Am Anfang ist der Anfang – frei nach Hannah Arendt

Alles hat einen Anfang.

Das Leben hat einen Anfang. Die Schule hat einen Anfang. Das Studium hat einen Anfang. Die Liebe hat einen Anfang.

Manche Anfänge sind ganz klar als solche erkennbar. Das Geschrei des Säuglings. Die Schultüte. Der Umzug an den Studienort. Der berühmte erste Blick.

Andere Anfänge sind eher schleichend. Der eigentliche Beginn des Anfangs liegt im Dunkeln. Wann habe ich angefangen, Gedichte zu schreiben? Ich weiß es nicht. Wann habe ich angefangen zu beten? Ich weiß es nicht.

Hannah Arendt schreibt dazu: „Es ‚geschieht nicht Neues unter der Sonne‘, es sei denn, dass Menschen das Neue, das in die Welt kam, als sie geboren wurden, handelnd als einen neuen Anfang in das Spiel der Welt werfen.“ (Vita activa oder Vom tätigen Leben, 4. Auflage, München 2006, 259). Wir handeln also, und es geschieht etwas Neues, ein Anfang entsteht.

Alles, was einen Anfang hat, hat aber auch ein Ende. Auf eine Geburt folgt irgendwann ein Tod.

Das ist manchmal traurig, aber notwendig. Was wäre denn, wenn dauernd nur Gottesdienste anfangen würden, diese aber nie aufhörten?! Was wäre, wenn wir unsere Klausuren immer nur beginnen würden, diese aber kein Ende fänden?! Was wäre, wenn aller Menschen Leben in dieser Zeit unendlich wären?

Natürlich gibt es auch Dinge die aufhören, von denen wir uns wünschen, dass sie immer wieder neu anfangen könnten: die Liebe natürlich; die Freude am Glauben; aber auch die Gerechtigkeit auf der Welt. Es gibt Dinge, die sollten eigentlich nie ein Ende nehmen dürfen, so fühlen wir es.

Irgendwann – da kennen sich die Physiker_innen unter uns aber besser aus – macht auch einmal der Kosmos schlapp. Das können wir uns zwar nicht recht vorstellen, aber das heißt ja gar nichts. Was ist dann mit der Liebe, mit dem Glauben, mit der Gerechtigkeit?

Was anfängt und nie aufhört, davon ist der christliche Glaube überzeugt, ist diese Geschichte des Glaubens selbst, ist dieses sogenannte Evangelium, ist dieser Jesus Christus. Der Glaube glaubt, dass die Geschichte von Jesus Christus, deren Anfang wir in diesen Tagen feiern, nicht schlapp macht. Jesus Christus kommt nicht zum Ende.

„Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes“, heißt es im Markusevangelium gleich zu Beginn.

Die Natalität – so Hannah Arendt – ist das Urbild eines neuschöpfenden Handelns. Es kommt etwas in die Welt, was die Dinge verändert. So geschehen mit Jesus Christus. Und der Glaube glaubt: Diese Geburt hat kein Ende. Dieser Anfang hört nicht auf. Diese neuschaffende Handlung ist der Anfang aller Anfänge. Und das macht mir Hoffnung in diesem besonderen Advent.

Über die Vielfalt in der Welt

Es gibt auf der Welt viele Dinge, viele Menschen, viele Lebewesen, viele Erscheinungen, viele Erfahrungen, viele Ereignisse. Von allem ist genug Vielfalt vorhanden. Es grenzt fast an Banalität, diese Tatsache ins Gedächtnis zu rufen.

Diese Vielfalt ist nicht nur eine Vielfalt in quantitativem Sinne. Sie ist auch eine Vielfalt in qualitativer Hinsicht. Die vielen Dinge, Menschen, Lebewesen, … sind nämlich auch voneinander verschieden. Der eine Stein unterscheidet sich von einem anderen Stein; ein Mulch ist etwas anderes wie eine Giraffe; der eine Mensch hat Schuhgröße 37, bei dem anderen sind es 41. Es gibt Laub- und Nadelbäume. Es gibt als Vieles und dieses Viele ist auch noch Verschieden. Noch so eine Banalität.

Ebenso banal ist die Feststellung, dass diese vielen Verschiedenen untereinander in vielerlei Beziehungsverhältnissen stehen. All die Dinge, Menschen, Lebewesen, … stehen nicht einfach nebeneinander herum in der Welt, sondern sind Teil eines komplexen Gewebes von Relationen. Das eine Tier jagt das andere Tier; der Mensch erntet den Weizen; meine Traurigkeit weckt in einer anderen Person das Mitleid; der Sturm an der Nordsee verändert die Küstenlinie; der Baum, der im Wald fällt, reißt eine Lücke und gibt anderen Pflanzen Licht; usw.

Würde jemand widersprechen, wenn ich behaupte, diese Vielfalt ist nicht nur faktisch vorhanden, sondern sie ist auch notwendigerweise vorhanden? Mit notwendig meine ich jetzt nicht sogleich eine Notwendigkeit im Sinne einer höheren Vorsehung. Das könnte ein zweiter Schritt der Reflexion sein. Vielmehr meine ich Notwendigkeit so: Die Vielfalt ist vorhanden, weil ohne die Vielfalt, nichts vorhanden wäre. Vielfalt ist notwendig für das Dasein der Dinge, Menschen, Lebewesen, … . Leben und Existenz, wie wir es kennen, gibt es nur dort, wo Vielfalt ist.

Thomas von Aquin kommt in seiner „Summe gegen die Heiden“ genau auf einen solchen Gedanken. Die „Unterschiedenheit der Dinge“ (distinctio rerum) ist, so Thomas, kein Zufall (Summa contra gentiles, II, 39). Die Vielfalt ist notwendig. In Thomas Logik ist es so: Alle Schöpfung versucht seinem Schöpfer – Gott – nachzuahmen. Da die einzelnen endlichen Schöpfungen dem unendlichen Schöpfer in keiner Weise aus sich heraus ähnlich sein können, benötigt es eine quantitative und qualitative Vielfalt der einzelnen endlichen Schöpfungen. Die fast unendliche Vielfalt der in sich endlichen Schöpfungen ahmt die Fülle des unendlichen Schöpfers nach. Thomas schreibt: „Unterschiedenheit in den geschaffenen Dingen gibt es also deshalb, damit sie auf vollkommenere Weise Ähnlichkeit mit Gott erlangen: durch mehreres und nicht nur durch ein einziges.“ (ebd., II, 45). Vielfalt ist also ein Ausdruck von Gottähnlichkeit.

Nur in der Vielfalt, also, übersteigt das Einzelnen die eigenen Grenzen und bewegt sich gemeinsam mit Vielen auf eine Ähnlichkeit Gottes zu. Überrascht es da, dass Hannah Arendt ihre hohe Sicht der Politik als der Möglichkeit der handelnden Neuschöpfung mit der Pluralität der menschlichen Gesellschaft begründet? Zu Beginn ihres Fragments „Was ist Politik?“ schreibt Arendt: „Politik beruht auf der Tatsache der Pluralität der Menschen.“ Und: „Politik handelt von dem Zusammen- und Miteinander-Sein der Verschiedenen.“ (in: Hannah Arendt 2007: Was ist Politik? Fragmente aus dem Nachlass, 3. Auflage, München: Piper: 9). Nur dort, wo Menschen verschiedene Interessen und Neigungen, Ziele und Wege kennen, ist es notwendig, auf dem Weg der kollektiven Entscheidung, diese verschiedenen Interessen und Neigungen, Ziele und Wege aufeinander abzustimmen. Politik zu treiben setzt Vielfalt des Verschiedenen voraus.

Das eine ist also das faktische Argument: Es gibt die Verschiedenheit der Dinge in der Welt und ohne diese Verschiedenheit gäbe es diese Welt nicht. Verschiedenheit ist also faktisch notwendig. Das andere ist das normative Argument: Diese Verschiedenheit der Dinge ist richtig und wichtig und Grundlage eines so wichtigen menschlichen Handlungsmusters wie des politischen Handelns. Denn aus dem kreativen Umgang mit der Verschiedenheit der Dinge, aus dem Handeln wächst Neues hervor (vgl. Hannah Arendt 2006: Vita activa oder Vom tätigen Leben, 4. Auflage, München: Piper, 226f.). Und das Neue ist der Anfang noch größerer Vielfalt und damit, aus Thomas Warte betrachtet, noch größerer Gottähnlichkeit.

Über passives, aktives und pro-aktives Handeln

Aktives und passives Handeln: Gibt es da überhaupt einen Unterschied?

Es war Hannah Arendt, die zwischen Arbeiten, Herstellen und Handeln als unterschiedlicher Modi des menschlichen Wirkens unterschied, wobei sie dem Handeln die eigentliche kreative Kraft im Umfeld menschlicher Pluralität zuschrieb. Arendt schreibt in Vita activa: „In diesem ursprünglichsten und allgemeinsten Sinne ist Handeln und etwas Neues Anfangen dasselbe“ (ebd. 4. Aufl., München, 2006, 2015).

Nun kennt der alltägliche Sprachgebrauch, vor allem aber der geschäftliche Kreativ-Sprech, in Bezug auf das Handeln mindestens drei Abstufungen: (passives) Handeln, aktives Handeln und gar pro-aktives Handeln. Machen diese Unterscheidungen Sinn?

Zu erst: Was ist Handeln? Max Weber definiert noch vor Hannah Arendt das Handeln – und im Anschluss daran auch das Handeln in sozialen Bezügen – auf folgende Weise:

„‚Handeln‘ soll dabei ein menschliches Verhalten (einerlei ob äußeres oder innerliches Tun, Unterlassen oder Dulden) heißen, wenn und insofern als der oder die Handelnden mit ihm einen subjektiven Sinn verbinden. »Soziales« Handeln aber soll ein solches Handeln heißen, welches seinem von dem oder den Handelnden gemeinten Sinn nach auf das Verhalten anderer bezogen wird und daran in seinem Ablauf orientiert ist.“ (Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft, 5. Auflage, Tübingen 1972, 1.)

Dabei ist Weber wichtig, dass Handeln immer einer bestimmten Person zugeschrieben werden muss. Kollektive bzw. juristische Personen können nicht im eigentlichen Sinne handeln, nur die natürlichen Personen in diesen:

„Handeln im Sinn sinnhaft verständlicher Orientierung des eignen Verhaltens gibt es für uns stets nur als Verhalten von einer oder mehreren einzelnen Personen.“ (Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft, 5. Auflage, Tübingen 1972, 6.)

Bei Arendt generiert das Handeln Neues. Bei Weber generiert das Handeln Sinn.  Das ist beides nicht das Gleiche. Neues und Sinn sind aber auch nicht so weit voneinander entfernt, wie es auf den ersten Blick den Anschein hat. Ist aber die Unterscheidung in bloßes/passives, aktives und pro-aktives Handeln eine sinnvolle Unterscheidung? Nein und Ja.

Nein: Schon oben konnte man lesen, dass Weber das innerliche und äußerliche Tun, aber auch das passive Lassen und Dulden zum Handeln dazu zählte. Wichtig ist nur, dass diesem Handeln vom Handelnden ein Sinn zugeschrieben wird. Menschen, die reflexartig eine Fliege aus ihrem Gesichtskreis wegwischen, handeln nicht. Handeln ist ein sinnvolles sich Verhalten zur Welt und dieses sich Verhalten kann innerlich und äußerlich, sichtbar und unsichtbar, bewusst verändernd oder nur unterlassend vonstatten gehen. So sehen es auch die diversen Schuldbekenntnisse der Kirchen, die sich darauf beziehen, was einer „Gutes unterlassen und Böses getan“ hat. Handeln ist demnach weder per se passiv, noch aktiv oder pro-aktiv. Es ist einfach Handeln: der Versuch, sich sinnvoll zur Welt zu verhalten. Hannah Arendt würde es hier mit ihrem emphatischen Handlungsbegriff selbstverständlich nicht belassen.

Ja: In den Augen jener, die Handeln beobachten bzw. evaluieren bzw. motivieren wollen, macht eine Unterscheidung in bloßes/passives, aktives und pro-aktives Handeln Sinn. Denn die Steigerungsformen des Handelns werden rhetorisch ins Spiel gebracht, wenn es schneller, wuchtiger, entschiedener zugehen soll. Die Steigerung hat dort offenbar seinen Platz, wo ein Motivationsverstärker als Passivitätsüberwinder für nötig erachtet wird. Die Steigerungsformen machen also semantisch keinen Sinn. Sie sind vielmehr dem Feld der rhetorisch durchaus wirkmächtigen Floskeln zuzuschlagen. Wenn ich von mir behaupte, dass ich pro-aktiv eine Sache angehe, dann will ich damit ausdrücken, dass ich dies nun mit ganzer Entschiedenheit tun werde; oder besser: dass ich dies nun mit ganzer Entschiedenheit behaupte, dass ich es tun werde.

Auf der realen Ebene ist alles Handeln gleich. Es steht „im Gegensatz zu bloßem Naturgeschehen“ und formuliert einen „Bedingungszusammenhang von Handlung und Hand“, also einen Zusammenhang zwischen innerem und äußerem Bewegtsein bzw. Bewegtwerden (vgl. Historisches Wörterbuch der Philosophie, Band 3 G-H, Darmstadt, 1974, Sp. 992). Im rhetorischen Framing, also dem Rechtfertigungsdiskurs der unter Druck geratenen handelnden Person macht es aber einen Unterschied, ob ich von passivem Handeln, aktivem Handeln und pro-aktiven Handeln spreche. Dass diese Steigerungsformen semantisch letztlich leer sind, zeigt sich spätestens dann, wenn alle behaupten, sie würden nur noch pro-aktiv durch die Welt gehen. Spätestens dann ist man notgedrungen auf der Suche nach der nächsten Steigerungsvokabel.

Vielleicht gelangt man ja dann auch irgendwann einmal wieder zu der von Hannah Arendt etwas verächtlich dem aktiven Leben gegenüber gestellten vita contemplativa, der dezidierten Ablehnung jedes hyperkreativen Aktivismusgeredes.

Vita activa & Vita contemplativa – Thomas Merton, Thomas von Aquin und das „Schweigen der Prediger“

In einem früheren Text beschäftigte ich mich mit dem paradox klingenden „Schweigen der Prediger„. Damit war und ist gemeint die kontemplative Dimension jeder (christlichen) Verkündigung, vor allem jener, die durch Mitglieder des Ordens der Prediger – der Dominikaner – geschieht. Die Formulierung „Schweigen der Prediger“ deutet dabei eine tendenzielle Auflösung des Gegensatzes zwischen einer vita contemplativa und einer vita activa an, wie er im 20. Jahrhundert unter anderem von Hannah Arendt diskutiert wurde.

In einigen frühen Aufsätzen des bekannten US-amerikanischen geistlichen Schriftstellers und Trappisten Thomas Merton  (Early Essays 1947-1952, hrsg. Patrick F. O’Connell, Cistercian Publications 2015) las ich nun eine tiefergehende Diskussion dieser Dichotomie, die unterscheidet zwischen einem kontemplativen, nach innen schauenden Leben und einem aktiven, nach außen schauenden Leben.

Der Gegensatz, wie er von Hannah Arendt in „Vita activa“ diskutiert wurde, ist angelegt im Werk von Thomas von Aquin, welches sowohl Hannah Arendt als auch ihrem Zeitgenossen Thomas Merton (1915-1968)  bekannt war. Merton zitiert Thomas‘ Unterscheidung an mehreren Stellen in seinen Aufsätzen, wobei Merton nicht nur die analytische Unterscheidung übernimmt, sondern auch deren normative Bewertung: Vita contemplativa simpliciter est meliora activa (Merton 125) – das kontemplative Leben ist höher einzuschätzen als das aktive.  Diese Wertung gründet darauf, dass sowohl Thomas als auch Merton die Nähe zu Gott beim kontemplativen, beschaulichen Leben höher einschätzen als beim aktiven, tätigen Leben. Während der kontemplativ lebende Mensch – theoretisch – in der Stille der Schau Gott ständig vor Augen hat, quält sich der aktiv lebende Mensch – theoretisch – in seinem Alltag mit allerlei weltlichen, ablenkenden Dingen ab.

Die Unterscheidung von kontemplativer und aktiver Lebensweise hat sich in der katholischen Kirche in den unterschiedlichen Orden institutionalisiert. Merton, als Trappist, gehörte einem sehr kontemplativen Orden an. Thomas von Aquin gehörte als Dominikaner dagegen einem sowohl aktiven als auch kontemplativen Orden an. Dieses Zusammenspiel von Kontemplation und Aktion bei den Dominikanern scheint Merton fasziniert zu haben, denn er kommt in seinen Texten immer wieder darauf zu sprechen.

Dabei hört man bei ihm heraus, dass er dem kontemplativen durchaus einen Vorrang einräumt, doch es ein noch höherer Verdienst sein kann – die ständige Vergleiche in Mertons Texte verstören etwas – wenn ein Mensch das in der Kontemplation geschaute an andere weiter zu vermitteln vermag. Merton zitiert die jedem Dominikaner bekannte Formulierung von Thomas contemplata aliis tradere (34): Die Früchte der Kontemplation sind an die Anderen weiterzureichen. Thomas bringt dies in das schöne Bild des „Überflusses“, welches Merton ebenfalls aufgreift: propter abundantiam divini amoris (127). Die in der Kontemplation erfahrene Liebe Gottes fließt in der tätigen Verkündigung über hin zu der Welt, wie sie sich dem kontemplativ Aktiven darstellt.

Somit verflüssigt Merton den traditionellen Gegensatz zwischen dem aktiven und kontemplativen Leben. Trotzdem versteht der Leser ohne weiteres: Wenn du zwischen purer Kontemplation und purer Aktion wählen muss, dann wähle die Kontemplation. Wenn du aber frei bist in deiner Wahl, dann wähle die Kontemplation, die in die Aktion überfließt. Dabei muss freilich sicher gestellt sein, dass die Kontemplation nicht als Mittel zum Zweck missbraucht wird. „It is not sufficient to consider contemplation merely as a means to action“, schreibt Merton (129). Aktion und Kontemplation sind wesenmäßig miteinander verbunden. Merton weiter: „The preaching and teaching orders are not destined merely to functions of the active life. The contemplative life is an absolutely essential end of the preaching vocation“ (ebd.). Die kontemplative, beschauliche Lebensform und die aktive, tätige Lebensform gehören zusammen im Akt der von Gott zum Menschen weiter getragenen Liebe.

So wundert es nicht, dass Merton eigentlich nur eine Berufung anerkennen kann, und zwar jene „dominikanische“, welche genau dieser kontemplativ-aktiven Haltung entspricht. Diese Haltung kann bzw. muss freilich in jedem kirchlichen Orden gelebt werden, egal wie kontemplativ bzw. aktiv die jeweilige – akzidentielle – Organisationsform ist. Ja, wenn ich Merton recht verstehe, gilt diese Haltungsfrage für alle Menschen. Merton schreibt dazu:

„This means, in practice, that there is only one vocation. Whether you teach or live in the cloister or nurse the sick, whether you are in religion or out of it, no matter who you are or what you are, you are called to the summit of perfection: you are called to be called a contemplative  and to pass the fruits of your contemplation on to others. And if you cannot do so by word, then by example“ (37).

 Das ist freilich eine Herausforderung für all jene,  die der Kontemplation im tätigen Leben keinen hohen praktischen Stellenwert beimessen. Eine bürgerliche Form der gezähmten Kontemplation – Merton nennt es despektierlich „contemplation in a rocking chair“ (92ff.) – gibt es nicht. Billige Kontemplation gibt es nicht. Kontemplation hat immer mit einem Selbstopfer zu tun. Wer zu diesem nicht bereit ist, hat – in den Augen Mertons – nichts verstanden.

Und für Merton ist klar: Die Gefahr ist größer, dass ich vor lauter Aktivismus die Kontemplation vergesse, als dass ich vor lauter Kontemplation die konkrete Tat übersehe. Von daher bleibt Merton stets auf der Seite von Thomas von Aquin: Vita contemplativa simpliciter est meliora activa. Letztlich gilt also: Je höher der Puls der Aktivität ist, desto tiefer muss auch das Schweigen der Prediger sein.

Vita contemplativa, Hannah Arendt und das Schweigen der Prediger

Folgender Text ist einem Aufsatz entnommen, der neu in dem Sammelband „Dominikanische Predigt“ abgedruckt ist. Der Aufsatz trägt den Titel: „Das Schweigen der Prediger. Von der Gegenwart der Kontemplation in der dominikanischen Verkündigung“ und schließt an Ideen an, die in den vergangenen Jahren auf diesem Blog entwickelt wurden, z.B. hier.

„Hannah Arendt (1906-1975) ist die paradigmatische Repräsentantin einer Denkrichtung, welche der traditionellen Hochschätzung der Vita contemplativa, also dem beschaulichen Leben, eine moderne Hochschätzung der Vita activa, des tätigen bzw. politischen Lebens, entgegensetzte. Dies tut sie in der gleichnamigen Schrift “Vita activa oder vom tätigen Leben” aus dem Jahre 1958 (engl. Originaltitel: The Human Condition).

Schweigen, Stille, Kontemplation: All dies sind Weisen des Daseins, die auf den ersten Blick passiv erscheinen. Arendt stellte diesem passiven Schweigen das aktive Handeln gegenüber. Als politische Philosophin blieb Arendt gar nichts anderes übrig, als ein anti-kontemplatives Programm zu entwerfen. Aus ihrer Sicht war das aktive Handeln dem kontemplativen Schweigen vorzuziehen, vor allem, wenn es um den politischen Raum der Öffentlichkeit geht. Dieser Raum zeichnet sich dadurch aus, dass viele verschiedene Stimmen und Handlungen aufeinander treffen und im politischen Entscheidungsprozess lautstark miteinander konkurrieren. Geschwiegen wird in der Öffentlichkeit herzlich wenig. Das empfänden viele, nicht nur Hannah Arendt, als einen Widerspruch in sich. Denn wie soll man sein Gegenüber überzeugen, ohne pausenlos zu „predigen“, auf ihn einzureden, Argument an Argument reihend?

Aus Arendts Perspektive herrschte in der Ideengeschichte über lange Zeit hinweg eine Bevorzugung des kontemplativen, beschaulichen Lebens gegenüber dem tätigen, politischen Leben vor. Bei Aristoteles sei dies der Fall gewesen, aber auch im monastisch geprägten Mittelalter. Sie nennt exemplarisch Thomas von Aquin, der für sie ein Repräsentant der kontemplativen Denkrichtung und Weltanschauung ist. Sie gibt Thomas in ihren eigenen Worten wieder: „Was immer Körper und Seele bewegt, die äußeren wie die inneren Bewegungen des Sprechens und des Denkens müssen zur Ruhe kommen im Betrachten der Wahrheit.”[1] Daraus folgert Arendt: „So ist bis zum Beginn der Neuzeit die Vorstellung der Vita activa immer an ein Negativum gebunden; sie stand unter dem Zeichen der Un-ruhe”[2]. Der göttlichen Wahrheit nähert man sich mittels der Schau, nicht indem man ihr in Wort und Tat nacheifert – so urteilen die Verehrer der Vita contemplativa in den Augen Hannah Arendts.

Die Philosophin verwirft das Modell der kontemplativen „Anschauung der Wahrheit”[3] nicht generell. Ihr Ton bleibt konziliant. Sie besteht aber darauf, dass die Wahrheit nicht nur geschaut, sondern auch durch Tun und Handeln verwirklicht werden kann. In ihrem Akt der Rehabilitierung des tätigen, politischen Lebens muss Arendt das beschauliche Leben schon aus rhetorischen Gründen schlecht ausschauen lassen. Sie gibt es aber nicht der Lächerlichkeit preis, sondern setzt „nur“ einen ideengeschichtlich anderen Akzent.

Dieser Akzent ist aber deutlich. Er macht die wirkungsgeschichtliche Bedeutung des Werkes aus. Arendt unterstreicht ihn geschickt mit einem Verweis auf das Beispiel Jesu Christi. Dieser ist für sie eine Person, die eher durch Handeln und weniger durch Beschaulichkeit hervorsticht. Sie schreibt: „Daß es in dieser Welt eine durchaus diesseitige Fähigkeit gibt, ‚Wunder‘ zu vollbringen, und daß diese wunderwirkende Fähigkeit nichts anderes ist als das Handeln, dies hat Jesus von Nazareth (…) nicht nur gewußt, sondern auch ausgesprochen.“[4] Jesu Wunder sind für Arendt ursprüngliches Handeln, da sie Neues schaffen und damit vorher unbekannte Möglichkeiten eröffnen. Arendt stellt fest: „Das ‚Wunder‘ besteht darin, daß überhaupt Menschen geboren werden, und mit ihnen der Neuanfang, den sie handelnd verwirklichen können kraft ihres Geborenseins.“[5] Die Wunder Jesu sind aus diesem Blickwinkel ebenfalls Neuschöpfungen, ein Ausdruck von Natalität. Sie sind alles andere als eine beschauliche Schau des vermeintlich Wahren, sondern der Geburtsschrei einer neuen Welt. Hierin liegt durchaus eine rhetorische Spitze: Die Vita activa wird in Arendts Augen gerade von jener Person exemplarisch praktiziert, welche für viele am Anfang der Entwicklung einer christlich-kontemplativen Lebenshaltung und Weltanschauung stand.

Nach der Lektüre von Arendt erscheinen Vita activa und Vita contemplativa als zwei gegensätzliche Pole auf einer Skala. Beides zusammen geht nicht. Als Mitglied im Orden der Prediger ist man gezwungen zu fragen: Ist dem wirklich so? Wie kann eine Verbindung zwischen der Kontemplation auf der einen Seite und dem aktiven Handeln auf der anderen Seite aussehen? In welchem Verhältnis stehen das Schweigen und die Predigt als einem Handeln in Worten?“

 

[1] Arendt, Hannah 2006: Vita activa oder Vom tätigen Leben, 4. Auflage, München: Piper, 25.

[2] Ebd.

[3] Ebd., 384.

[4] Ebd., 316.

[5] Ebd., 317.

 

Der vollständige Text findet sich in: Thomas Eggensperger & Ulrich Engel (Hrsg.): Dominikanische Predigt, Reihe: Dominikanische Quellen und Zeugnisse, Band 18, Leipzig: St. Benno, 2014.

Vita contemplativa und Vita activa: Arendt vs. Williams

Hannah Arendt ist dafür bekannt, daß sie der ideengeschichtlichen Hochschätzung der Vita contemplativa, also dem beschaulichen Leben, eine Hochschätzung auch der Vita activa, des tätigen bzw. politischen Lebens, entgegensetzte. Dies tut sie in der gleichnamigen Schrift „Vita activa oder vom tätigen Leben“ aus dem Jahre 1958 (engl. Orginaltitel: The Human Condition).

Vom Beginn der Ideengeschichte an sieht Arendt eine Bevorzugung des kontemplativen, beschaulichen Lebens gegenüber dem tätigen, politischen Leben. Bei Aristoteles sei dies der Fall gewesen, aber auch im monastisch geprägten Mittelalter, so z.B. beim Dominikaner Thomas v. Aquin. Sie gibt Thomas in ihren eigenen Worten wieder: „Was immer Körper und Seele bewegt, die äußeren wie die inneren Bewegungen des Sprechens und des Denkens müssen zur Ruhe kommen im Betrachten der Wahrheit.“ (hier zitiert nach Arendt 2006: Vita activa, 4. Auflage, München: Piper, 25). Daraus folgert sie: „So ist bis zum Beginn der Neuzeit die Vorstellung der Vita activa immer an ein Negativum gebunden; sie stand unter dem Zeichen der Un-ruhe“ (ebd.). Der göttlichen Wahrheit nähert man sich mittels der Schau, nicht indem man ihr in Wort und Tat nacheifert – so urteilen die Verehrer der Vita contemplativa in den Augen Arendts.

(Dabei ergibt sich ein interessanter ordengeschichtlicher Nebenaspekt: Thomas v. Aquin war als Dominikaner Mitglied eines Ordens, der sich von den „streng“ beschaulichen Prinzipien der monastischen Orden des Frühmittelalters abhob. Die Reformorden des Hochmittelalters – v.a. Franziskaner und Dominikaner – wirkten auf viele Menschen anziehend, weil sie ein dezidiert aktives, tätiges Moment besaßen und die Welt um sich herum zu gestalten suchten. Bei den Dominikanern ist dieses aktive Moment bis heute in der Predigt in all ihren verschiedenen Facetten zu suchen.)

Arendt verwirft die „Anschauung der Wahrheit“ (ebd. 384) nicht. Sie besteht aber darauf, daß die Wahrheit nicht nur geschaut, sondern – meine Worte – auch getan werden kann. In ihrem Akt der Rehabilitierung des tätigen Lebens muß sie das beschauliche Leben schon aus rhetorischen Gründen hier und da schlecht ausschauen lassen. Sie gibt es aber nicht der Lächerlichkeit preis, sondern setzt nur einen ideengeschichtlich anderen Akzent.

In einer Rede vor der römisch-katholischen Bischofssynode in Rom vom 10. Oktober 2012 treibt Rowan Williams das Gegeneinander und Zusammenspiel der beiden Lebensweisen weiter. Rowan Williams propagiert darin nämlich die Vita contemplativa als eine Vorbedingung der Vita activa, das tätige Leben aber auch als einen Nährboden für die Kontemplation. Wenn man bei der Lektüre von Williams Rede auch den Eindruck gewinnen kann, daß für ihn das beschauliche Leben einen prinzipiellen Vorrang vor dem tätigen Leben genießt, so besteht er doch auf der notwendigen Verbindung der beiden Pole des einen Lebens.

Im Manuskript von Williams ist zu lesen: „Contemplation is very far from being just one kind of thing that Christians do: it is the key to prayer, liturgy, art and ethics (…). To learn contemplative practice is to learn what we need so as to live truthfully and honestly and lovingly. It is a deeply revolutionary matter.“

Kontemplation als Katalysator für Revolution und radikale Veränderung?

Ich kann mir gut vorstellen, daß Hannah Arendt diesen Gedanken interessant gefunden hätte. Auch sie konnte zeit Ihres Lebens der Revolution als einem Moment der radikalen Veränderung, Kontingenz, Freiheit und Neuschöpfung viel abgewinnen. Doch sie hätte sich wohl nicht vorstellen können, daß aus den Kreisen der Theologie die Kontemplation und das politische Handeln so komplementär miteinander verknüpft würden, wie dies Williams in seiner Rede tut.

Dabei ist Williams keineswegs der erste, der solches tut, sondern er steht in einer Tradition des theologischen Denkens, für die spätestens nach 1945 eine unpolitische Beschaulichkeit nicht mehr vorstellbar war. Zu diesen Denkern gehört mindestens ein weiterer Dominikaner: Marie-Dominique Chenu OP (1895-1990). Dieser war Hannah Arendt durchaus bekannt, aber nur als einen „liberalen katholischen Autoren“, der die Arbeit idealisiere (Vita activa, 452).