„Die Glucke führt ihr Völklein aus …“. Über das Lob der Schöpfung im alten Kirchenlied.

Schöpfungspiritualität ist kein Produkt des späten 20. und des frühen 21. Jahrhunderts. Dort, wo Menschen die Augen aufgemacht haben, staunten sie schon immer über Schönheit und Vielfalt der sie umgebenden natürlichen Welt.

Der Pfarrer und Dichter Paul Gerhardt zum Beispiel. Im bekannten Lied „Geh aus mein Herz“ verbindet der Dichter das reichhaltige Außenleben der Schöpfung – die Lerche, der Narzissus und die Tulipan, die Bächlein, die Glucke und ihr Völklein, … – mit einer Betrachtung seines eigenen Seelenlebens: „Ich singe mit, wenn alles singt.“ Der Dichter und Beter reiht sich ein in die Dichtung und das Gebet, das die ganze Schöpfung ist. Paul Gerhardt verbindet diese Einsicht auch mit einer Vorahnung dessen, was für die gläubige Seele noch kommen mag: „Welch hohe Lust, welch heller Schein wird wohl in Christi Garten sein.“ Die den Dichter umgebende Schöpfung besitzt für ihn also eine Art Verweischarakter: Schöpfung deutet auf Gottes Willen für alles Leben hin. Alle und alles sollen es gut haben. Hier und Jetzt. Und in der Ewigkeit.

Ganz ähnlich bei dem Dichter Joachim Neander. Er schreibt in einem Kirchenlied (EGB 504):

Himmel, Erde, Luft und Meer zeugen von des Schöpfers Ehr; meine Seele, singe du, bring auch jetzt dein Lob herzu.

Seht das große Sonnenlicht, wie es durch die Wolken bricht; auch der Mond, der Sterne Pracht, jauchzen Gott bei stiller Nacht.

Seht, wie Gott der Erde Ball hat gezieret überall. Wälder, Felder, jedes Tier zeigen Gottes Finger hier.

(…)

Fast jede Strophe beginnt Neander mit einem „seht“. Der Mensch muss also die Augen aufmachen. Wir müssen sehen wollen. Und was sehen wir, wenn wir die Augen aufmachen? Wir sehen, dass wir im Gotteslob nicht alleine sind. Wir sind eingebettet in einen aus der ganzen Schöpfung bestehenden Chor des Gotteslobes. Diesen Chor sehen und hören wir, wenn wir unser inneres Sehen und Hören bewusst für diesen nicht-menschlichen Lobgesang öffnen, und offen halten.

Neander stellt fest: Überall finden wir „Gottes Finger“. Jedes Detail der Schöpfung weist auf Gott hin. Der Blick in den Garten oder in den Blumenkasten ist spirituelle Übung bzw. kann zu einer solchen werden, wenn wir es zulassen. Das wusste viel früher auch schon der Psalmist: „Herr, wie sind deine Werke so groß und viel! Du hast sie alle weise geordnet, und die Erde ist voll deiner Güter.“ (Ps. 104, 24)

Um es etwas steil auszudrücken: Schöpfung ist Sakrament. Schöpfung ist ein sichtbares Zeichen von Gottes unsichtbarer Gegenwart in Zeit und Raum. Dichterinnen und Dichter, Beterinnen und Beter wissen dies schon lange.

Und was machen wir heute aus dieser Einsicht?

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