Was ist Berufung? (frei nach Max Weber)

Die beiden Worte Beruf und Berufung hängen im Deutschen eng miteinander zusammen, phonetisch und semantisch. Doch beide bezeichnen auch unterschiedliche Dimensionen, Dimensionen nämlich eines Nachdenkens über persönliche Lebensgestaltung.

Folgt man Max Weber, so liegen dem Begriff „Beruf“ religöse Semantiken zugrunde. Max Weber spricht zum Beispiel vom „Berufsmenschen“, als welchen er den „innerweltlichen Asketen“ (M. Weber: Wirtschaft & Gesellschaft, Tübingen 1972: 332) bezeichnet. Auch der dem innerweltlichen Asketen entgegenstehende weltabgewandte Mystiker kann seine eigene Stellung innerhalb der Ordnung der Dinge als Beruf erfahren, so Max Weber (ebd.). Im Beruf kondensiert sich also, so könnte man heute etwas fromm sagen, eine geistliche Berufung; und für Max Weber natürlich auch eine ausgesprochene „Berufsethik“ (ebd.).

Doch was ist eine geistliche Berufung? Berufung ist der Weg einer bewussten geistlichen Entscheidung. Berufung ist ein Weg, das heißt, sie ist ein lebenslanger Prozess und nie völlig abgeschlossen. Dieser Weg kennt Kontinuität, sonst wäre er nicht als ein Weg erkennbar. Der Weg kennt aber auch Diskontinuität, Unterbrechung, Neuausrichtung, die durch äußere oder auch innere Vorgänge aufgezwungen werden. Berufung ist auch eine bewusste geistliche Entscheidung, das heißt der Berufene muss diesen Weg in reiflicher Überlegung und aus freien Stücken gehen und dabei stets in Kommunikation mit seinem Gott sein. Die Entdeckung der eigenen Berufung hilft dem Berufenen also dabei, sein Leben von Gott her zu deuten. Max Weber benutzt hierfür das schöne Wort der „Heilsmethodik“ (ebd. 324). Heilsmethodik meint ein systematisches, lernendes Vorgehen in der geistlichen Gestaltung des persönlichen Lebens, von Lebensform, Lebensstand, Lebensort und Beruf.

Berufung ist eine außeralltägliche Entscheidung, die sich im Alltag bewähren muss. Auf dem Weg der Berufung gibt es Zeiten der ganz bewussten Wahl eines Weges unter Ausschluss anderer Wege. Und es gibt auch Zeiten eines mitunter dramatischen (Ein-) Bruchs oder einer Öffnung. Diese Zeiten sind oft außeralltäglicher Natur. Sie gleichen einem Wunder, positiver oder negativer Natur. Und es gibt Zeiten der nicht immer ganz bewussten Bestätigung und evtl. Justierung dieser Wahl. Diese Zeiten werden auch Alltag genannt. Im Alltag erfährt die Berufene: Mein Gott geht den Weg mit, den ich wähle. Und auch: Im Alltag wächst sich eine Berufung zu einem konkreten Beruf aus. Im Alltag wird es also methodisch.

Die Zeiten der ganz bewussten, außeralltäglichen Wahl umfassen quantitativ nicht mehr als 2% des gesamten Weges, stechen in der subjektiven qualitativen Bewertung aber heraus. Die Zeiten der unbewussten Bestätigung bzw. methodischen Justierung sind quantitativ überwiegend (98%), fallen qualitativ aber weniger auf. Beide Zeiten sind aber eng miteinander verwoben, denn erst im Alltag wird der Weg der Berufung konkret, entwickelt sich ein „Alltagshabitus“ (ebd. 325).

Berufung hat Kontext, das heißt Berufungen finden stets innerhalb eines konkreten kulturellen, religiösen, systematischen und auch politischen Umfelds statt. In diesem Umfeld sind Ermutigungen möglich, aber auch Entmutigungen. Ermutigung und Entmutigung sind an andere Menschen gebunden, die durch ihr Vorbild überzeugen oder im Gegenteil auch abschreckend wirken können. Ermutigung und Entmutigung sind auch von Strukturen und einem institutionellen Klima abhängig. Dabei spielen die von Max Weber ganz nüchtern als „Berufsekstatiker“ (ebd. 799) bezeichneten Personen eine nicht unwesentliche Rolle, da sie als die sozusagen professionell Berufenen das Scharnier bilden zwischen Alltagserfahrung und außeralltäglichem Geschehen. Sie bieten Deutungen und Rituale an, die dem Berufenen helfen sollen, einen gewählten Weg weiter zu gehen oder eben auch eine neue Richtung einzuschlagen.

Die Wege der Berufung sind für die so berufenen Menschen unverfügbar und schwer zu kontrollieren. Der Berufung wohnt ein anarchisches Moment inne. Berufung stellt Kontinuität in Frage. Dem gegenüber stehen institutionelle, aber auch familiäre Erwartungen in Richtung Kontinuität und Erwartbarkeit. Deshalb gehen Berufungsgeschichten oftmals mit Konflikten einher. Deshalb ist es auch eine solch große Herausforderung alltäglichen Beruf und außeralltägliche Berufung in ein gutes Verhältnis miteinander zu bringen. Jede Leserin von Max Webers religionssoziologischen Texten – oder auch der Bibel – wird dies bestätigen können.

 

 

 

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Der Alltag der Demokratie – über die vielen Gelegenheiten Politik zu treiben.

Gelegenheitspolitiker seien wir alle, schrieb Max Weber einmal, spätestens dann, wenn „wir unseren Wahlzettel abgeben oder eine ähnliche Willensäußerung: etwa Beifall oder Protest in einer ‚politischen‘ Versammlung, vollziehen, eine ‚politische‘ Rede halten usw.“ (Politik als Beruf, Stuttgart 1992, 14). Neben diese Gelegenheitspolitiker, die wir alle immer auch sind, stellt Weber die „nebenberuflichen“ Politiker, welche die Politik sozusagen im Ehrenamt und nebenher machen. Schließlich gibt es noch die „Berufspolitiker“, welche von ihrem politischen Engagement leben oder zumindest es so intensiv betreiben, dass an eine andere berufliche Tätigkeit kaum zu denken ist.

Beim Gelegenheitspolitiker bricht das Politische ab und an in den Alltag hinein, meist in Form von Wahlen. Beim Berufspolitiker hingegen besteht der Alltag aus einer Aneinanderreihung politischer Handlungen, deren wichtigste aber ebenfalls meist in Wahlentscheidungen besteht. Dem Gelegenheitspolitiker ist es aber jederzeit möglich, die Gelegenheiten, zu denen er Politik treibt, numerisch in die Höhe zu treiben. Ich kann zur Wahl gehen, ja. Aber ich kann auch auf eine Wahlveranstaltung gehen. Ich kann in einem Kreis von Menschen über politische Themen sprechen, über Themen also, die der kollektiven Entscheidungsfindung anheim fallen. Ich kann auch für eine politische Sache Partei ergreifen, Mitglied werden in einem politischen Verein oder in einer Partei. Und ich kann mich auch zur Wahl als Kandidat aufstellen lassen, somit mein passives Wahlrecht ausüben. Spätestens hier würde Max Weber wohl von einem Übergang vom gelegentlichen zum nebenberuflichen Politikertypus sprechen.

Soweit die bloße synchrone Beschreibung. Diachron ließe sich die Beschreibung noch vervollständigen, indem man sich vor Augen führt, wie das individuelle und kollektive Interesse an der Politik im 19. Jahrhundert stark zunahm. Der Historiker Paul Nolte beschreibt in seinem Band „Was ist Demokratie? Geschichte und Gegenwart“ (München 2012) einen Prozess, den er „Fundamentalpolitisierung“ (ebd. 183) nennt. Fundamentalpolitisierung heißt im historischen Zusammenhang, dass das Interesse an Politik sich in alle Teile der Gesellschaft hin ausbreitete und damit weniger elitär wurde. Fundamentalpolitisierung heißt aber auch – und hier folge ich Michael Th. Grevens Idee von der ‚politischen Gesellschaft‘ – dass es heute kaum noch gesellschaftliche Bereiche und Fragen gibt, die nicht zum Gegenstand politischer Auseinandersetzungen werden können. Während im 19. Jahrhundert also die Politisierung der Welt um sich griff, verbreitete sich gleichzeitig auch die innere Politisierung vieler Gesellschaften.

Soweit die empirische Beschreibung. Ich mache nun einen normativen Schwenk: Nicht jede Politisierung ist demokratisch motiviert. Aber die Demokratie lebt auf jeden Fall davon, dass möglichst viele Bereiche der Gesellschaft politisiert sind. Sie lebt davon, dass möglichst viele Menschen Interesse an einem aktiven Mitgestalten der Politik – am „Politisieren“ – haben. Demokratie lebt von einer politischen Teilhabe, die im Alltag vieler Menschen angekommen ist. Noch einmal Paul Nolte: „Dass sich Menschen für Politik interessieren, ist ja nicht selbstverständlich, aber eine wichtige Voraussetzung von Demokratie“ (ebd. 91).

Je mehr Menschen sich aktiv und passiv an Wahlen beteiligen, je mehr Menschen (freiwillig) in Parteien Mitglied sind, je mehr Menschen sich über persönliche Betroffenheit hinaus für die Belange der Allgemeinheit einsetzen, je mehr Menschen politisches Interesse mitbringen, je mehr Menschen sich der öffentlichen politischen Auseinandersetzung stellen – desto besser ist das für eine Demokratie. Auf diesem Wege wird die Demokratie nämlich zu einem individuellen und kollektiven „Lebensstil“ (ebd. 182), der sich von Generation zu Generation fortpflanzen kann.

Es braucht für die Vertiefung der demokratischen Teilhabe aber nicht nur eine quantitative Vermehrung der Gelegenheitspolitiker. Es bedarf auch – und hier argumentiere ich wieder normativ – der qualitativen Vertiefung  des Nachdenkens und Redens über politische Teilhabe und Demokratie bei möglichst vielen Menschen. Demokratie ist damit auch eine Stilfrage. Um diesen demokratischen Stil im Alltag zu pflegen, gibt es Landes- und Bundeszentralen für die politische Bildung in unserem Land. Deshalb gibt es Politikunterricht an den Schulen. Deshalb gibt es Bücher wie jenes von Paul Nolte. Dieses habe ich übrigens kostenfrei bei der Landeszentrale für politische Bildung in Hamburg mitnehmen dürfen.

Freud und Leid eines Feierabendgelehrten

Privatgelehrte nannte man sie früher. Das waren Menschen, die nicht von der Wissenschaft lebten, sie aber dennoch ernsthaft betrieben; meist, weil sie zu viel Geld hatten, um irgendeinem Broterwerb nachgehen zu müssen. Privatgelehrte hatten Zeit und Muße zum Lesen, Schreiben und zur Pflege transnationaler Netzwerke. Sie waren akademisch versiert, lebten aber nicht von einer akademischen Profession. Ein typisch- untypischer Privatgelehrter des 19. Jahrhunderts war zum Beispiel Sören Kierkegaard.

Solch ein Privatgelehrter bin ich nicht. Die Zeit, die ich dem wissenschaftlichen Lesen, Schreiben und gelegentlichen Netzwerken widmen kann, ist sehr begrenzt. Familie und Beruf, Haus und Alltag fordern ihren legitimen Tribut. Ich kann mich nicht morgens für zwei Stunden der Lektüre widmen, anschließend ins Café gehen und mit einer Schar weltgewandter Kosmopoliten beim doppelten Espresso den Diskurs pflegen, um anschließend die letzte Druckfahne eines neuen Buchs durchschauen, bevor ich abends einen kultivierten Vortrag mir anhöre. Ich muss für meine persönliche materielle Reproduktion und die meiner Familie sorgen. Das hat Vorrang; und es erdet.

Also bin ich viel eher ein Feierabendgelehrter. Mit Einbruch des Feierabends, also wenn alle Büroarbeit erledigt ist, das Abendessen abgeräumt ist, die Spülmaschine ins Laufen gekommen ist, die frische Wäsche hängt, die Kinder selig schlafen, dann ist für mich daran zu denken, mich der Wissenschaft zu widmen. Das passiert aber auch nur dann, wenn ich nichts anderes vorhabe: Ehrenamt, Partei oder einfach nur Muße. Alternativ oder additiv kann ich mich auch bei en regelmäßigen Zugfahrten der Lektüre – weniger dem Schreiben – widmen. Mein jüngster Aufsatz „The Politics of a Conversion“ verdankt sich dieser Art der mobilen Lektüre und des Schreibens am Feierabend; weshalb er in der Produktion auch einige Jahre in Anspruch nahm.

Ein Feierabendgelehrter wie ich kommt also nur langsam in seiner Arbeit voran. Auch kann er nicht wirklich mit berauschender Bekanntheit rechnen, da für das notwendige Selbstmarketing kaum Zeit bleibt. Die Präsenz auf Konferenzen, Tagungen etc. ist sehr begrenzt, was zur Folge hat, dass man nicht gesehen und damit auch nicht (an-)erkannt wird. Denn das intellektuelle Dasein lebt (weiterhin) von der körperlichen Präsenz dessen, der sich ins Spiel bringen möchte. Die Globalisierung und die Virtualisierung haben daran nichts geändert. Auch die intellektuelle Welt will nicht nur von einem lesen.  Sie will mit einem ins Gespräch kommen, einem in die Augen schauen können.

Als Feierabendgelehrter bin ich also von vielen Aktivitäten des intellektuellen  Lebens abgekoppelt. Dafür genieße ich aber das hohe Gut der intellektuellen Freiheit. Denn nichts und niemand schreibt mir vor, welchen Themen ich mich widmen soll und welche Formate der Veröffentlichung geraten sind. Ich benötige keine Drittmittel oder Vertragsverlängerungen. Ich lebe nicht von Honoraren und der Massenproduktion von Texten und Beiträgen für die Medien. Ich wähle den Inhalt meiner Forschung selbst und wähle auch das Format und die Zeit der Veröffentlichung selbst. Für mich persönlich ist es stets ein Ansporn, mit einem meiner Texte oder Essays  in ein anerkanntes wissenschaftliches Journal mit den entsprechenden Standards und Hürden zu kommen. Irgendwie möchte ich mir doch beweisen, dass ich ein bisschen dazu gehöre. Aber auch ein Post auf diesem Blog tut es.

Ich frage mich manchmal, ob diese Art nach Feierabend Wissenschaft zu betreiben, auch inhaltliche Folgen hat. Habe ich andere Fragen und Antworten, weil ich nur an den Randstunden des Tages Forschung betreibe? Bei spirituellen und theologischen Themen merke ich, dass mir eine gedanklich Durchdringung des „Alltags“ sehr wichtig ist. Das ist ein typischer Fall von Betroffenheitsforschung, die ich in der Vergangenheit oft in der Politikwissenschaft vorfand: Ex-Entwicklungshelfer schreiben über die Entwicklungszusammenarbeit; eine Kirgisin schreibt über das politische System in ihrer Heimat usw. Das muss nicht schlecht sein, bedarf aber höherer Anstrengungen bei der inneren Distanzierung vom eigenen Gegenstand. Und ich bin eben stark von der Spannung zwischen den Pflichten des Alltags und den Übungen des Geistes geprägt.

Doch jenseits dieser Forschung aus eigener Betroffenheit heraus: Mir ist es irgendwie ein Anliegen, mir zu beweisen, dass ich ordentliche, normale, durchschnittliche, lesbare wissenschaftliche Beiträge verfassen kann, auch wenn ich nicht von der Wissenschaft lebe. Und vielleicht ist es ja so, dass ich gerade aus diesem Grund auf Themen stoße, die im breiten Strom des fachlichen Diskurs übersehen werden, da sie für die Ansammlung von fachlicher Anerkennung zu abseitig sind. Und so lange ich mir immer ein Gespür dafür erhalte für das, was in einem Fach den methodischen und theoretischen Standard darstellt, ist ja alles gut.

Manchmal beneide ich die Vollblut- bzw. Vollzeitakademiker darum, dass sie für ihre intellektuelle Arbeit bezahlt werden. Und ich bin ihnen auch sehr dankbar für das, was sie dadurch an Gedankenleistung für die Menschen um sie herum vollbringen. Manchmal bin ich aber auch arg froh, dass ich mir die Wissenschaft als Hobby erhalten kann, als konzentrierte Muße für die ruhigen Stunden nach Feierabend.

 

Der Begriff der Veralltäglichung – frei nach Max Weber

Bekannt ist der Begriff der „Veralltäglichung“ aus Max Webers Beschreibung der charismatischen Herrschaft innerhalb seiner Herrschaftstypologie (in: ders.: Wirtschaft und Gesellschaft , Tübingen: Mohr & Siebeck, 5. Auflage, 1972, 142ff.). Die charismatische Herrschaft beschreibt Max Weber als „außeralltäglich“. Sie stelle, so Weber, „eine streng persönlich, an die Charisma-Geltung persönlicher Qualitäten und deren Bewährung, geknüpfte soziale Beziehung dar“ (142). Sie lebt also sehr von der situativen Überzeugungskraft des einzelnen Herrschers.

Als solche steht diese außeralltägliche Herrschaft vor einem großen Problem: Sie kann nicht ohne weiteres auf Dauer gestellt werden. Denn ein charismatischer Herrscher kann im ersten Augenblick mit seiner überbordernden Ausstrahlung sein Gegenüber überzeugen. Vielleicht kann er sogar eine Art Wunder vorweisen. In einem zweiten, dritten, … Augenblick setzt aber ein Gewöhnungseffekt ein. In jeder neu geborenen Situation beginnt das Charisma mehr von seiner Wirkung zu verlieren. Es kann auch dazu kommen, dass hinter der Blendung der Ausstrahlung allmählich weniger schmeichelhafte Züge des Herrschers zu Tage treten, was dann auch wieder am Charisma nagt. Die einstmals glänzende Aura der Herrschaft erhält so mehr und mehr eine Patina.

Gleichzeitig haben die Jünger des charismatischen Führers aber ein existentielles Interesse am Fortleben der charismatischen Herrschaft, gewinnen sie aus ihr doch den Sinn ihrer eigenen Sendung und die Bestätigung ihres Selbstbewusstseins. Auch profane materielle Interessen fordern die Veralltäglichung der Herrschaft. Wie jede Herrschaftsform lebt auch die charismatische Herrschaft davon, dass Menschen von ihr profitieren. Reine Ideologie trägt nicht lange, sie muss sich im sprichwörtlichen Sinne lohnen.

Weber gesteht ein, dass die charismatische Herrschaft stets nur im Augenblick ihrer Entstehung auch wirklich existent ist. Sie bestehe nur „in statu nascendi in idealtypischer Reinheit“ (143), schreibt er, weswegen sie sogleich darüber nachzudenken hat, wie sie ihren außeralltäglichen Beginn in den herrschaftlichen Alltag hinein zu retten vermag. Max Weber sieht zwei Möglichkeiten, wie diese Veralltäglichung vonstatten gehen kann: die Herrschaft legitimiert sich zunehmend durch Rückgriff auf Traditionen als erste Möglichkeit oder Einsetzung einer Rationalisierung der Herrschaft in Form ihrer Legalisierung als zweite Möglichkeit. Damit endet freilich auch die charismatische Herrschaft als solche, was im Laufe der Zeit auch dem treusten Jünger des charismatischen Herrschers auffallen dürfte.

Max Weber ergänzt hierzu: „Charisma ist typische Anfangserscheinung religiöser (prophetischer) oder politischer (Eroberungs-) Herrschaften“ (147). Charisma steht also am Anfang, nie am Ende einer Bewegung. Charismatische Personen stehen auch am Anfang vieler Religionen. Eine der größten Anstalten organisierter Veralltäglichung ist daher die Kirche, die seit dem irdischen Verklingen des christlichen-charismatischen Urknalls – dem Leben Jesu – daran arbeitet, das einmal aufgetauchte Charisma durch eine Mischung aus Traditionalisierung und Rationalisierung fortwirken zu lassen. Es gibt aber viele verschiedene empirische Beispiele, die mit dem Begriff der Veralltäglichung treffend beschrieben werden können:

  • die Neugründung einer Partei: Ein Anfang ist schnell getan, vor allem wenn er sich als revolutionär versteht. Das wird medial auch noch interessiert verfolgt. Interessant wird es, wenn die ersten Misserfolge und internen Zwistigkeiten einsetzen und das ganze nicht mehr so spannend ist.
  • die sog. Willkommenskultur im Herbst 2015: Die spontane Hilfeleistungen für Flüchtlinge waren im Grunde ein außeralltägliches Geschehen; manche würden vielleicht sogar von einem „Wunder“ sprechen, dem außeralltäglichen Phänomen per se. Jetzt ist man im Alltag der auf Dauer angelegten Unterstützung angekommen. Doch die nun geforderte Arbeit an den Strukturen ist lange nicht mehr so prickelnd.
  • die friedliche Revolution von 1989: Außeralltäglicher Mut des Volkes fegte die DDR-Herrschaft hinfort, und im Überschwang des Augenblicks wurden blühende Landschaften versprochen. Nun ist man schon lange im mürben Alltagsgeschäft angekommen, so dass manche schon wieder auf den nächsten Heilsbringer hoffen.
  • die Neugründung eines religiösen Ordens: Diese werden oft von charismatischen Einzelpersonen ins Leben gerufen und zeit ihres Lebens auch maßgeblich geprägt. Auf Dauer haben Orden aber nur Bestand, wenn die Initial-Intuition der Gründungsperson sich in vielen weiteren Mitgliedern der Bewegung fortsetzt und entsprechend der Anforderungen der jeweiligen Zeit auch transformiert.

Veralltäglichung ist also der Kampf eines anfänglichen Charisma gegen den Zahn der Zeit.

Der Alltag als Ort der Differenzerfahrung

Wir lieben den Alltag nicht. Wir brauchen ihn aber. Wir brauchen den Alltag mit seinen Routinen, Ritualen und Wiederholungen. Wo kämen wir hin, wenn wir alle drei Tage umziehen, unsere Freundschaften wechseln und Hobbies austauschen würden. Das alltägliche Einerlei schenkt unserem Leben Kontinuität, einen Sinnbogen. Alles aber, auch die Kontinuität, hat ihr Maß. Und jede Unterbrechung hat ihre Zeit. Ab und an benötigen wir einen Anstoß. Oder schärfer formuliert: Unser Alltag bedarf der Irritation.

Ich verstehe die sogenannte Flüchtlingskrise als solch eine Irritation unseres bundesrepublikanischen Alltags. Plötzlich gelten andere Parameter. Plötzlich muss sich das politische Alltagsgeschäft umstellen. Auch wir müssen plötzlich aus uns heraustreten. Irritiert stellen wir fest, dass sich die Dinge, die Welt und die Menschen um uns herum mit Vehemenz verändern. Wir können uns der Veränderung verweigern und uns trotzig in unsere innere und äußere Trutzburg zurückziehen. Doch auch dieser Reflex verändert. Er macht uns hart, unnahbar, fundamentalistisch.

Oder wir können uns dieser Irritationen im Leben stellen. Das heißt dann auch, dass wir den Alltag bewusst als einen Ort der Differenzerfahrung annehmen. Im Alltag werden wir dann nicht immer nur Bestätigung finden und routinierte Abläufe runterspulen. Mitten in den Alltag hinein platzt etwas Neues und Ungewohntes.

Wir lernen das, was bleibt und trägt, erst dann richtig kennen und schätzen, wenn die Dinge um uns herum ins Rollen kommen. Die Irritation kann dort als Geschenk angenommen werden, wo sie auf den Boden des Beständigen fällt. Wo Irritation und Ruhe, Differenz und Gleichmäßigkeit, Neues und Altes miteinander ins Geschäft kommen.

Bei dem vorstehenden Text handelt es sich um die letzte Morgenandacht in einer Wochenserie von Radioandachten im Norddeutschen Rundfunk (NDR-Info bzw. NDR-Kultur) , die vom 30. November bis 5. Dezember 2015 gesendet wurden. Näheres unter: www.radiokirche.de

 

Das Los der Veralltäglichung

Bei dem folgenden Text handelt es sich um die erste Morgenandacht in einer Wochenserie von Radioandachten im Norddeutschen Rundfunk (NDR-Info bzw. NDR-Kultur) , die vom 30. November bis 5. Dezember 2015 gesendet werden. Näheres ab dem 30. November unter: www.radiokirche.de

Der Montag hat einen schlechten Ruf. Man verbindet ihn – den Montag – mit so allerhand: mit frühem Aufstehen, mit Staus auf dem Weg zum Arbeitsplatz, mit Stress am Schreibtisch oder in der Schule, mit Druck, Zwang und Unfreiheit.

Wir mögen den Übergang vom Sonntag auf den Montag nicht. Er ist identisch mit dem Übergang von der selbstbestimmten Zeit hin zum Alltag. Am liebsten würden wir diesen Alltag ganz verlassen. Ausreißen – hin zum nächsten Wochenende. Aussteigen – ab auf eine Südseeinsel. Hin zum Außeralltäglichen.

Der Alltag setzt immer dann ein, wenn ich längere Zeit an einem Ort verbringe. Auch wenn ich heute aus dem kalten Norden nach Tahiti ausreiße – irgendwann kehrt auch dort der Alltag ein. Und würde ich mittels eines Zeitsprungs von einem Wochenende zum nächsten gelangen, auch dort erreicht mich die Routine, die Mühsal. Dieses Phänomen nennt der Soziologe Max Weber „Veralltäglichung“.

Ich kann dem Alltag also nicht entfliehen. Er lauert überall dort auf uns, wo wir uns niederlassen, Routinen entwickeln, sich Abläufe wiederholen. Deshalb ist es an mir, den Alltag so zu gestalten, dass er mich lebensfroh macht. Zum Beispiel: Ich erinnere mich beim Gießen einer Pflanze an den Menschen, der mir diese Pflanze geschenkt hat. Ich genieße nach dem Mittagimbiss in aller Ruhe eine Tasse Kaffee. Ich lasse regelmäßig Stille und Nichtstun in den Alltag einfließen.

Ich bin nicht immer Herr über meinen Alltag. Vieles ist vorgegeben, manches aufgezwungen. Von daher ist es wichtig, dass ich mich hier und da frei mache von den Zwängen des Alltags. Dabei hilft mir der Glaube an Gott. Fünf Minuten stilles Gebet am Mittag verschaffen mir im Arbeitstrubel wieder etwas Überblick. Und ein kurzes Wort aus der Bibel, das ich am Morgen lese, kann mich durch den Tag begleiten. Gott schafft Öffnungen in meinem geschlossenen System. So verliert der Alltag Stück für Stück seinen schlechten Ruf.

 

Katholisch bloggen

Vor einigen Tagen erhielt ich folgende Nachricht:

Soeben in die Kath. Bloggerliste aufgenommen. Herzlich willkommen! http://www.bloggerliste.blogspot.de

So. Nun gehöre ich offenbar zu den katholischen Bloggern. Was auch immer einer darunter verstehen mag: Blogger, die das Kirchensteuermerkmal „rk“ auf der Lohnsteuerkarte haben? Blogger, die dem Papst jedes Wort vom Munde ablesen? Alternativ: Blogger, die sich an den Äußerungen des Papstes abarbeiten? Blogger mit Vorlieben für „smells & bells“? Blogger mit spiritueller Tiefe und/oder katholischer – im eigentlichen Sinne des Wortes – Weite? Oder einfach nur regelmäßige Messbesucher, die sich gelegentlich einmal mit ein oder zwei Gedanken im Netz verewigen?

Ich schreibe diesen Blog als Laiendominikaner. Für gewöhnlich sind Laiendominikaner katholisch. Das Schild um meine Blogger-Brust trägt aber bewusst – neben der Ideengeschichte – ein dominikanisches Signum und nicht zuerst ein katholisches. Für mich macht das mein Blogger-Dasein konkreter, handfester, zupackender. (Laien-) Dominikaner stehen für eine bestimmte Spiritualität, Tradition, Geschichte, Weltsicht. Katholiken nicht unbedingt. Auch wird in der katholischen Kirche gerne darum gestritten, welcher Flügel denn nun im eigentlichen, wesentlichen, wirklichen, wahrhaftigen Sinne katholisch ist. Dominikaner kennen diesen Streit meines Wissens nach nicht. Auf ihn möchte ich mich auch nicht einlassen.

Natürlich finden sich „katholische“ Elemente in meinem Blog: Ich schreibe über das Naturrecht. Ich schreibe über die Enzyklika des Papstes. Ich nutze Quellen aus der Geschichte des katholischen Denkens. „Katholisch“ bedeutet für mich aber vor allem eines: „sakramental“. Katholisch bloggen heißt also, bloggen in dem Wissen, dass in meinem Blick auf die Welt der Geist in den konkreten Dingen alltäglich wird. Ich blogge also in dem Wissen, dass nicht nur ab und an etwas Spirituelles Einzug hält in mein Leben und Werk. Der Geist hält vielmehr beständig Audienz im Königtum meines Alltags. Mein Denken und Handeln sind (idealtypisch gesprochen) mögliche Präsenzorte von Geist, virtuell und analog. Auch die Ideengeschichte ist ein solcher Ort.

Anderen „katholischen“ Bloggern diesen Geist abzusprechen, steht mir nicht zu. Überhaupt: Anderen Bloggern – katholisch oder nicht – zu unterstellen, sie wären nicht daran interessiert, in ihrem virtuellen Werk etwas Höheres, Meta-Physisches durchscheinen zu lassen, widerstrebt mir. Die Blog-Welt zeigt mir jedenfalls, wie vielfältig die Anliegen sind; wie zahlreich die Weltsichten; wie verschieden die Gesänge klingen, die von der Suche nach Wahrheit erzählen. Das ist so für die Welt der katholischen Blogger. Das ist aber auch so für viele andere, die im virtuellen Äther ihre kleine spirituelle und intellektuelle (beides gehört für Dominikaner zusammen) Nische suchen und finden.

Trotzdem würde ich mir von den katholischen Bloggern wünschen, sie würden etwas mehr nach außen schauen. Viele katholische Blogs machen einen introvertierten Eindruck. Sie beschäftigen sich vorrangig mit kirchlichen Themen. Sie erheben gar nicht erst den Anspruch, für den nicht katholischen Rest der Welt von Interesse zu sein. Doch „katholisch“ heißt gerade, sich die Weite zu eigen machen, ein Wagnis in der Ferne einzugehen und dieser gewagten Weite mit einer spezifischen – in meiner Zuspitzung: sakramentalen – Weltsicht zu begegnen.

Wenn dies dem einen oder anderen wieder zu kirchlich und zu vergeistlicht klingt, dem muss ich an dieser Stelle dann recht geben. Aber ich vollbringe hier ja auch nur eine Übung der reflexiven Selbstverständigung. Was wiederum das alltägliche Geschäft von zahllosen (katholischen und nicht-katholischen) Bloggern ist.