Über den Unterschied zwischen Demut und Demütigung

Die Tugend der Demut wird schnell gleichgesetzt mit der Untugend der Demütigung. Zwischen beiden gibt es aber entscheidende Unterschiede.

Demut hat mit der Demütigung gemeinsam, dass sowohl die demütige als auch die gedemütigte Person eine wie auch immer geartete Einschränkung (ideell, räumlich, zeitlich) hinnimmt bzw. hinnehmen muss.

Bei Demut handelt es sich aber um eine selbstgewählt angeeignete Tugend. Demut entspricht einer Haltung der freiwilligen Selbstzurücknahme und Eigenbeschränkung angesichts eines höheren Zieles oder eines höheren Wesens. Die Haltung der Demut geht idealerweise einher mit einem gesunden Selbstbewusstsein, steht auf jeden Fall nicht im Gegensatz zu einem solchen.

Die Erfahrung der Demütigung hingegen tritt ein, wenn eine andere Person oder systemische Umstände mich zu einer ungewollten Rückwärtsbewegung und Selbsteinschränkung zwingen. Auch dann, wenn mir von Anderen vermittelt wird, ich möge demütig sein, geschieht Demütigung. Demütigung kann unabsehbare und langfristige individuelle und kollektive Folgen haben.

Der Theologe Reinhard Feldmeier nennt als eine Abart der Demut die „Zwanghaftigkeit pathologischer Selbstverneinung“ (in: Macht, Dienst, Demut. Tübingen: Mohr Siebeck, 2012: 85). Bei dieser Selbstverneinung geht es dann gar nicht mehr um die bewusste Selbstbeschränkung zugunsten eines höheren Zieles oder angesichts eines höheren Wesens. Hier mutierte die Haltung der Demut aufgrund eines äußeren Drucks in eine systemische und internalisierte Erfahrung der Demütigung und Erniedrigung.

Thomas von Aquin sagt von der Demut ebenfalls, dass sie freiwilliger Natur ist (vgl. summa contra gentiles, III 135). Thomas fügt an: „Es ist also nicht ein Zeichen von Demut, sondern von Torheit, wenn einer jede Demütigung annähme.“ Es mag notwendig sein, gerade die hochmütige Person zu demütigen (ebd.); ob diese Person dabei aber den Weg zur Demut findet, ist völlig ungewiss.

Interessant ist, dass Thomas im Lateinischen für Demut (humilitas) ein gänzlich anderes Wort nutzt wie für Demütigung (abiectio). Die alltagssprachliche Verwechslung von Demut mit Demütigung könnte also auch damit zu tun haben, dass die Begriffe im Deutschen (aber auch in anderen Sprachen) sich eine große lexikalische Nähe teilen.

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