Amos. Oder: Warum der Glaube politisch ist!

Wie politisch darf der Glaube an Gott sein?

Für den Propheten Amos (8. Jahrhundert v. Chr.) stellt sich diese Frage gar nicht. Amos sieht: Ausbeutung. Ungerechtigkeit. Unterdrückung. Die Reichen sind die Mächtigen und als solche versklaven sie die Armen und Ohnmächtigen. Und Amos hat so einen Hals! Gerade auch, weil diese Reichen und Mächtigen weiter fröhlich Gottesdienste und Liturgien feiern. Weil sie ein frommes Gedöns veranstalten. Weil sie weiterhin auf der Vertikalen – so wird das dann in der Theologie gesagt – Kommunikation mit Gott anstreben. Dabei haben sie aber ganz vergessen, was sich auf der Horizontalen tut. Die anderen Menschen. Die Schöpfung. Die Welt um sie herum: sie leiden unter der Gier und dem Egoismus.

Da holt Amos dann verbal aus. Einen Korb überreifes Obst nennt Amos die Menschen, zu denen er geschickt ist (Amos 8, 1ff.). Ich habe zur Zeit überreife Äpfel auf meinem Komposthaufen. Das stinkt gehörig zum Himmel. Amos stinkt es auch gehörig.

Amos ist in seiner Wortwahl drastisch, unerbittlich: „Ich verwandle eure Feste in Trauer / und all eure Lieder in Totenklage.“ (8, 10). Was die Frommen da an Gedöns machen, interessiert Amos nicht. Denn es interessiert auch Gott nicht. Viel mehr noch: Gott kann das fromme Geplärre nicht mehr hören. Gott will Gerechtigkeit. Gott will die Not der Armen wenden. Platt ausgedrückt: Ich scheiß auf eure Liturgie! Eure Gebete könnt ihr euch sonst wo hinstecken! Denn: Ihr liebt die Ungerechtigkeit, ihr liebt Selbstsucht, ihr liebt die Zerstörung, die ihr überall anrichtet. Darum kommt jetzt das Gericht.

Wie politisch darf also der Glaube sein? Ganz offensichtlich: Sehr politisch. Wenn es um mehr Gerechtigkeit und für die Armen geht, dann kann es dem Glauben nie zu politisch werden. Mehr noch: Wer im Angesicht von Ungerechtigkeit und Unterdrückung schweigt, braucht es gar nicht mit dem Glauben an Gott anzufangen.

Müssen wir nicht mehr beten? Müssen wir nicht mehr den Glauben verkündigen und religiöse Themen zu den Menschen tragen? Diese Fragen begegnen mir immer wieder. Ich kann sie nicht mehr hören. Warum? Weil sie eine falsche Alternative aufmachen. Weil sie uns einflüstern wollen: Wir brauchen in der Kirche mehr Spiritualität, weniger Politik. Ja: Wir brauchen immer mehr Spiritualität und Gebet. Ja: Wir brauchen aber auch immer mehr den Kampf gegen die Ungerechtigkeit, Kampf gegen die Armut, Kampf gegen die Unterdrückung und die Herrschsucht. Und würde Amos heute leben, würde er sicher ergänzen: den Kampf gegen den Klimawandel.

Der Glaube an den biblischen Gott ist in seinem Kern ungemein politisch. Weil der biblische Gott ungemein politisch ist. Dieser Gott steht nämlich eindeutig auf der Seite der Armen, der Unterdrückten. Darum kennt die biblische Theologie auch so etwas wie eine „Armentheologie“. Diese begegnet einem nicht nur bei Amos, sondern auch bei vielen anderen Propheten, in den Psalmen und nicht zuletzt: bei Jesus.

Der biblische Gott will die Überwindung von Unrecht, Unterdrückung, Armut. Und Gott spricht, auch das können wir bei Amos lesen, das Gericht über die, welche die Verantwortung für die unsäglichen Zustände tragen. Diese werden in die Finsternis geworfen, in die Orientierungslosigkeit, in die Einsamkeit ihrer Selbstsucht.

Zu diesem Gott zu beten und in der Gegenwart dieses Gottes Liturgie zu feiern heißt dann unweigerlich: politisch sein. Der Glaube hört beim Amen also nicht auf. Da fängt der Glaube, den Amos angetrieben hat, erst wirklich an. Politische Theologie mögen das manche nennen. Meinetwegen. Alles andere ist nämlich frommes Gedöns.

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