Adam Müller und die Dezentrierung des Redners

Von dem schillernden Intellektuellen Adam Müller (1779-1829) erwartet man es nicht unbedingt: einen Beitrag zum Verständnis der Rede als Perspektivwechsel, Dezentrierung, Selbstkritik.

Adam Müller war offenbar ein durch und durch romantisch-konservativer und essentialistisch denkender Mensch. Doch seine „Zwölf Reden über die Beredsamkeit und deren Verfall in Deutschland“ bieten durchaus auch für eine liberal und offen gesinnte Leserschaft wertvolles Anregungspotential. So versteht Müller die Beredsamkeit, die Rede als eine Kunst, welche dem Gespräch sehr ähnelt. Die Rede besteht nicht im Monologisieren. Sie ist keine Einbahnstraße. Die Rede ist – schon bevor sie konkrete Nachfragen provoziert – ein dialogisch angelegtes Geschehen.

Dieses rhetorische Dialog-Geschehen verändert bzw. überzeugt hoffentlich den Hörer. Es verändert und überzeugt aber auch den Redner. Dieser wird durch seine Rede selbst der Veränderung unterworfen. Müller schreibt:

Was aber sagt diese ganze Regel: »Wisse anzuklagen, wo du verteidigen willst« – anders als in andern Worten meine frühere Regel: Wisse zu hören, wenn du reden willst; versetze dich in das Herz, dahinein du greifen willst, in den verwirrten Sinn, welchen du bekehren, in die Krankheit, welche du heilen willst. Verstehe, Redner, mich, deinen Gegner, wenn du dich verständlich machen willst: bist du verständlich, dann will ich glauben, dann werde ich es im innersten Herzen empfinden, daß du verstehst. (Reden über die Beredsamkeit, Insel: Frankfurt/M., 1967, 46).

„Wenn du reden willst, versetze dich in das Herz des anderen“: Die anzustrebende Dezentrierung seitens des Redners hinein in die Empfindungen des Hörers hat – so verstehe ich Müller an dieser Stelle – nicht (nur) eine taktische Funktion. Vielmehr wird von Müller vorausgesetzt, dass, wenn ich den Mund zur Rede aufmache, ich mich gleichzeitig auf einen wirklichen Austausch und damit auf eine mögliche Veränderung einlasse.

Müller ergänzt nämlich, dass die „Wahrheit“ – ein für den zum Katholizismus konvertierten Müller sicher leichter zu handhabender Begriff wie für unsereins – nicht im Standpunkt des Redners zu finden ist. Sie liegt auch nicht beim Hörer. Vielmehr ist die Wahrheit jene höhere Sphäre, welche sich erst im dialogisch verstandenen Gespräch, sozusagen zwischen den Positionen einstellt. Noch einmal Müller im O-Ton:

Mit der Idee des Gesprächs beginnen alle Wissenschaften: zwischen zwei ewig streitenden Formen der Wahrheit, die sich in tausendfältigen Metamorphosen der verschiedenartigsten Naturen, Neigungen, Ansichten und Lebensweisen darstellen, erhebt sich in steigender Herrlichkeit unergreiflich, unergründlich die Eine ewige Wahrheit; aus dem Feuer des Streits und des Gesprächs, bevor es noch zur Asche zusammensinkt, geht sie glänzender, überzeugender, empfundener hervor. Die einzelnen Sprecher verstummen, die Systeme, die sie in hoffärtiger Anmaßung selbst herrschend aufgetürmt, versinken, aber das Wort selbst, das lebendige Wort, das Gespräch und die darin als Seele waltende Wahrheit ist ewig. (ebd., 47f.)

Wahrheit ist also nicht im Besitz des einen Redners. Sie ist auch nicht in seinem Gegenüber. Wahrheit stellt sich erst ein, wenn der Redner und Hörer sich auf einen Austausch, auf das Gespräch, auf die Dezentrierung ihres je eigenen Standpunktes einlassen. Wer Rede als Gespräch versteht, der öffnet die beiden Situationen des Redens und des Hörens für einander. Senden und Empfangen werden wechselseitige Spiegelbilder des einen Zwiegesprächs. Das Reich der Wahrheit ist das Zwischen, der Spalt, der Graben und die Brücke, welche von Position zu Position sich erstreckt.

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Gedichte halten Augenblicke fest – fast

Den Augenblick festhalten; das Schöne da behalten; den Anblick weiter genießen; den Ohrenschmaus fortwährend auf sich einfließen lassen. Das versuchen Gedichte; und scheitern gleichzeitig daran. Denn nur in der Ewigkeit ruht der Augenblick, das Vollkommene vor meinem dann geschlossenen Auge.

Anbei folgen dennoch einige kurze Versuche, die ich in den letzten Wochen auf Twitter veröffentlichte. Es waren schnelle, geschwinde, spontane Texte; ob sie gelingen entscheidet die Leserin, der Leser.

 

Geesthacht

Auf Pump

speichert hier

ein Werk

Kraft

(21. August)

 

 

Die beiden Stieglitze in

der Früh

 

Bild gezwitscherter

Trautseligkeit

(14. August)

 

 

Poesie der Meteorologie

Höhentief

Kaltlufttropfen

(11. Juli)

 

 

ich lasse mich

vom Sonntag

aus zur ruhe

bringen

(17. Juni)

 

 

Grau in grau

kabelt es

durch den

Himmel

(14. August)

 

 

in heidelberg enden

straßen waldig in den

hügeln greifswald aber

feldert

(13. Juni; für H. Richter)

 

Die Angst der Kirche vor der Eschatologie

Zuletzt ist es vor wenigen Tagen geschehen: Die Gemeinde singt im Gottesdienst ein Lied, in diesem Fall ist es „Morgenglanz der Ewigkeit“. Im katholischen „Gotteslob“ sind vier Verse des Liedes abgedruckt. Wir singen aber nur drei Verse. Der vierte Vers wird weggelassen. Dieser lautet:

„Licht, das keinen Abend kennt, / leucht uns bis der Tag sich neiget. / Christus, wenn der Himmel brennt / und dein Zeichen groß aufsteiget, / führ uns heim aus dem Gericht in dein Licht.“

Vor einigen Wochen traf es „Nun danket all und bringet Ehr“. Hier lauten die letzten beiden im „Gotteslob“ abgedruckten und nicht gesungenen Verse:

„Solange dieses Leben währt, / sei er stets unser Heil, / und wenn wir scheiden von der Erd, / verbleib er unser Teil.

Er drücke, wenn das Herze bricht, / uns unsre Augen zu / und zeig uns drauf sein Angesicht / dort in der ewgen Ruh.“

Es handelt sich hier nicht um das Problem eines einzigen Gottesdienstortes. Dass die letzten Verse vieler Lieder gerade im deutschsprachigen Raum – im englischsprachigen Raum habe ich dies anders erfahren – im Gottesdienst gerne gestrichen werden, habe ich schon an vielen verschiedenen Orten erfahren müssen.

Man könnte nun einfach sagen, dass die deutschen Kirchgänger singfaul sind. Das mag so sein. Als Folge dieser Faulheit tritt dann aber oft ein, dass zumeist jene Verse nicht gesungen werden, die zum Ende eines Liedes die letzten Dinge thematisieren. Die Thematisierung der letzten Dinge schlägt die Theologie der Disziplin der Eschatologie zu. Singfaule Kirchen begegnen ihr kaum.

Man könnte also auch schärfer formulieren: Die deutschen Kirchgänger sind nicht nur singfaul. Sie haben auch Angst vor den letzten Dinge. Tod, Gericht und Ewigkeit werden außerhalb von Beerdigungsfeiern, also im gewöhnlichen Verlauf des Kirchenjahrs, nur zurückhaltend thematisiert. Pflichtschuldig lässt man im November anklingen, dass die Themen weiterhin zum Gut des Glaubens gehören. Das war es dann aber schon.

Oder wann habe ich das letzte Mal eine Predigt oder eine Andacht zur Wiederkunft Christi gehört? Oder zur neuen Schöpfung? Oder zum Weltgericht? Natürlich sind diese Themen etwas sperrig und vermeintlich weit weg vom Alltag der Menschen. Von daher ist die Nicht-Thematisierung irgendwie auch verständlich. Aber bis zum nächsten Todesfall im Kreis der Verwandten bzw. Bekannten ist es manchmal nicht weit. Auch ist die politische Sehnsucht der Menschen nach einer letzten, sich endgültige durchsetzenden Gerechtigkeit oder anders formuliert: nach einer „Zeit mit Frist“ (J. B. Metz 2006 : Memoria Passionis, Freiburg, 135ff.) nicht auszurotten.

Doch nicht nur das: Die genannten Themen stellen auch ein großes Fragezeichen in den Raum: Wie ernst meinen wir es in der Kirche mit den letzten Dingen? Glauben wir, um ein Beispiel zu nennen, wirklich – d.h. alltäglich – an eine objektiv feststellbare Wiederkunft Christi? An ein Weltgericht, das persönliche und strukturelle Sünde aufdeckt? An die Wirklichkeit einer Ewigkeit im Angesicht des Ewigen? Oder haben wir es uns in der sog. Parusieverzögerung gemütlich eingerichtet und überlassen uns dem ziellosen Lauf der irdischen Dinge?

Wer ein Lehrbuch zur Eschatologie aufschlägt – auf meinem Schreibtisch liegen die beiden von Medard Kehl SJ (1986) und Jürgen Moltmann (1995) – der wird feststellen, dass es verschiedenste durchaus wohlmeinende Strategien gibt, den schwierigen Themenkomplex der letzten Dinge im alltäglichen Leben gläubiger Menschen zu verankern. Gleichzeitig ist den akademischen Sprach-  und Denkmöglichkeiten auch Grenzen gesetzt.

Eschatologischer Glaube findet sich dann gerade (auch) in den Tränen von Hinterbliebenen, in denen sich Trauer mit Hoffnung mischen. Oder er findet sich in den Schreien der Unterdrückten, die Zorn und Sehnsucht nach Gerechtigkeit zugleich ausdrücken. Oder er findet sich in den letzten Versen jener Kirchenlieder, die wir dann irgendwann auch singen sollten.  Mit ihnen nähert sich der Glaube den Grenzen an, welche wir so oder so

kurz davor sind

Tag für Tag

zu überschreiten.

Über Mauern.

Ich finde Mauern schön. Besser gesagt: Ich finde bestimmte Mauern schön. Das sind vor allem Mauern, die Kontur und haptische Aura und Reife besitzen. Ältere Ziegelsteinmauern zum Beispiel oder Mauern aus Sandsteinen wie z.B. die Mauer, die als Umgrenzung des benediktinischen Klosters St. Anne de Kergonan in der Bretagne dient (s.o.).

Mauern gibt es schon sehr lange. Wohl seit es Menschen gibt und einen Begriff von Eigentum und eine Unterscheidung von Ich und Du. Denn Mauern markieren immer etwas. Mauer schließen aus, so wie sie auch einschließen. Die Mönche von Kergonan grenzen sich so von der Umgebung ab, schützen ihre kontemplative Klausur. Sie verwehren Außenstehenden unerlaubte Einblicke, verwehren sich selbst aber auch ein gewisses Maß der Kommunikation, vielleicht gerade auch mit den benachbarten Nonnen von St. Michel de Kergonan … .

Mauern schaffen es immer wieder in die Politik. Dort stehen Mauern für den Wunsch, unter sich bleiben zu wollen. Sie stehen für das, was die Soziologen Inklusion und Exklusion nennen. Die Berliner Mauer, die es so fast nur noch in der Erinnerung und in der Symbolisierung einer Gedenkstätte gibt, ist hierfür symptomatisch. Aber auch die chinesische Mauer wurde von Paul Simon folgendermaßen besungen: „They’ve got a wall in China/ It’a a thousand miles long/ To keep out the foreigners/ They made it strong“ (Something So Right). Andere Klassiker sind die römischen Grenzziehungen des Limes in Südwestdeutschland und des Hadrian’s Wall in Nordengland. Und in den Vereinigten Staaten möchten derzeit ebenfalls einige Menschen eine Mauer an der Grenze zu Mexiko errichten.

Mauern sind der sichtbare und spürbare Ausdruck einer Grenze, die von Menschenköpfen erdacht und von Menschenhänden erbaut wird. In diesem Sinne unterscheiden sie sich von natürlichen Grenzen wie z.B. Flüssen bzw. Gebirgszügen. Mauern sind damit Kunst-Werke, im übertragenen Sinne und manchmal auch ganz wörtlich.

Mauern schaffen also ein Innen und Außen. Sie schaffen Räume, in denen sich Menschen versammeln können. Diese Versammlung von Menschen kann sich wiederum abgrenzen von jenen Menschen, die nicht an ihr teilnehmen können oder wollen. So lernt jede Kirchenversammlung von einer „Welt da draußen“ zu sprechen. Die realen Mauern werden zu metaphorischen Mauern in den Köpfen der Menschen.

Wir stoßen uns an den Mauern wie wir sie auch gleichzeitig benötigen. Keiner möchte in einem Gefängnis leben. Kaum einer möchte aber auch in einem komplett entgrenzten Raum leben. Mauern sind unser Schutz wie sie gleichzeitig auch unsere Waffe sind. Gleichzeitig lädt jede Mauer dazu ein, überwunden zu werden. So sieht es letztlich auch der Beter in Psalm 18, der in freilich reichlich kriegerischer Absicht singt:

„Denn mit dir kann ich Kriegsvolk zerschlagen / und mit meinem Gott über Mauern springen.“ (Ps. 18, 30).

 

Gedichte und das Sprechen über Gott

„Wir können von Gott nicht erfassen, was er ist, sondern nur, was er nicht ist.“

Dieser Satz stammt von Thomas von Aquin (Summa contra gentiles I, 30.). Für einen Theologen ist dies ein mutiges Eingeständnis. Oft reden wir nämlich von Gott, als ob wir genau wüssten, wer Gott ist und was er vorhat. Wir unterstellen, sein Wille für unser Leben ließe sich klipp und klar feststellen. Wie können wir aber von Gott sprechen? Wie vermeiden wir das Phrasenhafte, die spirituellen Allgemeinplätze?

Wie wäre es zum Beispiel mit einem zeitgenössischen Gedicht?

(…)

Hier finden Sie das gesamte Manuskript meiner Radioandachten. 

Wie Metaphern Wirklichkeiten schaffen.

Metaphern sind sprachliche Werkzeuge. Und als solche schaffen Metaphern Wirklichkeiten. Metaphern sind aber nicht nur leblose Instrumente in der Hand von Sprachnutzerinnen und -nutzern. Sie sind auch nicht bloße Ideen. Metaphern besitzen vielmehr eine kreative Kraft, deren Unkontrollierbarkeit regelmäßig mit Misstrauen begegnet wird. Hans Blumenberg schreibt über Metaphern zugespitzt:

„(…) daß die mit einer Idee (…) verbundenen Metapher, gerade weil sie sich von der Bestimmtheit einer theoretisch anmutenden Behauptung zurückhält, einen hohen Grad von Anmaßung, von vorgegebener Einsicht, von Hochstapelei enthält.“

(in: Theorie der Unbegrifflichkeit, Frankfurt/M.:Suhrkamp, 2007, 63).

Man könnte Metaphern also durchaus als post-faktisch bezeichnen. Sie dehnen das sprachliche Reservoir über das Tatsächliche ins Bildliche oder Gefühlige hinaus und provozieren damit auch eine bestimmte Sicht der Dinge. Metaphern bzw. die sie nutzenden Redner_innen geben sich auf jeden Fall große Mühe eine bestimmte Weltsicht in den Köpfen der Hörer_innen festzuschreiben. Neudeutsch nennt man diesen Prozess „framing“ – Rahmung. Das meint dann auch Donald A. Schön, wenn er schreibt:

„‚Metaphor‘ refers both to a certain kind of product – a perspective or frame, a way of looking at things – and to a certain kind of process – a process by which new perspectives on the world come into existence.“

(in: Generative metaphor: A perspective on problem-setting in social policy; in: Andrew Ortony (Hrsg.): Metaphor and Thought, 2. Auflage, Cambridge: CUP, 1993, 137.

Metaphern haben also sowohl eine befreiende als auch eine einschränkende Kraft. Sie können neue Einsichten ermöglichen und frei machen von überkommenen Vorstellungen. Metaphern können aber auch Einsichten und Weltsichten kanalisieren, durch Rahmung determinieren, einschränken.

In einer der Mai-Ausgaben der London Review of Books findet sich hierzu passendes Anschauungsmaterial (vgl. Jg. 40, Nr. 9 vom 10. Mai 2018). Ein Artikel von William Davies unter dem Titel „Weaponising Paperwork“ behandelt die Auswirkungen einer rhetorischen Aufrüstung der innenpolitischen Debatte zur Migration in Großbritannien. Diese ist durch die Strategie gekennzeichnet, für Migranten eine sog. „hostile environment“ zu schaffen. Migranten, vor allem jene ohne Papiere, sollen durch diese feindliche Atmosphäre von Amtswegen vermittelt bekommen, dass sie nicht erwünscht sind.

Schon der Ausdruck „hostile environment“ hat metaphorische Qualitäten. Die Wirklichkeit, welche Migranten in Großbritannien erleben sollen, soll möglichst unwirtlich sein. Sie sollen erfahren, dass sie in Feindesland sind. Davies greift in seinem Titel nun zu einer weiteren Metapher – „weaponising“ – welche die implizite und mitunter auch explizite Gewaltdimension einer solchen Haltung noch einmal unterstreichen soll. Er treibt die Metaphorik der Feindlichkeit auf die Spitze und drückt damit polemisch aus, was – aus seiner Sicht – als letzte Konsequenz dieser innenpolitischen Rhetorik zu verstehen ist: die Bewaffnung des Bürokratenstaates gegen unbotmäßige Ausländerinnen und Ausländer.

In der gleichen Ausgabe findet sich auch ein Artikel in der Rubrik „Diary“ von Stefan Collini. Collini knöpft sich eine weitere seltsam verlaufende innenpolitische Debatte in Großbritannien vor, jene zum Sinn und Zweck von Universitäten. Collini zeigt, was passieren kann, wenn man auf eine Bildungseinrichtung wie der Universität das metaphorische Arsenal des marktwirtschaftlichen Denkens loslässt. Tut man dies und nutzt Begriffe wie zum Beispiel Wettbewerb („competing for talent in a global market“) und Konsumenten („students are to be treated as consumers“) zur normativ gemeinten Wesensbeschreibung von Universitäten, dann wird sich dieses Wesen auch in Richtung dieser Beschreibung entwickeln. Aus (keineswegs perfekten) Bildungsinstitutionen mit gesellschaftlichem Auftrag werden – so die Kritik Collinis – Schritt für Schritt profitmaximierende Unternehmen, die ideell um sich selbst kreisen. Die Metaphern generieren ihre eigene Wirklichkeit.

Nicht zu unrecht spricht Hans Blumenberg auch davon, dass „die Metapher zugleich unentbehrlich und suspekt“ ist (Theorie der Unbegrifflichkeit 90). Unentbehrlich, da sie das Verstehen erweitert und neue Welten sprachlich erschließen helfen kann. Suspekt, da diese kreative Kraft der Metapher sehr häufig dazu genutzt wird, um das Gegenteil von Schöpfung zu erreichen: Die neuen Welten können dann plötzlich sehr klein und beengt daher kommen.

Der „Parallelismus membrorum“ und der offene Text

Wir suchen in Texten meist nach Eindeutigkeit und Bestimmtheit. Wir wollen – gerade beim wissenschaftlichen Lesen – eindeutige Begriffe, klare Sinnzusammenhänge, aufeinander aufbauende Argumentationen. Wir sind verwirrt, wenn Texte uns all dies nicht liefern.

Nun bin ich bei meiner Lektüre auf ein weiteres Indiz gestoßen, dass viele Texte diese Eindeutigkeit gar nicht herstellen wollen. Es geht um den sog. Parallelismus membrorum. Es handelt sich hierbei um eine sprachliches Instrument der Poesie, wie sie sich zum Beispiel im biblischen Buch der Psalmen findet. Folgendes Zitat aus einem Psalmenkommentar von Hossfeld und Zenger erklärt eigentlich alles:

„Dieser (der Parallelismus mebrorum, BC) besteht darin, daß zwei aufeinanderfolgende Zeilen (…) zusammen so einen Gedanken- oder Bildreim konstituieren, daß sie das Gleiche mit jeweils anderen Worten bzw. Bildern sagen. Beide Zeilen wollen dabei als eine Aussage genommen werden. Jede Zeile nähert sich gewissermaßen der gemeinten Sache mit einer etwas veränderten Perspektive. Das gibt der Aussage eine produktive Unschärfe und Offenheit.“

Deutend fügen Hossfeld und Zenger hinzu:

„Man hat nicht zu Unrecht gesagt, hier komme jene Eigenart des semitischen/hebräischen Denkens zum Niederschlag, das nicht wie das griechische Denken begrifflich abgrenzen, sondern möglichst plastisch die Lebendigkeit und die Multiperspektivität einer Sacher oder einer Erfahrung wiedergeben will.“

Und weiter:

„Der Parallelismus lädt dazu ein, diese Plastizität nicht nur nachzuvollziehen, sondern sie selbst gedanklich ‚weiterzuspielen, sozusagen den Raum auszufüllen, der durch die beiden den Parallelismus bildenden Zeilen ‚aufgebaut‘ wird.“

(alle Zitate in: F.L. Hossfeld & E. Zenger: Die Psalmen. Psalm 1-50, Reihe: Die neue Echter Bibel. Echter: Würzburg: 1993: 20).

Der Gott, von dem die Psalmen sprechen, weidet den Beter nämlich nicht nur auf einer grünen Aue, sondern führt diesen auch noch zum frischen Wasser (vgl. Ps. 23, 2). Hier findet sich einmal mehr ein Indiz dafür, dass Texte – gerade poetische Texte – eine semantisch öffnende und nicht schließende Bedeutung haben können. Der Sinn wird nicht reduziert auf eine Option, sondern erweitert auf eine Vielfalt von Optionen. Die Semantik wird entgrenzt.