Politik als Sakrament der Welt

In der aktuellen Ausgabe der dominikanischen Zeitschrift „Wort und Antwort“(4/ 2013) findet sich ein Text von mir unter dem Titel: „Politik – das Sakrament der Welt im Zeitalter der Demokratie“. Anbei gebe ich einen kurzen Abschnitt aus diesem Text wieder, der die zentrale These des Textes enthält. Der gesamte Beitrag (ohne Fußnoten) findet sich hier, ebenso wie Hinweise zu den weiteren Texten des Heftes.

„Selbstmitteilung, Zeichen: Begrifflichkeiten wie diese sind verräterisch. Sie lassen nämlich erkennen, dass politisches Handeln aus der hier präsentierten theologischen Sicht nicht als ein beliebiger weltlicher Kommunikations- oder Aktionsbereich zu verstehen ist. Es steht vielmehr in einem besonderen Verhältnis zu unserem Wirklichkeits- und Wahrheitsverständnis. Es drückt nicht nur zeichenhaft aus, wie wir die Wirklichkeit unserer Welt sehen. In unserem politischen Handeln materialisiert sich das Sinn- und Wahrheitsverständnis, das unserem Tun und Denken vorangeht. Wir treiben Politik gemäß den Wirklichkeits- und Wahrheitsbildern, die wir mit uns tragen. Politik ist also „einer jener Bereiche des Lebens, in dem unsere Entscheidungen zeigen, wer wir sind”. (Rowan Williams) Politik teilt mit, offenbart, bezeichnet und kommt daher in Besitz einer sakramentalen Qualität. Politik ist eine Schöpfung besonderer Art: „Gott nutzt geschaffene Dinge, um etwas jenseits wörtlichen Bedeutung der Dinge kundzutun. Das sagt etwas über die Sakramentalität der erschaffenen Wirklichkeit als solcher aus.” (Charles Mathewes)

Politik als sakramentales Handeln zu bezeichnen ist gewagt. Denn dies würde ja heißen, dass politisches Handeln ein sichtbares und wirkmächtiges Zeichen einer unsichtbaren und noch ausstehenden Heilswirklichkeit ist; dass es den offenbarenden Charakter einer Theophanie, einer Gottesbegegnung besitzt; und dass es ein Vorgeschmack auf das „Gastmahl des ewigen Lebens“ ist. Dabei verbindet man Politik, wie eingangs vermerkt, mit ganz und gar nicht erbaulichen Machtspielen. Vielmehr noch: Politiker werden in Geschichte und Gegenwart für Tyrannei, Krieg und Verwüstung verantwortlich gemacht. Sie werden eher mit dem Schlechten im Menschen in Verbindung gebracht, als mit einem die Wahrheit und das Gute offenbarenden Wesen. Da klingt es vermessen, in Bezug auf Politik von einer Sakramentalität zu sprechen.

Von daher ist eine Einschränkung vorzunehmen. So wie Kari Palonen nur dort von Politik spricht, wo demokratische Verhältnisse herrschen, so kann auch nur dort von der Politik als dem Sakrament der Welt gesprochen werden, wo politisches Handeln nach demokratischen Spielregeln abläuft. Zwar sagt unser Handeln in der politischen Öffentlichkeit immer etwas darüber aus, wie wir uns und die Welt verstehen. Doch nur dort kann im christlichen Sinne von einer Sakramentalität und einem wirkmächtigen Heilszeichen gesprochen werden, wo dieses Handeln grundsätzlich nach der Verwirklichung von Gerechtigkeit und Frieden durch Mitbestimmung strebt. Damit ist auch ausgesagt, dass die Demokratie berechtigterweise die aus christlicher Sicht bevorzugte Verfasstheit des politischen Systems ist.“

Charles Mathewes und die Liturgie der Bürger

Bürgerinnen und Bürger, deren Handeln im öffentlichen Raum als Liturgie bezeichnet wird?

Dieser Gedanke liegt gar nicht so fern, wenn man sich daran erinnern läßt, daß Liturgie im Griechischen ursprünglich den Dienst meint. In der dritten Auflage des Lexikons „Die Religion in Geschichte und Gegenwart“ (1960) liest man zu dem Stichwort: „In seinem ältesten Gebrauch bezeichnet Leiturgia im Griechischen ein verantwortliches öffentliches Amt, eine Pflicht oder einen Dienst (…).“

Heute hat der Begriff der Liturgie eine enger umrissene Semantik und bezeichnet vor allem die Praxis des Gottesdienstes oder mitunter auch diesen Gottesdienst selbst. Mit der umfassenderen griechischen Bedeutung im Hinterkopf wundert es aber nicht, daß der amerikanische Theologe Charles Mathewes in seinem Buch „A Theology of Public Life“ (Cambridge 2007) wiederholt von einer Liturgie der Bürgerinnen und Bürger spricht.

Charles Mathewes schreibt: „Citizenship is usefully understood as a liturgy“ (26). Erklärend fügt der anglikanisch-episkopale Theologe von der Universität von Virginia hinzu: Politisches Handeln von Bürgern ist Liturgie „not only as a communal activity (…), but also because, by engaging in apparently political activity, we are participating in properly theological activities as well“ (ebd.).

Politisches Handeln ist liturgisches, d.h. theologisches Handeln. Für viele Leserinnen und Leser wird dies eine zumindest ungewohnte Sicht sein, neigt man doch gewöhnlich dazu, die zwei Handlungssphären Politik und Kirche/Theologie voneinander fern zu halten. Zu sehr fürchtet man, daß entweder die Theologie die Politik erdrücke oder die Politik die Theologie verbiege.

Mathewes kennt diese Furcht und geht in seinem Buch an verschiedenen Stellen darauf ein. Sein Ansinnen ist es jedoch, wie der Titel seines Buchs impliziert, das bürgerliche Engagement im öffentlichen Raum theologisch aufzuwerten. Politisches Handeln hat eben nicht nur einen Wert an sich, sondern beinhaltet einen Überschuß an Sinn, den man nicht aus den Augen verlieren sollte. Politisches Handeln kann von dem Bürger, dem eine solche Motivation wichtig ist, auch als ein geistliches Tun verstanden werden. Und solch ein geistliches Tun im öffentlichen Raum bezeichnet Mathewes als eine Liturgie der Bürgerinnen und Bürger.

Zum besseren Verständnis sei noch einmal aus Mathewes Buch zitiert: „I think here of such activities as working in soup kitchens, setting up alliances with other churches and religious groups, possibly demonstrating for political causes. All of this becomes intelligible as a „liturgy“ of the church“ (103). Liturgie geschieht also nicht nur im Innern der Kirche, an dem Ort, an dem sie das Gedächtnis ihres geistlichen Wesens feiert. Liturgie geschieht auch dort, wo die Kirche nach außen tritt; wo ihre Mitglieder als Bürgerinnen und Bürger die Gesellschaft im Sinne der christlichen Botschaft zu formen beginnen.  

Mathewes Ansatz will eine Theologie des „öffentlichen Lebens“ sein und nicht strenggenommen eine Theologie des „politischen Lebens“. Dennoch überrascht es, daß er den politischen Akt, der noch am meisten einer Liturgie bzw. eines Ritus gleicht nicht in den Blick nimmt: die Wahl. Vielleicht schreckt Mathewes letztlich doch davor zurück, an diesen urpolitischen aller Akte sein theologisches Begriffsinstrumentarium anzulegen.