Poetischer Versuch über die Aufmerksamkeit.

 

wie jeden morgen neu die

gänse unser haus

überflügeln

 

wie vorläufig ihre ordnung und

wie beständig ihre vorläufigkeit

den himmel sucht

 

wie ihr rufen

vielstimmig orientierung und

zusammenhalt verspricht und

das rauschen ihrer flügel dem

grauen tag stützend unter die arme greift

 

so staune ich über eine aufmerksamkeit, die

hinter jeder vergeblichkeit her aufräumt, die

schutt und asche kehrt mit ihrem

gläsernen besen

 

© Burkhard Conrad

 

Allen Leserinnen und Lesern dieses Blogs sei ein Jahr 2023 voller Erfahrungen der Aufmerksamkeit gewünscht! Danke für Ihre Treue!

 

 

 

 

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Was wir nicht sehen. Gedanken zu einem Comic von Luke Pearson.

Was sehen wir? Und was nehmen wir nicht wahr? Wie sieht die Wirklichkeit aus, die wir zu erkennen meinen? Und wo müssen wir genauer hinschauen?

Wir sehen in unserem Alltag viel. Aber wir sehen auch viel nicht. Den Schneemann im Garten der Nachbarn; die Hecke verdeckt den Blick. Die alte Dame, die hinter einem Baum auf der Parkbank eingeschlafen ist. Die Heckenbraunellle in der Schlehe. Wir sehen auch nicht die Hoffnung im Herzen unseres Gegenübers. Wir sehen nicht das Vertrauen, das uns entgegengebracht wird. Der Windhauch, der uns aufleben lässt. Fast ist man versucht zu sagen: Wir sehen mehr nicht, als dass wir Dinge sehen.

Luke Pearson – Autor der bekannten Comic- und Netflixserie „Hilda“ – veröffentlichte 2011 mit dem schmalen Comic  „Everything we miss“ – 2014 unter dem Titel „Was du nicht siehst“ auf Deutsch erschienen – eine rätselhafte, tieftraurige, geheimnisvolle Kurzgeschichte. Ein Mann und eine Frau entfremden sich Schritt für Schritt voneinander. Dunkle Mächte ziehen sie auseinander. Die beiden verpassen im Anschluss leider auch ihre je eigenen Versuche der Versöhnung, der Wiederannäherung, der rückkehrenden Liebe. Sie sehen auch nicht die fremdartigen Kreaturen, die Luke Pearsons Geschichten oft bevölkern: den belebten Baum, die hellen und dunklen Geister der Nacht, die krappenartigen Tiere, die den Alltag der Menschen bevölkern und beobachten. So werden sie gefangen in ihrer eigenen resonanzlosen Isolation.

Was sehen wir? Und was nehmen wir nicht wahr? Wie sieht die Wirklichkeit aus, die wir zu erkennen meinen? Und wo müssen wir genauer hinschauen?

Oft sind es die Kinder, die mehr sehen. So ist es in den Werken von Luke Pearson. So ist es auch in unserem Alltag. Kinder erspüren z.B. die Hoffnung auf Großherzigkeit und Güte, die im Weihnachtsfest verborgen liegt und darauf wartet geweckt zu werden. Erwachsene müssen durch entsprechende Predigten erst wieder daran erinnert werden, dass da ein Mehr ist. Kinder wissen intuitiv: Welt und die Wirklichkeit sind mehr als wir sehen. Jedes geliebte Kuscheltier schreit diese Botschaft in die Welt hinaus. Was wirklich zählt, wird nicht gesehen. Was wahrhaft Sinn macht, wächst im Unsichtbaren, Unscheinbaren.

Luke Pearsons Charaktere wandeln durch ihre eigene Entfremdung. Und sie wandeln durch eine Welt, die in Wahrheit so anders ist, wie sie sie sich vorstellen. Was sehen wir? Und was nehmen wir nicht wahr? Wie sieht die Wirklichkeit aus, die wir zu erkennen meinen? Und wo müssen wir genauer hinschauen?

Schauen wir doch einmal hinter die Kulissen unseres Alltags. Welche Kräfte sind dort am Wirken? Kräfte der Finsternis, ja. Aber auch das: die ausgestreckte Hand, das freudige Lächeln, der erwartungsvolle Blick. Kraft, die uns nur Gutes möchte.

Von der Notwendigkeit von Amtszeitbegrenzungen. Eine Notiz zu James Mill „On Government“.

Die Begrenzung von Amtszeiten ist eine der wichtigsten Errungenschaften der Demokratie. Das mag auf den ersten Blick sehr unspektaktulär klingen; doch ohne die zeitliche Einschränkung von Amtszeiten hoher staatlicher Funktionäre geht in der Demokratie gar nichts. Wie wichtig die Begrenzung von Amtszeiten ist, kann man an den vielen Negativbeispielen (Russland, China, …) erkennen, die davon zeugen, dass machtversessene Despoten länderspezfische Regelungen zur Begrenzung ihrer Amtszeiten regelmäßig aushebeln. Denn wer sich für unverzichtbar hält oder aufgrund der eigenen kriminellen Umtriebe mit einer Strafverfolgung oder Rachefeldzügen von Opponenten rechnen muss, der wird nicht freiwillig sein Amt verlassen. Er wird an seinem Sessel kleben, wie es bildlich heißt.

Das wusste schon der britische Denker James Mill (1773-1836), Vater von John Stuart Mill. James Mill widmet in seinem Essay „On Government“ (Cambridge 1937/2015) der Amtszeitbegrenzung einige Passagen, in denen er deutlich unterstreicht, dass die zeitliche Einschränkung von Ämtern unbedingt notwendig ist. Warum? Sie ist notwendig, da sie dem egoistischen, selbstherrlichen Treiben des Menschen (bei Mill: Männer) quasi natürliche Grenzen setzt. Mill ist sich nämlich sicher, dass der einzelne Mensch (d.h. Mann) jederzeit versucht ist, mit der politischen Macht, die ihm von Anderen übertragen wird, etwas Schlechtes, da Eigennütziges anzufangen. Daher muss die Regierungslehre sich zuvorderst mit der Frage beschäftigen, wie diese Macht des einzelnen Mannes kontrolliert werden kann. O-Ton James Mill:

„All the difficult questions of Gobernment relate to the means of restraining those, in whose hands are lodged the powers necessary for the protection of all, from making a bad use of it“ (6).

Und DAS politische  Mittel der effektiven Machteinhegung ist die zeitliche Einschränkung der Machtausübung bzw. die regelmäßige Möglichkeit seitens der Allgemeinheit, die Machtausübung des Einzelnen zu beenden. Mill nennt es die „lessening of duration“ (38), die Reduzierung der Dauer. Mill schreibt mit Verweis auf die ‚böswilligen Interessen‘ der Repräsentanten:

„that limiting the duration of their power is a security against the sinister interest of the people’s Representatives“ (40)

Wenn das Volk mit den eigenen Repräsentanten zufrieden ist, so können die Repräsentanten gerne immer wieder eine neue Amtszeit erhalten, was Mill das „principle of rechoosing“ nennt (41). Doch sobald ein Repräsentant sich als unwürdig oder als selbstsüchtig erweist, muss es die Möglichkeit geben, einen Wandel herbeizuführen („power of change“, 41) und die Amtszeit zu beenden („perpetual power of removal“, 41).

Wer also wie James Mill – als guter Presbyterianer, der er war – davon überzeugt ist, dass die Natur des Menschen alles andere als gut ist, der möchte politische Institutionen schaffen, die der Entfaltung von böser Selbstsucht enge Grenzen setzen. Daher ist für jede Demokratie die Begrenzung der Amtszeiten essentiell. Und wir können politische Systeme auch dahingehend beurteilen, ob sie dem Machthunger der Einzelnen erfolgreich zeitliche Grenzen setzen.

Demokratie ist nicht perfekt, aber sie ist die einzig richtige Regierungsform.

Im Jahr 1897 formuliert der britische Intellektuelle J. Holland Rose folgenden Satz:

„(Democracy is) a method of government, desirable on the whole, liable to grave abuse in some respects, and clearly open to many improvements.“ (in: The Rise of Democracy, 2. Auflage, London, 1898, 157).

Die Demokratie sei, so Rose, eine Methode der Regierungsführung, die insgesamt erstrebenswert sei, aber gleichzeitig zu schweren Missbräuchen neige und auf jeden Fall auf viele Art verbesserungswürdig sei.

Liest man das Zitat von hinten, so ist zuerst festzuhalten, dass Demokratie nie fertig ist. Demokratie ist immer ein Projekt, nie ein fester Zustand. Kein demokratisches politisches System kann von sich behaupten, die perfekte Demokratie etabliert zu haben. Demokratie muss immer an sich arbeiten. Und die in der Demokratie handelnden Akteure müssen ebenso immer an sich arbeiten. Zum einen zur Verteidigung der Demokratie vor ihren Feinden. Zum anderen aber auch zur kontinuierlichen Selbstkritik und damit auch Selbstverbessung der Demokratie und ihrer Akteure. Stillstand geht nicht.

Die real existierende Demokratie ist aber nicht nur nicht frei von Missbräuchen, sondern wird umgeben von einer ganzen Reihe von Missbräuchen, die dezidiert von der Demokratie leben: exzessiver Lobbyismus, Ämtergeschacher, die Versuchung des Populismus, Mehrheitsdogmatismus, usw. Blöde nur, wenn man sich von der Demokratie die Lösung aller Probleme erhofft, auch das Problem des schlechten Umgangs, den Menschen untereinander pflegen. Da wird man von der Demkratie dann enttäuscht und wendet sich vermeintlich besseren, anderen Regierungssystemen zu. Ein entscheidender Vorteil nämlich ist: In der Demokratie kann man offen über diese Missbräuche sprechen, sie korrigieren. In anderen Regierungssystemen ist das meist nicht möglich.

Von daher erschließt sich die Richtigkeit des ersten von Rose‘ Teilsätzen: Als Ganzes betrachtet ist die Demokratie eine erstrebenswerte Regierungsform. Ich würde zuspitzen: Sie ist von allen Regierungsformen, jene, die am erstrebenswertesten ist. Denn die Demokratie ist nicht (nur) eine Regierungsform zur technischen Herstellung von gesellschaftlichen Problemlösungen. Demokratie ist ein „way of life“. Demokratie ist die Kultivierung einer selbstkritischen, demütigen Art der kollektiven Entscheidungsfindung. In der Demokratie können prinzipiell alle teilnehmen. Alle können demokratisieren, mitbestimmen, legitimen Einfluss nehmen, auf das, was alle angeht.

Die Demokratie ist nicht perfekt, aber sie ist die einzig richtige Regierungsform. Das wusste schon J. Holland Rose am Ende des 19. Jahrhunderts.

Die Demut der Comic-Superhelden. Eine Radioandacht.

Kennen Sie Batman? Oder Superman? Oder Wonder Woman? Die Liste dieser
Superheldinnen und -helden des Comics und des Films ist mit den Jahren lang geworden. Wie auch die Liste der sie immer wieder herausfordernden Schurken.

Superheldinnen und -helden haben besondere Kräfte, sind verbündet mit geheimnisvollen Mächten, haben eine grandiose Ausrüstung. Bei den Schurken ist das nicht anders. Und so treffen in der Welt des Superheldentums die Guten und die Bösen immer wieder mit großem „Kawumm“ aufeinander. Vernichtungsorgien werden losgetreten. Große Reden werden geschwungen. Das Weltende tritt nahe herbei. Und wird dann aber wieder – Gott sei Dank – im letzten Augenblick abgewendet.

Personen wie Superman und Wonder Woman sind nach menschlichen Maßstäben übermächtig. Aber nicht nur das. Sie verfügen über eine wichtige Tugend. Eine Tugend, die sie davon abhält, mitsamt ihren Kräften zur dunklen Seite der Macht überzutreten: Sie sind demütig. Im entscheidenden Moment wissen die Helden, dass sie ihre eigenen Ambitionen zurückstellen müssen. Sie wissen: Es geht nicht um sie und ihre Superkräfte. Entscheidend ist nicht, was ihnen zu noch größerer Macht verhilft. Es geht um etwas viel Größeres. Es geht um das Wohl aller.

Superheldinnen und -helden müssen bereit sein, sich zu opfern, damit alle Kreaturen in einer guten Welt weiterleben können. Das unterscheidet auch die Guten von den Bösen, die Helden von den Schurken. Die Schurken frönen dem Hochmut. Die Guten aber sind demütig. Die Guten schränken sich ein, damit andere sich entfalten können.

Allzu oft müssen die Guten auch schmerzlich ihre eigene Ohnmacht erfahren; aus der sie freilich – das Drehbuch will es so – wie durch ein Wunder wieder befreit werden. An den Superheldinnen geschieht also Gnade. Sie durchleben ihren eigenen Karfreitag und ihr eigenes Ostern. (1)

Kein Wunder, dass wir sie so lieben! Die Übermächtigen, die sich so klein machen für uns! Die uns mit jedem Comic-Heft und Film neu und unter großen Opfern das Geschenk des Lebens aus den Klauen der Selbstsucht retten.

 

(1) Vgl. Siku, Batman is Jesus, London 2022, 56.

Dieser Text ist Teil einer Reihe von Morgenandachten, die vom 24. bis 29. Oktober 2022 im Norddeutschen Rundfunkt ausgestrahlt werden bzw. wurden, vgl. https://www.ndr.de/kirche/conrad162.pdf

Demut und der aufrechte Gang. Eine Radioandacht.

„Beim Gottesdienst, (…) im Kloster, im Garten, unterwegs, auf dem Feld, wo er auch sitzt, geht und steht, halte [der Mönch] sein Haupt immer geneigt und den Blick zu Boden gesenkt.“ (1) So beschreibt Benedikt von Nursia im 6. Jahrhundert die Körperhaltung eines Mönches in ständiger Demut.

Demut ist für Benedikt eine Grundtugend des klösterlichen Lebens. Und die in der Körperhaltung sichtbare Demut ist – so der Mönchsvater – die letzte Stufe von insgesamt zwölf Stufen der Demut. Sozusagen der Gipfel der Demut.

Ganz ehrlich, diese Art von Demut ist mir gänzlich fremd. Und mit solchen Stufen kann ich auch nichts anfangen. Mehr noch: Das sich Reinsteigern in eine immer ausgefeiltere Haltung der Demut halte ich für ein ziemlich selbstherrliches, ja krankes Unterfangen. Alles andere als demütig. Da will der eine dem anderen immer einen Schritt voraus sein, auch bei der Demut.

Der 2010 verstorbene Mönch André Louf spricht sogar von einem „heidnischen Vollkommenheitsstreben“, das sich bei denen einstellen kann, die auf der Leiter der  Demut unterwegs sind; die Gott suchen. (2)

Demut ist also in höchstem Maße ambivalent. Man kann es vielleicht so formulieren: Demut vor Gott und den Menschen erlangt nur die Person, die gar nicht nach Vollkommenheit in der Demut strebt.

„Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“ (Lk. 14,11). Dieses Wort Jesu kannte auch der heilige Benedikt. Er wird gewusst haben: Der wahre Gipfel der Demut liegt ganz tief unten: Dort, wo unsere Schwächen und Zweifel hausen. Dort, wo unsere Schändlichkeiten wie Zombies herumlungern und nur darauf warten, ausbrechen zu können. Dort unten liegt das Fundament einer jeden Demut.

Es geht also nicht um ein Hinaufsteigen auf den Gipfel der Demut. Vielmehr müssen wir tief hinabsteigen. In der Tiefe findet sich eine Demut, die mich nicht beugt und lähmt. Dort findet sich die Demut als aufrichtende Kraft. Dort finden sich Befreiung, Gelassenheit und ein aufrechter Gang.


(1) Die Benediktus-Regel, Lateinisch/Deutsch, Beuron: 1992, 113.
(2) André Louf: Demut und Gehorsam, Münsterschwarzach 1979, 19.

 

Dieser Text ist Teil einer Reihe von Morgenandachten, die vom 24. bis 29. Oktober 2022 im Norddeutschen Rundfunkt ausgestrahlt werden bzw. wurden, vgl. https://www.ndr.de/kirche/conrad162.pdf

Eine Politische Theologie der Kirche als Ort des Konflikts.

In der Kirche soll es möglichst immer harmonisch zugehen. Alle Mitglieder sind Schwestern und Brüder. Diese Schwestern und Brüder versammeln sich alle im Namen des gleichen Gottes. Sie singen die gleichen Lieder, beten die gleichen Gebete, essen das gleiche Brot, trinken aus dem gleichen Kelch. Natürlich gibt man gerne zu, dass es auch einmal unterschiedliche Meinungen gibt; diese werden aber selten als solche debattiert und thematisiert und öffentlich gemacht. In diesem Sinne gleichen – Vorsicht: Polemik! – die kirchlichen Versammlungen in verblüffender Weise den Kongressen der Kommunistischen Partei in China.

In einem aktuellen Aufsatz (Synodality in Anglicanism, MdKI 2022; 73 (2) 83-89) kritisiert der anglikanische Theologe Mark Chapman diese Harmoniesucht, die sich auch in einer dazu passenden politischen Theologie ausdrückt. Das Streben nach größtmöglicher Harmonie und Einigkeit in den kirchlichen Versammlungen und Synoden wird, so Chapman, nämlich dadurch begründet, dass man sich die Trinität als Vorbild nimmt (vgl. ebd. 85). Dreieinigkeit Gottes, so diese Spielart der politischen Theologie, ist gleichzusetzen mit Harmonie und Einigkeit in Vielfalt. Daraus wird abgeleitet: So soll es in der Kirche auch zugehen. Wir sind alle vielfältig, aber wir sind uns auch alle einig. Als Folge dieser politischen Theologie wird dann scharfe Kritik beiseite gedrückt, werden kritische Debatten gescheut, wird offener Dissens geleugnet. Bis es nicht mehr geht, die Bombe hochgeht (vgl. Synodaler Weg) und das ganze Unterfangen kirchlicher Meinungsbildung und Entscheidungsfindung nur noch als Scheitern wahrgenommen werden kann.

Das heißt: Eine politische Theologie der Kirche als Ort der Harmonie führt zur Überforderung jeder Meinungsbildung und Entscheidungsfindung. Und sie führt oft auch zu autoritären Lösungsstrategien, in denen Harmonie dekretiert, Einigkeit fingiert wird und folglich nur noch die Meinung der Mächtigen zählt. Das führt dann sogleich auch zu einem erheblichen Legitimationsproblem der Institution (87f.). Und für den deutschen Kontext gilt weiter: Wo keine Repräsentation meiner Stimme, meiner Meinung stattfindet, da trete ich dann einfach aus. Harmoniesucht führt zu autoritärem Verhalten und dieses zum Legitimationsverlust und dieses zum Exodus der Nicht-Repräsentierten.

Mark Chapman identifiziert dieses Problem und hat eine andere Idee zur kirchlichen Meinungsbildung und Entscheidungsfindung:

A theological account of synodality, it seems to me, cannot begin with the ideal of a mutual relationship of divine love as somehow descriptive of human relationships inside or outside the church. The reason for that is quite simple: such language fails to describe the church as it really is, and is little more than wishful thinking. Instead it seems far better to start by addressing the Church as existing under the conditions of sin. (85)

Kirchliche Meinungsbildung und Entscheidungsfindung findet in menschlichen Insitutionen statt und als solche braucht es Instrumente, um konstruktiv und aktiv mit den menschlichen und institutionellen Konflikten und Spannungen fertig zu werden. Wir sind nicht perfekt – Mark Chapmann nutzt hier die Vokabel der ‚Sünde‘ – und unsere Institutionen sollten demzufolge so gebaut sein, dass sie unter nicht-idealen Zuständen funktionieren. Dazu Chapman:

Because it is a human institution the body of Christ needs government and constraints: it needs a political theology because it lives under the condition of human sinfulness. (86)

Das heißt jetzt nicht, dass in der Kirche von einem Freund-Feind-Schema alias Carl Schmitt auszugehen ist. Schmitts existentiell zugespitzte sog. politische Theologie taugt weder zur Beschreibung noch zur Deutung realer menschlicher Beziehungsgeflechte.

Es heißt aber, dass die Kirche und die Menschen in ihr bei all ihren Versammlungen und Synoden anzuerkennen haben, dass Konflikte und Meinungsverschiedenheiten der Normalfall ist und große Einigkeit ein unverhofftes Geschenk. Das heißt dann auch, dass immer mal wieder eine Seite verliert und die andere gewinnt (85). Und es heißt, dass wir kirchliche Institutionen benötigen, die vor diesen menschlichen Realitäten nicht in die Knie gehen, sondern diese Realitäten als Ausgangspunkt einer gesunden politisch-theologischen Reflexion machen.

Und ob in all dem dann der Heilige Geist wirkt, der bekanntlich weht, wo er will: Das steht dann auf dem Blatt eines ganz anderen Kapitels politischer Theologie.