Samuel Moyn: Christian Human Rights – eine Besprechung.

Samuel Moyn, Christian Human Rights, University of Pennsylvania Press Philadelphia 2015, 248 S., € 25,-

Das Buch des Harvard-Professors für Rechtsgeschichte wartet mit einer interessanten These auf. Moyns These lautet: Die Rede von den Menschenrechten hat als Grundlage eine bestimmte Vorstellung von Menschenwürde. Diese Vorstellung entstammt einem christlich-konservativen Denken, das sich in den 1930er und 1940er Jahren mehr und mehr verdichtete; zu eben jener Rede von den universalen Menschenrechten. Somit ist die Idee der universalen Menschenrechte, wie sie in sich in entscheidenden Texten des Völkerrechts findet, ein ausgesprochenes konservatives Projekt, sozusagen eine Rolle rückwärts nach dem Debakel von Nationalsozialismus und Stalinismus.

(…)

Die ganze Besprechung ist zu finden in: Wort und Antwort. Dominikanische Zeitschrift für Glauben und Gesellschaft, 57 Jg. Nr. 3, 2016

oder unter

https://www.academia.edu/27736539/Review_of_Moyn_Samuel_Christian_Human_Rights

 

 

siehe auch:

Universale Menschenrechte – eine Erfindung des konservativen Denkens?

 

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Universale Menschenrechte – eine Erfindung des konservativen Denkens?

In einem Artikel auf der Seite „Immanent Frame“ des US-amerikanischen „Social Science Research Council“ stellte Samuel Moyn, Professor für Recht und Geschichte in Harvard, unlängst eine interessant These vor. Diese lautet wie folgt:

Die Idee der universalen Menschenrechte, wie sie heute in großen Teilen der Welt geteilt wird, ist nicht aus einem klassischen liberalen Gedankengut heraus entstanden, sondern entstammt vielmehr einem konservativen Weltbild. Moyn lokalisiert diese „Geburt“ der universalen Menschenrecht in der zweiten Hälfte der 1930er bzw. in der ersten Hälfte der 1940er Jahre. Moyn zitiert aus der Weihnachtsansprache von Papst Pius XII Teile aus der folgenden – hier auf Deutsch wiedergegebenen – Passage:

„Wer will, dass der Stern des Friedens über dem menschlichen Zusammenleben aufgehe und leuchte, der helfe zu seinem Teil mit an der Wiedereinsetzung der menschlichen Persönlichkeit in die ihr durch Gottes Schöpferwillen von Anbeginn verliehene Würde; der wehre dem maßlosen Zusammentreiben der Menschheit zu einer seelenlosen Masse; wehre ihrer wirtschaftlichen, sozialen, politischen, geistigen und sittlichen Haltlosigkeit, ihrem Untermaß an festen Grundsätzen und starken Überzeugungen, ihrem Übermaß an trieb- und sinnenharter Erregbarkeit und Unbeständigkeit; der fördere mit allen erlaubten Mitteln auf allen Lebensgebieten solche Gemeinschaftsformen, in denen allseitige Eigenverantwortung der Persönlichkeit in ihren Diesseits- wie Jenseitsaufgaben ermöglicht und gewährleistet ist; der trete ein für die Heilighaltung und praktische Verwirklichung folgender grundlegender Persönlichkeitsrechte: das Recht auf Erhaltung und Entwicklung des körperlichen, geistigen und sittlichen Lebens, ganz besonders auf religiöse Erziehung und Bildung; das Recht zur privaten und öffentlichen Gottesverehrung, einschließlich der religiösen Liebestätigkeit; das grundsätzliche Recht auf Eheschließung und auf Erreichung des Ehezweckes; das Recht auf eheliches und häusliches Gemeinschaftsleben; das Recht zu arbeiten als notwendiges Mittel zur Aufrechterhaltung des Familienlebens; das Recht der freien Wahl des Lebensstandes, also auch des Priester- und Ordensstandes; das Recht zu einer Nutzung an den materiellen Gütern, die sich ihrer sozialen Pflichten und Gebundenheiten bewusst bleibt.“ (Zitiert nach kathpedia; Hervorhebungen BC).

Samuel Moyn stellt in seinem Beitrag fest, dass es in den 1930er bzw. 1940er Jahren der Menschenrechtsdiskurs vor allem ein Diskurs war, der die christlichen Menschenrechte thematisierte. Nicht mit dem heute mitunter vorgebrachten – links/liberalen – Argument, dass die Menschenrechte notwendiger Ausfluss des Evangeliums seien, sondern vielmehr mit einem eher konservativen, sozusagen ordnungstheologischen Argument: Die Würde des Menschen und dessen unveräußerlichen Recht sind teil der von Gott gewollten Schöpfungsordnung. Sie sind Ausfluss eines höheren (Natur-)Rechts. Das heißt aber auch, so Moyn: „To a rather disturbing extent, human rights and especially human dignity had no necessary correlation with liberal democracy. Certainly not in 1942, when Christian figures like the pope were not yet (to the extent they ever became) friends of that regime.“

Als Reaktion auf die menschenfeindliche Exzesse von Nationalsozialismus und Stalinismus war die Idee der unveräußerlichen Menschenrechte folglich ein Ruf nicht zu mehr Freiheit, sondern ein Ruf zu mehr Ordnung, welche die Freiheitsrechte zu garantieren habe. In Moyns Worten: „Christian human rights were part and parcel of a reformulation of conservatism in the name of vision of moral constraint, not human liberation or individual liberation.“

Dies deckt sich mit einer weiteren Beobachtung:

Die rechtliche Aufarbeitung des Nationalsozialismus geschah nicht selten unter einem eben solchen ordungspolitischen Gedanken, der offen war für die Idee des übergesetzlichen Naturrechts. Das gesetzliche Unrecht zwischen 1933 und 1945 wurde im Namen der universalen Menschenrechte mit einem übergesetzlichen Recht konfrontiert. Der Rechtsphilosoph Gustav Radbruch zitiert 1946 in einem Aufsatz („Gesetzliches Unrecht und übergesetzliches Recht“) einen Generalstaatsanwalt aus Sachsen mit den Worten:

„Kein Richter kann sich auf ein Gesetz berufen und die Rechtssprechung danach handhaben, auf ein Gesetz, das nicht nur ungerecht, das verbrecherisch ist. Wir berufen uns auf die Menschenrechte, die über allen geschriebenen Satzungen stehen, auf das unentziehbare, unvordenkliche Recht, das verbrecherischen Befehlen unmenschlicher Tyrannen Geltung versagt.“ (zitiert nach: Gustav Radbruch 1990: Rechtsphilosophie III, bearb. von Winfried Hassemer, Radbruch-Gesamtausgabe Bd. 3, Heidelberg, 87).

Wenn politische, demokratische Verfahren versagen, der gesellschaftliche Diskurs sich von Eigentlichkeitspathos einlullen lässt und positives Recht zum willfährigen Instrument von Tyrannen wird, da lassen sich die Menschenrechte anscheinend nur noch über den Rückgriff auf eine höhere Ordnung absichern.

Menschenrechte mögen also Freiheit für den Einzelnen und für Gruppen bedeuten, sie wurzeln aber nicht in dieser Freiheit. Sie stehen vielmehr auf dem Fundament einer gerechten, nicht kontingenten Ordnung, die menschlicher Willkür entrückt ist. Diese Ordnung überdauert demokratische wie tyrannische Zeiten, ist also „konservativ“. Auf der Grundlage dieser Ordnung lassen sich Urteile fällen im Namen der universalen Menschenrechte.

 

 

Heute vor 180 Jahren: John Keble und der Beginn der Oxford Movement

John Kebles Oxforder Predigt vom 14. Juli 1833 war der Beginn der sog. Oxford Movement. Diese Bewegung ließ die hochkirchliche bzw. katholische Tradition der anglikanischen Kirche in England und später auch darüber hinaus erstarken. Dies brachte es mit sich, daß die Liturgie und die Sakramente einen höheren Stellwert im Leben der Kirche und der einzelnen Gläubigen erhielten. Ab dieser Zeit entstanden auch erste geistliche Gemeinschaften und Orden innerhalb der anglikanischen Kirche. Hinzu kam eine verstärkt am bischöflichen Hirtenamt orientierte Ekklesiologie bzw. Kirchentheorie. Einige Protagonisten der Movement war all dies nicht genug und sie entschieden sich letztlich zum Übertritt zur römisch-katholischen Kirche. Berühmt ist vor allem das Beispiel des 2010 seliggesprochenen John Henry Newman, der 1845 konvertierte.

Die Oxford Bewegung war aber keineswegs eine rein innerkirchliche Angelegenheit. Sie war vielmehr auch eine dezidiert konservative Anstrengung gegen einen vermeintlich entgleisenden Liberalismus im England der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Dabei formulierten die Ideengeber der Bewegung ihre politischen Anliegen keineswegs nur als Nebenprodukt eines geistlichen Anliegens aus. Die Motivation, welche ursprünglich zur Entstehung der Oxford Movement führte, war im Kern eine politische. Dies wird an der Predigt sehr deutlich, die John Keble, einer der führenden Köpfe der hochkirchlichen Reformbestrebungen, am 14. Juli 1833 in St. Mary’s/Oxford predigte. (Hier geht es zum Text der Predigt.)

In seiner Predigt wirft Keble der englischen Gesellschaft und Politik vor, sie begehe einen kollektiven Abfall vom christlichen Glauben, eben national apostasy. Vor dem Hintergrund einer vom Parlament angestrebten Reform der anglikanischen Church of Ireland, verwahrte Keble sich jeder politischen Einmischung in die innere Verfaßtheit der Kirche, vor allem wenn diese Einmischung liberalisierende Tendenzen hatte. Keble fürchtete sich vor einer Situation, in der unter dem Druck der verschiedenen gesellschaftlichen und kirchlichen Gruppierungen jeder Wahrheitsanspruch verloren ginge. Gemeinsam mit den anderen Vertretern der Bewegung formulierte Keble also ein antipluralistisches Anliegen, was zu seiner Zeit zum selbstverständlichen Repertoire konservativen Denkens gehörte.

Es erinnert doch sehr an heutige Debatten im Vereinigten Königreich, wenn Keble vor 180 Jahren von der Kanzel sprach: „One of the most alarming (elements of the current public discourse, BC), as a symptom, is the growing indifference, in which men indulge themselves, to other men’s religious sentiments. Under the guise of charity and toleration we are come almost to this pass; that no difference, in matters of faith, is to disqualify for our approbation and confidence, whether in public or domestic life.“ All dies führe, so Keble, letztlich zu einer zunehmenden Verfolgung der „wahren Kirche“.

Für Keble und seine Oxforder Freunde hatte England eine christliche, ja, eine anglikanische Nation zu sein. Keble spricht  in „National Apostasy“ von der „Christian nation“, die zu England gehöre, und er sieht das christliche Moment in der politischen Verfaßtheit seines Heimatlandes mehr und mehr schwinden. Er nennt es „a general tendency, as a people, to leave Him out of all their thoughts.“ Die Gottesvergessenheit zeige sich, so Keble, vor allem auch in der Art und Weise wie mit den Bischöfen und deren Rechte auf gesetzlichem Wege umgegangen werde – ein Fingerzeig auf die für die Irland angestrebten Reformen.

Für Keble und seine Mitstreiter ist unumstritten, daß sich in den politischen Ordnungsvorstellungen unsere transzendenten Ordnungsvorstellungen offenbaren bzw. ausdrücken. Politischer Relativismus führt zu religiösem Relativismus und umgekehrt. In diesem Sinne standen die Vertreter der Oxford Bewegung zur einer ausgesprochen konservativen politischen Theologie. Da wundert es nicht, daß zahlreiche hochkirchliche Geistliche der Church of England dieser Jahre die Konversion zur römisch-katholischen Kirche als eine Rettung empfanden; als die Rettung in einen Hafen, der vor den Stürmen der Zeit gefeit war. 

J.H. Newman begrüßte Kebles Predigt dann auch ausdrücklich. In seiner biographischen Rechtfertigungsschrift „Apologia pro Vita sua“ schrieb er über den 14. Juli: „The following Sunday, July 14th, Mr. Keble preached the Assize Sermon in the University Pulpit. It was published under the title of ‚National Apostasy‘. I have ever considered and kept the day, as the start of the religious movement of 1833.“

Zukunft für das konservative Denken?

Sowohl in Großbritannien als auch in Deutschland fragen sich Kommentatoren, welche Zukunft konservatives Denken in der modernen Gesellschaft haben kann. Aktueller Anlaß ist in beiden Fällen die Diskussion hinsichtlich der rechtlichen Gleichstellung homosexueller Menschen und die Schwierigkeiten, die konservative Parteien mit dieser Frage zu haben scheinen.

In einem Meinungsartikel für den britischen „Guardian“ kommt der Kolumnist John Harris zu dem Urteil, daß konservative Menschen in Großbritannien keine eigentliche Heimat mehr haben würden, seitdem die Conservative Party in vielen Belangen den gesellschaftlichen Mainstream vertrete, so auch im Bereich der Lebensstandpolitik (vgl. No mainstream party in England truly understands conservatism, 4. März 2013). Konservative Bürgerinnen und Bürger zeichnen sich für Harris durch einen skeptischen Charakterzug aus. Harris schreibt: „Boilded down, their take on the world amounts to a gentle though occasionally tetchy scepticism.“ Dieser Skeptizismus läßt konservativ eingestellte Menschen gesellschaftspolitischen Neuerungen gegenüber vorsichtig reagieren. Dies geschieht vor allem dann, wenn durch diese Neuerungen das wertekonservative Menschen- und Weltbild dieser Menschen in Frage gestellt wird.

Folgt man Bernd Ulrichs Argumentation in einem Artikel in „Die Zeit“ vom 7. März 2013 (S.9), dann ist auch hierzulande der Skeptizismus ein Merkmal des konservativen Denkens. Wie Harris, so kann auch Ulrich nur wenig Sympathie für konservatives Denken aufbringen. Der „Zeit“-Autor schreibt, daß Konservative in „keiner öffentlichen Debatte mehr wirklich standhalten“ könnten. Ulrich ist überzeugt: „Spätestens beim zweiten Gegenargument fallen sie auseinander.“

Für Ulrich zeichnen sich Konservative vor allem dadurch aus, daß ihr Denken mit Ressentiments gespickt ist. Er rät den Konservativen, ihre Werte und Einstellungen auf eine möglichst hohe Abstraktionsebene zu transponieren, um so wenig Angriffsfläche wie möglich zu bieten: statt einem Plädoyer für Ehe und Familie die Parteinahme für Bindung als solcher (David Camerons Option); statt der klaren Aussage für den christlichen Glauben (im Falle der CDU) eine Wendung hin zu einer „höheren Macht“, wie es Ulrich formuliert.

Daß sich konservatives Denken oft an einer mehr oder minder expliziten Ordnungsvorstellung orientiert, ist weder bei Harris noch bei Ulrich zu lesen. Ordnung bedeutet in diesem Zusammenhang nicht unbedingt die Stilllegung gesellschaftlicher bzw. ideengeschichtlicher Entwicklungen, obwohl diese fundamentalistische Versteifung dem konservativen Denken nicht gänzlich fremd ist. Der Rekurs auf Ordnung bezeichnet aber die Vorstellung, einer aller Politik vorgängigen objektiven Seinswirklichkeit.

Vor dem Hintergrund einer solchen Ordnungsvorstellung – zu nennen wäre hier zum Beispiel der etwas angestaubte Naturrechtsgedanke – ist es durchaus nachzuvollziehen, daß konservative Bürgerinnen und Bürger bei ausgewählten gesellschaftlichen Diskussionen einen gewissen Skeptizismus walten lassen. Solche Konservative fürchten nicht unbedingt, dass die Gesellschaft wegen der einen oder anderen politischen Entscheidung auseinanderfällt, wie es Ulrich vermutet. Sie lassen es sich aber nicht nehmen, das aktuelle politische Handeln mit kritischer Reflexion zu begleiten und mit ihrer jeweiligen Ordnungsvorstellung in Bezug zu setzen.

Sollten konservative Menschen die erwähnte fundamentalistische Versteifung vermeiden können, tun sie der Gesellschaft durchaus einen Dienst: Sie reflektieren, wo andere schon zu Ende gedacht haben. Sie gleichen die Macht der faktischen Weltordnung mit der Vision einer anderen, vorgängigen Ordnung ab.

Freilich müssen Konservative je auch ihre eigene Ordnungsvorstellung auf den Prüfstand stellen. Sie müssen sich fragen lassen, ob diese Ordnung mehr ist, als die Verlängerung von Gewohnheiten und Brauchtum, von Eigeninteressen und Furchtsamkeit. Wo das kritische Nachdenken über gesellschaftliche Fragen und die Selbstreflexion zusammenkommen, da hat konservatives Denken durchaus noch eine Überlebenschance. Und da ist es egal, welches Thema gerade die gesellschaftspolitische Debatte bestimmt.