Über den Begriff der Teilhabe. Eine Notiz zu Thomas von Aquin.

Der Begriff der Teilhabe bzw. Partizipation gehört inzwischen zum Alltag eines emanzipatorischen Sprachgebrauchs. Der Begriff der Teilhabe wird oft genutzt, um eine politische Forderung nach „mehr“ auszudrücken: mehr Teilhabe für Menschen mit Migrationshintergrund am Bildungswesen; mehr Teilhabe für Menschen mit Behinderungen am gesellschaftlichen Leben; mehr Partizipation der Jugend an den Entscheidungen der Volljährigen; … . Teilhabe & Partizipation drücken also die Hoffnung auf ein Mehr an Beteiligung aus.

Doch woher kommt der Begriff der Teilhabe bzw. der Partizipation? Diese Frage werde ich hier nicht beantworten. Ich möchte aber darauf verweisen, dass die beiden Begriffe eine lange Tradition haben. Die Begriffsgeschichte reicht (mindestens) 800 Jahre zurück. So stieß ich bei der Lektüre der „Summa contra gentiles“ des Thomas von Aquin (erschienen um 1260) auf den Begriff der Teilhabe bzw. participatio (lat.).

Teilhabe bedeutet bei Thomas die mögliche Partizipation der geschaffenen Dinge an dem Wesen des Schöpfers. So wie der Schöpfer – Gott – gut ist, so können auch die geschaffenen Dinge teilhaben an diesem Gutsein. Thomas: „Denn jedes geschaffene Gute ist (gut) aus Teilhabe an der göttlichen Gutheit.“ (cum quodlibet bonum creatum sit ex participatione diviniae bonitatis; 3, 21). Teilhaben an Gott können wir, so Thomas, u.a. durch die „unmittelbare Schau Gottes“ (visio immediata Dei; 3, 51). Von dieser Schau schreibt er: „Gemäß dieser (unmittelbaren) Schau aber werden wir Gott im höchsten Maße verähnlicht (assimilamur) und haben an seiner Seligkeit teil (eius beatitudinis participes sumus; ebd.)“.

Teilhabe beginnt also dort, wo der Mensch an Gottes Wesen, Wahrheit, Seligkeit, … partizipiert. Gleichzeitig bedeutet diese Teilhabe nie, dass der teilhabende Mensch dieses Wesen, Wahrheit, Seligkeit, … in Gänze in sich aufnimmt. Teilhabe bleibt Teil-Habe. Teilhabe ist nie das Ganze. Das Ganze ist immer mehr als die vielen teilhabenden Teile. Auch das unterstreicht Thomas: „Offensichtlich sind alle Teile auf die Vollkommenheit des Ganzen hingeordnet; denn das Ganze ist nicht um der Teile willen, sondern die Teile sind um des Ganzen willen da.“ (… non enim est totum propter partes, sed partes propter totum sunt; 3, 112).

Der Begriff der Teilhabe hat – folgt man Thomas – also immer eine doppelte Dimension: Erstens die ‚emanzipatorische‘ Dimension einer Teilhabe des Einzelnen am Ganzen (im Falle Thomas: Gott). Gleichzeitig existiert auch die ‚demütige“ Dimension einer Teilhabe als ’nur‘ Teil-Habe, als die Einsicht des Einzelnen an der Begrenztheit der eigenen Partizipationsmöglichkeiten. Denn der Mensch, jeder Mensch bleibt auch trotz der Möglichkeit der Teilhabe ein Wesen mit Begrenzungen und Einschränkungen. Teilhabe gleicht daher einem Horizont: Sie ist Begrenzung und Entgrenzung des Einzelnen zugleich.

Dass die Teilhabe bei Thomas mit einem hintergründigen Ordnungsdenken und einer ausgesprägten Hierarchievorstellung einhergeht, werde ich in einem Folgebeitrag anreißen.

Summa contra gentiles zitiert nach der Gesamtausgabe in einem Band, Lateinisch und deutsch, Darmstadt: WBG, 3. Auflage 2009)

Vgl. zum Thema auch die Publikation von Andrew Davison Participation in God: A Study in Christian Doctrine and Metaphysics. Cambridge: Cambridge University Press, 2019.

Was sind politische Grundbegriffe? Versuch einer sehr kurzen Definition.

Politische Grundbegriffe sind Begriffe der politisch-sozialen Sprache, die …

quantitativ häufig über einen längeren Zeitraum genutzt werden. Grundbegriffe überleben also Epochenwandel. Sie mögen zwar zeitweise in den Hintergrund treten, können aber unter veränderten politisch-sozialen Umständen wieder einen diskursiven Konjunkturaufschwung erleben.

qualitativ mit Verve vorgebracht werden. Grundbegriffe sind also sog. Kampfbegriffe. Sie haben das Potential mit politischen Interessen verbunden gezielt eingesetzt zu werden: zur Sammlung verbündeter Stimmen und zur Abwehr anderer Meinungen.

qualitativ offen sind für neue Deutungen. Grundbegriffe sind alles andere als eindeutig, sondern sind Grund und Anlass für beständige Diskussionen um mögliche Begriffsgrenzen, Umdeutungen und semantische Verschiebungen. Sie können praktische, theoretische, normative Dimensionen umfassen.

Zur Einführung ins Thema ist (immer noch) lesenswert:

Reinhart Koselleck 1972 , Einleitung, in: Brunner/Conze/Koselleck (Hrsg.): Geschichtliche Grundbegriffe, Bd. 1, Stuttgart, XIII-XXVII.

Metaphern der Informalität

Die meisten Organisationen und Institutionen in den Ländern des Westens (und nicht ausschließlich dort) haben den Anspruch von Formalität.

Das heißt: Die Kommunikations- und vor allem Entscheidungswege in diesen Organisationen und Institutionen sind festgelegt, aufgeschrieben („gesatzt“), von außen nachvollziehbar und gehorchen einer rationalen, dem Zweck der Einrichtung folgenden Logik. Es gibt Sitzungen; zu diesen muss geladen werden; fristgerecht natürlich; man arbeitet sich durch eine Tagesordnung durch; schreibt Protokoll; lässt dieses Protokoll genehmigen, … .

Das ist die Theorie. In der Praxis weichen Organisationen und Institutionen oft von dieser Anspruch der Formalität ab. Man könnte sogar sagen: In der Regel weichen sie von dem Anspruch der Formalität ab . Das heißt: ein Großteil der Kommunikation läuft nicht formal ab. Diese Organisationen können aber – z.B. im Konfliktfall – jederzeit zu einer strengen Auslegung von Formalität zurückkehren. Das impliziert der Anspruch von Formalität. Ansonsten gibt es in Organisationen und Institutionen aber immer auch viel informales Handeln.

Diese Informalität wird im Alltag oft mit Metaphern bezeichnet. Diese Metaphern beschreiben ein Spektrum zwischen den beiden Polen einer Informalität als dem Regelfall des organisationalen Handelns im Alltag und der Informalität als als einem Handeln mit krimineller Energie. Hier sollen einige dieser Metaphern in aller Kürze und Vorläufigkeit entschlüsselt werden. Selbstverständlich gibt es auch Metaphern für das formale Handeln; Max Webers Beschreibung des modernen wirtschaftlichen Handelns als ein „stahlhartes Gehäuse“ ist sicherlich eine der bekanntesten.

Beispielhafte Metaphern von Informalität sind:

Flurfunk bezeichnet die spontane, informelle, anti-hierarchische Kommunikation zwischen Organisationseinheiten und Personen unterschiedlicher Einheiten in den atmosphärischen „Zwischenräumen“ der Organisation. Der beispielhafte Ort für den Flurfunk ist natürlich die Kaffeeküche.

Der Buschfunk ist eine ähnliche Metapher, freilich mit kolonialen Stereotypen behaftet.

Kurzer Dienstweg bezeichnet die geplante, antihierarchische Kommunikation von Fachdienststellen miteinander unter Umgehung der jeweils höheren Stellen. Der formale Dienstweg impliziert eine längere Aufwärts- und Abwärtsbewegung von Kommunikation. Der kurze Dienstweg sorgt für eine zügigere Kommunikation zu den Seiten hin.

Die graue Literatur kennt jeder, der mit Publikationen umgeht, von der man nicht recht weiß, ob es sich wirklich um Publikationen handelt, da sie weder über eine ISBN noch über einen Erscheinungsort verfügt: Selbstdrucke, Arbeitspapiere usw.

Bei der Vetternwirtschaft geht es nicht im strengen Sinne um die Zusammenarbeit von Vettern bzw. Cousinen. Es geht aber um verdächtige Vorteilsnahme von Personen in Amt und Würden auf der Basis von Bekanntschaft- und Verwandtschaftsverhältnissen. Formale, meritokratisch ausgerichtete Beziehungen, zu denen prinzipiell alle Zutritt haben, werden durch informale, klientelistische Beziehungen in geschlossenen Systemen ersetzt. Nicht das Können steht im Vordergrund, sondern die gegenseitige Loyalität der Systemmitglieder.

Die Hinterzimmer sind nie sprichwörtlich Hinterzimmer, sondern (virtuelle) Räume, in denen unter Umständen in Umgehung formaler Entscheidungsbefugnisse und unter Ausschluss von Öffentlichkeit Entscheidungen vorbereitet bzw. getroffen werden. Früher waren diese Hinterzimmer vorzugsweise von rauchenden Männern okkupiert.

Schattenwirtschaft bezeichnet man jene Bereich des wirtschaftlichen Lebens, in denen ein formales Berichtswesen, Steuererhebung, Rechnungswesen usw., aber auch soziale Absicherungs- und Rentensysteme nicht bzw. nur teilweise vorhanden sind. Das kann der Fall sein, wenn im Kontext einer sonst formal geordneten Wirtschaft verbotenerweise Schwarzarbeit vonstatten geht. Das kann aber auch der Fall sein, wenn eine formale Ordnung des Wirtschaftens in einem bestimmten Kontext nur in Ansätzen existiert. In diesem Fall stellt die Schattenwirtschaft den Regelfall des Wirtschaftens dar.

Mehr zum Thema unter https://www.wiso.uni-hamburg.de/fachbereich-sowi/professuren/jakobeit/forschung/akuf/archiv/arbeitspapiere/formalepolitik-conrad-2003.pdf

Der Augenblick: Phänomen und Fetisch

Immer wieder wird das Interesse am Augenblick geweckt. Das Phänomen des Augenblicks regt offenbar die Geister an, die konservativen wie die poststrukturalistischen. Im Augenblick vermutet man die Kraft zur Umwältzung, das revolutionäre Potential oder einfach nur ein rätselhaftes Konundrum. Der Augenblick ist die Zeit der Epiphanie, der Elevation, der Offenbarung, der Konversion oder auch das herausragende ästhetische Moment, der absolute Nullpunkt und Uranfang. Vorbildlich werden die verschiedenen Dimensionen des Augenblicks und des Zeitpunktes in einem Sammelband aus dem Jahr 1984 besprochen:  Augenblick und Zeitpunkt. Studien zur Zeitstruktur und Zeitmetaphorik in Kunst und Wissenschaften, Darmstadt, hrsg. von Christan W. Thomsen & Hans Holländer).

Dabei ist die Beschäftigung mit dem Augenblick nicht ungefährlich. Das Phänomen des Augenblicks mit seinen mal philosophischen, mal theologischen Tiefenschichten verführt den Betrachter dazu, aus einem Phänomen der Beobachtung einen Fetisch der Vergötzung zu machen. Aus dem Gesprächsstoff wird so ein Gegenstand, dem eine höhere Kraft und Macht zugeschrieben wird. Man starrt solange auf den Augenblick bis er sich in ein durch und durch geheimnisvolles Wesen mit reichlich intellektuellem Eigenleben verwandelt. Der Autor dieser Zeilen ist sich dieser Gefahr bewusst, da er selbst im Rahmen einer längeren Studie dem Augenblick der Entscheidung auf die Spur – man könnte auch sagen: auf den Leim – gegangen ist.

Mit großem Interesse las dieser gleiche Autor in den letzten Tagen das kleine Büchlein von Malte Oppermann mit dem Titel Der Augenblick (Karolinger 2020), welchem die Wochenzeitung „Die Zeit“ eine positive Besprechung widmete. Malte Oppermann vollzieht in seinen kurzen philosophischen Meditiationen Tiefenbohrungen, um den Augenblick in dessen quantitativen und qualitativen Schattierungen zu entschlüsseln, freilich unter der gleich zu Anfang zitierten Qualifizierung, dass der Augenblick an sich kaum zu entschlüsseln ist. Gleich zu Beginn schreibt Oppermann daher von der „Ungreifbarkeit und Widersprüchlichkeit“ (9) des Augenblicks. Gleichzeitig gesteht Oppermann dem Augenblick zu „eine Metapher für die Fülle der unmittelbaren Gegenwart“ (11) zu sein. Beim Augenblick handelt es sich also, das ist festzuhalten, um eine Metapher, um ein Sprachspiel, das ein beobachtetes Phänomen oder auch einen Gemütszustand auf den sprachlichen Punkt bringen möchte. Gibt es überhaupt den Augenblick an sich?

Oppermann ist aber nicht nur metaphorisch unterwegs, sondern mitunter auch durch und durch essentiell. Über den Augenblick sagt er zum Beispiel: „Die Fülle der Gegenwart liegt in ihrer Einmaligkeit“ (ebd.). Da ist er dann auch schon: der Augenblick, der Anstalten macht, vom Phänomen zum Fetisch zu werden. Dabei hat das Sprachspiel der „Fülle“ mit Blick auf das Phänomen Augenblick durchaus Tradition. Die Erfahrung der Fülle oder auch der gefühlten „Vollendung“ (23) ist im menschlichen Empfinden immer nur vorübergehender Natur. Die Erfahrung der Fülle ist ein Versprechen. In ihr drückt sich eine Hoffnung aus, dass die Dinge gut werden. Er ist also vergänglich, dieser Augenblick der Fülle. Er kommt, zieht vorüber und verschwindet wieder in einer „unendlichen Mannigfaltigkeit“ (13).

Aus dieser Vergänglichkeit versucht Oppermann aber den Augenblick zu retten, indem er dessen „Einmaligkeit“ (38) und „Individualität“ (36) betont . In Spannung dazu steht, dass die Erinnerung an den Augenblick der Fülle, die Erfahrung auch, dass sich der vollendete Moment durchaus wiederholen kann. Gibt es nicht eine Wiederholung des Augenblicks, die natürlich nichts gemein hat mit einer fabrizierten Reproduktion von Fülle und Vollendung? Freunde des Augenblicks werden hier – evtl. in Rückgriff auf Kierkegaard – sogleich Einspruch erheben. Doch – zum Glück – stellt sich die Fülle nicht nur einmal im Leben ein.

Ein Augenblick kommt selten allein. Er ist eingebettet als fast zufälliger Beobachtungspunkt in ein Geflecht der kontinuierlichen Abläufe und Prozesse. Viele, ungezählte Augenblicke, Akte, Sprachbilder, Gesten formen die Geschichte aus. Ja, wir nehmen ab und an einzelne Augenblicke besonders wahr. Sonst existieren wir aber fröhlich in einem Kontinuum der Gegenwart. Oppermann weiß das: „Stets ist nur ein winziger Ausschnitt des Geschehens Gegenwart. Trotzdem zerspringt die zeitliche Existenz nicht in einzelne Augenblickssplitter“ (26). Ganzheit kann man diese Erfahrung mit Oppermann nennen; muss diese Erfahrung aber gleich eine „verborgene Ganzheit“ (26) sein? Geht es manchmal nicht vielleicht auch ohne Mysterium und Geheimnistuerei? Da ist er wieder: der Augenblick als Fetisch.

Unbestreitbar regen Oppermanns Meditationen an. Sie schreiten aber auch haarscharf am Grad der Fetischisierung des Augenblicks entlang. Hier und da schlittert der Tonfall ins Geraune ab. Spätestens seit Augustinus bekannter Bestimmung von Zeit („Was ist also Zeit? Wenn mich niemand darüber fragt, so weiß ich es; wenn ich es aber jemanden auf seine Frage erklären möchte, so weiß ich es nicht.“) weiß man, dass es schwer ist, über die Zeit und das Verhältnis von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu schreiben, ohne dabei viele Fragen zu stellen. Vielleicht ist das Fragen auch die beste Weise, dem Phänomen des Augenblicks beizukommen ohne es zu fetischisieren.

 

Erneuerung & Kerngeschäft: Über pastorale Floskeln

Wer aufmerksam das Leben der Kirche begleitet, stellt fest, dass die kirchliche Kommunikation von vielen sprachlichen, pastoralen Floskeln begleitet wird. Hiervon war an dieser Stelle schon einmal die Rede. Bei einer pastoralen Floskel handelt es sich um einen rhetorischen Allgemeinplatz kirchlicher Sprache, der sich beim näheren Hinsehen als semantisch unbestimmt, wenn nicht sogar als leer erweist.

Das ist zum Beispiel der Fall, wenn in der Kirche davon die Rede ist, man möchte mit Personen außerhalb der Kirche – diese werden oft mit dem Kollektivsingular „Welt“ beschrieben – im Gespräch bleiben. Was heißt das genau? Ist damit gemeint, dass der Pfarrer mit der Bürgermeisterin abends sich in Kneipe zum Plausch trifft? Oder ist damit gemeint, dass viele innovative, kreative und möglichst junge Geister mit der Kirchengemeinde oder einer anderen kirchlichen Einrichtung viele innovative, kreative und möglichst jugendlich anmutende Projekte umsetzen? Wohl scheint die Rede vom „im Gespräch bleiben“ die positiv gewandete Formel für die Einsicht zu sein, dass man irgendwie den Anschluss an viele Milieus und Kommunikationsräume verloren hat. Oder meint ihn verloren zu haben, weil man das eigene Kirchenvolk nicht mehr kennt. Im Gespräch bleiben möchte man, da man den Eindruck hat, dass Kirche – soziologisch nicht unrichtig – mit anderen gesellschaftlichen Kommunikationsräumen oder „Blasen“ kaum noch Gemeinsamkeiten hat. Ein Desiderat wird damit ausgewiesen, von dem man aber auch keine richtige Ahnung hat, wie man es konkret aufarbeiten soll.

Die Formel, man möchte die Menschen mit der Botschaft der Kirche – oft als „Evangelium“ bezeichnet – in Berührung bringen wird immer wieder gern genutzt, wenn einem das „im Gespräch bleiben“ irgendwie als zu wenig ambitioniert erscheint. Es geht hier dann nicht um einen ergebnisoffenen Dialog zwischen zwei oder mehreren Personen , sondern um das Ansinnen des kirchlichen Personals, die vermeintlich andere Seite von der guten Qualität des eigenen Produkts zu überzeugen. Das hier eigentlich übliche Vokabular einer dezidierten „Mission“ wird aber gescheut, weil man – dem Beutelsbacher Konsens folgend – von einem Überwältigungsverbot ausgeht. Das ist ja auch gar nicht verkehrt, wenn denn auch wirklich jedes offensive missionarische Anliegen ausgeschlossen werden könnte. Das ist aber nicht Fall, ja, kann in der Kirche überhaupt nicht der Fall sein, wenn man den Missionsbefehl aus Mk. 16 noch Ernst nimmt. Wer über das Evangelium spricht, wünscht sich, dass dieses Evangelium Menschen überzeugt und zum expliziten Glauben führt. So ausdrücken will man es aber wiederum auch nicht, deshalb formuliert man es eher unbestimmt und metaphorisch mit in Berührung bringen. Der Kontakthypothese folgend, hofft man dann insgeheim, dass die Berührung die Fremdheit der Botschaft gegenüber abbaut.

Hier wähnt man sich dann auch nahe an dem, was oft das Kerngeschäft der Kirche genannt wird. Die Metapher vom Kerngeschäft lege nahe, dass es Tätigkeitsbereiche gibt, die eher dem Auftrag der Kirche entsprechen als andere Bereiche. Die Katholikin sieht vor ihrem inneren Auge dann vielleicht einen Altar, und der Protestant wird einer Kanzel gewahr. Um Altar und/oder Kanzel sammeln sich die Aufgabenfelder der Kirche in konzentrischen Kreisen; es gibt ein Näherdran und ein Weiterweg. Doch wer den ernsthaften Versuch startet die wichtigen von den weniger wichtigen kirchlichen Aufgabenfelder theologisch sauber voneinander zu trennen, der wird feststellen: Das ist gar nicht so einfach. Es gibt Elemente des Kircheseins, die unverzichtbar sind, im katholischen Kommunikationsraum spricht man dann von den Grundvollzügen martyria, leiturgia, diakonia. Doch können diese theologischen Begrifflichkeiten dafür genutzt werden, ganz praktisch bestimmte Tätigkeitsfelder aus dem kirchlichen Spektrum auszuschließen? Die Kirche ist eben kein Konzern, der nach belieben dazukaufen kann oder abstoßen kann. Wer Kirche auf ein Kerngeschäft reduzieren möchte – aus theologischer Überzeugung, aus finanzieller Not – der reduziert dadurch nicht nur die Vielfalt des Kircheseins. Reduziert wird auch – langfristig viel gewichtiger – der vielfältige Zeugnischarakter der Botschaft als solcher.

Wenn die Reduzierung auf ein vermeindliches Kerngeschäft absehbar wird, greift man in der Kirche gerne zum Begriff der Erneuerung. Das Wort drückt die Hoffnung aus, dass so etwas wie ein Ausbruch aus der zunehmenden Isolation möglich ist. Man wünscht sich frömmere Menschen, die mehr beten, mehr über den Glauben reden, mehr gute Taten tun, überhaupt bessere Christinnen und Christen sein. Das Wort der Erneuerung reicht den Veränderungsdruck von der Institution Kirche an die einzelnen Kirchenmitglieder weiter. Die Institution sagt zum Einzelnen, die Struktur zum Individuum: Verändere du dich, ich mag es nicht tun. Dabei ist jedem klar, dass der rhetorische Rückgriff auf die Erneuerung immer auch den Charakter eines Ablenkungsmanövers hat. Nicht, dass man die Erneuerung sich nicht wirklich wünschte; meist ist der Druck zur Veränderung und zum konkreten materiellen Opfer aber schon so groß, dass von frei gewählter Erneuerung im eigentlichen Sinne einer Umkehr von Struktur und Individuum keine Rede mehr sein kann. Erneuerung bewirkt dann das Gegenteil von dem, was erhofft wurde.

Zum Abschluss eine Bitte:

Benutzt weniger Ausdrücke, von denen Ihr nicht wisst, was sie genau bedeuten. Sprecht möglichst konkret, von dem was ist und sein soll. Durchdenkt Eure Metaphern, bevor Ihr sie aussprecht.

 

Über den (vermeintlichen) Unterschied von Kirche und Welt

Im Folgenden verstehe ich Kirche als ein Kommunikations- und Handlungsgeflecht unter Menschen mit seinen besonderen Codes, speziellen Ritualen und ausgesuchtem Vokabular. Ich verstehe Kirche also nicht systematisch-theologisch, im Sinne ausgewählter Metaphern wie Volk Gottes, heiliger Rest, Herde, Leib Christi.

Wenn ich die Kirche als menschliches Kommunikations- und Handlungsgeflecht betrachte, dann liest man folgende Sätze, die im Raum der Kirche gerne verwendet werden, mit Befremden:

Die Kirche möge auf die Welt bzw. die Menschen zugehen.

Die Kirche möge sich der Welt gegenüber öffnen.

Der Graben zwischen Kirche und Welt möge überwunden werden.

So oder so ähnlich kann man es in vielen kirchlichen Verlautbarungen der pastoralen Art nachlesen. Mit Blick auf die oben gewählte – und freilich einseitige Perspektive – sind solche (und ähnliche) Sätze befremdlich, wenn nicht gar gänzlich unverständlich. Warum?

Die theologisch-begriffliche Unterscheidung von Kirche und Welt, die in den obigen Sätzen zu Grunde gelegt wird, setzt voraus, dass Kirche und Welt voneinander zu unterscheidende Einheiten sind. Diese werden dann je nach Standpunkt aufeinander bezogen. In einer inklusiven Bezogenheit haben Kirche und Welt sich etwas zu sagen, können voneinander lernen, können ohne einander nicht sein. Die eine braucht die andere zur eigenen Selbstberichtigung und Identitätsfindung. Dabei fällt mir auf, dass mir nur aus kirchlichen bzw. theologischen Kreisen solch eine Bezogenheit bekannt ist, nicht aber von wie auch immer gearteten weltlichen Kreisen. Kirche braucht hier also Welt, aber scheinbar nicht umgekehrt.

In einer exklusiven Bezogenheit sind Kirche und Welt durch einen gut gepflegten Graben voneinander getrennt. Vielleicht stehen sie sich sogar feindlich gegenüber. In der einen hat man Angst vor der anderen. Auch auch hier fällt auf: Nur aus der Kirche heraus werden solche Frontstellungen aufgebaut. Die Welt an sich, könnte man sagen, ist sich gar nicht ihrer selbst als Akteur bewusst, und es gibt keine mir bekannte Person oder Gruppe, die sich selbst als authentische Sprachrohr der Welt verstehen würde.

Die Kirche versteht sich also einmal als in der heutigen Welt befindlich oder ein andermal als gegenüber der heutigen Welt positioniert (vgl. Gerrit Spallek 2017: Welt, in: Christine Büchner & Gerrit Spallek (Hg.): Auf den Punkt gebracht. Grundbegriffe der Theologie, Ostfildern, 276). In beiden Unterscheidungsvarianten besitzen Kirche und Welt aber eine dezidiert geistliche Qualität. Es sind Orte, die Anlass zum – inklusiven bzw. exklusiven – Theologietreiben geben. Es sind voneinander unterscheidbare Essenzen.

Verstehe ich Kirche jedoch als Kommunikations- und Handlungsgeflecht und halte mich von Theologumena wie den eingangs erwähnten Metaphern fern, macht solch eine essentielle Unterscheidung – inklusiv wie exklusiv – wenig Sinn. Dann schaue ich auf räumliche Bezüge, auf menschliche Netzwerke und in kommunikative Prozesse. Dann stelle ich fest, dass das Kirchenmitglied von St. Paulus in Hinterdupfingen eben auch Partei- und Ratsmitglied ist. Dann stelle ich fest, dass die ehrenamtliche Vorsitzende des kirchlichen Hospizvereins von Oberdupfingen auch im Vorstand eines städtischen Krankenhauses arbeitet. Dann stelle ich fest, dass das kirchliche Bildungswerk von Mitteldupfingen der erste Ansprechpartner für die Volkshochschule für alle Fragen der Alphabetisierung in der Region Überdupfingen ist. Es gibt hier nur noch Akteure, keine Essenzen mehr.

Hier geht dann niemand auf niemand zu. Hier öffnet sich niemand für niemanden. Hier gibt es auch keinen Graben. Kirche und Welt lassen sich hier realiter kaum bis gar nicht unterscheiden, da sie sich im Lebensentwurf und im Alltag der handelnden Menschen vollkommen miteinander vermischen. Die oben angesprochene systematisch-theologische Unterscheidung, die idealtypisch durchaus Sinn machen mag, lässt sich beim Blick in die Praxis der Kirche-Welt-Beziehung nicht durchhalten. Es gibt hier schlicht keinen Unterschied zwischen Kirche und Welt, da Kirche als – nach Niklas Luhmann – Teilsystem der Welt als Gesellschaft ist. Kirche als Kommunikations- und Handlungsgeflecht ist je schon Teil von Welt.

Trotzdem hat es den Anschein, dass sich Kirche „immer wieder“ auf den Weg macht, die Welt zu suchen; und sich dann letztlich wundert, wenn sie nicht fündig wird. Denn die Welt ist schon längst da. Die Welt steht predigend auf der Kanzel. Die Welt sitzt singend in der Kirchenbank. Die Welt kniet betend vor dem Altar. Die Welt hilft dem Nächsten, wie sich selbst. Denn die Welt, das sind die Menschen mit ihrem Alltag, ihrem Leben.

Man kann es auch mit einem reichlich gewagten Syllogismus versuchen:

Jeder Mensch ist Welt.

Alle getaufte Menschen sind Kirche.

Also ist Kirche getaufte Welt.

Wie Metaphern Wirklichkeiten schaffen.

Metaphern sind sprachliche Werkzeuge. Und als solche schaffen Metaphern Wirklichkeiten. Metaphern sind aber nicht nur leblose Instrumente in der Hand von Sprachnutzerinnen und -nutzern. Sie sind auch nicht bloße Ideen. Metaphern besitzen vielmehr eine kreative Kraft, deren Unkontrollierbarkeit regelmäßig mit Misstrauen begegnet wird. Hans Blumenberg schreibt über Metaphern zugespitzt:

„(…) daß die mit einer Idee (…) verbundenen Metapher, gerade weil sie sich von der Bestimmtheit einer theoretisch anmutenden Behauptung zurückhält, einen hohen Grad von Anmaßung, von vorgegebener Einsicht, von Hochstapelei enthält.“

(in: Theorie der Unbegrifflichkeit, Frankfurt/M.:Suhrkamp, 2007, 63).

Man könnte Metaphern also durchaus als post-faktisch bezeichnen. Sie dehnen das sprachliche Reservoir über das Tatsächliche ins Bildliche oder Gefühlige hinaus und provozieren damit auch eine bestimmte Sicht der Dinge. Metaphern bzw. die sie nutzenden Redner_innen geben sich auf jeden Fall große Mühe eine bestimmte Weltsicht in den Köpfen der Hörer_innen festzuschreiben. Neudeutsch nennt man diesen Prozess „framing“ – Rahmung. Das meint dann auch Donald A. Schön, wenn er schreibt:

„‚Metaphor‘ refers both to a certain kind of product – a perspective or frame, a way of looking at things – and to a certain kind of process – a process by which new perspectives on the world come into existence.“

(in: Generative metaphor: A perspective on problem-setting in social policy; in: Andrew Ortony (Hrsg.): Metaphor and Thought, 2. Auflage, Cambridge: CUP, 1993, 137.

Metaphern haben also sowohl eine befreiende als auch eine einschränkende Kraft. Sie können neue Einsichten ermöglichen und frei machen von überkommenen Vorstellungen. Metaphern können aber auch Einsichten und Weltsichten kanalisieren, durch Rahmung determinieren, einschränken.

In einer der Mai-Ausgaben der London Review of Books findet sich hierzu passendes Anschauungsmaterial (vgl. Jg. 40, Nr. 9 vom 10. Mai 2018). Ein Artikel von William Davies unter dem Titel „Weaponising Paperwork“ behandelt die Auswirkungen einer rhetorischen Aufrüstung der innenpolitischen Debatte zur Migration in Großbritannien. Diese ist durch die Strategie gekennzeichnet, für Migranten eine sog. „hostile environment“ zu schaffen. Migranten, vor allem jene ohne Papiere, sollen durch diese feindliche Atmosphäre von Amtswegen vermittelt bekommen, dass sie nicht erwünscht sind.

Schon der Ausdruck „hostile environment“ hat metaphorische Qualitäten. Die Wirklichkeit, welche Migranten in Großbritannien erleben sollen, soll möglichst unwirtlich sein. Sie sollen erfahren, dass sie in Feindesland sind. Davies greift in seinem Titel nun zu einer weiteren Metapher – „weaponising“ – welche die implizite und mitunter auch explizite Gewaltdimension einer solchen Haltung noch einmal unterstreichen soll. Er treibt die Metaphorik der Feindlichkeit auf die Spitze und drückt damit polemisch aus, was – aus seiner Sicht – als letzte Konsequenz dieser innenpolitischen Rhetorik zu verstehen ist: die Bewaffnung des Bürokratenstaates gegen unbotmäßige Ausländerinnen und Ausländer.

In der gleichen Ausgabe findet sich auch ein Artikel in der Rubrik „Diary“ von Stefan Collini. Collini knöpft sich eine weitere seltsam verlaufende innenpolitische Debatte in Großbritannien vor, jene zum Sinn und Zweck von Universitäten. Collini zeigt, was passieren kann, wenn man auf eine Bildungseinrichtung wie der Universität das metaphorische Arsenal des marktwirtschaftlichen Denkens loslässt. Tut man dies und nutzt Begriffe wie zum Beispiel Wettbewerb („competing for talent in a global market“) und Konsumenten („students are to be treated as consumers“) zur normativ gemeinten Wesensbeschreibung von Universitäten, dann wird sich dieses Wesen auch in Richtung dieser Beschreibung entwickeln. Aus (keineswegs perfekten) Bildungsinstitutionen mit gesellschaftlichem Auftrag werden – so die Kritik Collinis – Schritt für Schritt profitmaximierende Unternehmen, die ideell um sich selbst kreisen. Die Metaphern generieren ihre eigene Wirklichkeit.

Nicht zu unrecht spricht Hans Blumenberg auch davon, dass „die Metapher zugleich unentbehrlich und suspekt“ ist (Theorie der Unbegrifflichkeit 90). Unentbehrlich, da sie das Verstehen erweitert und neue Welten sprachlich erschließen helfen kann. Suspekt, da diese kreative Kraft der Metapher sehr häufig dazu genutzt wird, um das Gegenteil von Schöpfung zu erreichen: Die neuen Welten können dann plötzlich sehr klein und beengt daher kommen.