Die Hermeneutik eines Ereignisses – das II. Vatikanische Konzil

In der katholischen Theologie wird über das Zweite Vatikanische Konzil diskutiert (zur Übersicht: Joachim Schmiedl: Visionärer Anfang oder Betriebsunfall der Geschichte?Tendenzen der Forschung zum Zweiten Vatikanischen Konzil, in: Theologische Revue 01/2012, Sp. 3-18). Die Frage ist hermeneutischer Natur: Stellen die Beschlüsse (manche fügen hinzu: das Ereignis) des Zweiten Vatikanischen Konzils einen Bruch mit der katholischen Dogmen- und Ideengeschichte dar? Oder setzen diese Beschlüsse diese Geschichte „nur“ fort? Diskontinuität oder Kontinuität? Die Debatte gewinnt an Brisanz, da die argumentativ begründete Option für die eine oder andere Seite inzwischen einhergeht mit einer kirchenpolitischen Positionierung. Diskontinuitisten gelten als liberal (solange sie nicht jenen angehören, die das Konzil verwerfen, weil es für sie einen Bruch zur statisch vorgestellten Tradition darstellt). Kontinuisten gelten eher als beharrend.

Dem Entweder-Oder ist mit einem Sowohl-Als-Auch zu begegnen. Die Lehrentscheidungen des Konzils enthalten, wie eigentlich jeder Punkt der theologischen und säkularen Ideengeschichte, Bruch und Fortdauer in einem. Diskontinuität und Kontinuität gehören zusammen. Ohne Diskontinuität stünden wir noch am Beginn der Theologiegeschichte, eine historische Entwicklung hätte nicht stattgefunden. Ohne Kontinuität wäre die Suche nach Sinn überflüssig; aber auch die Suche nach sinnvoll sich aufeinander beziehenden Texten und Argumenten (vgl. Rowan Williams 2005: Why Study the Past. The Quest for the Historical Church, London, S. 8ff.).

Schon die Formulierung „Lehrentscheidung“ macht eines deutlich: Vor mir (oder: uns) liegt eine Sache, die es zu entscheiden gilt. Gehe ich von unzweifelhafter Kontinuität aus, dann kann es Situationen, in denen Entscheidungen getroffen werden müssen, nicht geben. Hinsichtlich der eigenen Identität entsteht nicht die hinreichende Unsicherheit, die für eine Entscheidung über den weiteren Weg notwendig ist. Die „Lehrentscheidung“ hält in sich aber auch die bisherig getroffenen Entscheidungen und die bewältigte Geschichte fest. Sie schafft Kontinuität. Sie überblickt sowohl die Vergangenheit als auch die Zukunft. Beide sind in ihr vorhanden. Aber eben nicht als nur Bruch oder nur Fortsetzung. Beide sind da. Keine von beiden wird verschwinden oder mit der anderen verschmelzen (vgl. Niklas Luhmann 2000: Die Politik der Gesellschaft, hrsg. von André Kiesling, Frankfurt/Main, S. 150).

Unter den Diskussionsteilnehmern gibt es einige, die zusammenzucken, wenn konsequent geschichtlich gedacht wird; die das Fundament von Theologie und Glaube relativiert sehen, wenn jemand „Neues“ festzustellen glaubt. Daß alt und neu – auch in ihrer Differenz – miteinander harmonieren können, ohne freilich in Eins zu fallen, muß immer wieder neu ins Gedächtnis gerufen werden.

Denn: Gibt es am Anfang der Theolgiegeschichte nicht einen, der Altes und Neues mit dem Brückenschlag seines Lebens verband?!