Laien – der Welt nicht ausweichen.

Die Laien sind wieder aktuell. Eine römische Erklärung zur Leitungsfrage in Pfarrgemeinden und deren kontroverse Diskussion hat ihnen jüngst dazu verholfen. Freilich war das römische Papier der denkbar ungünstigste Weg, um auf die Laien in der Kirche aufmerksam zu machen. Dieser Weg hat aber durchaus Tradition. Denn über Laien wurde in den vergangenen Jahren innerkirchlich fast nur geredet, wenn es darum ging, was sie für die Kirche tun können. Wie können sie das Leben der Kirche vor Ort angesichts des Mangels an Priester aufrecht erhalten?[1]

Häufig wurden zwei gedankliche Wege eingeschlagen. Sie führen meines Erachtens aber beide nicht weiter. Zum einen wurde Laiesein gleichgesetzt mit kirchlichem Ehrenamt. Aber nicht jede gläubige Laienperson möchte sich in der Kirche engagieren und auch nicht jeder Mensch, der sich in der Kirche ehrenamtlich engagiert, ist Laie. Trotzdem galt und gilt: ‚Ein guter Laie ist ein Laie, der sich in der Kirche engagiert.‘ Das verengt aber den Blick auf die Vielfalt des Laieseins in Kirche und Welt. Zum anderen wurde das geleistete Engagement der Laien in der Kirche mit einer stark rechtlichen Brille gelesen: Was dürfen sie denn? Und was dürfen sie nicht? Laien fragen so. Aber amtliche Vertreter_innen der Kirche fragen ebenfalls so, siehe die jüngste Erklärung. Wer hat eigentlich mit dieser Fragerei angefangen? Und aus welcher Angst heraus ist die Frage nach dem „Darf ich?“ geboren?

Intuitiv meinen wir zu wissen, wer oder was eine Laienperson innerhalb der Kirche ist. Und genauso intuitiv bestimmen wir die Laien dann rein negativ: Sie sind die Nicht-Kleriker_innen. Sie sind die Nicht-Ordensleute. Diese Negativbeschreibung ist nicht gänzlich falsch, hat aber ihre Tücken. Tücken lauern zum Beispiel auf der deskriptiven Ebene. Ein Beispiel: Ich bin als Laie inkorporiertes Mitglied im Orden der Prediger; zudem arbeite ich in meinem Brotberuf für ein Bistum. Bin ich bei so viel Kirche im Alltag noch ein Laie? Karl Rahner hätte so sein Zweifel gehabt.[2]

Zum anderen führt die Negativbeschreibung der Laien auch zu einem negativen Bild des Beschriebenen. Die Laien werden dann zu Mängelwesen abgestempelt. Sie werden definiert über das, was sie nicht können und nicht dürfen. Es ist wichtig, realistisch zu sein und dieses Nicht-Können und dieses Nicht-Dürfen im Blick zu behalten. Wir gehen auch zur Ärztin, um uns von einer Fachfrau medizinisch untersuchen zu lassen. Von Laien wollen wir uns nicht den Bauch aufschneiden lassen. Und es ist auch die gewählte Person an der Spitze einer Kommune, die Verantwortung trägt für die Arbeit der kommunalen Verwaltung. Wenn nicht gewählte Personen zu repräsentieren beginnen, ist das Amtsanmaßung. Wir brauchen also Fachpersonen und Personen mit legitimer Autorität. Dieses Wissen sollte aber nicht dazu führen, dass man alle anderen Menschen ausschließlich als Nicht-Mediziner_innen oder Un-Gewählte bezeichnet. Es braucht positive Beschreibungen, um eine positive Identifikation mit der eigenen Rolle zu ermöglichen.

Eines fällt auf: Über Laien wurde und wird meist gesprochen von theologischen Nicht-Laien, den sogenannten Profis: von Geistlichen oder von Theologinnen und Theologen. Das muss nicht per se schlecht sein, artet aber gelegentlich zu einem Diskurs mit viel Expertenwissen aus. Was meinen aber die Laien selbst? Sind Laien keine spirituellen Wesen? Können sie ihren geistlichen Erfahrungen keinen Ausdruck geben: in Worten oder auch performativ? Wie kommen wir ihren Erfahrungen, ihren Worten, ihren Taten auf die Spur?

Eine weiterhin sehr brauchbare, da positiv und zudem leidenschaftlich gewendete Definition von Laien bietet der Priester und Ordensmann (also: Nicht-Laie!) Yves Congar OP in seinem „Entwurf einer Theologie des Laientums“ aus den 1950ern. Der Dominikaner Yves Congar schreibt: „Laie sein, das heißt, mit allen Kräften, die in uns sind, sich stürzen in das Abenteuer jenes Suchens nach Gerechtigkeit und Wahrheit, zu dem der Hunger uns treibt und das das Kernstück der menschlichen Geschichte ist.“[3]

Man könnte jetzt fragen: Was für eine Definition ist denn das?! Was Yves Congar da über die Laien aussagt, das könnte ja von jedem geistlich orientierten Menschen ausgesagt werden! Genau darum geht es! Laien sind nichts Besonderes. Laien sind Normalos. Bewusst lebende Laien sind sich darüber im Klaren: Sie sind nichts Besonderes. Und als diese normalen Menschen stürzen sie sich in das Abenteuer der Suche nach Gerechtigkeit und Wahrheit, nach Gott. Dadurch verändern sie die Welt und die Kirche.

Laien haben also nicht die fertigen Antworten. Laien stellen auch nicht Lösung dar. Laien bringen sich aber mit ihren Fragen, mit ihrem Hören und Sehen und Fühlen, mit ihrem Tun und Lassen, mit ihren Worten und ihrem Schweigen in die Geschichte, auch in die Kirchengeschichte ein. Sie werden Fleisch und Mensch inmitten des alltäglichen Wahnsinns von Macht und Demut, von Dienst und Herrschaft, von Zeit und Geld.

Überspitzt formuliert: Wer bewusst laienhaft lebt und sich die Haltung eines geistlichen Menschen aneignet, der weicht nicht in ein gehegtes kirchliches Milieu aus, das ihn vor den Zumutungen des Lebens bewahrt. Laien sind, so Yves Congar an einer Stelle, jene gläubige Menschen, die Gott verherrlichen, „ohne dem Werk der Welt auszuweichen.“[4]

Congar wusste: Laien haben alle Freiheiten der Welt, aber sie leben auch das geistliche Leben eines dauernden zeitlichen und sozialen Kompromisses. Keine Tagesstruktur sagt ihnen, wann es Zeit zu beten ist. Keine Ordensregel hilft ihnen im familiären Zusammenleben. Kein Berufsbild fordert ihnen den Umgang mit spirituellen Traditionsbeständen ab. Alles Geistliche muss den Mühlen des Alltags abgetrotzt werden. Laien weichen nicht aus, nicht zeitlich und nicht örtlich.

Einige (katholische) Laien, wie der Autor dieses Beitrags, schließen sich als Laien einer Ordensgemeinschaft an, tauchen ein in deren Geschichte und Spiritualität, beten deren Gebete, singen deren Lieder. Solch eine Bindung, neudeutsch ‚commitment‘, unterstützt die Suche nach einem spirituellen Leben, nach der persönlichen Heiligkeit, wie man es früher sagte. Zwingend ist diese Bindung aber nicht. Wer bewusst ein Laienleben führt, der lässt sich aber ein auf dieses spirituelle Ringen mit dem ganz normalen Leben. Dort „zwischen den Kochtöpfen“ (Theresa von Avila) finden Laien die Welt vor. Dort finden sie Gott.

 

Dieser Text erscheint zeitgleich bei rotsinn – dem ideengeschichtlichen Blog eines Laiendominikaners – und auf feinschwarz.net – dem theologischen Feuilleton im Netz.

 

[1] Einen schönen Überblick bietet Sabine Demel 2009: Zur Verantwortung berufen. Nagelproben des Laienapostolats, Freiburg: Herder, 21-85.

[2] Vgl. dazu den immer noch lesenswerten Text: Karl Rahner (1954/2005): Über das Laienapostolat, in: Ders.: Sämtliche Werke, Bd. 16, Freiburg: Herder, 51-76.

[3] Yves Congar 1958: Der Laie. Entwurf einer Theologie des Laientums, Stuttgart: Schwabenverlag, 49.

[4] Ebd. 45.

Was heißt und ist Tagespolitik?

„Tagespolitik“ – das Wort mag in den letzten Wochen wenig Verwendung gefunden haben, da in Ausnahmesituation wenig von dem Alltäglichen gesprochen wird. Doch unter normalen Umständen – zu denen man ja hofft, bald zurückkehren zu können – wird das Wort häufig im Mund geführt.

Dabei kommt die Tagespolitik semantisch in (mindestens) zwei Bedeutungen vor:

 

„Tagespolitik“ beschreibend (deskriptiv)

Wenn jemand beschreibend über die Tagespolitik spricht, dann tut er dies meist aus der Sicht der politisch Handelnden. Es geht um das konkrete „Politiktreiben“, was Kari Palonen einmal mit dem Neologismus „politicking“ umschrieb (in: Four Times of Politics: Policy, Polity, Politicking, and Politicization, Alternatives, Jg. 28, Nr. 2, 2003).

Es geht in diesem Fall des „politicking“ dann erstens um das alltägliche Handeln von politischen Institutionen und den Menschen in diesen Institutionen. Es geht um Sitzungen, Anträge zur Tagesordnung, erste und zweite und dritte Lesung, kleine und große Anfragen, Redebeiträge zu unterschiedlichen Gesetzesvorhaben usw. In der Lokalpolitik geht es auch um die politische Befassung mit der Ausweisung neuer Baugebiete oder Naturschutzgebiete, die Vorbereitung auf eine Kommunalwahl, das mündliche und schriftliche Beantworten von Bürgerfragen u.v.a.m. Das Repertoire der tagespolitischen Aufgabenfelder und der konkreten Tätigkeiten – der Performanz – ist umfangreich, gerade in einem föderalen Staat mit seinen unterschiedlichen politisch-institutionellen Ebenen. Wer einen exemplarischen Eindruck gewinnen möchte von der Komplexität der Tagespolitik als alltäglichem politischen Handeln, der lese regelmäßig die Wochenzeitung Das Parlament. Oder man schaue sich auf der Internetseite der heimischen Kommune und deren Gremien, Räte, Ausschüsse um nach den Tagesordnungen, Anträgen, Verwaltungsschreiben usw.

Die Tagespolitiken (Plural!) in den jeweils anderen Settings (Länder, Kulturen, Traditionen) unterscheiden sich im konkreten Aussehen und Anfühlen zum Teil deutlich voneinander.  Das ist dann Gegenstand der vergleichenden politischen Forschung. Das gilt, zweitens, auch für die Tagespolitik, die an anderen Orten als den einschlägigen politischen Institutionen geschieht und oft nicht als Politik erkannt wird. Es handelt sich dabei um die Tagespolitik, die „Gelegenheitspolitiker“ (Max Weber) – die Aktvistin, der betroffene Bürger, die NGO, der Ortsverein – auf dem Feld der kollektiven Entscheidungsfindung treiben. Denn – eine Banalität – Politik wird nicht nur von den sog. Berufspolitikerinnen und -politikern betrieben, sondern von jedem Menschen, der sich über sein familiäres Umfeld hinaus in der kollektiven Meinungsbildung und Entscheidungsfindung engagiert. So gibt es also auch eine Vereinspolitik, Kirchenpolitik, Kulturpolitik und andere Tagespolitiken von Gelegenheitspolitiktreibenden.

 

„Tagespolitik“ wertend (evaluativ)

Es gibt die „Tagespolitik“ dann aber auch noch in einem wertenden Sinne. Wer evaluativ über die Tagespolitik spricht, tut dies meist aus der Sicht eines Beobachters. Man spricht dann „über“ die Politik, nicht als Teil der Politik.

Ich habe den Eindruck, dass die wertende Rede über Tagespolitik eigentlich fast immer eine abwertende Rede ist. Die Evaluation besteht meist aus einer rhetorischen Disqualifikation.  Metaphorisch wird dann von den „Niederungen“ oder dem „Geschäft“ der Tagespolitik gesprochen. Und von manchen politischen Ämtern – Monarch, Präsident usw. – wird behauptet, sie würden sich nicht mit der Tagespolitik beschäftigen bzw. über der Tagespolitik stehen. Das ist dann richtig, wenn man damit meint, dass diese Ämter auf bestimmte Formate der Tagespolitik – z.B. parlamentarische Prozedere – wenig formalen Einfluss haben. Gleichzeitig geht hier begriffliche Augenwischerei vor sich, da auch ein repräsentativ gedachtes Präsidentenamt zu jeder Stunde eine Tagespolitik eigenen Typus betreibt, nämlich die Tagespolitik eines repräsentativ gedachten Präsidentenamtes: Reden schreiben & halten, Besuche abstatten, Korrespondenz usw.

Die „Tagespolitik“ wird auch gerne den sogenannten grundlegenden – z.B. ethisch imprägnierten – politischen Fragen gegenüber gestellt. Diese rhetorische Gegenüberstellung übersieht aber, dass schon die Einteilung in tagespolitisches Geschäft und grundlegende Fragen eine politische Entscheidung ist, die man so treffen kann, aber nicht so treffen muss. Zudem ist der Übergang von tagespolitischen zu grundlegenden Fragen fließend, da auch jede grundlegende Frage im Rahmen des tagespolitischen Geschäfts besprochen, entschieden und letztlich umgesetzt werden muss und tagespolitische Themen schnell ein grundlegende Seite offenbaren.

Evaluativ steht „Tagespolitik“ für alles, was gemeinhin an dem vermuteten Alltag der Politik nicht geschätzt wird. „Tagespolitik“ als imaginierter Raum des Schlechten an der Politik stellt das Reservoir für gesellschaftliche Politikerschelte und Politikverdrossenheit dar. Dabei verdeckt die evaluative Lesart von „Tagespolitik“ die deskriptive Lesart fast vollkommen. Das eigentliche Tagesgeschäft der politisch Handelnden wird unter der Ab-/Wertung nicht mehr sichtbar. Ebenso verdrängt wird der Umstand, dass wir alle zu einem gewissen Maß Politik treiben: zu unterschiedlichen Gelegenheiten, an unterschiedlichen Orten, in unterschiedlichen Gruppierungen. Der rhetorische Vorwurf, das sei ja alles nur Tagespolitik, fällt damit schnell auf den Urteilenden zurück.

Ökumenisches Hausgebet in Zeiten von #Corona

Um Advents- und Weihnachtslieder ergänzt, kann diese kleine Hausliturgie auch in den kommenden Wochen eine Anregung sein. (Nachtrag, vom 11.12.2020)

Sollten Sie, liebe Leserin und lieber Leser, wie ich aktuell auf dem spirituell Trockenen sitzen, da alle öffentlichen Gottesdienste bis auf weiteres abgesagt sind, dann kann man zu der Form eines Hausgebets greifen. Sonntags, werktags, alltags.

Doch mit welchen Elementen kann man ein solches Hausgebet bestreiten? Ich stelle ich hier einen möglichen Ablauf vor. Viele andere Varianten sind möglich. Diese kleine Feier kann wahlweise am Morgen oder am Abend gebetet werden, gerne auch am Familientisch oder mit einem Freund oder einer Freundin, gerne auch in ökumenischer Verbundenheit.

Die einzelnen Elemente stammen entweder aus dem katholischen Gotteslob (GL) oder aus dem Evangelischen Gesangbuch (EG). Die weiteren Elemente stammen aus der Bibel; in der Wahl der Übersetzung sind Sie frei.

Möglicher Ablauf:

  • Entzünden Sie eine Kerze. Legen Sie bei Bedarf ein Tischkreuz in die Mitte und stellen eine Ikone oder ein anderes passendes Bild dazu. Wenn Sie wollen, das andere mithören können, öffnen Sie ein Fenster … .
  • Sprechen Sie: „Wir beten im Namen Gottes. Wir beten gemeinsam mit Jesus Christus. Wir beten in der Kraft des Heiligen Geistes.“
  • Singen Sie ein passendes Lied oder sprechen Sie die entsprechenden Strophen. Derzeit passen aus meiner Sicht gut: Aus der Tiefe (GL 283, GL 277, EG 299), Wer nur den lieben Gott (GL 424, EG 369), Solang es Menschen gibt auf Erden (GL 425, EG 427), Von guten Mächten (GL 430, EG 65), Gott ist gegenwärtig (GL 387, EG 165).
  • Beten Sie einen Psalm aus der Bibel. Derzeit passen aus meiner Sicht: Ps. 139, Ps. 91, Ps. 23, Ps.107, Ps. 30.
  • Lesen Sie die Tageslosung oder lesen eine Passage aus der Bibel, wie sie von der Schott-Tageslesung vorgeschlagen wird.
  • Halten Sie einige Momente Stille: Welche Empfindungen, Gefühle, Gedanken kommen in mir hoch? Wenn Sie wollen: Tauschen Sie sich über die Passage aus der Bibel aus. Kommen Sie nicht so sehr ins Diskutieren. Lassen Sie stehen, was der/die andere sagt.
  • Singen Sie ein einfaches Kyrie (Erbarme Dich Gott), z.B.: GL 154, 155, 157; EG 178/9, 178/11.
  • Formulieren Sie ein freies Gebet als Fürbitte. Nennen Sie ruhig die Menschen, für die Sie beten wollen, mit Namen.
  • Oder beten Sie in folgenden Worten: „Gott. Wir fragen uns, wo wir stehen. Wir wissen nicht genau, was noch kommt. Gehe den Weg mit uns, der vor uns liegt. Schenke allen Menschen in unserem Land, die wichtige Entscheidungen treffen, Weisheit und Umsicht: in unserer Stadt/in unserem Dorf; in unserem Landkreis/Bezirk; in unserem Land. Schenke den kranken Menschen Deine Nähe; und allen, die sich um sie kümmern, innere Stärke und Gesundheit. Schenke allen Nachbarn, Freunden, Familien Netzwerke der Unterstützung und den Zusammenhalt, den sie brauchen. Lass die Kirchen ein Zeichen Deines Beistands für die Menschen sein. Stärke die Völker in ihrer Verbundenheit untereinander. Geh mit den Sterbenden ihren letzten Weg. Gib den Toten Deinen Frieden. Lass uns alle zum Zeichen Deines Segens füreinander werden. Heute, morgen und in Ewigkeit. Amen.“
  • Beten Sie: „Vater unser im Himmel …“
  • Sprechen Sie einen Segen, z.B.: „Der barmherzige Gott segne uns, Vater, Sohn und Heiliger Geist.“
  • Löschen Sie die Kerze … .

Machen Sie andere Menschen auf diese oder andere Formen des Hausgebets aufmerksam. Danke!

Und: Bleiben Sie auch nach dem Abklingen der momentanen Situation am häuslichen Gebet dran!

(Für meine regelmäßigen Leserinnen & Leser: Mir sei diese Art des nicht-wissenschaftlichen Fastenbrechens verziehen. Danke für das Verständnis.)

Aus dem Leben eines Ritualdesigners

Ich sei ein Ritualdesigner, sagte man mir die Tage einmal.

Das Wort blieb bei mir hängen. Ich frage mich: Was tue ich genau, was mit Ritualen und ihrem Design zu tun hat? Warum handle ich so, wie ich es tue?

Rituale prägen unterschiedliche „Anlässe und Zwecke“, wie ich in einem Lexikonartikel nachlese (Bernhard Lang: Ritual/Ritus, in: Cancik/Gladigow/Kohl: Handbuch religionswissenschaftlicher Grundbegriffe, Band IV, 1998: 450). Rituale können zyklisch also wiederkehrend vorkommen oder einmalig sein (ebd. 451). Solche Anlässe oder Zwecke von Ritualen können mit Erinnerung zu tun haben oder persönliche und kollektive Übergänge biografischer Natur markieren. In dem erwähnten Artikel werden eine Reihe weitere Anlässe aufgeführt.

Ich bin kein Religionswissenschaftler oder Ethnologe. Doch anekdotische Alltagserfahrungen haben mich gelehrt, dass überall dort, wo ich mich eines gewissen Ereignisses erinnere – entweder im individuellen/familiären Kontext oder als Teil einer größerer Gemeinschaft – Rituale ins Spiel kommen. Beispiele sind: Geburtstage, Namenstage, Hochzeitstag, Allerseelen, Weltkriegsgedenken, Nationalfeiertag. Ritualisierung geschieht auch bei absehbaren Übergangserfahrungen, bei den Schwellen zwischen dem einen und dem anderen biografischen Stadium. Meiner Erfahrung nach überlappen sich hier oft individuelle Sphäre und kollektive Sphäre. Man bleibt bei diesen sog. „rite du passage“ also nicht unter sich, sondern feiert den Übergang als Teil einer Gemeinschaft: zum Beispiel Taufe, Erstkommunion, Firmung/Konfirmation, Hochzeit, Bestattung. In anderen Kontexten auch Jugendweihe, Beschneidung, Bat Mizwa usw.

Das Interessante an diesen Ritualen ist: Sie erwecken den Anschein einer großen Selbstverständlichkeit und Formalität. Rituale unterliegen bestimmten Regeln, die ihnen eine Orientierungsfunktion in Phasen größererUngewissenheit verleihen sollen. Rituale wirken ehrwürdig, alt, bewahrenswert. Doch auch diese konventionellen, regelhaften Rituale sind historisch gewachsen, haben sich weiterentwickelt, unterliegen wie alles historisch Gewachsene einem mehr oder minder bewussten Design. Rituale fallen nicht vom Himmel.

Historisch lässt sich dies gut an dem Beispiel der sogenannten Ritualisten sehen, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der anglikanischen Kirche bewusste Ritualneuerung betrieben. Dies taten sie aber immer mit dem Selbstverständnis und dem Selbstbild, dass sie auf alte kirchliche Traditionen zurückgreifen würden. Die neuen/alten Rituale sorgten in der anglikanischen Kirche zeitweilig dann auch für gehörigen Wirbel. Denn an den äußeren Ritualen vermutete man den inneren Geist einer Person ablesen zu können. Ritualpraxis und Ritualpolitik liegen gelegentlich eng beieinander.

Ritualdesigner geben sich also gerne als Traditionalisten aus, sind dabei aber sehr innovativ unterwegs. Normatives und Kontingentes gehen bei dieser „Arbeit am Ritual“ (ebd. 458) Hand in Hand. Es gibt die Ritualdesigner innerhalb der Religionsgemeinschaften. Aber auch außerhalb von Religionen werden weiterhin viele Rituale erfunden, designed, in die Welt gesetzt. Das macht ein Sammelband aus dem Jahr 2012 zum Thema deutlich. Wer Rituale bewusst designed, intendiert einen Zuwachs an Sinn und Bedeutung für Erfahrungen der empfundenen Erinnerung, des empfundenen Übergangs, der Wiederholung. In der Religion und außerhalb der Religion.

Ritualdesign ist dabei immer auch Alltagsgestaltung. Das macht sie auch für Laien wie mich interessant. Denn im Alltag bewährt sich das, was das Ritual in Erinnerung rufen möchte. Und das Ritual hilft dem Alltag zu einer gewissen Struktur. Designte Rituale entstammen also dem Bedürfnis, dem Alltag an gewissen Nahtstellen Sinn und Bedeutung zuzuschreiben: in Worten, in Handlungen, in sich wiederholender Performanz. Eine Kerze anzünden, ein Gebet sprechen, auf die Knie gehen, ein Lied singen u.v.a.m. Das Leben eines Ritualdesignern überbrückt ständig den Graben zwischen alt und neu, Tradition und Innovation. Gut ist, wenn man sich dessen bewusst ist.

Henry David Thoreau on ‚Walking‘

Henry David Thoreau wrote on 10. January 1851 in his Journal in a true romantic and transcendentalist manner:

“ I have met with but one or two persons in the course of my life who understood the art taking walks daily – not exercize – the legs or body merely – nor barely to recruit the spirits but positively to exercise both body & spirit – & to succeed to the highest & worthiest ends by the abandonment of all specifics ends.- who had a genius, so to speak sauntering- – And this word saunter by the way is happily derived ‚from idle people who roved about the country (in the middle ages) and asked charity under pretence of going à la sainte terre,‘ to the holy land – till perchance the children exclaimed There goes a sainte terrer a holy lander- They who never go to the holy land in their walks as they pretend are indeed mere idlers & vagabonds- (two leaves missing).“

(Henry David Thoreau: Journal, Vol. 3: 1848-1851, Princeton University Press, 1990, 176, idiosyncratic spelling retained)

Who would not want have so much time at hand as Thoreau who as a surveyor walked the hills and valleys of Concord county professionally? Still, a fine statement of Thoreau’s habit of turning something ordinary – the German Alltag – into something extraordinary, holy, spiritual.

Die Angst des politischen Alltags vor dem Populismus

Diese Notiz könnte auch folgenden Titel tragen: Der Angst des Populismus vor dem politischen Alltag. Denn Populismus und politischer Alltag vertragen sich nicht gut.

Darauf verweisen unter anderem Dirk Jörke und Veith Selk in ihrem lesenswerten Band: Theorien des Populismus. Zur Einführung, Hamburg: Junius, 2017. Jörke und Selk schreiben, einen Gedanken von Margaret Canovan aufnehmend: Der Populismus verspreche

„eine Neuordnung der politischen Landschaft und er bilde einen, phasenweise virulenten, Kontrapunkt gegen den alltäglichen Lauf der Dinge. Damit ist der Populismus notwendigerweise blind für die pragmatischen Notwendigkeiten des alltäglichen Politikmachens – Max Webers berühmtes ’starkes langsames Bohren von harten Brettern‘ – und kann insofern als regierungsuntauglich gelten“ (150).

Der Populismus greift jenen politischen Alltag an, der aus populistischer – und manchmal auch aus einfach kritischer – Sicht als „verkrustet“ und „vermachtet“ gilt und dessen politische Lösungsansätze von den Politiktreibenden mitunter als alternativlos bezeichnet werden. Der Populismus greift das „System“ und die „Eliten“ verbal an und kann mit dem von diesen strukturierten politischen Alltag, mit seinen Rhythmen und Regeln nicht viel anfangen.

Jörke und Selk verweisen in ihrem Band auch darauf, dass im politischen Alltag vieler Demokratien eine ganze Reihe von auch berechtigten Fragen und Kritiken gar nicht mehr gestellt werden. Oder sie kommen nur am alltäglichen Rand des Geschehens zu Wort. Der Populismus – kommt er von links oder rechts – trägt diese Fragen und Kritiken mit großem Verve wieder in den Alltag hinein. Das geschieht auch mit dem Versprechen auf den Durchbruch des Außeralltäglichen: das Wunder, die Revolte, die Wiederkehr des Alten.

Im politischen Alltag angekommen finden sich populistische Bewegungen dann oft in der Situation wieder, selbst irgendwann zum Establishment zu gehören. Sie betreiben Klientelismus, profitieren vom System, wollen unter sich bleiben. Da hilft dann nur noch mehr rhetorische Verve, noch mehr Radikalität, noch größere Versprechen, zumindest nach außen hin. Denn politischer Alltag darf es für den Populismus nie sein. Der ist ja langweilig.

Was ist Berufung? (frei nach Max Weber)

Die beiden Worte Beruf und Berufung hängen im Deutschen eng miteinander zusammen, phonetisch und semantisch. Doch beide bezeichnen auch unterschiedliche Dimensionen, Dimensionen nämlich eines Nachdenkens über persönliche Lebensgestaltung.

Folgt man Max Weber, so liegen dem Begriff „Beruf“ religöse Semantiken zugrunde. Max Weber spricht zum Beispiel vom „Berufsmenschen“, als welchen er den „innerweltlichen Asketen“ (M. Weber: Wirtschaft & Gesellschaft, Tübingen 1972: 332) bezeichnet. Auch der dem innerweltlichen Asketen entgegenstehende weltabgewandte Mystiker kann seine eigene Stellung innerhalb der Ordnung der Dinge als Beruf erfahren, so Max Weber (ebd.). Im Beruf kondensiert sich also, so könnte man heute etwas fromm sagen, eine geistliche Berufung; und für Max Weber natürlich auch eine ausgesprochene „Berufsethik“ (ebd.).

Doch was ist eine geistliche Berufung? Berufung ist der Weg einer bewussten geistlichen Entscheidung. Berufung ist ein Weg, das heißt, sie ist ein lebenslanger Prozess und nie völlig abgeschlossen. Dieser Weg kennt Kontinuität, sonst wäre er nicht als ein Weg erkennbar. Der Weg kennt aber auch Diskontinuität, Unterbrechung, Neuausrichtung, die durch äußere oder auch innere Vorgänge aufgezwungen werden. Berufung ist auch eine bewusste geistliche Entscheidung, das heißt der Berufene muss diesen Weg in reiflicher Überlegung und aus freien Stücken gehen und dabei stets in Kommunikation mit seinem Gott sein. Die Entdeckung der eigenen Berufung hilft dem Berufenen also dabei, sein Leben von Gott her zu deuten. Max Weber benutzt hierfür das schöne Wort der „Heilsmethodik“ (ebd. 324). Heilsmethodik meint ein systematisches, lernendes Vorgehen in der geistlichen Gestaltung des persönlichen Lebens, von Lebensform, Lebensstand, Lebensort und Beruf.

Berufung ist eine außeralltägliche Entscheidung, die sich im Alltag bewähren muss. Auf dem Weg der Berufung gibt es Zeiten der ganz bewussten Wahl eines Weges unter Ausschluss anderer Wege. Und es gibt auch Zeiten eines mitunter dramatischen (Ein-) Bruchs oder einer Öffnung. Diese Zeiten sind oft außeralltäglicher Natur. Sie gleichen einem Wunder, positiver oder negativer Natur. Und es gibt Zeiten der nicht immer ganz bewussten Bestätigung und evtl. Justierung dieser Wahl. Diese Zeiten werden auch Alltag genannt. Im Alltag erfährt die Berufene: Mein Gott geht den Weg mit, den ich wähle. Und auch: Im Alltag wächst sich eine Berufung zu einem konkreten Beruf aus. Im Alltag wird es also methodisch.

Die Zeiten der ganz bewussten, außeralltäglichen Wahl umfassen quantitativ nicht mehr als 2% des gesamten Weges, stechen in der subjektiven qualitativen Bewertung aber heraus. Die Zeiten der unbewussten Bestätigung bzw. methodischen Justierung sind quantitativ überwiegend (98%), fallen qualitativ aber weniger auf. Beide Zeiten sind aber eng miteinander verwoben, denn erst im Alltag wird der Weg der Berufung konkret, entwickelt sich ein „Alltagshabitus“ (ebd. 325).

Berufung hat Kontext, das heißt Berufungen finden stets innerhalb eines konkreten kulturellen, religiösen, systematischen und auch politischen Umfelds statt. In diesem Umfeld sind Ermutigungen möglich, aber auch Entmutigungen. Ermutigung und Entmutigung sind an andere Menschen gebunden, die durch ihr Vorbild überzeugen oder im Gegenteil auch abschreckend wirken können. Ermutigung und Entmutigung sind auch von Strukturen und einem institutionellen Klima abhängig. Dabei spielen die von Max Weber ganz nüchtern als „Berufsekstatiker“ (ebd. 799) bezeichneten Personen eine nicht unwesentliche Rolle, da sie als die sozusagen professionell Berufenen das Scharnier bilden zwischen Alltagserfahrung und außeralltäglichem Geschehen. Sie bieten Deutungen und Rituale an, die dem Berufenen helfen sollen, einen gewählten Weg weiter zu gehen oder eben auch eine neue Richtung einzuschlagen.

Die Wege der Berufung sind für die so berufenen Menschen unverfügbar und schwer zu kontrollieren. Der Berufung wohnt ein anarchisches Moment inne. Berufung stellt Kontinuität in Frage. Dem gegenüber stehen institutionelle, aber auch familiäre Erwartungen in Richtung Kontinuität und Erwartbarkeit. Deshalb gehen Berufungsgeschichten oftmals mit Konflikten einher. Deshalb ist es auch eine solch große Herausforderung alltäglichen Beruf und außeralltägliche Berufung in ein gutes Verhältnis miteinander zu bringen. Jede Leserin von Max Webers religionssoziologischen Texten – oder auch der Bibel – wird dies bestätigen können.