Ökumenisches Hausgebet in Zeiten von #Corona

Sollten Sie, liebe Leserin und lieber Leser, wie ich aktuell auf dem spirituell Trockenen sitzen, da alle öffentlichen Gottesdienste bis auf weiteres abgesagt sind, dann kann man zu der Form eines Hausgebets greifen. Sonntags, werktags, alltags.

Doch mit welchen Elementen kann man ein solches Hausgebet bestreiten? Ich stelle ich hier einen möglichen Ablauf vor. Viele andere Varianten sind möglich. Diese kleine Feier kann wahlweise am Morgen oder am Abend gebetet werden, gerne auch am Familientisch oder mit einem Freund oder einer Freundin, gerne auch in ökumenischer Verbundenheit.

Die einzelnen Elemente stammen entweder aus dem katholischen Gotteslob (GL) oder aus dem Evangelischen Gesangbuch (EG). Die weiteren Elemente stammen aus der Bibel; in der Wahl der Übersetzung sind Sie frei.

Möglicher Ablauf:

  • Entzünden Sie eine Kerze. Legen Sie bei Bedarf ein Tischkreuz in die Mitte und stellen eine Ikone oder ein anderes passendes Bild dazu. Wenn Sie wollen, das andere mithören können, öffnen Sie ein Fenster … .
  • Sprechen Sie: „Wir beten im Namen Gottes. Wir beten gemeinsam mit Jesus Christus. Wir beten in der Kraft des Heiligen Geistes.“
  • Singen Sie ein passendes Lied oder sprechen Sie die entsprechenden Strophen. Derzeit passen aus meiner Sicht gut: Aus der Tiefe (GL 283, GL 277, EG 299), Wer nur den lieben Gott (GL 424, EG 369), Solang es Menschen gibt auf Erden (GL 425, EG 427), Von guten Mächten (GL 430, EG 65), Gott ist gegenwärtig (GL 387, EG 165).
  • Beten Sie einen Psalm aus der Bibel. Derzeit passen aus meiner Sicht: Ps. 139, Ps. 91, Ps. 23, Ps.107, Ps. 30.
  • Lesen Sie die Tageslosung oder lesen eine Passage aus der Bibel, wie sie von der Schott-Tageslesung vorgeschlagen wird.
  • Halten Sie einige Momente Stille: Welche Empfindungen, Gefühle, Gedanken kommen in mir hoch? Wenn Sie wollen: Tauschen Sie sich über die Passage aus der Bibel aus. Kommen Sie nicht so sehr ins Diskutieren. Lassen Sie stehen, was der/die andere sagt.
  • Singen Sie ein einfaches Kyrie (Erbarme Dich Gott), z.B.: GL 154, 155, 157; EG 178/9, 178/11.
  • Formulieren Sie ein freies Gebet als Fürbitte. Nennen Sie ruhig die Menschen, für die Sie beten wollen, mit Namen.
  • Oder beten Sie in folgenden Worten: „Gott. Wir fragen uns, wo wir stehen. Wir wissen nicht genau, was noch kommt. Gehe den Weg mit uns, der vor uns liegt. Schenke allen Menschen in unserem Land, die wichtige Entscheidungen treffen, Weisheit und Umsicht: in unserer Stadt/in unserem Dorf; in unserem Landkreis/Bezirk; in unserem Land. Schenke den kranken Menschen Deine Nähe; und allen, die sich um sie kümmern, innere Stärke und Gesundheit. Schenke allen Nachbarn, Freunden, Familien Netzwerke der Unterstützung und den Zusammenhalt, den sie brauchen. Lass die Kirchen ein Zeichen Deines Beistands für die Menschen sein. Stärke die Völker in ihrer Verbundenheit untereinander. Geh mit den Sterbenden ihren letzten Weg. Gib den Toten Deinen Frieden. Lass uns alle zum Zeichen Deines Segens füreinander werden. Heute, morgen und in Ewigkeit. Amen.“
  • Beten Sie: „Vater unser im Himmel …“
  • Sprechen Sie einen Segen, z.B.: „Der barmherzige Gott segne uns, Vater, Sohn und Heiliger Geist.“
  • Löschen Sie die Kerze … .

Machen Sie andere Menschen auf diese oder andere Formen des Hausgebets aufmerksam. Danke!

Und: Bleiben Sie auch nach dem Abklingen der momentanen Situation am häuslichen Gebet dran!

 

(Für meine regelmäßigen Leserinnen & Leser: Mir sei diese Art des nicht-wissenschaftlichen Fastenbrechens verziehen. Danke für das Verständnis.)

 

 

 

Aus dem Leben eines Ritualdesigners

Ich sei ein Ritualdesigner, sagte man mir die Tage einmal.

Das Wort blieb bei mir hängen. Ich frage mich: Was tue ich genau, was mit Ritualen und ihrem Design zu tun hat? Warum handle ich so, wie ich es tue?

Rituale prägen unterschiedliche „Anlässe und Zwecke“, wie ich in einem Lexikonartikel nachlese (Bernhard Lang: Ritual/Ritus, in: Cancik/Gladigow/Kohl: Handbuch religionswissenschaftlicher Grundbegriffe, Band IV, 1998: 450). Rituale können zyklisch also wiederkehrend vorkommen oder einmalig sein (ebd. 451). Solche Anlässe oder Zwecke von Ritualen können mit Erinnerung zu tun haben oder persönliche und kollektive Übergänge biografischer Natur markieren. In dem erwähnten Artikel werden eine Reihe weitere Anlässe aufgeführt.

Ich bin kein Religionswissenschaftler oder Ethnologe. Doch anekdotische Alltagserfahrungen haben mich gelehrt, dass überall dort, wo ich mich eines gewissen Ereignisses erinnere – entweder im individuellen/familiären Kontext oder als Teil einer größerer Gemeinschaft – Rituale ins Spiel kommen. Beispiele sind: Geburtstage, Namenstage, Hochzeitstag, Allerseelen, Weltkriegsgedenken, Nationalfeiertag. Ritualisierung geschieht auch bei absehbaren Übergangserfahrungen, bei den Schwellen zwischen dem einen und dem anderen biografischen Stadium. Meiner Erfahrung nach überlappen sich hier oft individuelle Sphäre und kollektive Sphäre. Man bleibt bei diesen sog. „rite du passage“ also nicht unter sich, sondern feiert den Übergang als Teil einer Gemeinschaft: zum Beispiel Taufe, Erstkommunion, Firmung/Konfirmation, Hochzeit, Bestattung. In anderen Kontexten auch Jugendweihe, Beschneidung, Bat Mizwa usw.

Das Interessante an diesen Ritualen ist: Sie erwecken den Anschein einer großen Selbstverständlichkeit und Formalität. Rituale unterliegen bestimmten Regeln, die ihnen eine Orientierungsfunktion in Phasen größererUngewissenheit verleihen sollen. Rituale wirken ehrwürdig, alt, bewahrenswert. Doch auch diese konventionellen, regelhaften Rituale sind historisch gewachsen, haben sich weiterentwickelt, unterliegen wie alles historisch Gewachsene einem mehr oder minder bewussten Design. Rituale fallen nicht vom Himmel.

Historisch lässt sich dies gut an dem Beispiel der sogenannten Ritualisten sehen, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der anglikanischen Kirche bewusste Ritualneuerung betrieben. Dies taten sie aber immer mit dem Selbstverständnis und dem Selbstbild, dass sie auf alte kirchliche Traditionen zurückgreifen würden. Die neuen/alten Rituale sorgten in der anglikanischen Kirche zeitweilig dann auch für gehörigen Wirbel. Denn an den äußeren Ritualen vermutete man den inneren Geist einer Person ablesen zu können. Ritualpraxis und Ritualpolitik liegen gelegentlich eng beieinander.

Ritualdesigner geben sich also gerne als Traditionalisten aus, sind dabei aber sehr innovativ unterwegs. Normatives und Kontingentes gehen bei dieser „Arbeit am Ritual“ (ebd. 458) Hand in Hand. Es gibt die Ritualdesigner innerhalb der Religionsgemeinschaften. Aber auch außerhalb von Religionen werden weiterhin viele Rituale erfunden, designed, in die Welt gesetzt. Das macht ein Sammelband aus dem Jahr 2012 zum Thema deutlich. Wer Rituale bewusst designed, intendiert einen Zuwachs an Sinn und Bedeutung für Erfahrungen der empfundenen Erinnerung, des empfundenen Übergangs, der Wiederholung. In der Religion und außerhalb der Religion.

Ritualdesign ist dabei immer auch Alltagsgestaltung. Das macht sie auch für Laien wie mich interessant. Denn im Alltag bewährt sich das, was das Ritual in Erinnerung rufen möchte. Und das Ritual hilft dem Alltag zu einer gewissen Struktur. Designte Rituale entstammen also dem Bedürfnis, dem Alltag an gewissen Nahtstellen Sinn und Bedeutung zuzuschreiben: in Worten, in Handlungen, in sich wiederholender Performanz. Eine Kerze anzünden, ein Gebet sprechen, auf die Knie gehen, ein Lied singen u.v.a.m. Das Leben eines Ritualdesignern überbrückt ständig den Graben zwischen alt und neu, Tradition und Innovation. Gut ist, wenn man sich dessen bewusst ist.

Henry David Thoreau on ‚Walking‘

Henry David Thoreau wrote on 10. January 1851 in his Journal in a true romantic and transcendentalist manner:

“ I have met with but one or two persons in the course of my life who understood the art taking walks daily – not exercize – the legs or body merely – nor barely to recruit the spirits but positively to exercise both body & spirit – & to succeed to the highest & worthiest ends by the abandonment of all specifics ends.- who had a genius, so to speak sauntering- – And this word saunter by the way is happily derived ‚from idle people who roved about the country (in the middle ages) and asked charity under pretence of going à la sainte terre,‘ to the holy land – till perchance the children exclaimed There goes a sainte terrer a holy lander- They who never go to the holy land in their walks as they pretend are indeed mere idlers & vagabonds- (two leaves missing).“

(Henry David Thoreau: Journal, Vol. 3: 1848-1851, Princeton University Press, 1990, 176, idiosyncratic spelling retained)

Who would not want have so much time at hand as Thoreau who as a surveyor walked the hills and valleys of Concord county professionally? Still, a fine statement of Thoreau’s habit of turning something ordinary – the German Alltag – into something extraordinary, holy, spiritual.

Die Angst des politischen Alltags vor dem Populismus

Diese Notiz könnte auch folgenden Titel tragen: Der Angst des Populismus vor dem politischen Alltag. Denn Populismus und politischer Alltag vertragen sich nicht gut.

Darauf verweisen unter anderem Dirk Jörke und Veith Selk in ihrem lesenswerten Band: Theorien des Populismus. Zur Einführung, Hamburg: Junius, 2017. Jörke und Selk schreiben, einen Gedanken von Margaret Canovan aufnehmend: Der Populismus verspreche

„eine Neuordnung der politischen Landschaft und er bilde einen, phasenweise virulenten, Kontrapunkt gegen den alltäglichen Lauf der Dinge. Damit ist der Populismus notwendigerweise blind für die pragmatischen Notwendigkeiten des alltäglichen Politikmachens – Max Webers berühmtes ’starkes langsames Bohren von harten Brettern‘ – und kann insofern als regierungsuntauglich gelten“ (150).

Der Populismus greift jenen politischen Alltag an, der aus populistischer – und manchmal auch aus einfach kritischer – Sicht als „verkrustet“ und „vermachtet“ gilt und dessen politische Lösungsansätze von den Politiktreibenden mitunter als alternativlos bezeichnet werden. Der Populismus greift das „System“ und die „Eliten“ verbal an und kann mit dem von diesen strukturierten politischen Alltag, mit seinen Rhythmen und Regeln nicht viel anfangen.

Jörke und Selk verweisen in ihrem Band auch darauf, dass im politischen Alltag vieler Demokratien eine ganze Reihe von auch berechtigten Fragen und Kritiken gar nicht mehr gestellt werden. Oder sie kommen nur am alltäglichen Rand des Geschehens zu Wort. Der Populismus – kommt er von links oder rechts – trägt diese Fragen und Kritiken mit großem Verve wieder in den Alltag hinein. Das geschieht auch mit dem Versprechen auf den Durchbruch des Außeralltäglichen: das Wunder, die Revolte, die Wiederkehr des Alten.

Im politischen Alltag angekommen finden sich populistische Bewegungen dann oft in der Situation wieder, selbst irgendwann zum Establishment zu gehören. Sie betreiben Klientelismus, profitieren vom System, wollen unter sich bleiben. Da hilft dann nur noch mehr rhetorische Verve, noch mehr Radikalität, noch größere Versprechen, zumindest nach außen hin. Denn politischer Alltag darf es für den Populismus nie sein. Der ist ja langweilig.

Was ist Berufung? (frei nach Max Weber)

Die beiden Worte Beruf und Berufung hängen im Deutschen eng miteinander zusammen, phonetisch und semantisch. Doch beide bezeichnen auch unterschiedliche Dimensionen, Dimensionen nämlich eines Nachdenkens über persönliche Lebensgestaltung.

Folgt man Max Weber, so liegen dem Begriff „Beruf“ religöse Semantiken zugrunde. Max Weber spricht zum Beispiel vom „Berufsmenschen“, als welchen er den „innerweltlichen Asketen“ (M. Weber: Wirtschaft & Gesellschaft, Tübingen 1972: 332) bezeichnet. Auch der dem innerweltlichen Asketen entgegenstehende weltabgewandte Mystiker kann seine eigene Stellung innerhalb der Ordnung der Dinge als Beruf erfahren, so Max Weber (ebd.). Im Beruf kondensiert sich also, so könnte man heute etwas fromm sagen, eine geistliche Berufung; und für Max Weber natürlich auch eine ausgesprochene „Berufsethik“ (ebd.).

Doch was ist eine geistliche Berufung? Berufung ist der Weg einer bewussten geistlichen Entscheidung. Berufung ist ein Weg, das heißt, sie ist ein lebenslanger Prozess und nie völlig abgeschlossen. Dieser Weg kennt Kontinuität, sonst wäre er nicht als ein Weg erkennbar. Der Weg kennt aber auch Diskontinuität, Unterbrechung, Neuausrichtung, die durch äußere oder auch innere Vorgänge aufgezwungen werden. Berufung ist auch eine bewusste geistliche Entscheidung, das heißt der Berufene muss diesen Weg in reiflicher Überlegung und aus freien Stücken gehen und dabei stets in Kommunikation mit seinem Gott sein. Die Entdeckung der eigenen Berufung hilft dem Berufenen also dabei, sein Leben von Gott her zu deuten. Max Weber benutzt hierfür das schöne Wort der „Heilsmethodik“ (ebd. 324). Heilsmethodik meint ein systematisches, lernendes Vorgehen in der geistlichen Gestaltung des persönlichen Lebens, von Lebensform, Lebensstand, Lebensort und Beruf.

Berufung ist eine außeralltägliche Entscheidung, die sich im Alltag bewähren muss. Auf dem Weg der Berufung gibt es Zeiten der ganz bewussten Wahl eines Weges unter Ausschluss anderer Wege. Und es gibt auch Zeiten eines mitunter dramatischen (Ein-) Bruchs oder einer Öffnung. Diese Zeiten sind oft außeralltäglicher Natur. Sie gleichen einem Wunder, positiver oder negativer Natur. Und es gibt Zeiten der nicht immer ganz bewussten Bestätigung und evtl. Justierung dieser Wahl. Diese Zeiten werden auch Alltag genannt. Im Alltag erfährt die Berufene: Mein Gott geht den Weg mit, den ich wähle. Und auch: Im Alltag wächst sich eine Berufung zu einem konkreten Beruf aus. Im Alltag wird es also methodisch.

Die Zeiten der ganz bewussten, außeralltäglichen Wahl umfassen quantitativ nicht mehr als 2% des gesamten Weges, stechen in der subjektiven qualitativen Bewertung aber heraus. Die Zeiten der unbewussten Bestätigung bzw. methodischen Justierung sind quantitativ überwiegend (98%), fallen qualitativ aber weniger auf. Beide Zeiten sind aber eng miteinander verwoben, denn erst im Alltag wird der Weg der Berufung konkret, entwickelt sich ein „Alltagshabitus“ (ebd. 325).

Berufung hat Kontext, das heißt Berufungen finden stets innerhalb eines konkreten kulturellen, religiösen, systematischen und auch politischen Umfelds statt. In diesem Umfeld sind Ermutigungen möglich, aber auch Entmutigungen. Ermutigung und Entmutigung sind an andere Menschen gebunden, die durch ihr Vorbild überzeugen oder im Gegenteil auch abschreckend wirken können. Ermutigung und Entmutigung sind auch von Strukturen und einem institutionellen Klima abhängig. Dabei spielen die von Max Weber ganz nüchtern als „Berufsekstatiker“ (ebd. 799) bezeichneten Personen eine nicht unwesentliche Rolle, da sie als die sozusagen professionell Berufenen das Scharnier bilden zwischen Alltagserfahrung und außeralltäglichem Geschehen. Sie bieten Deutungen und Rituale an, die dem Berufenen helfen sollen, einen gewählten Weg weiter zu gehen oder eben auch eine neue Richtung einzuschlagen.

Die Wege der Berufung sind für die so berufenen Menschen unverfügbar und schwer zu kontrollieren. Der Berufung wohnt ein anarchisches Moment inne. Berufung stellt Kontinuität in Frage. Dem gegenüber stehen institutionelle, aber auch familiäre Erwartungen in Richtung Kontinuität und Erwartbarkeit. Deshalb gehen Berufungsgeschichten oftmals mit Konflikten einher. Deshalb ist es auch eine solch große Herausforderung alltäglichen Beruf und außeralltägliche Berufung in ein gutes Verhältnis miteinander zu bringen. Jede Leserin von Max Webers religionssoziologischen Texten – oder auch der Bibel – wird dies bestätigen können.

 

 

 

Der Alltag der Demokratie – über die vielen Gelegenheiten Politik zu treiben.

Gelegenheitspolitiker seien wir alle, schrieb Max Weber einmal, spätestens dann, wenn „wir unseren Wahlzettel abgeben oder eine ähnliche Willensäußerung: etwa Beifall oder Protest in einer ‚politischen‘ Versammlung, vollziehen, eine ‚politische‘ Rede halten usw.“ (Politik als Beruf, Stuttgart 1992, 14). Neben diese Gelegenheitspolitiker, die wir alle immer auch sind, stellt Weber die „nebenberuflichen“ Politiker, welche die Politik sozusagen im Ehrenamt und nebenher machen. Schließlich gibt es noch die „Berufspolitiker“, welche von ihrem politischen Engagement leben oder zumindest es so intensiv betreiben, dass an eine andere berufliche Tätigkeit kaum zu denken ist.

Beim Gelegenheitspolitiker bricht das Politische ab und an in den Alltag hinein, meist in Form von Wahlen. Beim Berufspolitiker hingegen besteht der Alltag aus einer Aneinanderreihung politischer Handlungen, deren wichtigste aber ebenfalls meist in Wahlentscheidungen besteht. Dem Gelegenheitspolitiker ist es aber jederzeit möglich, die Gelegenheiten, zu denen er Politik treibt, numerisch in die Höhe zu treiben. Ich kann zur Wahl gehen, ja. Aber ich kann auch auf eine Wahlveranstaltung gehen. Ich kann in einem Kreis von Menschen über politische Themen sprechen, über Themen also, die der kollektiven Entscheidungsfindung anheim fallen. Ich kann auch für eine politische Sache Partei ergreifen, Mitglied werden in einem politischen Verein oder in einer Partei. Und ich kann mich auch zur Wahl als Kandidat aufstellen lassen, somit mein passives Wahlrecht ausüben. Spätestens hier würde Max Weber wohl von einem Übergang vom gelegentlichen zum nebenberuflichen Politikertypus sprechen.

Soweit die bloße synchrone Beschreibung. Diachron ließe sich die Beschreibung noch vervollständigen, indem man sich vor Augen führt, wie das individuelle und kollektive Interesse an der Politik im 19. Jahrhundert stark zunahm. Der Historiker Paul Nolte beschreibt in seinem Band „Was ist Demokratie? Geschichte und Gegenwart“ (München 2012) einen Prozess, den er „Fundamentalpolitisierung“ (ebd. 183) nennt. Fundamentalpolitisierung heißt im historischen Zusammenhang, dass das Interesse an Politik sich in alle Teile der Gesellschaft hin ausbreitete und damit weniger elitär wurde. Fundamentalpolitisierung heißt aber auch – und hier folge ich Michael Th. Grevens Idee von der ‚politischen Gesellschaft‘ – dass es heute kaum noch gesellschaftliche Bereiche und Fragen gibt, die nicht zum Gegenstand politischer Auseinandersetzungen werden können. Während im 19. Jahrhundert also die Politisierung der Welt um sich griff, verbreitete sich gleichzeitig auch die innere Politisierung vieler Gesellschaften.

Soweit die empirische Beschreibung. Ich mache nun einen normativen Schwenk: Nicht jede Politisierung ist demokratisch motiviert. Aber die Demokratie lebt auf jeden Fall davon, dass möglichst viele Bereiche der Gesellschaft politisiert sind. Sie lebt davon, dass möglichst viele Menschen Interesse an einem aktiven Mitgestalten der Politik – am „Politisieren“ – haben. Demokratie lebt von einer politischen Teilhabe, die im Alltag vieler Menschen angekommen ist. Noch einmal Paul Nolte: „Dass sich Menschen für Politik interessieren, ist ja nicht selbstverständlich, aber eine wichtige Voraussetzung von Demokratie“ (ebd. 91).

Je mehr Menschen sich aktiv und passiv an Wahlen beteiligen, je mehr Menschen (freiwillig) in Parteien Mitglied sind, je mehr Menschen sich über persönliche Betroffenheit hinaus für die Belange der Allgemeinheit einsetzen, je mehr Menschen politisches Interesse mitbringen, je mehr Menschen sich der öffentlichen politischen Auseinandersetzung stellen – desto besser ist das für eine Demokratie. Auf diesem Wege wird die Demokratie nämlich zu einem individuellen und kollektiven „Lebensstil“ (ebd. 182), der sich von Generation zu Generation fortpflanzen kann.

Es braucht für die Vertiefung der demokratischen Teilhabe aber nicht nur eine quantitative Vermehrung der Gelegenheitspolitiker. Es bedarf auch – und hier argumentiere ich wieder normativ – der qualitativen Vertiefung  des Nachdenkens und Redens über politische Teilhabe und Demokratie bei möglichst vielen Menschen. Demokratie ist damit auch eine Stilfrage. Um diesen demokratischen Stil im Alltag zu pflegen, gibt es Landes- und Bundeszentralen für die politische Bildung in unserem Land. Deshalb gibt es Politikunterricht an den Schulen. Deshalb gibt es Bücher wie jenes von Paul Nolte. Dieses habe ich übrigens kostenfrei bei der Landeszentrale für politische Bildung in Hamburg mitnehmen dürfen.

Freud und Leid eines Feierabendgelehrten

Privatgelehrte nannte man sie früher. Das waren Menschen, die nicht von der Wissenschaft lebten, sie aber dennoch ernsthaft betrieben; meist, weil sie zu viel Geld hatten, um irgendeinem Broterwerb nachgehen zu müssen. Privatgelehrte hatten Zeit und Muße zum Lesen, Schreiben und zur Pflege transnationaler Netzwerke. Sie waren akademisch versiert, lebten aber nicht von einer akademischen Profession. Ein typisch- untypischer Privatgelehrter des 19. Jahrhunderts war zum Beispiel Sören Kierkegaard.

Solch ein Privatgelehrter bin ich nicht. Die Zeit, die ich dem wissenschaftlichen Lesen, Schreiben und gelegentlichen Netzwerken widmen kann, ist sehr begrenzt. Familie und Beruf, Haus und Alltag fordern ihren legitimen Tribut. Ich kann mich nicht morgens für zwei Stunden der Lektüre widmen, anschließend ins Café gehen und mit einer Schar weltgewandter Kosmopoliten beim doppelten Espresso den Diskurs pflegen, um anschließend die letzte Druckfahne eines neuen Buchs durchschauen, bevor ich abends einen kultivierten Vortrag mir anhöre. Ich muss für meine persönliche materielle Reproduktion und die meiner Familie sorgen. Das hat Vorrang; und es erdet.

Also bin ich viel eher ein Feierabendgelehrter. Mit Einbruch des Feierabends, also wenn alle Büroarbeit erledigt ist, das Abendessen abgeräumt ist, die Spülmaschine ins Laufen gekommen ist, die frische Wäsche hängt, die Kinder selig schlafen, dann ist für mich daran zu denken, mich der Wissenschaft zu widmen. Das passiert aber auch nur dann, wenn ich nichts anderes vorhabe: Ehrenamt, Partei oder einfach nur Muße. Alternativ oder additiv kann ich mich auch bei en regelmäßigen Zugfahrten der Lektüre – weniger dem Schreiben – widmen. Mein jüngster Aufsatz „The Politics of a Conversion“ verdankt sich dieser Art der mobilen Lektüre und des Schreibens am Feierabend; weshalb er in der Produktion auch einige Jahre in Anspruch nahm.

Ein Feierabendgelehrter wie ich kommt also nur langsam in seiner Arbeit voran. Auch kann er nicht wirklich mit berauschender Bekanntheit rechnen, da für das notwendige Selbstmarketing kaum Zeit bleibt. Die Präsenz auf Konferenzen, Tagungen etc. ist sehr begrenzt, was zur Folge hat, dass man nicht gesehen und damit auch nicht (an-)erkannt wird. Denn das intellektuelle Dasein lebt (weiterhin) von der körperlichen Präsenz dessen, der sich ins Spiel bringen möchte. Die Globalisierung und die Virtualisierung haben daran nichts geändert. Auch die intellektuelle Welt will nicht nur von einem lesen.  Sie will mit einem ins Gespräch kommen, einem in die Augen schauen können.

Als Feierabendgelehrter bin ich also von vielen Aktivitäten des intellektuellen  Lebens abgekoppelt. Dafür genieße ich aber das hohe Gut der intellektuellen Freiheit. Denn nichts und niemand schreibt mir vor, welchen Themen ich mich widmen soll und welche Formate der Veröffentlichung geraten sind. Ich benötige keine Drittmittel oder Vertragsverlängerungen. Ich lebe nicht von Honoraren und der Massenproduktion von Texten und Beiträgen für die Medien. Ich wähle den Inhalt meiner Forschung selbst und wähle auch das Format und die Zeit der Veröffentlichung selbst. Für mich persönlich ist es stets ein Ansporn, mit einem meiner Texte oder Essays  in ein anerkanntes wissenschaftliches Journal mit den entsprechenden Standards und Hürden zu kommen. Irgendwie möchte ich mir doch beweisen, dass ich ein bisschen dazu gehöre. Aber auch ein Post auf diesem Blog tut es.

Ich frage mich manchmal, ob diese Art nach Feierabend Wissenschaft zu betreiben, auch inhaltliche Folgen hat. Habe ich andere Fragen und Antworten, weil ich nur an den Randstunden des Tages Forschung betreibe? Bei spirituellen und theologischen Themen merke ich, dass mir eine gedanklich Durchdringung des „Alltags“ sehr wichtig ist. Das ist ein typischer Fall von Betroffenheitsforschung, die ich in der Vergangenheit oft in der Politikwissenschaft vorfand: Ex-Entwicklungshelfer schreiben über die Entwicklungszusammenarbeit; eine Kirgisin schreibt über das politische System in ihrer Heimat usw. Das muss nicht schlecht sein, bedarf aber höherer Anstrengungen bei der inneren Distanzierung vom eigenen Gegenstand. Und ich bin eben stark von der Spannung zwischen den Pflichten des Alltags und den Übungen des Geistes geprägt.

Doch jenseits dieser Forschung aus eigener Betroffenheit heraus: Mir ist es irgendwie ein Anliegen, mir zu beweisen, dass ich ordentliche, normale, durchschnittliche, lesbare wissenschaftliche Beiträge verfassen kann, auch wenn ich nicht von der Wissenschaft lebe. Und vielleicht ist es ja so, dass ich gerade aus diesem Grund auf Themen stoße, die im breiten Strom des fachlichen Diskurs übersehen werden, da sie für die Ansammlung von fachlicher Anerkennung zu abseitig sind. Und so lange ich mir immer ein Gespür dafür erhalte für das, was in einem Fach den methodischen und theoretischen Standard darstellt, ist ja alles gut.

Manchmal beneide ich die Vollblut- bzw. Vollzeitakademiker darum, dass sie für ihre intellektuelle Arbeit bezahlt werden. Und ich bin ihnen auch sehr dankbar für das, was sie dadurch an Gedankenleistung für die Menschen um sie herum vollbringen. Manchmal bin ich aber auch arg froh, dass ich mir die Wissenschaft als Hobby erhalten kann, als konzentrierte Muße für die ruhigen Stunden nach Feierabend.