Politik, Ethik und Religion – auf der Suche nach der guten Ordnung. Ein Tagungsbericht.

Wie können wir uns eine gute politische Ordnung vorstellen? Wie können konkrete Schritte hin zu einer solchen Ordnung aussehen? Welche gesellschaftlichen Akteure sind im Prozess der Verwirklichung dieser guten politischen Ordnung beteiligt? Und welche Rolle spielen Religion und Ethik bei der theoretischen und praktischen Ausgestaltung einer solchen Ordnung?

Diesen Fragen widmete sich die Tagung, die der Arbeitskreis „Politik und Religion“ gemeinsam mit dem Arbeitskreis „Politik und Recht“ (beide DVPW) vom 22. bis 24. März in der Katholischen Akademie in Berlin veranstaltete.

Die diversen interdisziplinären Beiträge der Tagung formierten sich zu einem bemerkenswerten Kaleidoskop verschiedener Vorstellungen von einer guten Ordnung. Fraglos vorausgesetzt wurde in der Runde der Anwesenden die grundlegende Annahme, dass eine gute politische Ordnung ein anzustrebendes Ziel sei. Auf jeden Fall wurde dieser Punkt nicht näher hinterfragt. Die Beiträge der Tagung und die Diskussion zeigten dann aber rasch, dass es ganz unterschiedliche Perspektiven und Akzentuierungen gibt, wenn man sich der Frage nach dem gesamtgesellschaftlichen Guten und dem Beitrag von Religion und Ethik widmet. Im Folgenden werden einige ausgewählte Diskussionsstränge näher erläutert.

Ambivalenz des Ordnungsdenkens

Soll man sich beispielsweise mit Hilfe einer Zivilreligion, politischen Theologie oder einer politischen Religion eine Antwort zurechtlegen? Bruno Godefroy (Lyon/Nürnberg) mahnte hier zur Vorsicht. Vor allem die zuletzt genannten Denkbewegungen – die politischen Religionen, wie sie von Eric Voegelin kritisch beschrieben wurden und die eher formal zu beschreibende politische Theologie eines Carl Schmitt – sind zwar beide ordnungspolitisch orientiert. Zur Ausformulierung einer „guten“ politischen Ordnung taugen diese Entwürfe aber nicht, sind ihre Texte doch durch rhetorisch-ideologische Überbietungsgesten und ihre Begriffe (Feind, Volk usw.) durch identitäre Essentialisierungen geprägt.

Legt man – so wie es Oliver Hildalgo (Regensburg) tat – im Gefolge von Karl Mannheim einen weiten Ideologiebegriff an, so lassen sich Religion und Ideologie als funktionale Äquivalente bezeichnen. Ideologien und Religionen fungieren dann für die Gesellschaft als eine Ressource der Orientierung und des sozialen Zusammenhaltes. Dabei ist bemerkenswert, dass dieser Zusammenhalt gerade nicht durch ideologische bzw. religiöse Uniformität abgesichert wird, sondern vielmehr von einer Pluralität von Akteuren, Meinungen und Weltanschauungen, die sich sozusagen in einem zivilisierten Dauerstreit befinden und sich dadurch zur gegenseitigen Anschlussfähigkeit erziehen. Fabian Poetke (München) verwies mit Blick auf die bundesrepublikanische Nachkriegszeit auf die Notwendigkeit, religiös-ethische Standpunkte „ernst zu nehmen“ – also de facto einen regelmäßigen Gesprächsfaden aufzunehmen – um religiösen Akteure die Möglichkeit der Integration in eine gesamtgesellschaftliche Ordnung zu geben. Ähnlich argumentierte Hanna Fülling (Berlin) mit Blick auf die deutsche Islampolitik und die bleibende Herausforderung, die in diesem Zusammenhang aktiven Akteure in die politisch-gesellschaftliche Ordnung einzubinden.

Böckenförde reloaded

Wie lässt sich eine gute politische Ordnung aber argumentativ ableiten? Ganz und gar nicht abwegig ist hier eine Referenz auf das naturrechtliche Denken. Gerhard Krieger (Trier) stellte mit Thomas von Aquin (1225-1274) und Johannes Buridanus (1304/5 – mind. 1357) zwei im weitesten Sinne naturrechtliche Denker vor. Deren auf Vernunfts- und weniger auf Glaubensaussagen fußende Ordnungsvorstellungen seien, so Krieger, durchaus an den modernen Menschenrechtsdiskurs anschlussfähig. Ähnliches lässt sich im 20. Jahrhundert für Ernst-Wolfgang Böckenförde und dessen Argument sagen, der freiheitlich säkularisierte Staat lebe von Voraussetzungen, die er selbst nicht schaffen könne. Mit Blick auf das Tagungsthema könnte dies so umformuliert werden, dass die Bedingungen der Möglichkeit einer guten Ordnung jenseits der Verfügungsmacht jener liege, welche diese Ordnung auf der Akteursebene auf den Weg bringen wollen. Daran schloss Oliver Lembcke (Jena) an, indem er Böckenfördes Verständnis eines „Ethos der Gerechtigkeit“ mit dessen Dimensionen eines gegenseitigen Vertrauens, Respekts und der korrespondierenden Zurückhaltung sozusagen als grundlegende bürgerliche Disposition in einem Rechtsstaat umriss.

Wie aber können Religionen bzw. religiöse Überlieferungstraditionen zur Etablierung einer guten Ordnung beitragen? Michael Seewald (Münster) zeigte sich skeptisch, ob sich dieser Beitrag aus den dogmatischen Bekenntnistraditionen einzelner Religionen quasi automatisch ergibt. Aussagen, die dem Christentum grundsätzlich eine Affinität (und dem Islam grundsätzlich eine Opposition) zum säkularen Staat zuschreiben möchten, sind argumentativ nicht haltbare Postulate einer essentialistischen Wesensverwandtschaft von Weltanschauung und politischer Ordnung. Es sind, so Seewald, eher diverse religiöse „Sinnfragmente“, die gläubige Individuen mit Identitätsressourcen versorgten, welche diese wiederum in die konkrete staatliche Ordnung einbringen.

Religiöse Argumente übersetzen?

Entscheidend für jegliche ethische bzw. religiöse Geltungsansprüche ist, ob sie berechtigterweise davon ausgehen, dass sie universalisierbar sind, wie es Bernhard Laux (Regensburg) näher beschrieb. Hier knüpft dann die von Jürgen Habermas (neu) ins Spiel gebrachte Übersetzungsmetapher – zumindest für den deutschsprachigen Diskurs – eine wichtige Verbindung. Eva Buddeberg (Frankfurt/Main) macht im Anschluss an Habermas und Kant auf die Sinnressourcen aufmerksam, die in religiösen Argumenten und religiösen Praktiken und Ritualen verborgen liegen können. Durch einen (auch bei Habermas nicht näher beschriebenen) vorparlamentarischen Filter können diese Ressourcen in den politischen Diskurs diffundieren und damit letztlich auch politische Entscheidungen mit beeinflussen. In diesem Diffusionsvorgang müssen sich religiöse Argumente in allgemein zugängliche, d.h. vernünftige ethische Argumente überführen lassen, um legitimerweise politisch orientierend und ordnend wirken zu dürfen. Eine Frage bleibt dabei aber unbeantwortet: Was ist mit jenen religiösen oder auch ideologischen Sinnressourcen, die sich einer funktional verstandenen Übersetzung entziehen, sei es, da sie – wie z.B. Rituale – auf Emotionalisierung bzw. symbolische Kommunikation setzen oder da sie – wie im Falle eschatologischer Glaubensüberzeugungen – sich widerständig gegenüber einer Übersetzung verhalten?

Um eine solche argumentative Übersetzung scheren sich manche religiösen Akteure im politischen Diskurs erst gar nicht. So zeigte Laura Achtelstetter (Cambridge), dass die sogenannten Altkonservativen im preußischen Vormärz ihre Argumente gegen eine Reform der Ehescheidungsgesetzgebung dezidiert mit theologischer Rhetorik unterfütterten und diese so auch innerhalb politischer Institutionen vertraten. Ähnliches zeigte Lena Schacht (Berlin) mit ihrem Beitrag zur katholischen Kirche als Vetospieler während verschiedener moralpolitischer Gesetzgebungsverfahren im westeuropäischen 21. Jahrhundert auf.

Das individuelle Streben nach einem guten Leben und die kollektive Sehnsucht nach einer guten Ordnung fußen nicht selten auf religiösen Motivationen. Mit Blick auf die Empirie zeigt sich dann aber immer wieder: Ein weltanschaulich plurales Setting fördert die Bereitschaft der religiösen Akteure, ihre Beiträge auf möglichst universalisierbare Weise zu formulieren und zu präsentieren. Religiöse Motivationen können schließlich kaum konstruktive Wirkung entfalten, wenn sie nicht anschlussfähig sind. Karl Gabriel (Münster) zeigte anhand zentraler Begrifflichkeiten, wie beispielsweise Solidarität und Subsidarität, wie diese den deutschen Wohlfahrtsstaatsdiskurs in den vergangenen Jahrzehnten prägten und wie sich diese konkreten – katholischen bzw. protestantischen – Denktraditionen in wirkmächtige, d.h. die Gesetzgebung beeinflussende Konzepte überführen ließen. Dass solche Konzepte nicht aus sich heraus tätig werden, sondern konkrete Akteure und Netzwerkbildung voraussetzen, zeigten Julia Drubel und Christopher Finke (Gießen) mit ihrem Beitrag zu verschiedenen unitarisch inspirierten und global aktiven interreligiösen Gesprächsformaten. Und auch das Bundesverfassungsgericht hat sich für den bundesrepublikanischen Diskurs als ein entscheidender Akteur im politisch-religiösen Ordnungsdiskurs erwiesen, wie Thomas Gawron (Berlin) erläuterte.

Ist eine gute Ordnung möglich?

Die materialen Gehalte einer möglichen guten Ordnung, also die Fragen nach der konkreten Gestalt von Gerechtigkeit, Freiheit, Gleichheit, Frieden usw., wurden im Rahmen der Tagung wenig thematisiert. Zeigt sich darin vielleicht ein gewisses akademisches Unbehagen gegenüber ethisch-religiöser Festlegung? Oder sollte man vielleicht anders fragen: Besteht eine gute Ordnung gerade darin, dass sie immer nur im Stadium des „noch nicht“ verbleibt? Dass sie sich der konkreten politischen Verwirklichung entzieht? Kennt das freiheitlich-demokratische Gemeinwesen überhaupt die Ordnung nur stets im Modus des Werdens und nicht im Modus des Seins? „Die“ gute politische Ordnung wäre folglich jene, welche ihre materialen Gehalte – und handfeste Kriterien zur Bewertung dieser Gehalte sind aus Sicht des Autors unverzichtbar – im Bewusstsein der eigenen Begrenzung und mit realistischem Sinn für das Mögliche anstrebt. Also ganz im Sinne von John Henry Newmans urmodernem Statement: „In a higher world it is otherwise, but here below to live is to change, and to be perfect is to have changed often.“

 

Dieser Bericht erscheint zeitgleich auf dem „theorieblog“ und auf dem ideengeschichtlichen Blog des Autors „rotsinn“.

 

 

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„Migration in Political Theory“ (hrsg. von Sarah Fine & Lea Ypi) – eine Besprechung

Sarah Fine (King’s College, London) und Lea Ypi (LSE, London) legen einen Band vor, der kaum aktueller sein könnte. Das Interesse an wissenschaftlicher Migrationsforschung hat im Zuge der sogenannten Flüchtlingskrise hierzulande sehr zugenommen. Es herrscht offenbar großer Bedarf an empirischem Wissen und normativer Orientierung über die Phänomene Flucht und Migration. Ein Blick in das kurze Vorwort des Buches macht aber klar, dass es den Herausgeberinnen nicht um einen tagesaktuellen Schnellschuss geht: Der Band versammelt nämlich eine Zahl von Beiträgen, die aus Anlass einer Tagung in Cambridge im Oktober 2011 erstellt wurden. Die doch schon erhebliche Verzögerung in der Publikation hat nun den angenehmen Nebeneffekt, dass dem Buch großes Interesse entgegen gebracht wird.

Der Untertitel des Bandes – „The Ethics of Movement and Membership“ – macht deutlich, dass es dem Band um die Darstellung verschiedener normativer Zugänge zum Thema der Migration geht. Dabei kann aber nicht davon ausgegangen werden, dass unter den zwölf Autorinnen und Autoren aus Nordamerika und Großbritannien Konsens herrscht über die normative Ausrichtung. Das macht gerade den Reiz des Bandes aus: Er stellt dem Leser normative Beiträge unterschiedlicher Provenienz vor, die ausnahmslos argumentativ vertretbare, aber zum Teil gegenläufige Positionen zu Ein- und Auswanderung, Mitgliedschaft und Staatsbürgerschaft, Inklusion und Exklusion in die Debatte einbringen. Es zeigt sich mit zunehmender Lektüre, dass es mit Blick auf Migration und Flucht eben nicht nur eine mögliche normative Haltung gibt, sondern dass Alternativen wählbar sind.

(…)

Weiterlesen können Sie in der Politischen Vierteljahresschrift, Jg. 58 Nr. 3/2017, S. 473-475. Sollten es Ihnen nicht möglich sein, den Text über Ihre Bibliothek zu beziehen, melden Sie sich bitte per Mail bei mir.

„Slippery Slope“ und „Dammbruch“ – Über den Gebrauch von Metaphern in ethischen Debatten

Die kürzliche Unterhaus-Entscheidung in Großbritannien zum sog. „Drei-Eltern-Baby“ hat mich erneut auf eine englisch-sprachige Metapher gestoßen, die in bioethischen Debatten häufig anzutreffen sind: die Metapher vom „slippery slope“. Mit „slippery slope“ ist – abstrakt gesprochen – gemeint, dass die Verwirklichung eines Zustandes A zwangsläufig zur späteren Verwirklichung eines Zustandes B führen wird; wobei Zustand A aus Sicht des Betrachters vielleicht noch akzeptabel ist, Zustand B aber keineswegs.

In der aktuellen Ausgabe von The Tablet nimmt Jack Mahoney SJ zu dieser Metapher wie folgt Stellung:

„Like many medical advances, three-parent childbirth encounters the so-called ’slippery slope‘ objection, the question, ‚Where will it end?‘ implying the answer, ‚In inevitable disaster‘. What this objections does not appreciate is that we actually spend much of our lives on slippery slopes. (…) On slippery slopes, Dame Mary Warnock once observed, whether you can keep your footing or not depends on whether you are wearing skis or crampons.“ (The Tablet, 7. Februar 2015, 6).

Der Moraltheologe Mahoney dynamisiert in dieser kurzen Passage die ansonsten statisch verwendete Metapher des „slippery slope“. Es geht nicht darum, dass wir jetzt eine Entscheidung treffen, die später zur Katastrophe führen wird. Es geht darum, dass wir das grundsätzlich Abschüssige, die onthologische Hanglage unserer Existenz mit brauchbarem Schuhwerk durchqueren, jetzt und später. Das heißt, dass es in (ethischen) Debatten nicht den point of no return (ein weitere Metapher) gibt, sondern jeder Augenblick ein solcher Punkt sein kann bzw. solche Punkte durch weitere Entwicklungen unerwartet wiederkehren können. Für Weltuntergangsstimmung und festsitzenden Kulturpessimismus gibt es für Erste keinen Grund.

Der englische „slippery slope“ ist der deutsche „Dammbruch“. Die beiden Metaphern speisen sich aus unterschiedlichen Semantiken, meinen aber dasselbe. Der „Dammbruch“ spielt auf die unweigerliche Katastrophe an, welche auf die erstmalige und vielleicht auch einmalige Durchstoßung einer zuvor vorhandenen Grenze folgen wird. Auch der „Dammbruch“ spielt mit zeitlich getackteten Kausalitäten, die vom Betrachter unweigerlich erwartet werden: Wenn der Damm bricht, dann ist es auch bald für das Hinterland aus. Ein Gleichgewicht der Kräfte ist dann unweigerlich verloren.

Auch aus Sicht der Befürworter eines Status quo sollten diese beiden Metaphern eigentlich so wenig wie möglich genutzt werden. Wenn man auf dem abschüssigen Hang ins Rutschen gekommen ist oder der Damm gebrochen ist, dann ist – so will es die Logik der Metapher – eigentlich keine Rettung mehr möglich. Wenn also jemand in Bezug auf eine bestimmte Entscheidung oder Handlung davon spricht, dass diese einen Dammbruch darstellen, dann kann man anschließend eigentlich jede weitere Gegenwehr einstellen. Denn: Der Damm ist gebrochen; es gibt kein Halten mehr; rette sich, wer kann. Gleiches gilt für den „slippery slope“.

Bei meinem Einwand handelt es sich nicht um ein material-ethisches Argument. Der Sache nach mögen die eine oder die andere Entscheidung tatsächlich fragwürdig oder gar rundheraus falsch sein. Mir geht es hier um eine sprachliche Metapher, mit deren häufigem Gebrauch versucht wird, Debatten zu schließen und Argumente des Gegners tot zu schlagen. Vielleicht auch, weil einem die Fachkenntnis abgeht oder die eigenen Argumente fehlen. „Dammbruch“ und „Slippery slope“ sind Metaphern, die oft und gerne von Personen verwendet werden, die einen argumentativen Ort eingenommen haben, der einem statischen Nullpunkt gleicht. Eine Abweichung von diesem Nullpunkt kommt für sie nicht in Frage. Kompromisse sind nicht möglich. Denn: ein halber Dammbruch führt unweigerlich zum ganzen Dammbruch; wer auf dem Hang einmal ausgerutscht ist, kommt aus dem Rutschen nicht mehr heraus.

Für den, dem der „slippery slope“ bzw. der „Dammbruch“ zum onthologischen Grundgerüst des Alltags gehört, sind ethische Debatten keineswegs müßig. Doch sie verlieren in ihrer Singularität an Katastrophenpotential. Es geht nicht vorrangig darum, in dieser oder jener Diskussion den Dammbruch zu verhindern. Es geht darum, in den Stürmen des alltäglichen Handelns und Entscheidens zu bestehen und bei allen Kompromissen den Blick nicht abzuwenden von den eigenen Prinzipien, der Wahrheit.

 

 

Begriffene Ethik. Der „Ethik-Kompass“ stellt 77 ethische Grundbegriffe vor.

Auf meinem Schreibtisch liegt der sogenannte „Ethik-Kompass“, herausgegeben von Klaus Ebeling und Matthias Gillner im Herder Verlag. In dem Buch vermessen die Autorinnen und Autoren das Feld der Ethik anhand von ausgewählten grundlegenden Begriffen. Es sind 77 an der Zahl, und die Herausgeber nennen sie „Leitbegriffe“.

In der Einführung erklären Ebeling und Gillner ihre Motivation. Es geht um eine „Klärung elementarer Begriffe und ethischer Argumentationsweisen“ (10). Das Buch soll eine „Orientierungshilfe“ (ebd.) geben, wobei unter der Orientierung eine „wohlbegründete“ und „durchdachte“ Unterstützung in den aktuellen „Krisen des Handelns“ (8) gemeint ist, wie es in dem Vorwort, das von Hans Joas beigesteuert wurde, heißt.

Die Veröffentlichung im Herder-Verlag legt nahe, dass das Buch auf christlich-katholische Traditionsbestände zurückgreift, um die unterschiedlichen Begriffsklärungen vorzunehmen. Dies ist auch der Fall; nur so erklären sich Artikel zu Begriffen wie „Kasuistik“ und „Bergpredigt“. Doch den verschiedenen Autorinnen und Autoren ist es auch wichtig, bei aller Eindeutigkeit der weltanschaulichen Orientierung einen Beitrag zu einem rationalen Diskurs über ethische Grundlagen zu leisten. Thomas von Aquin, Josef Pieper und die deutschen Bischöfe kommen somit genauso zu Wort wie Immanuel Kant, Axel Honneth und Stefan Gosepath.

Die einzelnen Beiträge in dem Buch sind höchstens zwei Seiten lang, werden von einem (mal mehr oder mal minder passenden) Bild begleitet und möchten ausdrücklich eine Leserschaft ansprechen, die in den ethischen Fachdiskursen nicht zu Hause ist. Gelegentlich gerät diese Ansprache etwas arg jugendlich – wenn zum Beispiel einzelne Artikel sich mit offenbar trendigen Song-Texten zieren möchten. Zumeist hilft der niederschwellige Sprachduktus aber bei der Vermittlung komplexer Zusammenhänge einer selbst für Fachleute unübersichtlich gewordenen akademischen Disziplin.

Die Einteilung in einzelne Begriffe macht das Buch schnell zugänglich. Dabei überzeugen die Texte nicht durchgängig, wie es bei einer solchen Publikation nicht vollends zu vermeiden ist. Der eine oder andere Abschnitt fällt etwas zu essayistisch aus (z.B. „Entscheidung“ oder „Sinn“), andere überstrapazieren niederschwellig gemeinte Anekdoten (z.B. „Recht“). Im Großen und Ganzen können die Herausgeber aber mit dem Ergebnis zufrieden sein. Der feine Grat zwischen allgemeiner Verständlichkeit und fachlicher Gründlichkeit wird meist gut gehalten.

Über die Auswahl der Begriffe lässt sich bei solch einer Publikation trefflich streiten. So vermisse ich beispielsweise einen eigenen Beitrag, welcher den Umgang mit der nicht-menschlichen Umwelt näher thematisiert; der Artikel zu „Natur“ tut dies nur beiläufig. Und ob es sich bei den „Zehn Geboten“ wirklich um einen Begriff handelt ist sehr fraglich. Doch insgesamt kann man mit der Auswahl der Herausgeber zufrieden sein. Wer nach der Lektüre des Buches nicht genug hat, kann ja noch zum „Historischen Wörterbuch der Philosophie“ oder anderen Monumentalwerken der Philosophie- und Ideengeschichte greifen.

Insgesamt ist der „Ethik-Kompass“ zu loben. Er ist handlich, lesbar, fundiert und gelegentlich sogar kurzweilig. Und von welchem philosophischen Übersichtswerk – ausgenommen natürlich Andreas Sommers ‚Lexikon der imaginären philosophischen Werke‘ aus dem Jahr 2012 – lässt sich dies wirklich behaupten?!