Der Alltag der Demokratie – über die vielen Gelegenheiten Politik zu treiben.

Gelegenheitspolitiker seien wir alle, schrieb Max Weber einmal, spätestens dann, wenn „wir unseren Wahlzettel abgeben oder eine ähnliche Willensäußerung: etwa Beifall oder Protest in einer ‚politischen‘ Versammlung, vollziehen, eine ‚politische‘ Rede halten usw.“ (Politik als Beruf, Stuttgart 1992, 14). Neben diese Gelegenheitspolitiker, die wir alle immer auch sind, stellt Weber die „nebenberuflichen“ Politiker, welche die Politik sozusagen im Ehrenamt und nebenher machen. Schließlich gibt es noch die „Berufspolitiker“, welche von ihrem politischen Engagement leben oder zumindest es so intensiv betreiben, dass an eine andere berufliche Tätigkeit kaum zu denken ist.

Beim Gelegenheitspolitiker bricht das Politische ab und an in den Alltag hinein, meist in Form von Wahlen. Beim Berufspolitiker hingegen besteht der Alltag aus einer Aneinanderreihung politischer Handlungen, deren wichtigste aber ebenfalls meist in Wahlentscheidungen besteht. Dem Gelegenheitspolitiker ist es aber jederzeit möglich, die Gelegenheiten, zu denen er Politik treibt, numerisch in die Höhe zu treiben. Ich kann zur Wahl gehen, ja. Aber ich kann auch auf eine Wahlveranstaltung gehen. Ich kann in einem Kreis von Menschen über politische Themen sprechen, über Themen also, die der kollektiven Entscheidungsfindung anheim fallen. Ich kann auch für eine politische Sache Partei ergreifen, Mitglied werden in einem politischen Verein oder in einer Partei. Und ich kann mich auch zur Wahl als Kandidat aufstellen lassen, somit mein passives Wahlrecht ausüben. Spätestens hier würde Max Weber wohl von einem Übergang vom gelegentlichen zum nebenberuflichen Politikertypus sprechen.

Soweit die bloße synchrone Beschreibung. Diachron ließe sich die Beschreibung noch vervollständigen, indem man sich vor Augen führt, wie das individuelle und kollektive Interesse an der Politik im 19. Jahrhundert stark zunahm. Der Historiker Paul Nolte beschreibt in seinem Band „Was ist Demokratie? Geschichte und Gegenwart“ (München 2012) einen Prozess, den er „Fundamentalpolitisierung“ (ebd. 183) nennt. Fundamentalpolitisierung heißt im historischen Zusammenhang, dass das Interesse an Politik sich in alle Teile der Gesellschaft hin ausbreitete und damit weniger elitär wurde. Fundamentalpolitisierung heißt aber auch – und hier folge ich Michael Th. Grevens Idee von der ‚politischen Gesellschaft‘ – dass es heute kaum noch gesellschaftliche Bereiche und Fragen gibt, die nicht zum Gegenstand politischer Auseinandersetzungen werden können. Während im 19. Jahrhundert also die Politisierung der Welt um sich griff, verbreitete sich gleichzeitig auch die innere Politisierung vieler Gesellschaften.

Soweit die empirische Beschreibung. Ich mache nun einen normativen Schwenk: Nicht jede Politisierung ist demokratisch motiviert. Aber die Demokratie lebt auf jeden Fall davon, dass möglichst viele Bereiche der Gesellschaft politisiert sind. Sie lebt davon, dass möglichst viele Menschen Interesse an einem aktiven Mitgestalten der Politik – am „Politisieren“ – haben. Demokratie lebt von einer politischen Teilhabe, die im Alltag vieler Menschen angekommen ist. Noch einmal Paul Nolte: „Dass sich Menschen für Politik interessieren, ist ja nicht selbstverständlich, aber eine wichtige Voraussetzung von Demokratie“ (ebd. 91).

Je mehr Menschen sich aktiv und passiv an Wahlen beteiligen, je mehr Menschen (freiwillig) in Parteien Mitglied sind, je mehr Menschen sich über persönliche Betroffenheit hinaus für die Belange der Allgemeinheit einsetzen, je mehr Menschen politisches Interesse mitbringen, je mehr Menschen sich der öffentlichen politischen Auseinandersetzung stellen – desto besser ist das für eine Demokratie. Auf diesem Wege wird die Demokratie nämlich zu einem individuellen und kollektiven „Lebensstil“ (ebd. 182), der sich von Generation zu Generation fortpflanzen kann.

Es braucht für die Vertiefung der demokratischen Teilhabe aber nicht nur eine quantitative Vermehrung der Gelegenheitspolitiker. Es bedarf auch – und hier argumentiere ich wieder normativ – der qualitativen Vertiefung  des Nachdenkens und Redens über politische Teilhabe und Demokratie bei möglichst vielen Menschen. Demokratie ist damit auch eine Stilfrage. Um diesen demokratischen Stil im Alltag zu pflegen, gibt es Landes- und Bundeszentralen für die politische Bildung in unserem Land. Deshalb gibt es Politikunterricht an den Schulen. Deshalb gibt es Bücher wie jenes von Paul Nolte. Dieses habe ich übrigens kostenfrei bei der Landeszentrale für politische Bildung in Hamburg mitnehmen dürfen.

Religiöse Identitäten in politischen Konflikten – ein Tagungsbericht

Wie verhalten sich religiöse Identitäten in politischen Konflikten?

Dieser Frage ging eine Tagung an der Evangelischen Akademie Berlin (auf Schwanenwerder) am 21. und 22. November 2014 nach. Die Tagung wurde ausgerichtet von der Evangelischen Akademie gemeinsam mit dem Arbeitskreis Politik und Religion der Deutschen Vereinigung für Politikwissenschaft und dem Forschungsverbund „Religion und Konflikt“. Das vollständige Programm der Veranstaltung findet sich hier.

Eine erste Erkenntnis der Tagung ergab sich mit der von allen Referenten geteilten – und fast schon selbstverständlichen – Auffassung, dass Individuen (und darauf aufbauend auch Kollektive) über eine komplexe, mehrdimensionale Identität verfügen. Menschen sind nie nur religiös, sondern besitzen weitere Identitätsmerkmale, die sich nach Ort und Zeit auch unterscheiden: Stand, Klasse, Stamm, Volk, Familie, Körper, Nation … . Die religiöse Identität bildet nur einen Aspekt einer individuellen Identität, wie es unter anderem Heinrich Schäfer (Bielefeld) unter Zuhilfenahme eines komplexen und an Pierre Bordieu angelehnten Habitus-Modells betonte. Diese Identität ist auch nicht als abgrenzbare Substanz zu verstehen, sondern ist ihrem Wesen nach relational. Gerade dies habe Samuel Huntington bei der Konstruktion seines Kulturkampf-Theorems übersehen, in dem er Kulturen und Religionen eine statische Natur unterstellte, wie Antonius Liedhegener (Luzern) anmerkte (vgl. zu S. Huntingtons Theorem auch diesen Tagungsbericht vom vergangenen Jahr).

Die religiöse Identität – eine zweite grundlegende Erkenntnis – verhält sich in politischen Konflikten ambivalent. Mithilfe der mimetischen Theorie von René Girard schrieb Jodok Troy (Innsbruck) der Religionen zugrunde liegenden Erfahrung von Sakralität generell eine Nähe zur Gewalt zu. Dies machte er vor allem an dem Begriff des Opfers fest. Die Nähe zur Gewalt liege nicht nur am zeitlichen Ursprung einer Religion, so Troy, sondern sei systematisch für das Verständnis von Religion überhaupt. In eine ähnliche Kerbe schlug Wolfgang Bergem (Siegen). Dieser äußerte die Meinung, dass religiöse „Virtuosen“ (Max Weber) eine höhere Anfälligkeit/Disposition für gewalteskalierendes Denken und Handeln besitzen. Dies liege unter anderem daran, da diese hochreligiöse Menschen dazu neigten, die religiösen Merkmale ihrer Identität auf Kosten anderer Merkmale zu verabsolutieren.

Diese Skepsis gegenüber einer ’starken‘ religiösen Identität wurde durch Vorträge, die sich konkreten Fällen widmeten, verstärkt. Anja Hennig (Frankfurt/Oder) wies bei ihrer Präsentation auf die polarisierende Rolle von konservativ-katholischen Personen und Gruppen im zeitgenössischen Spanien hin. In moral-politischen Debatten (bspw. zur Entkriminalisierung der Abtreibung) bedienten diese Akteure sich einer religiös-säkularen Konfliktlinie, die sie in der spanischen Gesellschaft vorfänden. Dadurch trügen sie zur Politisierung von Religion bei, was vor allem angesichts der dezidiert moderierenden Rolle katholischer Kreise im Nachbarland Portugal auffallend sei.

Auch der Beitrag von Mathias Tanner (Basel) machte deutlich, dass Argumentationsmuster, die sich aus einer bestimmten religiösen Identität speisen, oft gesellschaftliche Konfliktlinie verschärfen können. Mit Blick auf den Fall des (gewalttätigen) Konflikts im nigerianischen Jos lies Tanner aber auch die Möglichkeit einer Instrumentalisierung von Religion klar hervortreten. Religiöse Konfliktlinien sind dann nur von nachrangiger Bedeutung. Die eigentlichen, sozioökonomische Konfliktursachen werden durch eine solche Instrumentalisierung nur allzu oft verdeckt.

Die Tagung gab viele hilfreiche Anregungen für die Beschäftigung mit dem Themenkomplex Religion, Politik und Gewalt. Wie immer bei solchen Veranstaltungen blieben aber auch Fragen unbeantwortet. Aus meiner Sicht waren dies folgende:

1. „Ambivalenz“ – so könnte man leicht aus den Tagungsbeiträgen schließen – ist ein fast schon zu vorsichtiger Ausdruck für die offensichtlich stark polarisierende Rolle von religiöser Identität in politischen Konflikten. Die Diagnosen und Interpretationen der insgesamt zehn Referentinnen und Referenten waren diesbezüglich meist ernüchternd. Gleichzeitig gibt es aber auch viele Beispiele für eine schlichtende Rolle von Religion in Konflikten. Diese standen auf Schwanenwerder jedoch eher im Hintergrund.

2. Es erwies sich auch als schwierig, den genauen Umständen auf die Spur zu kommen, die über eine schlichtende bzw. polarisierende Rolle von religiöser Identität entscheiden. Es gibt Gruppen, die sich ein hohes Maß an Religiosität zu schreiben, gleichzeitig aber konflikteskalierend wirken; Thomas Scheffler (Beirut) nannte für den Libanon das Beispiel maronitischer Mönchsorden. Gleichzeitig gibt es unbestritten auch eine friedensförderliche Form der organisierten Hochreligiosität. Leider fehlte es bei der Tagung an Kriterien, die ein Urteil darüber möglich machen, welche spezifischen (theologischen bzw. politischen) Ursachen an der Wurzel der religiös motivierten Gewalt bzw. an der Wurzel des religiös motivierten Friedens liegen.

3. Darauf aufbauend blieb auch die Frage unbeantwortet, was religiöse Gemeinschaften denn tun können – Willigkeit vorausgesetzt – um einer polarisierenden religiösen Identität in ihren eigenen Reihen vorzubeugen. Anders formuliert: Gibt es eine Form von religiöser Radikalität im spirituellen Lebensentwurf, die gerade nicht politisch polarisiert und exkludiert; die ihre Radikalität gerade in der Inversion politischer Machtansprüche sieht?

4. Der Tagungstitel lautete „Religiöse Identitäten in politischen Konflikten“. Ausnahmslos alle Vorträge gingen davon aus, dass die Kausalkette von den religiösen Identitäten zu den politischen Konflikten verläuft. Man hätte das Thema aber auch anders herum angehen können: Was stellen politische Konflikte mit den religiösen Identitäten der Beteiligten an? Werden diese eher verschärft konturiert oder kommt es eher – aus Enttäuschung bspw. – zu einer Auswaschung religiöser Gestimmtheit?

 

 

Globalisation studies – an eschatological discipline?

My recent review of Olaf Bach’s „Die Erfindung der Globalisierung“ (Frankfurt & New York 2013) in the journal „Contributions to the history of concepts“ (01/2014)finished with the following, somewhat daring statement:

„Bach concludes his study by pointing to the fact that the concept of globalization continues to be charged with a lot of promise and a forward-looking vision. However, this vision may never become reality, but remains a vision to be fulfilled (237). Within theology such a concept would be discussed in the discipline of eschatology, the study of the last things (death, judgment, etc.). Globalization can be understood as a quasi-eschatological concept within political and social language. It cannot simply be surpassed without speaking of something far-fetched such as interplanetary politics. The concept will never refer to a concrete experience of (secular) fulfilment.“

What d0 I mean by this Statement? The answer is twofold:

‚Globalisation‘ refers to a process. This process can be historically analysed both in terms of  ‚Realgeschichte‘ and terms of ‚Begriffsgeschichte‘. It is possible to identify certain crucial steps in the history of globalisation such as increased overseas trade, sophisticated map drawing, colonialism, acceleration of transport and communication through technical Innovation and conceptual transformations etc.

In addition, we may describe the globalisation process in mere descriptive terms, as historians and also some political scientists tend to do. Their first aim is to know what was and is going on. They want to understand and analyse. But we can also approach globalisation with a more normative gesture, framing it in terms of (in-)justice and (in-)equality or – contrary to this approach – framing it in terms of positive innovation and progress. This normative framing is the work of political philosophers. Obviously, one and the same person can be all three simultaneously: analytical historian or political scientist and normative philosopher.

Globalisation, however, is also a „Grenzbegriff“ ( I. Kant) and as such it refers to a Point on the fringe of our experience and at the edge of our spatial and temporal world. ‚Globalisation‘ cannot be surpassed by any other concept. And globalisation can also not be surpassed by any other experience, unless we radically expand our human capacities to communicate into outer space or into other, yet unknown spatial or temporal dimensions. If we were to find someone to communicate with in outer space or elsewhere, of course.

Eschatology deals with all those concepts and images which lie on the fringe of our human experience. ‚Fringe‘ does not mean that we do not know anything about these concepts and images. ‚Fringe‘ means that we only know one side, but as mortal humans will never know the other side, the beyond.

The „Kingdom of God“ is one well known eschatological Image within Christian theology. In the Bible the „Kingdom of God“ is usually referred to as both a process and a „Grenzbegriff“. For example in Mark 1. 15 which recalls one of Jesus‘ sayings at the beginning of his ministry: „The time is fulfilled, and the kingdom of God is at hand: repent ye, and believe the Gospel“ (KJV). Jesus asks his followers to change their lives because of the approaching kingdom of God. But an approaching kingdom is something different to a present kingdom. Followers of Jesus may work on ist approach, but they will never be able to implement the final fulfilment of the kingdom. This is beyond their reach, beyond the fringe.

The same is true for globalsation. It makes sense to talk about the process of globalisation both analytically and normativly. As soon as we are tempted to talk about globalisation as being fulfilled, we realise that the concept as such gives way and disappears. ‚Globalisation‘ will, however, never reveal the other side of the fringe, its beyond to any living human creature.

Shaping the world – politically

In 1811, the last volume of Joachim Campe’s dictionary of the German language was published. In the foreword to his book, Campe somewhat proudly proclaims that his dictionary included more than double the number of entries than its predecessor, the Adelung dictionary, namely 141.277 “words and articles” (Campe, Joachim Heinrich Ed.1811: Wörterbuch der Deutschen Sprache. 5. und letzter Teil. U bis Z, Braunschweig: Vorrede).

Opening the fifth and last volume of Campe’s dictionary on page 668, readers get a taste of how Campe arrived at this record sum of words. There we are confronted with 16 columns and over 200 entries which all relate to the word Welt – ‚world‘ and its compounds although I have to admit that I am not quite sure how many of these compounds were really part of the German language at the time and how many Campe made up himself.

Be it as it may, browsing through those 16 columns, readers come across all sorts of words which show to the creativity of the semantic field of the word ‘world‘ in the German language at the beginning of the 19th century. Let me give you some examples: Weltall – nowadays the word only refers to ‘outer space’ but according to Campe it means everything, all that is entailed in the world; for example: Weltbuch – a book containing all facts and details of life; for example: Weltling – an individual who is well accustomed to things ‘worldly’ and who is unlikely to be a Weltverbesserer – someone who is looking to correct the faults and errors of others.

We may also find words with a clearly political flavour, for example: Weltbürger – a cosmopolitan, a citizen who believes that he belongs to the whole of the world and not just to an individual state; or: Weltregirung – being the world government, although Campe refers to the governing will of God rather than to an actual earthly political power; for example: Welthandel – world trade, a trade that includes all parts and countries of the known world; or: Weltherrschaft – the rule of the world, with the Roman Empire being the eminent historical example.

I could continue this list for another hour at least. Campe’s dictionary is a valuable resource regarding non-political as well as political vocabulary. It is also interesting to note which words Campe’s exhaustive list does not include: for example Weltpolitik – world politics.

Read more at:

https://www.academia.edu/6766077/Shaping_the_World_Politically._Towards_a_Conceptual_History

See also:

https://rotsinn.wordpress.com/2012/07/19/die-politisierung-der-welt-ii/

 

Vor 20 Jahren: S. Huntington und der „Clash of Civilizations“

Vor zwanzig Jahren veröffentlichte Samuel Huntington in „Foreign Affairs“ seinen wirkmächtigen Aufsatz „The Clash of Civilizations?“. In dem Aufsatz – das dazugehörige Buch erschien drei Jahre später und im Titel um ein Fragezeichen ärmer – formuliert Huntington folgende Hypothese: „It is my hypothesis that the fundamental source of conflict in this new world will not be primarily ideological or primarily economic. The great divisions among humankind and the dominating source of conflict will be cultural.“ (S. Huntington 1993: The Clash of Civilizations? in: Foreign Affairs, Jg. 72, Nr. 3, S. 22). Huntington stellte verschiedene Kulturkreise bzw. Zivilisationen vor, von denen er vermutete, daß sie in Zukunft mit Konflikten untereinander zu kämpfen hätten. Vor allem seit dem 11. September 2001 hat Huntingtons Erklärungsansatz viele Anhänger gefunden.

Die Kritiker Huntingtons kamen in den letzten zwei Jahrzehnten aber auch nicht zum Schweigen. Dies zeigte eine Tagung der „Deutschen Gesellschaft zur Erforschung des politischen Denkens“, die vom 18. bis 20. Oktober an der Universität Vechta stattfand. Das Programm der Tagung versammelte Forscher aus den politikwissenschaftlichen, historischen und philosophischen Disziplinen. Diese Interdisziplinarität stellte sicher, dass die Stärken und vor allem auch die Schwächen von Huntingtons Hypothese von verschiedenen Seiten aus beleuchtet wurden.

In einigen Beiträgen der Tagung wurde unter anderem das Konzept bzw. der Begriff der Zivilisation (bzw. Kultur – wie es in der späteren deutschen Übersetzung von Huntingtons Buch heißt) problematisiert. Während der Historiker Harald Kleinschmidt von der Universität Tokio zum Ende seines Vortrags anmerkte, dass die Menschen überall auf der Welt irgendwie „ähnlich“ seien, so bestand sein Kollege aus Hannover, Hans-Heinrich Nolte, darauf, dass sich Teilregionen der Welt durchaus identifizieren und anhand bestimmter Kriterien unterscheiden ließen. Sie seien kein Konstrukt des Forschers, sondern ein von realen Gegebenheiten abgeleitetes Rekonstrukt. Schon aus forschungspragmatischen Gründen sei eine solche Einteilung für den Weltgeschichtsschreiber vonnöten.

Wenn es auch naheliegt, dass eine regionale Einteilung der Welt aus historiographischen Gründen zweckmäßig ist, so scheint doch ein Rest der Willkür bei dieser Art der Rekonstruktion übrig zu bleiben. Denn letztlich kommt es immer darauf an, welches Forschungsziel oder politisches Interesse man verfolgt und welche Einteilung hierfür Sinn macht. Oder ist die Türkei, um ein Beispiel zu nennen, dem europäischen Kontinent, dem Nahen oder Mittleren Osten, der arabischen Welt oder vielleicht auch Westasien zuzuschlagen?

Auffallend war, dass verschiedene Beiträge zwischen den Zeilen deutlich machten, dass die Beschäftigung mit dem Zivilisationsbegriff einen schnell zum Giftschrank der politischen Ideengeschichte führt. Oswald Spengler und A.J. Toynbee sind mit ihrem biologistischen und organologischen Vorstellungen noch relativ harmlose Gestalten, wenn sie heute auch als Denker aus einer fremdgewordenen ideengeschichtlichen Epoche wirken. Nolte stellte darüber hinaus den britischen Autor Charles Wentworth Dilke vor, der in seinem Werk „Greater Britain“ eine kolonialistisch-rassistische Überlegenheit anderen Kulturen gegenüber an den Tag legte. Mit dieser Haltung war Dilke Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts in keiner Weise allein, wie das Beispiel des britischen Juristen John Westlake zeigt, welches Kleinschmidt vorbrachte. Westlake war wie Dilke und viele seiner Zeitgenossen von der imperialen Überlegenheit der angelsächsischen Rasse überzeugt. Dieses überhebliche „Zivilisationsgerede“ (O-Ton H. Kleinschmidt) fand erst nach 1945 ein Ende. Die Resonanz auf Huntingtons These zeigt aber auch, dass es bis heute keineswegs verstummt ist.

Eine diesem Gerede zuwiderlaufende Strategie liegt in einer konsequenten Universalisierung von Institutionen und Lebenswelten und ihrem ideellen Hinterland. Eines der erfolgreichsten Universalisierungsprojekte der letzten Jahrzehnte ist die fortschreitende europäische Integration, die institutionell vor allem innerhalb der Europäischen Union vor sich geht. In einem detailreichen Vortrag stellte Michael Gehler aus Hildesheim die historische Genese der EU dar. Gehler machte aber auch deutlich, dass die europäische Union seit der Entstehung der Montanunion einer technokratischen Vision folge, die nur bedingt mit den Visionen eines europäischen Friedensreiches übereinstimmte, wie sie unmittelbar nach dem Ende des 2. Weltkrieges im Umlauf waren. Henning Hahn (Kassel) wiederum stellte den weltweiten Menschenrechtsdiskurs vor und wies darauf hin, dass dieser globale Auswirkungen habe. Er machte deutlich, dass im Menschenrechtsdiskurs kulturrelativistische Argumente an ihre Grenzen kämen, weil in einer großen Zahl von Kulturen ähnliche Vorstellungen von grundsätzlichen Rechten (und Pflichten) vorhanden seien. Hahn verwahrte sich einem naturrechtlichen Ansinnen, seine Argumentation lief jedoch auf ein ähnliches Ergebnis hinaus: mögliche „zivilisatorische“ Unterschiede an der Oberfläche sprechen nicht gegen eine Transkulturalität der Menschenrechte im Wurzelwerk der verschiedenen Kulturen der Welt.

Am Ende der Tagung war sich der Hörer nicht sicher, ob Samuel Huntingtons These – ähnlich wie auch Francis Fukuyamas zeitgleicher Gegenentwurf von dem „Ende der Geschichte“ – nur noch ideengeschichtlich von Interesse ist oder zur Betrachtung der heutigen Welt tatsächlich noch etwas taugt. Ausgehend von den Vorträgen der Tagung ist vom ersteren auszugehen. Die spannende Frage lautet zudem, ob es zwischen der konfliktiven Politisierung der Weltkulturen im Stile Huntingtons und der tendenziellen Entpolitisierung der Weltpolitik im Sinne angedachter Universalisierungen einen gangbaren Weg gibt: eine normative Politikidee jenseits von Identitätsfragen?!

Eine Begriffsgeschichte der Globalisierung

In wenigen Tagen erscheint im Campus-Verlag das Buch „Die Erfindung der Globalisierung. Entstehung und Wandel eines zeitgeschichtlichen Grundbegriffs“ von Olaf Bach. Das Buch geht auf eine Dissertation zurück, die im Jahr 2007 an der Universität Sankt Gallen eingereicht wurde. Folgende Zeilen beziehen sich auf die mir vorliegende Druckfassung aus dem Jahr 2007 (Difo-Druck, Bamberg).

Die Untersuchung von Olaf Bach beschreibt einen Teil des Prozesses, der im Kontext dieses Blogs stets mit „Politisierung der Welt“ bezeichnet wurde. Damit ist gemeint, daß in den vergangenen Jahrhunderten – und vor allem in den letzten 150 Jahren – die äußere Welt immer mehr zu einem Objekt der politischen Formbarkeit und Beherrschbarkeit wurde, auf jedem Fall dem Wunsche nach. Olaf Bach umschreibt diesen Prozeß der Politisierung allgemein als ein „globales Ausgreifen in die Welt“ und als eine „Verdichtung und Vervielfältigung von Erfahrungen und Kontakten“ seit der Epoche der europäischen Expansion (52). Innerhalb dieser historischen Großbewegung wählt Bach als seinen Untersuchungsgegenstand die Entwicklung eines spezifischen Globalisierungsbegriffs seit der Mitte des 20. Jahrhunderts.

Bach stellt heraus, daß es schon seit dem frühen 19. Jahrhundert Versuche gab, die realgeschichtlichen Vorgänge internationaler Vernetzung sprachlich einzufangen. Er nennt diese Versuche eine „Globalisierungsrede avant la lettre“ (75). Von einem dezidierten Gebrauch der Vokabel „Globalisierung“ (auch engl. globalisation bzw. franz. mondialisation) kann aber erst ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Rede sein, so Bach. Durch die Folgen des Zweiten Weltkriegs, durch neue Transport- und Kommunikationswege und durch eine sich verdichtende internationale Zusammenarbeit war die Erfahrung einer „Welteinheit“ (101) nun bestimmend geworden.

Dies brachte es mit sich, daß auf den Gebieten von internationaler Politik und Wirtschaft zuerst vereinzelt und später mit zunehmender Häufigkeit von der „Globalisierung“ von Politik bzw. Wirtschaft gesprochen wurde. Der Begriff wurde zunächst verstanden als ein Prozeß, der ein ausgewähltes Teilsegment der Gesellschaft (Politik, Wirtschaft, Bildung oder Kultur) erfaßt hatte. Bach führt das Beispiel der „globalization of education“ (106) an und schreibt dazu: „Dieser spezifische frühe Einschlag der Globalisierungsrede ist keine Beschreibung und meint keine faktische Ausbreitung, sondern zielt als Forderung auf die Entwicklung einer globalen Perspektive (im Bildungsapparat, BC), die als Folge einer veränderten Welt vor Ort für nötig gehalten wird“ (ebd.).

Damit ist eine Eigenschaft des auch heute gängigen Globalisierungsbegriffes benannt: Dieser schillert nämlich beständig zwischen einer Zustandsbeschreibung auf der einen Seite und einem oft emphatischen Aufruf zum Handeln auf der anderen Seite. Hinsichtlich der 1970er und 1980er Jahre spricht Bach von einer Verstetigung und beständigen Innovation des Globalisierungsbegriffs (111ff.). „Globalisierung“ wird mehr und mehr zu einem allumfassenden Grundbegriff bzw. Schlagwort. Die neuen Möglichkeiten und Chancen in einer weltweit zusammenhängenden Welt können damit beschrieben werden, aber auch die Gefahren, die u.a. von multinationalen Unternehmen auszugehen scheinen (133ff.). Damit sind auch schon die heutigen Verhältnisse umrissen: Die einen sehen die Globalisierung als Chance für ein entgrenztes Handeln in der Weltgesellschaft. Die anderen sehen sie als eine Gefahr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt verwundbarer Staaten.

Letztlich stellt Olaf Bach mit seiner Untersuchung nicht nur eine Politisierung der Welt durch die explosionsartig vermehrte und kontroverse Globalisierungsrede fest, sondern auch eine „Politisierung des Globalisierungsbegriffs“ als solchem (242). Gerade diese rhetorische Aufladung des Begriffs habe in den vergangenen zwei Jahrzehnten zu dessen Popularität beigetragen. Damit stellt Bach implizit klar: Wer über die Welt herrschen möchte, der muß auch über die Sprache herrschen, mit der wir die Welt zu beschreiben suchen. Und wer eine solche globale Hegemonie verhindern möchte, der muß für Vielfalt in Sprache und Interpretation sorgen.

Robert Menasse und der Unsinn des „nation-building“

In der Postkonfliktforschung waren in den vergangenen Jahren zwei englische Begrifflichkeit dominierend: das „state-building“ und das „nation-building“.

Der erste Begriff, „state-building“ bzw. Staatsaufbau, meint die kontinuierliche Schaffung konkreter staatlicher Strukturen – Bürokratie, Polizei, Armee, Volksvertretung usw. – an einem Ort, wo diese nur mangelhaft vertreten sind. In allen Postkonfliktsituationen der jüngeren Vergangenheit – z.B. Irak, Afghanistan, Kosovo – ist dies für sich genommen schon eine große Herausforderung.

Der zweite Begriff, „nation-building“, meint etwas wesentlich Diffuseres. Er meint die Überwindung ethnischer Partikularitäten und die Schaffung eines nationalen Zusammengehörigkeitsgefühls. Eigentlich ist dies ein hehres und wichtiges Ziel. In der historischen Betrachtung ergibt sich aber folgende Beobachtung: Prozesse der Nationenbildung sind oft einher gegangen mit der Unterdrückung von Minderheiten, mit deren Vernichtung oder Vertreibung. Dies trifft sowohl auf das 19. Jahrhundert als auch für das 20. Jahrhundert zu. Gleichzeitig ist es auch bei gewordenen Nationen weiterhin reichlich schwierig, die konkreten positiven Merkmale auszumachen, die eine Nation zu einer solchen machen.

Wer also in heutiger Zeit in Postkonfliktsituationen das „nation-building“ vorantreiben möchte, der weiß nicht, auf was er sich einläßt. Diese Beobachtung greift Robert Menasse in seiner kleinen Streitschrift „Der europäische Landbote. Die Wut der Bürger und der Friede Europas“ (2012) auf. Die gegenwärtige europäische Krise beschreibt er weniger in finanzieller Hinsicht. Für Menasse ist die gegenwärtige Situation eine krisenhafte Zuspitzung aufgrund eines um sich greifenden Nationalismus in der Europäischen Union.

Menasses Kernfrage ist: „Wie kann das Nie-Dagewesene aussehen, dieses historisch völlig Neue, das weltweit innovative, kühne europäische Avantgarde-Projekt: die nachnationale Demokratie“ (95)? Vielleicht geht Menasse etwas arg fahrlässig mit unseren nationalen Demokratien um. Seiner Meinung nach stellen sie sich in den Weg einer fundamentalen Demokratisierung von Europa und einer endgültigen Überwindung des Nationalismus.

Doch in der Bewertung des „nation-building“ kann man Robert Menasse uneingeschränkt zustimmen. Wer heute noch die Bildung von Nationalstaaten als erstrebenswert ansieht, der nimmt die mit der Nationswerdung einhergehenden Gewaltexzesse billigend in Kauf. Der Nationalstaat erscheint uns heute als selbstverständlich und wohltuend stabil. Er ist es aber nur, weil die großen Differenzerfahrungen, d.h. Minderheiten, daraus verbannt wurden. Nationalstaaten wurden regelrecht „herbeigebombt“, wie es Menasse in Bezug auf Jugoslawien ausdrückt (97).

Menasse findet es absurd, daß der Aspekt der „Nationswerdung“ in Europa weiterhin eine Rolle spielt. Vor allem wenn man bedenkt, daß es von Selbstbewußtsein strotzende Nationen waren, die einen ersten und zweiten Weltkrieg, Vertreibung und Völkermord hervorbrachten. Deshalb darf „nation-building“ in der europäischen Politik keinen Platz mehr haben. Menasse schreibt: „Das ist natürlich völlig grotesk, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass es beim europäischen Projekt um die Überwindung des Nationalismus ging und geht“ (97).

Es ist Zeit, daß auch in der Postkonfliktforschung und den angelehnten Forschungsfeldern das „nation-building“ zu Grabe getragen wird. Mit „state-building“ hat man schon genug zu tun.