Woher kommt der Westen? Ein Gespräch zwischen Hedwig Richter und Paul Nolte

Woher kommt der Westen? Dieser Frage widmeten sich die Historikerin Hedwig Richter und der Historiker Paul Nolte in einem von der Zeit-Stiftung und der Bucerius Law School veranstalteten Podiumsgespräch.

Klar ist, dass jede Beschäftigung mit dem Westen, gerade wenn sie auch noch im ‚Westen‘ stattfindet, eine Art der Selbstvergewisserung darstellt, wie Paul Nolte es zu Beginn des Abends formulierte; eine Selbstvergewisserung, die sich aufgrund  aktueller Entwicklungen und „Enttäuschungen“ in der Weltpolitik regelrecht aufdrängt. Die Gegenwart legt also eine Beschäftigung mit der Idee des Westens nahe. Von daher, so Michael Göring von der Zeit-Stiftung in seinem Begrüßungswort, möge man doch weniger nostalgisch als vielmehr mit aktuellem Bezug auf das Thema schauen.

Charmant wies Hedwig Richter ein solches Ansinnen in die Schranken, indem sie ihr Kurzreferat mit dem missionarischen Satz beginnen ließ: „Geschichte ist unheimlich interessant.“ Verheutigung und aktuelle Bezugnahme können gerne auf eine historische Betrachtung folgen. Wenn zwei historisch versierte Personen auf dem Podium sitzen, darf man sich aber durchaus auf einen geschichtlich informierten Blick auf die Gegenwart freuen.

Richter begann ihre Ausführungen dann auch mit der von Reinhart Koselleck entliehenen These der „Sattelzeit“, jener gedachten Zeit zwischen 1750 und 1850, welche entscheidende Umwälzungen in der Real- und Ideengeschichte westlicher (und nicht nur dieser) Gesellschaften verursacht haben soll, so Kosellecks These in nuce. Richter nannte als einen solchen umwälzenden Prozess die Demokratisierung der politischen Ordnung auf dem Wege der Ausbreitung des Männerwahlrechts. Sie nannte ebenso die zunehmende Universalisierung von sozialer Gleichheit im 19. Jahrhundert, welche freilich nicht ohne deren höchst ambivalenten Schatten des Rassismus und dem fortdauernden Ausschluss der Frauen zu denken seien.

Richter machte sich dafür starkt, das ideelle Wesen des Westens – keine Angst: das Wort ‚Wesen‘ wurde an dem Abend nicht genutzt! – zu betonen, wobei ihr Gewährsmann hier Max Weber war. Als weitere Großprozesse westlicher Gesellschaften im 19. Jahrhundert nannte sie die zunehmende soziale Ausdifferenzierung und Mobilisierung, die auch von der um sich greifenden Industrialisierung befördert wurden. Die Veränderungen in der begrifflichen und realen Geschichte waren während der Sattelzeit eng aufeinander bezogen. Eine Idee vom Westen entsteht dort, wo sich entsprechende „westliche Praktiken“ (Nolte) entwickeln.

Der Westen hat also eine ideelle, vielleicht auch idealisierte Seite. Er trägt immer aber auch seine eigenen ideologischen, vollkommen unerbaulichen Schatten mit sich herum. Trotzdem wagte man an dem Abend auch die Verteidigung der Idee des Westens. Mit einem nicht zu verkennenden normativen Überschuss ließ Hedwig Richter ihren Kurzvortrag damit enden, als den eigentlichen Wert des Westens, die Fähigkeit zur Selbstkritik zu proklamieren. Paul Nolte fasste diesen Punkt dann noch konkreter, indem er von der Institutionalisierung von Opposition sprach, welche sich in den politischen Institutionen des Westens im 19. Jahrhundert zunehmend wiederfand. Der Westen ist also das, was sich selber kritisiert, ohne sich gleich ganz in Frage zu stellen.

Von den Werten des Westens, ihrem Herkommen und ihrer fraglichen Zukunft wurde an dem Abend immer wieder gesprochen. Der historische Blickwinkel der Gesprächspartner und manche Rückfrage aus dem Publikum machten aber deutlich, dass die Aufmerksamkeit für historische und politische Details und Fakten, die Vorstellung des einen Westens und dessen vermeintlichen Werte schnell in Frage stellt. In diesem Sinne ist der Westen in der Tat ein „Projekt“, wie Paul Nolte einmal sagte, vielleicht sogar ein Postulat, mit dem man im Sinne der Selbstabgrenzung und Selbstrechtfertigung unterwegs ist.

Die Frage, woher der Westen denn begrifflich herkommt, wurde an dem Abend überraschenderweise nicht gestellt. Wer waren und sind die Träger einer Idee des Westens? In welchen Kontexten wird vom Westen gesprochen? In welcher Situation werden seine Werte hochgehalten? Wo beginnt und wo endet der Westen? Der anregende Abend bot viel Stoff zum Weiterdenken und Weiterlesen.

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Die Angst des politischen Alltags vor dem Populismus

Diese Notiz könnte auch folgenden Titel tragen: Der Angst des Populismus vor dem politischen Alltag. Denn Populismus und politischer Alltag vertragen sich nicht gut.

Darauf verweisen unter anderem Dirk Jörke und Veith Selk in ihrem lesenswerten Band: Theorien des Populismus. Zur Einführung, Hamburg: Junius, 2017. Jörke und Selk schreiben, einen Gedanken von Margaret Canovan aufnehmend: Der Populismus verspreche

„eine Neuordnung der politischen Landschaft und er bilde einen, phasenweise virulenten, Kontrapunkt gegen den alltäglichen Lauf der Dinge. Damit ist der Populismus notwendigerweise blind für die pragmatischen Notwendigkeiten des alltäglichen Politikmachens – Max Webers berühmtes ’starkes langsames Bohren von harten Brettern‘ – und kann insofern als regierungsuntauglich gelten“ (150).

Der Populismus greift jenen politischen Alltag an, der aus populistischer – und manchmal auch aus einfach kritischer – Sicht als „verkrustet“ und „vermachtet“ gilt und dessen politische Lösungsansätze von den Politiktreibenden mitunter als alternativlos bezeichnet werden. Der Populismus greift das „System“ und die „Eliten“ verbal an und kann mit dem von diesen strukturierten politischen Alltag, mit seinen Rhythmen und Regeln nicht viel anfangen.

Jörke und Selk verweisen in ihrem Band auch darauf, dass im politischen Alltag vieler Demokratien eine ganze Reihe von auch berechtigten Fragen und Kritiken gar nicht mehr gestellt werden. Oder sie kommen nur am alltäglichen Rand des Geschehens zu Wort. Der Populismus – kommt er von links oder rechts – trägt diese Fragen und Kritiken mit großem Verve wieder in den Alltag hinein. Das geschieht auch mit dem Versprechen auf den Durchbruch des Außeralltäglichen: das Wunder, die Revolte, die Wiederkehr des Alten.

Im politischen Alltag angekommen finden sich populistische Bewegungen dann oft in der Situation wieder, selbst irgendwann zum Establishment zu gehören. Sie betreiben Klientelismus, profitieren vom System, wollen unter sich bleiben. Da hilft dann nur noch mehr rhetorische Verve, noch mehr Radikalität, noch größere Versprechen, zumindest nach außen hin. Denn politischer Alltag darf es für den Populismus nie sein. Der ist ja langweilig.

Adam Müller und die Dezentrierung des Redners

Von dem schillernden Intellektuellen Adam Müller (1779-1829) erwartet man es nicht unbedingt: einen Beitrag zum Verständnis der Rede als Perspektivwechsel, Dezentrierung, Selbstkritik.

Adam Müller war offenbar ein durch und durch romantisch-konservativer und essentialistisch denkender Mensch. Doch seine „Zwölf Reden über die Beredsamkeit und deren Verfall in Deutschland“ bieten durchaus auch für eine liberal und offen gesinnte Leserschaft wertvolles Anregungspotential. So versteht Müller die Beredsamkeit, die Rede als eine Kunst, welche dem Gespräch sehr ähnelt. Die Rede besteht nicht im Monologisieren. Sie ist keine Einbahnstraße. Die Rede ist – schon bevor sie konkrete Nachfragen provoziert – ein dialogisch angelegtes Geschehen.

Dieses rhetorische Dialog-Geschehen verändert bzw. überzeugt hoffentlich den Hörer. Es verändert und überzeugt aber auch den Redner. Dieser wird durch seine Rede selbst der Veränderung unterworfen. Müller schreibt:

Was aber sagt diese ganze Regel: »Wisse anzuklagen, wo du verteidigen willst« – anders als in andern Worten meine frühere Regel: Wisse zu hören, wenn du reden willst; versetze dich in das Herz, dahinein du greifen willst, in den verwirrten Sinn, welchen du bekehren, in die Krankheit, welche du heilen willst. Verstehe, Redner, mich, deinen Gegner, wenn du dich verständlich machen willst: bist du verständlich, dann will ich glauben, dann werde ich es im innersten Herzen empfinden, daß du verstehst. (Reden über die Beredsamkeit, Insel: Frankfurt/M., 1967, 46).

„Wenn du reden willst, versetze dich in das Herz des anderen“: Die anzustrebende Dezentrierung seitens des Redners hinein in die Empfindungen des Hörers hat – so verstehe ich Müller an dieser Stelle – nicht (nur) eine taktische Funktion. Vielmehr wird von Müller vorausgesetzt, dass, wenn ich den Mund zur Rede aufmache, ich mich gleichzeitig auf einen wirklichen Austausch und damit auf eine mögliche Veränderung einlasse.

Müller ergänzt nämlich, dass die „Wahrheit“ – ein für den zum Katholizismus konvertierten Müller sicher leichter zu handhabender Begriff wie für unsereins – nicht im Standpunkt des Redners zu finden ist. Sie liegt auch nicht beim Hörer. Vielmehr ist die Wahrheit jene höhere Sphäre, welche sich erst im dialogisch verstandenen Gespräch, sozusagen zwischen den Positionen einstellt. Noch einmal Müller im O-Ton:

Mit der Idee des Gesprächs beginnen alle Wissenschaften: zwischen zwei ewig streitenden Formen der Wahrheit, die sich in tausendfältigen Metamorphosen der verschiedenartigsten Naturen, Neigungen, Ansichten und Lebensweisen darstellen, erhebt sich in steigender Herrlichkeit unergreiflich, unergründlich die Eine ewige Wahrheit; aus dem Feuer des Streits und des Gesprächs, bevor es noch zur Asche zusammensinkt, geht sie glänzender, überzeugender, empfundener hervor. Die einzelnen Sprecher verstummen, die Systeme, die sie in hoffärtiger Anmaßung selbst herrschend aufgetürmt, versinken, aber das Wort selbst, das lebendige Wort, das Gespräch und die darin als Seele waltende Wahrheit ist ewig. (ebd., 47f.)

Wahrheit ist also nicht im Besitz des einen Redners. Sie ist auch nicht in seinem Gegenüber. Wahrheit stellt sich erst ein, wenn der Redner und Hörer sich auf einen Austausch, auf das Gespräch, auf die Dezentrierung ihres je eigenen Standpunktes einlassen. Wer Rede als Gespräch versteht, der öffnet die beiden Situationen des Redens und des Hörens für einander. Senden und Empfangen werden wechselseitige Spiegelbilder des einen Zwiegesprächs. Das Reich der Wahrheit ist das Zwischen, der Spalt, der Graben und die Brücke, welche von Position zu Position sich erstreckt.

Gedichte halten Augenblicke fest – fast

Den Augenblick festhalten; das Schöne da behalten; den Anblick weiter genießen; den Ohrenschmaus fortwährend auf sich einfließen lassen. Das versuchen Gedichte; und scheitern gleichzeitig daran. Denn nur in der Ewigkeit ruht der Augenblick, das Vollkommene vor meinem dann geschlossenen Auge.

Anbei folgen dennoch einige kurze Versuche, die ich in den letzten Wochen auf Twitter veröffentlichte. Es waren schnelle, geschwinde, spontane Texte; ob sie gelingen entscheidet die Leserin, der Leser.

 

Geesthacht

Auf Pump

speichert hier

ein Werk

Kraft

(21. August)

 

 

Die beiden Stieglitze in

der Früh

 

Bild gezwitscherter

Trautseligkeit

(14. August)

 

 

Poesie der Meteorologie

Höhentief

Kaltlufttropfen

(11. Juli)

 

 

ich lasse mich

vom Sonntag

aus zur ruhe

bringen

(17. Juni)

 

 

Grau in grau

kabelt es

durch den

Himmel

(14. August)

 

 

in heidelberg enden

straßen waldig in den

hügeln greifswald aber

feldert

(13. Juni; für H. Richter)

 

Die Angst der Kirche vor der Eschatologie

Zuletzt ist es vor wenigen Tagen geschehen: Die Gemeinde singt im Gottesdienst ein Lied, in diesem Fall ist es „Morgenglanz der Ewigkeit“. Im katholischen „Gotteslob“ sind vier Verse des Liedes abgedruckt. Wir singen aber nur drei Verse. Der vierte Vers wird weggelassen. Dieser lautet:

„Licht, das keinen Abend kennt, / leucht uns bis der Tag sich neiget. / Christus, wenn der Himmel brennt / und dein Zeichen groß aufsteiget, / führ uns heim aus dem Gericht in dein Licht.“

Vor einigen Wochen traf es „Nun danket all und bringet Ehr“. Hier lauten die letzten beiden im „Gotteslob“ abgedruckten und nicht gesungenen Verse:

„Solange dieses Leben währt, / sei er stets unser Heil, / und wenn wir scheiden von der Erd, / verbleib er unser Teil.

Er drücke, wenn das Herze bricht, / uns unsre Augen zu / und zeig uns drauf sein Angesicht / dort in der ewgen Ruh.“

Es handelt sich hier nicht um das Problem eines einzigen Gottesdienstortes. Dass die letzten Verse vieler Lieder gerade im deutschsprachigen Raum – im englischsprachigen Raum habe ich dies anders erfahren – im Gottesdienst gerne gestrichen werden, habe ich schon an vielen verschiedenen Orten erfahren müssen.

Man könnte nun einfach sagen, dass die deutschen Kirchgänger singfaul sind. Das mag so sein. Als Folge dieser Faulheit tritt dann aber oft ein, dass zumeist jene Verse nicht gesungen werden, die zum Ende eines Liedes die letzten Dinge thematisieren. Die Thematisierung der letzten Dinge schlägt die Theologie der Disziplin der Eschatologie zu. Singfaule Kirchen begegnen ihr kaum.

Man könnte also auch schärfer formulieren: Die deutschen Kirchgänger sind nicht nur singfaul. Sie haben auch Angst vor den letzten Dinge. Tod, Gericht und Ewigkeit werden außerhalb von Beerdigungsfeiern, also im gewöhnlichen Verlauf des Kirchenjahrs, nur zurückhaltend thematisiert. Pflichtschuldig lässt man im November anklingen, dass die Themen weiterhin zum Gut des Glaubens gehören. Das war es dann aber schon.

Oder wann habe ich das letzte Mal eine Predigt oder eine Andacht zur Wiederkunft Christi gehört? Oder zur neuen Schöpfung? Oder zum Weltgericht? Natürlich sind diese Themen etwas sperrig und vermeintlich weit weg vom Alltag der Menschen. Von daher ist die Nicht-Thematisierung irgendwie auch verständlich. Aber bis zum nächsten Todesfall im Kreis der Verwandten bzw. Bekannten ist es manchmal nicht weit. Auch ist die politische Sehnsucht der Menschen nach einer letzten, sich endgültige durchsetzenden Gerechtigkeit oder anders formuliert: nach einer „Zeit mit Frist“ (J. B. Metz 2006 : Memoria Passionis, Freiburg, 135ff.) nicht auszurotten.

Doch nicht nur das: Die genannten Themen stellen auch ein großes Fragezeichen in den Raum: Wie ernst meinen wir es in der Kirche mit den letzten Dingen? Glauben wir, um ein Beispiel zu nennen, wirklich – d.h. alltäglich – an eine objektiv feststellbare Wiederkunft Christi? An ein Weltgericht, das persönliche und strukturelle Sünde aufdeckt? An die Wirklichkeit einer Ewigkeit im Angesicht des Ewigen? Oder haben wir es uns in der sog. Parusieverzögerung gemütlich eingerichtet und überlassen uns dem ziellosen Lauf der irdischen Dinge?

Wer ein Lehrbuch zur Eschatologie aufschlägt – auf meinem Schreibtisch liegen die beiden von Medard Kehl SJ (1986) und Jürgen Moltmann (1995) – der wird feststellen, dass es verschiedenste durchaus wohlmeinende Strategien gibt, den schwierigen Themenkomplex der letzten Dinge im alltäglichen Leben gläubiger Menschen zu verankern. Gleichzeitig ist den akademischen Sprach-  und Denkmöglichkeiten auch Grenzen gesetzt.

Eschatologischer Glaube findet sich dann gerade (auch) in den Tränen von Hinterbliebenen, in denen sich Trauer mit Hoffnung mischen. Oder er findet sich in den Schreien der Unterdrückten, die Zorn und Sehnsucht nach Gerechtigkeit zugleich ausdrücken. Oder er findet sich in den letzten Versen jener Kirchenlieder, die wir dann irgendwann auch singen sollten.  Mit ihnen nähert sich der Glaube den Grenzen an, welche wir so oder so

kurz davor sind

Tag für Tag

zu überschreiten.

Über Mauern.

Ich finde Mauern schön. Besser gesagt: Ich finde bestimmte Mauern schön. Das sind vor allem Mauern, die Kontur und haptische Aura und Reife besitzen. Ältere Ziegelsteinmauern zum Beispiel oder Mauern aus Sandsteinen wie z.B. die Mauer, die als Umgrenzung des benediktinischen Klosters St. Anne de Kergonan in der Bretagne dient (s.o.).

Mauern gibt es schon sehr lange. Wohl seit es Menschen gibt und einen Begriff von Eigentum und eine Unterscheidung von Ich und Du. Denn Mauern markieren immer etwas. Mauer schließen aus, so wie sie auch einschließen. Die Mönche von Kergonan grenzen sich so von der Umgebung ab, schützen ihre kontemplative Klausur. Sie verwehren Außenstehenden unerlaubte Einblicke, verwehren sich selbst aber auch ein gewisses Maß der Kommunikation, vielleicht gerade auch mit den benachbarten Nonnen von St. Michel de Kergonan … .

Mauern schaffen es immer wieder in die Politik. Dort stehen Mauern für den Wunsch, unter sich bleiben zu wollen. Sie stehen für das, was die Soziologen Inklusion und Exklusion nennen. Die Berliner Mauer, die es so fast nur noch in der Erinnerung und in der Symbolisierung einer Gedenkstätte gibt, ist hierfür symptomatisch. Aber auch die chinesische Mauer wurde von Paul Simon folgendermaßen besungen: „They’ve got a wall in China/ It’a a thousand miles long/ To keep out the foreigners/ They made it strong“ (Something So Right). Andere Klassiker sind die römischen Grenzziehungen des Limes in Südwestdeutschland und des Hadrian’s Wall in Nordengland. Und in den Vereinigten Staaten möchten derzeit ebenfalls einige Menschen eine Mauer an der Grenze zu Mexiko errichten.

Mauern sind der sichtbare und spürbare Ausdruck einer Grenze, die von Menschenköpfen erdacht und von Menschenhänden erbaut wird. In diesem Sinne unterscheiden sie sich von natürlichen Grenzen wie z.B. Flüssen bzw. Gebirgszügen. Mauern sind damit Kunst-Werke, im übertragenen Sinne und manchmal auch ganz wörtlich.

Mauern schaffen also ein Innen und Außen. Sie schaffen Räume, in denen sich Menschen versammeln können. Diese Versammlung von Menschen kann sich wiederum abgrenzen von jenen Menschen, die nicht an ihr teilnehmen können oder wollen. So lernt jede Kirchenversammlung von einer „Welt da draußen“ zu sprechen. Die realen Mauern werden zu metaphorischen Mauern in den Köpfen der Menschen.

Wir stoßen uns an den Mauern wie wir sie auch gleichzeitig benötigen. Keiner möchte in einem Gefängnis leben. Kaum einer möchte aber auch in einem komplett entgrenzten Raum leben. Mauern sind unser Schutz wie sie gleichzeitig auch unsere Waffe sind. Gleichzeitig lädt jede Mauer dazu ein, überwunden zu werden. So sieht es letztlich auch der Beter in Psalm 18, der in freilich reichlich kriegerischer Absicht singt:

„Denn mit dir kann ich Kriegsvolk zerschlagen / und mit meinem Gott über Mauern springen.“ (Ps. 18, 30).

 

Gedichte und das Sprechen über Gott

„Wir können von Gott nicht erfassen, was er ist, sondern nur, was er nicht ist.“

Dieser Satz stammt von Thomas von Aquin (Summa contra gentiles I, 30.). Für einen Theologen ist dies ein mutiges Eingeständnis. Oft reden wir nämlich von Gott, als ob wir genau wüssten, wer Gott ist und was er vorhat. Wir unterstellen, sein Wille für unser Leben ließe sich klipp und klar feststellen. Wie können wir aber von Gott sprechen? Wie vermeiden wir das Phrasenhafte, die spirituellen Allgemeinplätze?

Wie wäre es zum Beispiel mit einem zeitgenössischen Gedicht?

(…)

Hier finden Sie das gesamte Manuskript meiner Radioandachten.