„Alles ist, weil Du es siehst.“ Notiz zu einem Zitat von Augustinus.

„Die Dinge, die Du gemacht hast, sehen wir, weil sie sind; sie sind aber, weil Du sie siehst.“

So formuliert Augustinus am Ende seiner „Bekenntnisse“ (13. Buch, 38).

Die Dinge – einschließlich der Menschen – verdanken ihre Existenz nicht einer autonomen inneren Werdenskraft, sondern sie werden von Gott – dem augustinischen „Du“ – sozusagen ins Leben gesehen. Gott blickt aus sich heraus und schafft durch diesen Blick der Aufmerksamkeit ein Gegenüber. Ein Gegenüber, dass wiederum die Fähigkeit hat, mit ähnlicher Aufmerksamkeit andere Dinge zu sehen und auch von diesen anderen Dingen aufmerksam gesehen zu werden. Die Dinge wachsen also nicht aus sich heraus, sondern sie wachsen aufgrund des aufmerksamen Blicks, der ihnen von einem Du – dem schöpferischen und dem geschaffenen – entgegen schaut.

Augustinus spricht hier also von der aufmerksamen Schau-Beziehung der Dinge zu Gott. Aber auch die Dinge untereinander blicken sich wie gesagt an, blicken sich ins Werden und Sein. Die Dinge stehen miteiander in einer Beziehung des Sehens und Gesehen Werdens. So formuliert es z.B. die britische Dichterin Isabel Galleymore in ihrem Gedicht „Say Heart“:

„I am most like myself when likened.// He, for example, has made me realise/I can climb, jump between trees.“ (in: Significant Other, 2019, 15).

Die Aufmerksamkeit anderer Menschen/Dinge legt eine Kraft in uns hinein, die wir nicht aus uns selbst aufbringen können. Wir lernen Aufmerksamkeit, weil andere und anderes uns Aufmerksamkeit schenkt. Die anderen Menschen/Dinge sehen uns an, an-erkennen uns und verhelfen uns so zu Sein und Werden.

Und auch Rowan Williams spricht davon, dass es der Blick von außen ist, der uns konstituiert. Williams spricht in „Lost Icons“ (London 2003) von einer „self-relatedness“ und erläutert diese wie folgt: „That self-relatedness is not a self-enclosure, but the capacity to be seen or recognised, expressed and experienced as a ‚look‘ directed at us, as something that enables our own self-perception“ (ebd. 157).

Die Dinge blicken sich also gegenseitig an. Sie an-er-kennen sich dadurch. Sie schenken sich gegenseitig Aufmerksamkeit und Augenblicke. So schaffen sie sich gegenseitig die Kraft zum eigenen Wachstum, ruhend auf dem ewigen Blick einer ersten Aufmerksamkeit, von dem Augustinus spricht.

Der Augenblick: Phänomen und Fetisch

Immer wieder wird das Interesse am Augenblick geweckt. Das Phänomen des Augenblicks regt offenbar die Geister an, die konservativen wie die poststrukturalistischen. Im Augenblick vermutet man die Kraft zur Umwältzung, das revolutionäre Potential oder einfach nur ein rätselhaftes Konundrum. Der Augenblick ist die Zeit der Epiphanie, der Elevation, der Offenbarung, der Konversion oder auch das herausragende ästhetische Moment, der absolute Nullpunkt und Uranfang. Vorbildlich werden die verschiedenen Dimensionen des Augenblicks und des Zeitpunktes in einem Sammelband aus dem Jahr 1984 besprochen:  Augenblick und Zeitpunkt. Studien zur Zeitstruktur und Zeitmetaphorik in Kunst und Wissenschaften, Darmstadt, hrsg. von Christan W. Thomsen & Hans Holländer).

Dabei ist die Beschäftigung mit dem Augenblick nicht ungefährlich. Das Phänomen des Augenblicks mit seinen mal philosophischen, mal theologischen Tiefenschichten verführt den Betrachter dazu, aus einem Phänomen der Beobachtung einen Fetisch der Vergötzung zu machen. Aus dem Gesprächsstoff wird so ein Gegenstand, dem eine höhere Kraft und Macht zugeschrieben wird. Man starrt solange auf den Augenblick bis er sich in ein durch und durch geheimnisvolles Wesen mit reichlich intellektuellem Eigenleben verwandelt. Der Autor dieser Zeilen ist sich dieser Gefahr bewusst, da er selbst im Rahmen einer längeren Studie dem Augenblick der Entscheidung auf die Spur – man könnte auch sagen: auf den Leim – gegangen ist.

Mit großem Interesse las dieser gleiche Autor in den letzten Tagen das kleine Büchlein von Malte Oppermann mit dem Titel Der Augenblick (Karolinger 2020), welchem die Wochenzeitung „Die Zeit“ eine positive Besprechung widmete. Malte Oppermann vollzieht in seinen kurzen philosophischen Meditiationen Tiefenbohrungen, um den Augenblick in dessen quantitativen und qualitativen Schattierungen zu entschlüsseln, freilich unter der gleich zu Anfang zitierten Qualifizierung, dass der Augenblick an sich kaum zu entschlüsseln ist. Gleich zu Beginn schreibt Oppermann daher von der „Ungreifbarkeit und Widersprüchlichkeit“ (9) des Augenblicks. Gleichzeitig gesteht Oppermann dem Augenblick zu „eine Metapher für die Fülle der unmittelbaren Gegenwart“ (11) zu sein. Beim Augenblick handelt es sich also, das ist festzuhalten, um eine Metapher, um ein Sprachspiel, das ein beobachtetes Phänomen oder auch einen Gemütszustand auf den sprachlichen Punkt bringen möchte. Gibt es überhaupt den Augenblick an sich?

Oppermann ist aber nicht nur metaphorisch unterwegs, sondern mitunter auch durch und durch essentiell. Über den Augenblick sagt er zum Beispiel: „Die Fülle der Gegenwart liegt in ihrer Einmaligkeit“ (ebd.). Da ist er dann auch schon: der Augenblick, der Anstalten macht, vom Phänomen zum Fetisch zu werden. Dabei hat das Sprachspiel der „Fülle“ mit Blick auf das Phänomen Augenblick durchaus Tradition. Die Erfahrung der Fülle oder auch der gefühlten „Vollendung“ (23) ist im menschlichen Empfinden immer nur vorübergehender Natur. Die Erfahrung der Fülle ist ein Versprechen. In ihr drückt sich eine Hoffnung aus, dass die Dinge gut werden. Er ist also vergänglich, dieser Augenblick der Fülle. Er kommt, zieht vorüber und verschwindet wieder in einer „unendlichen Mannigfaltigkeit“ (13).

Aus dieser Vergänglichkeit versucht Oppermann aber den Augenblick zu retten, indem er dessen „Einmaligkeit“ (38) und „Individualität“ (36) betont . In Spannung dazu steht, dass die Erinnerung an den Augenblick der Fülle, die Erfahrung auch, dass sich der vollendete Moment durchaus wiederholen kann. Gibt es nicht eine Wiederholung des Augenblicks, die natürlich nichts gemein hat mit einer fabrizierten Reproduktion von Fülle und Vollendung? Freunde des Augenblicks werden hier – evtl. in Rückgriff auf Kierkegaard – sogleich Einspruch erheben. Doch – zum Glück – stellt sich die Fülle nicht nur einmal im Leben ein.

Ein Augenblick kommt selten allein. Er ist eingebettet als fast zufälliger Beobachtungspunkt in ein Geflecht der kontinuierlichen Abläufe und Prozesse. Viele, ungezählte Augenblicke, Akte, Sprachbilder, Gesten formen die Geschichte aus. Ja, wir nehmen ab und an einzelne Augenblicke besonders wahr. Sonst existieren wir aber fröhlich in einem Kontinuum der Gegenwart. Oppermann weiß das: „Stets ist nur ein winziger Ausschnitt des Geschehens Gegenwart. Trotzdem zerspringt die zeitliche Existenz nicht in einzelne Augenblickssplitter“ (26). Ganzheit kann man diese Erfahrung mit Oppermann nennen; muss diese Erfahrung aber gleich eine „verborgene Ganzheit“ (26) sein? Geht es manchmal nicht vielleicht auch ohne Mysterium und Geheimnistuerei? Da ist er wieder: der Augenblick als Fetisch.

Unbestreitbar regen Oppermanns Meditationen an. Sie schreiten aber auch haarscharf am Grad der Fetischisierung des Augenblicks entlang. Hier und da schlittert der Tonfall ins Geraune ab. Spätestens seit Augustinus bekannter Bestimmung von Zeit („Was ist also Zeit? Wenn mich niemand darüber fragt, so weiß ich es; wenn ich es aber jemanden auf seine Frage erklären möchte, so weiß ich es nicht.“) weiß man, dass es schwer ist, über die Zeit und das Verhältnis von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu schreiben, ohne dabei viele Fragen zu stellen. Vielleicht ist das Fragen auch die beste Weise, dem Phänomen des Augenblicks beizukommen ohne es zu fetischisieren.

 

Über die Konkretion im Augenblick

Wir denken gerne in großen Linien, in den vollumfänglichen Systemen, den ganzheitlichen Lehren und den überspannenden (und manchmal auch: überspannten) Theorien. Wir schätzen das Allgemeine und blicken auf das Konkrete oft nur in seiner exemplarischen Bedeutung. Gerade eben habe ich mein Kind darüber belehrt, dass zum Verstehen eines Textes in einem Schulbuch die allgemeine Aussage das wichtigste ist und das Beispiel erst dannach zu nennen sei.

Was nun H.G. Gadamer über die „Konkretion im Augenblick“ schreibt (in: Wahrheit und Methode, 328) lehrt mich, den Augenblick, das Konkrete, die Situation höher zu schätzen als es meine Belehrung dem Kinde es vermitteln wollte. Beides gehört nämlich zusammen: das Allgemeine und das Spezifische, die Kontinuität und der Augenblick.  Eine Einseitigkeit hin zu dem einen oder anderen ist eben das: einseitig.

Gadamer formuliert sein „Konkretion im Augenblick“ in Bezug auf das ethische Handeln, das sich, so Gadamer im Anschluss an Aristoteles, gerade in einer konkreten Situation – dem Augenblick – verwirkliche. Es verwirklicht sich im Handeln nicht eine allgemeine ethische Idee, sondern das Handeln im Augenblick generiert seinen eigenen ethischen Sinn. Damit wird man nicht gleich zum Situationisten, sondern lediglich zu einem Menschen, der weiß, dass jegliches Allgemeine in Recht, Politik, Spiritualität usw. stets nur auf die Realität Einfluss nehmen kann im Modus der Konkretion.

Das andere Extrem, die Dezisionisten, sind dann jene, welche im Augenblick der Entscheidung den alleinigen Ausdruck situativ ausgelebter und gültiger Wahrheit sehen. Gadamer schlägt sich auf deren Seite aber nicht. Er hält die hermeneutische Waage zwischen dem Verstehen „von oben“ her auf der einen Seite und einem Verstehen „von unten“ her auf der anderen Seite. Wo oben und unten zusammenkommen wird für ihn dann die „fordernde Situation des Augenblicks“ (ebd. 327) geboren. Hier wird, man mag folgern, Wort zu Fleisch.

Und dann sind da noch die Augenblicke, die einen bisher unerkannten Aspekt von Wirklichkeit auch ganz ohne Theorie und allgemeines (Vor-) Wissen enthüllen. Aus sich heraus und unvermittelt spricht die Situation Wahres aus, und ich erfahre im konkreten Augenblick: In den besten Fällen offenbaren sich Wahrheit und Wirklichkeit als ein und dasselbe. Hier und jetzt, an diesem Ort sind sie da. Der Augenblick wird so konkret: wirklicher und wahrer geht es nicht.

Wann ist das Ich ganz da? Eine kleine Phänomenologie.

 

In welchen Augenblicken ist das Ich als Erfahrung gegenwärtig? Wann ist das Ich ganz da? Es folgt als phänomenologischer Versuch eine sehr vorläufige Aufzählung:

Schmerz

Der Schmerz konzentriert das Ich auf einen Punkt. Es reduziert das Ich auch auf diesen Punkt. Das Ich erfährt sich als körperliche Einheit, aber auf eine drastische, schmerzliche Weise. Die Erinnerung an Glücksgefühle verschwindet hinter einem grauen Schleier der augenblicklichen Verstrickheit in der Schmerzerfahrung. Ganz da im Jetzt ist das Ich und will dieses Ich aber auch hinter sich lassen. Denn der Schmerz ist das Ich in seiner ganzen Begrenztheit.

Ekstase

Nicht ganz unähnlich zum Schmerz konzentriert das Ich sich in der Ekstase auf eine augenblickliche Erfahrung. Hier überwiegen – im Gegensatz – zum Schmerz aber die Glücksgefühle. Das Ich ist ganz da im Rausch des Ereignisses. Das Ich „lässt sich gehen“, schaltet die Selbstreflexion und damit die Ich-Distanzierung ab. Ich ist Glück. Die Frage ist: Übersteigt das Ich in der Ekstase auch die eigenen Grenzen? Oder wird sich das Ich nur auf frappante Art seiner selbst bewusst in der Selbstbegrenzung?

Gespräch

Das Gespräch führt das Ich zum Du. Damit, so kann man mit Martin Buber formulieren, führt das Gespräch das Ich zur Welt. Das Ich lernt im Gespräch sich als ein Beziehungsgeflecht bzw. einen Resonanzraum verstehen, das nicht nur in augenblicklichen Momenten ganz da ist, sondern auch für die Dauer einer Begegnung von Körper und Geist. Im Gespräch dezentriert sich das Ich zum Du und erfährt sich gerade deshalb als ganz da. Das Ich ist ganz da, sofern es nicht alleine ist.

Kontemplation

Die Kontemplation als Schau dezentriert das Ich ebenso. Das Ich gibt sich in der Kontemplation nicht irgend einem oder einer Gegenüber hin, sondern dem ganz Anderen öffnet sich das Ich bzw. erfährt sich als dasjenige, das im Augenblick der Schau zu diesem ganz Anderen hin geöffnet wird. Das Ich ist ganz da in der Öffnung zum Guten und Gerechten und Wahren. Nicht im Sinne abstrakter Ideen, sondern im Sinne einer Öffnung hin zu einem Gegenüber, das gleichermaßen grenzenlos und konkret im Guten und Gerechten und Wahren ist.

 

Über das „Ich“ wurde im Rahmen einer Tagung am 23. November 2018 im Körber-Forum in unterschiedlichen Konstellation und mit unterschiedlichen Blickwinkeln gesprochen. Hier geht es zum Programm der Tagung.

Gedichte halten Augenblicke fest – fast

Den Augenblick festhalten; das Schöne da behalten; den Anblick weiter genießen; den Ohrenschmaus fortwährend auf sich einfließen lassen. Das versuchen Gedichte; und scheitern gleichzeitig daran. Denn nur in der Ewigkeit ruht der Augenblick, das Vollkommene vor meinem dann geschlossenen Auge.

Anbei folgen dennoch einige kurze Versuche, die ich in den letzten Wochen auf Twitter veröffentlichte. Es waren schnelle, geschwinde, spontane Texte; ob sie gelingen entscheidet die Leserin, der Leser.

 

Geesthacht

Auf Pump

speichert hier

ein Werk

Kraft

(21. August)

 

 

Die beiden Stieglitze in

der Früh

 

Bild gezwitscherter

Trautseligkeit

(14. August)

 

 

Poesie der Meteorologie

Höhentief

Kaltlufttropfen

(11. Juli)

 

 

ich lasse mich

vom Sonntag

aus zur ruhe

bringen

(17. Juni)

 

 

Grau in grau

kabelt es

durch den

Himmel

(14. August)

 

 

in heidelberg enden

straßen waldig in den

hügeln greifswald aber

feldert

(13. Juni; für H. Richter)

 

„Der Augenblick, das wunderliche Ding“. Über den Zusammenhang von Tanz, Politik und Liturgie.

Gliederung:

1. Der Augenblick im Tanz

2. Der Augenblick in der Liturgie

3. Der Augenblick in der Politik

 

1. Der Augenblick im Tanz

Das klassische Ballett arbeitet mit lauter Höhepunkten, in denen sich der Tanz zu ästhetischen Gipfeln aufschwingt. Ich darf aus einem Aufsatz von Gabriele Brandstetter zum Thema zitieren: „Im erfüllten Augenblick offenbart sich die Schönheit der an die zeitliche Sukzession gebundenen tänzerischen Bewegung.“ (Brandstetter, Gabriele 1984: Elevation und Transparenz. Der Augenblick im Ballett und modernen Bühnentanz, in: Thomsen, Christan & Holländer, Hans (Hrsg.): Augenblick und Zeitpunkt. Studien zur Zeitstruktur und Zeitmetaphorik in Kunst und Wissenschaften, Darmstadt, 476) Es geht also in diesem Kontext weniger um den Augenblick im Verlauf einer Geschichte im klassischen Erzählballett. Vielmehr geht es um den Augenblick als der Offenbarung einer Schönheit von Bewegung. Bewegung verdichtet sich im Augenblick zu einer ästhetischen Klimax.

Diese ästhetische Verdichtung geschieht im klassischen Tanz u.a. in der sogenannten Elevation. Elevation heißt im Tanz soviel wie die Erhebung des Körpers und die scheinbare Aufhebung der Schwerkraft darin. Im pas de deux hebt normalerweise der Mann die Frau in Höhe; im Solo der Frau befindet sich diese unablässig en point, auf den Zehenspitzen; und das Solo des Mannes zeichnet sich gewöhnlich durch phänomenale Luftsprünge aus. All diese Elevationen des klassischen Balletts versuchen einen „Schein totaler Freiheit in der Schwerelosigkeit“ (ebd. 477) aufzubauen. Die bleibende Schwere des Körperlichen hat aber zur Folge, daß dieser Schein der Freiheit nur für den Bruchteil einer Sekunde aufrechterhalten werden kann. Der Körper wird schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Aufgrund der tatsächlichen Schwere des Körpers ist die Elevation also ein zeitlich kurzer Moment.

Die Elevation geschieht aber nicht nur in einem kurzen Moment. Sie ist zur gleichen Zeit ein wunderlicher Augenblick, da in ihr der Höhepunkt des schönen Scheins dem Zuschauer offenbar wird. „Das Prinzip der Elevation strebt nach dem Paradox eines Augenblicks der gleichsam gedehnten Sekunde, in der die Bindung an die Schwerkraft aufgehoben ist und der Schein der Ewigkeit dieser (körperlichen) Freiheit für einen Moment aufleuchtet.“ (ebd. 478) Von dem französischen Tänzer Auguste Vestris wird dann auch die Geschichte erzählt, er sei nach einer Elevation jeweils nur aus Rücksicht und Höflichkeit gegenüber seinen Kollegen auf den Bühnenboden zurückgekehrt. In einem älteren englischsprachigen Nachschlagewerk findet sich dazu folgender kurzer Text:

Elevation, term applied to all aerial movements as opposed to terre à terre movements in which the feet barely leave the ground. Nijinski, who was possessed of phenomenal elevation, was (erroneously) said to have had the power to remain at the highest point of ascent for a fraction of a second before he descended (a physical impossibility). Whilst there are countless testimonies of Nijinski’s prowess, there are none to Gaetano Vestris’s claim that ‘If my son (Auguste Vestris) ever comes to earth it is only out of courtesy to his colleagues.’” (in: G.B.L. Wilson 1957: A Dictionary of Ballett, London, 111).

Die Botschaft des klassischen Ballett heißt also, daß der Augenblick der Elevation der Höhepunkt des Tanzes ist. Und ein guter Tänzer ist jener, der diesem Augenblick auch noch den allerletzten ästhetischen Reiz abringen kann und die Zuschauer zur Verzückung bringt.

2. Der Augenblick in der Liturgie

Der Titel dieses Beitrags – „der Augenblick, das wunderliche Ding“ – ist einem Dialog des Platons entnommen. In seinem „Parmenides“ bedenkt der Grieche die Frage, was denn den Übergang von der Ruhe zur Bewegung ausmache. „Wann also geht es über?“ läßt Platon fragen, und er gibt die Antwort: „Dieses wunderbare Wesen, der Augenblick, liegt zwischen der Bewegung und der Ruhe als außer aller Zeit seiend.“ ( §3.3.) Im Augenblick, in dem was außer aller Zeit ist geschieht eine Verwandlung. Das ist kein Prozeß, der da vonstatten geht und keine allmähliche Veränderung, sondern einfach so wird im Augenblick aus Ruhe Bewegung, aus Nichts wird Sein. Es wird etwas Neues. Der Augenblick ist somit nicht einfach der Höhepunkt einer prozeßhaften Entwicklung wie bisher geschildert, sondern der Augenblick ist Höhepunkt und Wandlungspunkt zugleich.

Schlägt man im Duden unter dem Stichwort „Elevation“ nach, so findet sich keinerlei Verweis auf den Tanz. Vielmehr findet sich folgender Eintrag: „Elevation; lateinisch für ‚Erhebung’; Emporheben der Hostie und des Kelches beim katholischen Meßopfer.“ Der Begriff der Elevation entstammt also dem Repertoire der liturgischen Choreographie in der Feier der Messe.

Lassen Sie mich in aller Kürze den Kontext erklären: Die Messe besteht aus zwei Teilen: Erstens dem „Sakrament des Wortes“ (Alexander Schmemann) mit Lesungen, Gesängen und der Predigt; und zweitens dem Sakrament des Altars mit dem großen Dankgebet, dem Vater Unser und der Kommunion. Das große Dankgebet im zweiten Teil der Liturgie wird vom Priester gesprochen bzw. gesungen, wobei er heutzutage hinter dem Altar steht mit dem Blick zur Gemeinde. Im Rahmen dieses längeren Gebetes spricht der Priester eine Gedächtnisformel, die das letzte Abendmahl Jesu Christi mit seinen Jüngern vor dessen Tod in Erinnerung ruft. Der Priester nimmt dabei nacheinander erst die Hostie, danach den Kelch mit Wein in die Hände und wiederholt die Worte, die Jesus nach biblischer Überlieferung selbst gesagt haben soll. Ich zitiere nach dem römisch-katholischen Meßbuch: „ In der Nacht, da er verraten wurde, nahm er das Brot und sagte Dank, brach es und reichte es seinen Jüngern und sprach: Nehmet und esset alle davon. Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. Tut dies zu meinem Gedächtnis.“ Ganz ähnliche Worte spricht der Priester einen Moment später hinsichtlich des Kelches mit Wein. Jeweils nach dieser Sentenz bricht der Priester ab, hebt jeweils Hostie und Wein in die Höhe, d.h. er eleviert sie. Wahlweise erklingen Schellen, ein Gong oder die Kirchenglocken, denn: in diesem Augenblick der Elevation geschieht die Wandlung: Hostie wird zu Leib Christi und Wein wird zu Blut Christi. (So auf jeden Fall eine klassische Lesart dieses Ritus.)

Das muß man nicht verstehen, und solange man nicht römisch-katholisch ist muß man das auch nicht glauben. Es ist aber geradewegs verblüffend wie strukturähnlich die Elevationen im Tanz sowie in der Liturgie sind. Im klassischen Ballett markiert die Elevation einen ästhetischen Höhepunkt. Im liturgischen Ballett markiert die Elevation einen liturgischen Höhepunkt wie auch einen Wendepunkt der religiösen Erfahrung. Dank einer Intervention der Ewigkeit, so das Verständnis, geschieht das Wunder einer Verwandlung in der Zeit. Die Elevation ist sowohl im Tanz als auch in der Liturgie der körperliche Ausdruck eines wahrlich wichtigen Geschehens. Die tänzerische Elevation vermittelt die Botschaft: „Schau her, was ich kann!“ Die liturgische Elevation spricht aus: „Schau her, was Gott kann! Er macht alles neu!“

Höhepunkt und Wandlungspunkt geschehen dabei in einem Augenblick, der mehr ist als ein zeitlicher Moment. Der Augenblick ist mit einer Botschaft aufgeladen und kommt ziemlich schwergewichtig daher. Der Augenblick besitzt Autorität und will, daß man diese Autorität anerkennt. Deshalb wird im Ballett Szenenapplaus gegeben, in der Liturgie erklingen die Glocken. Und der Zuschauer beim Tanz sowie die Gemeinde in der Liturgie, beide werden den Augenblick der Elevation aufmerksam erspähen, wenn sie auch sonst etwas müde dahindämmern. Der Augenblick reckt sich förmlich aus der Zeit hervor, und um ihn herum versinkt alles in bloße Belanglosigkeit: sei es der corps de ballet, der artig am Bühnenrand aufdrappiert ist oder seien es die Meßdiener, die im Altarraum knien. Alle sind förmlich gebannt oder sollten es wenigstens sein. Denn: seht: es ist der Augenblick. Der macht alles neu.

3. Der Augenblick in der Politik

Die Leser und Lesserinnen werden überrascht sein, wenn ich ihnen nun sage, daß wir vom Augenblick in der Politik gar nicht mehr weit entfernt sind. Lassen Sie mich nur kurz festhalten, daß ein flüchtiger Blick auf Tanz und Liturgie gezeigt hat, daß der Augenblick nicht einfach ein zeitlicher Moment ist, sondern – so auf jeden Fall die Theorie – ein mit Inhalt und Autorität gefüllter Höhepunkt und Wandlungspunkt.

Im Herbst 2005 gab es in unserem Land vorgezogene Neuwahlen zum Bundestag. Zu dieser Sturzgeburt einer Wahl kam es, da die Parteien im Parlament einen großen Handlungsbedarf sahen. Die Botschaft der Opposition (CDU & FDP) war, daß es für einen Regierungswechsel höchste Zeit sei, damit es mit dem Land wieder aufwärts gehen könne. Die Botschaft der Regierung (SPD & Grüne) war, daß es eigentlich keinen Handlungsbedarf gebe, man sich aber aufgrund der einsamen Entscheidung eines einzigen Mannes (Gerhard Schröder) auf ein solches Abenteuer einlasse.

Das damalige Staatsoberhaupt (Horst Köhler) gab dem ganzen Katzenjammer sein Plazet mit den Worten: „Unser Land steht vor gewaltigen Aufgaben. Unsere Zukunft und die unserer Kinder stehen auf dem Spiel. Millionen von Menschen sind arbeitslos, viele seit Jahren. Die Haushalte des Bundes und der Länder sind in einer nie da gewesenen, kritischen Lage. Die bestehende föderale Ordnung ist überholt. Wir haben zu wenig Kinder, und wir werden immer älter. Und wir müssen uns im weltweiten, scharfen Wettbewerb behaupten.“

Diese Worte sollten in diesem historischen Augenblick allen Leuten klar machen: Wir stehen in einer Zeit der Entscheidung. Das Schicksal des Landes steht auf dem Spiel, und deswegen benötigt das Land ein starke Führung. Noch einmal die Worte des damaligen Bundespräsidenten: „In dieser ernsten Situation braucht unser Land eine Regierung, die ihre Ziele mit Stetigkeit und mit Nachdruck verfolgen kann.“ Und er schloß seine Ansprache vom 21. Juli 2005 mit den Worten: „Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, jetzt haben Sie es in der Hand. Schauen Sie bitte genau hin. Demokratie heißt, die Wahl zu haben zwischen politischen Alternativen. Machen Sie von Ihrem Wahlrecht sorgsam Gebrauch.“

In dieser Zeit der Entscheidung hatten wir, die Bürger, die Entscheidung. Doch welcher Art der Entscheidung war dies? Es war ein Augenblick der Entscheidung. Die Zeit der Entscheidung ist nämlich der Augenblick. Es ist der sogenannte kairos, der griechische Gott, der auf Messerscheide tanzt. Im kairos herrscht ein scheinbar klares Entweder – Oder; eine simple Einteilung der Welt in den Dualismus von Freund und Feind, Regierung und Opposition. Nach einer jeden Wahl wissen wir, daß es mit dieser Klarheit und Simplizität der Entscheidung oftmals nicht weither ist. Doch vor der Wahl wird einem immer wieder eine klare Struktur vorgetäuscht: Entweder Stillstand oder Wandel! Entweder soziale Kälte oder soziale Gerechtigkeit! Und in der Wahlkabine hat die Wählerin dann zwar die Auswahl zwischen recht vielen Gruppierungen, doch eigentlich geht es nur um die Alternative: Entweder – Oder. Und der Augenblick in der Politik versucht die Bürgerin stets mit einem solchen Entweder – Oder zu konfrontieren. Jeder Kompromiß ist ein fauler Kompromiß. Er darf nicht sein. Darum flüstert der Augenblick der Entscheidung uns ins Ohr: Wähle! Tue es jetzt oder nie!

Die Worte des Präsidenten wie die Kommentare vieler Zeitungskolumnen im August und September 2005 waren der Meinung, daß es bei dieser Entscheidung um sehr viel ging, wenn nicht sogar um alles. Die bevorstehende Entscheidung wurde mitunter schon zur Schicksalsfrage einer ganzen Nation stilisiert. So führte der „Rheinische Merkur“ – inzwischen auch Teil der Geschichte – wenige Tage vor der Wahl einen zusätzlichen Bund mit der Überschrift: „Wahl 2005: Die Entscheidung“ und fragte: „Wohin steuert die Republik?“

Die Entscheidung ist folglich nichts für Nervenschwache, sondern es geht hier um eine alles entscheidende Entscheidung. Dazu bedarf es klarer Verhältnisse und einer starken Hand. Eine Besinnung auf das Notwendige und Unausweichliche tut not, auf daß man mit dem Augenblick der Entscheidung tatkräftig voranschreiten kann in das neue, gelobte Land. Von diesem „es geht um Alles“ gewinnt der Augenblick der Entscheidung eine Autorität, die zusammenzucken läßt. Man fürchtet sich vor ihm und versucht ihm auszuweichen. Doch der Augenblick packt uns am Kragen und will alles, und er will es jetzt.

Wenn wir nun all die genannten Punkte zusammenfassen zu einer Beschreibung des Augenblicks, dann lassen sich vier Seiten des Phänomens aufzeigen: Erstens, der Augenblick ist der Höhepunkt einer Entwicklung. Er steht an der Spitze eines mitunter dramatischen Prozesses. Im Augenblick erklimmt der Tanz, die Liturgie und die Politik den Gipfel der eigenen Berufung. Als Elevation, als Wahl. Zweitens, der Augenblick ist der Ort der Verwandlung. Im Augenblick entsteht etwas Neues; in ihm geschieht die Geburt einer neuen Schöpfung und der Anfang eines neuen Zeitalters. Mit großen Versprechungen einer grandiosen Zukunft wartet der Augenblick auf. In der Liturgie ist diese Zukunft letztlich außerhalb der Reichweite des Menschen. In der Politik wird diese neue Zukunft zu gewissen Zeiten regelrecht heraufbeschwört in dem Augenblick der Entscheidung. Drittens, dieser Augenblick der Entscheidung reduziert die Wirklichkeit auf ein klares Entweder – Oder. Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Pakte werden nicht mehr geschlossen, sondern der Feind muß klar ins Auge gefaßt werden. Und viertens, der Augenblick der Entscheidung kommt daher mit dem Gewicht dessen, der sich seiner Wichtigkeit bewußt ist. Nicht mehr länger stehen nur noch technische Detailfragen auf dem Spiel, sondern es geht nun um schlichtweg Alles, die Welt, das Leben, einfach Alles.

Der Augenblick ist also durchaus ein wunderliches Ding. Er ist aber auch ein ganz und gar nicht unschuldiges Wesen. Er ist vielmehr sehr ambivalent. Der Augenblick verspricht viel, fordert aber auch viel. Auch trägt der Augenblick den ein oder anderen Degen verdeckt unter seinem Mantel. Ich darf hier den dänischen Philosophen und Theologen Søren Kierkegaard zitieren, der maßgeblich zum Verständnis des Augenblicks beigetragen hat. Zum Ende seines kurzen Lebens veröffentlicht er in einer Flugschrift namens „Der Augenblick“ folgende Passage:

„Die weltliche Klugheit starrt und starrt auf Begebenheiten und Umstände, rechnet und rechnet, in der Meinung, sie könne den Augenblick aus den Umständen herausdestillieren, könne dann selber eine Macht werden mit Hilfe des Augenblicks, diesem Durchbruch des Ewigen, könne sich verjüngen, wessen sie höchlichst bedarf, mit Hilfe des Neuen.“ (Kierkegaard, Sören 1985: Der Augenblick. Aufsätze und Schriften des letzten Streits, Gütersloh, 326)

Kierkegaard war sich der machtvollen Ausstrahlung des Augenblicks bewußt. Der theologische Gedanke einer Neuschöpfung, der im Augenblick implizit vorhanden ist, muß für die ‚weltliche Klugheit’, in unserem Zusammenhang: die Politik sehr verführerisch sein. Deshalb versucht man sich die Ausstrahlung des Augenblicks anzueignen. Die Politik ist versucht, den „Durchbruch des Ewigen“ vor den eigenen Wagen zu spannen, um mit dieser alle Widerstände in Grund und Boden fahren zu können. Das, was nach Platon „außer aller Zeit“ ist, der Augenblick, er wird in die Zeit gezwungen, um mit ihm eine zeitliche Herrschaft zu begründen.

Diese Inanspruchnahme der Macht des Augenblicks war in dem Zeitalter politischer Ideologien besonders markant. Nicht umsonst war eine bestimmte Gruppe von deutschen Intellektuellen in den 1920er und 1930er Jahren von diesem Augenblick und seiner alles entscheidenden Macht wie verhext. Man sehnte sich regelrecht nach einem Menschen, der in den Wirren der Zeit für Klarheit sorgen konnte; der entscheiden konnte. Dieser Mensch kam 1933 dann auch an die Macht. Die Macht des Augenblicks wurde vollkommen der „weltlichen Klugheit“ unterworfen. Mit verheerenden Konsequenzen.

Der ästhetische Augenblick im Tanz ist nicht jedermanns Sache, wenn man sich als Normalsterblicher den erhebenden Träumereien des klassischen Balletts auch nicht ganz verweigern möchte. Der Augenblick der Wandlung in der Liturgie ist weit jenseits menschlicher Reichweite. Er läßt sich nicht einfangen. Der Augenblick der Entscheidung in der Politik ist ein zweischneidiges Schwert, das nur mit äußerster Vorsicht, wenn überhaupt geführt werden darf. Am besten legt man es ganz beiseite, da es sonst für Unheil sorgt.

 

Dieser Text basiert auf einem Vortrag im Kunsthaus Hamburg aus dem Jahr 2005. Weitere Gedanken zum „Augenblick“ finden sich in dem Buch „Der Augenblick der Entscheidung. Zur Geschichte eines politischen Begriffs“ aus dem Jahr 2008.