Sachlichkeit und lange Frist. Über Max Weber und die politische Verantwortung post-Brexit

Unmittelbar nach dem Brexit-Referendum der Briten am 23. Juni zogen sich die maßgeblichen Brexit-Befürworter Boris Johnson und Nigel Farage aus dem politischen Leben der Insel zurück; im Falle Johnsons dauerte dieser Rückzug lediglich bis zur Übernahme des Amtes des britischen Außenministers in der Regierung der neuen Premierministerin; Farage gab seinen Parteivorsitz ab, bezieht aber weiterhin Diäten als Abgeordneter im europäischen Parlament. Diesen Teilrückzug  erläuterte Farage mit dem Hinweis, er wolle nun sein Leben zurück haben.

Diese Scharaden lösten in Teilen der Öffentlichkeit Häme aus. Zu offensichtlich war für viele der Mangel an politischem Verantwortungsgefühl, den Johnson und Farage durch ihren Rückzug offenbarten. Ihnen wurde vorgeworfen, ihr politisches Engagement allein einem destruktiven Vorhaben gewidmet zu haben, die anschließend notwendigen Aufräumarbeiten aber anderen zu überlassen. Damit handelten sie vollkommen unverantwortlich, so das allgemeine Urteil. Was aber ist unter politischer Verantwortung zu verstehen? Was haben sich Johnson und Farage – sozusagen auf einer Metaebene – zu schulden kommen lassen?

Um die Frage zu beantworten, nehme ich (einmal mehr) bei Max Weber Zuflucht. Drei Leidenschaften sind, so Max Weber, bei einem Politiker maßgeblich: Leidenschaft, Augenmaß, Verantwortungsgefühl (vgl. Max Weber 1992: Politik als Beruf, Stuttgart, 62). Leidenschaft heißt bei Weber auf Politiker (und Politikerinnen) bezogen deren „leidenschaftliche Hingabe an eine Sache, an den Gott oder Dämon, der ihr Gebieter ist“ (ebd.). Diese Leidenschaft kann man den Brexit-Befürwortern – auch wenn man deren Sache inhaltlich nicht teilt – sicherlich nicht absprechen. Weit mehr als die Brexit-Gegner, die vorwiegend mit Zahlen, Statistiken und Drohungen hantierten, waren die Brexit-Befürworter mit Herz bei der Sache. Dass darunter im großen Stil die Wahrheit und Wahrhaftigkeit zu leiden hatte, steht auf einem anderen Blatt.

Beim Augenmaß muss man angesichts der populistischen Agitation der Brexit-Befürworter schon mehr Abstriche machen. Augenmaß umschreibt Max Weber nämlich folgendermaßen: Es ist die „Fähigkeit, die Realitäten mit innerer Sammlung und Ruhe auf sich wirken zu lassen , also: der Distanz zu den Dingen und Menschen“ (ebd.). Was Populisten – und Farage und Johnson werden zu dieser Spezies Politiker gezählt – Tag für Tag tun, ist vom Grunde her das Gegenteil von Augenmaß und Distanz. Sie suchen nämlich die oberflächliche Nähe zu dem gemeinen Volk und suggerieren Vertraulichkeit. Dabei nehmen sie es mit der Wirklichkeit und den Fakten nicht so ernst und legen nahe, dass komplizierte politische Problemlagen mit einem einfachen Kniff aufzulösen sind. Populisten handeln weniger aus sachlichen Erwägungen heraus als aus politischem Instinkt. Damit sind sie weit weg von den eigentlichen Problemen und sehr nahe dran an einem von Weber kritisierten „unsachlichen Machtstreben“ und an einer „rein persönlichen Selbstberauschung“ (63).

Nun zum Verantwortungsgefühl bzw. zur Verantwortlichkeit. Die politische Verantwortung ist bei Weber dadurch geprägt, dass sie vorrangig sachlich definiert ist. Max Weber spricht in Politik als Beruf vom „sachlichen Verantwortungsgefühl“ (62) und von der „Verantwortlichkeit gegenüber ebendieser Sache“ (ebd.). Verantwortung gibt es also nicht abstrakt; sie bezieht sich stets auf einen Gegenstand, auf ein Ziel, das ich als Politiker vorantreiben möchte. Dieses Ziel hat widmet sich einer konkreten Fragestellung, es hat, so Weber, sachlicher Natur zu sein. Persönliches Machtstreben gehört also ebenso wenig zu den sachlichen Zielen wie der Machterhalt für eine bestimmte politische Gruppe. Solche Zielen sind unsachlich und damit unverantwortlich.

Verantwortung hat auch eine zeitliche Dimension. Ein paar Seiten weiter spricht Max Weber nämlich auch von der „Verantwortung vor der Zukunft“ (66), die ein Politiker haben sollte. Diese ergibt sich gerade aus den erwähnten Sachlichkeitserwägungen heraus. Denn, wer einer Sache dient, der ist in der Regel langfristig an dieser Sache interessiert. Wer ein langfristiges Ziel verfolgt, der gestaltet mit, kämpft weiter, möchte den sachlichen bestmöglichen Erfolg in Bezug auf sein Ziel erreichen, jetzt und auf Dauer. Ihn interessiert nicht nur, wie er sich im Augenblick der Entscheidung persönlich fühlt, in interessiert auch, was dieser Augenblick der Entscheidung mit ihm und der Welt macht. Er ist interessiert sich für die zeitlich nachgelagerten „Folgen“ (70) von politischen Entscheidungen. Für die Folgen seines eigenen Handelns hat man „aufzukommen“, so Weber in einem für ihn durchaus typischen fatalistischen Tonfall (ebd.). Man ist persönlich für sie verantwortlich. Politische Verantwortung nimmt also die lange Frist dieser Folgen in den Blick. Kurzfristige Geländegewinne und Profite mögen die eigene Klientel ruhig stellen, sie sind aber nicht im letzten Sinne verantwortlich.

Ein Rückzug nach dem vollbrachten Zerstörungswerk ist daher unverantwortlich. Boris Johnson und Nigel Farage mögen daher vielleicht einer Sache gedient haben (EU-Austritt), an den langfristigen Folgen ihres politischen Handeln, an dem zukünftigen Ergehen ihres Landes außerhalb der EU haben sie aber anscheinend kein Interesse. Es fallen einem noch weitere Kandidaten (und Kandidatinnen) ein, die es an politischer Verantwortung (nach Max Weber) mangeln lassen. Überall dort, wo nicht mehr die Sache, sondern der reine Machterhalt oder – gewinn und nicht mehr die langfristigen Folgen, sondern der kurzfristige Gewinn im Vordergrund stehen, überall dort sucht man vergeblich nach gelebter politischer Verantwortung.

Schwierig wird es natürlich dann, wenn Politiker ganz bewusst auf die destruktiven Folgen ihres Handelns hoffen, wenn sie sich sozusagen ganz und gar einem langfristigen Zerstörungswerk gewidmet haben. Zur Verteidigung der politischen Verantwortung muss dann mit wesentlich normativerem Pulver geschossen werden, als das es das Werk Max Webers hergibt.

Liberal Decisionism – a Carl Schmitt legacy

Wer Interesse hat an einem älteren Text zu Carl Schmitt und dessen ideengeschichtlichem Nachwirken in der Bundesrepublik, der sei auf beiliegende Einführung und den weiterführenden Link verwiesen. Aufgrund einer negativen Begutachtung wurde der Text nie veröffentlicht. Vor einiger Zeit habe ich ihn dann auf der Plattform academia.edu hochgeladen. So war die Arbeit daran nicht ganz umsonst.

Carl Schmitt continues to haunt German political thought and intellectual life. In that, the name Carl Schmitt represents a number of pre-2nd World War ideas, concepts and programmes which have been met with a mixture of reverence and loathing by post-war intellectuals in Germany. On the one hand, Schmitt’s work and biography have been interpreted as an affirmative approach towards totalitarianism which is the cause of some embarrassment even today. On the other hand, we may identify a rise of political and philosophical reasoning that draws upon the work of Carl Schmitt positively. This rise is very much also an international phenomena with the work of Giorgio Agamben and Chantal Mouffe being indicative of a constructive, if critical, approach towards Schmitt and the way of thinking he came to represent.

This article will concentrate on the shadow which the work of Carl Schmitt still casts upon the intellectual setup in Germany. As research on Schmitt has grown tremendously since the late 1970s and many facets of his life and thinking have been analysed by focusing on Schmitt’s notion of the ‘decision’ and the post-Schmittian development of this concept. For the ‘decision’ has proved to be a stumbling block in post-war intellectual debates about the political make-up of German society. A number of authors have dealt with Schmitt’s concept of the ‘decision’ and both polemic as well as constructive contributions may be identified. Turning one’s attention to the importance of decision-making within a (German) democracy always had to go along with a pronounced distance from the authoritarian ‘decisionism’ – as this trait of thought came to be called – which Schmitt represented. As a result, every kind of decisionism was (and often still is) suspected of being elitist, anti-democratic or outright fascist.

This suspicion also holds true for liberal readings of Carl Schmitt’s decisionism which will be at the core of this article. On the one hand a liberal interpretation of Schmitt stresses that the political decision – both as a concept and as a phenomenon ­– is a crucial element of democratic societies. On the other hand is, however, the rejection of the emphatic decisionism which was fashionable during the 1920s.

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„Der Augenblick, das wunderliche Ding“. Über den Zusammenhang von Tanz, Politik und Liturgie.

Gliederung:

1. Der Augenblick im Tanz

2. Der Augenblick in der Liturgie

3. Der Augenblick in der Politik

 

1. Der Augenblick im Tanz

Das klassische Ballett arbeitet mit lauter Höhepunkten, in denen sich der Tanz zu ästhetischen Gipfeln aufschwingt. Ich darf aus einem Aufsatz von Gabriele Brandstetter zum Thema zitieren: „Im erfüllten Augenblick offenbart sich die Schönheit der an die zeitliche Sukzession gebundenen tänzerischen Bewegung.“ (Brandstetter, Gabriele 1984: Elevation und Transparenz. Der Augenblick im Ballett und modernen Bühnentanz, in: Thomsen, Christan & Holländer, Hans (Hrsg.): Augenblick und Zeitpunkt. Studien zur Zeitstruktur und Zeitmetaphorik in Kunst und Wissenschaften, Darmstadt, 476) Es geht also in diesem Kontext weniger um den Augenblick im Verlauf einer Geschichte im klassischen Erzählballett. Vielmehr geht es um den Augenblick als der Offenbarung einer Schönheit von Bewegung. Bewegung verdichtet sich im Augenblick zu einer ästhetischen Klimax.

Diese ästhetische Verdichtung geschieht im klassischen Tanz u.a. in der sogenannten Elevation. Elevation heißt im Tanz soviel wie die Erhebung des Körpers und die scheinbare Aufhebung der Schwerkraft darin. Im pas de deux hebt normalerweise der Mann die Frau in Höhe; im Solo der Frau befindet sich diese unablässig en point, auf den Zehenspitzen; und das Solo des Mannes zeichnet sich gewöhnlich durch phänomenale Luftsprünge aus. All diese Elevationen des klassischen Balletts versuchen einen „Schein totaler Freiheit in der Schwerelosigkeit“ (ebd. 477) aufzubauen. Die bleibende Schwere des Körperlichen hat aber zur Folge, daß dieser Schein der Freiheit nur für den Bruchteil einer Sekunde aufrechterhalten werden kann. Der Körper wird schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Aufgrund der tatsächlichen Schwere des Körpers ist die Elevation also ein zeitlich kurzer Moment.

Die Elevation geschieht aber nicht nur in einem kurzen Moment. Sie ist zur gleichen Zeit ein wunderlicher Augenblick, da in ihr der Höhepunkt des schönen Scheins dem Zuschauer offenbar wird. „Das Prinzip der Elevation strebt nach dem Paradox eines Augenblicks der gleichsam gedehnten Sekunde, in der die Bindung an die Schwerkraft aufgehoben ist und der Schein der Ewigkeit dieser (körperlichen) Freiheit für einen Moment aufleuchtet.“ (ebd. 478) Von dem französischen Tänzer Auguste Vestris wird dann auch die Geschichte erzählt, er sei nach einer Elevation jeweils nur aus Rücksicht und Höflichkeit gegenüber seinen Kollegen auf den Bühnenboden zurückgekehrt. In einem älteren englischsprachigen Nachschlagewerk findet sich dazu folgender kurzer Text:

Elevation, term applied to all aerial movements as opposed to terre à terre movements in which the feet barely leave the ground. Nijinski, who was possessed of phenomenal elevation, was (erroneously) said to have had the power to remain at the highest point of ascent for a fraction of a second before he descended (a physical impossibility). Whilst there are countless testimonies of Nijinski’s prowess, there are none to Gaetano Vestris’s claim that ‘If my son (Auguste Vestris) ever comes to earth it is only out of courtesy to his colleagues.’” (in: G.B.L. Wilson 1957: A Dictionary of Ballett, London, 111).

Die Botschaft des klassischen Ballett heißt also, daß der Augenblick der Elevation der Höhepunkt des Tanzes ist. Und ein guter Tänzer ist jener, der diesem Augenblick auch noch den allerletzten ästhetischen Reiz abringen kann und die Zuschauer zur Verzückung bringt.

2. Der Augenblick in der Liturgie

Der Titel dieses Beitrags – „der Augenblick, das wunderliche Ding“ – ist einem Dialog des Platons entnommen. In seinem „Parmenides“ bedenkt der Grieche die Frage, was denn den Übergang von der Ruhe zur Bewegung ausmache. „Wann also geht es über?“ läßt Platon fragen, und er gibt die Antwort: „Dieses wunderbare Wesen, der Augenblick, liegt zwischen der Bewegung und der Ruhe als außer aller Zeit seiend.“ ( §3.3.) Im Augenblick, in dem was außer aller Zeit ist geschieht eine Verwandlung. Das ist kein Prozeß, der da vonstatten geht und keine allmähliche Veränderung, sondern einfach so wird im Augenblick aus Ruhe Bewegung, aus Nichts wird Sein. Es wird etwas Neues. Der Augenblick ist somit nicht einfach der Höhepunkt einer prozeßhaften Entwicklung wie bisher geschildert, sondern der Augenblick ist Höhepunkt und Wandlungspunkt zugleich.

Schlägt man im Duden unter dem Stichwort „Elevation“ nach, so findet sich keinerlei Verweis auf den Tanz. Vielmehr findet sich folgender Eintrag: „Elevation; lateinisch für ‚Erhebung’; Emporheben der Hostie und des Kelches beim katholischen Meßopfer.“ Der Begriff der Elevation entstammt also dem Repertoire der liturgischen Choreographie in der Feier der Messe.

Lassen Sie mich in aller Kürze den Kontext erklären: Die Messe besteht aus zwei Teilen: Erstens dem „Sakrament des Wortes“ (Alexander Schmemann) mit Lesungen, Gesängen und der Predigt; und zweitens dem Sakrament des Altars mit dem großen Dankgebet, dem Vater Unser und der Kommunion. Das große Dankgebet im zweiten Teil der Liturgie wird vom Priester gesprochen bzw. gesungen, wobei er heutzutage hinter dem Altar steht mit dem Blick zur Gemeinde. Im Rahmen dieses längeren Gebetes spricht der Priester eine Gedächtnisformel, die das letzte Abendmahl Jesu Christi mit seinen Jüngern vor dessen Tod in Erinnerung ruft. Der Priester nimmt dabei nacheinander erst die Hostie, danach den Kelch mit Wein in die Hände und wiederholt die Worte, die Jesus nach biblischer Überlieferung selbst gesagt haben soll. Ich zitiere nach dem römisch-katholischen Meßbuch: „ In der Nacht, da er verraten wurde, nahm er das Brot und sagte Dank, brach es und reichte es seinen Jüngern und sprach: Nehmet und esset alle davon. Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. Tut dies zu meinem Gedächtnis.“ Ganz ähnliche Worte spricht der Priester einen Moment später hinsichtlich des Kelches mit Wein. Jeweils nach dieser Sentenz bricht der Priester ab, hebt jeweils Hostie und Wein in die Höhe, d.h. er eleviert sie. Wahlweise erklingen Schellen, ein Gong oder die Kirchenglocken, denn: in diesem Augenblick der Elevation geschieht die Wandlung: Hostie wird zu Leib Christi und Wein wird zu Blut Christi. (So auf jeden Fall eine klassische Lesart dieses Ritus.)

Das muß man nicht verstehen, und solange man nicht römisch-katholisch ist muß man das auch nicht glauben. Es ist aber geradewegs verblüffend wie strukturähnlich die Elevationen im Tanz sowie in der Liturgie sind. Im klassischen Ballett markiert die Elevation einen ästhetischen Höhepunkt. Im liturgischen Ballett markiert die Elevation einen liturgischen Höhepunkt wie auch einen Wendepunkt der religiösen Erfahrung. Dank einer Intervention der Ewigkeit, so das Verständnis, geschieht das Wunder einer Verwandlung in der Zeit. Die Elevation ist sowohl im Tanz als auch in der Liturgie der körperliche Ausdruck eines wahrlich wichtigen Geschehens. Die tänzerische Elevation vermittelt die Botschaft: „Schau her, was ich kann!“ Die liturgische Elevation spricht aus: „Schau her, was Gott kann! Er macht alles neu!“

Höhepunkt und Wandlungspunkt geschehen dabei in einem Augenblick, der mehr ist als ein zeitlicher Moment. Der Augenblick ist mit einer Botschaft aufgeladen und kommt ziemlich schwergewichtig daher. Der Augenblick besitzt Autorität und will, daß man diese Autorität anerkennt. Deshalb wird im Ballett Szenenapplaus gegeben, in der Liturgie erklingen die Glocken. Und der Zuschauer beim Tanz sowie die Gemeinde in der Liturgie, beide werden den Augenblick der Elevation aufmerksam erspähen, wenn sie auch sonst etwas müde dahindämmern. Der Augenblick reckt sich förmlich aus der Zeit hervor, und um ihn herum versinkt alles in bloße Belanglosigkeit: sei es der corps de ballet, der artig am Bühnenrand aufdrappiert ist oder seien es die Meßdiener, die im Altarraum knien. Alle sind förmlich gebannt oder sollten es wenigstens sein. Denn: seht: es ist der Augenblick. Der macht alles neu.

3. Der Augenblick in der Politik

Die Leser und Lesserinnen werden überrascht sein, wenn ich ihnen nun sage, daß wir vom Augenblick in der Politik gar nicht mehr weit entfernt sind. Lassen Sie mich nur kurz festhalten, daß ein flüchtiger Blick auf Tanz und Liturgie gezeigt hat, daß der Augenblick nicht einfach ein zeitlicher Moment ist, sondern – so auf jeden Fall die Theorie – ein mit Inhalt und Autorität gefüllter Höhepunkt und Wandlungspunkt.

Im Herbst 2005 gab es in unserem Land vorgezogene Neuwahlen zum Bundestag. Zu dieser Sturzgeburt einer Wahl kam es, da die Parteien im Parlament einen großen Handlungsbedarf sahen. Die Botschaft der Opposition (CDU & FDP) war, daß es für einen Regierungswechsel höchste Zeit sei, damit es mit dem Land wieder aufwärts gehen könne. Die Botschaft der Regierung (SPD & Grüne) war, daß es eigentlich keinen Handlungsbedarf gebe, man sich aber aufgrund der einsamen Entscheidung eines einzigen Mannes (Gerhard Schröder) auf ein solches Abenteuer einlasse.

Das damalige Staatsoberhaupt (Horst Köhler) gab dem ganzen Katzenjammer sein Plazet mit den Worten: „Unser Land steht vor gewaltigen Aufgaben. Unsere Zukunft und die unserer Kinder stehen auf dem Spiel. Millionen von Menschen sind arbeitslos, viele seit Jahren. Die Haushalte des Bundes und der Länder sind in einer nie da gewesenen, kritischen Lage. Die bestehende föderale Ordnung ist überholt. Wir haben zu wenig Kinder, und wir werden immer älter. Und wir müssen uns im weltweiten, scharfen Wettbewerb behaupten.“

Diese Worte sollten in diesem historischen Augenblick allen Leuten klar machen: Wir stehen in einer Zeit der Entscheidung. Das Schicksal des Landes steht auf dem Spiel, und deswegen benötigt das Land ein starke Führung. Noch einmal die Worte des damaligen Bundespräsidenten: „In dieser ernsten Situation braucht unser Land eine Regierung, die ihre Ziele mit Stetigkeit und mit Nachdruck verfolgen kann.“ Und er schloß seine Ansprache vom 21. Juli 2005 mit den Worten: „Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, jetzt haben Sie es in der Hand. Schauen Sie bitte genau hin. Demokratie heißt, die Wahl zu haben zwischen politischen Alternativen. Machen Sie von Ihrem Wahlrecht sorgsam Gebrauch.“

In dieser Zeit der Entscheidung hatten wir, die Bürger, die Entscheidung. Doch welcher Art der Entscheidung war dies? Es war ein Augenblick der Entscheidung. Die Zeit der Entscheidung ist nämlich der Augenblick. Es ist der sogenannte kairos, der griechische Gott, der auf Messerscheide tanzt. Im kairos herrscht ein scheinbar klares Entweder – Oder; eine simple Einteilung der Welt in den Dualismus von Freund und Feind, Regierung und Opposition. Nach einer jeden Wahl wissen wir, daß es mit dieser Klarheit und Simplizität der Entscheidung oftmals nicht weither ist. Doch vor der Wahl wird einem immer wieder eine klare Struktur vorgetäuscht: Entweder Stillstand oder Wandel! Entweder soziale Kälte oder soziale Gerechtigkeit! Und in der Wahlkabine hat die Wählerin dann zwar die Auswahl zwischen recht vielen Gruppierungen, doch eigentlich geht es nur um die Alternative: Entweder – Oder. Und der Augenblick in der Politik versucht die Bürgerin stets mit einem solchen Entweder – Oder zu konfrontieren. Jeder Kompromiß ist ein fauler Kompromiß. Er darf nicht sein. Darum flüstert der Augenblick der Entscheidung uns ins Ohr: Wähle! Tue es jetzt oder nie!

Die Worte des Präsidenten wie die Kommentare vieler Zeitungskolumnen im August und September 2005 waren der Meinung, daß es bei dieser Entscheidung um sehr viel ging, wenn nicht sogar um alles. Die bevorstehende Entscheidung wurde mitunter schon zur Schicksalsfrage einer ganzen Nation stilisiert. So führte der „Rheinische Merkur“ – inzwischen auch Teil der Geschichte – wenige Tage vor der Wahl einen zusätzlichen Bund mit der Überschrift: „Wahl 2005: Die Entscheidung“ und fragte: „Wohin steuert die Republik?“

Die Entscheidung ist folglich nichts für Nervenschwache, sondern es geht hier um eine alles entscheidende Entscheidung. Dazu bedarf es klarer Verhältnisse und einer starken Hand. Eine Besinnung auf das Notwendige und Unausweichliche tut not, auf daß man mit dem Augenblick der Entscheidung tatkräftig voranschreiten kann in das neue, gelobte Land. Von diesem „es geht um Alles“ gewinnt der Augenblick der Entscheidung eine Autorität, die zusammenzucken läßt. Man fürchtet sich vor ihm und versucht ihm auszuweichen. Doch der Augenblick packt uns am Kragen und will alles, und er will es jetzt.

Wenn wir nun all die genannten Punkte zusammenfassen zu einer Beschreibung des Augenblicks, dann lassen sich vier Seiten des Phänomens aufzeigen: Erstens, der Augenblick ist der Höhepunkt einer Entwicklung. Er steht an der Spitze eines mitunter dramatischen Prozesses. Im Augenblick erklimmt der Tanz, die Liturgie und die Politik den Gipfel der eigenen Berufung. Als Elevation, als Wahl. Zweitens, der Augenblick ist der Ort der Verwandlung. Im Augenblick entsteht etwas Neues; in ihm geschieht die Geburt einer neuen Schöpfung und der Anfang eines neuen Zeitalters. Mit großen Versprechungen einer grandiosen Zukunft wartet der Augenblick auf. In der Liturgie ist diese Zukunft letztlich außerhalb der Reichweite des Menschen. In der Politik wird diese neue Zukunft zu gewissen Zeiten regelrecht heraufbeschwört in dem Augenblick der Entscheidung. Drittens, dieser Augenblick der Entscheidung reduziert die Wirklichkeit auf ein klares Entweder – Oder. Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Pakte werden nicht mehr geschlossen, sondern der Feind muß klar ins Auge gefaßt werden. Und viertens, der Augenblick der Entscheidung kommt daher mit dem Gewicht dessen, der sich seiner Wichtigkeit bewußt ist. Nicht mehr länger stehen nur noch technische Detailfragen auf dem Spiel, sondern es geht nun um schlichtweg Alles, die Welt, das Leben, einfach Alles.

Der Augenblick ist also durchaus ein wunderliches Ding. Er ist aber auch ein ganz und gar nicht unschuldiges Wesen. Er ist vielmehr sehr ambivalent. Der Augenblick verspricht viel, fordert aber auch viel. Auch trägt der Augenblick den ein oder anderen Degen verdeckt unter seinem Mantel. Ich darf hier den dänischen Philosophen und Theologen Søren Kierkegaard zitieren, der maßgeblich zum Verständnis des Augenblicks beigetragen hat. Zum Ende seines kurzen Lebens veröffentlicht er in einer Flugschrift namens „Der Augenblick“ folgende Passage:

„Die weltliche Klugheit starrt und starrt auf Begebenheiten und Umstände, rechnet und rechnet, in der Meinung, sie könne den Augenblick aus den Umständen herausdestillieren, könne dann selber eine Macht werden mit Hilfe des Augenblicks, diesem Durchbruch des Ewigen, könne sich verjüngen, wessen sie höchlichst bedarf, mit Hilfe des Neuen.“ (Kierkegaard, Sören 1985: Der Augenblick. Aufsätze und Schriften des letzten Streits, Gütersloh, 326)

Kierkegaard war sich der machtvollen Ausstrahlung des Augenblicks bewußt. Der theologische Gedanke einer Neuschöpfung, der im Augenblick implizit vorhanden ist, muß für die ‚weltliche Klugheit’, in unserem Zusammenhang: die Politik sehr verführerisch sein. Deshalb versucht man sich die Ausstrahlung des Augenblicks anzueignen. Die Politik ist versucht, den „Durchbruch des Ewigen“ vor den eigenen Wagen zu spannen, um mit dieser alle Widerstände in Grund und Boden fahren zu können. Das, was nach Platon „außer aller Zeit“ ist, der Augenblick, er wird in die Zeit gezwungen, um mit ihm eine zeitliche Herrschaft zu begründen.

Diese Inanspruchnahme der Macht des Augenblicks war in dem Zeitalter politischer Ideologien besonders markant. Nicht umsonst war eine bestimmte Gruppe von deutschen Intellektuellen in den 1920er und 1930er Jahren von diesem Augenblick und seiner alles entscheidenden Macht wie verhext. Man sehnte sich regelrecht nach einem Menschen, der in den Wirren der Zeit für Klarheit sorgen konnte; der entscheiden konnte. Dieser Mensch kam 1933 dann auch an die Macht. Die Macht des Augenblicks wurde vollkommen der „weltlichen Klugheit“ unterworfen. Mit verheerenden Konsequenzen.

Der ästhetische Augenblick im Tanz ist nicht jedermanns Sache, wenn man sich als Normalsterblicher den erhebenden Träumereien des klassischen Balletts auch nicht ganz verweigern möchte. Der Augenblick der Wandlung in der Liturgie ist weit jenseits menschlicher Reichweite. Er läßt sich nicht einfangen. Der Augenblick der Entscheidung in der Politik ist ein zweischneidiges Schwert, das nur mit äußerster Vorsicht, wenn überhaupt geführt werden darf. Am besten legt man es ganz beiseite, da es sonst für Unheil sorgt.

 

Dieser Text basiert auf einem Vortrag im Kunsthaus Hamburg aus dem Jahr 2005. Weitere Gedanken zum „Augenblick“ finden sich in dem Buch „Der Augenblick der Entscheidung. Zur Geschichte eines politischen Begriffs“ aus dem Jahr 2008.

Die Situationsethik: von Josef Fuchs SJ bis Kari Palonen

Zwischen dem Buch des katholischen Moraltheologen Josef Fuchs „Situation und Entscheidung“ aus dem Jahr 1952 und dem Essay des finnischen Politikwissenschaftlers Kari Palonen „Politics as a Dramatic Action Situation“ aus dem Jahre 1983 liegen zwar numerisch nur dreißig Jahre. Die Aussagen der Texte liegen dennoch Welten auseinander. Noch weiter auseinander, wie die unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen der beiden Herren ohnehin schon vermuten lassen.

Pater Josef Fuchs SJ lebte von 1912 bis 2005. Lange Jahre war er Professor für Moraltheologie an der römischen Universität Gregoriana der Jesuiten. Noch als Dozent an der theologischen Fakultät St. Georgen in Frankfurt veröffentlichte er 1952 das kleine Bändchen zum Situations- und Entscheidungsbegriff. Wer unter dem Titel „Situation und Entscheidung“ (Frankfurt/Main: Knecht, 1952) eine zeitdiagnostische Schrift zur Lage der deutschen Nation in den Jahren nach 1945 vermutet, liegt gänzlich verkehrt. Auch wenn die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg für einige Anlaß zu solch einer dezisionistischen Zeitdiagnostik waren, so präsentiert Fuchs seine Schrift doch mit einem anderen Ziel. Er nimmt die damals geführten moralphilosophischen bzw. moraltheologischen Debatten um das Thema der „Situationsethik“ auf und legt sie in eine ganz bestimmte Richtung aus.

Fuchs spricht sich in dem Werk nämlich eindeutig für den Vorrang des Naturrechts vor der Entscheidungsfreiheit des Einzelnen aus. Zwar billigt Fuchs dem Menschen zu, dass dieser seine Entscheidungen stets in einer konkreten Situation zu treffen habe (13f.). Gleichzeitig ist für ihn selbstverständlich, „daß das Naturgesetz nie wegen der Besonderheit einer Einzelsituation seinen absoluten Forderungscharakter einbüßen kann“ (42). Es ist nicht die konkrete Entscheidungssituation mit ihren jeweiligen Kontextbestimmungen (sozusagen der Augenblick der Entscheidung), welcher die normative Legitimität einer Handlung bestimmt. Eine solche, später auch von Papst Pius XII. verurteilte, Art der Situationsethik lehnt Fuchs strikt ab. Das umgekehrte ist der Fall: die allgemeingültige Norm geht der Entscheidung voraus und wird in der betreffenden Situation faktisch nur noch angewandt.

Wenn das Naturrecht wirklich so „generisch und allgemein“ wäre, wie Fuchs dies in seiner Schrift behauptet (101), dann wäre sein Postulat relativ unproblematisch. Das Naturrecht wäre dann ein weit umspannender Horizont, der viel menschliche Freiheit in seiner Anwendung lassen würde. Je spezifischer und konkreter aber die gemutmaßte naturrechtliche Forderung an die jeweilige Entscheidung ist, desto mehr schrumpft die Freiheit des Menschen zu einer Fiktion. Fuchs formuliert es nicht so scharf. Doch wenn er von der Notwendigkeit einer „wirklichkeitsgetreuen Erfasssung der Situation“ (140) spricht und gleichzeitig Naturrecht und Wirklichkeit praktisch gleich setzt (vgl. 57), dann bleibt dem Menschen wenig mehr übrig, als die ihm vorauseilende naturrechtliche Wirklichkeit auch zu der Wirklichkeit seiner Entscheidungen werden zu lassen.

Der Begriff des Naturrecht begegnet einem bei Kari Palonen (*1947) nicht. Er liegt dem Denken des langjährigen Professors an der Universität Jyväskylä auch sehr fern. Palonen denkt nicht in Kategorien von Natur, sondern von Kontingenz und Chance. In Heideggerischem Duktus sagt Palonen in seinem 30 Jahre alten Essay über die Situation aus: „A situaton ‚is‘ not simply there, given for the agent, but the latter is always ‚in situation‘.“ (Politics as a Dramatic Action Situation, in: Kari Palonen: Re-Thinking Politics. Essays from a quarter-century, (ed. Kia Lindroos) Jyväskylä 2007, 17). Dieses „Je-schon-in-einer-Situation-sein“ entspricht aber nicht der Einbettung in eine vorgängige Ordnung. Es ist vielmehr das „Geworfensein“ in die Kontingenz des Augenblicks der Entscheidung und des Handelns. Diese Entscheidungssituation ist geprägt von radikaler Offenheit (18). Mit Sartre könnte man sagen, daß der Mensch zur Freiheit verdammt ist.

Palonen klassifiziert die politische Entscheidung als eine ganz besondere Handlungssituation. Der Politiker handelt, um Wandel hervorzubringen, nicht, um bestimmte Werte zu verwirklichen. Er verhält sich antagonistisch – also nicht im Einklang mit einem natürlichen Recht – und handelt dezidiert gegen etwas: eine Meinung, eine andere Partei, ein Gesetzesvorhaben. Daraus folgt für Palonen: „No politics without adversary and resistance“, wobei Carl Schmitts „Der Begriff des Politischen“ nicht umsonst im Literaturverzeichnis des Essays vermerkt ist.

Politisches Handeln enthält für Palonen beides: eine Radikalisierung der Kontingenz und Offenheit und eine Radikalisierung des Neuigkeitswertes, der durch die Handlung hervorgebracht wird (vgl. 21). Der Politiker kann sein Handeln aus dieser Sicht gerade nicht auf einer von ihm unabhängigen Ordnung aufbauen. „There cannot exist in politics anything which could be experienced as valid on the basis of an universal intersubjectivity judgement, for basically anybody may question the validity of any policy“ (24). Eine „richtige“ Politik kann es von daher nicht geben (vgl. 26). Wer reine Politik treibt, tut dies ohne „a pre-written manuscript“ (33). Die Sicherheit, mit der Palonen von der Nicht-Existenz einer wie auch immer gearteten Grundierung unseres Zusammenlebens ausgeht – Ordnung wäre hier schon zuviel gesagt – ist überraschend.

Der Graben zwischen Fuchs‘ und Palonens Aussagen könnte kaum breiter und tiefer sein. Wobei beide ihre Meinung im Laufe der Jahre überarbeiteten und modifizierten. (Vgl. u.a. Josef Fuchs: Kirchlicher Gehorsam und personale Entscheidung, in: Stimmen der Zeit, Jg. 216 (1998), Nr. 9, 640-642 bzw. Kari Palonen: Das ‚Webersche Moment‘. Zur Kontingenz des Politischen, Opladen (Westdeutscher Verlag) 1998, 209-216). Man könnte diese Modifikation einen Ausdruck von Altersmilde nennen, die auf beiden Seiten des Grabens zu bemerken ist. Vielleicht enthält diese auch eine tiefere Erkenntnis: daß Entscheidungen frei sind und gebunden; daß die Wirklichkeit Ordnung und Neuschöpfung enthält; daß von uns letztlich die Ordnung gesucht werden muß, die uns für verantwortliche persönliche und kollektive Entscheidungen möglichst viel Freiheit läßt.

Rowan Williams‘ öffentlicher Glaube II – Entscheiden in der Demokratie

In einem Vortrag vor der Universität in London vom 15. Juni 2012 äußert sich Rowan Williams zum Problem der Repräsentation und der Entscheidung in einer demokratischen Gesellschaft. Unter dem Titel „Sovereignty, Democracy, Justice: elements of a good society?“ geht er auf die in Großbritannien immer wieder aufflammende Verfassungsdiskussion ein. Dabei geht es um die demokratische Position und Funktion der zweiten parlamentarischen Kammer, des House of Lords, in der Williams selbst Mitglied ist.

Es wird schnell deutlich, daß Rowan Williams kein Befürworter einer gänzlich aus gewählten Repräsentanten bestehenden zweiten Kammer ist. Er sieht in einer solchen zu viele parteiliche Interessen am Werk, als daß diese zweite Kammer als das notwendige Korrektiv zu einer ebenfalls von Parteiinteressen bestimmten ersten Kammer auftreten könnte. Williams benutzt in diesem Zusammenhang einen Begriff der Repräsentation, der komplexer ist, als konventionelle Begriffe politischer Repräsentation. Konventionell geht man davon aus, daß Individuen Interessen haben, die sie entweder selbst in der Öffentlichkeit repräsentieren oder die sie durch einen anderen repräsentieren lassen, den sie vorab durch Wahl bestimmt haben.

Williams Begriff der Repräsentation geht davon aus, daß es Interessen gibt, die zu schwach sind, als daß sie in der konventionellen demokratischen Entscheidungsfindung zum Tragen kommen. Solche schwachen Interessen – so werden sie in der Politikwissenschaft üblicherweise genannt – sind aber auch Teil des gesellschaftlichen Substrats. Rowan Williams folgert: „A legitimate democratic polity is thus one in which no interest goes unchallenged, but equally no interest is denied a voice; which means that electoral majorities are bound to be only a part of what constitutes the legitimacy of a government and that not every governmental enactment has to be a reflection of majority opinion.“

Es wäre also unlauter, schwache Interessen zu unterdrücken; und sei es auf dem Weg einer eigentlich durch und durch demokratischen Mehrheitsentscheidung. Williams Vertrauen in das, was Niklas Luhman einmal „Legitimation durch Verfahren“ genannt hat, ist begrenzt. Es gibt Fragen – nach dem Sinn, dem Wert und der Wahrheit des Lebens – die von keinem demokratischen Verfahren entschieden werden können. Und es gibt Interessen – geäußert von Minderheiten aller Art oder von Individuen in ausgesprochener Gewissensnot – die von der Mehrheit in Öffentlichkeit und Parlament nicht ignoriert werden dürfen. Demokratischer Dezisionismus hat also seine Grenzen.

Ein „demokratisches Defizit“ macht Williams nicht dort aus, wo die derzeitige zweite Kammer im britischen System nicht aus gewählten Repräsentanten besteht. Das Defizit ist dort zu suchen, wo Bürgern die Möglichkeit genommen wird, politische Tugenden zu entwickeln und zu kultivieren. „It is more important to reaffirm the local and communal settings where people actually learn political habits …“. Und Williams formuliert diese Tugenden näher aus: „… learn about the business of taking mutual responsibility and earning the kind of trust that allows people to speak for each other and define the ways in which they will understand, respect and safeguard each other’s interests.“

Hier schlägt Williams – wie auch in anderen Texten – einen kommunitaristischen Ton an. Er vertritt die Auffassung, daß demokratische Verfahren wie das allgemeine Wahlrecht allein uns noch nicht zu einer „wahrlich“ demokratischen Gesellschaft verhelfen. Hierzu braucht es Tugenden wie Respekt und Vertrauen dem Anderen gegenüber, Verantwortungsübernahme für die Position des Anderen, Langfristigkeit im Denken, Zurückstellung der eigenen Interessen und der Interessen meines Clans.

Wenn es diese Tugenden sind, die unsere demokratische Gesellschaft in der Spur halten, dann muß der politische Betrieb dafür Sorge tragen, daß es Institutionen gibt, die diese Tugenden in den Menschen ausprägen. Es wundert nicht, daß der Erzbischof von Canterbury hier auch die Kirchen im Recht aber auch in der Pflicht sieht.

(Hinweisend auf die am 13. September 2012 erscheinende Aufsatzsammlung „Faith in the Public Square“ ist in „The Telegraph“ ein Interview mit Rowan Williams erschienen, vgl. hier.)