Über den Begriff der Teilhabe. Eine Notiz zu Thomas von Aquin.

Der Begriff der Teilhabe bzw. Partizipation gehört inzwischen zum Alltag eines emanzipatorischen Sprachgebrauchs. Der Begriff der Teilhabe wird oft genutzt, um eine politische Forderung nach „mehr“ auszudrücken: mehr Teilhabe für Menschen mit Migrationshintergrund am Bildungswesen; mehr Teilhabe für Menschen mit Behinderungen am gesellschaftlichen Leben; mehr Partizipation der Jugend an den Entscheidungen der Volljährigen; … . Teilhabe & Partizipation drücken also die Hoffnung auf ein Mehr an Beteiligung aus.

Doch woher kommt der Begriff der Teilhabe bzw. der Partizipation? Diese Frage werde ich hier nicht beantworten. Ich möchte aber darauf verweisen, dass die beiden Begriffe eine lange Tradition haben. Die Begriffsgeschichte reicht (mindestens) 800 Jahre zurück. So stieß ich bei der Lektüre der „Summa contra gentiles“ des Thomas von Aquin (erschienen um 1260) auf den Begriff der Teilhabe bzw. participatio (lat.).

Teilhabe bedeutet bei Thomas die mögliche Partizipation der geschaffenen Dinge an dem Wesen des Schöpfers. So wie der Schöpfer – Gott – gut ist, so können auch die geschaffenen Dinge teilhaben an diesem Gutsein. Thomas: „Denn jedes geschaffene Gute ist (gut) aus Teilhabe an der göttlichen Gutheit.“ (cum quodlibet bonum creatum sit ex participatione diviniae bonitatis; 3, 21). Teilhaben an Gott können wir, so Thomas, u.a. durch die „unmittelbare Schau Gottes“ (visio immediata Dei; 3, 51). Von dieser Schau schreibt er: „Gemäß dieser (unmittelbaren) Schau aber werden wir Gott im höchsten Maße verähnlicht (assimilamur) und haben an seiner Seligkeit teil (eius beatitudinis participes sumus; ebd.)“.

Teilhabe beginnt also dort, wo der Mensch an Gottes Wesen, Wahrheit, Seligkeit, … partizipiert. Gleichzeitig bedeutet diese Teilhabe nie, dass der teilhabende Mensch dieses Wesen, Wahrheit, Seligkeit, … in Gänze in sich aufnimmt. Teilhabe bleibt Teil-Habe. Teilhabe ist nie das Ganze. Das Ganze ist immer mehr als die vielen teilhabenden Teile. Auch das unterstreicht Thomas: „Offensichtlich sind alle Teile auf die Vollkommenheit des Ganzen hingeordnet; denn das Ganze ist nicht um der Teile willen, sondern die Teile sind um des Ganzen willen da.“ (… non enim est totum propter partes, sed partes propter totum sunt; 3, 112).

Der Begriff der Teilhabe hat – folgt man Thomas – also immer eine doppelte Dimension: Erstens die ‚emanzipatorische‘ Dimension einer Teilhabe des Einzelnen am Ganzen (im Falle Thomas: Gott). Gleichzeitig existiert auch die ‚demütige“ Dimension einer Teilhabe als ’nur‘ Teil-Habe, als die Einsicht des Einzelnen an der Begrenztheit der eigenen Partizipationsmöglichkeiten. Denn der Mensch, jeder Mensch bleibt auch trotz der Möglichkeit der Teilhabe ein Wesen mit Begrenzungen und Einschränkungen. Teilhabe gleicht daher einem Horizont: Sie ist Begrenzung und Entgrenzung des Einzelnen zugleich.

Dass die Teilhabe bei Thomas mit einem hintergründigen Ordnungsdenken und einer ausgesprägten Hierarchievorstellung einhergeht, werde ich in einem Folgebeitrag anreißen.

Summa contra gentiles zitiert nach der Gesamtausgabe in einem Band, Lateinisch und deutsch, Darmstadt: WBG, 3. Auflage 2009)

Vgl. zum Thema auch die Publikation von Andrew Davison Participation in God: A Study in Christian Doctrine and Metaphysics. Cambridge: Cambridge University Press, 2019.

2 Gedanken zu “Über den Begriff der Teilhabe. Eine Notiz zu Thomas von Aquin.

    • Danke für den Kommentar.
      Ich stimme nicht zu. Beim Christentum handelt es sich um eine monotheistische und keine pantheistische Religion. Das heißt aber nicht, dass eine Mystik, die in die Weite greift, darin keinen Platz fände. Die „dogmatische“ Grundlage sollte aber klar sein. BC

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