Über Resonanz und Horizontverschmelzung oder: Was Hartmut Rosa und Hans-Georg Gadamer gemeinsam haben.

Zufällig lese ich Hartmut Rosas Essay „Unverfügbarkeit“ aus dem Jahr 2008 unmittelbar im Anschluss an Hans-Georg Gadamers Buch „Wahrheit und Methode“ aus dem Jahr 1960. Dieser Zufall ermöglicht mir sozusagen eine der unverfügbaren Resonanzerfahrungen, von denen Rosa in seinem Essay schreibt.

Beim zufälligen Nacheinander-Lesen der beiden ungleichen Bücher fällt mir folgendes auf:

Die Erfahrung von Resonanz, von welcher Hartmut Rosa schreibt, ist der Erfahrung von Horizontverschmelzung, die Hans-Georg Gadamer thematisiert, nicht unähnlich. Man könnte sagen, dass Resonanz und Horizontverschmelzung begriffliche Geschwister an unterschiedlichen diskursiven Orten sind.

Hans-Georg Gadamer interessiert sich in „Wahrheit und Methode“ für die Grundlinien unseres Verstehens von Texten, Worten, Kunstwerken oder allgemein: Erfahrungen. Das meint der Untertitel seines Werkes: „Grundzüge einer philosophischen Hermeutik“. In diesem hermeneutischen Kontext nutzt Gadamer die Metapher von der Horizontverschmelzung und meint damit folgendes:

Die Erfahrungen, welche wir mit den uns umgebenden Personen, Dingen, Phänomenen unserer (Um-)Welt machen resultieren bei genauer Betrachtung in der Erkenntnis, dass sich die saubere Unterscheidung in Subjekt und Objekt, ich und Welt so nicht halten lässt. In vielfacher Weise sind diese vermuteten Pole aufeinander bezogen und miteinander verflochten. Auch erleben wir unser Leben und die Geschichte als solche, die sich uns in der Überlieferung zeigt, nicht als viele einzelne, in sich abgeschlossene Ereignispunkte, sondern als ein Kontinuum von ineinander fließenden Erfahrungshorizonten. Gadamer schreibt in „Wahrheit & Methode“ (hier zitiert nach der 6. Auflage, Tübingen, 1990):

Jedes Erlebnis hat implizierte Horizonte des Vorher und Nachher und verschmilzt zuletzt mit dem Kontinuum der im Vorher und Nachher präsenten Erlebnisse zur Einheit des Erlebnisstroms. (249)

Der Verständnishorizont, in welchem ich mich als Verstehender bewege, ist also niemals fix und fertig. Dieser Horizont, als „der Gesichtskreis, der all das umfaßt und umschließt, was von einem Punkt aus sichtbar ist“ (307), bewegt sich mit mir mit. Der Horizont endet nie, ist nicht vollendbar und damit auch in Rosas Sinne unverfügbar. Wenn ich ein historisches Ereignis oder einen Text verstehen möchte, muss ich mich, so Gadamer, mitsamt meinen Vorverständnissen und Vorurteilen in den Horizont dieses Ereignisses oder Textes hineinversetzen lassen. Mein Horizont und der Horizont dessen, das oder den ich verstehen möchte, müssen miteinander überlappen bzw. verschmelzen. Nur so kann ich verstehen bzw. zu verstehen beginnen. Verstehen, was der Text oder das Ereignis mir sagen möchte.

Solch eine Horizontverschmelzung kann einem, so Gadamer, die „ganze Würde der hermeneutischen Erfahrung“ (492) vermitteln, welche darin besteht, „daß hier nicht unter Bekanntes eingeordnet wird, sondern daß, was in der Überlieferung begegnet, uns etwas sagt“ (ebd.). Und weiter. Verstehen ist eine „echte Erfahrung, d.h. Begegnung mit etwas, das sich als Wahrheit geltend macht“ (493). Die Begegnungen und Erfahrungen, die mir zustoßen, haben also eine Bedeutung, vermitteln einen Sinn und öffnen sich in meine Richtung mit einer Aussage; der Inhalt dieser Aussage bleibt oft genug diffus oder äußert sich als ein intrinsisch geborener Auftrag. Die Aussage tritt also nicht einfach von außen an mich heran, sondern wird vielmehr durch meine Offenheit von mir, dem Verstehenden, mit konstituiert. Erst so macht der Inhalt der Aussage Sinn für mich.

Und hier setzt Hartmut Rosa mit seinen Begriffen „Resonanz“ und „Unverfügbarkeit“ an. Beide Begriffe beziehen sich auf „meine“ Beziehung mit der Welt. Der Soziologe Hartmut Rosa interessiert dabei besonders dafür, wie diese Beziehung zwischen ich und Welt sich in der modernen Gesellschaft Stück für Stück verschoben hat. Nicht normativ gemeint, daber durchaus mit einem kulturpessimistischen Unterton schreibt Rosa in „Unverfügbarkeit“ (5. Auflage, Salzburg: 2019):

Nach meiner Lesart besteht die Kulturleistung der Moderne gerade darin, dass sie die menschliche Fähigkeit, Welt auf Distanz und in manipulative Reichweite zu bringen, nahezu perfektioniert zu haben. (37)

Dieser instrumentelle Weltbezug, welcher in Rosas Lesart bei dem idealtypisch umschriebenen modernen Menschen überwiegt, macht es eben diesem Menschen schwer(er), Resonanzerfahrungen zu machen. Erfahrungen von Resonanz beinhalten dabei eine Art von Zwiesprache zwischen mir und der Welt. Resonanz bedeutet: Eine Begegnung, ein Gespräch, ein Gegenstand, ein Bild: allgemein gesprochen: eine Welterfahrung spricht mich auf unvorhergesehene Weise an, berührt mich, entlockt mir eine Antwort und verändert mich (38ff.). Ich beginne zu hören auf Welt und beginne ihr zu antworten (40). Subjekt und Objekt beginnen miteinander zu kommunizieren; sie offenbaren ihr Wesen – Rosa würde diese essentialistische Kategorie nicht nutzen, Gadamer schon eher – ihr Wesen als resonante, kommunizierende Röhren. Nur vermeindlich sind Subjekt und Objekt/Welt unterscheidbar. ‚Je schon‘ stehen sie miteinander im Dialog.

Man kann die Bedingungen der Möglichkeit solcher resonanter Erfahrungen so beieinflussen, dass Resonanz wahrscheinlicher wird bzw. nicht von vorne herein verhindert wird. Letztlich bleiben solche Erfahrungen aber überraschend, unverfügbar. Sie stellen sich ein oder auch nicht. Unsere Versuche, diese Erfahrungen uns verfügbar zu machen – Rosa führt diverse Beispiele an – weist uns letztlich als die ohnmächtige Menschen aus, die wir trotz moderner Allmachtsphantasien geblieben sind. Resonanz entgegen bedarf der Unverfügbarkeit. In anderen Worten: Glück lässt sich nicht planen. Es stellt sich ein.

Resonanz ist also, wie die Horizontverschmelzung, eine Metapher für eine Erfahrung, in welcher sich die vermutete Kluft zwischen Subjekt und Welt schließt und die beiden Pole miteinander auf sinnvolle Weise miteinander zu kommunizieren beginnen. Beide Metaphern teilen auch eine gewisse Unschärfe miteinander (sonst wären sie ja auch keine Metaphern …). So schreibt Rosa von der  Resonanzerfahrung: „Wann immer wir mit der Welt in Resonanz treten, bleiben wir nicht diesselben. Resonanzerfahrungen verwandeln uns, und eben darin liegt die Erfahrung von Lebendigkeit“ (41). Ähnliche Formulierungen lassen sich bei Gadamer mit Bezug auf das Verstehen und das Verständnis finden. Man merkt, dass beide eine fundamentale Erfahrung ins Wort bringen möchte, die das menschliche Leben wert- und sinnvoll macht, die aber letztlich auch im begrifflichen Sinne unverfügbar bleibt. Rosa schreibt dazu:

Wir sind niemals fertig mit der begegnenden Welt, aber wir begegnen ihr oft und in zunehmenden Maße so, als wären wir es. (…) Das gilt sogar für das Nachdenken über Unverfügbarkeit. Tatsächlich fällt es mir nicht immer leicht zu erklären, wovon dieser Essay handelt. (114)

Was wir von der Wissenschaft, von der Bildung, von der Kirche, der Politik und Verwaltung usw. erwarten, sie mögen doch für Eindeutigkeit und Bestimmtheit, für Vorhersehbarkeit und Planbarkeit sorgen: Das ist die Falle des modernen Denkens, die, so Rosa, zu immer mehr Komplexität und destruktiver Unzugänglichkeit (vgl. 124ff.) führt. Es lebt nur, wer beim Verstehen der Welt und beim Kommunizieren mit der Welt offen ist für die Überraschung, die neue Erfahrung, die Unbestimmtheit, welche die Macht hat, das Leben zu verändern.

Über die Konkretion im Augenblick

Wir denken gerne in großen Linien, in den vollumfänglichen Systemen, den ganzheitlichen Lehren und den überspannenden (und manchmal auch: überspannten) Theorien. Wir schätzen das Allgemeine und blicken auf das Konkrete oft nur in seiner exemplarischen Bedeutung. Gerade eben habe ich mein Kind darüber belehrt, dass zum Verstehen eines Textes in einem Schulbuch die allgemeine Aussage das wichtigste ist und das Beispiel erst dannach zu nennen sei.

Was nun H.G. Gadamer über die „Konkretion im Augenblick“ schreibt (in: Wahrheit und Methode, 328) lehrt mich, den Augenblick, das Konkrete, die Situation höher zu schätzen als es meine Belehrung dem Kinde es vermitteln wollte. Beides gehört nämlich zusammen: das Allgemeine und das Spezifische, die Kontinuität und der Augenblick.  Eine Einseitigkeit hin zu dem einen oder anderen ist eben das: einseitig.

Gadamer formuliert sein „Konkretion im Augenblick“ in Bezug auf das ethische Handeln, das sich, so Gadamer im Anschluss an Aristoteles, gerade in einer konkreten Situation – dem Augenblick – verwirkliche. Es verwirklicht sich im Handeln nicht eine allgemeine ethische Idee, sondern das Handeln im Augenblick generiert seinen eigenen ethischen Sinn. Damit wird man nicht gleich zum Situationisten, sondern lediglich zu einem Menschen, der weiß, dass jegliches Allgemeine in Recht, Politik, Spiritualität usw. stets nur auf die Realität Einfluss nehmen kann im Modus der Konkretion.

Das andere Extrem, die Dezisionisten, sind dann jene, welche im Augenblick der Entscheidung den alleinigen Ausdruck situativ ausgelebter und gültiger Wahrheit sehen. Gadamer schlägt sich auf deren Seite aber nicht. Er hält die hermeneutische Waage zwischen dem Verstehen „von oben“ her auf der einen Seite und einem Verstehen „von unten“ her auf der anderen Seite. Wo oben und unten zusammenkommen wird für ihn dann die „fordernde Situation des Augenblicks“ (ebd. 327) geboren. Hier wird, man mag folgern, Wort zu Fleisch.

Und dann sind da noch die Augenblicke, die einen bisher unerkannten Aspekt von Wirklichkeit auch ganz ohne Theorie und allgemeines (Vor-) Wissen enthüllen. Aus sich heraus und unvermittelt spricht die Situation Wahres aus, und ich erfahre im konkreten Augenblick: In den besten Fällen offenbaren sich Wahrheit und Wirklichkeit als ein und dasselbe. Hier und jetzt, an diesem Ort sind sie da. Der Augenblick wird so konkret: wirklicher und wahrer geht es nicht.

Die Lampe meiner Tante, oder: Die Verschmelzung von Anwesenheit und Abwesenheit

Bei uns zuhause steht auf einem kleinen Beistelltischchen eine Lampe. Schwarzer, schmaler Fuß. Einen ovalen Schirm in beiger Farbe. Sie sieht sehr minimalistisch aus. Ist leicht, kann überall, hingetragen werden. Auf jeden Fall leuchtet sie eine beliebige Ecke immer schön gemütlich aus.

Die Lampe stammt von meiner Tante. Fast.

Die Geschichte geht nämlich so: Meine Tante schenkte mir vor einigen Jahren eine Lampe. Diese Lampe hatte einen tönernen Fuß, der von einem Töpfer aus Frankreich stammte. Der Fuß war dunkelbraun, innen hohl, aber trotzdem von einem gewissen Gewicht. Abgesehen von der Elektrik bestand die Lampe noch aus einem hellen, bräunlichen Schirm mit einem zarten, gemalten Muster. War es eine Landschaft? Oder eine abstrakte Anmutung von irgendwas? Keine Ahnung. Die Lampe war auf jeden Fall schön, von haptischer Qualität, machte ein warmes Licht.

Dann riss bei einem Umzug der Schirm. Er war nicht zu reparieren. Nach einer längeren Zeit, während der die Lampe im Abstellraum stand, war sie arbeitslos. Irgendwann trug ich die Lampe dann zu einem Schirmmacher – das gibt es noch! – und kam mit einem neuen, eben diesem ovalen Schirm in beiger Farbe zurück.

Irgendwann fiel die Lampe dann von dem Beistelltischchen runter; der tönerne Fuß aus Frankreich brach entzwei. Der neue Schirm blieb aber heil. Ich habe nicht schlecht geflucht, schließlich aber die Sache versucht konstruktiv zu wenden. In einem großen Möbelhaus schwedischer Herkunft besorgte ich kostengünstig einen neuen Fuß, eben diesen schwarzen, schmalen Fuß.

So steht zuhause nun diese Lampe, die fast von meiner Tante ist. Ohne das Geschenk meiner Tante stünde auf dem Beistelltisch keine Lampe, diese Lampe. Diese Lampe ist physisch aber nicht mit der Lampe identisch, die frühe bei meiner Tante in der Wohnung stand. Der Idee, der Erinnerung, dem Gedanken nach handelt es sich aber um ein und dieselbe Lampe.

Die Lampe meiner Tante ist also abwesend anwesend. In der Geschichtswissenschaft spricht man in so einem Fall von Diskontinuität. Zwischen dem, was früher war und dem, was heute ist besteht ein enger Zusammenhang. In diesem Zusammenhang gibt es aber einen kleinen oder größeren Riss, der dafür sorgt, dass wir vom Früher ins Heute nicht einfach durchrutschen können. Gleichwohl verschmelzen die Horizonte von Vergangenheit und Gegenwart, wie sich Hans-Georg Gadamer wohl ausdrücken würde.

In der Bibel gibt es ein ähnliches Motiv. Mose möchte Gott sehen. „Lass mich doch deine Herrlichkeit sehen.“ (Ex. 33, 18). Doch Gott lässt sich nicht ins Gesicht sehen. Gott sagt zu Mose: „Siehe, da ist ein Ort bei mir, stell dich da auf den Felsen! Wenn meine Herrlichkeit vorüberzieht, stelle ich dich in den Felsspalt und halte meine Hand über dich, bis ich vorüber bin. Dann ziehe ich meine Hand zurück und du wirst meinen Rücken sehen. Mein Angesicht kann niemand schauen“ (Ex. 33, 21ff.).

Auch hier: Gott ist anwesend, aber nur abwesend ist er anwesend. Gott ist da, aber nicht zum Festhalten da. Abstrakt formuliert: Gott ist nicht als der Gott da, den wir uns ausformulieren. Gott ist nicht identisch mit dem Gott, von dem wir mehr schlecht als recht reden. Gott ist da, aber anders. Zwischen Gott und „Gott“ besteht so etwas wie ein Riss.

Wie bei der Lampe. Immer, wenn ich die Lampe anschaue, denke ich an meine Tante. Auch wenn meine Tante mir nicht diese Lampe zum Geschenk machte. Diese Lampe steht aber für das Geschenk, das mir vor vielen Jahren gemacht wurde. Sie steht physisch an diesem Platz, als ständiger Platzhalter. Sie steht auch gedanklich an diesem Platz.

Ich erzählte meiner Tante vor nicht allzu langer Zeit von dem doppelten Verlust und der doppelten Auferstehung ihres Geschenks. Meine Tante und ich haben hier also eine geteilte Erinnerung an etwas, was nicht mehr so ist, wie es einmal war, aber weiterhin warmes Licht verbreitet. Abwesend anwesend leuchtet die Lampe auch jetzt in der dunklen Jahreszeit.

Über die „Entstehung des geschichtlichen Bewusstseins“ im 19. Jahrhundert – eine Notiz zu Hans-Georg Gadamer

Im europäischen 18. und 19. Jahrhundert hat sich ideengeschichtlich betrachtet viel getan: über die Säkularisierung des Denkens bzw. die Verschiebung der Sinngehalte weg vom originären Religiösen hin zu anderen Bereichen wurde schon viel geschrieben; die Ausdifferenzierung der Wissenssysteme bis hin zur Institutionalisierung verschiedener Wissensbereiche an Bildungseinrichtungen wie Schule und Hochschule ist wohl bekannt; die Um- und Ausprägung zahlreicher Grundbegriffe der sozialen und politischen Sprache hat Reinhart Koselleck dazu gebracht hat, von der Zeit als einer „Sattelzeit“ zu sprechen.

Mit diesen Veränderungen, besonders mit der Letztgenannten, ist eng verbunden, was Hans-Georg Gadamer in seinem Buch Wahrheit und Methode (Tübingen 1960/1990) als die „Entstehung des geschichtlichen Bewusstseins“ umschreibt.

Was meint Gadamer mit der „Entstehung des geschichtlichen Bewusstseins“?

Die Entstehung des geschichtlichen Bewusstsein muss – im Kontext von Wahrheit und Methode eigentlich selbstverständlich – als die Verwirklichung eines spezifischen Zugangs zum Verstehen von historisch gewachsener Welt und Wirklichkeit verstanden werden. Es handelt sich also um einen hermeneutischen Deutungsversuch. Die Dinge der Vergangenheit – Gadamer spricht von Überlieferung, Kunst und „anderen geistigen Schöpfungen der Vergangenheit, Recht, Religion, Philosophie usw.“ (170) – erzählen bzw. offenbaren ihr Wesen nicht in unmittelbarer Weise, sondern ihr Wesen, ihren Sinn gilt es für den Betrachter erst zu erschließen.

Bei der Betrachtung muss man sich gewahr werden, dass diese Dinge eben einer Vergangenheit, der Geschichte, angehören und uns mitunter befremdlich anmuten. Aus diesem entfremdeten, distanzierten, aber durchaus nach Sinn strebenden Blick zurück in die Vergangenheit heraus entsteht das Bewusstsein, dass es so etwas wie Geschichte gibt. Die betrachteten Dinge und Phänomene sind nicht einfach Vergangenheit, sie sind mit Bedeutung aufgeladene Geschichte. Koselleck würde hinzufügen: Aus den vielen Geschichten der Vergangenheit wird so der Kollektivsingular der einen Geschichte.

Die Entstehung des historischen Bewusstsein entspringt, so schreibt Gadamer, aus der „Entwicklung der hermeneutischen Methode in der Neuzeit“ (177). Seine Referenzpersonen an dieser Stelle sind Schleiermacher und Hegel. Man könnte es aber durchaus auch anders herum formulieren: Die Entstehung des historischen Bewusstseins auf der einen Seite und die schrittweise Verfeinerung des Weltverstehens aus Texten, Quellen und Zeugnissen heraus auf der anderen Seite bedingen sich wechselseitig.

Mit Bezug auf Friedrich Schleiermacher sagt Gadamer aus, dass die dogmatischen Interessen den historischen Interessen weichen (200f.). Die Geschichte beginnt sich selbst auszulegen und folgt in ihrer Auslegung keinem vorab festgelegten Muster mehr. Man könnte freilich mit Bezug auf John Henry Newman auch aufzeigen, dass die dogmatischen Interessen mittels des geschichtlichen Bewusstsein dynamisiert wurden. Das Dogma wird selbst geschichtlich vermittelte Wahrheit und Sinnversprechen. Dazu schreibt Gadamer:

„Die Wendung zum historischen Bewußtsein ist dann nicht ihre (der Hermeneutik, BC) Befreiung von den Fesseln des Dogmas, sondern ein Wandel ihres Wesens“ (181).

 

 

Der Begriff der Situation und die Ideengeschichte

Der Begriff der Situation leidet daran, dass er auch in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung kaum über eine Art „sanctified common sense“ hinauskommt. Situation meint einfach das, was jeder so oder so schon darunter versteht, ohne dass man sich noch weiter darüber verständigen müsste. Letztlich meint der Begriff der Situation (nur) unsere Verortung in einem gegenwärtigen Netz von Interaktionen und Reflexionen, Erfahrungen und Erwartungen.  Dies mag man existentialistisch vertiefen, psychologisch ausbuchstabieren, soziologisch ausarbeiten. Wer sich hier tiefer einlesen möchte, sei auf den guten Übersichtsartikel im Historischen Wörterbuch der Philosophie verwiesen (HWPh Bd. 9, 924-937).

Bei aller Banalität hat der Begriff der Situation aber einige Reize, wobei mich hier vor allem die Vorzüge hermeneutischer Art interessieren. Der Ahnherr der zeitgenössischen Hermeneutik, Hans-Georg Gadamer, sprach in Wahrheit und Methode sogar von einer sogenannten „hermeneutischen Situation“. Angelehnt an das existentialistisch von Karl Jasper Vorgedachte schreibt Gadamer: „Man steht in ihr (der Situation, BC), findet sich immer schon in einer Situation vor, deren Erhellung die nie ganz zu vollendende Aufgabe ist.“ (Gadamer 1990: Wahrheit und Methode, 6. Auflage, Tübingen, 307). Und dezidiert von der hermeneutischen Situation schreibt Gadamer: Das sei „die Situation, in der wir uns gegenüber der Überlieferung befinden, die wir zu verstehen haben“ (ebd.). Gegenwartsbezogen ist die hermeneutische Situation also; bezogen auf das Zuvorgesagte ist sie; und letztlich ihrem Verständnis nach nicht vollständig zu durchschreiten.

Situationen sind zudem keine singulären Momenterscheinungen, sondern sie sind je schon eingebettet: in ein normatives, rhetorisches, sozialgeschichtliches, ideelles Umfeld. Dazu werden Situationen von jedem Betrachter stets und unwiderruflich durch eine bestimmte hermeneutische Brille gelesen. Der Blick in die Vergangenheit, der Weg des Verstehens, ist nie ohne solch eine Brille zu haben. Eine erste Frage, die sich im Umgang mit dem Begriff der Situation also stets stellt, ist die Bedeutung, die man dem weiteren Umfeld der Situation zuschreibt im Gegensatz zum eigentlichen, disruptiven situativen Augenblick. Und eine zweite Frage stellt sich bezüglich des eigenen Blicks auf diese Situation, der erwähnten Brille: Kann ich sinnvolle, beständige Aussagen treffen über einen historischen Augenblick, eine früher formulierte Idee, einen einst aufgekommenen Begriff? Oder muss ich mich damit abfinden, dass zwischen mir und der Geschichte ein unüberwindbarer Graben klafft?

In der Ideen- und Begriffsgeschichte kommt, drittens, immer einmal wieder die Frage auf, welche Bedeutung der kontinuierlichen, langfristigen Entwicklung von Begriffen oder Ideen zukommt und wie dagegen die diskontinuierlichen, eher kurzfristigen Veränderungen im Begriffsapparat und Ideenhaushalt einer Gesellschaft zu verstehen sind. So wurde in der Vergangenheit Reinhart Koselleck mit der Langfristbewegung der Begriffe in Verbindung gebracht und Quentin Skinner mit den kurzfristigen Veränderungen. Exemplarisch nachlesen lässt sich dies unter anderem bei Kari Palonen (2003: Die Entzauberung der Begriffe, Münster).

Die beschriebenen Polaritäten – Situation vs. Kontext bzw. Zugänglichkeit der Geschichte vs. trennender Graben bzw. Kurzfristigkeit vs. Langfristigkeit  – kommen dabei nur einem heutigen Bedürfnis nach Klarheit und Parteinahme entgegen. Die Zuspitzung hilft dem heutigen forschenden Subjekt, sich seiner eigenen Position im Gewebe der vielen möglichen Positionen zu versichern. Die Lösung liegt nicht in einem entweder-oder, aber auch nicht in einem zufälligen sowohl-als-auch, sondern in der gründlich hermeneutisch durchdachten, historisch fundierten, anspruchsvollen Begründung der eigenen Position.

Aber auch das ist wieder eine banale Feststellung. Diese Feststellung hat aber gar nicht so banale Folgen. Fordere ich nämlich eine ordentliche Begründung für meinen eigenen Blickwinkel auf die jeweilige „ideengeschichtlich Situation“ (Andreas Dorschel 2010: Ideengeschichte, Göttingen, 104) ein, dann sage ich zweierlei: Zum einen zwinge ich die Ideengeschichte auf konkrete, historisch-diskursive Zusammenhänge einzugehen, gründliches Quellenstudium zu betreiben, Ideen- und Sozialgeschichte zusammen zu bringen. Ich schaue mir somit eine konkrete Situation vertieft an und anerkenne sie als einen Ort des Verstehens. Zum zweiten stelle ich aber auch die Forderung auf, dass ich nicht einfach isolierte ideengeschichtliche  Situationen bzw. Stationen betrachte, sondern auch den Sinn für die größeren Zusammenhänge wahre. So versuchte bspw. Reinhart Koselleck in seiner Einleitung zu Geschichtliche Grundbegriffe die Ideologisierung, Politisierung, Säkularisierung und Verzeitlichung als einen solchen größeren Verstehenszusammenhang für die Begriffsgeschichte auszuweisen (vgl. Koselleck, Reinhart 1972: Einleitung, in: Otto Brunner/ Werner Conze/ Reinhart Koselleck (Hrsg.): Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Band 1, Stuttgart, S. XIII-XXVII).

In konkreten Situationen wird Ideengeschichte fortgeschrieben. Im bloßen Stieren auf die Situation schreibt sich aber noch keine Ideengeschichte. Es sind auch Fragen zu klären wie: Warum entwickeln sich Ideen fort? Wie entwickeln sich Ideen fort? Wohin entwickeln sich Ideen? Und welche realen Auswirkungen mag diese Entwicklung haben? Einen weiteren Beitrag zu diesen Fragen hoffe ich in Bälde nachliefern zu können. Denn ich mag den Anspruch nicht aufgeben, „in der Überlieferung für einen selber gültige und verständliche Wahrheit zu finden“ (Gadamer: Wahrheit und Methode, 309).

Nachtrag: Hier geht es zu dem angekündigten weiteren Beitrag.