Fasten mit der fremden Feder

„Fremde Feder“ – ein Ausdruck dafür, dass jemand anderes zu Wort kommt. Nicht ich spreche. Eine andere Stimme ist zu hören. Ich selbst schweige. Ich halte mich zurück und höre zu, was andere zu sagen haben. Ich gebe der fremden Meinung Raum. So möchte ich es in den nächsten sieben Wochen bis Ostern halten. Ich gebe nicht eigene Gedanken zum Besten, sondern gebe hier wieder, was andere vorgedacht, vorgeschrieben, vorgedichtet, vorgelebt haben.  Die von mir ausgewählten Stimmen bringen natürlich auch etwas von mir selbst zur Darstellung. Ich wähle aus, was mich anspricht. Indirekt komme ich also doch zur Sprache. Aber eben nur das: indirekt. Und die indirekte Mitteilung schießt immer auch über das hinaus, was ich selbst ausdrücken könnte oder wollte.  Wer also bis Ostern sich immer wieder ein Zitat, einen poetischen Vers, einen Gedanken abholen möchte, der komme auf diese Seite zurück. Fremde Federn bereichern die Fastenzeit.

(Die neuesten Beiträge stehen jeweils an oberster Stelle.)

 

(31.3.2021)

„Im Herzen der dominikanischen Spiritualität liegt die Disziplin und Askese, selbst dann eins zu bleiben, wenn wir in unseren Meinungen nicht übereinstimmen. Wenn wir debattieren, müssen wir unsere Intelligenz und Vorstellungskraft nutzen, um zu verstehen, warum Brüder Meinungen vertreten, mit denen wir nicht übereinstimmen. Das verlangt intelligente Liebe: Wir lieben einen Bruder, indem wir versuchen zu verstehen, warum er eine andere Sicht hat; und wir versuchen zu verstehen, weil wir gerufen sind, einander zu lieben.“

(Timothy Radcliffe OP 2021: Die Spiritualität dominikanischer Ordensleitung, in: Wort und Antwort, Jg. 62, Nr. 1, S. 15)

 

(20.3.2021)

Herr, deine Lust, dass eins zum anderen passe,

Lust, eine Form, der anderen zuzuneigen:

Eichkaters Pfoten zu der Nuss, Schweins Zahn

zur Eichel, Spechts Hammerklang zum Stamm

und alle Worte zu dem Schweigen.“

(Uwe Kolbe 2017: Das Nährende, in: Psalmen, 67.)

 

(15.3.2021)

At the most basic level, no one decides to start talking. In a crucially important sense, language is not an invention, a way of solving a problem. The very idea of a problem to be solved assumes language. This is why it is difficult to theorise about the origins of language and why philosophers have often come to grief trying. The myth that language is something  revealed by the divine solves nothing, but it should be possible to see why it is attractive, when the alternative seems to chase its tail so frustratingly.“

(Rowan Williams 2003: Lost Icons. Reflections on Cultural Bereavement, London, 72.)

 

(12.3.2021)

Die Leute predigen auch heute noch die Ehe, auch wenn sie der Sexualität offiziell weniger Schranken auferlegen. Sie predigen die Ehe, und die Schriftsteller schreiben von der Unmöglichkeit der Liebe. Die Leute predigen von Partnerschaft und Gleichberechtigung und vergessen den alten Begriff des Verstehens. Verstehen als Grundlage möglicher Liebe.“

(Undine Gruenter 2004: Der verschlossene Garten, München, 174)

 

(2.3.2021)

Man kann, ohne Übertreibung fürchten zu müssen, behaupten, dass der Geist der Wahrheit vom religiösen Leben heutzutage beinahe abwesend ist. Das lässt sich unter anderem auch aus der Art der Argumente erkennen, die zugunsten des Christentums vorgebracht werden. Viele davon sind wie Reklame für Kräftigungspillen.“

(Simone Weil 2011: Die Verwurzelung, Zürich, 231)

 

(24.2.2021)

Zu laut ist die Rhetorik von Erfolg und Mißerfolg, von Sieg und Niederlage, von Wettbewerb und Ranglisten – und das auch dort, wo sie nichts zu suchen hat. Die Kultur, wie ich sie mir wünschte, wäre ein leisere Kultur, eine Kultur der Stille, in der die Dinge so eingerichtet wären, daß jedem geholfen würde, zu seiner eigenen Stimme zu finden.“

(Peter Bieri 2011: Wie wollen wir leben, München, 34)

 

(23.2.2021)

„Diesmal sei zur Einleitung nur ein Kleines über die Theologie des Alltags im allgemeinen zu sagen: Das erste ist dies: Solch eine Theologie (des Alltags, BC) darf nicht meinen, sie können den Alltag zum Feiertag machen. Laß ruhig den Alltag Alltags sein, sagt solche Theologie zuerst. (…) Das zweite aber ist dies: Die schlichte und ehrlich angenommene Alltäglichkeit birgt selber das ewige Wunder und das schweigende Geheimnis, das wir Gott und seine heimliche Gnade nennen, gerade dann, wenn sie Alltäglichkeit bleibt.“

(Karl Rahner 1965: Alltägliche Dinge, Einsiedeln, 7f.)

 

(21.2.2021)

„Perhabs/ We pirouette// Under the stars,/ Under the sun,// For a d,/ay,/ For a year,// Frenetically,/ Gravely;// And nothing then.“

(Pádraig J Daly from „Qoheleth“)

(17.2.2021)

Where shall the word be found, where will the word/ Resound? Not here, there is not enough silence/ Not on the sea or on the islands, not/ On the mainland, in the desert or the rain land/, For those who walk in darkness/ Both in the day time and in the night time/ The right trime and the right place are not here/ No place of grace for those who avoid the face/ No time to rejoice for those who walk among noise and deny the voice“

(T.S. Eliot „Ash Wednesday“)

(16.2.2021)

And it proves how remarkable a lesser light can be when a greater has departed. Here simply & naturally the moon presides- tis true she was eclipsed by the sun-but now she acquires an almost equal respect & worship by reflecting & representing him-with some new quality perchance added to his light-showing how original the disciple may be-who still in mid-day is seen though pale & cloud-like beside his master. Such is a worthy disciple-  In his masters presence he still is seen and preserves a distinct existence-and in his absence he reflects and represents him-not without adding some new quality to his light-not servile & never rival-  As the master withdraws himself the disciple who was a pale cloud before begins to emit a silvery light-acquiring at last a tinge of golden as the darkness deepens.“

(Henry David Thoreau, Journal, July 11, 1851)

 

Das Schweigen als absichtsvolle Nichtkommunikation

In dem Buch eines Sozialwissenschaftlers lese ich, dass Schweigen „absichtsvolle Nichtkommunikation“ ist.[1]

Wer schweigt ist nicht einfach still, sondern er oder sie wählt die Stille als eine Form des besonderen Ausdrucks. Mit Bedacht schweigen wirkt nämlich nach. Oder wie geht es uns, wenn unser Brief oder eine Email unbeantwortet bleiben? Gewiss, es gibt auch Unachtsamkeit und das Vergessen. Aber es gibt eben auch die Möglichkeit, dass jemand absichtsvoll nicht kommuniziert. Dass eine Angelegenheit verschwiegen wird. Die dadurch vermittelte Botschaft ist vage und unbestimmt, aber gerade darum voller Hinterfragung.

In der Fastenzeit bereiten wir uns auf Ostern vor. Für viele Menschen gehört zu dieser Vorbereitung zumindest auch der Versuch, etwas Besinnung zu finden. Die Kirchen unserer Städte und Dörfer laden dazu ein, inmitten des inneren und äußeren Trubels einige Augenblicke in Stille zu verharren. „Sieben Wochen ohne inneren und äußeren Lärm“ könnte man sich zum Beispiel wünschen.

Aber eine Zeit der „absichtsvollen Nichtkommunikation“ ist auch die Fastenzeit nicht. Der berufliche und private Alltag nimmt keine Rücksicht auf unser Fasten-Bedürfnis. Die Chefin meldet sich mit ihren Wünschen. Wir planen den Osterurlaub und feiern weiterhin Geburtstage. Wer sich durch sein Schweigen und seine Abwesenheit all dem verweigert, zieht sich den Unwillen seiner Mitmenschen zu.

Trotzdem eignet sich die Fastenzeit dazu, sich auch selbstkritische Fragen zu stellen. Gibt es bei mir überhaupt Zeiten, zu denen ich absichtsvoll den Mund halte? Muss ich zu allem und jedem meine Meinung sagen? Wie viel Geschwätz von mir müssen meine Mitmenschen eigentlich ertragen? Wäre es nicht gesünder, ich schwiege manchmal?

„Es gibt eine Zeit zum Schweigen und eine Zeit zum Reden.“ So lese ich es im Buch Kohelet (3, 7) im Alten Testament der Bibel. Die Balance, das Gleichgewicht, das rechte Maß zwischen Schweigen und Reden macht es also. Und das Wissen, wann das eine und wann das andere dran ist.

Ich nehme diese Fastenzeit also zum Anlass, mich um ein gutes Gleichgewicht zwischen der absichtsvollen Kommunikation und der absichtsvollen Nichtkommunikation zu bemühen. In diesem Sinne bleiben mein Blog und mein Twitter-Kanal für die nächsten sieben Wochen stumm.

 

[1] Peter Fuchs 1989: Die Weltflucht der Mönche. Anmerkungen zur Funktion des monastisch-aszetischen Schweigens, in: Niklas Luhmann & Peter Fuchs 1989: Reden und Schweigen, Frankfurt/M.: Suhrkamp, S. 22.

Überarbeiteter Text einer Radioandacht aus dem Jahr 2012.

Aufräumen

Vor einigen Jahren hieß es an dieser Stelle „leichter werden„. Heute greife ich aus Anlass des Beginns der Fastenzeit eine scheinbar modische Zeiterscheinung auf: das Aufräumen.

Die mediale Präsenz der Japanerin Marie Kondo hat das Aufräumen in jüngerer Zeit zu einer fast schon spirituellen Praxis erhoben. Oder vielleicht besser: Die reinigende Wirkung des Aufräumens wird neu entdeckt: Äußerlich werden die Dinge durch das Aufräumen übersichtlicher, klarer und leicht aufzufinden. Und innerlich stellt sich, folgt man Kondo, so etwas wie Glück ein.

Nicht nur die Anschaffung und Erschaffung neuer Dinge macht also Freude . Wenn es zuviel der Dinge in unserem Leben geworden sind, macht auch eine neue gewonnene Übersicht glücklich. Aufräumen als detox. Das ist meist der Fall, aber nicht immer, hat mich doch die Tage mein Kind mit der Bemerkung irritiert, wie schön gemütlich es doch in ihrem unordentlichen Zimmer gewesen sei. Die Äußerung kam, nachdem wir für einige Zeit gemeinsam das Kinderzimmer aufgeräumt hatten.

Das Aufräumen hängt eng  mit dem Wahren der Ordnung zusammen. Und so wie es – nicht zuletzt auch politisch – ein Zuviel der Ordnung gibt, so kann es durchaus auch ein Zuviel des Aufräumens geben. Wer politisch „aufräumen“ möchte, hat dann auch meist nichts Gutes im Sinn.

Doch zu Beginn der Fastenzeit ist für mich der andere, der Gedanke wichtig: Ich möchte hier und da etwas Aufräumen. Ich möchte mein Leben etwas übersichtlicher gestalten. Ich möchte mich wieder neu zurechtfinden in meinem Leben. Das Zuviel und Überbordernde in meinem Leben soll herunter gefahren werden. Bei dem Weniger möchte ich glücklich landen.

Nicht zuletzt gibt einem das Aufräumen auch die Gelegenheit, verloren Geglaubtes wieder zu entdecken. So wie mein Kind: Unsere gemeinsame Ordnungsaktion brachte ein vielgeliebtes Kuscheltier wieder zum Vorschein. So falsch kann unser Aufräumen doch nicht gewesen sein.

Viel Spaß also beim Aufräumen, Übersicht gewinnen, Fasten.

 

Ich werde mich in den kommenden Wochen – bis Ostern – auf diesem Blog nur sporadisch zu Wort melden; wenn überhaupt. 

Fasten!

Ich mache Pause.

Ab Aschermittwoch, den 14. Februar bis mindestens Karsamstag, den 31. März ist hier und auch auf meinem Twitter_Kanal Sendepause. Im Hintergrund werde ich an dem einen oder anderen Text arbeiten. Veröffentlichen werde ich die nächsten sieben Wochen jedoch nichts.

Ich mache Pause. Ich faste. Ich erzeuge keine virtuellen Erzeugnisse, weder Langtexte noch Kurznachrichten. Ich entlaste mich einfach einmal für einige Wochen von dieser Art der Kommunikation. Vielleicht mache ich mir auch einmal wieder Gedanken über ein längerfristiges Veröffentlichungsprojekt. Oder ich überlege mir, welche Themen denn für die Zeit nach Ostern anstehen. Oder gar nichts von all dem. Denn ich pausiere nicht funktional. Ich faste nicht, um die Kreativität hervor zu zwingen. Ich faste einfach so.

Auf jeden Fall mache ich Pause. Ich kommuniziere nicht nicht. Wer mir eine Email schreiben möchte oder gar ein Brief, der wird auch eine Antwort erhalten. Doch ich gehe in die nächsten Wochen mit dem Vorsatz: Ich kommuniziere anders. Ich starte den Versuch, in meiner Kommunikation – ja was denn, … – einfach etwas kommunikativer zu sein. Das heißt auch, dass ich versuche, jede kurzfristige Selbstbehauptung fahren zu lassen. Es soll nicht um mich gehen. Sondern – und da bin ich einmal mehr ganz bei Max Weber – es geht um die Sache. Und diese Sache heißt bei einem Laiendominikaner etwas hochtrabend: Wahrheit. Daran soll mich mein Fasten erinnern.

Das sollte eigentlich immer so sein. Doch es gibt Zeiten, zu denen man sich solch ein Projekt der kommunikativen Dezentrierung besonders vornehmen sollte; und das Scheitern in und an diesen Zeiten sollte man gleich mit einkalkulieren. Fastenzeiten eben. Denn Fasten heißt: Nicht etwas nicht tun, sondern etwas anders tun (Jes. 58, 4-8).

Leichter werden

Ein Projekt für die Fastenzeit, die sieben Wochen zwischen Aschermittwoch und Ostern: leichter werden. Leichter werden an Ballast aus vergangenen Engagements.

Der Ballast der Bücher: Ich gehe durch meine Regale und sortiere aus. Viele Bücher brauche ich noch, an anderen hänge ich, wiederum andere kann ich aber wegtun. Weil ihr Zeitkern zu stark ist; weil mich das Thema auch auf Zukunft hin nicht beschäftigten wird; weil ich der Sache überdrüssig geworden bin. Der Traum von der großen Bibliothek muss so oder so ausgeträumt werden. Der Platz fehlt, das Geld auch.

Leichter werden an Briefen, an der verblichenen Korrespondenz, den Glückwünschen und Grüßen aus vergangenen Jahren. Werde ich sie jemals wieder anschauen? Nur jetzt, und dann nie mehr wieder. Der Akt des Leichter Werdens ist gleichzeitig auch der letzte Blick hinein in diese Aktenberge, der Abschied. Werden sich meine Kinder dafür interessieren? Diese werden genug damit zu tun haben, ihre eigenen Papiere zusammenzuhalten. Ein Archiv? Die Ehrlichkeit sagt: Nein.

Leichter werden an dem Sammelsurium früherer Projekte aus Wissenschaft und Forschung. Das wenigste, was auf dem wissenschaftlichen Markt erscheint ist von bleibendem Wert (das hängt natürlich vom Standpunkt ab). Also kann ich vieles entsorgen: Aufsätze, Vorträge, Pamphlete, Skizzen. Eine Bibliothek, die das Gesuchte in ihrem Bestand hat, wird sich immer finden. Ich vertraue, vielleicht etwas leichtsinnig, auf open access.

Leichter werden an Projekten und Ideen. Es ist Mode und Zwang geworden vielen Dingen zugleich nachzujagen: diesem Projekt, jener Idee. Wir brauchen sie, um uns innerlich auf Trapp zu halten, doch viele können auch endgültig verworfen werden. Ich konzentriere mich auf zwei, drei für mich spannende Dinge. Diese werden abgeschlossen, dann folgt das nächste. Keine Akkumulation ideeller Engagements.

Leichter werden. Ballast abwerfen. Es ist leichter geschrieben als getan.