„Der Augenblick, das wunderliche Ding“. Über den Zusammenhang von Tanz, Politik und Liturgie.

Gliederung:

1. Der Augenblick im Tanz

2. Der Augenblick in der Liturgie

3. Der Augenblick in der Politik

 

1. Der Augenblick im Tanz

Das klassische Ballett arbeitet mit lauter Höhepunkten, in denen sich der Tanz zu ästhetischen Gipfeln aufschwingt. Ich darf aus einem Aufsatz von Gabriele Brandstetter zum Thema zitieren: „Im erfüllten Augenblick offenbart sich die Schönheit der an die zeitliche Sukzession gebundenen tänzerischen Bewegung.“ (Brandstetter, Gabriele 1984: Elevation und Transparenz. Der Augenblick im Ballett und modernen Bühnentanz, in: Thomsen, Christan & Holländer, Hans (Hrsg.): Augenblick und Zeitpunkt. Studien zur Zeitstruktur und Zeitmetaphorik in Kunst und Wissenschaften, Darmstadt, 476) Es geht also in diesem Kontext weniger um den Augenblick im Verlauf einer Geschichte im klassischen Erzählballett. Vielmehr geht es um den Augenblick als der Offenbarung einer Schönheit von Bewegung. Bewegung verdichtet sich im Augenblick zu einer ästhetischen Klimax.

Diese ästhetische Verdichtung geschieht im klassischen Tanz u.a. in der sogenannten Elevation. Elevation heißt im Tanz soviel wie die Erhebung des Körpers und die scheinbare Aufhebung der Schwerkraft darin. Im pas de deux hebt normalerweise der Mann die Frau in Höhe; im Solo der Frau befindet sich diese unablässig en point, auf den Zehenspitzen; und das Solo des Mannes zeichnet sich gewöhnlich durch phänomenale Luftsprünge aus. All diese Elevationen des klassischen Balletts versuchen einen „Schein totaler Freiheit in der Schwerelosigkeit“ (ebd. 477) aufzubauen. Die bleibende Schwere des Körperlichen hat aber zur Folge, daß dieser Schein der Freiheit nur für den Bruchteil einer Sekunde aufrechterhalten werden kann. Der Körper wird schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Aufgrund der tatsächlichen Schwere des Körpers ist die Elevation also ein zeitlich kurzer Moment.

Die Elevation geschieht aber nicht nur in einem kurzen Moment. Sie ist zur gleichen Zeit ein wunderlicher Augenblick, da in ihr der Höhepunkt des schönen Scheins dem Zuschauer offenbar wird. „Das Prinzip der Elevation strebt nach dem Paradox eines Augenblicks der gleichsam gedehnten Sekunde, in der die Bindung an die Schwerkraft aufgehoben ist und der Schein der Ewigkeit dieser (körperlichen) Freiheit für einen Moment aufleuchtet.“ (ebd. 478) Von dem französischen Tänzer Auguste Vestris wird dann auch die Geschichte erzählt, er sei nach einer Elevation jeweils nur aus Rücksicht und Höflichkeit gegenüber seinen Kollegen auf den Bühnenboden zurückgekehrt. In einem älteren englischsprachigen Nachschlagewerk findet sich dazu folgender kurzer Text:

Elevation, term applied to all aerial movements as opposed to terre à terre movements in which the feet barely leave the ground. Nijinski, who was possessed of phenomenal elevation, was (erroneously) said to have had the power to remain at the highest point of ascent for a fraction of a second before he descended (a physical impossibility). Whilst there are countless testimonies of Nijinski’s prowess, there are none to Gaetano Vestris’s claim that ‘If my son (Auguste Vestris) ever comes to earth it is only out of courtesy to his colleagues.’” (in: G.B.L. Wilson 1957: A Dictionary of Ballett, London, 111).

Die Botschaft des klassischen Ballett heißt also, daß der Augenblick der Elevation der Höhepunkt des Tanzes ist. Und ein guter Tänzer ist jener, der diesem Augenblick auch noch den allerletzten ästhetischen Reiz abringen kann und die Zuschauer zur Verzückung bringt.

2. Der Augenblick in der Liturgie

Der Titel dieses Beitrags – „der Augenblick, das wunderliche Ding“ – ist einem Dialog des Platons entnommen. In seinem „Parmenides“ bedenkt der Grieche die Frage, was denn den Übergang von der Ruhe zur Bewegung ausmache. „Wann also geht es über?“ läßt Platon fragen, und er gibt die Antwort: „Dieses wunderbare Wesen, der Augenblick, liegt zwischen der Bewegung und der Ruhe als außer aller Zeit seiend.“ ( §3.3.) Im Augenblick, in dem was außer aller Zeit ist geschieht eine Verwandlung. Das ist kein Prozeß, der da vonstatten geht und keine allmähliche Veränderung, sondern einfach so wird im Augenblick aus Ruhe Bewegung, aus Nichts wird Sein. Es wird etwas Neues. Der Augenblick ist somit nicht einfach der Höhepunkt einer prozeßhaften Entwicklung wie bisher geschildert, sondern der Augenblick ist Höhepunkt und Wandlungspunkt zugleich.

Schlägt man im Duden unter dem Stichwort „Elevation“ nach, so findet sich keinerlei Verweis auf den Tanz. Vielmehr findet sich folgender Eintrag: „Elevation; lateinisch für ‚Erhebung’; Emporheben der Hostie und des Kelches beim katholischen Meßopfer.“ Der Begriff der Elevation entstammt also dem Repertoire der liturgischen Choreographie in der Feier der Messe.

Lassen Sie mich in aller Kürze den Kontext erklären: Die Messe besteht aus zwei Teilen: Erstens dem „Sakrament des Wortes“ (Alexander Schmemann) mit Lesungen, Gesängen und der Predigt; und zweitens dem Sakrament des Altars mit dem großen Dankgebet, dem Vater Unser und der Kommunion. Das große Dankgebet im zweiten Teil der Liturgie wird vom Priester gesprochen bzw. gesungen, wobei er heutzutage hinter dem Altar steht mit dem Blick zur Gemeinde. Im Rahmen dieses längeren Gebetes spricht der Priester eine Gedächtnisformel, die das letzte Abendmahl Jesu Christi mit seinen Jüngern vor dessen Tod in Erinnerung ruft. Der Priester nimmt dabei nacheinander erst die Hostie, danach den Kelch mit Wein in die Hände und wiederholt die Worte, die Jesus nach biblischer Überlieferung selbst gesagt haben soll. Ich zitiere nach dem römisch-katholischen Meßbuch: „ In der Nacht, da er verraten wurde, nahm er das Brot und sagte Dank, brach es und reichte es seinen Jüngern und sprach: Nehmet und esset alle davon. Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. Tut dies zu meinem Gedächtnis.“ Ganz ähnliche Worte spricht der Priester einen Moment später hinsichtlich des Kelches mit Wein. Jeweils nach dieser Sentenz bricht der Priester ab, hebt jeweils Hostie und Wein in die Höhe, d.h. er eleviert sie. Wahlweise erklingen Schellen, ein Gong oder die Kirchenglocken, denn: in diesem Augenblick der Elevation geschieht die Wandlung: Hostie wird zu Leib Christi und Wein wird zu Blut Christi. (So auf jeden Fall eine klassische Lesart dieses Ritus.)

Das muß man nicht verstehen, und solange man nicht römisch-katholisch ist muß man das auch nicht glauben. Es ist aber geradewegs verblüffend wie strukturähnlich die Elevationen im Tanz sowie in der Liturgie sind. Im klassischen Ballett markiert die Elevation einen ästhetischen Höhepunkt. Im liturgischen Ballett markiert die Elevation einen liturgischen Höhepunkt wie auch einen Wendepunkt der religiösen Erfahrung. Dank einer Intervention der Ewigkeit, so das Verständnis, geschieht das Wunder einer Verwandlung in der Zeit. Die Elevation ist sowohl im Tanz als auch in der Liturgie der körperliche Ausdruck eines wahrlich wichtigen Geschehens. Die tänzerische Elevation vermittelt die Botschaft: „Schau her, was ich kann!“ Die liturgische Elevation spricht aus: „Schau her, was Gott kann! Er macht alles neu!“

Höhepunkt und Wandlungspunkt geschehen dabei in einem Augenblick, der mehr ist als ein zeitlicher Moment. Der Augenblick ist mit einer Botschaft aufgeladen und kommt ziemlich schwergewichtig daher. Der Augenblick besitzt Autorität und will, daß man diese Autorität anerkennt. Deshalb wird im Ballett Szenenapplaus gegeben, in der Liturgie erklingen die Glocken. Und der Zuschauer beim Tanz sowie die Gemeinde in der Liturgie, beide werden den Augenblick der Elevation aufmerksam erspähen, wenn sie auch sonst etwas müde dahindämmern. Der Augenblick reckt sich förmlich aus der Zeit hervor, und um ihn herum versinkt alles in bloße Belanglosigkeit: sei es der corps de ballet, der artig am Bühnenrand aufdrappiert ist oder seien es die Meßdiener, die im Altarraum knien. Alle sind förmlich gebannt oder sollten es wenigstens sein. Denn: seht: es ist der Augenblick. Der macht alles neu.

3. Der Augenblick in der Politik

Die Leser und Lesserinnen werden überrascht sein, wenn ich ihnen nun sage, daß wir vom Augenblick in der Politik gar nicht mehr weit entfernt sind. Lassen Sie mich nur kurz festhalten, daß ein flüchtiger Blick auf Tanz und Liturgie gezeigt hat, daß der Augenblick nicht einfach ein zeitlicher Moment ist, sondern – so auf jeden Fall die Theorie – ein mit Inhalt und Autorität gefüllter Höhepunkt und Wandlungspunkt.

Im Herbst 2005 gab es in unserem Land vorgezogene Neuwahlen zum Bundestag. Zu dieser Sturzgeburt einer Wahl kam es, da die Parteien im Parlament einen großen Handlungsbedarf sahen. Die Botschaft der Opposition (CDU & FDP) war, daß es für einen Regierungswechsel höchste Zeit sei, damit es mit dem Land wieder aufwärts gehen könne. Die Botschaft der Regierung (SPD & Grüne) war, daß es eigentlich keinen Handlungsbedarf gebe, man sich aber aufgrund der einsamen Entscheidung eines einzigen Mannes (Gerhard Schröder) auf ein solches Abenteuer einlasse.

Das damalige Staatsoberhaupt (Horst Köhler) gab dem ganzen Katzenjammer sein Plazet mit den Worten: „Unser Land steht vor gewaltigen Aufgaben. Unsere Zukunft und die unserer Kinder stehen auf dem Spiel. Millionen von Menschen sind arbeitslos, viele seit Jahren. Die Haushalte des Bundes und der Länder sind in einer nie da gewesenen, kritischen Lage. Die bestehende föderale Ordnung ist überholt. Wir haben zu wenig Kinder, und wir werden immer älter. Und wir müssen uns im weltweiten, scharfen Wettbewerb behaupten.“

Diese Worte sollten in diesem historischen Augenblick allen Leuten klar machen: Wir stehen in einer Zeit der Entscheidung. Das Schicksal des Landes steht auf dem Spiel, und deswegen benötigt das Land ein starke Führung. Noch einmal die Worte des damaligen Bundespräsidenten: „In dieser ernsten Situation braucht unser Land eine Regierung, die ihre Ziele mit Stetigkeit und mit Nachdruck verfolgen kann.“ Und er schloß seine Ansprache vom 21. Juli 2005 mit den Worten: „Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, jetzt haben Sie es in der Hand. Schauen Sie bitte genau hin. Demokratie heißt, die Wahl zu haben zwischen politischen Alternativen. Machen Sie von Ihrem Wahlrecht sorgsam Gebrauch.“

In dieser Zeit der Entscheidung hatten wir, die Bürger, die Entscheidung. Doch welcher Art der Entscheidung war dies? Es war ein Augenblick der Entscheidung. Die Zeit der Entscheidung ist nämlich der Augenblick. Es ist der sogenannte kairos, der griechische Gott, der auf Messerscheide tanzt. Im kairos herrscht ein scheinbar klares Entweder – Oder; eine simple Einteilung der Welt in den Dualismus von Freund und Feind, Regierung und Opposition. Nach einer jeden Wahl wissen wir, daß es mit dieser Klarheit und Simplizität der Entscheidung oftmals nicht weither ist. Doch vor der Wahl wird einem immer wieder eine klare Struktur vorgetäuscht: Entweder Stillstand oder Wandel! Entweder soziale Kälte oder soziale Gerechtigkeit! Und in der Wahlkabine hat die Wählerin dann zwar die Auswahl zwischen recht vielen Gruppierungen, doch eigentlich geht es nur um die Alternative: Entweder – Oder. Und der Augenblick in der Politik versucht die Bürgerin stets mit einem solchen Entweder – Oder zu konfrontieren. Jeder Kompromiß ist ein fauler Kompromiß. Er darf nicht sein. Darum flüstert der Augenblick der Entscheidung uns ins Ohr: Wähle! Tue es jetzt oder nie!

Die Worte des Präsidenten wie die Kommentare vieler Zeitungskolumnen im August und September 2005 waren der Meinung, daß es bei dieser Entscheidung um sehr viel ging, wenn nicht sogar um alles. Die bevorstehende Entscheidung wurde mitunter schon zur Schicksalsfrage einer ganzen Nation stilisiert. So führte der „Rheinische Merkur“ – inzwischen auch Teil der Geschichte – wenige Tage vor der Wahl einen zusätzlichen Bund mit der Überschrift: „Wahl 2005: Die Entscheidung“ und fragte: „Wohin steuert die Republik?“

Die Entscheidung ist folglich nichts für Nervenschwache, sondern es geht hier um eine alles entscheidende Entscheidung. Dazu bedarf es klarer Verhältnisse und einer starken Hand. Eine Besinnung auf das Notwendige und Unausweichliche tut not, auf daß man mit dem Augenblick der Entscheidung tatkräftig voranschreiten kann in das neue, gelobte Land. Von diesem „es geht um Alles“ gewinnt der Augenblick der Entscheidung eine Autorität, die zusammenzucken läßt. Man fürchtet sich vor ihm und versucht ihm auszuweichen. Doch der Augenblick packt uns am Kragen und will alles, und er will es jetzt.

Wenn wir nun all die genannten Punkte zusammenfassen zu einer Beschreibung des Augenblicks, dann lassen sich vier Seiten des Phänomens aufzeigen: Erstens, der Augenblick ist der Höhepunkt einer Entwicklung. Er steht an der Spitze eines mitunter dramatischen Prozesses. Im Augenblick erklimmt der Tanz, die Liturgie und die Politik den Gipfel der eigenen Berufung. Als Elevation, als Wahl. Zweitens, der Augenblick ist der Ort der Verwandlung. Im Augenblick entsteht etwas Neues; in ihm geschieht die Geburt einer neuen Schöpfung und der Anfang eines neuen Zeitalters. Mit großen Versprechungen einer grandiosen Zukunft wartet der Augenblick auf. In der Liturgie ist diese Zukunft letztlich außerhalb der Reichweite des Menschen. In der Politik wird diese neue Zukunft zu gewissen Zeiten regelrecht heraufbeschwört in dem Augenblick der Entscheidung. Drittens, dieser Augenblick der Entscheidung reduziert die Wirklichkeit auf ein klares Entweder – Oder. Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Pakte werden nicht mehr geschlossen, sondern der Feind muß klar ins Auge gefaßt werden. Und viertens, der Augenblick der Entscheidung kommt daher mit dem Gewicht dessen, der sich seiner Wichtigkeit bewußt ist. Nicht mehr länger stehen nur noch technische Detailfragen auf dem Spiel, sondern es geht nun um schlichtweg Alles, die Welt, das Leben, einfach Alles.

Der Augenblick ist also durchaus ein wunderliches Ding. Er ist aber auch ein ganz und gar nicht unschuldiges Wesen. Er ist vielmehr sehr ambivalent. Der Augenblick verspricht viel, fordert aber auch viel. Auch trägt der Augenblick den ein oder anderen Degen verdeckt unter seinem Mantel. Ich darf hier den dänischen Philosophen und Theologen Søren Kierkegaard zitieren, der maßgeblich zum Verständnis des Augenblicks beigetragen hat. Zum Ende seines kurzen Lebens veröffentlicht er in einer Flugschrift namens „Der Augenblick“ folgende Passage:

„Die weltliche Klugheit starrt und starrt auf Begebenheiten und Umstände, rechnet und rechnet, in der Meinung, sie könne den Augenblick aus den Umständen herausdestillieren, könne dann selber eine Macht werden mit Hilfe des Augenblicks, diesem Durchbruch des Ewigen, könne sich verjüngen, wessen sie höchlichst bedarf, mit Hilfe des Neuen.“ (Kierkegaard, Sören 1985: Der Augenblick. Aufsätze und Schriften des letzten Streits, Gütersloh, 326)

Kierkegaard war sich der machtvollen Ausstrahlung des Augenblicks bewußt. Der theologische Gedanke einer Neuschöpfung, der im Augenblick implizit vorhanden ist, muß für die ‚weltliche Klugheit’, in unserem Zusammenhang: die Politik sehr verführerisch sein. Deshalb versucht man sich die Ausstrahlung des Augenblicks anzueignen. Die Politik ist versucht, den „Durchbruch des Ewigen“ vor den eigenen Wagen zu spannen, um mit dieser alle Widerstände in Grund und Boden fahren zu können. Das, was nach Platon „außer aller Zeit“ ist, der Augenblick, er wird in die Zeit gezwungen, um mit ihm eine zeitliche Herrschaft zu begründen.

Diese Inanspruchnahme der Macht des Augenblicks war in dem Zeitalter politischer Ideologien besonders markant. Nicht umsonst war eine bestimmte Gruppe von deutschen Intellektuellen in den 1920er und 1930er Jahren von diesem Augenblick und seiner alles entscheidenden Macht wie verhext. Man sehnte sich regelrecht nach einem Menschen, der in den Wirren der Zeit für Klarheit sorgen konnte; der entscheiden konnte. Dieser Mensch kam 1933 dann auch an die Macht. Die Macht des Augenblicks wurde vollkommen der „weltlichen Klugheit“ unterworfen. Mit verheerenden Konsequenzen.

Der ästhetische Augenblick im Tanz ist nicht jedermanns Sache, wenn man sich als Normalsterblicher den erhebenden Träumereien des klassischen Balletts auch nicht ganz verweigern möchte. Der Augenblick der Wandlung in der Liturgie ist weit jenseits menschlicher Reichweite. Er läßt sich nicht einfangen. Der Augenblick der Entscheidung in der Politik ist ein zweischneidiges Schwert, das nur mit äußerster Vorsicht, wenn überhaupt geführt werden darf. Am besten legt man es ganz beiseite, da es sonst für Unheil sorgt.

 

Dieser Text basiert auf einem Vortrag im Kunsthaus Hamburg aus dem Jahr 2005. Weitere Gedanken zum „Augenblick“ finden sich in dem Buch „Der Augenblick der Entscheidung. Zur Geschichte eines politischen Begriffs“ aus dem Jahr 2008.

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Charles Mathewes und die Liturgie der Bürger

Bürgerinnen und Bürger, deren Handeln im öffentlichen Raum als Liturgie bezeichnet wird?

Dieser Gedanke liegt gar nicht so fern, wenn man sich daran erinnern läßt, daß Liturgie im Griechischen ursprünglich den Dienst meint. In der dritten Auflage des Lexikons „Die Religion in Geschichte und Gegenwart“ (1960) liest man zu dem Stichwort: „In seinem ältesten Gebrauch bezeichnet Leiturgia im Griechischen ein verantwortliches öffentliches Amt, eine Pflicht oder einen Dienst (…).“

Heute hat der Begriff der Liturgie eine enger umrissene Semantik und bezeichnet vor allem die Praxis des Gottesdienstes oder mitunter auch diesen Gottesdienst selbst. Mit der umfassenderen griechischen Bedeutung im Hinterkopf wundert es aber nicht, daß der amerikanische Theologe Charles Mathewes in seinem Buch „A Theology of Public Life“ (Cambridge 2007) wiederholt von einer Liturgie der Bürgerinnen und Bürger spricht.

Charles Mathewes schreibt: „Citizenship is usefully understood as a liturgy“ (26). Erklärend fügt der anglikanisch-episkopale Theologe von der Universität von Virginia hinzu: Politisches Handeln von Bürgern ist Liturgie „not only as a communal activity (…), but also because, by engaging in apparently political activity, we are participating in properly theological activities as well“ (ebd.).

Politisches Handeln ist liturgisches, d.h. theologisches Handeln. Für viele Leserinnen und Leser wird dies eine zumindest ungewohnte Sicht sein, neigt man doch gewöhnlich dazu, die zwei Handlungssphären Politik und Kirche/Theologie voneinander fern zu halten. Zu sehr fürchtet man, daß entweder die Theologie die Politik erdrücke oder die Politik die Theologie verbiege.

Mathewes kennt diese Furcht und geht in seinem Buch an verschiedenen Stellen darauf ein. Sein Ansinnen ist es jedoch, wie der Titel seines Buchs impliziert, das bürgerliche Engagement im öffentlichen Raum theologisch aufzuwerten. Politisches Handeln hat eben nicht nur einen Wert an sich, sondern beinhaltet einen Überschuß an Sinn, den man nicht aus den Augen verlieren sollte. Politisches Handeln kann von dem Bürger, dem eine solche Motivation wichtig ist, auch als ein geistliches Tun verstanden werden. Und solch ein geistliches Tun im öffentlichen Raum bezeichnet Mathewes als eine Liturgie der Bürgerinnen und Bürger.

Zum besseren Verständnis sei noch einmal aus Mathewes Buch zitiert: „I think here of such activities as working in soup kitchens, setting up alliances with other churches and religious groups, possibly demonstrating for political causes. All of this becomes intelligible as a „liturgy“ of the church“ (103). Liturgie geschieht also nicht nur im Innern der Kirche, an dem Ort, an dem sie das Gedächtnis ihres geistlichen Wesens feiert. Liturgie geschieht auch dort, wo die Kirche nach außen tritt; wo ihre Mitglieder als Bürgerinnen und Bürger die Gesellschaft im Sinne der christlichen Botschaft zu formen beginnen.  

Mathewes Ansatz will eine Theologie des „öffentlichen Lebens“ sein und nicht strenggenommen eine Theologie des „politischen Lebens“. Dennoch überrascht es, daß er den politischen Akt, der noch am meisten einer Liturgie bzw. eines Ritus gleicht nicht in den Blick nimmt: die Wahl. Vielleicht schreckt Mathewes letztlich doch davor zurück, an diesen urpolitischen aller Akte sein theologisches Begriffsinstrumentarium anzulegen.