Wann ist das Ich ganz da? Eine kleine Phänomenologie.

 

In welchen Augenblicken ist das Ich als Erfahrung gegenwärtig? Wann ist das Ich ganz da? Es folgt als phänomenologischer Versuch eine sehr vorläufige Aufzählung:

Schmerz

Der Schmerz konzentriert das Ich auf einen Punkt. Es reduziert das Ich auch auf diesen Punkt. Das Ich erfährt sich als körperliche Einheit, aber auf eine drastische, schmerzliche Weise. Die Erinnerung an Glücksgefühle verschwindet hinter einem grauen Schleier der augenblicklichen Verstrickheit in der Schmerzerfahrung. Ganz da im Jetzt ist das Ich und will dieses Ich aber auch hinter sich lassen. Denn der Schmerz ist das Ich in seiner ganzen Begrenztheit.

Ekstase

Nicht ganz unähnlich zum Schmerz konzentriert das Ich sich in der Ekstase auf eine augenblickliche Erfahrung. Hier überwiegen – im Gegensatz – zum Schmerz aber die Glücksgefühle. Das Ich ist ganz da im Rausch des Ereignisses. Das Ich „lässt sich gehen“, schaltet die Selbstreflexion und damit die Ich-Distanzierung ab. Ich ist Glück. Die Frage ist: Übersteigt das Ich in der Ekstase auch die eigenen Grenzen? Oder wird sich das Ich nur auf frappante Art seiner selbst bewusst in der Selbstbegrenzung?

Gespräch

Das Gespräch führt das Ich zum Du. Damit, so kann man mit Martin Buber formulieren, führt das Gespräch das Ich zur Welt. Das Ich lernt im Gespräch sich als ein Beziehungsgeflecht bzw. einen Resonanzraum verstehen, das nicht nur in augenblicklichen Momenten ganz da ist, sondern auch für die Dauer einer Begegnung von Körper und Geist. Im Gespräch dezentriert sich das Ich zum Du und erfährt sich gerade deshalb als ganz da. Das Ich ist ganz da, sofern es nicht alleine ist.

Kontemplation

Die Kontemplation als Schau dezentriert das Ich ebenso. Das Ich gibt sich in der Kontemplation nicht irgend einem oder einer Gegenüber hin, sondern dem ganz Anderen öffnet sich das Ich bzw. erfährt sich als dasjenige, das im Augenblick der Schau zu diesem ganz Anderen hin geöffnet wird. Das Ich ist ganz da in der Öffnung zum Guten und Gerechten und Wahren. Nicht im Sinne abstrakter Ideen, sondern im Sinne einer Öffnung hin zu einem Gegenüber, das gleichermaßen grenzenlos und konkret im Guten und Gerechten und Wahren ist.

 

Über das „Ich“ wurde im Rahmen einer Tagung am 23. November 2018 im Körber-Forum in unterschiedlichen Konstellation und mit unterschiedlichen Blickwinkeln gesprochen. Hier geht es zum Programm der Tagung.

Von Sturm und Feuer: Metaphern des Geistes.

Ich singe im Gottesdienst ein Lied mit. Es wird einigen Leserinnen und Lesern bekannt sein.

Komm, Heilger Geist, mit deiner Kraft, die uns verbindet und Leben schafft. Wie das Feuer sich verbreitet und die Dunkelheit erhellt, so soll uns dein Geist ergreifen, umgestalten unsere Welt.

Ich stocke und denke an die Waldbrände in Portugal, an die Bilder verbrannter Autos auf einer Landstraße, an die erschütternden Berichte der Überlebenden.

Die Gemeinde setzt das Lied fort:

Komm, Heilger Geist, mit deiner Kraft, die uns verbindet und Leben schafft. Wie der Sturm so unaufhaltsam, dring in unser Leben ein.

Nun schweige ich gänzlich. Ich denke an einen Gewittersturm, der wenige Tage zuvor über Norddeutschland fegte, Häuser abdeckte, Bäume umstürzte, Menschen tötete.

Ich weiß theoretisch, um die Sturm- und Feuermetaphorik in der christlichen Sprache vom Heiligen Geist. Sie geht zurück auf die Schilderung des Pfingstgeschehnisses in der Apostelgeschichte (Apg. 2, 2-3). Sie begegnet uns im deutschen Liedgut auf Schritt und Tritt. Einige Beispiele:

„Dich sendet Gottes Allmacht aus, im Feuer und in Sturmes Braus.“ (Gotteslob 342, 2).

„Der Geist des Herrn erfüllt das All mit Sturm und Feuersgluten.“ (Gotteslob 347, 1).

„Du unerschöpfter Quell des Lebens, allmächtig starker Gotteshauch, dein Feuermeer ström nicht vergebens. Ach zünd in unseren Herzen auch.“ (Evangelisches Gesangbuch 255, 6).

Die Metaphorik ist mir bekannt, trotzdem komme ich an diesem Abend abrupt zum inneren und äußeren Stillstand. Ich singe nicht mehr mit, weil die Metapher im Umfeld einer konkreten Situation – für den, der wach dafür ist – mehr als nur unpassend ist.

Ich frage mich: Verbrennt und tötet der Geist so, wie das Feuer in Portugal? Oder entwurzelt und zerstört der Geist so, wie der Sturm in Norddeutschland vor einigen Tagen? Nein, der Geist tut das nicht. Der Geist tut es auch nicht im übertragenen, metaphorischen Sinne.  Ich kann nicht vom Geist sprechen, als ob er ein Feuer wäre. Ich kann nicht zum Geist beten, als ob er ein Sturm wäre. Was für ein Geist wäre denn das, der mit den Worten von Sturm und Feuer annähernd korrekt beschrieben wäre?

Die Bildsprache kommt offenbar dort an ihre Grenze, wo der reale Hintergrund des benutzten Bildes – das wirkliche Feuer, der wirkliche Sturm – der vermuteten Intention der metaphorischen Aussage zuwiderläuft. Denn dass der Geist tötet und verbrennt, zerschmettert und verweht, gerade das will ich ja nicht von ihm aussagen. Ich möchte die Wirkmacht Gottes ja nicht mit den sogenannten natürlichen Übeln gleichsetzen.

Warum dann, frage ich mich, singen wir nicht andere Lieder, auf jeden Fall, nach der Erfahrung eines realen Feuers und eines wirklichen Sturms? Vielleicht weil jedes Bild in bestimmten Situationen Disonanzen erzeugen kann und man eben auch einmal darüber hinweg sehen muss, wenn nicht jeder Vers eines gesungenen Liedes 100% passt?

Vor Ort im Gottesdienst kann ich diese Frage nicht beantworten. Ich stelle mir die Frage zu diesem Zeitpunkt auch nicht. Ich weiß aber, dass es nur ein eines gibt, das ich in diesem Moment der Disonanz tun kann: schweigen.

 

Nachtrag vom 28. Mai 2020:

In englischen Kirchenliedern findet sich übrigens die gleiche Metaphorik. Ein Beispiel:

„O let it freely burn, Till earthly passions turn To dust and ashes in its heat consuming; And let thy glorious light Shine ever on my sight, And clothe me round, the while my path illuming.“ (R.F. Littledale)