aus dem Koran rezitiert, ein Gebet wird gesprochen. Anschließend bricht man das Fasten, mit einer Dattel und einem Schluck Wasser. Essen wird aufgetragen. Ich spreche mein persönliches Tischgebet, das mit dem Kreuzzeichen. Verwirrung entsteht, da in der international zusammengesetzten Gruppe unterschiedliche Zeiten kursieren, zu denen das Fasten gebrochen werden darf. Die einen tun es um 22 Uhr, die anderen um 22: 30 Uhr. Satt werden alle. Und es bleibt genug für die Daheimgebliebenen, den eigenen Kühlschrank.

Wie ein „Diener an den Tischen“ (Apg 6, 1ff.) fühle ich mich an dem Abend. Den Frauen das Geschirr reichend. Das Fladenbrot zerteilend. Die Blumen arrangierend. Wie ein Diener der Menschen: jener, die mich eingeladen haben mit zu gehen, mit zu machen; jener muslimischen Frauen, Kinder, Männer, die hier wohnen und ihren Glauben leben. Ich fühle mich auch wie ein Diener an meinem eigenen Glauben, ein Glaube der sich ganz dem Dienen verschrieben hat, denn auch „der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen.“ (Mt 20, 28). Hier beim Iftar wacht ein Glaube auf, der sich nicht dauernd selbst bestätigt. Ich blicke – nur ein klein wenig – über den christlichen Tellerrand und sehe dort: eine weiten Raum, intellektuell wie spirituell. Neuland eben.

Es gibt viele Worte und Begriffe, freundliche und unfreundliche, für das, was nicht unseres ist, was nicht meines ist. Für diese Erfahrung der Differenz. Es klingt arg pädagogisch und floskelhaft, doch ist es wahr, dass das Eigene nur durch die Begegnung mit dem Anderen, dem Differenten wachsen kann. Um das eigene Leben verrückt zu bekommen, mit Worten und Begriffen richtig verstehen zu lernen, muss man ab und an aus dem Zentrum treten. Sich aus dem Zentrum rücken lassen. Dieser Zumutung kann man sich nicht auf ewig entziehen.

Irgendwann breche ich auf. Ich muss meinen Zug zurück bekommen. Das Essen ist noch voll im Gange. Das süße Baklava wird gerade zurecht geschnitten. Davon kleben mir die Finger. Ich verabschiede mich. Mache mich auf ins vertraute Zuhause. Durch die geöffneten Fenster sehe ich die Menschen essen, reden. Ich gleite fort in die Dunkelheit einer kurzen Nacht.

Burkhard Conrad OPL

Herausforderungen der sog. Flüchtlingskrise im Lichte der Politikwissenschaft – ein Tagungsbericht

Zur Zeit kann, wer will, in jedem Monat gleich mehrmals wissenschaftliche Tagungen zum Themenkomplex Flucht, Migration und Integration besuchen. Diese Themen sind derzeit derart prominent, dass man sich angesichts der großen Anzahl von interessanten Veranstaltungen sehr wählerisch zeigen muss. Am vergangenen Wochenende war es mir möglich, eine spannende politikwissenschaftliche Konferenz unter dem Titel „Nationale, europäische und internationale Herausforderungen der Flüchtlingsströme“ in Berlin zu besuchen. Das Programm findet sich hier.

Die Tagung war eine Veranstaltung von Politikwissenschaftlern (unterschiedlicher Teildisziplinen) für Politikwissenschaftler. Das heißt, die Fragen und Begriffe, denen man auf der Tagung begegnete, waren auch jene Fragen und Begriffe, die innerhalb der aktuellen Politikwissenschaft diskutiert werden. Dass die bundesdeutsche Politikwissenschaft als Disziplin sich derzeit selbst auch zum Gegenstand geworden ist (vgl. die hier dokumentierte Diskussion)  war in den Pausengesprächen zu erfahren und spielte bei einer abendlichen Diskussionsrunde ebenfalls eine Rolle.

Die methodische und theoretische Vielfalt der Politikwissenschaft fand sich in den unterschiedlichen Vorträgen und Kommentaren wieder. Herausheben möchte ich im folgenden eine Auswahl von Fragestellungen, die mir relevant erscheinen. Selbstverständlich interessieren sich Politikwissenschaftler für den Staat und die Staatlichkeit. Der Staat sah und sieht sich im Gefolge der sog. Flüchtlingskrise mit enormen Herausforderungen konfrontiert. Diese berühren unter anderem seine Fähigkeit, mit einer krisenhaft zugespitzten Situation erfolgreich umzugehen. Im Jargon der Politikwissenschaftler heißt dies: Der Staat lebt von einer Output-Legitimität. Die Herausforderungen schlagen aber auch durch auf die Wahl der Mittel, welche staatliche Stellen bei ihren Problemlösungsversuchen bereit sind zu wählen. Auf der Tagung kamen dabei die verschiedenen Ebenen des staatlichen Handelns zur Sprache: kommunal, national, transnational.

Auf der kommunalen Ebene hat die sog. Flüchtlingskrise dazu geführt, dass Behörden und Verwaltungen auf eine enge Kooperation mit zivilgesellschaftlichen Akteuren angewiesen sind, z.B. wenn sie Flüchtlingsunterkünfte planen und einrichten. Priska Daphi (Uni Frankfurt) machte plausibel, dass die Art und Weise, wie Verwaltungen mit den Bürgerinnen und Bürgern vor Ort kommunizieren entscheidend ist für die wohlwollende Aufnahme von Flüchtlingen in den Kommunen. Ina Radtke (Uni Potsdam) & Julia Fleischer (Uni Bergen) erläuterten, dass unterschiedliche Verwaltungen des Bundes und der Länder dazu neigen, ähnliche bürokratische Strategien der Problemlösung zu implementieren, z.B. in der Form einer ressortübergreifenden Koordination der diversen flüchtlingsbezogenen Fragen. Diese Strategien haben auch das Ziel, evtl. verlorengegangenen Legitimität durch möglichst effiziente Problemlösung wieder zurück zu gewinnen.

Auf der nationalen Ebene begegnet einem ständig die Frage nach der Inklusion und Exklusion bzw. nach der Grenze. Julia Schulze-Wessel (TU Dresden) wies darauf hin, dass die Grenze als Ort der Mobilitätskontrolle und damit auch des möglichen Ein- und Ausschlusses sich ausgeweitet hat zu einem geografisch breiten „Grenzraum“. In diesem können beständig Kontrollen der einen oder anderen Art durchgeführt werden. Diese Kontrollen werden selektiv auf bestimmte Gruppen angewandt, was unter normativen Gesichtspunkten fragwürdig erscheint. Christoph Michael (Uni Halle) schlug in eine ähnliche Kerbe, in dem er sich – auch an die politische Theorie gewandt – für eine „Aufweichung des methodischen Nationalismus“ aussprach. Gerade vor dem Hintergrund der grenzüberschreitenden Migrationsbewegungen sei eine Theoriebildung jenseits des Nationalstaates geboten.

Normative Fragen bezogen auf ethisch vertretbares staatliches Handeln leuchteten auch im Beitrag von Peter Niesen (Uni Hamburg) durch. Dessen Kant-Lektüre führte aber nicht zu einem direkten Durchmarsch normativer Argumente von der kantischen Rechtslehre hinein in den politischen Alltag des 21. Jahrhunderts. Die Möglichkeiten, sich in der Migrationsfrage mit normativen Argumenten plausibel zu Wort zu melden sind offenbar begrenzt. Auf jeden Fall ließe sich nicht mit Eindeutigkeit sagen, so Niesen, welchen Standpunkt Kant (es ließe sich erweitern: de Vitoria, Pufendorf usw.) in der heutigen Situation einnehmen würde. Oliviero Angeli (TU Dresden) schloss sich dieser Meinung an, in dem er einen normativen Ansatz vorschlug, der sich weniger an normativen Prinzipien und deren unmittelbaren Durchsetzung orientierte. Vielmehr sei auf die normativ imprägnierte Praxis zu schauen im Sinne einer „nicht-idealen Theorie“, so Karsten Fischer (Uni München) in seinem Kommentar. Es kommt bei der Suche nach dem adäquaten politischen Handeln damit zu einem produktiven Zusammenspiel von Norm und Praxis, von Ideal und Alltag, von Theorie und Handeln.

Die sog. Flüchtlingskrise ist aber selbstverständlich keine rein nationale Herausforderung. Mehrere Beiträge gingen auf die europäische Dimension der Problematik ein. Dabei wurde immer wieder der Vergleich gezogen zum Krisenmanagement während der Eurokrise. Bei der Eurokrise – so der einhellige Befund von Frank Schimmelfennig (ETH Zürich) bzw. Philipp Genschel (EUI Florenz) & Markus Jachtenfuchs (Hertie School, Berlin) – habe die (zeitweise) Lösung weitere Schritte der institutionellen Integration beinhaltet. In der sog. Flüchtlingskrise sei aber gerade das Gegenteil zu beobachten. Auch aufgrund innenpolitischer Erwägungen und der verhältnismäßig geringen „Kosten“ favorisieren viele EU-Mitgliedsstaaten de facto eine Renationalisierung von Politiken. Diese macht sich dann u.a. in der Rückkehr manifester Grenzen bemerkbar.

Immer wieder stand auch die Frage im Raum, inwiefern man sich eine Politisierung der europäischen Bevölkerung in der Migrationsfrage wünschen solle. Dass diese Politisierung de facto statt findet und auch kaum steuerbar ist, darauf machte Tanja Börzel ( FU Berlin) aufmerksam. Michael Zürn (WZB Berlin) sprach sich für eine pro-aktive Politisierung aus. Die Frage ist aber, ob aus einer solchen Politisierung nur die Populisten – Claudia Landwehr (Uni Mainz) kennzeichnete diese durch ein instrumentelles Demokratieverständnis – ihren Vorteil ziehen oder ob sich die Situation auch – normativ betrachtet – positiv im Sinne eines politischen Liberalismus nutzen lässt. Freilich, und hier herrschte verblüffende Einigkeit – kann die liberal motivierte Politisierung zwar eine wohlwollende Konnotation der „positiven Leitidee Europa“ (Beate Kohler, Uni Mannheim) unterstützen. Sie sollte aber nicht vorrangig zu weiteren Integrationsschritten genutzt werden, denn diese würden den mentalen „Nachhinkeffekt“ (N. Elias) vieler Europäerinnen und Europäer in deren Unterstützung supranationaler Institutionen nur noch verstärken.

Auf einer politikwissenschaftlichen Tagung wird natürlich auch viel über Begriffe gesprochen. Dies zeigte schon das Beispiel des Politisierungsbegriffs. Mit der Nutzung des Begriffs der „Flüchtlingskrise“ war man zögerlich, obwohl auch objektive Gründe für die Nutzung des Krisenbegriffs vorgebracht wurden. Ironischerweise hatte man keine Bedenken im Titel der Tagung metaphorisch aufgeladen von „Flüchtlingsströmen“ zu sprechen. Im Verlauf der Veranstaltung wurden auch andere Metaphern wie „Wellen“ benutzt; hier scheint noch etwas differenzierende begriffliche Arbeit von Nöten zu sein.

Auffallend war auf der Tagung das fast gänzliche Fehlen einer internationalen Dimension jenseits des europäischen Kontextes. Ausnahme war hier eine Präsentation von Andrea Baier et. al. zum Einfluss von Migration auf die Transformation staatlicher Ordnung im Herkunftsland. Die internationale Dimension war im Titel der Tagung angekündigt und wäre aus sachlichen Gründen („Fluchtursachen“) auch zwingend gewesen. Scheinbar wird der methodische Nationalismus, von dem schon die Rede war, durch eine Verengung auf die europäische Dimension von Flucht und Migration ergänzt.

Einigen Beiträgen merkte man an, dass die sog. Flüchtlingskrise für die Politikwissenschaft letztlich überraschend kam. Alfons Söllner (TU Chemnitz) verwies in seinem Beitrag zwar auf die Kontinuität der Problematik. Diese Kontinuität der Problematik hatte in der Vergangenheit aber offenbar keine Kontinuität der politikwissenschaftlichen Bearbeitung der Migrationsfrage bewirkt. So gesehen kann die Tagung auch als der Anfang eines hoffentlich längerfristigen Interesses der politikwissenschaftlichen Disziplin  an Fragen von Flucht, Migration und Integration verstanden werden; auch dann, wenn man in Politik und Verwaltung wieder aus dem Krisen- in den Alltagsmodus zurückgekehrt sein wird.

Dieser Tagungsbericht erhebt nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Aufgrund parallel ablaufender Veranstaltungen wäre ein solcher auch nicht erfüllbar. Wenn ich also verschiedene Vortragende nicht erwähnt habe, liegt darin kein Ausdruck von geringer Wertschätzung!

 

 

 

 

Navid Kermani und der „Einbruch der Wirklichkeit“ in Europa – ein Lektürehinweis

Im September und Oktober 2015 reiste Navid Kermani im Auftrag eines deutschen Nachrichtenmagazins auf der Route der Flüchtlinge vom Balkan, über die griechische Insel Lesbos an die Westküste der Türkei. Seine Erfahrungen gibt er in einem schmalen Reportagenband wieder, der vor einigen Tagen bei C.H. Beck erschienen ist (Einbruch der Wirklichkeit. Auf dem Flüchtlingstreck durch Europa, München C.H. Beck 2016).

Wer Kermanis Buch „Ausnahmezustand. Reisen aus einer beunruhigten Welt“ aus dem Jahr 2013 kennt, weiß um die Wirklichkeit, die Kermani über Europa hereinbrechen sieht. Es ist die von sozialen, religiösen und militärischen Konflikten zerrüttete Wirklichkeit vieler jener Völker, die südlich und östlich der Türkei leben.  Diese Wirklichkeit rückt den Europäern näher und näher auf den Leib. Die Metapher des plötzlichen „Einbruchs“ ist für die Geschehnisse und die Gefühlslage der Deutschen im Herbst 2015 durchaus richtig gewählt.

Kermani schildert in seiner Reportage eine Reihe von Einzelschicksalen, Geschichten von Menschen, die er auf dem Weg trifft. Dabei interessieren ihn vor allem jene Frauen, Männer und Kinder, die es vielleicht gar nicht bis an die deutsche Grenze schaffen: die Beraubten, die Gedemütigten, die Müden. Er trifft sie in Belgrad, auf Lesbos, auf dem Hof einer Moschee im türkischen Izmir. Er beobachtet Helfer, durchaus auch mit kritischer Distanz. Er lässt aufblitzen, wie nahe sich Trauer und Glück, Hoffnung und Elend in den Leben der Flüchtenden sind.

Jedes Einzelschicksal hat für Kermani aber auch eine politische Dimension. Denn die Geschichte eines jeden individuellen Flüchtlings ist imprägniert von dem Scheitern der großen Politik in den Herkunftsländern der Geflüchteten und in Europa. Kermani ist sich dessen sicher, weshalb er dann auch immer wieder (europa-) politische Kommentare in seine Reportage einflechtet. Denn der „Flüchtlingstreck durch Europa“ ist gleichzeitig eine vehemente Rückfrage an den politischen und moralischen Zustand Europas. „Wollen wir Europa, oder wollen wir es nicht?“ (27) fragt Kermani emphatisch an die Adresse seiner Leserinnen und Leser gewandt. Und mit Blick auf die Weltgegenden, die er vor einigen Jahren für „Ausnahmezustand“ durchreiste notiert er: „Nur ein starkes, einiges und freiheitliches Europa könnte die Welt zu befrieden helfen, aus der so viele Menschen zu uns fliehen.“ (47).

Navid Kermani ist selbst nur einige wenige Tage eingetaucht in die bittere Wirklichkeit der Flüchtlinge auf dem Weg von Kleinasien nach Mitteleuropa. Mit ihm tauchen seine Leserinnen und Leser ebenfalls nur punktuell ein in eine Welt zwischen Mitgefühl und Profitgier, zwischen Ignoranz und tatkräftiger Hilfe, zwischen Resignation und Aufbruch. Man kann sich dieser Wirklichkeit verschließen, sich einbunkern hinter einem Wall von Ressentiments. Doch besser ist es, so lässt sich Kermani verstehen, wenn diese unruhige Wirklichkeit der globalisierten Welt für Europa zu einem Projekt wird für eine nach vorne schauende, realitätsnahe demokratische Politik der Mitmenschlichkeit.

 

„Hospitality keeps on deconstructing.“ Über Naturrecht und Gastfreundschaft

In einem früheren Beitrag untersuchte ich den (vermuteten) Zusammenhang zwischen dem Naturrecht und der Institution des Kirchenasyls. Meine grundlegende Feststellung war damals, dass es durchaus eine rechtliche Verbindlichkeit geben kann, über die positiven Rechtssätze eines Staates hinaus zu gehen. Diese Verbindlichkeit kann freilich nur für sehr, sehr ausgewählte Fälle gelten.

Von einem bislang wenig politisierten Begriff wie der „Gastfreundschaft“ erwartet man nicht unbedingt, dass auch dieser – naturrechtlich begründet – zu einer Herausforderung für das staatlich verfasst Gemeinwesen werden kann.  Diesen Zusammenhang hatte Gideon Baker von der australischen Griffith University wohl nicht im Sinn, als er 2011 in dem Fachmagazin Review of International Studies einen Aufsatz unter dem Titel „Right of entry or right of refusal? Hospitality in the law of nature and nations“ veröffentlichte (Jg. 37, S. 1423-1445). Dennoch kommt er in dem Papier zum Tragen.

Bakers Ausgangspunkt ist der von ihm festgestellte Konflikt zwischen einem Recht auf Gastfreundschaft und dem Recht auf Eigentum in der Tradition der Naturrechtslehre. Diesen Konflikt stellt Baker anhand verschiedener Naturrechtsdenker dar: u.a. der Dominikaner Francisco de Vitoria, Emmerich de Vattel, Samuel von Pufendorf, Immanuel Kant. Während einige Denker wie de Vitoria dem Recht auf Gastfreundschaft den Vorzug einräumen, setzen andere Denker wie von Pufendorf mehr auf das Recht auf unversehrtes Eigentum.

Baker zitiert Vitoria mit dem markanten (und hochaktuellen) Satz: „to refuse to welcome strangers and foreigners is inherently evil“ (1428). Für de Vitoria bestand eine moralische Verpflichtung des Gastgebers den Gast willkommen zu heißen; diese Verpflichtung überschrieb im Konfliktfall das Recht des Gastgebers auf Unversehrtheit seines Eigentums.

Baker führt auch die gegenläufige Argumentation von von Pufendorf an. Für diesen sei Gastfreundschaft ein Akt der Nächstenliebe gewesen, mit der Konsequenz, dass diese Liebe auch verweigert werden kann. „Hospitality, für Pufendorf, is charity, and charity can of course be refused“ (1433). Aus einer naturrechtlichen Verpflichtung für den Gastgeber und einem entsprechendem Recht für den Gast wird ein unverbindlicher Liebesakt, der gewährt oder auch verweigert werden kann. Pufendorfs Haltung zeichnet sich durch eine tendenzielle Höherbewertung des Rechtes auf unversehrtes Eigentum aus; Teilen ist keine Pflicht, sondern geschieht freiwillig.

Bakers Text legt es nicht darauf an, sich für die eine oder andere Argumentation zu entscheiden. Es handelt sich bei seinem Text um einen ideengeschichtlichen, nicht um einen migrationspolitischen Beitrag. Gleichzeitig ist Bakers Beitrag hilfreich bei der Einordnung gegenwärtiger Debatten, da er einen zentralen migrationspoltitischen Zielkonflikt beschreibt. Denn einer mag das Recht auf Gastfreundschaft betonen oder auch das Recht auf unversehrtes Eigentum, und prinzipiell kann man versuchen, diesen beiden Rechten auch gleichzeitig gerecht zu werden. Das funktioniert aber nur bis zu einem bestimmten Punkt. „Irgendwann“ stellt sich die Frage, welchem Recht man (politisch) den Vorzug gibt. Diese Frage kann die Ideengeschichte nicht beantworten.

Bakers Text besteht aber nicht nur in einer Darstellung der beiden genannten Positionen. Vielmehr weist Baker in seinem Schlussteil darauf hin, dass die beiden Rechte – auf Gastfreundschaft und auf Eigentum – sich nicht einfach gegenüberstehen, sondern sich in dieser Dualität auch wechselseitig bedingen. Dort, wo ich alle Grenzen und exklusiven Zugangsrechte aus der Welt schaffe und damit auch mich von der Idee des Eigentums verabschiede, dort bedarf es nicht mehr der Gastfreundschaft. Gleichzeitig macht Exklusivität auch nur dort Sinn, wo es ein Außen gibt, das sich ausschließen lässt, dem ich aber ggf. auch ein Gastrecht gewähren kann.

Von Derrida inspiriert schreibt Gideon Baker:

„Hospitality keeps on deconstructing. The tension between right of property and right of communication which produces the possiblity of hospitality also threathens its very existence“ (1444).

Die Gewährung von Gastfreundschaft und das Recht auf unversehrtes Eigentum setzen sich also gegenseitig voraus. Das eine lässt sich nicht aus der Welt schaffen, ohne dem anderen dabei zu schaden.

„Was ihr getan habt für einen meiner Geringsten.“

Vorsicht: Es handelt sich hier um einen Text im Modus der direkten Mitteilung (im Sinne Kierkegaards)!

„Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan. Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan.“ (Mt 25, 40+45)

Diese Verse aus dem Matthäusevangelium kommen mir in diesen Tagen oft in den Sinn. Zum Beispiel wenn ich morgens und abends durch den Hamburger Hauptbahnhof gehe. Oder über den Hansaplatz. Beides Orte, an denen Flüchtlinge stranden, ausharren, darüber nachdenken: Was jetzt?

Und dann stelle ich mir in meinem Büro die Frage: Was tue ich? Wem helfe ich konkret? Meine Antwort: fällt bescheiden aus.

Wenn ich bedenke, wirklich bedenke, was Jesus sagt: Was du diesem Menschen auf der Flucht tust, das tust du mir. Was du ihm antust, das tust du mir an. Dann wird meine Frage größer, insistierend: Werde ich vor Christus bestehen, dann, beim Weltgericht?

Naiver Tropf, höre ich dann welche sagen, das ist doch nicht wörtlich gemeint. Naiver Tropf, sagen andere, das geht doch so nicht; wir müssen auch etwas politische Raison walten lassen. Naiver Tropf, sage ich zu mir selbst, die es hierher geschafft haben sind doch gar nicht die Geringsten. Da gibt es doch noch ganz andere. Und du tust in deinem Büro auch etwas Sinnvolles.

Welch bunter Strauß an triftigen (Selbst-)Entschuldigungen!

Jesu Sätze bleiben also im Raum stehen. Wie ein großes, schweres Fragezeichen bevölkern sie meinen Geist.

Ich kenne viele Initiativen, bei denen Flüchtlingen geholfen wird. Und Obdachlosen. Und Suchtkranken. Und all den anderen Geringsten, die Jesus gemeint haben mag. Das große Engagement an vielen Orten und zu allen Zeiten ist schön. Es ist bewundernswert. Gelegentlich mische ich sogar mit, beim Tun von Konkretem.

Das Fragezeichen, Jesu Fragezeichen lässt sich aber nicht aus meinem Geist vertreiben; es hat sich keinen Deut weit wegbewegt. Hoffnung auf eine leichte Antwort habe ich nicht.