Eine Notiz zur politischen Metaphorik von Revolutionen

Ich zitiere aus einem Interview, das heute Morgen in der Sendung „Information und Musik“ des Deutschlandfunks ausgestrahlt wurde:

Ellmenreich: Sind Revolutionen so etwas wie Beschleuniger der Geschichte? Die bringen irgendwie Tempo in doch eher zähe Geschichtsverläufe.

von Randow: Das ist auch das Problem. Wenn der Geschichtsverlauf zu zäh ist und wenn nichts vorangehen will und wenn die alten Institutionen versuchen, die Veränderungen zu verhindern und den Deckel auf den Topf zu drücken, dann baut sich Spannung auf. Und wenn es nicht anders geht, dann wird diese Spannung gesprengt durch einen revolutionären Prozess.

Ellmenreich: Sie haben jetzt gerade den Topf genannt. Kann man diese Definition vielleicht von der Küche auch in die Physik holen und versuchen, es so herzuleiten: Druck erzeugt irgendwann Gegendruck und wenn der dann zu hoch ist, sucht er sich ein Ventil?

von Randow: Ja, so kann man es sagen. Ich habe mal bei der Bundeswehr eine Sprengausbildung gemacht und gelernt: Wenn Sie die brisante Mischung einkapseln, in Metall zum Beispiel, dann knallt es erst recht. Dann entsteht diese unglaubliche Detonation. Und wenn eine Diktatur beispielsweise, wie ich es in Tunesien erlebt habe, nicht bereit ist, dem Veränderungsdruck nachzugeben, dann kann es durchaus sein, dass diese Fesseln gesprengt werden in einem gewaltsamen plötzlichen Akt. Das sieht dann wie Beschleunigung aus, aber im Grunde genommen wird nur eine Veränderung nachgeholt, die schon lange fällig war.

Sprache ohne Metaphern ist nicht möglich, gar langweilig. Von daher ist den beiden Gesprächspartnern gar nichts vorzuwerfen. Doch heute morgen stand ich vor dem Radio und bin immer wieder über die bildhafte Sprache gestolpert, die an mich herangetragen wurde. Ich wurde förmlich dazu gedrängt, Staaten und Gesellschaften als Schnellkochtöpfe mir vorzustellen, mit Druckventil und allem Schnickschnack. Alternativ wurde mir das Bild einer hochexplosiven Dynamitstange angeboten, um die soziale Dynamik in einem Staat zu verstehen.

Diese Metaphern sind stark. Doch erklären sie etwas? Das möchte ich bezweifeln. Ich habe das Gefühl, dass unter der Bildlast der Metaphern die Wirklichkeit erdrückt wird bzw. heute morgen erdrückt wurde. Um an die sozialen Ursachen für gesellschaftlichen Unfrieden und Unruhe zu kommen, muss ich ausgreifen in meinen Erklärungsversuchen. Ich muss von wirtschaftlichen Zusammenhängen sprechen, von politischen Institutionen, von einzelnen Personen und Parteien, von Klientelismus, Patronage und Jugendarbeitslosigkeit.

Ich möchte nicht bezweifeln, dass die Gesprächspartner von heute Morgen hierzu auch in der Lage gewesen wären. Doch die rhetorische Wucht der benutzten Metaphern ersetzte in diesem Fall die genauere Analyse der Ursachen von politischer Revolution und sozialer Veränderung. Diesen Sprachstil könnte man essayistisch nennen; doch sollte auch jeder Essay darauf achten, dass Metaphern nicht zum Ersatz für etwas ambitioniertere Erklärungsversuche werden.

Das Wesen der Dinge – ein Gedanke zur Enzyklika „Laudato si“ von Papst Franziskus

Papst Franziskus beschäftigt sich in seiner neuen „Umwelt“-Enzyklika „Laudato si“ („Gelobt seist du“) mit vielen Aspekten aus den Bereichen Umwelt und Mensch, Schöpfung und Kosmos. Theologisch motiviert, politisch kritisch und stets mit Verve eines politischen Theologen geht er ans Werk. Kommentare zur Enzyklika finden sich zur Zeit zuhauf.

Ein Punkt aus dem Text fällt mir besonders auf. In der Enzyklika wird immer wieder davon gesprochen, dass alle geschaffenen Dinge einen Wert an sich haben, ein Wesen. So sind wir als Menschen „aufgerufen zu erkennen, dass die anderen Lebewesen vor Gott einen Eigenwert besitzen“ (§ 69). Aus der Sicht des Papstes tun wir das aber nicht, sondern der Mensch neigt dazu, „die Wirklichkeit dessen, was er vor sich hat, zu ignorieren oder zu vergessen“ (§ 106).

Explizit wendet sich der Papst gegen eine funktionalistisch verengte Weltsicht, die im Anderen (des Menschen bzw. der Natur) stets nur eine Funktion mit Blick auf die eigenen Wünsche und Bedürfnisse sieht. Der Papst grenzt sich also dezidiert vom Utilitarismus ab. Mit Bezug auf die Biodiversität formuliert Franziskus die Kritik, dass es nicht genüge „an die verschiedenen Arten nur als eventuelle nutzbare ‚Ressourcen‘ zu denken und zu vergessen, dass sie einen Eigenwert besitzen“ (§33).

Das funktionalistische Denken wird in der Enzyklika auch als ein „technokratisches Paradigma“ bezeichnet (§ 106), das – so der Papst in seiner Systemkritik – die ganze Welt beherrsche. Man analysiere die Dinge, zerlege sich in seine Einzelteile, suche nach dem Nutzen für das Eigene und vergesse ganz, „das Ganze in den Blick zu nehmen“ (§ 110). Ebenso gehe das Wissen darum verloren, dass alle Dinge an sich einen Wert besäßen bzw. ein Wesen in sich trügen.

Wenn auch die Gefahr besteht, dass diese scharfe und – hier und da – auch wohlfeile Kulturkritik eben als eine solche behandelt werden wird – und damit in den Schubladen verschwindet – so möchte ich an dieser Stelle doch einhaken. So wie in der Arbeit mit (kognitiven) Begriffen und Ideen heutzutage davon ausgegangen wird, dass diese keinerlei Wesen an sich haben und gänzlich dem Deutungswillen der NutzerInnen unterworfen und damit kontingent sind, so geschieht dies – folgt man den Worten des Papstes – parallel auch in der Welt der (realen) Dinge. Es besteht also ein Parallelismus zwischen der Begriffs- und der Dingebene, dem Reich der Ideen und dem Reich der Realia. Beide werden tendenziell behandelt als Objekte ohne Wesen.

Ich habe das Gefühl, dass dieses Streben, den Begriffen und Dingen ein eigenes Wesen abzuschreiben, damit zusammenhängt, dass ein leerer Begriff und ein leeres Ding viel einfacher handzuhaben sind, als ein be-wester Begriff, ein be-westes Ding. Man möchte es gerne mit einem Forschungsgegenstand zu tun haben, dessen Bearbeitung keine moralischen oder ethischen Fragen aufwirft und der sich letztlich wie eine seelenlose Puppe arglos zur Seite legen lässt.

Das Wesen der Dinge – so könnte man mir entgegnen – kann kein Gegenstand der Wissenschaft und des Forschens sein, sondern höchstens des Glaubens. Denn das Wesen der Dinge – da stimme ich zu – ist in seinem Kern unerforschbar. Dieses Wesen wird uns bei der Analyse nie vollständig zugänglich sein. Dass die Dinge ein Wesen haben – so könnte man mir entgegnen – ist folglich ein Postulat, eine bloße Behauptung.

Das mag in der Tat so sein. Doch der Glaube an das Wesen von Dingen und Ideen es ist ein Postulat, dass aus einer realistischen Vorsicht, aus einer kognitiven goldenen Regel heraus geboren ist. Denn so wie ich gerne hätte, dass meine Ideen und Gedanken von Anderen behandelt werden, so möchte auch ich die Ideen und Gedanken anderer behandeln – nämlich als ein möglicher Ausdruck von Sinn und Wahrheit beim Anderen. Und so wie ich als Geschöpf ein Wesen in mir zu tragen wünsche, so muss ich auch den anderen geschaffenen Dingen in dieser Welt ein mögliches Wesen, einen möglichen Sinn zubilligen.

Die Schule von Jyväskylä: Eine Besprechung von „In Debate with Kari Palonen“

Der finnische Politikwissenschaftler Kari Palonen ist seit Anfang des Jahres im Ruhestand. Er hat seine langjährige Professur an der Universität von Jyväskylä niedergelegt. Das heißt aber ganz und gar nicht, dass Kari Palonen nun die aktive Wissenschaft zu den Akten legen wird. Wer ihn kennt und ihm öfters begegnet ist, der weiß, dass Kari Palonen sich von formal gesetzten Grenzen, wie dem Erreichen eines Pensionsalters, wenig beeindrucken lässt. Wir dürfen von ihm also noch diverse Beiträge erwarten.

Dennoch war die Pensionierung von Kari Palonen für Claudia Wiesner (Marburg/Jyväskylä), Evgeny Roshchin (Jyväskylä) und Marie-Christine Boilard (ebenfall Jyväskylä) Anlass genug, eine Art Festschrift zu veröffentlichen. Sie ist 2015 im Nomos-Verlag unter dem Titel „In Debate with Kari Palonen. Concepts, Politics, Histories“ erschienen.

Das Buch folgt nicht dem üblichen Muster von Festschriften. Die insgesamt 49 Beiträge sind meist nur wenige Seiten lang. Die wenigsten zeichnen sich durch eine eigene wissenschaftliche Fragestellung und deren Beantwortung aus. Vielmehr war es die Bedeutung von Kari Palonens Werk für die je eigene Forschung, die den Autorinnen und Autoren die Feder diktierte. Die Herausgeber formulieren es in ihrem Vorwort so: The „authors were given the opportunity to express what Kari Palonen and his work has meant for them (…)“ (11).

Diese Leitfrage führt bei den jeweiligen Texten zu einem sehr individuellen Zugriff. Manche Beiträge ähneln gar forschungsbiographischen Skizzen, so zum Beispiel, wenn die Nichte Palonens – Emilia Palonen (Helsinki) – ihre eigene akademische Laufbahn mit der Gedankenwelt ihres Onkels auf- und entschlüsselt (Between the I and the Us: My Uncle Kari). Überhaupt sind viele der Beiträge sehr persönlicher Natur. Nicht wenige beginnen mit Formulierungen wie „I first met Kari Palonen when I was …“. Das ist anrührend, auf die Dauer aber auch etwas ermüdend.

Es wundert nicht, dass bei einer Festschrift für einen finnischen Politikwissenschaftler viele finnische Stimmen zu Wort kommen. Diese eröffnen einem unkundigen Leser ein Panorama auf die Resonanz, die Palonens Werk in seinem Heimatland hatte und noch heute hat. Es wird des Öfteren betont, dass Kari Palonen am Beginn seiner wissenschaftlichen Karriere in den 1970er Jahren eine frische Kraft war, und dass sich diese Kraft bis heute nicht verbraucht hat. Das liegt auch daran, dass Palonen sich nicht davor scheut, immer wieder neue Forschungsgebiete zu erarbeiten. So stellt Sia Spiliopoulou Åkermark (Uppsala) bei Kari Palonen eine „vast amount of curiosity“ (265) fest und Suvi Soininen (Jyväskylä) ergänzt, sie habe von Palonen gelernt, dass „in the long run a researcher is not only allowed, but perhaps also required, to change her/his ways of studying politics“ (195).

Neben den Texten finnischer Wissenschaftler finden sich aber auch Beiträge internationaler Forscher: Martin Burke (New York) blickt auf Palonens Skinner Lektüre; Frank Ankersmit (Groningen) untersucht den Aspekt von privater und öffentlicher Sphäre im Parlamentarismus; José María Rosales (Málaga) weist auf den 2012 verstorbenen Michael Th. Greven hin, der in der internationalen Forschungsbiographie Palonens eine wichtige Rolle gespielt habe. Und Quentin Skinner (London) schildert aus seiner Sicht den Einfluss von Kari Palonen auf sein späteres Werk.

Die Autorinnen und Autoren wählen aus dem Pool der wissenschaftlichen Interessen Palonens ein ganzes Bündel heraus: Palonens rhetorische Parlamentarismusforschung als sein jüngstes Projekt wird oft genannt; seine begriffsgeschichtlichen Arbeiten zum Politikbegriff werden erwähnt; seine frühen „anarchistischen“ Studien; sein Beitrag zu einem handlungstheoretischen Verständnis von Politik überhaupt. Wenn auch der Name von Max Weber oft fällt, werden die Bücher Palonens, die in engerem Sinne weberianisch sind, wenig zu Rate gezogen. Das gilt unter anderem für „Das Webersche Moment“ (1999), „Eine Lobrede für Politiker“ (2002) und für dessen späteres Sequel „Rhetorik des Unbeliebten“ (2012).

Auffallend ist, dass trotz des Titels des Buches „In Debate with Kari Palonen“ keine richtige Debatte mit Palonens Standpunkte aufkommen mag. Nun ist eine Festschrift nicht der richtige Ort, um die „Fetzen fliegen zu lassen“, doch muss Kari Palonen das Maß an hier präsentierter Zustimmung fast schon unangenehm sein. Dass Palonen in seinen Arbeiten für mehr Mut zum (politischen) Dissens plädiert, hebt unter anderem Tuija Parvikko (Jväskylä) hervor, wenn er betont, dass für Palonen „dissensus becomes the raison d’être, the conceptual condition for the intelligibility of parliamentary politics “ (149). Trotzdem erhält Palonen hier ein Buch zum Geschenk, dass – fast schon ironisch – überwiegend vom Konsens lebt.

Gerade weil das Buch dem Zuschnitt einer üblichen Festschrift nicht folgt, ist es trotz allem ein spannendes Dokument. Es schildert aus der Sicht vieler Akteure, wie die „Schule von Jyväskylä“ zustande kam und weiterhin am Wirken ist. Es ging und geht bei dieser „Schule“ nicht um einen gemeinsamen Standpunkt, der von Palonen vorgegeben und von seinen Schülerinnen und Schülern rezipiert wurde/wird. Vielmehr geht es um einen geteilten heuristischen bzw. hermeutischen Standpunkt, von dem aus ein großes Feld von Forschungsfragen in und jenseits der Politikwissenschaft bearbeitet werden. Dieser – in seinem Weltbild – anti-essentialistische und – in seiner Methode – begriffsgeschichtliche Standpunkt wird nicht von allen Autorinnen und Autoren in gleicher Konsequenz durchgehalten. Doch bei vielen sorgt/e dieser Standpunkt Palonens für wichtige Weichenstellungen im je eigenen Werk.

So ist die „Schule von Jyväskylä“ ein gutes Beispiel, wie wissenschaftliche Netzwerkbildung auch in der heutigen Wissenschaftswelt von einzelnen, charismatischen Netzwerkern abhängt. Letztlich sind es solche Einzelmenschen, die wiederum andere Einzelmenschen inspirieren und anregen. Und nur, wenn diesen vielen individuellen Geistern die Freiheit gelassen wird, ihren je eigenen Kurs einzuschlagen, bilden sich nachhaltig „Schulen“, die diesen Namen verdienen.

 

P.S.: Auch an meiner Doktorarbeit war Kari Palonen nicht ganz unbeteiligt. Sie erschien 2008 unter dem Titel „Der Augenblick der Entscheidung. Die Geschichte eines politischen Begriffs.“ und verdankt sich auch einem mehrwöchigen Aufenthalt in Jyväskylä.

 

 

 

Ad fontes – Zu den Quellen!

Im normalen wissenschaftlichen Arbeiten der Sozial- und Geisteswissenschaften wird – hoffentlich – viel gelesen. Solche Lektüre besteht aus Quellen, also Primärliteratur, und aus Literatur über Literatur, also Sekundärliteratur.

Während in vielen wissenschaftlichen Disziplinen der Rückgriff auf Sekundärliteratur obligatorisch ist, geschieht die Nutzung von Quellen wahlweise. Es scheint wichtiger zu sein zu wissen, was die Kollegen und potentiellen Konkurrenten schreiben, als die Ursprünge der eigenen wissenschaftlichen Forschung auszumachen. Ausnahme ist die Geschichtswissenschaft und mit ihr auch die – interdisziplinär verortete – Ideen- und Begriffsgeschichte. Dort hört man immer wieder den Ruf „Ad fontes“ bzw. „Zurück zu den Quellen„. Der Umgang mit Quellen ist hier die Essenz des wissenschaftlichen Arbeitens. Geschichtswissenschaft lässt sich nur im Rückgriff auf Quellen wirklich betreiben.

Naivität den Quellen gegenüber ist freilich aber fehl am Platz. Über die Vorstellung, dass man in den Quellen den authentischen Zugang zur Vergangenheit findet, muss man schnell hinweg kommen. Quellen sind selektiv. Quellen können auch manipulativ sein. Quellen führen nicht zur vergangenen Zeit zurück. Sie führen zurück zu verschiedenen sprachlichen Zeugnissen über die vergangene Zeit, denn „sobald ein Ereignis in die Vergangenheit geraten ist, rückt die Sprache zum primären Faktor auf“ (Reinhart Koselleck 2006: Begriffsgeschichten, Frankfurt/Main: Suhrkamp: 18). Quellen bewerten diese vergangenen Ereignisse und verstehen kann sie nur der, der sie nicht für bare Münze nimmt, sondern sie in Beziehung setzt zu weiteren Zeugnissen derselben Geschichte.

Ein weiteres Hindernis kommt ins Spiel: Quellen sind nicht immer nur Quellen. Quellen sind oft auch Sekundärliteratur. Quellen beziehen sich auf andere Meinungen, anderswo verschriftlichte Meinungen, die in die Quellen als Stoff für die Diskussion eingehen. Eine Quelle ist immer nur eine Quelle in Bezug auf einen bestimmten Forschungsgegenstand. Was dem einen eine wertvolle Quelle ist, ist dem anderen randständige Sekundärliteratur. Was heute als Sekundärliteratur verfasst wird, kann in einer Generation zur wichtigen Quelle werden. Quellen sind somit relativ zu ihrer Umgebung.

Ben Myers schrieb vor einigen Monaten auf seinem Blog Faith & Theology: „For me, the most rewarding part of teaching is introducing my students to primary sources.“ Zum Unterrichten komme ich selten; aber zum Lesen. Und da ist es mir stets eine Freude, Quellenarbeit zu betreiben. Oder der Meinung zu sein, gerade Quellenarbeit zu bearbeiten. Dieses Gefühl stellt sich besonders bei demjenigen ein, für den Quellenarbeit nicht das Alltagsgeschäft ist, der seine Zeit zubringt mit policy papers, wissenschaftlichen Sammelbänden und anderen Texten aus der klassischen Sekundärliteratur. Während der Quellenarbeit bekommt man die (etwas trügerische) Sicherheit vermittelt: Hinter diese Lektüre muss ich nicht zurück. Mich interessiert dieser Text als Zeugnis eines Autors und nicht als Zwischenetappe im Verlauf einer langen Diskussion. Hier darf ich sein, bleiben und lesen.

Quellen bieten mir nicht nur die Meinung dar eines anderen Autors. Quellen verorten mich auch in einer anderen Zeit. Sie verzeitlichen mich an einem anderen Ort. In diesem Sinne gilt: Quellen dezentrieren. Rowan Williams spricht von der „importance of having some familiar concepts ‚made strange‘ for us by our historical studies“ (Rowan Williams 2005: Why Study the Past, London: DLT, 51). Quellen bestätigen mich also nicht in meiner Meinung. Sie schrecken mich auf und verunsichern mich. Wenn mich eine Quelle bestätigt in meiner Meinung, dann verwandelt sie sich für mich zur Sekundärliteratur. Quellen bieten Neues und Ungewohntes. Wer in seiner Arbeit nichts mehr Neues findet, dem wurde die ganze Welt des Geschriebenen zur Sekundärliteratur. Wie schade.

Ideengeschichte als Biographie

„In a higher world it is otherwise, but here below to live is to change, and to be perfect is to have changed often.“

Mit diesem Zitat aus John Henry Newmans Schrift „An Essay on the Development of Christian Doctrince“ (17. Auflage, London 1927: 40) begann ich vor einiger Zeit einen Aufsatz unter dem dem Titel „Ideengeschichte als Biographie – Der Entwicklungsgedanke bei John Henry Newman“. Der Text ist 2012 in der Zeitschrift für neuere Theologiegeschichte (Jg. 19, Nr. 1) erschienen. Der Aufsatz schließt mit folgender These:

„Der Blick auf die Ideengeschichte des christlichen Glaubens verweist also zurück auf die Identität der Subjekte, welche diese Geschichte durchleben und verschriftlichen. Ideengeschichte ist ohne einen eigenen geschichtlichen Standort nicht zu haben. Die Biographie und das geschichtliche Umfeld des Dogmenhistorikers spielen in der Ausfaltung bzw. Entwicklung dieser Geschichte und ihrer wissenschaftlichen Bearbeitung eine bedeutende Rolle.“

In der modernen Ideen- und Begriffsgeschichte neigen wir dazu, den Forscher von seinem Gegenstand abzukoppeln. Der eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Der Charakter des Werkes eines Ideen-, Begriffs- und Dogmenhistorikers lässt nicht auf das Wesen und die Werte der forschenden Person schließen.

Meine Erfahrung ist eine andere: Gegenstand und Person, Werk und Wesen/Werte sind durchaus eng miteinander verbunden. Das ist der Fall bei John Henry Newman und Rowan Williams, die beide Gegenstand des Aufsatzes von 2012 sind. Das ist aber auch der Fall bei ideengeschichtlich interessierten Personen, die mir im Laufe der Jahre begegnet sind. Und auch bei mir selbst beobachte ich diesen Zug: Das eigene Wesen, die eigenen Werte nehmen Einfluss darauf, welchen Gegenstand wir uns als Forscher wählen und wie wir mit diesem Gegenstand umgehen.

Poetisch lässt sich dieser Umstand vielleicht so ausdrücken:

 

Vergangenheit

ein vielgelesenes Buch und

nie recht verstanden

wieder kehre ich es hervor

bleibe hängen an

verblichenen Jahren

den Geschichten des Ichs

 

© Burkhard Conrad

 

In diesem Sinne verabschiede ich mich von meinen Leserinnen und Lesern aus dem (fast) vergangenen Jahr. Ich freue mich auf viele gute Geschichten und Anregungen im neuen Jahr.

Globalisation studies – an eschatological discipline?

My recent review of Olaf Bach’s „Die Erfindung der Globalisierung“ (Frankfurt & New York 2013) in the journal „Contributions to the history of concepts“ (01/2014)finished with the following, somewhat daring statement:

„Bach concludes his study by pointing to the fact that the concept of globalization continues to be charged with a lot of promise and a forward-looking vision. However, this vision may never become reality, but remains a vision to be fulfilled (237). Within theology such a concept would be discussed in the discipline of eschatology, the study of the last things (death, judgment, etc.). Globalization can be understood as a quasi-eschatological concept within political and social language. It cannot simply be surpassed without speaking of something far-fetched such as interplanetary politics. The concept will never refer to a concrete experience of (secular) fulfilment.“

What d0 I mean by this Statement? The answer is twofold:

‚Globalisation‘ refers to a process. This process can be historically analysed both in terms of  ‚Realgeschichte‘ and terms of ‚Begriffsgeschichte‘. It is possible to identify certain crucial steps in the history of globalisation such as increased overseas trade, sophisticated map drawing, colonialism, acceleration of transport and communication through technical Innovation and conceptual transformations etc.

In addition, we may describe the globalisation process in mere descriptive terms, as historians and also some political scientists tend to do. Their first aim is to know what was and is going on. They want to understand and analyse. But we can also approach globalisation with a more normative gesture, framing it in terms of (in-)justice and (in-)equality or – contrary to this approach – framing it in terms of positive innovation and progress. This normative framing is the work of political philosophers. Obviously, one and the same person can be all three simultaneously: analytical historian or political scientist and normative philosopher.

Globalisation, however, is also a „Grenzbegriff“ ( I. Kant) and as such it refers to a Point on the fringe of our experience and at the edge of our spatial and temporal world. ‚Globalisation‘ cannot be surpassed by any other concept. And globalisation can also not be surpassed by any other experience, unless we radically expand our human capacities to communicate into outer space or into other, yet unknown spatial or temporal dimensions. If we were to find someone to communicate with in outer space or elsewhere, of course.

Eschatology deals with all those concepts and images which lie on the fringe of our human experience. ‚Fringe‘ does not mean that we do not know anything about these concepts and images. ‚Fringe‘ means that we only know one side, but as mortal humans will never know the other side, the beyond.

The „Kingdom of God“ is one well known eschatological Image within Christian theology. In the Bible the „Kingdom of God“ is usually referred to as both a process and a „Grenzbegriff“. For example in Mark 1. 15 which recalls one of Jesus‘ sayings at the beginning of his ministry: „The time is fulfilled, and the kingdom of God is at hand: repent ye, and believe the Gospel“ (KJV). Jesus asks his followers to change their lives because of the approaching kingdom of God. But an approaching kingdom is something different to a present kingdom. Followers of Jesus may work on ist approach, but they will never be able to implement the final fulfilment of the kingdom. This is beyond their reach, beyond the fringe.

The same is true for globalsation. It makes sense to talk about the process of globalisation both analytically and normativly. As soon as we are tempted to talk about globalisation as being fulfilled, we realise that the concept as such gives way and disappears. ‚Globalisation‘ will, however, never reveal the other side of the fringe, its beyond to any living human creature.

Eine Begriffsgeschichte der Globalisierung

In wenigen Tagen erscheint im Campus-Verlag das Buch „Die Erfindung der Globalisierung. Entstehung und Wandel eines zeitgeschichtlichen Grundbegriffs“ von Olaf Bach. Das Buch geht auf eine Dissertation zurück, die im Jahr 2007 an der Universität Sankt Gallen eingereicht wurde. Folgende Zeilen beziehen sich auf die mir vorliegende Druckfassung aus dem Jahr 2007 (Difo-Druck, Bamberg).

Die Untersuchung von Olaf Bach beschreibt einen Teil des Prozesses, der im Kontext dieses Blogs stets mit „Politisierung der Welt“ bezeichnet wurde. Damit ist gemeint, daß in den vergangenen Jahrhunderten – und vor allem in den letzten 150 Jahren – die äußere Welt immer mehr zu einem Objekt der politischen Formbarkeit und Beherrschbarkeit wurde, auf jedem Fall dem Wunsche nach. Olaf Bach umschreibt diesen Prozeß der Politisierung allgemein als ein „globales Ausgreifen in die Welt“ und als eine „Verdichtung und Vervielfältigung von Erfahrungen und Kontakten“ seit der Epoche der europäischen Expansion (52). Innerhalb dieser historischen Großbewegung wählt Bach als seinen Untersuchungsgegenstand die Entwicklung eines spezifischen Globalisierungsbegriffs seit der Mitte des 20. Jahrhunderts.

Bach stellt heraus, daß es schon seit dem frühen 19. Jahrhundert Versuche gab, die realgeschichtlichen Vorgänge internationaler Vernetzung sprachlich einzufangen. Er nennt diese Versuche eine „Globalisierungsrede avant la lettre“ (75). Von einem dezidierten Gebrauch der Vokabel „Globalisierung“ (auch engl. globalisation bzw. franz. mondialisation) kann aber erst ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Rede sein, so Bach. Durch die Folgen des Zweiten Weltkriegs, durch neue Transport- und Kommunikationswege und durch eine sich verdichtende internationale Zusammenarbeit war die Erfahrung einer „Welteinheit“ (101) nun bestimmend geworden.

Dies brachte es mit sich, daß auf den Gebieten von internationaler Politik und Wirtschaft zuerst vereinzelt und später mit zunehmender Häufigkeit von der „Globalisierung“ von Politik bzw. Wirtschaft gesprochen wurde. Der Begriff wurde zunächst verstanden als ein Prozeß, der ein ausgewähltes Teilsegment der Gesellschaft (Politik, Wirtschaft, Bildung oder Kultur) erfaßt hatte. Bach führt das Beispiel der „globalization of education“ (106) an und schreibt dazu: „Dieser spezifische frühe Einschlag der Globalisierungsrede ist keine Beschreibung und meint keine faktische Ausbreitung, sondern zielt als Forderung auf die Entwicklung einer globalen Perspektive (im Bildungsapparat, BC), die als Folge einer veränderten Welt vor Ort für nötig gehalten wird“ (ebd.).

Damit ist eine Eigenschaft des auch heute gängigen Globalisierungsbegriffes benannt: Dieser schillert nämlich beständig zwischen einer Zustandsbeschreibung auf der einen Seite und einem oft emphatischen Aufruf zum Handeln auf der anderen Seite. Hinsichtlich der 1970er und 1980er Jahre spricht Bach von einer Verstetigung und beständigen Innovation des Globalisierungsbegriffs (111ff.). „Globalisierung“ wird mehr und mehr zu einem allumfassenden Grundbegriff bzw. Schlagwort. Die neuen Möglichkeiten und Chancen in einer weltweit zusammenhängenden Welt können damit beschrieben werden, aber auch die Gefahren, die u.a. von multinationalen Unternehmen auszugehen scheinen (133ff.). Damit sind auch schon die heutigen Verhältnisse umrissen: Die einen sehen die Globalisierung als Chance für ein entgrenztes Handeln in der Weltgesellschaft. Die anderen sehen sie als eine Gefahr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt verwundbarer Staaten.

Letztlich stellt Olaf Bach mit seiner Untersuchung nicht nur eine Politisierung der Welt durch die explosionsartig vermehrte und kontroverse Globalisierungsrede fest, sondern auch eine „Politisierung des Globalisierungsbegriffs“ als solchem (242). Gerade diese rhetorische Aufladung des Begriffs habe in den vergangenen zwei Jahrzehnten zu dessen Popularität beigetragen. Damit stellt Bach implizit klar: Wer über die Welt herrschen möchte, der muß auch über die Sprache herrschen, mit der wir die Welt zu beschreiben suchen. Und wer eine solche globale Hegemonie verhindern möchte, der muß für Vielfalt in Sprache und Interpretation sorgen.