Das Schweigen als absichtsvolle Nichtkommunikation

In dem Buch eines Sozialwissenschaftlers lese ich, dass Schweigen „absichtsvolle Nichtkommunikation“ ist.[1]

Wer schweigt ist nicht einfach still, sondern er oder sie wählt die Stille als eine Form des besonderen Ausdrucks. Mit Bedacht schweigen wirkt nämlich nach. Oder wie geht es uns, wenn unser Brief oder eine Email unbeantwortet bleiben? Gewiss, es gibt auch Unachtsamkeit und das Vergessen. Aber es gibt eben auch die Möglichkeit, dass jemand absichtsvoll nicht kommuniziert. Dass eine Angelegenheit verschwiegen wird. Die dadurch vermittelte Botschaft ist vage und unbestimmt, aber gerade darum voller Hinterfragung.

In der Fastenzeit bereiten wir uns auf Ostern vor. Für viele Menschen gehört zu dieser Vorbereitung zumindest auch der Versuch, etwas Besinnung zu finden. Die Kirchen unserer Städte und Dörfer laden dazu ein, inmitten des inneren und äußeren Trubels einige Augenblicke in Stille zu verharren. „Sieben Wochen ohne inneren und äußeren Lärm“ könnte man sich zum Beispiel wünschen.

Aber eine Zeit der „absichtsvollen Nichtkommunikation“ ist auch die Fastenzeit nicht. Der berufliche und private Alltag nimmt keine Rücksicht auf unser Fasten-Bedürfnis. Die Chefin meldet sich mit ihren Wünschen. Wir planen den Osterurlaub und feiern weiterhin Geburtstage. Wer sich durch sein Schweigen und seine Abwesenheit all dem verweigert, zieht sich den Unwillen seiner Mitmenschen zu.

Trotzdem eignet sich die Fastenzeit dazu, sich auch selbstkritische Fragen zu stellen. Gibt es bei mir überhaupt Zeiten, zu denen ich absichtsvoll den Mund halte? Muss ich zu allem und jedem meine Meinung sagen? Wie viel Geschwätz von mir müssen meine Mitmenschen eigentlich ertragen? Wäre es nicht gesünder, ich schwiege manchmal?

„Es gibt eine Zeit zum Schweigen und eine Zeit zum Reden.“ So lese ich es im Buch Kohelet (3, 7) im Alten Testament der Bibel. Die Balance, das Gleichgewicht, das rechte Maß zwischen Schweigen und Reden macht es also. Und das Wissen, wann das eine und wann das andere dran ist.

Ich nehme diese Fastenzeit also zum Anlass, mich um ein gutes Gleichgewicht zwischen der absichtsvollen Kommunikation und der absichtsvollen Nichtkommunikation zu bemühen. In diesem Sinne bleiben mein Blog und mein Twitter-Kanal für die nächsten sieben Wochen stumm.

 

[1] Peter Fuchs 1989: Die Weltflucht der Mönche. Anmerkungen zur Funktion des monastisch-aszetischen Schweigens, in: Niklas Luhmann & Peter Fuchs 1989: Reden und Schweigen, Frankfurt/M.: Suhrkamp, S. 22.

Überarbeiteter Text einer Radioandacht aus dem Jahr 2012.

Aufräumen

Vor einigen Jahren hieß es an dieser Stelle „leichter werden„. Heute greife ich aus Anlass des Beginns der Fastenzeit eine scheinbar modische Zeiterscheinung auf: das Aufräumen.

Die mediale Präsenz der Japanerin Marie Kondo hat das Aufräumen in jüngerer Zeit zu einer fast schon spirituellen Praxis erhoben. Oder vielleicht besser: Die reinigende Wirkung des Aufräumens wird neu entdeckt: Äußerlich werden die Dinge durch das Aufräumen übersichtlicher, klarer und leicht aufzufinden. Und innerlich stellt sich, folgt man Kondo, so etwas wie Glück ein.

Nicht nur die Anschaffung und Erschaffung neuer Dinge macht also Freude . Wenn es zuviel der Dinge in unserem Leben geworden sind, macht auch eine neue gewonnene Übersicht glücklich. Aufräumen als detox. Das ist meist der Fall, aber nicht immer, hat mich doch die Tage mein Kind mit der Bemerkung irritiert, wie schön gemütlich es doch in ihrem unordentlichen Zimmer gewesen sei. Die Äußerung kam, nachdem wir für einige Zeit gemeinsam das Kinderzimmer aufgeräumt hatten.

Das Aufräumen hängt eng  mit dem Wahren der Ordnung zusammen. Und so wie es – nicht zuletzt auch politisch – ein Zuviel der Ordnung gibt, so kann es durchaus auch ein Zuviel des Aufräumens geben. Wer politisch „aufräumen“ möchte, hat dann auch meist nichts Gutes im Sinn.

Doch zu Beginn der Fastenzeit ist für mich der andere, der Gedanke wichtig: Ich möchte hier und da etwas Aufräumen. Ich möchte mein Leben etwas übersichtlicher gestalten. Ich möchte mich wieder neu zurechtfinden in meinem Leben. Das Zuviel und Überbordernde in meinem Leben soll herunter gefahren werden. Bei dem Weniger möchte ich glücklich landen.

Nicht zuletzt gibt einem das Aufräumen auch die Gelegenheit, verloren Geglaubtes wieder zu entdecken. So wie mein Kind: Unsere gemeinsame Ordnungsaktion brachte ein vielgeliebtes Kuscheltier wieder zum Vorschein. So falsch kann unser Aufräumen doch nicht gewesen sein.

Viel Spaß also beim Aufräumen, Übersicht gewinnen, Fasten.

 

Ich werde mich in den kommenden Wochen – bis Ostern – auf diesem Blog nur sporadisch zu Wort melden; wenn überhaupt. 

Fasten!

Ich mache Pause.

Ab Aschermittwoch, den 14. Februar bis mindestens Karsamstag, den 31. März ist hier und auch auf meinem Twitter_Kanal Sendepause. Im Hintergrund werde ich an dem einen oder anderen Text arbeiten. Veröffentlichen werde ich die nächsten sieben Wochen jedoch nichts.

Ich mache Pause. Ich faste. Ich erzeuge keine virtuellen Erzeugnisse, weder Langtexte noch Kurznachrichten. Ich entlaste mich einfach einmal für einige Wochen von dieser Art der Kommunikation. Vielleicht mache ich mir auch einmal wieder Gedanken über ein längerfristiges Veröffentlichungsprojekt. Oder ich überlege mir, welche Themen denn für die Zeit nach Ostern anstehen. Oder gar nichts von all dem. Denn ich pausiere nicht funktional. Ich faste nicht, um die Kreativität hervor zu zwingen. Ich faste einfach so.

Auf jeden Fall mache ich Pause. Ich kommuniziere nicht nicht. Wer mir eine Email schreiben möchte oder gar ein Brief, der wird auch eine Antwort erhalten. Doch ich gehe in die nächsten Wochen mit dem Vorsatz: Ich kommuniziere anders. Ich starte den Versuch, in meiner Kommunikation – ja was denn, … – einfach etwas kommunikativer zu sein. Das heißt auch, dass ich versuche, jede kurzfristige Selbstbehauptung fahren zu lassen. Es soll nicht um mich gehen. Sondern – und da bin ich einmal mehr ganz bei Max Weber – es geht um die Sache. Und diese Sache heißt bei einem Laiendominikaner etwas hochtrabend: Wahrheit. Daran soll mich mein Fasten erinnern.

Das sollte eigentlich immer so sein. Doch es gibt Zeiten, zu denen man sich solch ein Projekt der kommunikativen Dezentrierung besonders vornehmen sollte; und das Scheitern in und an diesen Zeiten sollte man gleich mit einkalkulieren. Fastenzeiten eben. Denn Fasten heißt: Nicht etwas nicht tun, sondern etwas anders tun (Jes. 58, 4-8).

Leichter werden

Ein Projekt für die Fastenzeit, die sieben Wochen zwischen Aschermittwoch und Ostern: leichter werden. Leichter werden an Ballast aus vergangenen Engagements.

Der Ballast der Bücher: Ich gehe durch meine Regale und sortiere aus. Viele Bücher brauche ich noch, an anderen hänge ich, wiederum andere kann ich aber wegtun. Weil ihr Zeitkern zu stark ist; weil mich das Thema auch auf Zukunft hin nicht beschäftigten wird; weil ich der Sache überdrüssig geworden bin. Der Traum von der großen Bibliothek muss so oder so ausgeträumt werden. Der Platz fehlt, das Geld auch.

Leichter werden an Briefen, an der verblichenen Korrespondenz, den Glückwünschen und Grüßen aus vergangenen Jahren. Werde ich sie jemals wieder anschauen? Nur jetzt, und dann nie mehr wieder. Der Akt des Leichter Werdens ist gleichzeitig auch der letzte Blick hinein in diese Aktenberge, der Abschied. Werden sich meine Kinder dafür interessieren? Diese werden genug damit zu tun haben, ihre eigenen Papiere zusammenzuhalten. Ein Archiv? Die Ehrlichkeit sagt: Nein.

Leichter werden an dem Sammelsurium früherer Projekte aus Wissenschaft und Forschung. Das wenigste, was auf dem wissenschaftlichen Markt erscheint ist von bleibendem Wert (das hängt natürlich vom Standpunkt ab). Also kann ich vieles entsorgen: Aufsätze, Vorträge, Pamphlete, Skizzen. Eine Bibliothek, die das Gesuchte in ihrem Bestand hat, wird sich immer finden. Ich vertraue, vielleicht etwas leichtsinnig, auf open access.

Leichter werden an Projekten und Ideen. Es ist Mode und Zwang geworden vielen Dingen zugleich nachzujagen: diesem Projekt, jener Idee. Wir brauchen sie, um uns innerlich auf Trapp zu halten, doch viele können auch endgültig verworfen werden. Ich konzentriere mich auf zwei, drei für mich spannende Dinge. Diese werden abgeschlossen, dann folgt das nächste. Keine Akkumulation ideeller Engagements.

Leichter werden. Ballast abwerfen. Es ist leichter geschrieben als getan.