Henry David Thoreau on Walking, Part 2

Henry David Thoreau loved to walk. But not only did he love to walk. Thoreau was also aware of the fact that walking always is an exercise in practical freedom. However, there are many obstacles that may be in the way of the rambler; obstacles not so much of the natural kind, obstacles more of the human kind: fences, roads, traps, boundaries, borders etc. Obstacles to freedom.

In a way, it’s all there in the following quote: the demand for the freedom to roam, a critique of gated communities and the nation state, a migration ethics of sort. In 1851 America.

Thoreau wrote in his Journal on 12. February 1851:

„I trust that the walkers of the present day are conscious of the blessings which they enjoy in the comparative freedom with which they can ramble of the country & enjoy the landscape – anticipating with compassion that future day when possibly it will be partitioned off into so called pleasure grounds where only a few may enjoy the narrow & exclusive pleasure which is compatible with ownership. When walking over the surface of Gods earth – shall be construed to mean trespassing on some gentleman’s grounds. When fences shall be multiplied & man traps & other engines invented to confine men to the public road. I am thankfull that we have yet so much room in America.“ (Journal, 12. February 1851)

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Brexit und die Politik der Zeit

So ein Schachzug, neudeutsch „move“, war erwartbar:

Boris Johnson lässt die Monarchin das Parlament auflösen, um den Mitgliedern des britischen Unter- und Oberhauses die Zeit für ein etwaiges Gegensteuern gegen seinen Kurs in Sachen Brexit zu nehmen.

Einmal mehr wird deutlich, was in der Tagespolitik und deren wissenschaftlichen und journalistischen Beobachtung oft untergeht: Die Ressource Zeit ist für die Politik und das politische Handeln konstitutiv. Ohne Zeit geht gar nichts. Auch Räume spielen in der Politik eine wichtige Rolle, oft gerade in ihrer repräsentativer Funktion. Doch Räume sind notfalls austauschbar. So fungierten in der Geschichte schon viele Räume als Orte der Diskussion, der Beratung, der Rebellion, der Entscheidung.

Doch Zeit ist nicht beliebig vermehrbar und ersetzbar. Wenn politischen Akteuren die Zeit zum politischen Handeln genommen wird, dann kommt auch das politische Handeln als solches zum erliegen. Boris Johnson hat dies erkannt und nimmt dem britischen Parlament einfach diese wesentliche Ressource: die Zeit.

Selbstverständlich können sich die Members of Parliament auch weiterhin politisch betätigten, aber eben nicht in ihrer gesetzgeberischen oder die Regierung kontrollierenden Funktion. So ist nun ein Kampf um Zeit ausgebrochen, in dem sich am Ende zeigen wird, wer die zeitpolitischen Fäden in der Hand hält: Wer kann darüber bestimmen, wann welches politisches Thema verhandelt und entschieden wird? Hier geht es nicht um Inhalte, sondern um das sonst sehr tröge Geschäft der parlamentarischen Regularien und Geschäftsordnungen.

Dieser Kampf um Zeit ist gleichzeitig auch ein Kampf mit der Zeit ist, ein „struggle with time“, wie es Kari Palonen einmal ausdrückte (The Struggle with Time.  A Conceptual History of ‚Politics‘ as an Activity, 2006). Denn gerade demokratische Politik lebt davon, dass ihr Zeit zugewiesen wird; dass Menschen sich Zeit dafür nehmen; dass diesen Menschen die Zeit im Gefüge der Institutionen auch zur Verfügung gestellt wird, damit sie politisch aktiv werden können. Diese Zeit gilt es dann geschickt zu nutzen. Denn jede und jeder weiß: Zeit ist knapp. Und wir sehen am aktuellen Beispiel: Zeit kann auch sehr einfach verknappt werden.

Politik ist letztlich auch die öffentliche Auseinandersetzung darüber, wer das Sagen über die Zeit hat.

Henry David Thoreau on ‚Walking‘

Henry David Thoreau wrote on 10. January 1851 in his Journal in a true romantic and transcendentalist manner:

“ I have met with but one or two persons in the course of my life who understood the art taking walks daily – not exercize – the legs or body merely – nor barely to recruit the spirits but positively to exercise both body & spirit – & to succeed to the highest & worthiest ends by the abandonment of all specifics ends.- who had a genius, so to speak sauntering- – And this word saunter by the way is happily derived ‚from idle people who roved about the country (in the middle ages) and asked charity under pretence of going à la sainte terre,‘ to the holy land – till perchance the children exclaimed There goes a sainte terrer a holy lander- They who never go to the holy land in their walks as they pretend are indeed mere idlers & vagabonds- (two leaves missing).“

(Henry David Thoreau: Journal, Vol. 3: 1848-1851, Princeton University Press, 1990, 176, idiosyncratic spelling retained)

Who would not want have so much time at hand as Thoreau who as a surveyor walked the hills and valleys of Concord county professionally? Still, a fine statement of Thoreau’s habit of turning something ordinary – the German Alltag – into something extraordinary, holy, spiritual.

Bemerkungen zu Rowan Williams: Christ. The Heart of Creation (2018).

Die Rezeption von Rowan Williams im deutschen Sprachraum verläuft schleppend. Bislang wurde keines der maßgeblichen Werke des ehemaligen Erzbischofs von Canterbury ins Deutsche übersetzt. Die jeweiligen Neuveröffentlichungen des derzeitigen Vorstehers des Magdalene College in Cambridge werden auch nur vereinzelt in deutschsprachigen Fachzeitschriften rezensiert. Ich tue mein Bestes, um hier etwas nachzuhelfen, da ich der Meinung bin, dass die Schriften von Rowan Williams auch für die hiesige Leserschaft durchaus gewinnbringend sein könnten; daher auch dieser Post.

Eine reguläre Besprechung zu Rowan Williams aktueller Monografie „Christ. The Heart of Creation“ (veröffentlicht 2018 bei Bloomsbury) werde ich an dieser Stelle aber nicht veröffentlichen. In den entsprechenden theologischen bzw. dogmengeschichtlichen Debatten im Themenfeld der sog. Christologie bin ich nicht sonderlich bewandert. Dennoch möchte ich einige wenige Beobachtungen bzw. Leseeindrücke wiedergeben, die mir im Verlauf meiner Lektüre in den Sinn gekommen sind.

Ehrlich gesagt: Rowan Williams macht es einer möglichen nicht-fachlichen Leserschaft nicht einfach. Das Buch unterscheidet sich von den eher spirituell-erbaulichen Schriften des Autors dadurch, dass es eine zum Teil sehr technische religionsphilosophische bzw. theologiegeschichtliche Sprache nutzt. Ein Lieblingswort von Williams im ersten Teil des Buches ist der Terminus „agency“, was so etwas wie konzentrierte Handlungskraft bzw. personale Tätigkeitsantrieb bedeutet. Menschen können „agency“ besitzen, aber auch Gott kann sie zugeschrieben werden. Rowan Williams ist es – im Verbund mit Austin Farrer – dabei aber wichtig, dass Gott nicht ein beliebiger Gegenstand dieser Welt oder ein beliebiger Agent in dieser Welt ist. Gott kann mit unseren menschlichen Begriffen nie vollständig beschrieben werden. Gott kann nie restlich gefunden werden. Von Gott kann man keinen Besitz ergreifen. Man kann von Gott auch nicht in vergleichenden Kategorien – der Mächtigste, der Größte usw. – sprechen. Gott ist kein Gegenstand des Glaubens, sondern eher schon dessen dynamisierter Ursprung, dessen Kraft und Wirkmacht, eben: agency. Im Anschluss an Farrer schreibt Williams zu Beginn seines Buches: „We conceive God as infinite personal will and intelligence, as the exercise of infinite resource fully  and eternally present in every moment of its action“ (2).

Was wir über Gott wissen, stellt sich für den christlichen Glauben dennoch verblüffend einfach dar: Unser Wissen über Gott oder – besser – unsere Vertrautheit mit Gott speist sich aus dem Wissen über und der Vertrautheit mit Jesus Christus. Ein großer Teil des Buchs zeichnet daher ausgewählte christologische Debatten der vergangenen 2000 Jahre nach. Dabei begründet und vertieft Rowan Williams das theologiegeschichtlich zentrale Anliegen, die göttliche und menschliche Natur Jesu Christi mögen nicht gegeneinander ausgespielt, sondern in ihrer Spannung zusammen gehalten werden. Williams kommt öfters auf das zu sprechen, was schon von Søren Kierkegaard als das zentrale Paradox bzw. das Ärgernis des Glaubens umschrieben wurde: der Glaube an das ewige Heil gründet in dem endlichen Menschen Jesus Christus.

Vor allem im zweiten Teil des Buchs taucht der Name Kierkegaard immer wieder auf. Williams rekapituliert die Rezeptionsgeschichte  der kierkegaardschen Christologie bei Personen wie Dietrich Bonhoeffer und Ludwig Wittgenstein. Aber auch im ersten Teil des Buchs wird die auch bei Kierkegaard prominente Rolle der sog. Kenosis – der göttlichen Erniedrigung in der menschlichen Inkarnation des „Gott-Mensch“ – thematisiert. So schreibt Williams in Bezug auf Maximus‘ Christologie in der ihm eigenen Terminologie:

„Nothing ceases to be human when divine filiation is lived or enacted in a human individual: when that filiation is embodied unsurpassably and uninterruptedly, as in the humanity of Jesus, the image of God in which humanity was first created is fully activated, and human beings in communion  with the Word incarnate are made able to live in kenotic and mutual gift, reflecting the life that belongs to the Trintarian Persons in eternity.“ (108)

Dem zitierten Abschnitt kann man die Einsicht entnehmen, dass die Christologie kein beliebiges Feld der christlichen Glaubenslehre ist, sondern in Rowan Williams‘ Lesart deren belebender Glutherd. Denn aus der christologischen Kriteriologie („divine filiation enacted in a human individual“, „kenotic and mutual gift“) heraus lassen sich für das politische Zeugnis , für die ekklesiologische Struktur und die kosmologische Gerichtetheit des Glaubens zentrale Aussagen ableiten. Bei Williams klingt das dann so:

„The life and well-being of the creation cannot be found in the disruption of the finite world by some insertion of the infinite into it (….) Christ as finite, as creature, guarantees the integrity of the created order (…).The finite – and more specifically the mortal and suffering – Jesus, in releasing into the world the act of the Creator, in new forms of relation and possibility, makes clear once and for all that creation’s wholeness and fulfillment are realized (…) by the bringing into being within creation of the relatedness of the Word to the Father which is the eternal ground of all finite existence.“ (242)

So entwickelt sich aus der von Williams destillierten Geschichte der Christologie fast schon so etwas wie eine politische Theologie des Leidens, der Selbstzurücknahme, der Machtlosigkeit und des Verzichts auf ideologischen Selbstschutzes. Diese politische Theologie ist beileibe nicht der Kern des christologischen Rundumschlags, den Williams auf über 270 Seiten vornimmt, aber durchaus eine in Kauf genommene bzw. bewusst angestrebte Konsequenz desselben. Für regelmäßige Leserinnen und Lesern von Rowan Williams‘ Texten wird diese spirituelle Konsequenz nicht überraschend kommen. Sie zeigt sich nämlich auch in früheren Publikationen des ehemaligen Erzbischofs von Canterbury. Ein Grund mehr, deren Rezeption auch im deutschsprachigen Raum voranzutreiben.

Decentring International Relations

The other day I took again a plunge into the field of International Relations and read an academic article by Kimberly Hutchings entitled Decolonizing Global Ethics: Thinking with the Pluriverse (in: Ethics and International Affairs, Vol. 33, No. 2, 115-125).

The essay starts with the following statement: „There has been a recent growth in arguments for decolonizing dominant frameworks of normative thinking in international relations“ (115).

The dominant framework Hutchings means in this context is a „one world Euromodern ontology“ (116) or a „Western colonial modernity“ (119). As a result to decolonize means  „to mobilize resistance to modernity“ by stressing „the radical distinction between Western colonial modernity and other ways of being“ (116). In the context of the essay we should really say that „other ways of being“ mean other or alternative ways of viewing the world through word and deed, in theory and action. Hutchings refers to a body of literature which is highly critical of this dominance of a modern  framework, a dominance which apparently pushes other alternative frameworks out of the way. For this reason the essay supports a so-called pluriversal approach, even if it suggests a more refined way of thinking about this still quite novel concept. Pluri-versal means that „there are actually multiple worlds, ontologically different from the Euromodern world, and with different ethical and political implications“ (117). As there is more than one world view, we need to be more appreciative of other world views and need to acknowledge their distinct otherness.

What exactly, however, constitutes the mentioned Euromodern ontology? Unfortunately, the essay cites only a rather general, macro description: a cognitive distinction between nature and culture, hierarchical thought-patterns and a linear temporal conception (cf. 116). The essay – or better: the references mentioned by Hutchings – overlook the extreme pluriversality within modern thinking and institutions at the meso and micro-level. There is not one way of looking at the world (and its worlds) even from an assumed Modern point of view. Claiming that in the West we are all Modern monists, is simplifying things slightly.

The same holds true for those alternative ‚other‘ worlds. Where are they exactly? Who lives in them? And who writes about them, describes them, other than researchers who were raised and are socialised in the context of a modern intellectual framework? It is interesting that pluriversal thinking, as presented in the essay, feels obliged to make use of straightforward Modern concepts. Hutchings writes for example: „Pluriversal global ethics, therefore, is both proceduralist and substantive, essentially democratic in the way that it tackles ethical questions in world politics“ (119, emphasis added). This sounds quite conventionally Modern in my ears. Some degree of redundancy, then, qualifies this latest streak in International Relations; especially for those readers who are familiar with critical theory and liberation theology for example.

But readers should not be fooled. International Relations theory as well as any political theory is always in need of what I would like to call „decentring“. Hutchings and her references do have a point. But admitting our need for decentring goes hand in hand with the acknowledgement that we depend on yet another Modern invention: subjectivity. All our reasoning and theorizing is subjective, to a greater or lesser extent. We can only escape subjectivity – and that only for a fraction of a second, the impossible moment – if we practise the art of decentring, the art of taking other people and other world-views seriously until we let ourselves be questioned and pushed out of the centre of attention.

This seems to be Hutching’s point. We shouldn’t just exchange our Modern world-view – in International Relations and any other discipline – for another world-view. We should, rather, transform our way of thinking and normative theorizing. Hutching writes of

„the importance of the cultivation of particular kinds of virtue in the context of ethical practices of coexistence and collaboration. Pluriversal ethics is not about finding new ways of sorting out the meaning of justice but rather about finding new ways of relating to ourselves and to each other in our pursuit of whatever we may think of as justice.“ (121)

And a bit further down the essay she adds:

„I am suggesting, therefore, that taking pluriversality seriously means shifting our understanding of global ethics away from seeing it as a route to determining answers to questions of global justice and toward seeing it as an embodied, reflective practice contingently attached to specific goals and contexts.“ (123)

Hutchings, thus, asks for a pluriversal  approach of a second order: we don’t need another way of thinking, at least not primarily. Instead, we need another, more modest way of relating our thoughts with the thoughts of other people. It is no surprise to anyone familiar with the idea of decentring that Hutchings finishes her essay by saying that pluriversality

„focuses our attention on what it means to live with others without subsuming them into one world or another. It makes us think about how coexistence and collaboration work and the kinds of virtues and capacities they rely on and cultivate. A pluriversal ethics is not about finding out the right answers but about experiments in “being with.” It is not something that can be known in any satisfactory way; it is only something that can be done.“ (124)

It may sound odd, but this notion of „being with“ is again part of a specific tradition of thinking.  This practice of decentring, although it refers to the ways we relate to other people and their world-views, is in itself rooted in a specific world-view. Or at least it can be interpreted as such.

A master in formulating a theory of decentring – if such a thing is at all possible – is Rowan Williams. In his latest book „Christ. The Heart of Creation“ (London: Bloomsbury 2018) we find quotes – Christological statements – which are very close to what Hutchings has to say about pluriversality in ethics. Hold your breath as Rowan Williams ponders on Dietrich Bonhoeffer’s Christological writings:

„Christ’s essential identity lies in being pro nobis and pro me; Christ is who he is as the one who exits for my and our sake.“ (190)

„The only way of speaking truthfully about Jesus Christ is from that mutually defining relationship in which human existence responds to the summons to self-abandonment, life for the other, which is the life that Christ embodies, in history as in preaching and sacrament.“ (195)

„The Christological transformation of humanity is the transformation of all our constitutive relationships as humans so that they are now able to move more freely towards this maximal for-otherness.“ (204)

If we follow Rowan Williams, the Christian commitment is a lot about being changed, transformed, decentred in relation to other people, the whole of creation and God. Thinking and acting Christologically involves a radical promise of decentring my world-view in order to let myself be changed by something entirely „Other“. This results – in the human person of Jesus Christ –  in „the most radical imaginable embodiment of solidarity“ (ipid. 203).

Thinking and acting pluriversally, as sketched by Hutchings, is also a radical ethical experiment of (global) solidarity in which I allow the seemingly strange and other to rule my thoughts and normative theorizing.  Indeed, if we take the notion of pluriversality seriously, we don’t seem to be far away from a political theology of International Relations, a humble way of acting out global ethics.

Vom Sinn des Lesens

Was lesen Sie gerade? Ich lese meist irgendeine Zeitung und ein Buch, mitunter auch eine Graphic Novel, eine Postkarte, Tweets, aber auch Konzeptpapiere, die Bibel, wissenschaftliche Aufsätze, Gedichte. Ich lese viel für die Arbeit, finde aber auch noch Zeit und Muße für die Lektüre vollkommen zweckfreier Texte.

Ich schreibe auch viel; auch hier in ganz unterschiedlichen Formaten: geschäftlich, wissenschaftlich, poetisch, persönlich.

Manches Lesen und Schreiben macht mehr Spaß als andere. Aber jedes Mal, wenn ich mich einem Text zuwende, sei es als Leser oder als Autor, ergibt sich hier die Möglichkeit, im Lesen und Schreiben Neues, Überraschendes zu entdecken. Ein weiterführender Gedanke kann sich ergeben. Eine Erkenntnis erschließt sich. Eine Dynamik des Wachstums wird erkennbar.

Das eigene Lesen und Schreiben führt also weiter: Ich entdecke einen neuen Gedanken oder stolpere über ein ungewohntes Sprachbild, verbinde das Neue mit schon vorhandenen Ideen und Metaphern. Und so weiter. So wächst in meinem Geist Stück für Stück ein sich ausbreitendes Netz aus Gedanken und Gedankenverknüpfungen heran. Und dieses Netz hilft mir dabei, die Welt, die Menschen und manchmal auch Gott besser zu verstehen.

Es macht Freude, bei mir selbst und bei anderen Menschen – gerade bei den Kindern – dieses geistige Wachstum in den offenen Raum hinein zu beobachten. Denn das geistige Wachstum des einen, kann auch das Wachstum des anderen anstoßen. Wir hören einander zu. Wir nehmen die Gedanken des Anderen aufmerksam wahr. So lernen wir. Und bei diesem Lernen erfahre ich etwas von der frohen Botschaft, dieser „Kraft Gottes, die selig macht alle die daran glauben.“ (Röm. 1, 16). Das Lernen ermöglicht uns tiefere Einblicke in die Wirklichkeit und Wahrheit der Dinge, wie sie von Gott her gewollt werden.

Dafür braucht es letztlich nicht viel: ein Buch, einen Bleistift, ein leeres Blatt und eine Zeit der konzentrierten Ruhe. In dieser Ruhe des Lesens und Schreibens findet sich die Kraft zum geistigen Wachstum. Dort findet sich – zumindest bruchstückhaft – eine Dynamik vom Sinn des Lebens.

 

Der Text ist als Teil einer Reihe von Morgenandachten entstanden, die vom 11. bis 15. Juni 2019 im NDR-Radio gesendet wurden. Bei der Arbeit an den Texten habe ich mich „verzählt“ und einen Text zuviel produziert. Diese überzählige Andacht wird in der Schriftform nun nach gereicht.

Vom Sinn des Lebens. Und von der Zweckfreiheit des Spiels.

In 5 Milliarden Jahren wird die Erde von der Kraft einer dann aufgeblähten Sonne verglühen. So prophezeien es die Astronomen. Ich frage mich: Was macht angesichts dieses – zugegebenermaßen – langfristigen Szenarios bleibenden Sinn? Oder etwas näher und dringlicher: In Zeiten von immer bedrohlicheren Sommerdürren, Sturzfluten und Artensterben: Welchen Sinn macht es, dass ich mich jeden Tag im Büro mit Kostenstellen, Aktenplänen und Projektskizzen herumschlage?

Was macht Sinn? Was trägt? Hinein in die Kluft der Zweifel und der Ängste? Und vielleicht auch über diese Kluft hinweg?

Erwartbar wäre nun an dieser Stelle die Antwort: Der Glaube an Gott macht Sinn. Das ist mir aber zu abstrakt. Ein Glaube an Gott musste schon für alles Mögliche herhalten, für allen möglichen Un-Sinn. Nur dort, wo dieser Glaube an Gott konkret wird in Handlungen und Haltungen, kann man seinen Sinn ertasten. Nur dort, wo dieser Glaube Menschen bewegt und deren Terminkalender bestimmt, ist er eine „Kraft Gottes zur Rettung für jeden, der glaubt“ (Röm. 1, 16). Das ist die Dynamik des Glaubens.

Wie wirkt diese Kraft? Wie macht sich dieser Sinn bemerkbar? Ein Beispiel aus dem alltäglichen Leben möchte ich geben: das Spiel. Ich spiele gerne mit meinen Kindern. Brettspiele, Ballspiele, Verstecken, Seilhüpfen, Turnen an der Stange. Im Spiel sind die Kinder und bin auch ich ganz gegenwärtig. Man könnte sagen: Wir sind im Spiel „eigentlich“. Irgendwann scheinen wir erwachsenen Menschen die Freude am Spielen zu verlieren. Wir stehen auf Spielplätzen dann wie die Ölgötzen herum, am liebsten mit einem Telefon in der Hand.

Stören wir uns vielleicht an der bloßen Zweckfreiheit des Spiels der Kinder? Wer beim Spielen genau hinschaut, der merkt: Die Zweckfreiheit erfüllt das Spiel erst mit Kraft, mit Sinn. Das Spiel, vor allem das gemeinsame Spiel lockt Lachen hervor, bringt geteilte Erfahrungen von Sieg und Niederlage zur Welt. Das Spiel macht Sinn, gerade wegen der Abwesenheit verbissener Ernsthaftigkeit. Das Spiel macht glücklich. Es heilt Wunden.

Genau dafür sind wir nach alter geistlicher Weisheit auf der Erde: Um des Glückes und des Heiles willen. Lasst uns also mehr spielen. Das macht Sinn.

 

Dieser Text ist Teil einer Serie von Radioandachten, die vom 11. bis 15. Juni vom Norddeutschen Rundfunk ausgestrahlt werden. Den vollständigen Text und einen Mitschnitt der Andachten finden sich unter www.radiokirche.de .